»Was bedeutet diese Tortur? Wenn Sie wirklichdassind, wofür Sie sich ausgeben, — He, Kellner, zahlen! — ist Ihr ganzes Benehmen, sind alle Ihre Grimassen — unwürdig.«
Beide erhoben sich.
In den weißen, stinkenden Dampfwolken, die aus der Küche herüberdrangen, stand Nikolai Apollonowitsch — blaß, weiß und wutschnaubend, den roten Mund ohne jegliches Lächeln weit auseinandergezogen, umgeben vom Kranz seiner hell-hellen, flachsnebligen Haare; wie ein von Hunden müde gejagtes Tier; die Zähne fletschend, wandte er sich verächtlich gegen Morkowin, nachdem er dem Kellner ein Halbrubelstück zugeworfen hatte.
Das Orchestrion spielte nicht mehr; die Nachbartische waren schon längst leer und das Zwittergeschlecht hatte sich in den Straßen der Wassiljewskij-Insel verzogen; auf einmal wurde das elektrische Licht überall ausgelöscht; das gelbrote Licht einer Kerze durchzog die tote Leere; im Halbdunkel zerrannen die Wände; von einem Tischchen erhob sich der fünfundvierzigjährige Seemann; einen Augenblick lang sprühten seine Augen grüne Funken um sich; dann verschwand er im Dunkel.
Mit Zwischenpausen sagte Pawel Jakowlewitsch:
»Lassen Sie es nur sein: mir ist es genau so peinlich wie Ihnen.«
»Und wozu das Versteckenspiel, Genosse . . .«
»Ich kam hierher nicht der Scherze wegen . . .«
»Haben wir uns nicht verabreden wollen? . . .«
». . . nun ja: über den Tag, an dem Sie Ihr Versprechen einzulösen gedenken . . .«
Mit ernstem Blick auf Ableuchow fügte er voll Würde hinzu:
»Die Partei erwartet Ihre unverzügliche Antwort, Nikolai Apollonowitsch.«
Nikolai Apollonowitsch stieg schweigend die Treppe hinunter.
Die Restauranttür schlug hinter ihm zu.
Die vieläugigen, hohen Laternen, vom Winde gezerrt, hüpften in seltsamen Lichtgestalten, indem sie sich für die lange Petersburger Nacht bereit hielten.
»Na, und wenn ich den Auftrag ablehne?«
»Dann verhafte ich Sie . . .«
»Sie? mich? verhaften?«
»Bitte nicht zu vergessen, daß ich . . .«
»Daß Sie ein Konspirator sind?«
»Daß ich Polizeibeamter bin; als Polizeibeamter verhafte ich Sie . . .«
»Was wird die Partei dazu sagen?«
»Die Partei wird mir recht geben.«
»Und wenn ich Sie anzeige?«
»Versuchen Sie es . . .«
Auf der großen eisernen Brücke sah sich Nikolai Apollonowitsch um: niemand, nichts . . . die nasse Brüstung, das grünliche, von Bazillen wimmelnde Wasser, die kalten, weinerlich summenden Newawinde; hier an dieser Stelle hatte er vor zweieinhalb Monaten sein furchtbares Versprechen gegeben. Er stand an der Newa und sah mit dumpfem Blick in das Grün der Tiefe — oder nein: sein Blick flog dorthin, wo ganz tief unten die Ufer kauerten; dann ging er mit raschen, ungelenken Schritten weiter.
Ein phosphoreszierender Fleck sauste, vom Nebel umschleiert, in wildem Flug dahin; mit phosphoreszierendem Leuchten breitete sich die Ferne über die Newa dahin. Hinter der Newa erhoben sich jetzt die Riesenhäuser der Inseln, die mit flimmernden Augen in den Nebel blickten. Oben in der Höhe spreizte eine schattenhafte Gestalt wild ihre klumpigen Hände; eine Schar nach der anderen.
Vollständig leer war der Kai.
Mit besonderer Neugierde starrte nun Nikolai Apollonowitsch die Riesengestalt des kupfernen Reiters an.
Plötzlich teilten sich die Wolken, und ein grünlicher Rauchschleier überzog sie im Mondlicht wie geschmolzenes Kupfer . . . Einen Augenblick lang stand alles in Flammen: das Wasser, die Dächer, der Granit; das Gesicht des Reiters blitzte auf, und sein kupferner Lorbeerkranz glänzte; und er streckte befehlend die vielhundertzentnerschweren Hände direkt gegen Nikolai Apollonowitsch.
Lachend lief Nikolai Apollonowitsch von dem kupfernen Reiter fort:
»Ja, ja, ja . . .«
»Ich weiß, ich weiß . . .«
»Unrettbar verloren . . .«
. . . Es hieß sofort etwas beginnen, ohne Zeit zu verlieren — doch was? War es nicht er, war es nicht er selbst, der von dem Wahnsinn des Mitleids so oft gepredigt hatte? War es nicht er, der von seiner Verachtung gegen die Adeligen, gegen die greisen adeligen Ohren, den vogelhaft langgezogenen Hals . . .
Endlich stieß er auf eine verspätete Droschke: die vierstöckigen Häuser fuhren — sausten nun an ihm vorbei.
Das Admiralitätsgebäude schob seine achtsäulige Ecke vor; es schimmerte eine Weile mit seiner rosigen Farbe und verschwand; ein weiß-schwarz gestreiftes Schilderhäuschen lief nach links vorbei; in seinem grauen Mantel schritt dort ein alter Pawlowscher Grenadier auf und ab.
Da sah plötzlich Nikolai Apollonowitsch eine kleine, ausgemergelte Gestalt, die sich mit eiligen, verspäteten Schritten wie hüpfend auf dem Trottoir bewegte; diese trockene, winzige Gestalt . . . in dieser trockenen Gestalt . . .er erkannte diese trockene Gestalt: es war Apollon Apollonowitsch.
Apollon Apollonowitsch, der den Backfisch nach Hause gebracht hatte, eilte jetzt zur Schwelle des gelben Hauses.
Apollon Apollonowitsch hörte hinter seinem Rücken das Poltern der Droschke; der alte rasierte Kopf drehte sich in diese Richtung; als die Droschke den Senator einholte, sah der Senator: dort auf dem Sitz lauerte gekrümmt ein ältlich, krüppelhaft aussehender Jüngling, in unangenehmster Weise in seinen Mantel vollständig gehüllt.
Und es schien ihm, daß sich die Augen des unangenehmen Jünglings bei seinem Anblick zu weiten begannen . . . ja, ja, ja: sie hatten denselben Blick und weiteten sich mit demselben Glanz; aber schon hatte ihn der Wagen überholt und hüpfte mit zudringlichem Gepolter über die Steine dahin, während hinten die weiße Nummer schimmerte: 1095.
Nikolai Apollonowitsch sprang aus der Droschke und lief eilig gegen das Portal des gelben Hauses.
