Chapter 3

Der März war wieder da und längere Tage und erster Vogelsang. Aber mit der Kraft des Sonnenlichtes wuchsen auch die düsteren Flammen des Krieges. Mit fieberhafter Spannung sah man dem Frühjahr entgegen und der Katastrophe, die in der Luft lag. Das riesige Tosen schwoll lauter an, der Waffenlärm von Millionen Feinden, die sich seit Monaten vor der Dammlinie der eigenen Stellung gestaut hatten und nun als Sturmflut über die Landschaft von Paris und sein von soviel Wettern geprüftes Wappenschiff hinbrausen wollten. Wie riesige Schatten eilten der Verheerung Schreckensnachrichten voraus: phantastische Gerüchte über Giftgase, über tödliche Kräfte, die sich durch die Luft verbreiten und ganze Provinzen packen und vernichten sollten, wie seinerzeit die erstickende Rauchwolke des (Vulkans) Mont Pelee. Schließlich ließen auchimmer häufigere Besuche deutscher Flieger die Nerven der Stadt Paris ja nicht zur Ruhe kommen.

Peter und Lutz wollten von all dem noch immer nichts wissen; aber Keime des schwelenden Fiebers, die sie unbewußt mit der schweren Gewitterluft eingeatmet hatten, entfachten heißeres Verlangen in ihren jungen Körpern. Die drei Kriegsjahre hatten durch ganz Europa alle ethischen Anschauungen in einem Maße zerrüttet, daß die anständigsten Menschen in Mitleidenschaft gezogen waren. Dazu kam noch, daß die beiden Kinder an keinerlei Kirchenglauben Rückhalt hatten. Aber es schützte sie ihre Herzensreinheit und ganz triebhafte Scham. Doch waren sie innerlich entschlossen, einander ganz anzugehören, bevor die blinde Grausamkeit der Menschen sie auseinander reißen würde. Bis dahin hatten sie nie darübergeredet. Diesen Abend aber sollte es ausgesprochen werden.

Ein- bis zweimal der Woche hatte Lutzens Mutter Nachtschicht in der Fabrik. Um in dem abgelegenen Häuschen nicht allein zu bleiben, übernachtete Lutz dann in der Stadt bei einer Freundin. Sie wurde nicht überwacht. Das Liebespaar benutzte diese Bewegungsfreiheit, um einen Teil des Abends beisammen zu sein; manchmal speiste man auch bescheiden in einem kleinen, wenig besuchten Gasthause. Wie sie also an diesem Abende — es war Mitte März — vom Essen kamen, hörten sie das Alarmsignal. Sie bargen sich im nächstgelegenen Unterstand, wie man vor einem Platzregen in ein Haustor tritt, und vergnügten sich eine Weile mit Beobachtungen an der zusammengewürfelten Gesellschaft da unten. Aber da die Gefahr nun schon fern oder abgewehrtschien, ohne daß der Alarm abgeblasen wurde, machten sich Peter und Lutz unter heiterem Geplauder wieder auf den Weg, da sie nicht zu spät nach Hause kommen wollten. Sie gingen gerade durch ein altes dunkles Gäßchen nächst der Sankt-Sulpiz-Kirche und waren eben an einem Fiaker vorbeigekommen, der bei einem Haustore stand; Pferd und Kutscher schliefen fest. Sie waren auf der anderen Straßenseite, etwa zwanzig Schritt entfernt — da erbebte alles: blendendes Rot, stürzender Donner, Prasseln und Klirren losgerissener Dachziegel und zerbrochener Fensterscheiben. Die Gasse macht dort eine scharfe Biegung; dahinter drückten sie sich, eng umklammert, wie angeklebt in eine Mauernische. Beim Aufflammen dieses Blitzes hatte jeder in des andern Augen Liebe und Entsetzen gelesen. Schon war es wieder Nacht um sie, aber nochhörte man Lutzens flehende Stimme: „Nein, noch nicht . . . noch nicht. . .“

Peter spürte auf seinen Lippen im leidenschaftlichen Kuß die Zähne der Geliebten. Sie standen im Dunkel des Gäßchens und hörten das Klopfen ihrer Herzen. Ein paar Schritte weiter waren Leute aus den umliegenden Häusern im Begriffe, den tödlich getroffenen Kutscher unter den Trümmern des Wagens hervorzuziehen; der Unglückliche wurde ganz nahe an ihnen vorbeigetragen; sein Blut träufelte zur Erde nieder. Lutz und Peter waren wie zu Stein erstarrt; als ihr Bewußtsein wieder hell wurde, fanden sie sich so innig verschmiegt, daß ihnen war, als lägen ihre Körper nackt aneinander. Sie lösten die verkrampften Hände und Lippen, die wie Wurzeln das geliebte Wesen hatten einsaugen wollen. Beide überkam ein Zittern.

„Gehen wir heim,“ sagte Lutz, von ahnungsvollem Schreck befallen. Sie zog ihn mit fort.

„Lutz! nicht wahr, du läßt mich nicht aus der Welt gehen, ehe . . .“

„Mein Gott,“ sagte Lutz und drückte seinen Arm, „der Gedanke wär’ schlimmer als der Tod!“

„Mein Liebes!“ das sagten sie gleichzeitig.

Sie blieben wieder stehen:

„Wann werde ich dein?“ fragte Peter. (Er wagte nicht zu fragen: wann wirst du mein?)

Lutz merkte dies und es rührte sie.

„Mein Schatz,“ sagte sie; „. . . Bald! Dräng’ uns nicht! Du kannst es garnicht inniger wollen als ich! . . . Bleiben wir noch ein Weilchen so wie jetzt . . . Es ist so schön! . . . Noch bis zum Ende dieses Monats! . . .“

„Bis Ostern?“ sagte er.

(Ostern fiel in jenem Jahre auf den letzten März.)

„Ja, bis zur Auferstehung.“

„Ach“, sagte er, „vor der Auferstehung kommt das Sterben.“

„Sst!“ sagte sie und schloß ihm den Mund mit einem Kusse.

Dann lösten sie ihre Umarmung.

„Heute abend feiern wir unsere Verlobung“, sagte Peter.

Aneinandergeschmiegt gingen sie weiter und weinten vor Liebe. Unter ihren Schritten kreischten Glassplitter, und das Pflaster war blutig. Rings um die Flamme ihres Gefühls lauerten Nacht und Tod. Ihnen zu Häupten standen zwei Hauswände der engen Gasse so nah beieinander wie Schornsteinmauern; aber in diesem Rahmen, als wäre er ein magischer Kreis, pulste in reiner Himmelstiefe ein Sternenherz . . .

