Wirklich!
Eine unerwartete, unvorhergesehene Tatsache: vor zweieinhalb Jahren hatte Anna Petrowna ihren Gatten verlassen und war mit einem italienischen Schauspieler fortgezogen; von dem Schauspieler im Stich gelassen, verließ sie die herrlichen Paläste Spaniens und eilte über die Pyrenäen, die Alpen, Tirol, mit dem Expreßzug zurück; was aber am wunderlichsten war: zweieinhalb Jahre durfte der Name Anna Petrowna in Anwesenheit des Senators nicht genannt werden, ja, noch vor zweieinhalb Tagen war er durchaus verpönt; zweieinhalb Jahre vermied der Senator jeden Gedanken an Anna Petrowna (trotzdem dachte er wohl an sie), und selbst bei einem zufälligen Zusammentreffen dieser Lautverbindung zog er verächtlich die Lippen zusammen. Warum war aber bei der Nachricht von ihrer Rückkehr an Stelle des verächtlichen Zuckens ein erregt zorniges Zittern des Kiefers getreten? Warum schlief er diese Nacht nicht? Warum war der Zorn im Laufe der zwölf Stunden allmählich gewichen und statt seiner stellte sich eine unruhevolle Sehnsucht ein? Warum hielt er es nicht aus und fuhr selbst ins Hotel; überredete sie, brachte sie selbst nach Hause? Was war dort im Hotelzimmer vorgefallen? — Auch Anna Petrowna hat ihr Vorhaben vergessen; das Vorhaben, das sich ihr gestern beim Besuch im lackierten Haus wieder fest eingeprägt hatte.
Sie hat ihr Vorhaben aufgegeben und ist zurückgekehrt.
Beide waren durch die Auseinandersetzung im Hotel erregt und verlegen; deswegen verzichteten beide auf irgendwelche Gefühlsäußerungen beim Eintritt in das lackierte Haus; Anna Petrowna sah von der Seite ihren Gatten an: Apollon Apollonowitsch schneuzte sich, dann räusperte er sich ein wenig. Anna Petrowna dankte herablassendauf die ehrfurchtsvollen Grüße der Dienerschaft; sie verhielt sich sehr reserviert; nur den alten Ssemjonytsch umarmte sie und — es sah aus, als möchte sie an seiner Schulter weinen; aber sie warf einen verlegenen, erschreckten Blick auf Apollon Apollonowitsch und überwand sich: sie griff nach dem Handtäschchen, doch holte sie das Taschentuch nicht vor.
Apollon Apollonowitsch, seiner Gattin ein paar Stufen voraus, warf den Lakaien strenge, befehlende Blicke zu; solche Blicke hatte er nur in Augenblicken der Verlegenheit; gewöhnlich benahm sich Apollon Apollonowitsch gegen die Dienerschaft mit verletzend ausgesuchter Höflichkeit und Kühle (die bekannten Scherze ausgenommen). Er behielt vor der Dienerschaft den Ton der Gleichgültigkeit: nichts ist geschehen, die gnädige Frau hat sich aus Gesundheitsgründen im Auslande aufgehalten, jetzt ist sie zurückgekehrt — nichts weiter . . . Also was ist dabei? Es ist alles in schönster Ordnung! . . .
Übrigens, einen Diener gab es (alle früheren außer Ssemjonytsch und dem Knaben Grischka sind inzwischen aus dem Hause fortgekommen), — dieser Diener erinnerte sich ganz genau, wie die gnädige Frau damals ins Ausland gereist war: der Dienerschaft war nichts gesagt worden; das ganze Gepäck hatte aus einer Handtasche bestanden (und das für die Zeit von zweieinhalb Jahren!); den Tag vor der Abreise hatte die Gnädige sich in ihren Gemächern eingesperrt gehalten; die vorherigen Tage aber war bei ihr immer der Schwarze mit dem Schnurrbart gesessen: wie hatte er nur geheißen — Mindalini (er hieß in Wirklichkeit Mantalini), — der immer die nichtrussischen Lieder gesungen hatte: »Tra—la—la . . . Tra—la—la . . .« Und der nie Trinkgeld gegeben hatte.
Dieser Lakai, der das alles in seiner Erinnerung hatte, küßte besonders ehrfurchtsvoll das erlauchte Händchen;sein Gewissen war durch die Schuld belastet, nicht die Einzelheiten der Flucht — d. h. der Abreise — aus seinem Gedächtnis weggewischt zu haben; er hatte die begründete Angst, daß mit dem Erscheinen der erlauchten Gnädigen seine Tage im lackierten Haus gezählt seien.
Sie sind im großen Salon; wie Spiegel blitzen die Quadrate des Parketts: während dieser zwei Jahre war hier nur selten geheizt worden; von der kalten Zimmerflucht ging immer eine undefinierbare Traurigkeit aus; Apollon Apollonowitsch war stets in seinem Zimmer hinter abgesperrter Tür gesessen; es hatte ihm immer geschienen, aus der Zimmerflucht würde ein Bekannter, ein Trauriger zu ihm hereinstürzen; jetzt stand er da und dachte: nun ist er nicht mehr allein; er wird nicht mehr allein über die Quadrate des Parketts schreiten, sondern mit . . . Anna Petrowna.
Er bot galant der Angekommenen den Arm und führte sie durch den großen Saal; Anna Petrowna blieb vor einer blaßtönigen Malerei stehen, wandte sich Apollon Apollonowitsch zu und lächelte:
»Ach das da . . . Erinnern Sie sich, Apollon Apollonowitsch?«
Sie schielte ein klein, klein wenig, wurde ein klein, klein wenig rot; zwei kornblumenblaue Augen versanken da in zwei andere, von Himmelsblau erfüllte; und — der Blick, der Blick; etwas Liebes, Gewesenes, Altes, — etwas, was die Menschen vergessen haben, was aber die Menschen seinerseits nie vergaß, was immer vor jeder Tür steht, dieses Etwas stellte sich plötzlich zwischen ihre Blicke; es war nicht in ihnen; es erwachte nicht in ihnen: es stand zwischen ihnen — als wäre es vom Frühlingswind hereingeweht worden. Der Leser verzeihe mir: ich will den Sinn dieser Blicke mit dem ganz banalen Wort bezeichnen: es war —Liebe.