Nikolai Apollonowitsch zog aus aller Kraft an der Glocke; auf beiden Seiten des Portals befanden sich Greife mit aufgerissenen Rachen, jetzt rosig von der Morgenröte, mit ihren Krallen die Stange festhaltend, von der aus an gewissen Kalendertagen die rotweißblaue Flagge über die Newa flatterte; und unter den Greifen erblickte Nikolai Apollonowitsch das Wappen: einen federgeschmückten Ritter mit Rokokolocken, von einem Einhorn durchbohrt. Dieses alte Wappen gehörte den Ableuchows; aber auch er, Nikolai Apollonowitsch, war durchbohrt — doch von wem? Von wem?
Und dort, dort auf dem Trottoir sah er im Nebel — jene kleine, trockene Gestalt, in der . . . die . . . — Apollon Apollonowitsch, der Vater, sah aus — wie der Tod in einem Zylinderhut.
Inzwischen kam die kleine Gestalt näher; Nikolai Apollonowitsch wurde, wie immer, ganz verwirrt.
Apollon Apollonowitsch sah nun: sein Sohn, greisenhaft und sonderbar bös aussehend, lief rasch die Stufen des Portals hinunter und kam eilig und schuldbewußt, mit zwinkerndem, ausweichendem Blick dem Vater entgegen.
»Guten Morgen, Vater . . .«
Schweigen.
»So eine unerwartete Begegnung: ich komme nämlich von Zukatows.«
»So — so: guten Morgen, Kolenka . . .«
Die Flügeltür flog auf, der ihnen wohlbekannte Geruch ihrer Wohnung schlug den beiden Ableuchows entgegen.
Die eine Seite etwas vorschiebend, schritt jeder von ihnen rasch durch die Tür.
Beide wußten, daß ihnen ein Gespräch miteinander bevorstand; dieses Gespräch war schon in all den vielen Jahren des Schweigens gereift; Apollon Apollonowitsch übergab dem wartenden Lakai Zylinder, Mantel und Handschuhe, doch hielt er sich sonderbarerweise mit den Gummischuhen lange auf; armer, armer Senator: wußte er denn, daß es gerade sein Sohn, Nikolai Apollonowitsch, war, der mit jenem Auftrage betraut war? Ebensowenig konnte Nikolai Apollonowitsch vermuten, daß sein Vater die Geschichte mit dem roten Domino genau kannte. Beide atmeten den wohlbekannten Geruch ihrer Wohnung ein; der silberschimmernde weiche Biber fiel auf die Hände des Dieners; in seinem Domino erschien nun Nikolai Apollonowitsch vor dem Vater.
»Ah . . . ah . . . Ein roter Domino? . . . Sieh mal her!«
»Ich war maskiert . . .«
»So—o . . . Kolenka . . . so—o . . .«
Als er seinen Sohn erröten sah, wurde er selbst rosig, und um dies zu verbergen lief er mit koketter Grazie die Treppe zum Vestibül zur Wohnung hinauf.
Nikolai Apollonowitsch blieb allein auf den Stufen der samtbelegten Treppe zurück, versunken in tiefes Nachdenken; doch die Stimme des Lakaien unterbrach seinen Gedankengang.
»Väterchen! . . . Dieses schäbige Gedächtnis! . . . Gnädiger Herr, lieber gnädiger Herr: es ist ja etwas vorgefallen! . . .«
»Was ist vorgefallen?«
»Etwas — etwas . . . Ich wage es kaum zu sagen . . .«
Auf den Stufen der grauen, mit Samt belegten Treppe hielt nun Nikolai Apollonowitsch inne; durch das Fenster drang purpurnes Licht herein und bildete auf dem Boden ein Netz aus hellen Flecken.
»Es ist so etwas! Ja, also: unsere gnädige Frau . . .«
»Unsere gnädige Frau, Anna Petrowna . . .«
». . . ist zurückgekehrt!!«
»Wer ist zurückgekehrt?«
»Anna Petrowna! . . .«
»Wer ist denn das? . . .«
»Wieso — wer? . . . Ihre Frau Mutter . . . Wie sprechen Sie doch nur, lieber gnädiger Herr, als wären Sie ein Fremder: es ist doch Ihre Mutter . . .«
»?«
»Die gnädige Frau ist aus Hispanien nach Petersburg zurückgekehrt . . .«
»Die gnädige Frau schickte erst einen Brief durch einenBoten: sie wäre in einem Hotel abgestiegen . . . Denn das läßt sich denken . . . Die Lage der gnädigen Frau ist eine solche . . .«
»?«
»Kaum waren Seine Exzellenz, Apollon Apollonowitsch, ausgefahren, als plötzlich — ein Bote, mit einem Brief . . . Na, den Brief legte ich auf den Schreibtisch hin, und dem Boten gab ich ein Zwanzigkopekenstück . . .«
»Aber kaum war eine Stunde danach vergangen — als . . . du meine Güte! Da erscheint die gnädige Frau selbst . . . Sie hat jedenfalls ganz sicher gewußt, daß niemand zu Hause war . . .«
»Es läutete also . . . Ich mach’ die Tür auf . . . Vor mir steht eine fremde Dame, eine sehr würdige Dame; nur einfach gekleidet und — ganz in Schwarz . . . Ich sage nun: ‚Sie wünschen, Gnädige?‘ Und die Dame zu mir: ‚Aber erkennst du mich denn nicht, Mitri Ssemjonytsch?‘ — Da habe ich rasch ihr Händchen geküßt: ‚Mütterchen, Anna Petrowna . . .‘«
»Und Anna Petrowna — Gott schenk’ ihr Gesundheit — sah so, sah mich so an . . . Sie sah mich an — und brach in Tränen aus: ‚Ich will sehen, wie ihr da ohne mich lebt‘ . . . Das Taschentüchlein hat sie aus dem Täschchen gezogen . . .«
»Ich hatte allerdings strengen Auftrag bekommen, nichts reinzulassen . . . Aber ich hab’ unsere gnädige Frau doch reingelassen . . . Und sie . . .«
Der Greis machte große Augen; mit weitgeöffnetem Munde blieb er stehen und dachte bei sich, daß die Herrschaften im lackierten Haus wohl schon längst den Verstand verloren hatten: statt Freude, Verwunderung oder Bedauern zu äußern — rannte Nikolai Apollonowitschganz einfach, ohne ein Wort zu sagen, die Treppen hinauf, so daß die roten Atlasenden seines Dominos wunderlich in der Luft flatterten.
In den Zimmern blitzte schon die Sonne; die Inkrustation an den Tischen schoß ihre Strahlen in die Luft, und die Spiegel glänzten freudig; ja, sie lachten, die Spiegel, denn aus dem ersten von ihnen, der im Salon hing, vom Saal aber zu sehen war, blickte ein weißes, wie mit Mehl bestäubtes Gesicht; das war Nikolai Apollonowitsch, der unbeabsichtigterweise in den Salon hineinrannte, hier aber wie angewurzelt stehenblieb . . .
Nikolai Apollonowitsch sah nun, daß sein Vater ihn hier erwartete.
Statt des Sohnes erblickte Apollon Apollonowitsch im Spiegel eine einfache rote Marionettenpuppe; beim Anblick dieser Marionettenpuppe ging ihm der Atem aus; die rote Puppe aber blieb in der Mitte des Saals verlegen stehen . . .