Und horch! Es beginnen die Glocken ihren Gesang, die Lichter flammen wieder auf, die Straßen beleben sich aufs neue! Kein Feind mehr in den Lüften. Paris atmet auf. Der Tod ist von ihm gewichen.

So war ihnen der Samstag vor Palmsonntag herangekommen. Täglich waren sie stundenlang beisammen und suchten dies gar nicht mehr zu verbergen. Sie schuldeten der Welt keine Rechenschaft mehr. Nur noch durch dünne, dem Zerreißen nahe Fäden hingen sie mit der Welt zusammen! — Vor zwei Tagen hatte die deutsche Offensive eingesetzt. In einer Breite von fast hundert Kilometern schäumte die Riesenwoge heran. Ununterbrochene Aufregungen durchbebten die Stadt: — erst flog das Munitionslager Courneuve in die Luft, wobei ganz Paris wie von einem Erdbeben zitterte, dann rissen fortwährende Alarmierungen die Leute aus dem Schlafe und machten sie völlig nervös. Und gar an diesem Samstagmorgen erwachten Leute, die erst spät hatten einschlafen können, im Grollen der geheimnisvollen Kanone, die irgendwo inder Ferne steckte und über den Sommefluß weg, wie von einem anderen Planeten, aufs Geratewohl Tod und Verderben streute. — Die ersten Schüsse hielt man für weitere Fliegerbomben und flüchtete folgsam in die Keller; aber an eine dauernde Gefahr gewöhnt man sich rasch und das Leben stellt sich darauf ein; ja, fast findet es einen Reiz darin, wenn das Unheil nur alle gleich bedroht und seine Wahrscheinlichkeit für den einzelnen nicht zu groß ist. Überhaupt war auch das Wetter gar zu schön; jammerschade, sich lebendig zu begraben: noch vor der Mittagsstunde war alles im Freien; Straßen, Gärten, Café-Terrassen sahen an jenem strahlend schönen, sommerlich heißen Nachmittage ganz festtäglich aus.

An eben diesem Nachmittage wollten Peter und Lutz aus dem Gewühl in den Wald von Chaville flüchten. Seit zehnTagen lebten sie in einem gespannten Zustande weltentrückter innerer Stille. Tiefer Friede war in ihren Herzen, aber erregtes Zittern in ihren Nerven. In solchen Augenblicken fühlt man sich gleichsam auf einer Insel mitten in rasendem Wirbelstrom: Auge und Ohr sind völlig überwältigt vom Rauschen und Schäumen. Aber wie man die Lider senkt und mit dem Finger das Ohr verschließt und so die Riegel vorgeschoben sind, kehrt mit einem Male tiefe, berauschende Stille in uns ein, Stille reglosen Sommertags, wo hohe Freude, wie ein Vöglein aus laubigem Versteck, ihr frisches Lied in lichten Wellen verrinnen läßt. Du göttlicher, zauberischer Gesang der Freude, seliges Gezwitscher im Dickicht des Lebens! Ich weiß ja — nur einen schmalen Lidspalt muß ich öffnen oder den Finger bloß ein bißchen weniger fest ans Ohr drücken— und Gischt und Brausen des Stroms sind wieder da! Welch schwache Schleuse hält jene fern! Aber gerade dies Wissen um die Gebrechlichkeit der Schleuse läßt die Freude noch höher schwingen: man weiß, sie ist bedroht. Selbst Stille und Frieden bekommen so die innere Spannung der Leidenschaft. Hand in Hand traten sie in den Wald. Vorfrühling steigt einem zu Kopfe wie neuer Wein. Die junge Sonne macht trunken mit ihrem lauteren Rebensaft. Das Licht ist über die noch blattlosen Wälder ausgegossen; durch die nackten Zweige hindurch hält einen das blaue Himmelsauge in Bann und Betäubung . . . Die jungen Leute vermochten kaum ein paar Worte zu wechseln. Die Zunge wollte begonnene Sätze nicht zu Ende sprechen. Ihre Beine waren schlapp und mochten nicht weiter. Im Schweigen des durchsonnten Waldestaumelten sie dahin. Die Erde zog sie an. Sich auf der Straße niederlegen! Auf einer Felge des großen Erdenrades sich mitforttragen lassen! . . .

Sie erkletterten die Böschung jenseits der Straße, drangen ins Unterholz und streckten sich nebeneinander aufs dürre Laub, durch das die ersten Veilchen sproßten. Erster Gesang von Vögeln und das ferne Schnauben der Geschütze mischten sich ins Glockengeläute der Dörfer, das dem morgigen Feste galt. Die leuchtende Luft erbebte von Hoffnung, Glauben, Liebe und Tod. Trotz der Einsamkeit sprachen sie nur mit gedämpfter Stimme. Ihr Herz war so voll: war es Glück? war es Leid? Sie hätten es nicht sagen können. Wie Lutz so reglos dalag und weit offenen Auges in den Himmel starrte, fühlte sie das bittere Weh in sich übermächtig werden, gegen das sie schon den ganzenTag ankämpfte, um Peter die Freude nicht zu verderben. Der legte seinen Kopf in Lutzens Schoß wie ein Kind, das schlafen will, und an der Wange fühlte er die Wärme ihres Leibes. Wortlos streichelte Lutz Augen, Nase und Lippen des Geliebten. Die lieben vergeistigten Hände, die, wie es im Feenmärchen heißt, an den Fingerspitzen ein Mündchen zu haben schienen! Peters Sinne aber waren eine feingestimmte Harfe und erklangen jedem Gefühl, das in den Fingern der Freundin bebte. Er vernahm ihren Seufzer, ehe sie ihn getan hatte. Lutz war jetzt halb aufgerichtet und vorgeneigt; so klagte sie mit gepreßter Stimme:

„Ach Peterchen!“

Peter sah sie betroffen an.

„Ach Peterchen! Was sind wir denn? . . . Was wollen sie von uns? . . . Was wollen denn wir? . . . Was geht in uns vor? . . .Diese Kanonen, die Vögel, der Krieg, unsere Liebe . . . die Hände da, der Leib, die Augen . . . Wo bin ich denn? . . . und was bin ich denn? . . .“

Peter hatte sie nie in so ratloser Verwirrung gesehen und wollte sie tröstend in die Arme schließen. Aber sie stieß ihn zurück:

„Nein! Nein! . . .“

Sie barg ihr Gesicht in den Händen; Hände und Gesicht drückte sie tief ins trockene Laub. Peter war ganz außer sich und flehte:

„Lutz! . . .“

Er legte seinen Kopf dicht neben den der Geliebten.

