Die kalten Finger

Im Begriff, vor die Schar wartender Bittsteller zu treten, lächelte Apollon Apollonowitsch; dieses Lächeln aber kaum aus Schüchternheit: was mochte nur seiner hinter der Tür harren . . .

Apollon Apollonowitsch verbrachte sein Dasein zwischen zwei Schreibtischen, zwischen dem seines eigenen Arbeitszimmers und dem des Verwaltungsamtes. Ein dritter beliebter Ort war für ihn sein Wagen.

Und nun war er — schüchtern.

Schon ging die Tür auf; der Sekretär, ein junger Mann mit einem etwas liberal über die Bruststärke hängenden Orden, flog der hohen Persönlichkeit entgegen, und dabei knisterte ehrfurchtsvoll der überstärkte Rand seiner schneeweißen Manschette. Auf seine schüchterne Frage brüllte ihn Apollon Apollonowitsch an:

»Nein, nein! . . . Machen Sie so, wie ich gesagt habe . . .«

Apollon Apollonowitsch Ableuchow im grauen Mantel und hohen schwarzen Zylinder mit steinernem, an einen Briefbeschwerer mahnendem Gesicht, sprang rasch aus dem Wagen und lief über die Stufen des Entresols, imGehen den schwarzen Wildlederhandschuh herunterstreifend.

Rasch trat er ins Vorzimmer. Der Zylinder wurde mit Vorsicht dem Lakai überreicht. Mit derselben Vorsicht wurden Mantel, Portefeuille und Cachenez übergeben.

Apollon Apollonowitsch stand vor dem Lakai in Nachdenken versunken; plötzlich wandte er sich an ihn mit der Frage:

»Haben Sie die Freundlichkeit, mir zu sagen: kommt öfters hierher ein junger Mann — ja: ein junger Mann?«

»Ein junger Mann?«

Verlegenes Schweigen: Apollon Apollonowitsch fand keine andere Formulierung seines Gedankens. Der Lakai aber war nicht imstande, zu erraten, von welchem jungen Mann der gnädige Herr sprach.

»Junge Leute, Exzellenz, kommen hierher selten . . .«

»Na, und . . . junge Leute mit Schnurrbärtchen?«

»Mit Schnurrbärtchen?«

»Mit schwarzen . . .«

»Mit schwarzen?«

»Na ja, und . . . in einem Mantel . . .«

»Alle kommen in Mänteln . . .«

»Ja, aber mit aufgeschlagenem Kragen . . .«

Etwas erleuchtete den Diener.

»Ah, Sie sprechen von dem, der . . .«

»Na ja, von dem . . .«

»Einmal war so einer hier . . . er kam zum jungen Herrn: aber es ist schon lange her; ja, jawohl . . . der kommt schon hie und da . . .«

»Wie denn?«

»Jawohl, ja!«

»Mit Schnurrbärtchen?«

»Ganz richtig!«

»Mit schwarzem?«

»Mit schwarzem Schnurrbärtchen!«

»Und einem Mantel mit aufgeschlagenem Kragen?«

»Ganz richtig . . .«

Apollon Apollonowitsch stand einen Augenblick wie angewurzelt da, dann plötzlich ging Apollon Apollonowitsch weiter.

Die Treppe war mit grauem Plüschteppich bedeckt; die Treppe war — naturgemäß — von schweren Wänden begrenzt; diese Wände waren mit grauen Plüschteppichen bespannt. An den Wänden blinkten die Ornamente altertümlicher Waffen, unter einem rostgrünen Schild glänzte das Gold einer litauischen Mütze; es funkelte der kreuzförmige Griff eines Ritterschwertes; hier rosteten Schwerter; dort neigten sich, schwer übereinander, Hellebarden; bunt in seinem Matt zeichnete sich der vielringelige Panzer; und mit dem Sechserlauf nach unten hing da eine alte Pistole.

Oben über der Treppe befand sich eine Balustrade; eine weiße Niobe hob hier auf einem Sockel aus mattweißem Alabaster ihre alabasternen Augen gen Himmel.

Sich mit der knochigen Hand auf den geschliffenen Kristallgriff stützend, öffnete Apollon Apollonowitsch mit Nachdruck die Tür; kalt klangen in dem riesigen, übermäßig in die Länge gezogenen Saal seine Schritte.

Über den leeren Petersburger Straßen schwebten arm beschienene Undeutlichkeiten; jagend überholten einander abgerissene Wolkenflocken.

Ein phosphoreszierender Fleck flog matt und tot am Himmel; in phosphoreszierendem Glanz lag neblig des Firmamentes Tiefe, und davon durchglänzt war das Eisen der Dächer und Rauchfänge. Da floß das grüneWasser des Moikakanals, und an einem seiner Ufer erhob sich das dreistöckige Haus mit seinen fünf weißen Säulen. Dort auf dem lichten Fond des lichten Gebäudes schritt langsam ein Kürassier Ihrer Majestät: ein goldener, glitzernder Helm saß auf seinem Kopfe.

Und die silberne Taube über dem Helm breitete weit ihre Flügel aus.

Nikolai Apollonowitsch, parfümiert und rasiert, ging, gehüllt in Pelz, über die Moika; sein Kopf war in den Mantel gesunken, und seltsam leuchteten die Augen; in der Seele erhoben sich Schauer — die keinen Namen besaßen; in ihr sang etwas Banges, Süßes.

Er dachte: dies da — istdiesauch Liebe? Er erinnerte sich: es war eine neblige Nacht, er rannte aus jenem Vestibül dort heraus und lief über die eiserne Petersburger Brücke, um dort auf der Brücke . . .

Er erbebte.

Eine Lichtgarbe flog an ihm vorüber: ein schwarzer Hofwagen raste vorbei; an den leuchtenden FenstervertiefungenjenesHauses glitten seine roten, wie blutunterlaufenen Laternen vorbei; in die schwarze, strömende Mainacht gossen diese Laternen für kurze Augenblicke Spiel hinein und Glanz; der gespensterhafte Abriß vom Dreimaster des Lakais und der Abriß von flatterndem Uniformkragen huschten zugleich mit dem Licht aus dem Nebel, um sich im Nebel zu verlieren . . .

Nikolai Apollonowitsch stand kurze Zeit nachdenklich vor dem Haus; wild schlug das Herz in seiner Brust — plötzlich verschwand er im wohlbekannten Vestibül.

In früherer Zeit trat er jeden Abend hier ein; jetzt hat er über zweieinhalb Monate diese Schwelle nicht betreten; und nun überschritt er sie wie ein Dieb.

Die Entreetür öffnete sich vor ihm, und als sie zufiel, schlug ihn der Laut von diesem Zuschlagen in den Rücken;Finsternis umfing ihn, als wäre hinter ihm alles in einen Abgrund versunken (so ist’s wohl im ersten Augenblick nach dem Tode, wenn von der Seele der Tempel des Körpers in den Abgrund des Verwesens hinabsinkt); doch an den Tod dachte jetzt Nikolai Apollonowitsch nicht — fern war der Tod; auf die kalten Stufen setzte er sich hin, vor die Tür einer Wohnung, das Gesicht vergraben in den Pelz, und horchte auf das Klopfen seines Herzens; schwarze Leere lag hinter seinem Rücken; schwarze Leere breitete sich vor ihm.

So saß Nikolai Apollonowitsch im Dunkel.