Da näherte sich Apollon Apollonowitsch, unerwartet für sich selbst, der Tür und schloß sie; der Rückzug war abgeschnitten. Das Begonnene mußte erledigt werden. Das Gespräch über das sonderbare Verhalten des Sohnes betrachtete Apollon Apollonowitsch als einen schweren chirurgischen Eingriff. Wie der Chirurg zum Tischchen eilt, auf dem die Messer, Zangen, Feilen zurechtgelegt sind, so trat Apollon Apollonowitsch, sich die gelben Finger reibend, dicht an Nikolai heran; er suchte den ausweichenden Blick aufzufangen, nahm mechanisch das Brillenetui aus der Tasche, drehte es zwischen den Fingern eine Weile und steckte es wieder ein; er hüstelte behutsam, schwieg einen Augenblick und sagte:
»So — so: ein Domino.«
Zugleich ging ihm durch den Kopf, daß dieser scheue Jüngling da, dessen grinsender Mund bis zu den Ohren reichte, der es nicht zustande brachte, einem gerade ins Gesicht zu sehen — daß dieser scheue Jüngling und der Petersburger Domino, von dem die judäische Presse voll war — ein und dieselbe Person war; daß er selbst, Apollon Apollonowitsch, die erstklassige Persönlichkeit und Träger alten Adels, daß er selbst diesen Jüngling gezeugt hatte; in demselben Augenblick sagte Nikolai Apollonowitsch etwas verlegen:
»Ja . . . es waren eben viele in Masken . . . da hab’ auch ich mir . . . diesen Maskenanzug . . .«
Zugleich ging es Nikolai Apollonowitsch durch den Kopf, daß dieses zwei Arschin lange Körperchen seines Vaters, mit einem Umfang von höchstens zwölfeinhalb Werschok, das Zentrum und den Kreis eines unsterblichen Zentrums bilde: des darin sitzenden »Ich«; daß aber ein Ziegelstein, der sich irgendwo zufällig gelöst hatte, dieses Zentrum vernichten kann, vollständig vernichten. Vielleicht unter dem Einfluß dieses sich auf ihn übertragenen Gedankens lief Apollon Apollonowitsch eilig zum allerentferntesten Tischchen und begann darauf mit zwei Fingern zu trommeln. Inzwischen trat Nikolai Apollonowitsch mit schuldbewußtem Lächeln näher:
»Es war, weißt du, sehr lustig . . . Wir tanzten, weißt du . . .«
Zugleich aber dachte er: Haut, Knochen und Blut, kein einziger Muskel; aber dieses Hindernis — Haut, Knochen und Blut — muß durch den Willen des Schicksals in Stücke zerrissen werden . . .
»Dann weißt du, haben wir Petit jeu gespielt.«
Apollon Apollonowitsch sah fest dem Sohn ins Gesicht und antwortete nichts . . . Apollon Apollonowitsch erinnertesich: einst war diese fremde Marionettenpuppe ein kleines Körperchen; dieses Körperchen hatte er mit väterlicher Zärtlichkeit auf den Armen getragen; der blonde kleine Knabe hatte sich eine Papiermütze aufgesetzt und war ihm auf den Nacken gestiegen. Apollon Apollonowitsch hatte mit etwas heiserer und zerrissener Stimme gesungen:
»Kolenka, der dumme Tropf,Hüpft und tanzet immer;Mit der Mütze auf dem KopfReitet er durchs Zimmer.«
»Kolenka, der dumme Tropf,
Hüpft und tanzet immer;
Mit der Mütze auf dem Kopf
Reitet er durchs Zimmer.«
Jetzt aber, jetzt? Nicht ein Körperchen sah Apollon Apollonowitsch vor sich, sondern einen Körper, und dieser Körper — war groß und fremd . . . War er fremd? War er . . .?
Apollon Apollonowitsch, begann durchs Zimmer zu zirkulieren, auf und ab:
»Siehst du, Kolenka . . .«
Apollon Apollonowitsch ließ sich in einen weichen Lehnstuhl nieder.
»Ich muß, Kolenka . . . das heißt, nicht ich muß, sondern — wie ich hoffe — wir müssen . . . miteinander sprechen: hast du jetzt die nötige Zeit dazu? Die Sache, die mich aufregt, besteht darin . . .«
Apollon Apollonowitsch stockte, er lief wieder zum Spiegel (in diesem Augenblick schlug die Turmuhr), und Nikolai Apollonowitsch erblickte im Spiegel den Tod im Gehrock, sah einen vorwurfsvoll auf sich gerichteten Blick, hörte, wie Finger trommelten; da sprang mit lautem Lachen der Spiegel: wie ein Blitz durchschnitt ihn eine schräge Nadel mit lautem Knistern und blieb für immer im Glas wie ein Silberzickzack stecken.
Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf den Spiegel, und der Spiegel sprang; Abergläubische würden gesagt haben:
»Es ist ein böses, ein böses Zeichen . . .«
Geschehen, fertig: das Gespräch war nun unausbleiblich.
Mit allen Mitteln hatte Nikolai Apollonowitsch sich bemüht, die Auseinandersetzung hinauszuschieben; und gerade jetzt erschien sie ihm überhaupt überflüssig: alles hätte sich ja von selbst bald geklärt. Nikolai Apollonowitsch bedauerte, daß er nicht rechtzeitig aus dem Salon entwichen war (wie viele Stunden die Agonie schon dauerte: und unter dem Herzen schwoll ihm etwas, schwoll, schwoll); doch zugleich mit dem Schrecken empfand er eine seltsame Wollust: er konnte sich von seinem Vater nicht losreißen.
»Ja, Vater, ich habe, aufrichtig gesagt, diese Auseinandersetzung erwartet.«
»Ah, du hast sie erwartet?«
»Ja, ich habe sie erwartet.«
»Hast du jetzt Zeit?«
»Ja, ich bin frei.«
»Dann, Kolenka, geh in dein Zimmer und sammle erst deine Gedanken. Entdeckst du in dir etwas, was wir zusammen besprechen können, dann komm in mein Arbeitszimmer.«
»Jawohl, Vater . . .«
»Apropos: leg’ diese Jahrmarktsfetzen ab . . . Aufrichtig gesagt, mir mißfällt das alles in höchstem Grade . . .«
»?«
»Ja, es mißfällt mir sehr! Es mißfällt mir in höchstem Grade!«
Die Tür fiel ins Schloß.
Nikolai Apollonowitsch blieb neben dem Tischchen stehen; sein Blick hüpfte über die Blätter der Bronze-Inkrustation, über die Nippsachen und die kleinen Etageren an der Wand. Ja, hier hatte er gespielt: hier war er oft lange gesessen — in dem Lehnstuhl mit den kleinen Girlandenauf dem blaßblauen Atlasbezug; und wie jetzt hing auch damals die Kopie vom Bilde Davids: »Distribution des aigles par Napoléon premier«. Das Bild stellte den großen Kaiser im Purpurmantel und mit einem Kranz auf dem Haupt dar, wie er den Arm gegen die Marschallversammlung ausstreckte.