„Lutz!“ sagte er noch einmal. „Was ist denn? . . . Hast du was gegen mich? . . .“ Sie hob ein wenig den Kopf:

„Nein!“

Er sah, daß ihre Augen voll Tränen standen.

„Du bist traurig?“

„Ja“

„Warum?“

„Ich weiß nicht.“

„So sag’ doch! . . .“

„Ach, ich schäme mich . . .“

„Du schämst dich? Weshalb?“

„Wegen allem.“

Sie schwieg.

Schon den ganzen Tag stand sie unter dem qualvollen Eindruck eines peinlichen, erniedrigenden Erlebnisses: jene Fabriken, als Stätten des Todes und der Unzucht, erzeugten mit ihrem Durcheinander von Männern und Weibern, als Gärbottiche von Menschenfleisch, ein Gift, von dem auch Lutzens Mutter bis zum Wahnsinn ergriffen war; sie kannte nun weder Scheu noch Scham. In rasender Eifersucht hatte sie in der eigenen Wohnung mit ihrem Geliebten einen lauten Streit gehabt, ohne sichvor Lutz irgendwie zu mäßigen; so hatte diese bei der Gelegenheit erfahren, daß ihre Mutter schwanger war. Das war für das Mädchen gleichsam eine Beschmutzung gewesen, von der auch sie selbst, die Liebe überhaupt und sogar ihre Liebe zu Peter befleckt wurde. Darum also hatte sie Peter zurückgestoßen: sie schämte sich für ihn und sich . . . seinetwegen schämte sie sich? Armer Peter! . . .

Sehr gedemütigt lag er da und wagte sich nicht mehr zu rühren. Da verspürte sie Reue, lächelte in ihren Tränen, legte den Kopf auf seine Knie und sagte:

„Jetzt komme ich dran!“

Peter war immer noch besorgt, strich ihr übers Haar, wie man ein Kätzchen liebkost, und flüsterte:

„Lutz, was war denn das? Sag’ doch! . . .“

„Nichts,“ sagte sie. „Ich habe traurige Dinge mitangesehen.“

Ihr Geheimnis war ihm heilig und so fragte er nicht weiter. Aber selber setzte sie nach einer Weile hinzu:

„Du, manchmal . . . manchmal schämt man sich, Mensch zu sein . . .“

Peter zuckte zusammen.

„Ja,“ sagte er.

Sie schwiegen eine Weile, dann beugte er sich zu ihr nieder und sagte ganz leise:

„Verzeih!“

Lutz sprang auf, fiel Peter um den Hals und sagte wie er:

„Verzeih!“

Mund ruhte an Mund.

Die zwei Kinder waren beide recht des Trostes bedürftig, den jedes im andern fand. Sie sprachen nicht aus, was sie dachten:

„Noch ein Glück, daß wir sterben werden! . . . Das Gräßlichste wäre doch, so ein erwachsener Mensch zu werden, der noch darauf stolz ist, ein Mensch zusein und daß er so gut zerstören und beschmutzen kann . . .“

Ihre Lippen verwuchsen, Wimper rührte an Wimper, Blick drang tief in Blick, und sie lächelten in zärtlichem Erbarmen. Und nimmer wurden sie dieses göttlichen Gefühls müde, das die reinste Form der Liebe ist. Endlich rissen sie sich aus dieser Versunkenheit; nun sah Lutz wieder heiteren Auges den weichen Himmel, die aufbrechenden Bäume und sog den Duft der ersten Blumen.

„Wie schön,“ sagte sie.

Sie dachte:

„Warum sind die Dinge so schön? Und wir so ärmlich, gewöhnlich und häßlich? . . .“

(Nur du nicht, mein Lieb, du nicht!) . . . Sie sah wieder ihren Peter an:

„Ach! was gehn mich die andern an?“

Und in der prachtvollen Torheit derVerliebten sprang sie mit hellem Gelächter auf, lief in den Wald hinein und rief:

„Fang mich!“

Die ganze übrige Zeit spielten sie wie kleine Kinder. Und als sie sich müde getollt hatten, gingen sie mit kurzen Schritten wieder ins Tal hinunter, das wie ein Fruchtkorb bis zum Rande mit den Strahlengarben der sinkenden Sonne angefüllt war. Alles, was ihre Sinne einsogen, schien ihnen neu; ihre zwei Herzen, ihre zwei Körper waren nur noch ein Herz, ein Körper.

Es war eine Zusammenkunft von fünf gleichaltrigen Freunden und Studienkameraden bei einem aus ihrer Mitte; vermöge eines erwachenden Sinnes für seelische Wahlverwandtschaft hatten sie sich gegenüber den anderen zusammengeschlossen. Dabei dachte nicht einer wie der andere. Was immer man von der Gleichförmigkeit der vierzig Millionen Franzosen fabeln mag, in Wirklichkeit gibt es hier soviel Köpfe, soviel Sinne. Wie die französische Ackerkrume war auch das Denken Frankreichs in winzige Parzellen zersplittert. So versuchten auch die fünf Freunde nur, jeder von seinem Fleckchen Land aus, über die trennende Hecke weg Gedanken auszutauschen. Dabei bestärkte sich jeder erst recht in seiner besonderen Denkweise. Immerhin waren sie aber doch alle Freie im Geiste und, wenn auch nicht alle Republikaner, so dochgegen jede geistige und gesellschaftliche Rückkehr zu abgelebten Zuständen.