Ein weiblicher Schatten, das Gesicht im kleinen Muff vergraben, lief über die Moika und näherte sich ebendemselben Haus, wo auf der kalten Stufe hinter der Tür Nikolai Apollonowitsch saß. Die Tür ging auf und schlug hinter ihr zu; Finsternis umfing sie, als wäre alles hinter ihr in einen Abgrund versunken; die kleine schwarze Dame dachte an so einfache, irdische Dinge, nun wird sie gleich die Teemaschine auftragen lassen; sie führte schon die Hand an die Glocke, und da — sah sie: eine Gestalt, wie es schien, eine Maske erhob sich vor ihr von den Stufen.

Als die Wohnungstür aufging und in das Dunkel des Stiegenhauses sich für einen Augenblick eine Lichtwelle ergoß, bestätigte der Schrei des Stubenmädchens die Wunderlichkeit der Erscheinung. In der hellen Beleuchtung erschien ein Bild von unbeschreiblicher Seltsamkeit, und die schwarze Gestalt der kleinen Dame rannte durch die geöffnete Tür.

Hinter ihrem Rücken aber erhob sich im Dunkel seidenrauschend ein dunkelflammenroter Bajazzo mit bärtigem, zappelndem Lärvchen.

Lautlos und langsam glitt von den Schultern über den rauschenden Atlas der Pelzmantel hinunter, zwei roteArme streckten sich sehnsüchtig gegen die Tür. Aber die Lichtgarbe zerschneidend, schloß sich die Tür und stieß das Stiegenhaus zurück in die Leere, ins Dunkel.

Eine Sekunde später lief Nikolai Apollonowitsch auf die Straße hinaus; aus den Falten seines Mantels quoll ein Stück roter Seide hervor; die Nase in den Studentenmantel vergraben, galoppiert Nikolai Apollonowitsch Ableuchow in die Richtung der Brücke.

Ende des ersten Kapitels.

Es ist — eine Sage aus der Wirklichkeit . . . hier die Zeitungsausschnitte von jener Zeit (der Autor wird schweigen): zugleich mit Mitteilungen über Diebstähle, Vergewaltigungen, über das Verschwinden eines Schriftstellers haben wir eine Reihe interessanter Notizen: eine durchgehende Phantastik oder so was, vor der jeden Leser des Conan Doyle schwindeln müßte: kurz — hier die Zeitungsausschnitte.

»Tagesschau.«

»Erster Oktober. Wir geben einen höchst geheimnisvollen Vorfall wieder, der uns von der Kursistin N. N. mitgeteilt wurde. Am ersten Oktober ging die Kursistin N. N. in der Abendstunde an der Tschernyschow-Brücke vorbei. Dorten beobachtete sie ein sehr sonderbares Schauspiel: am Ufer des Kanals neben dem Brückengeländer tanzte in der nächtlichen Dunkelheit ein roter Atlasdomino, über dem Gesicht trug derselbe eine schwarze Spitzenmaske.«

»Zweiter Oktober. Nach Wiedergabe der Volkslehrerin M. M. teilen wir dem geehrten Publikum einen geheimnisvollen Vorfall mit, der sich neben einer der Vorstadtschulen zutrug. Die Volkslehrerin M. M. war gerade mit dem Vormittagsunterricht in der O.-Volksschule beschäftigt; die Fenster der Schule gehen auf die Straße; plötzlich begann sich auf der Straße vor den Fenstern ein mächtiger Staubwirbel zu drehen; natürlich stürzte die Lehrerin und mit ihr, die lustige Kinderschar zum Fenster; man denke sich aber die Bestürzung der Kinder und ihrer Klassenlehrerin, als der rote Domino, der sich im Zentrum des von ihm aufgewirbelten Staubes befand, sich dem Fenster näherte und seine schwarze Spitzenmaske gegen die Scheibe drückte. Der Unterricht in der O.-Volksschule wurde eingestellt . . .«

»Dritter Oktober. Während der spiritistischen Sitzung im Hause der ehrenwerten Baronin R. R. hatten die Anwesenden gerade eine spiritistische Kette gebildet, als ein roter Domino sich in die Kette mischte und im Tanzen mit der Falte seines Überwurfs die Nasenspitze des Geheimen Rates S. berührte. Der Arzt der G.-Klinik konstatierte eine starke Verbrennung: wie es heißt, wird die Nasenspitze lilafarbene Flecke bekommen. Kurz, überall — der rote Domino.«

Endlich: »Vierter Oktober. Die Bevölkerung des Vorortes I. ergriff einmütig vor dem roten Domino die Flucht; es wurden eine Reihe von Protestkundgebungen veranstaltet: in den Vorort N. ist eine Kosakenabteilung abgegangen.«

Der Domino, der Domino — was hatte es damit für eine Bewandtnis?

Ein würdiger Mitarbeiter einer sicher würdigen Zeitung, der fünf Kopeken für die Zeile bekam, hatte beschlossen, eine Geschichte als Stoff zu benutzen, die er in einem bekannten Hause gehört hatte; die Wirtin dieses Hauses aber war eine Dame. Es handelt sich also um einen würdigen Zeitungsreporter, der per Zeile honoriert war; und es handelte sich um eine Dame.

Von ihr wollen wir nun beginnen.

Eine Dame: hm! und eine hübsche . . . Was ist eine Dame?

Die Eigenschaften einer Dame hat noch nicht einmal der Chiromant zu entdecken vermocht; wie soll sich nun ein Psychologe — pfui! — ein Schriftsteller an dieses Geheimnis wagen? Das Geheimnis wird tiefer, wenn die Dame jung ist und wenn man von ihr sagt, sie sei hübsch.

Also: es war eine Dame; sie besuchte aus Langerweile Kurse; und wieder aus Langerweile vertrat sie zuweilen die Lehrerin der O.-Volksschule, wenn sie nicht am Abendvorher im Spiritistenzirkel gewesen war. Im Hause dieser Dame verbrachte der Zeitungsreporter seine Abende.

Diese Dame erzählte ihm lachend, sie habe soeben im dunklen Stiegenhaus einen roten Domino gesehen. Dieses harmlose Geständnis einer hübschen Dame, in die Rubrik »Tagesschau« gekommen, wuchs zu einer Serie ruhebedrohender, nie gewesener Vorfälle heran.

Jene Dame . . . Aber jene Dame war Sofja Petrowna; ihr müssen wir sogleich viele Worte widmen.

Sofja Petrowna zeichnete sich durch einen mehr als üppigen Haarwuchs aus, und sie war außerordentlich schlank; würde sie ihre schwarzen Haare auflösen — diese schwarzen Haare würden ihre ganze Gestalt einhüllen, bis über die Knie; und sie waren so schwarz, daß es keinen schwärzeren Gegenstand gab. Sei’s die Fülle ihrer Haare oder deren Schwärze, aber Sofja Petrownas Oberlippe zeigte einen Flaum, der ihr für später mit einem regelrechten Schnurrbärtchen drohte. Sofja Petrowna besaß einen ungewöhnlichen Teint, ihre Gesichtsfarbe war einfach die Farbe der Perle, vom Weiß der Apfelblüten, doch mit zartem Rosa dazu.

Die Äuglein Sofja Petrownas waren keine Äuglein, sondern — wenn ich nicht fürchtete, prosaisch zu werden, ich sagte: — Riesenaugen, von dunkler, blauer — von dunkelblauer Farbe. Diese Augen waren bald funkelnd, bald matt, bald schienen sie stupid, wie abgefärbt — und sie schielten. Ihre hellroten Lippen waren groß, viel zu groß, aber . . . die Zähnchen (ach, die Zähnchen!): wie Perlen waren die Zähnchen! Und dazu — ein kindliches Lachen . . . Dieses Lachen gab den vorstehenden Lippen einen besonderen Reiz; und ein besondererReiz lag in der schlanken, wieder allzu schlanken Gestalt: ihre Bewegungen, auch die ihres nervösen Rückens, waren bald rasch, bald träge — bis zur Häßlichkeit plump.