Was wird er seinem Vater sagen? Wieder in qualvoller Weise lügen? Lügen, wo das Lügen schon nicht mehr nützt? Lügen, wo seine Situation jede Lüge eigentlich ausschließt? Lügen . . . Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich, wie er in den fernen Kinderjahren gelogen hatte.
Da ist das Klavier, gelb, stilgemäß; es berührt kaum den Parkettboden mit seinen feinen Rollbeinchen. Hier pflegte die Mutter, Anna Petrowna, zu sitzen, die alten Beethoventöne erschütterten die Wände: das unendlich Alte, das in Tönen rann, rief in seinem kindlichen Herzen dieselbe Sehnsucht hervor wie der verblassende Mond, der erst rot auftauchend, immer höher über die Stadt seine blaßgelbe Trauer trägt . . .
Muß er nicht schon gehn, um mit dem Vater zu sprechen?
In diesem Augenblick sah die Sonne in das Zimmer herein; die Sonne, die leuchtende Sonne warf von oben ihre lanzenartigen Lichter; der goldene tausendarmige Titan der uralten Zeiten überzog die Leere mit seinen leuchtenden Vorhängen und beleuchtete die Turmspitzen, die Dächer, die Wässer und die Steine und die an die Fensterscheibe gedrückte, göttlich-blasse Sklerosestirn; der goldene tausendhändige Titan jammerte dort still über seine Einsamkeit: »Kommt, kommt zu mir, zur alten Sonne!«
Ihm aber schien die Sonne eine riesige, tausendbeinige Tarantel, die in wahnsinniger Leidenschaft die Erde überfällt . . .
Und unwillkürlich schloß Nikolai Apollonowitsch die Augen; da alles plötzlich aufblitzte: der Lampenschirm blitzte auf; der Lampenzylinder wurde von Amethysten übersät; Funken strahlten auf den Flügeln des goldenen Amors; die Oberfläche des Spiegels blitzte auf — ja, der Spiegel, der hat einen Sprung bekommen.
Abergläubische würden gesagt haben:
»Ein böses Zeichen, ein böses Zeichen . . .«
In all dem Hellen und Blitzenden zeichnete sich plötzlich eine dunkle Gestalt vor Nikolai Apollonowitsch; in all das Stumme hüpfte plötzlich ein eindringliches Flüstern hinein:
»Und wie soll es nun . . . soll es nun . . .?«
Nikolai Apollonowitsch hob sein Antlitz . . .
»Wie soll es nun mit . . . der gnädigen Frau?«
Vor sich erblickte er den Diener Ssemjonytsch.
Alles Alte kehrt wieder zurück . . . Nein: das Alte kehrt nie wieder.
Alles, alles, alles: das Blitzen der Sonne, die Wände, der Körper, die Seele — alles wird verschwinden; schon jetzt schwindet alles; und dann: ein Delirium, ein Abgrund, eine Bombe.
In der Kindheit hatte Kolenka oft phantasiert; nachts begann oft ein elastisches Kügelchen vor ihm zu hüpfen; das Kügelchen schien bald aus Gummi zu sein, bald aus einem Stoff aus anderen Welten; den Boden berührend, gab es einen sonderbaren lackierten Laut von sich: »pépp — pepépp« und wieder: »pépp — pepépp«. Plötzlich blähte sich das Kügelchen in erschreckender Weise auf und nahm deutlich die Gestalt eines kugeligen dicken Herrn an; dieser dicke Herr, der zu einer langweiligen Kugel geworden war, blähte sich immer mehr auf, immer mehr, immer mehr, so daß er zu zerplatzen drohte.
Und während er sich dehnte und zu einer Kugel wurde,um dann zu zerspringen, hüpfte er, wurde rot, sprang in die Luft und ließ einen leisen lackierten Laut hören:
»Pépp . . .«
»Péppowitsch . . .«
»Pépp . . .«
Und er sprang auseinander.
Im vollständigen Delirium begann dann Nikolenka seltsame, sinnlose Dinge zu schreien.
»Pépp, Péppowitsch, Pépp . . .«
»Was ist das? Fieberphantasien?«
Nikolai Apollonowitsch drückte seine kalten Finger an die Stirn: es wird — ein Delirium, ein Abgrund, eine Bombe . . .
Das Arbeitszimmer des Senators war äußerst einfach; in der Mitte erhob sich natürlich ein Tisch; das war aber nicht das Wichtigste; viel wichtiger waren die Schränke, die an allen Wänden standen; auf dem Tische aber vorn lag ein Lehrbuch der Planimetrie.
Vor dem Schlafengehen schlug Apollon Apollonowitsch gewöhnlich dieses Buch auf, um das ungefügige Leben dem Schlaf unterzuordnen und es im Kopfe zu beruhigen durch Betrachtung der beseligenden Zeichnungen: der Parallelepipede, Parallelogramme, derKonuse, Kuben und Pyramiden.
Apollon Apollonowitsch ließ sich in einen schwarzen Lehnstuhl nieder, und hier saß er gerade gestreckt und wartete auf das Erscheinen seines nichtsnutzigen Sohnes.
Ein ängstlicher Seufzer ertönte hinter seinem Rücken; er sah sich um und erblickte den Diener Ssemjonytsch . . .
»Was ist los?!«
»Ich erlaube mir, es Ihnen vorzubringen: unsere gnädige Frau . . . Anna Petrowna . . .«
Zornig kehrte Apollon Apollonowitsch dem Lakai sein riesiges Ohr zu . . .
»Was? Was ist los? . . . Sprechen Sie lauter, ich höre schlecht.«
Der zitternde Ssemjonytsch neigte sich ganz zum blaßgrünen Ohr des Senators hin, der ihn wartend ansah.
»Die gnädige Frau . . . Anna Petrowna . . . sind zurückgekehrt . . .«
»?« . . .
»Aus Hispanien — nach Petersburg . . .«
»So—o, so—o, sehr gut! . . .«
»Sie geruhten ein Briefchen durch den Boten zu schicken . . .«
»Sie sind im Hotel abgestiegen . . .«
Apollon Apollonowitsch legte eine Hand über die andere und saß vollständig ruhig und unbeweglich; es schien, als bewegten sich auch keine Gedanken in ihm: gleichgültig streiften seine Blicke über die Rücken der vielen Bücher, auf denen es goldig schimmerte: »Gesetzbuch des Russischen Reiches. Erster Band«. Dann weiter: »Zweiter Band«. Auf dem Tische lagen Papiere, schimmerte ein vergoldetes Tintenfaß, lagen verstreut Federhalter; auch lag dort ein Briefbeschwerer: ein Bäuerlein (der Untertan) mit einem Schnapsglas in der gehobenen Hand. Vor all den Sachen, vor den Federhaltern, vor den Papierhaufen saß Apollon Apollonowitsch mit gekreuzten Armen ohne jegliche Bewegung, ohne Zittern . . .