»Erinnern Sie sich?«
»Gewiß doch . . .«
»Wo?«
»In Venedig . . .«
»Es sind dreißig Jahre seither vergangen! . . .«
Die Erinnerung an einen im Nebel schimmernden Kanal tauchte in ihm auf, an eine Arie, die seufzend aus der Ferne klang: dreißig Jahre sind seither vergangen. Auch sie wurde von der Erinnerung an Venedig erfaßt; diese Erinnerung spaltete sich aber: vor dreißig Jahren und — vor zweieinhalb Jahren; sie errötete: sie hatte ja diese Erinnerung zu verdrängen gesucht; nun trat eine andere auf: Kolenka. Sie hatte in den letzten zwei Stunden nicht an Kolenka gedacht; das Gespräch mit dem Senator hatte alles andere für einige Zeit beiseite geschoben; vor diesen letzten zwei Stunden hatte sie doch nur an Kolenka gedacht, voll Zärtlichkeit, voll Zärtlichkeit und Kränkung: Kolenka hatte nichts von sich hören lassen, keine Nachricht gegeben.
»Kolenka . . .«
Sie traten in den Salon ein: überall Nippessachen, Metall- und Perlmutterinkrustationen, Bronzen.
»Kolenka geht es gut, Anna Petrowna . . . er befindet sich ganz wohl . . .« Der Senator machte ein paar eilige Schritte seitwärts.
»Ist er zu Hause?«
Apollon Apollonowitsch, der sich gerade in einen Empiresessel niedergelassen hatte, erhob sich etwas widerwillig und drückte den Knopf derelektrischenGlocke.
»Warum kam er nicht zu mir?«
»Er ist, Anna Petrowna . . . mmä—mmä . . . Er war . . . sehr . . .« — der Senator wurde seltsam verworren, dann zog er sein Taschentuch hervor, schneuzte sich lange mit sonderbaren Trompetenlauten; dann räusperte ersich ein wenig und steckte sehr langsam das Taschentuch wieder in die Tasche:
»Ja, er hatte sich sehr gefreut . . .«
Schweigen trat ein. Der kahle Kopf neigte sich über einer kalten, langbeinigen Bronze; der Lampenschirm, mit feinster Malerei bedeckt, glänzte nicht mit seinen violetten Tönen: verloren hat das neunzehnte Jahrhundert das Geheimnis dieser Farbe; das Glas war abgedunkelt von der Zeit; und auch die feine Malerei war abgedunkelt von der Zeit.
Auf das Läuten trat Ssemjonytsch herein:
»Ist Nikolai Apollonowitsch zu Hause?«
»Jawohl, gnädiger Herr.«
»Mm . . . hören Sie mal: sagen Sie ihm . . . Anna Petrowna sei hier und ließe ihn bitten . . .«
»Vielleicht gehen wir selbst zu ihm«, sagte erregt Anna Petrowna und erhob sich lebhaft aus dem Lehnstuhl; aber der Senator unterbrach sie mit scharfer Wendung gegen Ssemjonytsch:
»Mä — mmä . . . Ssemjonytsch: also sagen Sie: . . .«
»Zu Befehl . . .«
»Ich bin mit Kolenka, Anna Petrowna, nicht ganz zufrieden . . .«
»Was sagen Sie . . .«
»Kolenka benimmt sich schon seit geraumer Zeit — regen Sie sich nicht auf — er benimmt sich einfach — aber regen Sie sich nicht auf — einfach sonderbar . . .«
— ?
Die goldeingerahmten Trumeaus verschlangen mit ihrem grünlichen Glas den Salon.
»Kolenka wurde etwas verschlossen . . . Kche — kche« — nach dem Hustenanfall begann er mit den Fingern aufs Tischchen zu trommeln; es fiel ihm etwas — etwas Persönliches— ein, er zog die Augenbrauen zusammen, rieb sich an der Nasenwurzel; doch er faßte sich bald und rief mit fast übermäßiger Lustigkeit:
»Übrigens: nein, es ist weiter nichts dabei . . . Gar nichts . . .«
Zwischen den Trumeaus glitzerten überall Perlmuttertischchen.
Den Schmerz im Knie überwindend (der Fall in Lichutins Zimmer machte sich immerhin bemerkbar), ein wenig hinkend, lief Nikolai Apollonowitsch durch den Korridor.
Ein Wiedersehen mit der Mutter!
Ein Wirbel von Gedanken und Vorstellungen rauschte durch seinen Kopf; oder nein: es waren keine Gedanken, und es gab nirgends einen Sinn — es war ein Wirbel von Sinnlosigkeiten.
Welche Gedanken waren es?
Erstens der Gedanke an den Schrecken seiner Lage; der Schrecken seiner Lage ergab sich durch das Verschwinden der Sardinenbüchse; die Sardinenbüchse, d. h. die Bombe, ist verschwunden; es war klar, daß jemand die Bombe weggeschafft hat; wer aber, wer? Einer von den Dienern; dann ist also die Bombe in die Hände der Polizei gekommen; und er wird — verhaftet; das wäre nicht das Schlimmste; das Schlimmste ist: Apollon Apollonowitsch selbst hat die Bombe gefunden und hat sie mitgenommen und weiß jetzt: weiß jetzt alles.
Was —alles? Es war ja nichts gewesen; Ermordungsplan? Es gab ja keinen Ermordungsplan; er, Nikolai Apollonowitsch, bestreitet einen solchen Plan auf dasentschiedenste: es ist eine niedere Verleumdung — wenn behauptet wird, ein solcher Plan habe existiert.
Es bleibt aber die Tatsache der gefundenen Bombe bestehen.
