Plötzlich der Schwere beraubt, ja selbst des Empfindens der Körperlichkeit, ganz Gesicht und Gehör, von jedem anderen Gefühl befreit, hob er die Stellen der Augen (denn die Augen waren nicht mehr: jede Körperlichkeit war ja entschwunden!) in die Richtung seines eigenen Scheitels und merkte, daß kein Scheitel mehr existierte, denn dort, wo sonst das Hirn von festen Knochen gehalten wurde, war jetzt eine runde Öffnung, die zur dunkelblauen Ferne strahlte, und über dieser Öffnung hing ein rotierendes Rad aus tanzenden, sprühenden Funken; im Augenblick, als Apollon Apollonowitsch den Mongolen an seinen kraftlosen Körper heranschleichen fühlte — im selben Augenblick begann ein Etwas, das wie der Wind im Schornstein heulte und pfiff, das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs in die unendlichen Sternfernen emporzuziehen.
Hier geschah ein Skandal (das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs konstatierte, daß schon einmal ein ähnlicher Fall vorgekommen war: wo, wann — dessen erinnerteer sich nicht) — hier geschah ein Skandal: der Wind blies das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs aus Apollon Apollonowitsch. Durch die runde, strahlende Öffnung flog er hinaus in das Blau der Gestirne als goldener, federleichter Stern; als er genügend hoch über seinem eigenen Kopfe schwebte (der ihm alsPlaneterschien); zerstob der goldene Stern, einer Rakete gleich, lautlos in Luft . . .
Ende des dritten Kapitels.
Nüchtern, vereinsamt liefen die Wege des Sommergartens auseinander; mit eiligen Schritten durchquerte sie der düster dreinschauende Passant, um sich dann in der hoffnungslosen Ödigkeit des Marsfeldes zu verlieren.
Verstimmt lag der Sommergarten da.
Die Sommerstatuen flüchteten sich unter die Holzverschläge; die großen Bretter glichen in ihrer Längsseite, der Form nach, einem Sarg; diese Särge umstanden die schmalen Gartenwege; in diesen Särgen verbargen sich Nymphen und Satyre, damit der Zahn der Zeit nicht an ihnen mit Regen, Schnee und Frost nagen konnte; denn die Zeit — sie zernagt alles mit ihrem eisernen Zahn; sie zernagt in gleicher Weise den Körper wie die Seele und selbst die Steine. —
Mit dem Verschwinden der alten Zeiten verödete der Garten, er wurde grau, schrumpfte zusammen; die Grotte zerfiel, die Springbrunnen murmelten nicht mehr, die Sommergalerie war zerstört, der Wasserfall ausgetrocknet; zusammengeschrumpft lag der Garten geduckt hinter dem Gitterzaunwerk.
Peter selbst war es, der den Garten angelegt hat; mit seiner eigenen Gießkanne begoß er die Pflanzen; er ließ Zedern aus Solikamsk, Sauerdorn aus Danzig und Apfelbäume aus Schweden herbeibringen; er errichtete Wasserspiele, und ihre Sprühregen glitzerten zuweilen wie leichtes Spinngewebe auf den roten Kamisolen der allerhöchsten Persönlichkeiten, mit gepuderten Locken, schwarzen Arabergesichtern und den eleganten Hofdamen in kostbaren Roben; gestützt auf den geschliffenen Griff des schwarzen, goldverzierten Stockes, führte der grauhaarige Kavalier seine Dame an das Bassin, wo vom dunkelgrünen,schäumenden Grund, prustend, der Seehund seine Schnauze hervorstak; ein geängstigtes »Ach!« von seiten der Dame, indessen der Kavalier scherzhaft lächelte und seinen Stock dem schwarzen Monstrum entgegenhielt.
Damals zog sich der Sommergarten weit hin, und das Marsfeld mußte ein ordentliches Stück seiner Fläche für die Alleen des Gartens hergeben, jenen Alleen, die dem kaiserlichen Herzen so nahelagen; riesige Muscheln aus indischen Gewässern streckten hier von den rauhen Steinen der Grotte ihre rosafarbigen Fühler in die Luft, und die hohe Persönlichkeit näherte, den pleureusengeschmückten Hut abnehmend, neugierig das Ohr der rosigen Öffnung: ein chaotisches Summen drang ihr entgegen; inzwischen labten sich andere hohe Persönlichkeiten vor der Grotte an Fruchtsaftwasser.