Sofja Petrowna trug ein schwarzes Wollkleid, das im Rücken geknöpft war.

Ach, Sofja Petrowna.

Sofja Petrowna Lichutina bewohnte eine kleine Wohnung in der Moikastraße; grelle, lärmende Farben fielen dort wie Kaskaden von den Wänden nieder: feuerrote, himmelblaue; japanische Fächer, Spitzen, Anhängsel, Schleifen; an den Lampen Atlasschirme und Atlasflügel, die tropischen Schmetterlingen glichen; es war, als schwebte ein Schwarm dieser Schmetterlinge, die Wände verlassend, um Sofja Petrowna Lichutina.

Sofja Petrowna behängte die Wände mit japanischen Landschaften; was diesen Landschaften gänzlich fehlte, war die Perspektive. Aber auch in den Zimmern, vollgestopft mit Sofas, Puffs, Fächern und lebenden japanischen Chrysanthemen — fehlte die Perspektive; die Perspektive ergab nur der Atlasalkoven, aus dem Sofja Petrowna hervorschwebte, das flüsternde Schilf über der Tür, durch die sie gleitend hereinschritt; der Berg Fusi-Jama — der farbige Hintergrund für ihre prächtigen Haare; es muß gesagt sein: wenn Sofja Petrowna Lichutina in ihrem rosaKimonodes Morgens von der Tür zum Alkoven schwebte, war sie eine echte kleine Japanerin. Perspektive aber gab es hier keine.

Es waren winzige Zimmerchen; und jedes füllte ein riesengroßer Gegenstand aus. Das Bett war dieser riesige Gegenstand im winzig kleinen Schlafzimmer; die Wanne war es im winzigen Badezimmer; im Salon war es — der hellblaue Alkoven; Tisch und Kredenz waren es im Speiseraum; dieser Gegenstand im Dienstbotenraum war dasDienstmädchen; dieser Gegenstand im Herrenzimmer war selbstredend der Gatte.

Woher also sollte hier Perspektive kommen?

Alle sechs Zimmerchen wurden durch Dampfheizung erwärmt, und in der Wohnung erstickte man deshalb fast vor feuchter Treibhauswärme; die Fensterscheiben schwitzten; und die Besucher Sofja Petrownas schwitzten; ewig schwitzten die Dienstboten und der Gatte; Sofja Petrowna selbst war mit leichter Dunstwolke bedeckt, wie die japanischen Chrysanthemen mit Tau.

Wie konnte nun in diesem Treibhaus eine Perspektive entstehen?

Und es gab auchkeine.

Sofja Petrowna unterhielt nicht ihre Besucher: war dieser ein junger Mann aus der Gesellschaft, der das Vergnügen liebte, dann hielt sie es für nötig, zu all seinen witzigen, nicht ganz witzigen sowie ganz ernsten Worten zu lachen; sie wurde purpurn vor Lachen, und ihre kleine Nase bedeckte sich mit Schweißperlchen; der mondäne junge Mann wurde, weiß Gott weshalb, auch purpurn, und seine Nase bedeckte sich mit Schweißperlchen; der mondäne junge Mann wunderte sich über das junge, aber doch unmondäne Lachen und räumte Sofja Petrowna innerlich einen Platz unter den Demimondänen ein. Inzwischen erschien auf dem Tisch eine Sammelbüchse mit der Inschrift »Für wohltätige Zwecke«, und Sofja Petrowna Lichutina rief lachend: »Sie haben wieder eine ‚Fifka‘ gesagt — Sie haben zu zahlen.« Sofja Petrowna hatte seit kurzem eine Sammlung zugunsten der Arbeitslosen angelegt, und jeder, der eine gesellschaftliche ‚Fifka‘, d. h. eine gewollte Dummheit, sagte, mußte — zahlen; dasWort Fifka leitete sie von »fi . . .«4)ab. Und Baron Ommau-Ommergau, der gelbe, Ihrer Majestät Kürassier, Graf Awen, der blaue Kürassier, der Leibhusare Sporyschew und Werhefden, Sekretär im Amte Ableuchows, lauter mondäne junge Leute, sprachen eine »Fifka« nach der anderen und warfen eine Silbermünze nach der anderen in die Büchse.

Warum kamen nur zu ihr so viele Offiziere? Mein Gott, sie tanzte ja auf Bällen; war hübsch, ohne Demimondäne zu sein; und schließlich war sie selbst Offiziersgattin.

War ihr Besucher Musiker oder Musikliebhaber, erklärte ihm Sofja Petrowna, daß ihre Götter — die Duncan und der Nikisch seien (sie sagte aber Dunkàn und Nikìsch), daß sie selbst Meloplastik zu erlernen gedenke, um den Walkürenflug in — ja, man denke nur! — in Bayreuth zu tanzen. Doch erschüttert durch die falsche Aussprache der Namen kam der Besucher bald zu dem Schlusse, Sofja Petrowna Lichutina sei nichts weiter als einfach ein Gänschen; und sein Verhalten wurde ein wenig »ungezwungen«; inzwischen aber brachte das sehr hübsche Stubenmädchen das Grammophon ins Zimmer: und aus der Kehle des roten Blechrohres ergoß sich über den Gast der Flug der Walküre.

Sofja Petrownas Besucher zerfielen in zwei selbständige Gruppen: die zur Gesellschaft Gehörenden und diesozusagenBesucher, die keine waren, denn sie waren — gern Gesehene — etwas für die Seele; diese sozusagen Besucher gaben sich keine Mühe — nicht die geringste! —, in das Treibhäuschen zu gelangen. Mit Gewalt fast lockte sie Engel Peri — wie die Offiziere sie nannten — zu sich; und war das geschehen, dann erwiderte sie sofort den Besuch; in ihrer Gesellschaft saß Engel Peri mitgeschlossenem Mündchen: sie lachte nicht, kokettierte nicht im geringsten, war äußerst schüchtern und, während die sozusagen Besucher stürmisch miteinander debattierten, war sie stumm. Man hörte »Revolution — Evolution«. Und wieder »Revolution — Evolution«. Immer über dasselbe debattierten diesozusagenBesucher; es war nicht die Jeunesse doré, es war die einfache, arme Jugend, Studierende, die mit den Fremdwörtern: soziale Revolution und soziale Evolution stolzierten. Engel Peri verwechselte konsequent diese beiden Worte.

Unter den Studierenden befand sich eine häufige Besucherin des Hauses Lichutin, eine in diesem Kreise geschätzte Persönlichkeit: die Studentin Warwara Ewgrafowna.

Unter dem Einfluß der Studentin gab sich Engel Peri dazu her, einen — denken Sie! — Meeting zu besuchen. Unter dem Einfluß der Studentin stellte auch Engel Peri die Sammelbüchse mit der verschleierten Inschrift »Für Wohltätigkeit« auf den Tisch. Die Büchse war natürlich nur für die Besucher bestimmt; die zu densozusagenBesuchern Gehörenden waren vom Zahlen befreit; die Zahlenden waren Graf Awen, Baron Ommau-Ommergau, Sporyschew und Werhefden. Unter dem Einfluß der Studentin begann Engel Peri die O.-Schule zu besuchen und ochste verständnislos das »Manifest« von Karl Marx. Zu dieser Zeit nämlich besuchte sie täglich der Student Nikolenka Ableuchow, den sie ohne Risiko sowohl mit Warwara Ewgrafowna (die in Nikolenka verliebt war) als auch mit Ihrer Majestät gelbem Kürassier bekannt machen konnte: der Sohn Ableuchows war natürlich überall willkommen.