Wenn ihn der Vater ruft, wenn seine Mutter — nein, er kann’s nicht wissen: er hat die Bombe nicht aus dem Zimmer fortgetragen. Auch die Diener . . . Diesen hätte man es gleich angemerkt. Doch niemand zeigte was. Nein, sie wissen nichts von der Bombe. Aber wo ist sie, wo? Hat er sie wirklich im Schreibtisch versteckt; hat er sie nicht irgendwo unter dem Teppich verborgen, zufällig, mechanisch: so was passierte ihm manchmal.
In einer Woche wird sich alles von selbst aufklären . . . Doch nein; die Bombe wird ihre Anwesenheit schon heute anzeigen — durch ein furchtbares Gepolter (das Poltern konnten die Ableuchows absolut nicht vertragen).
Ihre Anwesenheit — unter dem Teppich, in irgendeinem Schrank, unter einem Kissen — sie wird sie anzeigen; sie wird zu poltern beginnen und wird dann platzen; er müsse die Bombe finden; nun habe er jetzt aber keine Zeit dazu: die Mutter ist da.
Und dann ein weiterer Gedanke: man hat ihn beleidigt; das war sein zweiter Gedanke; und der dritte: ja, dieses widerliche kleine Männchen, Pawel Jakowlewitsch! Er glaube ihn jetzt wieder, gerade wie er nach Hause fuhr, gesehen zu haben; und schließlich — Pepp Peppowitsch Pepp: Pepp, das ist die furchtbare Ausbreitung des Körpers, das Sichdehnen der Adern, das Sieden im Kopf . . .
Ach: nun ist alles durcheinandergeraten; der Wirbel der Gedanken flog mit unmenschlicher Schnelligkeit durch den Kopf und rauschte in den Ohren, so daß es gar keine Gedanken waren: es war eine einzige Sinnlosigkeit.
Er öffnete die Salontür.
Das erste, was er erblickte, war . . . war . . . Na ja: er erblickte das Gesicht seiner Mutter und zwei Hände, die sich ihm aus dem Lehnstuhl entgegenstreckten: das Gesicht war gealtert und die Hände zitterten im durchbrochenen Goldlicht der Laternen, die gerade draußen hinter den Fenstern angezündet wurden.
Und er hörte eine Stimme:
»Kolenka, mein geliebter, mein teuerer!«
Er verlor die Fassung, sein ganzes Wesen flog ihr entgegen.
»Bist du’s, mein Junge . . .«
Nein, er konnte sich nicht mehr halten: er kniete vor ihr nieder, er umschlang krampfhaft ihre Taille: er drückte sein Gesicht in ihren Schoß und brach in Weinen aus; er weinte — weiß Gott warum: ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, unaufhaltsam, schamlos weinte er, und seine breiten Schultern bebten (bedenken wir doch, daß Nikolai Apollonowitsch in den letzten drei Jahren keine Liebkosung kannte).
»Mama, Mama . . .«
Auch sie weinte.
Apollon Apollonowitsch stand abseits, in der Dämmerung der Fensternische; er berührte mit der Hand den Kopf einer chinesischen Porzellanpuppe: der Chinesenkopf wiegte sich: Apollon Apollonowitsch trat aus der Dämmerung der Nische heraus; er hüstelte leise; mit kleinen Schrittchen näherte er sich dem weinenden Paar, und plötzlich trompetete er neben dem Lehnstuhl heraus:
»Beruhigt euch, meine Lieben!«
Er hatte eigentlich solche Gefühle bei seinem Sohne nicht vermutet, bei dem kalten, in sich verschlossenen Sohne,an dessen Gesicht er in diesen zweieinhalb Jahren nie was anderes als Grimassen gesehen hatte; einen bis zu den Ohren breitgezogenen Mund, nach unten blickende Augen; dann drehte sich Apollon Apollonowitsch um und lief aus dem Zimmer — um etwas zu holen.
»Mama . . . Mama . . .«
Die Angst, die Demütigungen der letzten vierundzwanzig Stunden, das Verschwinden der Sardinenbüchse, das Gefühl der völligen eigenen Unzulänglichkeit, all das flatterte in verworrenen Augenblicksgedanken durch sein Hirn; alles versank in dem warmen Dunst des Wiedersehens:
»Mein Knabe, mein geliebter . . .«
Die eisige Berührung von Fingern an seiner Hand brachte ihn zu sich:
»Da, Kolenka, nimm einen Schluck Wasser.«
Als er sein verweintes Gesicht vom Schoß der Mutter hob, sah er vor sich die Kleinkinderaugen eines achtundsechzigjährigen Greises: der kleine Apollon Apollonowitsch stand da mit einem Glas Wasser in der Hand; seine Finger tanzten; er tätschelte, vielmehr er versuchte, Nikolai Apollonowitsch über Rücken, Wange und Schulter zu tätscheln; plötzlich strich er mit der Hand über die flachsweißen Haare. Anna Petrowna lachte; ganz unnötigerweise richtete sie ihren Kragen am Halse zurecht; ihre glückberauschten Blicke übertrug sie von Nikolenka auf Apollon Apollonowitsch; und umgekehrt: von ihm auf Nikolenka.
Nikolai Apollonowitsch erhob sich langsam von den Knien:
»Verzeihen Sie, Mama: das war nur so . . .«
»Es war nur die Überraschung . . .«
»Ich . . . es ist nichts weiter dabei . . . Danke, Papa . . .«
Und er schluckte ein wenig Wasser herunter.
Apollon Apollonowitsch stellte das Glas auf das Perlmuttertischchen; und plötzlich begann er — zu lachen, wie Knaben zu den Scherzen des lustigen Onkels lachen und sich gegenseitig mit den Ellbogen anstoßen; zwei altbekannte, liebe Gesichter!