Jakob See trug die stärkste Kriegsbegeisterung zur Schau. Dieser edel geartete Jude hatte jede Leidenschaft Frankreichs in sich aufgenommen. Durch ganz Europa hin machten so seine Stammesgenossen die Sache und Denkweise ihrer Adoptivvaterländer ganz zu der ihren. Wie immer, wenn sie sich einer Sache annahmen, neigten sie sogar zu einer gewissen Übertreibung. Blick und Stimme des schönen Jungen verrieten ein etwas schweres Pathos, seine regelmäßigen Züge waren wie mit starkem Griffel nachgezogen, seine Meinungen äußerte er mit übergroßer Entschiedenheit und wurde heftig, wenn er auf Widerspruch stieß. Nach ihm handelte es sich um einen Kreuzzug der demokratischen Staaten zur Befreiung aller Völker und zur Ausrottung desKrieges. Ein vierjähriges Schlachten im Namen so menschenfreundlicher Ziele hatte ihn noch keines Besseren belehrt. Er gehörte zu den Menschen, die sich nie von den Tatsachen widerlegen lassen. Er trug doppelten Stolz in sich, den geheimen Stolz auf seine Rasse, deren Wiederaufrichtung er anstrebte, und seinen persönlichen Stolz, der immer recht behalten wollte. Er wollte es um so stärker, je weniger er innerlich seiner Sache sicher war. Unter dem Deckmantel seines aufrichtigen Idealismus entfalteten sich bei ihm höchst anspruchsvoll lange zurückgedämmte Triebe, nämlich Tatendrang und Abenteuerlust, die gleichfalls aus dem Kern seines Wesens stammten.

Anton Naudé war auch für den Krieg. Aber nur, weil er sich nicht anders helfen konnte. Dieses gute, dickliche Bürgerskind mit seinen rosigen Wangenwar im Grunde friedfertig und klug; es war etwas kurzatmig und ein zierlich gerolltes R verriet seine Herkunft aus Mittelfrankreich; mit ruhigem Lächeln sah er die redegewandte Begeisterung des Freundes See; er verstand es sogar, diese Begeisterung mit lässig hingeworfenen Wörtchen zu hellen Flammen zu entfachen. Doch fiel es dem dicken Faulpelz nicht im Traume ein, sich selber in diese Flammen zu stürzen. Warum sollte man sich das Für oder Wider einer Sache zu Kopfe steigen lassen, wenn man doch nichts daran ändern konnte? Nur in den Tragödien wird einem immer der heroisch-schwatzhafte Widerstreit von Pflicht und Neigung vorgeführt. Wenn man keine Wahl hat, tut man seine Pflicht, ohne große Worte zu machen. Dadurch wird die Geschichte nicht erbaulicher. Naudé wollte den Krieg weder bewundern nochauf ihn schelten. Sein hausbackener Menschenverstand sagte ihm, wenn der Krieg schon einmal im Gange wäre, wie ein Zug in voller Fahrt, so müßte man eben mitfahren: da wäre weiter nichts zu machen. Diese ganze Fragerei, wer den Krieg verschuldet habe, schien ihm Zeitvergeudung. Wenn er schon in den Krieg mußte, wie bitter wenig nützte ihm dann die Wissenschaft, er hätte nicht in den Krieg müssen, wenn dies und das so und so gekommen wäre — wie es aber nicht gekommen war!

Die Schuldfrage! Für Bernhard Saisset lag hier der Kern des ganzen Problems; leidenschaftlich mühte er sich ab, diesen Schlangenknäuel zu entwirren oder er fuchtelte vielmehr damit über dem Kopf herum wie eine kleine Furie. Er war ein zarter, feiner, von innerer Glut verzehrter Bursche; er war sehr nervös, allzu große geistige Empfänglichkeitbrauchte vorzeitig seine Kräfte auf. Er entstammte einer alten republikanischen Familie, deren Glieder die höchsten Würden im Staate bekleidet hatten; gerade darum konnte sich der junge Saisset gar nicht genug tun an linksrevolutionärer Leidenschaft. Er hatte die maßgebenden Männer und ihren Anhang gar zu nahe gesehen. Er klagte alle Regierungen an — vor allem aber die seines eigenen Landes. Er redete jetzt nur noch von den Bolschewiken und Kommunisten; von deren Vorhandensein hatte er zwar eben erst Kunde erhalten, aber schon sah er sie als Brüder an, wie wenn er sie von Kindesbeinen an gekannt hätte. Er sah das Heil nur noch in einem allgemeinen Umsturz, über dessen Wesen er sich jedoch selbst nicht recht klar war. Er haßte den Krieg, aber er hätte sich mit Wonne in einem Klassenkriege hingeopfert —in einem Kriege gegen seine eigene Klasse, gegen sich selbst.

Der vierte, Claudius Puget, würdigte diese Wortgefechte nur einer kühlen, etwas verächtlichen Aufmerksamkeit. Er stammte aus ärmlichen, kleinbürgerlichen Verhältnissen; ein Schulinspektor hatte gelegentlich einer Dienstreise seine Fähigkeiten „entdeckt“, hatte ihn aus dem Wurzelboden seiner Heimat gerissen; so mußte er vorzeitig die Wärme des Familienlebens entbehren, gewöhnte sich als Stipendiat einer Staatsschule nur immer auf sich selber gestellt zu sein, nur mit sich, aus sich heraus und für sich zu leben. Auf diesem Wege wurde er auch theoretischer Egoist, ein eifriger Zergliederer seines Ich. Da er mit solcher Wollust in die Betrachtung dieses Selbst vertieft war wie eine behaglich eingerollte Katze, ließ ihn das aufgeregte Wesen der anderenganz kalt. Die drei disputierenden Freunde hatten sich, wie er meinte, gegenseitig nichts vorzuwerfen; alle drei gehörten sie zur großen Herde. Gaben sie nicht ihr bestes Vorrecht auf, indem sie durchaus an Massenbewegungen teilhaben wollten? Freilich hielt es jeder mit einer andern Masse. Aber für Puget war jede Masse im Unrecht. Die Masse war der eigentliche Feind. Der Geist soll abseits bleiben und fern von Pöbel und Staat das kleine, streng abgeschlossene Reich des Gedankens aufrichten.

Peter aber saß beim Fenster, sah zerstreut hinaus, träumte vor sich hin. Sonst hatte er mit leidenschaftlichem Eifer an diesen Wortgefechten teilgenommen. Aber heute war es ihm nur ein leeres Wortgeklingel, das so fern herübertönte; es kam ihm komisch und langweilig vor; er wäre bald eingeschlafen.Die anderen waren so vertieft, daß sie sein Schweigen erst nach geraumer Zeit merkten. Aber endlich rief ihn Saisset doch an, weil er bei ihm gewöhnlich für sein bolschewistisches Gerede Widerhall fand.

Peter fuhr aus seiner Träumerei auf, wurde rot und fragte lächelnd:

„Wovon redet ihr denn?“

Die andern waren empört.