Übrigens huschte Engel Peri seit einiger Zeit heimlich zu den Spiritisten hinüber, im Hause der Baronin . . . (na, wie heißt sie nur?), die ins Kloster gehen wollte.

Seit dieser Zeit auch lag auf Sofja Petrownas Tischchen ein prachtvoll gebundenes Büchlein »Der Mensch und sein Körper« von einer gewissen Henri Besançon (Sofja Petrowna hatte wieder die Namen verwechselt: es war nicht Henri Besançon, sondern Anni Besant).

Ihre neue Passion verheimlichte Sofja Petrowna sorgfältig sowohl vor dem Baron Ommau-Ommergau wie auch vor Warwara Ewgrafowna; und aufs Verheimlichen verstand sich Engel Peri in bewunderungswürdiger Weise: so ist Warwara Ewgrafowna bei ihr nie auf Graf Awen und Baron Ommau-Ommergau gestoßen. Was dahinter gesteckt haben mochte — weiß der Himmel!

Es gab noch einen unter den Besuchern Sofja Petrownas; einen Offizier, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; eigentlich war er ihr Gatte; er war irgendwo in der Proviantverwaltung tätig; frühmorgens verließ er das Haus; vor Mitternacht erschien er nie wieder; gleich sanft begrüßte er die Besucher und diesozusagenBesucher; mit derselben Sanftheit sprach er aus Höflichkeit eine »Fifka« und zahlte eine Münze; oder er nickte bescheiden bei den Worten Revolution — Evolution, trank eine Tasse Tee und ging in sein Zimmer. Im Grunde genommen wäre Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den Besuchern wie densozusagenBesuchern gern ferngeblieben. Im Grunde genommen hätte er gern die Spiritistensitzungen bei der Baronin besucht; doch lag es ihm fern, seinen bescheidenen Wunsch als Gatte geltend zu machen; denn er war kein Despot: Sofja Petrowna liebte er mit der ganzen Kraft seiner Seele; ja, noch mehr: er hatte vor zweieinhalb Jahren gegen den Willen seiner Eltern, steinreicher sibirischer Gutsbesitzer, geheiratet; sein Vaterverfluchte ihn deswegen und entzog ihm das Geld; da trat er, unerwartet für alle, bescheiden in das Gregorische Regiment ein.

Und noch ein Besucher war da: der schlaue Kleinrusse Lipantschenko; er war ein sinnlicher Mensch und nannte Sofja Petrowna nicht Engel, sondern Herzchen; doch hielt er sich in den Grenzen der Höflichkeit und durfte ins Haus kommen.

Der gutmütige Gatte Sofja Petrownas verhielt sich mild gegen die revolutionären Freunde seiner teuren Hälfte; gegen ihren mondänen Bekanntenkreis verhielt er sich mit unterstrichenem Wohlwollen; den Kleinrussen Lipantschenko aber duldete er bloß.

Schon am ersten Tage ihres sozusagen »Damendaseins«, während des Mysteriums der Trauung, als Nikolai Apollonowitsch über dem Haupt ihres Gatten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den hochfeierlichen Kranz hielt, wurde sie in quälender Weise von dem hübschen schlanken Trauzeugen überrascht, von der Farbe seiner unirdischen dunkelblauen Augen, von dem Weiß seines marmornen Gesichts, von der Göttlichkeit seiner flachsweißen Haare. Nun und . . . Nikolai Apollonowitsch kam ins Haus der Lichutins: erst einmal in vierzehn Tagen, dann jede Woche ein-, zwei-, drei-, viermal, dann erschien er täglich. Bald merkte aber Sofja Petrowna, daß das Gesicht, das gottähnliche, strenge, nur eine Maske war; Grimassen, zielloses Reiben der Hände, schließlich ein unangenehmer Froschausdruck beim Lächeln, herrührend vom ununterbrochenen Spiel der Gesichtszüge — hinter all dem verbarg jenes Gesicht sich für immer. Zu ihrem Schrecken begriff dann Sofja Petrowna, daß sie verliebt war in jenesGesicht; nicht indieses, wohl aber in jenes. Engel Peri hatte sich vorgenommen, eine tadellose Gattin zu sein; und der Gedanke, daß sie, ihrem Gatten treu, von jemand anderem gefesselt wurde, bedrückte sie gänzlich. Aber weiter nur, weiter: über die Maske, den Froschmund, über die Grimassen hinweg, suchte sie, unbewußt, ihre verlorene Verliebtheit zu retten: sie quälte Ableuchow, überhäufte ihn mit Beleidigungen; doch heimlich vor sich selbst verfolgte sie seine Spuren, suchte seine Wünsche und seinen Geschmack zu erraten, richtete sich unbewußt nach ihnen, in der ewigen Hoffnung, wieder einmal jenes eigentliche, göttliche Antlitz zu erblicken.

Seit dieser Zeit war ihr eigener Gatte nur Besucher in der kleinen Wohnung an der Moika.

Dies konnte Sofja Petrowna nicht ertragen, denn sie hatte ja ein so winzig, winzig kleines Stirnchen; und neben dem kleinen Stirnchen lebten in ihr Vulkane tiefster Gefühle: denn sie war eine Dame; und man soll in einer Dame das Chaos nicht wecken.

Eigentlich benahm sich Sofja Petrowna ihrem Gegenstand gegenüber in den letzten Monaten höchst provozierend: vor dem Grammophon, aus dem »Siegfrieds Tod« tönte, übte sie Körperplastik und hob dabei ihren rauschenden Seidenrock fast bis zum Knie; ferner: ihr Füßchen berührte unter dem Tische mehr als einmal Ableuchow. Nicht zu verwundern, daß dieser manchmal den Engel zu umarmen versuchte; dann entwand sich ihm der Engel und übergoß ihn mit Kälte. Bald darauf aber begann das Spiel von neuem. Einmal klatschte eine Ohrfeige durchs japanische Zimmer: —, Uu — Scheusal, Frosch . . . Uuu — roter Narr.

Ruhig und kühl erwiderte Nikolai Apollonowitsch:

»Bin ich ein roter Narr, so sind Sie — eine japanische Puppe . . .«

Vor der Tür richtete er sich voll Würde empor, in diesem Augenblick bekam sein Gesicht den einmal gesehenen Ausdruck, und an diesen erinnert, erwachte ihre Liebe jäh wieder; als Nikolai Apollonowitsch verschwunden war, warf sie sich auf den Boden, biß und kratzte im Weinkrampf den Teppich; sprang dann plötzlich auf und streckte die Arme gegen die Tür:

»Komm, kehre zurück — Gott!«

Ihr zur Antwort schlug unten die Tür zu. Nikolai Apollonowitsch lief zu der großen Petersburger Brücke. Wir werden weiter sehen, daß er an dieser Brücke den wichtigen Beschluß gefaßt hatte, durch eine Tat sein eigenes Leben von sich zu werfen. Zu tief hatte ihn das Wort »roter Narr« getroffen.

Nie wieder hat ihn Sofja Petrowna gesehen . . .