»Soo . . .«
»Soo . . .«
»Sooo . . .«
Nikolai Apollonowitsch stand neben dem Trumeau, das von einem goldbackigen Amor oben gekrönt war; unter dem Amor wanden sich Lorbeer- und Rosengewinde durch Fackelflammen; plötzlich flog wie ein Blitz durch sein Gehirn: die Sardinenbüchse! . . .
Was ist nun damit? Wie ist es nun? Seine Gefühlswallung wurde jäh abgebrochen.
»Ich muß einen Augenblick . . . Ich komme gleich wieder.«
»Was hast du, Liebling?«
»Das macht nichts . . . Lassen Sie ihn, Anna Petrowna . . . Ich rate dir, Kolenka, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben . . . fünf Minuten . . . Ja, weißt du . . . Und dann — komm wieder . . .«
Den Gefühlsausbruch noch weiter ein wenig simulierend, wackelte Nikolai Apollonowitsch leicht, ließ theatralisch das Gesicht in die Hände fallen: wie etwas Totes schimmerten die flachsweißen Haare in der Dämmerung des Zimmers. Wackelnd ging er hinaus.
Verwundert sah der Vater die glückliche Mutter an.
»Wahrhaftig, ich erkannte ihn nicht . . . Diese, diese . . . diese Gefühle —« Apollon Apollonowitsch lief vom Spiegel zum Fenster . . . »Diese, diese . . . Gefühle« — er streichelte sich über den kleinen Backenbart.
»Sie zeugen« — er machte eine scharfe Wendung, hob die Fußspitzen ein wenig vom Fußboden, balancierte einenMoment lang auf den Absätzen und machte dann mit dem ganzen Körper einen Ruck nach vorne, den den Fußboden berührenden Fußspitzen nach —
»Sie zeugen« — er kreuzte die Hände auf dem Rücken und lief auf und ab durch den Salon:
»Sie zeugen von natürlichen Gefühlen und sozusagen« — er zuckte mit den Achseln — »von guten Charaktereigenschaften . . .«
»Ich habe es keinesfalls erwartet . . .«
Eine auf dem Tisch stehende Tabakdose zog die Aufmerksamkeit des Staatsmannes auf sich; von dem Wunsch erfaßt, sie in symetrische Lage zu dem danebenstehenden chinesischen Tablettchen zu bringen, lief er plötzlich mit rasch-raschen Schrittchen dem Tische zu und langte . . . nach einer auf dem Tablettchen liegenden Visitenkarte, die er ziellos zwischen den Fingern zu drehen begann. Seine Zerstreutheit kam daher weil in ihm im selben Augenblick ein tiefer Gedanke auftauchte, der sich im Nu zu einem Labyrint weitverzweigter, gedanklicher Entdeckungen ausgedehnt hat. Doch Anna Petrowna, die in wonniger Selbstverlorenheit im Lehnstuhl saß, bemerkte mit Überzeugung:
»Ich habe immer gesagt . . .«
»Ja, weißt du . . .«
Apollon Apollonowitsch erhob sich auf die Fußspitzen, dann lief er vom Tisch zum Fenster:
». . . Wissen Sie . . .«
Apollon Apollonowitsch lief vom Fenster in die Ecke:
»Kolenka hat mich in Verwunderung versetzt: und aufrichtig gesagt — mich hat sein Benehmen — beruhigt« — er zog die Stirn in Falten — »in bezug auf . . . in bezug auf« — er nahm die Hand vom Rücken und trommelte über das Tischchen:
»Mja! . . .«
Plötzlich unterbrach er sich scharf:
»Macht nichts!«
Und er wurde nachdenklich; er sah Anna Petrowna an; ihre Blicke begegneten sich; sie lächelten einander zu.
Nikolai Apollonowitsch trat in sein Zimmer; er betrachtete mit starrem Blick das arabische Taburett: das inkrustierte Muster aus Elfenbein und Perlmutter. Langsam schritt er zum Fenster: dort zog sich der Fluß hin; ein Kahn schaukelte auf den Wellen; die Wellen schlugen leicht auf den Granit; die Stille des Zimmers wurde plötzlich von Klavierklängen erhellt, die aus der Ferne, aus dem Salon, hereinbrachen; so pflegte sie auch früher zu spielen, unter diesen Klängen pflegte er über den Büchern einzuschlafen.
Nikolai Apollonowitsch blieb vor dem Haufen hingeworfener Gegenstände stehen und dachte qualvoll nach:
»Was bedeutet das . . . Wie ist das möglich . . . Wo konnte ich sie hingetan haben? . . .«
Und — ihm fiel nichts ein.
Schatten, Schatten und Schatten: die Ledersessel grünten hinter den Schatten; eine Büste — Kants natürlich — trat aus den Schatten hervor.
Plötzlich bemerkte er auf dem Schreibtisch einen Briefbogen, der doppelt gefaltet dalag: solche doppelt gefaltete Zettel pflegen Besucher, die den Wirt nicht antrafen, etwas aber mitzuteilen hatten, liegenzulassen; mechanisch griff er nach dem Bogen, mechanisch blickte er auf die ihm bekannte Lichutinsche Schrift. Ja, wahrhaftig: er hatte ganz vergessen, daß Lichutin in seiner Abwesenheit am Vormittag hier gewesen war, alles durchsucht, in den Sachen herumgestöbert hatte. (Lichutin hat es ihm ja selbst bei ihrem peinlichen Zusammentreffen mitgeteilt). . .
Ja, ja, ja: Lichutin hatte das Zimmer durchsucht.
Nikolai Apollonowitsch atmete erleichtert auf. Nun ist alles auf einmal klar geworden: Lichutin! Natürlich, natürlich; hier war er und hat überall herumgestöbert; er hat nach der Bombe gesucht, sie gefunden und mitgenommen; es war kein Zweifel: der Offizier hat die Sardinenbüchse mitgenommen.