„Aber hast du denn nicht zugehört?“

„Woran dachtest du nur?“ fragte Naudé. Peter war etwas verwirrt, wollte sie aber auch ein bißchen ärgern. So antwortete er:

„An den Frühling hab’ ich gedacht. Ohne euch zu fragen, ist er gekommen, ohne zu fragen, wird er auch wieder gehn.“

Alle zermalmten ihn unter der Wucht ihrer Verachtung. Naudé schimpfte ihn „Dichter“, Jakob See hieß ihn einenFlausenmacher. Aber Pugets Augen kniffen sich noch mehr zusammen und sein kalt er Blick forschte mit spöttischer Neugier in Peters Zügen. Er sagte:

„Du geflügelte Ameise du!“

„Was?“ fragte Peter lachend.

„Vorsicht mit den Flügeln!“ sagte Puget. „Der Hochzeitsflug dauert nur eine Stunde.“

„Das Leben dauert auch nicht länger,“ sagte Peter.

In der Osterwoche waren sie wieder täglich beisammen. Peter besuchte Lutz in ihrem einsamen Häuschen. Das dürftige Gärtlein war im Erwachen. Dort verbrachten sie die Nachmittage. Sie empfanden jetzt einen Widerwillen gegenüber Paris und der Menge, gegenüber dem Leben. Manchmal saßen sie wie in seelischer Lähmung schweigend nebeneinander und mochten sich nicht rühren. Ein absonderliches Gefühl hatte Macht über sie gewonnen. Sie hatten Angst. Diese Angst wuchs, je näher der Tag heranrückte, an dem sie sich einander schenken wollten — dieses Angstgefühl entstammte einer zum höchsten Grad gesteigerten Liebe, einer völlig rein gewordenen Seele, der das Häßliche, Grausame, Schimpfliche des Lebens ein solches Grauen einflößt, daß sie im Rausch ihrer schwermütigen Leidenschaft davon träumt, sich vonall diesem Niedrigen freizumachen. Sie sprachen nicht darüber.

Ihre liebste Beschäftigung war, sich in hellen Farben auszumalen, wie ihre Wohnung aussehen sollte, wie sie miteinander arbeiten und ihren kleinen Haushalt führen wollten. Sie einigten sich über die geringsten Einzelheiten ihrer Einrichtung, über die Art der Tapeten, der Möbel, und wie die aufgestellt werden sollten. Als echte Frau bekam Lutz Tränen in die Augen, wenn liebe Kleinigkeiten erwähnt wurden, an die sich Vorstellungen eines innigen, beseelten Zusammenlebens knüpften. Sie kosteten die zarten, kleinen Freuden künftiger Häuslichkeit in der Vorstellung aus. Dabei wußten sie ganz genau, nichts von all dem würde je verwirklicht werden, — Peter ahnte es in angeborenem Pessimismus, — Lutz aber wurde durch ihre Liebe so klarsichtig,daß sie die Unmöglichkeit einer Heirat erkannte . . . Deshalb wollten sie dieses Glück rasch wenigstens im Traume genießen. Die Überzeugung, daß es ein Traum bleiben müsse, verbarg einer vor dem anderen. Jeder meinte da ein tiefes Geheimnis zu bewahren und mühte sich in zärtlicher Sorge, den anderen in der süßen Täuschung zu erhalten.

Wenn sie den schmerzlichen Vorgenuß unmöglicher Zukunft durchgekostet hatten, befiel sie eine Ermattung, wie wenn sie ihr wirkliches Leben schon gelebt hätten. Dann saßen sie still in der Laube mit den dürren Kletterranken, deren erstarrte Säfte die neue Sonne wieder quellen ließ; Peters Kopf ruhte an Lutzens Schulter, und so lauschten sie verträumt dem Gesumm der erwachenden Erde. Hinter den treibenden Wolken spielte die kindliche MärzensonneVerstecken, lachte auf — und war schon wieder weg. Heller Strahl und düstre Schatten glitten über die Fläche, wie durch die Seele Lust und Leid.

„Lutz,“ sagte Peter plötzlich, „weißt du noch? . . . Es ist lange, lange her . . . Aber es war schon einmal so mit uns. . .“

„Ja,“ sagte Lutz, „das ist wahr. Ich erkenne alles wieder, alles . . . Aber wo waren wir damals?“

Es war ihnen eine Freude, darüber nachzudenken, in welcher Gestalt sie einander schon gekannt haben mochten. Schon als Menschen? Vielleicht. Dann war aber bestimmt Peter das Mädchen und Lutz der Bursch . . . Als Vöglein in den Lüften? Als Lutz noch ein Kind war, sagte ihre Mutter immer, sie sei als kleine Wildgans durch den Kamin in’s Haus gefallen: ach! wie hatte sie sich die Flügel geknickt! . . . Mit besondererVorliebe aber fanden sie sich in den flüchtigsten Formen der Elemente wieder, wie sie sich durchdringen, sich verschlingen und entrollen, gleich Irrgängen im Traum oder Ringen von Rauch: weißes Gewölk, das im Abgrund des Himmels zergeht, spielende Wellchen, oder Regen, wie er die Erde berührt, Tau im Grase, gefiederte Löwenzahnsamen, die sich von fließenden Lüften tragen lassen . . . Aber der Wind trägt sie fort. Wenn er nur diesmal nicht wieder zu blasen anhebt und sie für alle Ewigkeit auseinandertreibt! . . .

Aber Peter sagte:

„Ich denke, wir haben uns nie verlassen; wir waren immer beisammen, wie wir jetzt aneinander lehnen: nur daß wir geschlafen haben und allerlei Träume hatten. Auf kurze Augenblicke erwacht man . . . aber nur halb . . . Ich fühle deinen Atem, deine Wange an dermeinen . . . hie und da raffen wir uns ordentlich auf: dann küssen wir uns . . . und gleich sinken wir wieder in Schlaf . . . Mein lieber Schatz, mein lieber, ich bin da, ich halte deine Hand, verlaß mich nicht! . . . Es ist noch lange nicht an der Zeit, kaum daß der Frühling ein kaltes Nasenspitzchen zeigt . . .“

„Wie deins,“ sagte Lutz.

„Bald erwachen wir inmitten eines schönen Sommertages . . .“

„Wir sind dann der schöne Sommertag“ sagte Lutz . . .