Apollon Apollonowitsch sagte nichts, er öffnete nur eine der Schubladen und nahm daraus ein Päckchen mit einem Dutzend Bleistiften heraus (sehr, sehr billiger);einige davon zog er hervor — und zwischen den Fingern des Senators knackten die zerbrochenen Stäbchen. In dieser Weise pflegte ApollonApollonowitschseine seelischen Schmerzen zu äußern: er brach Bleistifte auseinander, die zu diesem Zweck von ihm in der Schublade unter Buchstaben B sorgfältig aufbewahrt lagen.
»Gut, Sie können gehen . . .«
Trotz des Zerbrechens der Bleistifte gab er seine äußerliche Würde und Ruhe nicht auf, und niemand hätte es geglaubt, daß dieser steife Würdenträger kurz vorher, mühsam Atem holend und vor Rührung fast weinend, die Tochter einer Köchin durch den Schmutz nach Hause geleitet hatte.
Nachdem Ssemjonytsch sich entfernt hatte, warf Apollon Apollonowitsch die zerbrochenen Bleistifte in den Papierkorb und lehnte sich mit dem Kopf gegen den Sitz des schwarzen ledernen Lehnstuhls: das Greisengesichtchen verjüngte sich und er begann an seiner Krawatte zu zupfen, um sie in tadellose Ordnung zu bringen; er sprang jählings auf und begann durchs Zimmer zu schreiten: mit seiner kleinen Gestalt und den flatternden Bewegungen erinnerte Apollon Apollonowitsch lebhaft an seinen Sohn, ganz besonders an eine Photographie desselben von neunzehnhundertundvier.
Die Tür ging auf, an der Schwelle stand Nikolai Apollonowitsch, in der Studentenuniform, doch in Hausschuhen.
»Da bin ich, Vater . . .«
Der kahle Kopf wandte sich der Sonne zu; nach dem passenden Worte suchend, schnalzte er mit den Fingern:
»Siehst du, Kolenka . . .«, Apollon Apollonowitsch sprach jetzt nicht mehr von dem Domino (ach was, Domino!), er sprach von etwas ganz anderem.
»Siehst du, Kolenka, ich habe mit dir über etwas zu sprechen, wovon du sicher schon gehört haben wirst . . . Deine Mutter, Anna Petrowna, ist nun zurückgekehrt . . .«
Erst jetzt wurde es Nikolai Apollonowitsch vollständig klar, daß seine Mutter zurückgekehrt war.
»Anna Petrowna, mein Lieber, hat etwas begangen, was ich . . . was ich . . . schwer mit der nötigen Ruhe zu qualifizieren in der Lage bin . . .
Kurz, was sie begangen hatte, ist dir, hoffe ich, bekannt; ich vermied es bisher — das hast du wohl gemerkt — in deiner Gegenwart, mit Rücksicht auf deine natürlichen Gefühle, darüber zu sprechen . . .«
»Ich danke Ihnen, Vater: ich verstehe Sie . . .«
»Selbstredend . . .« — Apollon begann wieder in der Diagonalrichtung durchs Zimmer auf und ab zu laufen, zwei Finger in die Westentasche gesteckt: »Selbstredend: die Rückkehr deiner Mutter nach Petersburg ist für dich eine Überraschung.«
(Apollon Apollonowitsch sah dem Sohn gerade ins Gesicht, wobei er sich ein wenig auf die Zehenspitzen hob.)
»Eine vollständige . . .«
»Eine Überraschung für uns alle . . .«
»Wer hätte gedacht, daß Mama zurückkehrte . . .«
»Ich meine es auch: wer hätte es gedacht« — Apollon Apollonowitsch spreizte ratlos die Hände auseinander, hob die Achseln in die Höhe, machte vor dem Fußboden eine Verbeugung — »daß Anna Petrowna zurückkehren wird.« Und er begann wieder auf und ab zu laufen: »Diese Überraschung kann — wie du dir leicht denken kannst — mit einer Veränderung« (Apollon Apollonowitsch hob vielsagend einen Finger in die Luft, und seine Stimme dröhnte in tiefem Baß, als hielte er eine wuchtige Rede vor einer Versammlung) »unseres ganzen häuslichen Status quo; oder aber« (er wandte sich um): »alles bleibt beim alten.«
»Ja, ich denke es mir auch so . . .«
»Im ersten Falle: — bitte, willkommen . . .«
Apollon Apollonowitsch machte eine Verbeugung vor der Tür.
»Im anderen Falle« — Apollon Apollonowitsch begann ratlos mit den Augen zu zwinkern: — »wirst du sie selbstverständlich sehen, ich aber . . . ich . . . ich . . .«
Und Apollon Apollonowitsch richtete seine Augen auf den Sohn; die Augen waren traurig: die Augen eines zappelnden, gehetzten Rehs:
»Ich weiß wahrhaftig nicht, Kolenka, ich denke aber . . . Übrigens ist es mir so schwer, dir das zu erklären, besonders, wenn ich deine natürlichen Gefühle berücksichtige, die . . .«
Nikolai Apollonowitsch erbebte bei dem Blick, mit dem sich der Senator an ihn wandte, und — ganz merkwürdig: er fühlte plötzlich eine Aufwallung von — was glauben Sie? Liebe? — ja, Liebe zu diesem alten Despoten, der verurteilt war, in Stücke zerrissen zu werden.
Unter dem Einfluß dieses Gefühls machte er eine ruckhafte Bewegung in die Richtung seines Vaters: einen Augenblick noch, und er wäre vor seinem Vater niedergekniet, um ihm alles zu bekennen und ihn um Vergebung anzuflehen; aber der Alte, als er die Bewegung des Sohnes wahrgenommen hatte, zog wieder die Lippen fest zusammen, trippelte etwas eilig beiseite und begann mit einer Miene des Ekels mit den Händen zu fuchteln:
»Nein, nein, nein! Ich bitte Sie, es zu unterlassen . . . Ich weiß, was Sie wollen! . . . Sie haben mich gehört: bitte mich jetzt allein zu lassen.«
Zwei Finger klopften herrisch über den Tisch; die erhobene Hand zeigte auf die Tür:
»Sie halten mich zum besten; mein Herr, Sie sind nicht mein Sohn, mein Herr, Sie sind ein schrecklicher Schuft.«
Das alles sprach Apollon Apollonowitsch nicht, sondern schrie es heraus; unerwartet für ihn selbst brach es aus ihm hervor.
Nikolai Apollonowitsch rannte beinahe mit der Stirn gegen die Tür seines Zimmers; er drehte das elektrische Licht auf (Wozu? Die Sonne, ja, die Sonne blickte schon durch die Fenster) und lief in die Richtung seines Schreibtisches, wobei er unterwegs einen Stuhl zu Boden warf.
»Ah — ah — ah . . . Wo mag nur der Schlüssel sein?«
— — ?
— — !
»Ah! . . .«
»Na, also . . .«
»Schön . . .«
Ebenso wie sein Vater pflegte Nikolai Apollonowitsch mit sich selbst zu reden.