Erleichtert ließ er sich in den Sessel nieder; wieder wurde die Stille von Chopinklängen durchzogen; so war es auch früher: immer wurde die Stille durch Chopinklänge durchzogen — vor neun, vor zehn Jahren — immer hatte Anna Petrowna Chopin gespielt (nicht Schumann). Und es schien ihm jetzt, als hätte es gar keine Ereignisse gegeben: alles hat sich ja so einfach aufgeklärt: die Sardinenbüchse wurde von Lichutin fortgetragen (von wem denn sonst? Außer, er nähme an . . . — aber wozu eine solche Annahme!); nein, es hatte keine Ereignisse gegeben.
Jenseits der Newagewässer erhoben sich Riesen — als Schattenrisse der Inseln, der Häuser, und blickten in den Nebel mit bernsteinglänzenden Augen, als — weinten sie. Die Laternenschnur längs dem User ließ feurige Tränen in die Newa fallen: kochender Glanz sprudelte auf ihrer Oberfläche.
Nach zweieinhalb Jahren saßen sie wieder zu dreien beim Mittagessen.
Der Kuckuck in der Wanduhr rief, und in demselben Augenblick erschien der Lakai mit der dampfenden Suppenterrine; Anna Petrowna strahlte vor Zufriedenheit; Apollon Apollonowitsch . . . — à propos: wer am Morgen den gebrechlichen Greis gesehen hatte, würde ihn in dem Mann, der jetzt am Tisch saß, nicht wiedererkannt haben; er sah auf einmal gekräftigt aus, verlor jedes Alter, saßstramm auf seinem Platz und ergriff mit federnder Bewegung die Serviette; sie hatten bereits ihre Suppe zu essen begonnen, als die Seitentür aufging: Nikolai Apollonowitsch, leicht gepudert, rasiert und sauber, in bis oben geschlossenem Studentenrock, mit ungemein hohem Kragen (wie man sie in der vorhergegangenen Alexandrowschen Epoche getragen hatte) trat herein und näherte sich, ein wenig humpelnd, dem Eßtisch.
»Was hast du, mon cher« — Anna Petrowna führte etwas affektiert das Lorgnon an die Augen »du hinkst ja, wie ich merke?«
»Ha?« — Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf Kolenka und ergriff das Pfefferfäßchen, »In der Tat . . .«
Mit einer etwas jugendhaften Bewegung streute er viel zuviel Pfeffer in seine Suppe.
»Es ist nichts, maman: ich bin ausgeglitten . . . mein Knie schmerzt ein wenig . . .«
»Sollte man nicht kalte Umschläge machen?«
»In der Tat, Kolenka« — Apollon Apollonowitsch führte den Löffel zum Mund und sah zugleich zum Sohn hinüber — »wenn man sich am Knie gestoßen hat — damit ist nicht zu spaßen: das kann unangenehm werden . . .«
Und — er schluckte die Suppe herunter.
Nikolai Apollonowitsch lächelte entzückend und begann seinerseits die Suppe zu pfeffern.
»Sonderbar ist doch das Muttergefühl« — Anna Petrowna legte ihren Löffel in den Teller, blickte mit großen, kindlichen Augen, den Kopf in den Hals gedrückt (so daß ihr Doppelkinn aus dem Stehkragen hervorquoll). »Ist er auch schon erwachsen, ich bin aber um ihn besorgt, wie in früheren Zeiten . . .«
Sie vergaß vollständig, daß es durch zweieinhalb Jahre jemand anderes war, um den sie sich gesorgt hatte: Kolenka war von einem anderen verdrängt gewesen, von einemFremden, mit schwarzem, üppigem Schnurrbart, mit Augen wie zwei Kirschen; sie vergaß vollständig, daß sie diesem fremden Mann durch mehr als zwei Jahre täglich die Krawatte gebunden hatte; aus violetter Seide; und jeden Morgen ein Glas — Guniadi Janos zum Abführen gereicht hatte.
»Ja, das Muttergefühl: erinnerst du dich — als du deine Dysenterie hattest . . .«
»Sie meinen das mit den Brotscheibchen? Gewiß, ich erinnere mich sehr gut.«
»Ja, eben . . .«
»An den Folgen der Dysenterie«, brummte Apollon Apollonowitsch über dem Teller, »leidest du, glaube ich, auch jetzt noch, mein Lieber.«
Und er schluckte seine Suppe herunter.
»Der junge Herr darf . . . auch jetzt noch . . . keine Erdbeeren essen«, ertönte neben der Tür die zufriedene Stimme des alten Ssemjonytsch, der vor der Tür stand und durch die offene Spalte hereinlugte (bei Tisch bediente ein anderer).
»Erdbeeren, Erdbeeren!« sagte in gedehntem Baßton Apollon Apollonowitsch und drehte sich plötzlich gegen die Tür, wo Ssemjonytsch stand.
»Erdbeeren« — er begann mit dem leeren Mund zu kauen.
Der am Tisch bedienende Lakai (nicht Ssemjonytsch) lächelte, und sein Gesichtsausdruck sollte den Anwesenden sagen:
»Ich weiß schon, was jetzt kommt!«
Der Senator platzte heraus:
»Was meinen Sie, Ssemjonytsch: ist die Melone eine Beere?«
Anna Petrowna wandte sich bloß mit den Augen zu Nikolenka: sie unterdrückte ein herablassend kluges Lächeln;dann übertrug sie den Blick auf den Senator, der wie versteinert in die Richtung der Tür blickte und ganz in Erwartung einer Antwort auf seine alberne Frage aufgegangen zu sein schien; ihre Augen sagten:
»Treibt er es noch immer so?«
Nikolai Apollonowitsch griff verlegen bald nach dem Messer, bald nach der Gabel, während eine unerschütterliche klare Stimme, die keinesfalls über die Frage verwundert zu sein schien, aus der halboffenen Tür erklang:
»Die Melone, Exzellenz, ist keine Beere, sondern eine Gemüsefrucht.«
Apollon Apollonowitsch machte mit dem ganzen Körper eine rasche drehende Bewegung, und flugs war auch schon der erwartete Witz — ei—ei—ei! — da:
Richtig, stimmt, Ssemjonytsch,Alter Kuchentopf —Er hat schlau geurteiltDer kluge kahle Kopf.