„Wir sind der laue Lindenschatten, die Sonne zwischen den Zweigen, der Singsang der Bienen . . .“

„Der Pfirsich am Spalier und sein duftendes Fleisch . . .“

„Die Rast der Schnitter und ihre goldenen Garben . . .“

„Die trägen Herden, die ihr Stück Wiese wiederkäuen . . .“

„Der Abendhimmel im Westen, der wie ein Teich ist zwischen Blütenbäumen, das flüssige Licht, das über die Felder hin verrinnt . . .“

„. . . Alles das werden wir sein,“ sagte Lutz„, alles was gut und süß tut, ob man es sieht oder erfaßt und faßt, küßt oder ißt oder einsaugt und atmet . . . Was übrig bleibt, können sich die Leute behalten,“ sagte sie und zeigte auf die Stadt und ihre Rauchwolken.

Sie lachte, küßte den Freund und sagte:

„Fein haben wir unser Duettchen gesungen, was, Peterlein?“

„Ja, Jessica,“ sagte er.

„Mein armes Peterlein,“ fuhr sie fort, „wir passen aber schon gar nicht in diese Welt, wo man nur noch die Marseillaise singt! . . .“

„Und dabei wird sie immer so falsch gesungen!“ sagte Peter.

„Wir haben uns in der Station geirrt; wir sind zu bald ausgestiegen.“

„Ich fürchte sehr,“ sagte Peter, „die nächste Station wäre noch schlimmer gewesen. Kannst du dir vorstellen, Schatz, wie wir als Glieder der zukünftigen Gesellschaft leben, im großen Bienenkorb, auf den man uns vertröstet; wo jeder nur für die Bienenkönigin leben darf oder für die Republik?“

„Von früh bis Abend Eier legen wie ein Maschinengewehr oder von früh bis Abend fremde Brut ablecken . . . Schöne Wahl!“ sagte Lutz.

„Aber Lutz, du schlimmes Mädel, was du für häßliche Sachen redest!“ sagte Peter lachend.

„Ja, ich weiß, es ist sehr schlecht von mir. Ich tauge rein gar nichts. Aber du auch nicht, weißt du? Du hast so wenig das Zeug, Menschen tot zu machen oder zu verstümmeln, als ich zumZusammenflicken von Verwundeten, wie man’s bei Stiergefechten mit den armen Pferden macht, denen der Bauch aufgeschlitzt wurde — damit sie das nächste Mal wieder zu gebrauchen sind. Wir sind nun einmal unnütze, gefährliche Geschöpfe; wir haben einen lächerlichen, sträflichen Vorsatz gefaßt, wir wollen ja nur für alle die leben, die wir lieb haben, und lieb haben wir unseren kleinen Schatz, ein paar Freunde, alle guten Leute, die kleinen Kinder, den schönen lichten Tag, auch gutes weißes Brot, eben alles, was schön ist und dem Gaumen wohltut. Es ist einfach eine Schande, eine Schande, sag’ ich dir! Wirst du gar nicht rot für mich, Peterlein? . . . Aber wir werden unsere Strafe schon kriegen! Wenn die Erde bald nur noch eine große Fabrik mit Staatsbetrieb sein wird, der ohne Rast noch Ruh funktioniert, dann gibt’s füruns keinen Platz da drin . . . Nur ein Glück, daß wir dann nicht mehr da sind!“

„Ja, das ist ein Glück!“ sagte Peter.

„Was gelten mir, die man sehr glücklich preißt,Darf ich, o Frau, in Deynen Armen sterben;Nicht Ruhm, nicht Glantz, ich will nur Eins erwerben:An Deyner Brust verhauchen Seel und Geist . . .“

„Was gelten mir, die man sehr glücklich preißt,Darf ich, o Frau, in Deynen Armen sterben;Nicht Ruhm, nicht Glantz, ich will nur Eins erwerben:An Deyner Brust verhauchen Seel und Geist . . .“

„Was gelten mir, die man sehr glücklich preißt,Darf ich, o Frau, in Deynen Armen sterben;Nicht Ruhm, nicht Glantz, ich will nur Eins erwerben:An Deyner Brust verhauchen Seel und Geist . . .“

„Was gelten mir, die man sehr glücklich preißt,

Darf ich, o Frau, in Deynen Armen sterben;

Nicht Ruhm, nicht Glantz, ich will nur Eins erwerben:

An Deyner Brust verhauchen Seel und Geist . . .“

„Na hör’ mal, mein kleiner Schatz, das ist ein kurioser Einfall!“

„Aber ein echt- und altfranzösischer Einfall,“ sagte Peter, „’s ist vom alten Ronsard:

. . . . . . . . nur dies ist mein Begehren!Nach hundert Jahren Muße, ohne Ehren,Ein Tod ganz fern der Welt, in Deynem Schoß . . .“

. . . . . . . . nur dies ist mein Begehren!Nach hundert Jahren Muße, ohne Ehren,Ein Tod ganz fern der Welt, in Deynem Schoß . . .“

. . . . . . . . nur dies ist mein Begehren!Nach hundert Jahren Muße, ohne Ehren,Ein Tod ganz fern der Welt, in Deynem Schoß . . .“

. . . . . . . . nur dies ist mein Begehren!

Nach hundert Jahren Muße, ohne Ehren,

Ein Tod ganz fern der Welt, in Deynem Schoß . . .“

„Nach hundert Jahren,“ seufzte Lutz. „Der ist aber bescheiden! . . .“

„Denn irr ich nicht, dann ist ein größer GlückEin solcher Tod in Dir, als das GeschickDes Caesar oder Alexanders Los.“

„Denn irr ich nicht, dann ist ein größer GlückEin solcher Tod in Dir, als das GeschickDes Caesar oder Alexanders Los.“

„Denn irr ich nicht, dann ist ein größer GlückEin solcher Tod in Dir, als das GeschickDes Caesar oder Alexanders Los.“

„Denn irr ich nicht, dann ist ein größer Glück

Ein solcher Tod in Dir, als das Geschick

Des Caesar oder Alexanders Los.“

„So ein schlimmer, schlimmer, schlimmer kleiner Nichtsnutz, schämst du dich gar nicht? In dieser Zeit der Helden!“

„Es sind ihrer zu viel,“ sagte Peter. „Ich will lieber ein kleiner Junge sein, der wen lieb hat, einfach ein Menschenjunges, aus Menschenleib.“

„Sag’ lieber aus Frauenleib! Hast ja noch meine Brustmilch am Schnäblein,“ sagte Lutz und drückte ihn an sich. „Mein Menschlein, meins!“