Dafür kamen um so öfter Graf Awen, Baron Ommau-Ommergau, Werhefden und selbst Lipantschenko; sie lachte mit ihnen ohne Unterlaß; dann hielt sie im Lachen inne und fragte neckisch:

»Nicht wahr, ich bin eine Puppe?«

Sie antworteten mit einer »Fifka« nach der anderen und warfen Silbermünzen in die Sammelbüchse. Lipantschenko aber machte ihr zum Geschenk eine Puppe mit gelbem Gesicht.

Als sie das vor ihrem Gatten Ssergeij Ssergeijewitsch aussprach, sagte er nichts und tat, als ginge er schlafen; in seinem Zimmer aber setzte er sich hin und schrieb an Nikolai Apollonowitsch einen kurzen Brief; in seinem Briefchen schrieb er Ableuchow, daß er, Ssergeij Ssergeijewitsch, sich erlaube, ihn um folgendes zu bitten: Er wolle sich aus prinzipiellen Gründen nicht in die BeziehungenAbleuchows zu seiner unendlich geliebten Gattin mischen, doch bitte er dringend (dringend war dreimal unterstrichen), ihrem Hause für immer fernzubleiben, da die Nerven seiner geliebten Gattin angegriffen seien. Sein Benehmen veränderte Ssergeij Ssergeijewitsch nicht im geringsten: er verwaltete — irgendwo — das Proviantamt.

Ssergeij Ssergeijewitsch war groß von Gestalt, trug einen hellblonden Bart, besaß Nase, Mund, Ohren, Haare und wundervoll glänzende Augen: leider trug er eine dunkelblaue Brille, und niemand kannte die Farbe dieser Augen und auch nicht ihren herrlichen Ausdruck.

In diesen frostreichen Oktobertagen befand sich Sofja Petrowna in ungewöhnlicher Aufregung; blieb sie allein in ihrem Treibhäuschen, dann runzelte sich ihr Stirnchen, und ihr Gesicht wurde purpurn; sie trat ans Fenster und wischte mit ihrem Taschentüchlein aus zartem Batist die schweißbedeckten Scheiben, das Glas begann zu quieken, und öffnete einen Augenblick auf den Kanal und auf einen vorübergehenden Herrn mit Zylinder — nichts weiter; als wäre sie in ihren Ahnungen getäuscht, begann Engel Peri ihr angefeuchtetes Taschentuch mit den Zähnchen zu beißen und zu zerren, dann lief sie hinaus, zog ihren schwarzen Plüschmantel an, setzte die Mütze aus ebensolchem Plüsch auf (Sofja Petrowna kleidete sich sehr bescheiden) und ging fort, um, die Nase in den Pelzmuff vergraben, zwischen der Moikastraße und dem Kai zu schlendern.

Und einmal, während Lipantschenko da war, ergriff sie ihre Hutnadel und stach sich ins kleine Fingerchen.

»Sehen Sie, es schmerzt nicht, und es kommt kein Blut: ich bin aus Wachs . . . eine Puppe.«

Lipantschenko lachte und sagte:

»Sie sind keine Puppe, Herzchen.«

Erbost jagte ihn Engel Peri von sich. Er ergriff seine Ohrenklappenmütze und ging.

Sie aber fuhr fort, ruhelos durchs Treibhäuschen zu wandern, runzelte das Stirnchen, errötete, wischte die Scheiben; es eröffnete sich der Ausblick auf den Kanal und auf eine vorüberfahrende Droschke — nichts weiter.

Was aber weiter?

Die Sache war so: vor einigen Tagen kehrte Sofja Petrowna von der Baronin R. R. nach Hause zurück. Bei der Baronin R. R. hatte es an diesem Abend »geklopft«; weißliche Funken waren über die Wand gelaufen, und einmal hatte der Tisch einen Sprung getan: sonst nichts; aber Sofja Petrownas Nerven waren äußerst gespannt, und die Treppe zu ihrer Wohnung war nicht beleuchtet (in Häusern mit billigen Wohnungen werden die Treppen bekanntlich nicht beleuchtet): und im Dunkel der Stiege sah Sofja Petrowna ganz deutlich einen noch schwärzeren Fleck, der sie wie eine schwarze Maske anstarrte. Sofja Petrowna zog mit aller Kraft an der Glocke. Als sich die Tür geöffnet und ein Lichtstrahl die Treppe beleuchtete, schrie das Dienstmädchen Mawruscha auf und schlug die Hände zusammen: Sofja Petrowna sah nichts, denn sie rannte in die Wohnung hinein: Mawruscha aber hatte gesehen: hinter dem Rücken der gnädigen Frau stand ein roter Atlasdomino mit schwarzer Maske, die von einem Fächer aus ebenso schwarzen Spitzen umrahmt war; der rote Domino streckte Mawruscha seinen blutigen Ärmel entgegen, aus dem eine Visitenkarte hervorlugte; und als die Tür vor dem ausgestreckten Arm zugeschlagen ward, erblickte auch Sofja Petrowna die Karte, die wahrscheinlich durch die Spalte hereinflog; was war aber auf der Karte? An Stelle eines Wappens— ein Schädel mit Knochen und darunter in modernem Schriftsatz die Worte: »Ich erwarte Sie auf dem Maskenball« — Ort, Datum und weiter die Unterschrift »Der rote Narr«.

Den ganzen Abend war Sofja Petrowna in größter Erregung. Wer mochte sich als roter Domino verkleidet haben? Er natürlich, Nikolai Apollonowitsch: so hatte sie ihn ja einmal genannt . . . Der rote Narr war also gekommen. Wie war aber eine solche Handlungsweise einer wehrlosen Frau gegenüber zu nennen? War das nicht eine Gemeinheit?

Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit.

Wäre doch nur schon der Gatte gekommen, der Offizier. Er würde es dem Unverschämten gezeigt haben. Sofja Petrowna errötete, biß und zerrte ihr Taschentüchlein und begann zu schwitzen. Wär’ doch nur jemand gekommen.

Es kam jedoch niemand.

Aber vielleicht war er es nicht? Sofja Petrowna fühlte sich merklich beunruhigt: es tat ihr leid, den Gedanken fallen lassen zu müssen: der Narr sei — er; in diesen Gedanken flocht sich zugleich mit dem Zorn das süße, bekannte bange Empfinden; sie schien zu wünschen, er hätte sich als vollendeter Schuft entpuppt.

Nein — nicht er; er ist doch kein Schuft, kein dummer Knabe! — Und ihr Herz stand still: nicht er.

Unter ihrensozusagen Besuchern, die von Revolution — Evolution sprachen, befand sich einer, der Zeitungsreporter war und Neintelpfein hieß. Sofja Petrowna schätzte ihn hoch, und ihm eröffnete sie sich: er begleitete sie darauf zum Maskenball; dort gab es Harlekine, Italienerinnen, Spanierinnen und orientalische Frauen, die einander durch die schwarzen Masken in böser Weise zublinzelten. Gestützt auf NeintelpfeinsArm schritt Sofja Petrowna bescheiden in ihrem schwarzen Domino mit schwarzer Maske, jemand suchend, unstet durch die Säle.

Da eben war es, wo Sofja Petrowna mit der nötigen Vorsicht, Neintelpfein von dem geheimnisvollen Vorfall erzählte. Der kleine Neintelpfein war Zeitungsreporter und bekam fünf Kopeken für die Zeile: von diesem Abend ging es an. Jeden Tag eine Notiz in der »Tagesschau«, »der rote Domino« und wieder »der rote Domino«!