Richtig, stimmt, Ssemjonytsch,
Alter Kuchentopf —
Er hat schlau geurteilt
Der kluge kahle Kopf.
Anna Petrowna und Nikolai erhoben ihre Augen nicht von den Tellern: kurz, es war wie in früheren Zeiten!
Apollon Apollonowitsch war offensichtlich bemüht, den Seinigen zu zeigen: nun ist alles ins alte Geleise gekommen; er aß wie sonst mit gutem Appetit, machte Scherze und hörte aufmerksam den Schilderungen von Spaniens Schönheiten zu; Nikolai Apollonowitsch spürte, wie sich eine eigentümliche Traurigkeit in seinem Herzen regte; als existiere keine Zeit mehr; als wäre es erst gestern gewesen: er als Fünfjähriger hört zu, wie seine Mutter mit der Gouvernante spricht (die, die Apollon Apollonowitsch dann aus dem Hause gejagt hat); Anna Petrowna erzählt mit Begeisterung:
»Ich gehe mit Sisi und hinter uns her — zweiSchwänze;wir treten in die Ausstellung ein; dieSchwänzeebenfalls . . .«
»Nein, diese Frechheit!«
Kolenka sieht sich in einem gewaltigen Raum; eine Menge von Menschen; Damenkleider rauschen (er war einmal in eine Ausstellung mitgenommen worden); in der Ferne sieht er, wie sich über der Menge in der Luft riesengroße, schwarzbraune Schwänze erheben; er bekommt Angst: Nikolai Apollonowitsch wußte damals als Kind noch nicht, daß die Gräfin Sisi mit dem Wort »Schwänze« ihre Verehrer zu bezeichnen pflegte.
Diese Erinnerung an die Angst vor den in der Luft baumelnden Schwänzen ruft jetzt in ihm ein unterdrücktes Gefühl von Unruhe wieder wach; eigentlich sollte er doch Lichutin aufsuchen und sich — überzeugen . . .
Von was —überzeugen?
Er hörte das fortwährende Ticken einer Uhr: tick tack, tick tack; im Kreise lief die Spiralfeder; natürlich nicht hier in den glänzenden Zimmern (etwa unter einem Teppich, wo jeden Augenblick irgend jemand auf die Stelle treten konnte . . .), nein, die Haarfeder lief irgendwo in einer Mistgrube, im Feld, in der Newa: dort irgendwo liegt dieses Ticktackwerk; die Feder läuft im Kreise bis die verhängnisvolle Stunde herannaht . . .
Welcher Unsinn!
Das alles war die Folge des furchtbaren Senatorwitzes, des wahrhaftig grandiosen . . . in seiner Geschmacklosigkeit; davon kam alles: die Erinnerung an die durch die Luft schwebenden Schwänze; und — die Erinnerung an die Bombe.
»Was hast du, Kolenka? Du bist so zerstreut und ißt keine Crême? . . .«
»Ach, ja . . .«
Nach dem Mittagessen spazierte er auf und ab im unbeleuchteten Saal; der nur ein ganz klein wenig erhellt war: vom Mond und von dem durchbrechenden Licht der draußen brennenden Laterne; Apollon Apollonowitsch durchmaß mit ruhigem Schritt die Quadrate des Parkettbodens, und neben ihm ging — Nikolai Apollonowitsch; sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene Laternenlicht; sie schritten aus dem durchbrochen-hellen Fleck in den Schatten. Mit ungewohnter vertraulicher Weichheit sprach Apollon Apollonowitsch, den Kopf tief nach unten geneigt, und es war schwer zu bestimmen: sprach er zum Sohne oder zu sich selbst.
»Wissen Sie — weißt du, schwer ist die Lage eines Staatsmannes.«
Sie kehrten um.
»Ich habe immer schon den Leuten gesagt: die Einfuhr amerikanischer Dreschmaschinen zu fördern — das ist eine sehr wichtige Aufgabe; darin ist mehr Humanitätsarbeit als in all den langen öffentlichen Reden . . . Die Staatswissenschaften lehren uns . . .«
Sie kehrten um und durchmaßen die kleinen Quadrate des Parkettbodens; sie schritten aus dem Schatten in die mondbeschienenen Dreiecke.
»Humanitäre Betätigung tut uns not; die Humanität ist eine große Sache, für die große Geister gelitten haben, wie ein Giordano Bruno, wie . . .«
Lange spazierten sie so, auf und ab.
Apollon Apollonowitsch sprach mit etwas gebrochener Stimme; er faßte manchmal mit zwei Fingern den Rockknopf seines Begleiters, näherte sich mit dem Mund direkt dessen Ohr.
»Schwätzer sind sie alle, Kolenka: Humanität, Humanität! . . . In Dreschmaschinen liegt aber mehr Humanität als in allem anderen, Dreschmaschinen brauchen wir! . . .«
Er umfaßte mit der freien Hand die Taille des Sohnes und zog ihn zum Fenster, in die Ecke; er murmelte etwas und wiegte den Kopf: umgangen wurde er, sie brauchten ihn nicht mehr.
»Weißt du: sie haben mich beiseitegeschoben . . .«
Nikolai Apollonowitsch wagte kaum zu glauben; wie einfach das kam — ohne jede Auseinandersetzung, ohne Szenen, ohne Beichten: dieses vertrauliche Flüstern, diese väterliche Liebkosung.
Warum war es dann all diese Jahre . . . —?
»So, Kolenka, mein Lieber, wir wollen miteinander offener sein . . .«
»Was sagtest du? Ich hörte nicht . . .«
An den Fenstern vorbei zog, wahnsinnig schrill pfeifend, ein kleiner Dampfer; die grelle kleine Laterne am Heck durchschnitt in seltsamer schräger Linie den Nebel; die rubinroten Kreise wurden immer größer. Mit vertraulicher Wärme, den Kopf tief nach unten geneigt, sprach Apollon Apollonowitsch — man weiß nicht, ob zu sich selbst oder zu seinem Sohn. Sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene Laternenlicht; sie schritten — aus dem helldurchbrochenen Fleck in den Schatten.