Wer jene Tage mitgemacht, aber dann die überwältigende Wendung des Kriegsglücks erlebt hat, erinnert sich gewiß kaum mehr an das schwere, drohende Brausen der Flügel, die in dieser einen Woche Frankreichs Kernland dem Blick entzogen und sogar Paris mit ihrem Schatten streiften. In der Freude der Erlösung wirft man überstandene Prüfungszeiten weit hinter sich. Der deutsche Ansturm gipfelte in der Karwoche zwischen Montag und Mittwoch. Die Somme überschritten, Bapaume, Nesle, Guiscard, Roye, Noyon, Albert genommen, elfhundert Kanonen erbeutet. Sechzigtausend Gefangene . . . Es war ein Sinnbild für dies Zertreten des begnadeten Landes der Anmut, daß am Kardienstag der Schöpfer zarter Harmonien, Debussy, verstarb. Die Lyra zerbrach . . . „Armes kleines Griechenland, du stirbst!“ . . .Was davon übrigbleibt? Ein paar ziselierte Gefäße, ein paar rein vollendete Stelen, die bald das Gras der Gräberstraße überwuchert. Unsterbliche Überreste des zerstörten Athen . . .

Peter und Lutz sahen wie von eines Hügels Höhe den Schatten, der über die Stadt kam. Sie waren noch ins Strahlenkleid ihrer Liebe gehüllt und so erwarteten sie furchtlos das Ende ihres kurzen Lebenstages. Sie durften ja zu zweit in die Nacht tauchen. Mit süßer Wehmut gedachten sie der schönen Akkorde Debussys, die ihnen so lieb gewesen waren; wie Abendgeläute verhallten die in der Tiefe. Mehr als je befriedigte gerade die Musik den innersten Trieb ihrer Herzen. Nur diese Kunst war Stimme der befreiten Seele; ihr Ton drang zu ihnen durch den Schleier der Dinge und Gestalten. Am Gründonnerstag wandelten sie wieder— Lutz war in Peter eingehängt und hielt seine Hand umfaßt — auf regenweichen Wegen an der Stadtgrenze. Windstöße fuhren über die nasse Fläche. Sie merkten weder Regen noch Wind, noch die öde Häßlichkeit der Felder, noch den Kot auf der Straße. Sie setzten sich in die niedere Bresche einer halb eingestürzten Parkmauer. Peters Regenschirm reichte kaum hin, Lutzens Kopf und Schultern zu schützen; so saß sie mit baumelnden Beinen und nassen Händen auf der Mauer und sah zu, wie es von ihrem Gummimantel nur so troff. Wenn der Wind in die Äste fuhr, gab es ein kleines Gewehrgeknatter von Regentropfen: „pak, pak!“ Lutz bewahrte das lächelnde Schweigen still seliger Entrücktheit. Tiefe Freudenflut umspülte sie.

„Warum haben wir uns nur so lieb?“ sagte Peter.

„Ach Peter, dann hast du mich nicht einmal so lieb, wenn du erst fragst: warum.“

„Ich frag’ ja nur, damit du sagst, was ich gerade so gut weiß wie du.“

„Du angelst Komplimente,“ sagte Lutz. „Aber da kommst du an die Rechte. Vielleicht weißt du, warum ich dich lieb habe. Ich weiß es nicht.“

„Du weißt es nicht?“ fragte Peter ganz bestürzt.

„Freilich nicht!“ (Sie lächelte verstohlen.) „Aber ich brauch es auch gar nicht zu wissen. Wenn man erst nach dem Warum einer Sache fragt, so steht’s schon schwach damit. Ich hab’ dich eben lieb’ und da brauch’ ich kein Warum, kein Wieso, kein Wann und Woher! Meine Liebe, die spür’ ich, die ist da, die ist da! Was sonst noch da sein mag — das ist mir gleich.“

Sie neigten sich im Kusse zueinander.Bei dieser Gelegenheit langte der Regen unter den ungeschickt gehaltenen Schirm und fuhr ihnen mit den Fingern über Haar und Wangen; ihre Lippen sogen ein kaltes Tröpfchen ein.

Peter sagte:

„Aber die andern?“

„Welche andern?“ sagte Lutz.

„Die Armen,“ antwortete Peter, „alle, die nicht sind wie wir.“

„Sie sollen es machen wie wir. Einen anderen lieb haben.“

„Aber werden sie auch Liebe finden? Das gelingt nicht jedem, Lutz.“

„O doch!“

„Aber nein. Du weißt nicht, wie teuer du das Geschenk bezahlt hast, das du mir gibst.“

„So gab ich mein Herz der Liebe, meine Lippen dem Geliebten wie meine Augen dem Sonnenlichte; es ist kein Geben, es ist ein Nehmen.“

„Aber es gibt Blinde.“

„Wir werden sie nicht heilen. Wir müssen sehend sein an ihrer Statt.“

Peter schwieg lange.

„An was denkst du?“ fragte Lutz.

„Ich denke daran, daß an diesem Tage, weit, weit von uns und doch uns ganz nahe, Der am Kreuz gelitten hat, der in die Welt gekommen war, Blinde sehend zu machen.“

Lutz faßte seine Hand:

„Du glaubst an ihn?“

„Nein, Lutz, ich glaube nicht mehr. Doch bleibt er allen ein Freund, die er je an seinem Tische gespeist hat. Wie ist’s mit dir, kennst du ihn?“

„Fast gar nicht,“ sagte Lutz. „Bei uns zu Hause wurde nie von ihm gesprochen. Ich kenne ihn nicht und liebe ihn doch . . . ich weiß, er hat geliebt.“

„Nicht wie wir.“

„Warum nicht? Wir haben da nur einarmes kleines Herz, das kann nur dich lieben, mein Liebes. Er, er hat uns alle geliebt. Aber darum ist’s doch die gleiche Liebe.“

Peter fragte ergriffen:

„Möchtest du morgen, weil doch sein Todestag ist . . . Bei Sankt-Gervas soll so schöne Kirchenmusik sein . . .“

„O ja, an dem Tage möchte ich gern mit dir in die Kirche gehen. Ich weiß bestimmt, er nimmt uns freundlich auf. Wir sind uns näher, wenn wir ihm näher sind.“

Sie schweigen . . . Regen. Regen. Regen. Der Regen sinkt nieder, nieder und der Abend auch.

„Morgen um diese Zeit sind wir da unten,“ sagte sie.

Der scharfe Nebelhauch ließ Lutz ein wenig zusammenschauern.

„Ist dir kalt, Schatz?“ fragte er besorgt. Sie erhob sich von der Mauer.