Man sprach über den Domino, debattierte und ereiferte sich unglaublich; die einen erblickten darin einen revolutionären Terror; die anderen schwiegen und zuckten die Achseln.

Nikolai Apollonowitsch lehnte über die Treppenbalustrade und warf auf alle Seiten irisierenden Glanz, der ganz im Gegensatz zu der Säule stand und zum Alabaster, von dem aus die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel hob.

Über das Geländer gebeugt, rief Nikolai Apollonowitsch etwas hinunter, doch auf seinen Ruf erwiderte erst nur die Stille; dann aber antwortete mit übertriebener Deutlichkeit eine Fistelstimme:

»Sie hatten mich sicher für jemand anders gehalten . . . Ich bin es — ich . . .«

Unten stand der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen, im Mantel mit aufgeschlagenem Kragen.

Nikolai Apollonowitsch verzog darauf das Gesicht in ein unangenehmes Lächeln:

»Sie sind es, Alexander Iwanowitsch? . . . Höchst angenehm!«

Dann fügte er heuchlerisch hinzu:

»Ich erkannte Sie ohne Brille nicht . . .«

Das unangenehme Empfinden überwindend, das in ihm die Anwesenheit des Unbekannten im lackierten Haus hervorrief, fuhr Nikolai Apollonowitsch fort, mit dem Kopfe nach unten zu winken:

»Ich bin eigentlich gerade aus dem Bette gekommen, deshalb auch noch im Schlafrock.« (Dies wie nebenbei erwähnend, wollte Nikolai Apollonowitsch dem Besucher zu verstehen geben, daß er zur ungeeigneten Zeit gekommen sei; wir fügen von uns hinzu: Nikolai Apollonowitsch hatte all die letzten Nächte außer dem Hause verbracht.)

Auf dem reichen Fond des Ornaments aus altertümlichen Waffen machte der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen eine recht klägliche Figur, doch nahm er sich zusammen und begann eifrig Nikolai Apollonowitsch zu beruhigen:

»Das macht gar nichts, Nikolai Apollonowitsch, daß Sie gerade aus dem Bette sind . . . Ich versichere Sie, es hat gar nichts zu bedeuten. Sie sind ja keine Dame, und auch ich bin’s nicht . . . Ich selbst bin nämlich auch erst jetzt aufgestanden . . .«

Vor der Eichentür zum Arbeitszimmer drehte sich Nikolai Apollonowitsch plötzlich zu dem Unbekannten; über beide Gesichter flog ein Lächeln: beide sahen einander erwartungsvoll an.

»Also bitte, . . . Alexander Iwanowitsch!«

»Nur ja keine Umstände . . .«

Der Salon Nikolai Apollonowitschs war der vollständige Gegensatz zu der Strenge seines Arbeitszimmers: er war bunt. Wie . . . der bucharische Schlafrock. Der Schlafrock Nikolai Apollonowitschs setzte sich gewissermaßen in allen Gegenständen des Zimmers fort; so imniederen Sofa, das einem orientalischen Ruhebett aus bunten Geweben glich; der bucharische Schlafrock setzte sich weiter fort im Taburett von verschiedenen Tönen; das Dunkelbraun inkrustiert mit Streifchen aus Elfenbein und Perlmutter; der Schlafrock fand seine Fortsetzung auch in einem Negerschild aus der dicken Haut eines einst erlegten Nashorns, dann im sudanischen, verrosteten Pfeil mit massivem Griff, der — weiß Gott warum — hierher gehängt wurde; endlich setzte sich der Schlafrock in dem gestreiften Pelz eines Leoparden fort, der mit aufgesperrtem Rachen auf den Boden geworfen ward; eine dunkelblaue, türkische Wasserpfeife stand auf dem Taburett und dabei ein dreibeiniges, goldenes Rauchzeug, gebildet aus einer durchlöcherten Kugel, über der ein Halbmond schwebte; das Wunderlichste aber war ein bunter Käfig, in dem von Zeit zu Zeit kleine, grüne Papageien mit den Flügeln zu schlagen begannen.

Nikolai Apollonowitsch reichte dem Besucher das bunte Taburett: der Unbekannte mit dem Schnurrbärtchen setzte sich auf den Rand und zog ein billiges Zigarettenetui aus der Tasche.

»Sie gestatten?«

»Bitte.«

»Sie rauchen nicht?«

»Nein, ich habe diese Gewohnheit nicht.« Und verlegen setzte er sofort hinzu:

»Übrigens, wenn andere rauchen . . .«

»Machen Sie das Fenster auf?«

Verteidigen Sie den Tabak nicht, Nikolai Apollonowitsch. Ich sage es Ihnen aus eigener Erfahrung . . . Der Rauch durchsetzt den grauen Hirnstoff. Die Hemisphären des Hirns werden verstopft: eine allgemeine Mattigkeit ergießt sich in den Organismus . . .

Der Unbekannte zwinkerte Nikolai Apollonowitsch familiär zu.

»Sehen Sie mein Gesicht?«

Ohne die Brille gefunden zu haben, näherte Nikolai Apollonowitsch seine Augen dem Gesicht des Unbekannten.

»Sehen Sie das Gesicht?«

»Ja, das Gesicht . . .«

»Das Gesicht ist blaß . . .«

»Ja, es ist etwas blaß —« Ableuchows Wangen wurden von Höflichkeitswellen in verschiedenen Nuancen überströmt.

»Ein ganz grünes, verändertes Gesicht«, unterbrach ihn der Unbekannte, »Das Gesicht eines Rauchers.«

Nikolai Apollonowitsch spürte schon längst eine beunruhigende Schwere, als füllte das Zimmer sich nicht mit Rauch, sondern eher mit Blei; Nikolai Apollonowitsch fühlte, wie sich die Hemisphären seines Hirns verstopften und eine allgemeine Mattigkeit seinen Körper durchzog; er dachte aber nicht an die Wirkungen des Tabakrauches — er dachte vielmehr daran, wie er sich mit Würde aus der peinlichen Lage zurückziehen könnte; er dachte, was er wohl im bedenklichen Fall tun sollte, wenn der Unbekannte . . . wenn . . .

Diese bleierne Schwere kam nicht von der billigen Zigarette; sie kam vielmehr von der gedrückten Stimmung des Wirtes. Er erwartete von Sekunde zu Sekunde, daß sein unruhiger Besucher nun das Geschwätz abbräche, dessen eigenster Zweck zu sein schien — ihn durch Erwartung zu quälen; ja: daß er es abbrechen würde, um ihn daran zu erinnern, daß er, Nikolai Apollonowitsch, seinerzeit durch ihn, den sonderbaren Unbekannten — wie es nur deutlicher aussprechen? . . .

Kurz, daß er seinerzeit die für ihn furchtbare Verpflichtung übernommen hatte, der gerecht zu werden, ihm nichtbloß die Ehre gebot; dieses furchtbare Versprechen aber hatte Nikolai Apollonowitsch damals nur aus Verzweiflung gegeben; ein Mißerfolg hatte ihn dazu bewogen; die Spuren dieses Mißerfolges verwischten sich nun allmählich. Das furchtbare Versprechen müßte, schien es ihm, von selbst weggefallen sein; doch es blieb bestehen; es blieb schon deswegen bestehen, weil es nicht zurückgenommen ward; aufrichtig gestanden hatte es Nikolai Apollonowitsch einfach gründlich vergessen; und so blieb dieses Versprechen bestehen und lebte im Kollektivbewußtsein einer gewissen Partei fort, während in ihm selbst die Empfindung von der Bitternis des Seins entschwunden war; und er sein Versprechen gern als ein scherzhaftes betrachtet hätte.