Auch in späteren Zeiten hörte man öfters Lachen, Seufzer und Flüstern vor der Statue, die in malerischer Pose ihre Hände in den dämmernden Tag vorstreckte; dabei glänzten die Perlen der Hoffräulein. Im Frühling war es, am Pfingsttag; die Abendluft verdichtete sich; plötzlich wurde sie von Orgeltönen erschüttert, die aus einer Gruppe schlummernder Ulmen hervorbrachen; und von derselben Ecke aus breitete sich plötzlich spaßiges grünes Licht aus; von diesem grünen Licht beschienen, bliesen grellrote Jägermusikanten in ihre Hörner, und von den melodischen Tönen erzitterte die Luft, die Seelen der Zuhörer in ihren Tiefen aufwühlend; hast du das sehnsuchtsvolle Weinen der in die Luft emporgehobenen Hörner nicht vernommen?
Das war alles einmal gewesen; jetzt ist es vorbei; jetzt laufen düster verstimmt die Wege des Sommergartens auseinander; eine schwarze, ruhelose Vogelschar kreiste über dem Peterhäuschen; unerträglich war ihr Gezwitscher und das Aufschlagen der vielen Flügel; die schwarze,ruhelose Schar ließ sich störend auf die Zweige niederfallen.
Nikolai Apollonowitsch, parfümiert und rasiert, schritt, in seinen Wintermantel gehüllt, über den hartgefrorenen Weg; sein Kopf sank auf den Pelz, und die Augen glänzten eigentümlich. Er hatte gerade beschlossen, sich in Arbeit zu vertiefen, als ihm ein Zettelchen überreicht wurde; mit unbekannter Schrift lud ihn jemand zu einem Stelldichein in den Sommergarten ein; die Unterschrift war ein »S«. Wer mochte sich hinter dem geheimnisvollen »S« verbergen? »S« ist — Sofja (sie hat wohl ihre Schrift verändert). Nikolai Apollonowitsch, frisch rasiert und parfümiert, schritt über den hartgefrorenen Weg weiter.
Er sah aufgeregt aus; er hatte in diesen Tagen keinen Appetit, keinen Schlaf gehabt; eine dünne Staubschicht legte sich ungehindert auf die aufgeschlagene Seite des Kant. Ein Strom süßer Gefühle zog durch die Seele Nikolai Apollonowitschs; Ähnliches hatte er auch schon früher empfunden. — Dumpf, fern. Aber seit er durch sein eigenes Vorgehen in Sofja Petrowna die unbestimmten Schauer geweckt hatte, war auch er von diesem Schauer erfaßt; als hatte er in ihm selbst schlummernde Kräfte in unergründeten Tiefen geweckt; als wäre in ihm eine Äolssaite gesprungen und anderer Leidenschaften — Kinder hätten ihn durch die Lüfte in andere Länder getragen. Sollten auch das nur die wiedergekehrten, rein sinnlichen Empfindungen sein? Oder war es am Ende — die Liebe? Aber die Liebe verneinte er.
Er sah sich bewegt um nach der bekannten Gestalt im Pelzmantel mit kleinem, schwarzem Muff; doch niemand war auf den Wegen zu sehen. Auf einer nahen Bank saß eine nachlässig gekleidete Frauensperson. Diese erhob sich plötzlich, trippelte erst eine Weile an der Bank herum und ging dann auf ihn zu.
»Sie haben mich . . . nicht erkannt?«
»Ach ja, guten Tag!«
»Sie scheinen mich auch jetzt nicht zu erkennen? Ich bin — Solowjowa.«
»Aber natürlich erkannte ich Sie, Warwara Ewgrafowna!«
»Dann wollen wir hier auf der Bank Platz nehmen . . .«
Nikolai Apollonowitsch ließ sich gequält neben ihr nieder; in dieser selben Allee war ihm das Stelldichein gegeben, und nun kam diese unglückliche Begegnung! Nikolai Apollonowitsch überlegte, wie er das Mädchen loswerden konnte; in Erwartung der anderen sah er sich fortwährend verlegen um, doch es kam niemand.
Vor ihren Füßen lagen Haufen dunkelbrauner, wurmstichiger Blätter; ein dunkles Netz von Zweigen zog sich vor ihnen, matt den Horizont durchschneidend, hin; von Zeit zu Zeit begann dieses Netz zu ächzen; von Zeit zu Zeit begann sich dieses Netz zu bewegen.