Und — ja: er wollte sich beeilen . . . Er bemühte sich, die widerspenstige Schublade herauszuziehen; er entnahm ihr einige mit Bändchen versehene Bündel mit Briefen; dann eine große Photographie; sein Blick streifte das Bild, und von diesem blickten ihm zwei Augen einer hübschen Frau entgegen — mit spöttischem Lächeln sahen sie ihn an; er schleuderte das Bild von sich; unter dem Bild befand sich das in ein Tuch gewickelte Paket; mit gemachter Gleichgültigkeit legte er es auf die Handfläche und prüfte sein Gewicht: es war etwas Schweres darin; er legte das Paket wieder rasch auf den Tisch.
Mit geschäftigen Bewegungen begann er nun, das Paket von dem Tuch, in das es gewickelt war, zu befreien. Sein Erstaunen war grenzenlos:
»Eine Bonbonniere . . .«
»Ah . . .«
»Ein Bändchen . . .«
»Nein, schau mal einer her . . .«
Wie sein Vater hatte Nikolai Apollonowitsch die Gewohnheit, mit sich selbst Gespräche zu führen.
Als er aber das Bändchen aufgeknüpft hatte, waren seine Hoffnungen zerschmettert (er hatte doch auf etwas gehofft), denn drin — in der mit einem rosa Bändchen zugeschnürten Bonbonniere — befand sich nicht Konfekt von Balé, sondern eine einfache Blechbüchse; sein Finger empfand in unangenehmster Weise die Kälte des Deckels.
Da bemerkte er zugleich den Uhrenmechanismus, der seitlich an der Büchse angebracht war: man brauchte nur den Schlüssel zu drehen, um den schwarzen Zeiger auf die vorgemerkte Stunde zu bringen.
Nikolai Apollonowitsch hatte eine dumpfe Überzeugung, die seine Schwäche und Charakterlosigkeit dokumentierte: er fühlte, daß er nie imstande war, diesen Schlüssel umzudrehen, denn es gab kein Mittel, den einmal in Bewegung gesetzten Mechanismus zum Stillstand zu bringen. Um sich den Rückzug von vornherein unmöglich zu machen, faßte Nikolai Apollonowitsch sofort den Schlüssel mit den Fingern: sei’s, daß seine Finger in diesem Augenblick zu zittern begannen, sei’s, daß er in einem Schwindelanfall in den Abgrund stürzte, dem er mit aller Kraft auszuweichen suchte — der Schlüssel machte eine Drehung um eine Stunde, dann um zwei . . . Nikolai Apollonowitsch machte unwillkürlich einen kunstvollen Sprung auf die Seite; nach dem Seitensprung schielte er wieder zum Tisch hinüber: noch immer stand die Blechbüchse, die früher Sardinen enthalten hatte, auf dem Tische (er hatte sich einmal mit Sardinen übergessen, seither hatte er sie nie mehr gegessen); eine gewöhnliche Sardinenbüchse wie jede andere: glänzend, mit abgerundeten Ecken . . .
Nein — nein — — nein —!
Wohl war es eine Sardinenbüchse, doch eine Sardinenbüchse mit furchtbarem Inhalt!
Der metallene Schlüssel hatte sich schon um zwei Stunden weitergedreht, und in der Sardinenbüchse begann das seltsame, mit dem Verstand nicht zu kapierende Leben; die Sardinenbüchse war dieselbe und doch wieder nicht dieselbe; in ihrem Innern krochen die Zeiger: der Stunden- und der Minutenzeiger; der geschäftige Sekundenzeiger hüpfte im Kreise; er wird nun weiterhüpfen, bis zu dem Augenblick (der ist nicht mehr fern) — bis zu dem Augenblick, bis zu dem Augenblick, an dem . . .
— der schauerliche Inhalt der Sardinenbüchse sich häßlich aufbläht; sich maßlos dehnt; und da — und da: zerspringt die Sardinenbüchse . . .
— Teile des schauerlichen Inhalts rasen im Kreise umher, zerreißen mit donnerndem Gepolter den Tisch; der vielfach gespalten zusammenfällt; und auch sein Körper wird in Stücke zerreißen: zusammen mit den Holzspänen, mit den sich nach allen Seiten ausbreitenden Gasen wird er als eine blutige, schmutzige, leblose Masse an den kalten steinernen Wänden hängenbleiben . . .
— in dem hundertsten Teil einer Sekunde wird das alles geschehen: in dem hundertsten Teil einer Sekunde werden die Wände einstürzen und der schauerliche Inhalt wird, sich dehnend, dehnend, dehnend — zugleich mit den Holzsplittern, Blut und Steinen gegen den dunkeln Himmel emporfliegen.
Draußen stiegen bauschige Rauchwolken nach oben, ihre Schwänze in die Newa tauchend.
Was hat er nun getan, was hat er getan?
Die Blechbüchse stand noch immer auf dem Tisch; hat er nun den Schlüssel umgedreht, dann müsse er unverzüglichdie Büchse an die richtige Stelle bringen (zum Beispiel: unter das Kissen in dem weißen Schlafgemach); oder sie mit dem Fuße zerstampfen. Aber sie an die richtige Stelle zu bringen, unter das hochaufgeschlagene Kopfkissen des Vaters, damit der alte, kahle Kopf, ermüdet von dem soeben Vorgefallenen, mit aller Wucht auf die Bombe niederfällt — nein, nein, nein: dazu konnte er sich nicht hergeben; das wäre Verrat.
Mit dem Fuße zerstampfen?
Doch bei diesem Gedanken fühlte er etwas, was auf seine Ohren wie ein unglaublicher Druck einwirkte: er fühlte eine so heftige Übelkeit (dank den acht Branntweingläsern, die er getrunken hatte), als hätte er die Bombe wie eine Pille heruntergeschluckt.
Nie wird er sie zerstampfen können, nie.
Es bleibt noch: sie in die Newafluten zu werfen; aber dazu hatte es noch Zeit: er braucht ja nur noch etwa zwanzigmal den Schlüssel umzudrehen; dann ist eine Frist gewonnen; hat er einmal den Schlüssel umgedreht, da heißt es nur eine Frist, so lange wie nur möglich, zu gewinnen; doch er zögerte, indem er sich, ganz entkräftet, in den Lehnstuhl niederließ; Übelkeit, furchtbare Schwäche, Schläfrigkeit überwältigten ihn; das mattgewordene Denken aber, vom Körper losgelöst, baute vor ihm häßliche, sinnlose Arabesken . . . und er schlummerte ein.
Im Schlaf, des Körpers beraubt, fühlte er doch diesen gleichsam als ein unsichtbares Zentrum, das früher ein Bewußtsein und ein »Ich« besessen hatte und so hatte das »Ich« Nikolai Apollonowitschs noch immer eine körperliche Gestalt, wiewohl es auch kein Körper mehr war; und in diesemNicht-Körperlebte ein fremdes »Ich«, das vom Saturnus herabgeflogen kam und sich zum Saturnus wieder hinaufschwang.