„Nein, nein. Alles ist mir Liebe. Ich liebe Alles, und Alles liebt mich wieder. Der Regen liebt mich und der Wind, der graue Himmel und die Kälte, — und mein kleines Lieb . . .“

Auch am Karfreitag war der Himmel mit langen grauen Schleiern verhangen; aber die Luft war mild und still. Auf den Straßen wurden schon Blumen verkauft — gelbe Narzissen und Nelken. Peter kaufte ein paar und Lutz behielt die Blüten in der Hand. Sie gingen den stillen Goldschmied-Kai entlang und vorbei an der edelragenden Kirche Notre-Dame. In süß gedämpftem Lichte umfing sie die milde, vornehme Schönheit der Altstadt. Als sie den St. Gervas-Platz betraten, flogen Tauben vor ihnen auf. Ihre Blicke folgten den Tauben auf ihrem Kreisflug um die Fassade; ein Vogel ließ sich auf dem Kopf einer Bildsäule nieder. Schon waren sie die Stufen zum Portal hinangestiegen und wollten eintreten; da sah Lutz sich noch einmal um und bemerkte, ein paar Schritte seitwärts, mitten in der Volksmenge, ein etwa zwölfjährigesMädchen; das rothaarige Kind lehnte mit statuenhaft über den Scheitel erhobenen Armen im Portale und sah die Eintretende an. Auch ihr feines, etwas archaisches Gesichtchen gemahnte an gotische Kirchenstatuetten; rätselhaft war ihr Lächeln, von überzarter Lieblichkeit, voll Geist und Wärme. Lutz lächelte ihr auch zu und wollte Peter auf sie aufmerksam machen. Aber der Blick des kleinen Mädchens glitt jetzt höher hinauf, haftete über Lutzens Kopf und schrak plötzlich zurück; es barg das Gesicht in die Hände und war nicht mehr zu sehn.

„Was hat sie denn?“ fragte Lutz.

Aber Peter sah nicht hin.

Wie sie eintraten, girrte das Täubchen zu ihren Häupten. Letzter Ton von draußen. Das Pariser Stimmengewirr verstummte. Die freie Luft war weg.Teppiche aus Orgeltönen und hochgespanntes Gewölbe, schwere Gewebe aus Klang und Stein, schieden sie von der Außenwelt.

Sie blieben im Nebenschiff, zwischen der zweiten und dritten Seitenkapelle, links vom Eingange, setzten sich auf eine Stufe und schmiegten sich ganz in die Pfeilernische, so daß sie vor den Blicken der Menge geborgen waren. Sie saßen mit dem Rücken zum Chor; wenn sie aufblickten, sahen sie von einer Kapelle nur die Spitze des Altars, das Kreuz und die farbigen Fenster. Wie eine Träne rann die fromme Wehmut uralter Gesänge. In der schwarz verhangenen Kirche saßen die zwei kleinen Heiden Hand in Hand vor ihrem großen Freunde. Und beide flüsterten gleichzeitig die Worte:

„Du großer Freund, in deinem Angesichte nehme ich ihn, nehme ich sie.Füge uns zusammen! Du siehst in unsere Herzen.“

Und ihre Finger blieben vereint, verschlungen wie die Gerten eines Weidenkorbes. Sie waren nur mehr ein Leib, den die Wogen der Musik in Schauern durchdrangen. Sie gaben sich ganz ihren Träumen hin, als ob sie im gleichen Bette lägen.

Lutz sah im Geiste das rothaarige Mägdlein wieder. Und da war es ihr, als ob sie das Kind heute Nacht im Traume erblickt hätte. Aber sie konnte sich nicht darüber klar werden, ob dem wirklich so gewesen war oder ob sie das Bild, das vor ihrem inneren Auge stand, fälschlich in den heutigen Schlaf zurückversetze. Dann wurde sie von dieser Anspannung müde und ließ ihre Gedanken wahllos schweifen.

Peter träumte den entschwundenen Tagen seines kurzen Lebens nach. DieLerche steigt von nebliger Ebene empor, um die Sonne zu suchen . . . Wie fern die ist! So hoch! Wird man sie je erreichen? . . . Der Nebel wird noch dichter. Es ist keine Erde, kein Himmel mehr. Und die eigene Kraft erlahmt . . . Gerade rieselte gregorianischer Gesang durch die hohe Wölbung des Chors, da erhebt sich mit einem Male Lerchenjubel, aus dem Nebeldüster taucht das froststarre Körperchen auf und schwingt sich in ein unendliches Meer von Sonne . . .

Der Druck und Gegendruck ihrer Finger erinnerte sie daran, daß sie selbander dahinglitten. Und so fanden sie sich wieder im Dunkel der Kirche, wie sie, eng aneinandergeschmiegt, schönen Gesängen lauschten; ihre Herzen waren eins in Liebe und so standen sie auf der Gipfelhöhe reinster Freude. Und sie begehrten glühend — sie beteten — vondort nicht mehr herab zu müssen. Lutzens leidenschaftlicher Blick umfing gerade wie im Kusse ihren teuren kleinen Gefährten — (fast geschlossenen Auges und mit halb geöffneten Lippen schien er in eine Region überirdischen Glückes entrückt und hob in einem Aufschwung freudigen Dankes das Haupt empor, dem erhabenen Quell der Urkraft zu, den man aus tiefstem Triebe oben suchen muß) — da bemerkte Lutz zu ihrer höchsten Überraschung im goldroten Kapellenfenster das lächelnde Gesichtchen des rothaarigen Kindes. In starrem Erstaunen brachte Lutz kein Wort hervor — da sah sie auch schon, genau wie vordem, daß in das seltsame Antlitz der gleiche Ausdruck von Schreck und Mitleid trat.

Im selben Augenblick bewegte sich der plumpe Pfeiler, an dem sie lehnten; die ganze Kirche zitterte in ihren Grundfesten.Lutzens Herz schlug so laut, daß sie weder den Krach der Explosion, noch das Schreien der Menge hörte; es blieb ihr keine Zeit, Schreck oder Schmerz zu empfinden — so schnell warf sie sich, wie eine Henne vor die Küchlein, schützend über Peter; geschlossenen Auges lächelte der vor Glück. Wie eine Mutter drückte sie mit aller Kraft das teure Haupt an ihren Busen; sie war über ihn gebückt, ihr Mund auf seinem Nacken — so duckten sie sich zusammen.

Mit einem Schlag brach auf die beiden der massige Pfeiler nieder.

August 1918.


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