»Haben Sie meinen Zettel bekommen?«
»Welchen Zettel?«
»Den Zettel mit ‚S‘ gezeichnet?«
»Was, den habenSiegeschrieben?«
»Aber gewiß doch . . .«
»Wieso dann ‚S‘?«
»Wieso? Ich heiße doch Solowjowa.«
Alles stürzte vor ihm zusammen. Und er, und er — was hatte er sich nicht schon alles ausgemalt! Die unbestimmten Schauer, die ihn trugen, versanken in jähe Tiefe.
»Womit kann ich dienen?«
»Ich . . . ich wollte, ich dachte . . . haben Sie einmal ein Gedicht mit der Unterschrift ‚Die flammende Seele‘ bekommen?«
»Nein.«
»Wie ist das möglich? Ach, wie ärgerlich! Ohne dieseVerse ist es mir eigentlich schwer, Ihnen zu erklären . . . Ich wollte Sie über den Sinn des Lebens fragen . . .«
»Verzeihen Sie, Warwara Ewgrafowna, ich habe gar keine Zeit.«
»Wieso? Ach, wieso denn?«
»Auf Wiedersehen! Ich bitte vielmals um Verzeihung: wir werden dieses Gespräch ein anderes Mal aufnehmen. Nicht wahr?«
Warwara Ewgrafowna machte einen schüchternen Versuch, ihn zurückzuhalten, doch er erhob sich entschlossen und reichte ihr seine parfümierte Hand. Ihr fiel im Augenblick nichts ein, wodurch sie ihn zu bleiben bewegen konnte; er aber lief ganz verärgert, das Gesicht stolz und gekränkt in den Pelzmantel vergraben, von dannen.
Erst in später Stunde beliebte Engel Peri ihre unschuldigen Äuglein aufzuschlagen; ihre Äuglein wollten durchaus nicht offen bleiben, und im Köpfchen bohrte ein dumpfer Schmerz; Engel Peri geruhte noch lange im Halbschlummer dazuliegen; in ihrem Köpfchen schwirrten Unverständlichkeiten, Undeutlichkeiten durcheinander; der erste volle Gedanke war der an den bevorstehenden Abend: was wird nun werden? Als sie sich darüber klar zu werden versuchte, fielen ihre Augen wieder zu, und ihren Kopf erfüllten wieder Unverständlichkeiten, Undeutlichkeiten. Aus dieser Unklarheit erhob sich nun das Wort: Pompadour, Pompadour . . . Was war es aber mit dem Pompadour? Hell erleuchtete dieses Wort ihre Seele: Toilette à la Pompadour — himmelblaue Seide mit Blümchenmuster, Valencienner Spitzen, silbergraue Halbschuhe mit Pompons. Über die Toilette à la Pompadour hatte siemit Madame Farnoix neulich einen großen Disput; Madame Farnoix wollte keinesfalls auf die Blondenspitzen verzichten. Es entstand eine Meinungsverschiedenheit, die so weit ging, daß Madame Farnoix Sofja Petrowna vorschlug, den Stoff wieder mitzunehmen und sich an Maison Tricotons zu wenden. Davon wollte aber Sofja Petrowna nichts hören, und so blieben die Blondenspitzen; ebenso gab Sofja Petrowna in anderen, den Stil Pompadour betreffenden Punkten nach, z. B. was das leichte Chapeau Bergère an den Ärmeln betraf.
So war man einig geworden.
Vertieft in Gedanken über Madame Farnoix, Maison Tricotons und Pompadour, fühlte Sofja Petrowna doch, daß gestern noch etwas geschehen war, das alles andere verwischen mußte; sie benutzte aber ihren verschlafenen Zustand unbewußt, die halbentschwundene Erinnerung von dem gestrigen Tage nicht in sich aufkommen zu lassen; endlich erinnerte sie sich der zwei Worte: Domino und Brief; sie sprang vom Bett auf und rang in gegenstandsloser Bangigkeit die Hände; noch ein drittes Wort gab es, mit dem sie gestern auch eingeschlafen war.
Doch Engel Peri konnte sich dieses dritten Wortes nicht entsinnen; dieses dritte Wort war von Belang: Gatte, Offizier, Leutnant.