Er saß vor seinem Vater (wie er schon früher zu sitzen pflegte) — doch körperlos; hinter den Fenstern seines Zimmers aber, in der vollständigen Dunkelheit, tönte es unaufhörlich halblaut: turn — turn — turn.
Es waren die Jahreszahlen, die nach rückwärts liefen.
»Bei welcher Jahreszahl sind wir nun?«
Laut auflachend antwortete Apollon Apollonowitsch:
»Bei keiner, Kolenka, bei keiner: die Jahreszahl, mein Lieber, ist Null . . .«
Der grauenhafte Seeleninhalt Nikolai Apollonowitschs bewegte sich unruhig (dort, wo die Stelle des Herzens war), wie ein summender Kreisel: er blähte und dehnte sich; es war, als ob der grauenhafte Seeleninhalt zu einer marternden Kugel würde.
Es war das Jüngste Gericht.
»Ei — ei: was ist das ‚ich bin?‘«
»Ich bin? — eine Null . . .«
»Und — was ist die Null?«
»Die Null ist eine Bombe, Kolenka . . .«
Nikolai Apollonowitsch begriff nun, daß er eine Bombe war, nichts weiter; diese Bombe war explodiert, und an jener Stelle, wo im Lehnstuhl die Hülle des Nikolai Apollonowitsch (einer Eierschale gleich) saß — zuckte ein Blitz auf und tauchte in die schwarzen Äonenwellen unter.
Da erwachte Nikolai Apollonowitsch halb; schaudernd merkte er, daß sein Kopf auf der Sardinenbüchse lag.
Und er sprang in die Höhe: ein schrecklicher Traum . . . Was war es aber? Er konnte sich des Traums nicht entsinnen; der Alpdruck, der ihn in seiner Kindheit zu quälen pflegte, stellte sich ein: Pépp, Péppowitsch, Pépp, ein Kügelchen, das sich zu einer Riesenkugel aufbläht; die alten Kinderdelirien kehrten wieder zurück, denn — Pépp, Péppowitsch Pépp, das Kügelchen von schauerlichemInhalt, ist nichts als eine Bombe; dort steht sie und summt unhörbar mit ihren Zeigern und dem Härchen; Pépp, Péppowitsch, Pépp wird sich dehnen, dehnen, dehnen; Pépp, Péppowitsch, Pépp wird dann explodieren: alles, alles wird zerspringen . . .
»Was? Phantasiere ich?«
Mit rasender Schnelligkeit ging es durch seinen Kopf: Was tun? Es bleibt nur noch eine Viertelstunde übrig: den Schlüssel wieder umdrehen?
Er drehte zwanzigmal den Schlüssel um; und zwanzigmal ächzte etwas drinnen in der Blechbüchse: die alten Delirien kehrten für einige Zeit zurück, damit der Morgen — Morgen, der Tag — Tag und der Abend — Abend bleibe; am Ende der Nacht aber wird keine Umdrehung des Schlüssels die Frist zu verlängern vermögen: es wird etwas geschehen, was die Wände zum Umstürzen bringen, den purpur erleuchtenden Himmel in Stücke zerreißen und ihn zusammen mit dem verspritzten Blut zum finsteren Urchaos verwandeln wird.
Ende des fünften Kapitels.
Es war ein trüber Petersburger Tag.
Wollen wir nun zu Alexander Iwanowitsch zurückkehren; Alexander Iwanowitsch erwachte; Alexander Iwanowitsch schlug die Augen auf, doch die fielen ihm immer wieder zu; die Geschehnisse der Nacht wurden zurück in die unterbewußte Welt gedrängt; seine Nerven waren zerrüttet: die Nacht war für ihn ein Ereignis von riesiger Bedeutung.
Wenn er sich zwischen Schlaf und Wachsein befand, war es ihm, als werde er in eine Tiefe geschleudert: als fiele, stürze er aus einem Fenster des fünften Stocks; seine Empfindungen zeigten ihm eine Bresche, die in seine Welt geschlagen wurde; durch diese Bresche flog er in eine andere, gestaltenwimmelnde Welt hinein, von der es nicht genügt zu sagen, man werde dort von furienähnlichen Geschöpfen überfallen: in ihr war selbst das Weltgewebe nichts als Furiengewebe.
Erst gegen Morgen vermochte Alexander Iwanowitsch von sich diese Welt abzuschütteln; und er versank dann in Wonne; das Erwachen stieß ihn jäh wieder hinunter: es blieb in ihm ein unbestimmtes Sehnsuchtsgefühl zurück, und sein ganzer Körper schmerzte.
Im ersten Augenblick nach dem Erwachen merkte er, daß er von Frost geschüttelt wurde, er hatte die Nacht hindurch gefiebert: etwas ging mit ihm vor . . . Doch was?
Während der ganzen langen Nacht rannte er im Delirium durch neblige Straßen oder stieg über Stufen einer geheimnisvollen Treppe; am wahrscheinlichsten aber war es das Fieber gewesen, das durch — seine Adern rannte; das Gedächtnis erzählte etwas, aber die Erinnerungen daran entglitten immer wieder, und er bemühte sich vergeblich, es festzuhalten.
All das war — Fieber.
Ernstlich erschrocken (bei seiner Einsamkeit fürchtete sich Alexander Iwanowitsch vor Krankheiten), dachte er, es würde gut für ihn sein, wenn er das Zimmer nicht verließe.
Mit diesem Gedanken begann er einzuschlummern; im Einschlummern aber dachte er:
»Etwas Chinin sollte ich einnehmen.«
Er schlief ein.
Und beim Erwachen fügte er hinzu:
»Und einen kräftigen Tee . . .«
Und nach einigem Nachdenken fügte er wieder hinzu:
»Mit Himbeersaft . . .«
Es ging ihm durch den Kopf, daß er die letzte Zeit in einer für seine Lage unerlaubt leichtsinnigen Weise gelebt hatte; dieser Leichtsinn erschien ihm jetzt um so unverzeihlicher, als ihm ernste und schwere Tage bevorstanden.
Unwillkürlich seufzte er:
»Und dann sollte ich streng das Trinken vermeiden . . . Nicht die Offenbarung lesen . . . Nicht bei dem Hausmeister unten sitzen . . . Und auch die Unterhaltungen mit Stjopka, der beim Hausmeister wohnt: ich sollte nicht mit diesem Stjopka plaudern . . .«
Diese Gedanken an Tee mit Himbeer, an Wodka, an Stjopka, an die Offenbarung Johanni beruhigten ihn erst, indem sie die Ereignisse der Nacht zu einer Lappalie machten.
Als er sich aber mit dem eiskalten Wasser aus der Leitung und mit Hilfe eines Seifenrestes, der in einem seifigen, gelben Brei lag, gewaschen hatte, fühlte Alexander Iwanowitsch, wie ihn wieder die Ereignisse der Nacht überwältigten.
Er streifte mit dem Blick sein Zwölfrubelzimmer (ein Mansardenraum).
Was für eine traurige Behausung!