Apollon Apollonowitsch — klein, kahl und alt — begann, vom letzten Auflodern der Kaminkohlen beschienen, auf dem Perlmuttertischchen die Karten für ein Patiencespiel zu mischen; zweieinhalb Jahre hatte er sich nicht dem Patiencespiel zugewendet; vor zweieinhalb Jahren war es, als Anna Petrowna das letzte entscheidende Gespräch mit ihm hatte; damals war er vor demselben Tischchen gesessen, und Patience wurde gespielt; so hatte ihn auch Anna Petrowna noch in der Erinnerung behalten.
»Herz Zehn . . .«
»Nein, mein Lieber, diese Karte ist draußen . . .«
»Was meinen Sie, Anna Petrowna: wollen wir nicht im Frühjahr nach Proljotnoje übersiedeln?« Proljotnoje war das Stammgut der Ableuchows: Apollon Apollonowitsch hatte Proljotnoje seit zwanzig Jahren nicht besucht.
Dort im Wald, in Schnee und Eis, war er einst — vor etwa fünfzig Jahren — beinahe erfroren; eines dummen Zufalls wegen; in jener Stunde des einsamen Erfrierens war sein Herz wie von kalten Fingern gestreichelt worden; eine eisige Hand hatte ihm zugewinkt; hinter ihm liefen die Jahrhunderte zurück in die Unermeßlichkeit; vor sich sah er die eisige Hand in Unermeßlichkeiten winkend, Unermeßlichkeiten liefen ihm entgegen.
Die eisige Hand!
Und — nun: sie begann aufzutauen.
Zum erstenmal tauchten sie jetzt wieder vor ihm auf, jene fernen, verwaisten Gegenden; der aufsteigende Rauch aus den Dorfhütten und die — Dohlen; in ihm erwachte der Wunsch, den Rauch der Dorfhütten wiederzusehen; und dann — die Dohlen.
»Ja, wir können nach Proljotnoje ziehen: dort gibt es soviel Blumen.«
Und Anna Petrowna begann wieder aufgeregt von den Schönheiten der Alhambraschlösser zu erzählen; in ihrer Begeisterung merkte sie nicht, daß sie immerzu statt ich —wirsagte: d. h. sie und Mantalini.
»Wirkamen am Morgen an, in einem wundervollen kleinen Wagen, der von Eseln gezogen wurde; das Geschirrzeug war mitsogroßen Quasten verziert; und wissen Sie, Apollon Apollonowitsch, wir gewöhnten uns . . .«
Endlich sagte er weinerlich:
»Ich bin aber müde . . .«
Und er erhob sich aus dem Lehnsessel und setzte sich in den Schaukelstuhl.
Nikolai Apollonowitsch übernahm es, seine Mutter ins Hotel zu bringen; beim Verlassen des Salons drehte er sich noch einmal um und sah seinen Vater an; er begegnete einem auf ihn gerichteten — oder schien es ihm nur so? — traurigen Blick; Apollon Apollonowitsch saß im Schaukelstuhl und wiegte diesen leise durch bloße Bewegung des Kopfes wie der Füße; das war des Sohnes letzter Eindruck; eigentlich hat er den Vater nie mehr gesehen; auf dem Lande und auf der See, in den Bergen und in den Städten, in den glänzenden Sälen der großen europäischen Museen — überall hatte er später diesen Blick gesehen, und ihm schien: Apollon Apollonowitsch hatte damals für immer Abschied von ihm genommen — durch jene leichte Verneigung des Kopfes und durch Bewegen des Fußes; das alte Gesicht, das leise Knarren des Schaukelstuhls und — dieser Blick, dieser Blick!
Nikolai Apollonowitsch begleitete seine Mutter zum Hotel und ging dann — auf die Moika; kein Licht in den Fenstern: die Lichutins waren also nicht zu Hause; es war nichts zu machen, so ging er also seiner Wohnung zu.
Humpelnd erreichte er sein Schlafzimmer; da blieb er im völligen Dunkel stehen: Schatten, Schatten, Schatten; das Licht der Laterne spannte ein Schleiernetz aus hellen Flecken auf die Zimmerdecke; mechanisch zündete er eine Kerze an; dann nahm er seine Uhr aus der Tasche; zerstreut sah er auf sie hin: es war drei Uhr.
Jetzt erhob sich in ihm alles von neuem.
Er fühlte: er hat seine Angst nicht überwunden; die Sicherheit, die ihn den ganzen Abend aufrechterhalten hatte, schwand plötzlich; alles begann zu schwanken; er wollte Brom einnehmen; doch war keins da; er wollte dieOffenbarungen lesen; das Buch war weg; in diesem Augenblick vernahm sein Ohr deutlich einen beunruhigenden Laut: Tick tack, tick tack . . . Leise tönte es. Die Sardinenbüchse?
Dieser Gedanke befestigte sich in ihm immer mehr.
»Pepp Peppowitsch Pepp . . . Pepp . . .«
Um Nikolai Apollonowitsch wurde es immer kälter; kalte Winde wehten ihm in die Stirn; gleich wird die gewaltige, rasch wachsende Kugel zerspringen und dann — wird alles ganz einfach sein.
Die kleine Uhr aber tickte weiter.
Nikolai Apollonowitsch horchte angestrengt: der Laut verfolgte ihn; er suchte nach der Stelle, von der er herkam; leise auftretend — nur die Schuhsohlen knarrten — näherte er sich dem Tisch; das Ticken wurde deutlicher; als er aber dicht an den Tisch herankam, verstummte der Laut plötzlich.