Das Erscheinen des Individuums mit dem Schnurrbärtchen erfüllte Nikolai Apollonowitsch mit Angst.

Warum denn aber — warum hatte er sein Versprechen gegeben? — Und das wäre nicht das Wichtigste: warum hatte er aber sein furchtbares Versprechen einer leichtfertigen Partei gegeben?

Die Antwort wäre einfach: Nikolai Apollonowitsch, beschäftigt mit der Methodik der sozialen Erscheinungen, hatte die Welt dem Feuer und Schwert preisgegeben.

»Wissen Sie, Nikolai Apollonowitsch,« (Nikolai Apollonowitsch fuhr erschreckt auf) »ich kam eigentlich nicht zu Ihnen wegen des Tabaks . . . das heißt das mit dem Tabak war ganz zufällig . . .«

»Ich verstehe schon.«

»Der Tabak ist eine Sache für sich; ich kam aber nicht wegen des Tabaks, sondern einer Sache wegen . . .«

»Sehr angenehm . . .«

»Eigentlich ist es auch gar keine Sache; es handelt sich nur um eine Gefälligkeit — und diese Gefälligkeit werden Sie mir sicher erweisen . . .«

»Gewiß doch, sehr angenehm . . .«

Nikolai Apollonowitsch wurde blau; er saß und bemühte sich, einen Knopf vom Sofa zu lösen.

»Mir ist es höchst peinlich, aber eingedenk . . .«

Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: die scharfe, hohe Fistelstimme des Unbekannten fuhr wie ein Messer durch die Luft; eine Sekunde des Schweigens war dieser Fistelstimme vorangegangen; diese Sekunde aber glich einer Stunde — einer unendlichen Stunde.

Doch nahm er sich sofort zusammen; er meinte nur:

»So, ich stehe zu Ihren Diensten —« Und dabei dachte er: die Höflichkeit habe ihn vernichtet . . .

»Eingedenk Ihres Mitfühlens mit uns, kam ich . . .«

»Alles, was ich nur kann« — schrie Nikolai Apollonowitsch heraus und dachte: er sei doch ein vollendeter Esel . . .

»Eine kleine, o, eine ganz kleine Gefälligkeit . . .« (Nikolai Apollonowitsch horchte gespannt):

»Pardon . . . darf ich um die Aschenschale bitten?«

Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit: mit frostigem Schritt zog durch Rußlands Norden der giftige Oktober; im Süden aber hingen bereits seine Fäulnisnebel in der Luft. Er jagte das goldene Waldflüstern aus den Bäumen, und das goldene Waldflüstern legte sich ergeben auf den Boden — ergeben fiel das Espenlaub zu Boden, wirbelte und klebte an den Füßen der Passanten, wisperte und flocht gelbrote Worte aus Blättern. Das süße, in der septemberlichen Laubwelle badende Piepsen der Meisen, es badete längst nicht mehr in den Laubwellen;und die Meise selbst hüpfte jetzt verwaist im Netzwerk der nackten Zweige umher.

Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit; die Froststürme nahten schon in den bauschigen Wolken, die bleiern waren und blau, aber alle glaubten an den Frühling: vom Frühling berichteten die Zeitungen, vom Frühling unterhielten sich die Staatsbeamten der allerletzten Klasse; an den Frühling mahnte ein damals populär gewesener Minister; und direkt nach Maiveilchen dufteten die Seelenergüsse in den Briefen einer Petersburger Studentin.

Die Bauern hatten längst aufgehört, den rauhen Boden zu pflügen; ihre Pflüge warfen sie fort, die Bauern, ebenso ihre Eggen; sie sammelten sich in Häuflein vor ihren Hütten und erörterten die Nachrichten der Zeitungen; sie sprachen und debattierten und bereiteten sich vor, in einer vereinten Schar gegen das Gutsherrenhaus zu ziehen, gegen das Haus mit den Säulen, das sich in den Wolga-, Kama- und selbst in den Dnjeprwellen spiegelte; der Feuerschein der brennenden Güter leuchtete in den langen Nächten über Rußland; der Tag aber verwandelte das Leuchten in das Schwarz der Rauchsäulen. Da aber konnte man in den entlaubten Büschen Haufen zerzauster Kosaken erblicken, die die Läufe ihrer Flinten gegen den Alarmturm richteten; auf ihren zerzausten Pferden sprengten dann ihre Abteilungen hervor, blaue bärtige Menschen rasten, die Nagaiken schwangen durch die herbstlichen Fluren dahin.

So war es auf dem Lande.

Aber so war es auch in den Städten. In denWerkstätten, Friseurläden, Milchgeschäften, Wirtshäusern, überall trieb sich ein redseliges Subjekt umher; die aus den blutgetränkten Feldern der Mandschurei mitgebrachte, buschige Pelzmütze in die Stirn gedrückt, in der Seitentascheein — weiß Gott woher herbeigeschaffter — Browning, steckte das redselige Subjekt zum soundsovielten Male dem Vorübergehenden ein schlecht gedrucktes Blättchen in die Hand.

Alles wartete, hoffte und fürchtete sich; man lief beim leisesten Geräusch auf die Straße, versammelte sich in Haufen und ging wieder auseinander; so lebten in Archangelsk die Loparen, Korelen und Finnen; in Nischne-Kolymsk die Tangusen; am Dnjepr — die Juden und die Kleinrussen. In Petersburg und Moskau lebten so alle: man wartete, fürchtete sich, hoffte; beim leisesten Geräusch rannte man auf die Straße; man versammelte sich in Haufen und ging wieder auseinander.

Die Zusammenstöße in den Straßen häuften sich: die Zusammenstöße mit den Hausportiers, den Wächtern, den Revieraufsehern; die Hausportiers, die Polizisten und besonders die Revieraufseher wurden von jedem belästigt: vom Arbeiter, vom Abcschützen, vom Kleinbürger Iwan Iwanowitsch Iwanow und seiner Gattin, selbst vom Ladeninhaber Pusanow, der in den vergangenen besseren Tagen den Revieraufseher bald mit Lachs, bald mit kernigem Kaviar beschenkt hatte. Jetzt wandte sich der wohlgeborene Kaufmann Pusanow gegen den Revieraufseher und das andere »Gesindel«: so etwas schüchterte den Polizeibeamten ein: grau, in grauem Mantel, wanderte er unbemerkt wie ein Schatten daher und zog in Ehrfurcht beflissen seinen Säbel ein, mit zum Boden gesenkten Augen.

So fristete zu jener Zeit seine Tage der Polizeibeamte in irgendeinem Kem; so fristete er die Tage in Petersburg, Moskau, Orenburg, Taschkent, kurz, in all den Städten, die zum Russischen Reiche gehörten.

Petersburg ist von einem Ring vielschlotiger Fabriken umgeben; die Vorstadt ist wie ein Ameisenhaufen belebt.Zu jener Zeit waren alle in den Fabriken höchst aufgeregt; und die Anführer der Haufen wurden alle zu redseligen Subjekten; es zirkulierte unter ihnen der Browning; und noch etwas. Die üblichen Schwärme wuchsen in jenen Tagen unmäßig an und verdichteten sich zu vielköpfiger, vielstimmiger, riesenhafter Schwärze; und griff ein Fabrikinspektor nach dem Telephonrohr, so wußte man schon: gleich wird ein Steinhagel aus der Menge zu den Fenstern fliegen.