Engel Peri nahm sich vor, an die beiden ersten Worte vor dem Abend nicht zu denken, das dritte aber vollständig zu ignorieren. Doch gerade dieses dritte drängte sich ihr unerwartet schon sehr bald auf; das kam nämlich so: kaum war sie aus ihrem überheizten Schlafzimmerchen in den Salon getreten, ihre schwebenden Schritte weiter ins Zimmer des Gatten lenkend, überzeugt, daß dieser, wie immer, schon längst aus dem Hause war, um irgendwo dort den Proviant zu verwalten, als sie zu ihrer Verwunderung die Tür von innen abgeschlossen fand; entgegenjeder Regel, entgegen der Vernunft, der Ehrlichkeit, trotz Unbequemlichkeit und enger Wohnung — befand sich Leutnant Lichutin allem Anschein nach noch in seinem Zimmer.
Da erst fiel ihr die gestrige häßliche Szene ein; und mit schmollendem Mündchen schlug sie die Tür ihres Schlafzimmers zu (er habe sich eingesperrt, dann wolle auch sie das gleiche tun). Zugleich aber erblickte sie das zerschlagene Tischchen.
»Gnädige Frau wünschen den Kaffee ins Zimmer?«
»Nein, nicht.«
»Der gnädige Herr wünschen den Kaffee ins Zimmer?«
»Nein, nicht.«
»Gnädiger Herr, der Kaffee ist kalt geworden.«
Schweigen.
»Gnädige Frau, es ist jemand da.«
»Von Madame Farnoix?«
»Nein, von der Wäscherin.«
Schweigen.
Die Stunde hat sechzig Minuten; die Minute besteht aus lauter kleinen Sekunden; die Sekunden liefen und bildeten Minuten; schwerfällig wälzten sich die Minuten; und langsam, langsam gingen die Stunden dahin.
Schweigen.
Während des Tages sprach der Gelbe, Ihrer Majestät Kürassier, Baron Ommau-Ommergau, vor, mit einer Zwei-Pfund-Bonbonniere mit Kraftschokolade unter dem Arm. Die Bonbonniere wurde gnädig entgegengenommen, der Kürassier mußte gehen.
Gegen zwei Uhr nachmittags klingelte der Blaue, Seiner Majestät Kürassier, Graf Awen, mit einer Bonbonnierevon Ballé in der Hand. Die Bonbonniere wurde angenommen, er mußte gehen.
Nicht empfangen wurden auch der Leibhusar mit der hohen Pelzmütze; der Husar schüttelte seinen Sultan hinter dem Busch zitronengelber Chrysanthemen, den er in der Hand hielt; er war unmittelbar nach Graf Awen erschienen.
Dann war Werhefden mit einem Logenbillett für das Mariensche Theater erschienen; es fehlte nur Lipantschenko.
Endlich, spät am Abend, kam das Laufmädchen von Madame Farnoix mit einem riesigen Kleiderkarton; sie wurde sofort vorgelassen; als darüber im Vorzimmer ein Kichern entstand, öffnete sich die Tür des Schlafzimmers, ein verweintes Gesichtchen blickte neugierig hervor, und eine Stimme rief erzürnt:
»Rasch damit her!«
Zu gleicher Zeit knackte das Schloß im Herrenzimmer, eine zerwühlte Mähne erschien einen Augenblick und — verschwand. War es wirklich der Leutnant?
Petersburg verkroch sich in die Nacht.
Wer erinnert sich nicht des Abends vor der ereignisvollen Nacht? Wer erinnert sich nicht des traurigen Hinscheidens dieses Tages?
Die riesengroße Purpursonne lief über der Newa dahin, um sich dann hinter den Fabrikschloten zu verbergen: die Petersburger Häuser überzogen sich mit einem feinen Dunstschleier, zerflossen gleichsam und verwandelten sich in eine leichte, amethystgraue Spitze; die Fensterscheiben warfen allerorts einen goldigflammenden Schein, und die hohen Turmspitzen leuchteten rubinenrot. Alles, was sonst schwerfällig hervorstach: die Vorsprünge der Mauern, die Karyatiden an den Eingängen, die steinernenBalkons, verloren sich in der brennend roten Flammenhaftigkeit.
Blutrünstig grell lag das rostrote Palais da: dieses alte Palais wurde noch von Rostrelli erbaut; ein zarter, hellblauer Mauerkörper, umgeben von einer Schar weißer Säulen, stand damals das Palais; bewundernd pflegte einst die Kaiserin Elisabeth, Peters Tochter, das Fenster zu öffnen, um in die Newafernen zu blicken. Zur Zeit Alexanders I. war das alte Palais mit fahlgelber Farbe bestrichen; unter Alexander II. wurde es wieder renoviert, und von da ab behielt es seinen rostroten Farbenton, blutigrot gegen Westen.