»Tick tack« — kam es jetzt leise aus der entlegenen Schattenecke; er schlich sich nun vom Tisch in die Ecke; Schatten, Schatten, Schatten; Grabesstille . . .
Nikolai Apollonowitsch rannte keuchend hin und her zwischen den tanzenden Schatten, sich bemühend, den neckisch ausweichenden Laut zu erhaschen (so haschen Kinder mit Fangnetzen nach gelben Schmetterlingen).
Jetzt hat er’s: dort ist die Stelle, von der der sonderbare Laut kam; ganz deutlich wird das Ticken; noch einen Augenblick und er hat’s.
Wo aber? wo, wo?
Plötzlich fand er den Punkt, von dem aus sich der Laut ausbreitete: dieser Punkt war sein eigener Bauch.
Erst jetzt bemerkte Nikolai Apollonowitsch, daß er vor dem Nachttischchen stand, auf dem, gerade auf der Höhe seines Bauches, seine Taschenuhr lag . . . Zerstreut sah er auf sie hin: sie zeigte die vierte Nachtstunde.
Nun kehrte er wieder in seinen Rahmen zurück: Leutnant Lichutin hatte die verfluchte Bombe weggetragen; das Deliriumgefühl verlor sich, rasch warf er den Salonanzug von sich ab; mit wonnigem Gefühl befreite er sich aus der Stärke der Wäsche: riß Kragen und Hemd herunter; dann zog er die Unterhose aus: das Bein zeigte neben dem Knie eine blutunterlaufene Stelle; das Knie war ein wenig geschwollen; endlich steckten auch die Beine unter der weißen Decke; sinnend lag er, den Kopf auf den Arm gestützt; das weiße Märtyrergesicht zeichnete sich deutlich auf dem weißen Linnen.
Und dann erlosch das Licht.
Die Uhr tickte; ihn umfing vollständige Dunkelheit; im Dunkeln begann das Ticken wie ein von einer Blume losgelöster Falter durchs Zimmer zu hüpfen: bald war es da, bald dort; und seine Gedanken tickten mit; an verschiedenen Stellen des entzündeten Körpers pulsierten die Gedanken: am Hals, in der Kehle, in den Armen, im Kopf.
Einander überholend rasten die Pulse durch den Körper. Es waren Schwärme sich selbst denkender Gedanken.
Und es tickt doch, es tickt . . .
Ein anderer folgte . . .
Der freie Gedanke klammerte sich an etwas, was das Hirn bewußt verwahrt: die Sardinenbüchse ist hier, die Sardinenbüchse ist hier; in ihr bewegt sich kreisend der kleine Zeiger; der Zeiger wird müde: er nähert sich dem verhängnisvollen Punkt (dieser Punkt ist schon nahe). . .
und ein Donnern ertönt, das du vielleicht nicht einmal hören wirst; denn ehe es das Trommelfell deines Ohrs erreicht, wird dein Trommelfell zerrissen sein (und manches andere auch) —
— Mit Wahnsinnsbewegung sprang da Nikolai Apollonowitsch aus dem Bette: die Pulse übertönten die selbstdenkenden Gedanken; die Pulse hüpften nicht mehr,sie schlugen wild: in den Schläfen, am Hals, in der Kehle, in den Händen und . . . überall außerhalb dieser Organe.
Barfüßig patschte er durchs Zimmer, doch statt zur Tür geriet er in die Ecke.
Der Morgen wartete, grau.
Er schlüpfte rasch in die Unterhose und schlich in den dunkeln Korridor: warum, warum? Ach, ganz einfach, er fürchtete sich . . . Er wurde von tierischer Angst für sein eigenes, kostbares Leben erfaßt; aus dem Korridor ins Zimmer zurück konnte er nicht mehr; wieder in sein Zimmer hineinzugehen, dazu fehlte ihm — der Mut; nach der Bombe zu suchen hatte er weder Zeit noch Kraft; in seinem Kopf hatte sich alles verwirrt, er konnte sich nicht mehr genau der Stunde erinnern, wann die Frist abläuft: jeder Augenblick konnte der verhängnisvolle sein. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als bis zum Tagesanbruch hier im Korridor, zitternd, zu kauern.
Er näherte sich einer Ecke und hockte sich nieder.
Die Augenblicke rannen langsam; Minuten schienen ihm Stunden; und viele Hunderte von Stunden flossen da hin; der Korridor wurde bläulich; der Korridor wurde grau: der helle Tag begann.
Nikolai Apollonowitsch überzeugte sich immer mehr von der Unsinnigkeit der selbstdenkenden Gedanken; diese Gedanken hatten jetzt plötzlich ihren Sitz in seinem Gehirn und das Gehirn verarbeitete sie; als er sich sagte, die Frist sei nun schon längst abgelaufen, stellte sich von selbst die Version ein: Lichutin habe die Sardinenbüchse weggetragen, und dies umgab ihn mit dem Duft wonnigster Bilder; und Nikolai Apollonowitsch, im Korridor kauernd, verfiel — sei’s aus dem Gefühl der Sicherheit, sei’s aus Müdigkeit — in sanften — Schlummer.
Die Berührung von etwas Feuchtem an seiner Stirn brachte ihn wieder zu sich; er schlug die Augen auf underblickte — die speichelbedeckte Schnauze der Bulldogge; schnaufend und wedelnd stand die Bulldogge vor ihm; gleichgültig stieß er den Hund von sich; von neuem in das Frühere verfallend war er daran, das unbestimmte Etwas fortzuspinnen, mit Spiralen und Kreisen zu spielen, in der Erwartung daß es ihm dabei gelänge, irgendeine Entdeckung zu machen. Plötzlich kam ihm deutlich zum Bewußtsein: wieso ist er hier?
Wieso ist er im Korridor?
Im Halbschlaf schleppte er sich in sein Zimmer zurück, und während er sich seinem Bette näherte, beschäftigten sich seine halb vom Schlaf umfangenen Gedanken noch immer mit den Kreisen und Spiralen . . .
Da krachte es: er begriff alles.