Petersburg selbst blieb unverändert; nur ein einziges Mal zogen Scharen von Menschen, von Geistlichen gefolgt, über den Newskij-Prospekt: man trug den Sarg eines Professors; voran wälzte sich ein Meer von Grün; blutrote Atlasbänder wehten in der Luft.

Es war eine neblige, sonderbare Zeit; mit frostigen Fersen schritt der Oktober durchs Land; frostiger Staub flog in braunen Stürmen durch die Stadt; und ergeben legte sich das goldene Blättergeflüster auf die Wege des Sommergartens, ergeben legte sich das raschelnde Laub zu den Füßen der Passanten, um, vor ihnen herjagend, an ihren Füßen hängenzubleiben; raunend flocht es gelbrote Worte aus Blätterbüscheln; das Meisengepiepse, das den ganzen August in den Laubwellen gebadet hatte, badete längst nicht mehr in den Wellen des Laubes; und die Meise im Sommergarten hüpfte verwaist im Netz der trockenen Zweige umher, hüpfte auf dem bronzenen Gitter und flog auf das Dach über dem Häuschen Peters des Großen.

So waren die Tage. Die Nächte aber — — Bist du schon nachts einmal gewandert, befandest du dich da in einem entlegenen Vorstadtgehölz, und hast du da die aufdringlichen, schreckenden U-Laute vernommen? »Uuuu — uuuu — uuuu«: so tönte es in der Ferne; war es überhaupt ein Laut? Wenn’s aber ein Laut war, so kam er sicheraus einer anderen Welt; von seltener Stärke und Klarheit: »Uuuu — uuuu — uuuu«, tönte es in den Vorstädten von Moskau, Petersburg, Saratow; doch die Fabrikpfeife hatte geschwiegen, der Sturm hatte nicht gepfiffen, und stumm war der Haushund geblieben.

Hörtest auch du einmal das Oktoberlied von neunzehnhundertundfünf? Ein solches Lied hatte es vorher nicht gegeben; ein solches Lied wird es nicht mehr geben: nie mehr.

Über die Stufen des Amtsgebäudes schreitend, sich mit der Hand an des Geländers kalten Marmor stützend, blieb Apollon Apollonowitsch mit der Fußspitze an dem Plüschläufer hängen und — stolperte; unwillkürlich verlangsamte sich sein Schritt; da geschah es, daß seine Augen eine Zeitlang an dem Riesenporträt des Ministers hafteten, der mit traurigem und mitleidigem Blick vor sich hin sah.

Das Rückgrat Apollon Apollonowitschs durchzog eine Frostwelle: das Gebäude war wenig geheizt. Wie eine Ebene schien Apollon Apollonowitsch der weiße, ausgedehnte Raum.

Er hatte Angst vor dieser Weite. Der Raum ängstigte ihn noch mehr als der Zickzack oder die gebrochene Linie; eine Dorflandschaft war ihm ein Schrecken: dort hinter Schnee und Eis, hinter der gewundenen Linie des Waldsaums, in der sich kreuzende Luftströme im Schneesturm rasen, dort wäre er einst einmal, einem Zufall zufolge, beinahe erfroren.

Es geschah vor fast fünfzig Jahren.

In jener damaligen Stunde des einsamen Erfrierens hatte er gefühlt, wie kalte Finger seine Brust durchbohrten und grausam streichelnd sein Herz berührten; jene frostigeHand geleitete ihn dann weiter; jener frostigen Hand folgte er in seiner Karriere, vor Augen immer die unheilvolle, unmögliche Ausdehnung; dort, von dort winkte immer die frostige Hand; von dort gähnte ihm entgegen — die Un—Unermeßlichkeit: Russisches Reich.

Ja: nun zum Porträt des Ministers . . . Öfters hatte er diesem gesagt:

»Rußland ist eine eisige Ebene, in welcher sich seit Hunderten von Jahren Wölfe umhertreiben . . .«

Der Minister hatte ihn mit samtweichem, liebkosendem Blick angesehen; mit der weißen Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart streichelnd, schwieg er und seufzte. Der Minister hatte seine Ämter als ein qualvolles, opferheischend drückendes Kreuz getragen; er trug sich mit dem Gedanken, nach Beendigung des Dienstes . . .

Aber er starb.

Jetzt ruhte er im Grabe, und Apollon Apollonowitsch Ableuchow war nun ganz allein; hinter ihm verloren sich die Jahrhunderte, in der Un—ermeßlichkeit; vor ihm zeigte eine frostige Hand in die Un—ermeßlichkeit.

Un—ermeßlichkeiten flogen ihm entgegen.

Rußland, Rußland, dich sah er, dich!

Du bist es, das durch Wind, Sturm, Schnee und Regen heulte; heulte durch Millionen lebendiger, beschwörender Stimmen! Es schien in diesem Augenblick dem Senator, als riefe eine Stimme aus einem einsamen Grab, in unbestimmter Weite nach ihm; es wiegte sich dorten kein einsames Kreuz; es winkte von dort kein Lichtchen in das eisige Schneetreiben hinein; und hungrige Wölfe heulten in Rudeln dort als Echo der heulenden Winde.

Unstreitig: im Senator entwickelte sich mit den Jahren Raumangst.

Die Krankheit wurde akut — seit jenem tragischen Tod; vielleicht beobachtete ihn nächtlich die Gestalt des totenFreundes und blickte ihn in den langen Nächten an mit seinem samtweichen Blick und streichelte mit der weißen Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart.

Inzwischen setzten Nikolai Apollonowitsch und der Unbekannte die Unterhaltung fort.

»Ich habe den Auftrag,« sagte der Unbekannte, die Aschenschale von Nikolai Apollonowitsch nehmend, —»ja: ich habe den Auftrag, Ihnen dieses Paketchen zur Aufbewahrung zu übergeben.«

»Nur das?« rief Apollonowitsch Nikolai. Er wagte noch kaum zu glauben, daß das beängstigende Erscheinen des Unbekannten nichtjenes schrecklicheVersprechen betraf, daß es sich nur um ein harmloses Paketchen handelte; rasch erhob er sich und näherte sich dem Paket; doch seltsamerweise erhob sich auch der Unbekannte und trat zwischen Nikolai Apollonowitsch und das Paket; und als die Hand des Senatorsohnes nach diesem griff, erfaßte der Unbekannte derb seine Finger:

»Vorsichtig, um Gottes willen . . .«

Da ertönte plötzlich ein metallischer Laut, ein Knall; man hörte das Quieken einer gefangenen Maus; im Nu flog das Taburett zu Boden, und mit eiligen Schritten lief der Unbekannte in die Ecke:

»Nikolai Apollonowitsch! Nikolai Apollonowitsch,« rief seine ängstliche Stimme, »eine Maus, eine Maus . . . Sagen Sie geschwind Ihrem Diener . . . daß, das . . .daskann ich nicht ertragen . . .«

Nikolai Apollonowitsch wunderte sich.

»Sie fürchten sich vor Mäusen? . . .«

»Rasch, rasch . . . schaffen Sie sie fort . . .«

Nikolai Apollonowitsch beeilte sich, den Knopf der elektrischen Klingel zu drücken und sah ordentlich komisch aus, in der Hand die gefangene Maus haltend, die allerdings in der Falle saß, und Nikolai Apollonowitsch neigte sein Gesicht fast bis an den Draht, um das Tierchen genauer zu betrachten.

»Ein Mäuschen«, sprach er, die Augen zum hereintretenden Diener gewandt; höflich wiederholte seinerseits dieser:

»Ein Mäuschen.«


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