An diesem ereignisreichen Abend flammte alles und alles, und so flammte auch das Palais; alles andere aber, was nicht von dem Schein erfaßt war, versank, langsam, in Dunkel; langsam in Dunkel versanken die Reihen der Linien und Wände, indessen dort auf dem erlöschenden lila Himmel in den Perlmutterwölkchen sich langsam sprühende Feuerchen entzündeten; langsam, langsam leichte duftige Flämmchen aufhüpften.
Du würdest gesagt haben, dort erblickte man die Abendröte der Vergangenheit.
Eine Dame von kindlicher, nicht allzu großer Gestalt, ganz in Schwarz, die an der Brücke dort die Droschke verlassen hatte, wandelte schon seit geraumer Zeit vor den Fenstern des gelben Hauses; etwas seltsam zitterten ihre Hände. Die rundliche Dame war im vorgerückten Alter und sah aus, als litte sie an Asthma; ihre rundlichen Finger griffen immerzu nach dem Kinn, das erheblich über dem Kragen hervorhing und einzelne graue Härchen zeigte. Vor den Fenstern des gelben Hauses stehend, nahm sie plötzlich mit der zitternden Hand und einem ihrem Alter unentsprechend raschen Griff ein Spitzentaschentuch aus dem kleinen Handtäschchen heraus, wandte sich gegen dieNewa und begann zu weinen. Die untergehende Sonne beschien dabei ihr Gesicht, und auf ihrer Oberlippe zeichnete sich deutlich das Schnurrbärtchen; sie legte ihre Hand auf einen Stein und sah mit kindlichem, nichts sehendem Blick in die nebelhafte, vielschlotige Ferne und die Tiefe des Wassers.
Endlich näherte sich die Dame erregt dem gelben Haus und läutete.
Die Tür ging auf; ein betreßter Greis streckte durch die Öffnung seinen kahlen Schädel vor und zwinkerte mit den träumenden Äuglein in den gelben Glanz des Newasonnenuntergangs.
»Sie wünschen?«
Die ältliche Dame kam in Aufregung: Rührung vielleicht, vielleicht verborgene Schüchternheit erhellten ihre Züge . . .
»Semjonytsch . . . erkennen Sie mich nicht?«
Da erbebte der kahle Lakaienschädel, und sein Blick fiel auf das kleine Handtäschchen.
»Mütterchen, gnädige Frau! . . . Anna Petrowna!«
»Ja, Semjonytsch, ich bin’s . . .«
»Aber wieso denn? Woher?«
Rührung, wenn nicht gar verborgene Schüchternheit klang aus der angenehmen Stimme.
»Aus Spanien, . . Ich wollte nun sehen, wie es euch ohne mich geht.«
»Gnädige Frau, Mütterchen . . . Kommen Sie doch nur herein . . .«
Anna Petrowna schritt über die Treppe, die derselbe Teppich bedeckte wie damals.
Aber niemand ist zu Hause, weder der junge Herr noch Apollon Apollonowitsch.
Über der Balustrade erhob sich wie damals die Säule aus weißem Alabaster, und auf ihr hob wie damals dieNiobe ihre Alabasteraugen gen Himmel; diesesDamalsüberfiel Anna Petrowna (seither sind bereits drei Jahre verstrichen, und vieles wurde inzwischen erlebt), vor ihr tauchten die schwarzen Augen des italienischen Kavaliers auf, und wieder spürte sie ihre sorgsam verborgene Schüchternheit.
»Befehlen gnädige Frau Kaffee oder Schokolade? Oder vielleicht den Samowar?«
Anna Petrowna schüttelte mit Mühe die Vergangenheit von sich (hier war alles wie früher).
»Also, wie ist es euch all die Jahre gegangen?«
»Es ging eben . . . Aber ich muß der gnädigen Frau sagen: ohne Sie gibt’s keine Ordnung . . . Sonst aber blieb alles beim alten . . . . Der gnädige Herr hat . . .«
»Ja, das weiß ich . . .«
»Jawohl, immer neue Auszeichnungen . . . Die Gnade des Kaisers . . . Was ist da zu sagen: der gnädige Herr bedeuten schon was!«
»Und ist — der Herr — gealtert?«
»Der gnädige Herr kommt — wie es heißt — auf einen verantwortlichen Posten: er ist so gut wie Minister . . .«
Anna Petrowna schien es plötzlich, daß der Lakai sie ein klein, klein wenig vorwurfsvoll anblickte; das schien ihr wohl; der Lakai blinzelte nur von dem blendenden Glanz der untergehenden Sonne, während er ihr die Tür zum Salon öffnete.