Das Hauptmöbelstück des ärmlichen Raumes war das Bett; dieses Bett bestand aus vier Brettern, die auf zwei Holzböcke gelegt wurden; die Oberfläche dieser Böcke war mit ekelhaften, dunkelroten, vertrockneten Wanzenspuren bedeckt, mit denen Alexander Iwanowitsch viele Monate hindurch mit Hilfe eines Wanzenpulvers einen hartnäckigen Kampf geführt hatte.
Auf den Brettern lag eine mit Holzwolle gefüllte, dünne Matratze; über das schmutzige Bettuch hatte Alexander Iwanowitsch sorgfältig eine gestickte Decke gebreitet, deren rote und blaue Streifen mehr vom langjährigen Gebrauch als vom Schmutz grau aussahen; von dieser Decke, die ein Geschenk von irgend jemand (vielleicht von der Mutter) gewesen war, zögerte Alexander Iwanowitsch sich zu trennen; vielleicht auch aus Mangel an Geld (diese Decke hatte ihn auch nach Sibirien begleitet).
Außer dem Bett . . . — ja: hier muß ich noch erwähnen: über dem Bett hing ein kleines Heiligenbild, das den heiligen Seraphin im Fichtenwald auf einem Stein kniend bei seinem tausend Nächte währenden Gebet darstellte.
Außer dem Bett stand dort noch ein glattgehobelter, kleiner Tisch ohne jede Verzierung: in billigen Landwohnungen gebraucht man solche Tische zum Aufstellen der Waschschüsseln; solche Tischchen werden überall auf den Sonntagsmärkten feilgeboten; in der Wohnung Alexander Iwanowitschs war das Tischchen Schreib-, Speise- und Nachttischchen zugleich; Waschschüssel gab es überhaupt keine: bei seiner Toilette bediente sich Alexander Iwanowitsch der Wasserleitung, neben der eine Blechdose mit einem in schleimiger Seifenflüssigkeit schwimmenden Seifenrest hing; außerdem gab es einen Kleiderrechen, auf dem eine Hose baumelte; eine zerrissenePantoffelspitze blickte unter dem Bett hervor. (Alexander Iwanowitsch träumte eines Nachts: dieser zerrissene Pantoffel wäre ein lebendes Wesen, eine Art Stubengeschöpf, wie etwa der Hund oder die Katze; es schlürfte selbständig aus einer Stelle des Zimmers zur anderen, kriechend und in den Ecken rasselnd; als Alexander Iwanowitsch die schlürfenden Pantoffel mit im Munde aufgeweichtem Semmelbrot füttern wollte, bissen ihn diese in die Finger, weswegen er erwachte).
Es stand noch im Zimmer ein brauner Reisekoffer, der längst seine ursprüngliche Form verloren hatte und Gegenstände von schrecklichster Bedeutung enthielt.
Doch das ganze Möblement dieses sozusagen Zimmers, trat zurück vor der Farbe der Tapete, die unangenehm und frech war, von dunkelgelber oder brauner Nuance, mit riesigen feuchten Flecken; abends kroch langsam bald über den einen, bald über den andern dieser Flecke ein Tausendfüßler. Das ganze Innere des Zimmers war von Tabakrauch erfüllt. Alexander Iwanowitsch mußte unaufhörlich, mindestens zwölf Stunden täglich rauchen, um die farblose Atmosphäre in eine dunkelgraue, blaue zu verwandeln.
Alexander Iwanowitsch Dudkin betrachtete seine Behausung, und wieder — wie schon immer — zog es ihn hinaus aus dem vollgerauchten Zimmer, zog es ihn fort von hier; es zog ihn auf die Straße in den schmutzigen Nebel, wo er mit den Schultern, den Rücken und grünlichen Gesichtern der Petersburger Prospekte eins werden konnte, um sich mit ihnen zu einem einzigen riesengroßen, grauen Gesicht zu verschmelzen.
Am Fenster seines Zimmers klebte der dichte Oktobernebel: Alexander Iwanowitsch Dudkin empfand das Bedürfnis, sich von dem Nebel durchdringen zu lassen, alle seine Gedanken von ihm durchdringen zu lassen, alles, wasin seinem Hirn herumspukte, in dem Nebel zu ertränken; durch die Gymnastik der schreitenden Füße wollte er dieses Spukzeug auflösen; schreiten wollte er, immer schreiten und schreiten: von Prospekt zu Prospekt, von Straße zu Straße; schreiten so lange, bis das Hirn gänzlich verstummt ist, dann vor dem Tischchen der Schenke niedersinken, um sich mit Wodka zu verbrennen. Nur ein solches zielloses Wandern durch Straßen und krumme Gäßchen, an Laternen, Zäunen und Fenstern vorbei erstickt die quälenden Gedanken im Hirn.
Während er seinen armseligen Mantel anzog, spürte er wieder, daß es ihn fröstelte, und er dachte traurig:
»Hätt’ ich doch etwas Chinin!«
Aber woher Chinin nehmen? . . .
Und während er die Treppe hinunterging, dachte er wieder traurig:
»A—ach, hätt’ ich doch nur einen kräftigen Tee mit Himbeersaft . . .«
Die Treppe!
Schaurig, dunkel, feucht — gab sie erbarmungslos seine schlürfenden Schritte wieder, die schaurige, dunkle, feuchte Treppe! Heute nacht war das gewesen. Nun erst erinnerte sich Alexander Iwanowitsch, daß er diese Nacht wirklich hier gegangen war: oder war es etwa im Traum? Nein, das war in der Wirklichkeit; doch was war es eigentlich?
Was?
Ja: aus all diesen Türen ergoß sich das tödliche Schweigen über ihn; es breitete sich endlos aus und ließ ein sonderbares Rasseln vernehmen: und unermüdlich, ohne Aufhören schluckte irgendein schmatzendes Etwas seineneigenen Speichel herunter, mit langgezogener Deutlichkeit. Es waren schreckliche, unbekannte Töne, aus Seufzern, aus dumpfem Stöhnen aller Zeiten zusammengeschmolzen; durch die schmalen Fenster oben konnte man sehen (und er hatte es gesehen), wie von Zeit zu Zeit die Düsterkeit aufblitzte, wie sie die Gestalt zerrissener Wolken annahm, wie alles aufleuchtete, wenn die blaß-türkisblauen Strahlen sich lautlos auf den Boden legten, um da bewegungslos und tot liegenzubleiben.
Dorten — dort: dort blickte der Mond herein.
Doch Schwärme nahten heran: ein Schwarm nach dem anderen — bauschige, dunstige, gewitterschwere — stürzten sich all diese Schwärme über den Mond her: die blaß-türkisblauen Strahlen erloschen; von überall her schwangen sich Schatten hervor; alles bedeckten die Schatten . . .
Da erinnerte sich Alexander Iwanowitsch Dudkin, daß er gestern abend über dieselbe Treppe gelaufen und die letzten, versagenden Kräfte angespannt hatte, ohne jede Hoffnung auf Überwindung. Und eine schwarze Gestalt (war auchdasWirklichkeit?) rannte ihm nach; lief hinter seinen Fersen her, seinen Fußspuren nach.
Und sie hatte ihn zugrunde gerichtet, rettungslos vernichtet.