»Und Kolenka?«
»Kolenka? Nikolai Apollonowitsch? O, der ist so gescheit. Macht Fortschritte in den Wissenschaften; und auch sonst, wie und wo es sich gehört . . . Ein bildhübscher, junger Herr!«
»Aber was sagen Sie da? Er war doch immer in den Vater . . .«
Sie sagte es, ließ die Augen sinken und machte sich an dem Handtäschchen zu schaffen.
An den Wänden dieselben hochbeinigen Stühle; zwischen den Stühlen mit den cremefarbigen Plüschsitzen überall kleine weiße Säulen; und von jeder dieser Säulen sah sie ein strenger Mann aus kaltem Alabaster vorwurfsvoll an. Und direkt feindlich funkelte sie das grünliche, alte Spiegelglas an, unter dem sie mit dem Senator das entscheidende Gespräch hatte; dort weiter — die blaßtönigen Bilder — die pompejanischen Fresken; diese Fresken brachte ihr der Senator, als sie seine Braut gewesen war — vor nun dreißig Jahren.
Anna Petrowna wurde wieder von der alten Gastlichkeit des Salons erfaßt; von dem Lack und äußeren Glanz; wie in alter Zeit bedrückte etwas ihre Brust; die alte Feindseligkeit wälzte sich nach oben, bis zur Kehle; Apollon Apollonowitsch wird ihr vielleicht verzeihen; sie ihm aber — nie; im lackierten Heim entluden sich die Lebensgewitter lautlos, aber ihre Entladungen waren tötend.
So wurde sie von aufgetauchten, dunklen Gedanken zu feindlichen Ufern gejagt; zerstreut lehnte sie sich gegen das Fenster und blickte auf die rosigen Wölkchen, die über die Newawellen dahinglitten.
»Bleiben gnädige Frau bei uns?«
»Ich? . . . Ich wohne im Hotel.«
Im zerfließenden Grau tauchten plötzlich matte, wie verwundert blickende Punkte auf: Lichter, Lichtchen; Lichter, Lichtchen reihten sich aneinander und sprangen dann als rötliche Flecken aus der Dunkelheit, indessen von oben Wasserfälle herunterstürzten: blaue, dunkellila, schwarze.
Petersburg verkroch sich in die Nacht.
Die Klingel ging immer wieder.
Aus dem Vorzimmer traten in den Saal engelhafte Wesen in hellblauen, weißen, rosafarbigen Kleidern; sie schimmerten silbern, funkelten; fächelten einander mit den Augen, mit den Fächern, mit dem leichten Seidenstoff an; strömten eine wohltuende Atmosphäre aus von Veilchen, Maiglöckchen, Lilien, Tuberosen; die weißmarmornen Schultern, noch überhaucht von leichtem Puderstaub, sollten während einer Stunde rot werden, von feuchtem Dunst überzogen; jetzt vor dem Tanzen schienen die Gesichtchen, die Schultern, die mageren, nackten Arme noch blässer und magerer als sonst; um so stärker war der Reiz dieser Geschöpfe, der nur in dem leisen Aufblitzen der Augen unmerklich hervortrat, während sie, wie richtige Engelskindlein, sich in farbigen, duftigen Mullwolken scharten; von dem Öffnen und Zumachen der weißen Fächer entstand ein leichter Wind. Ihre Schuhchen trippelten.
Es war eigentlich gar kein Ball, den die Zukatows gaben; es war mehr ein Kindertanzabend, an dem auch die Erwachsenen sich zu beteiligen wünschten; die Kunde ging allerdings, daß auch Masken erscheinen würden.
Darüber wunderte sich Lubow Aleksejewna eigentlich ein wenig, denn es war ja noch nicht die Zeit der Bälle; aber so waren schon einmal die Traditionen des geliebten Gatten: wo es sich um Tanzen und Kinderlachen handelte, galt ihm der Kalender nichts; der Gatte, der Eigentümer eines silberweißen Backenbartes, wurde noch immer Koko genannt. In seinem tanzenden Heim hieß er natürlich Nikolai Petrowitsch, das Oberhaupt der Familie und Vater zweier lieblicher Töchter von achtzehn und fünfzehn Jahren.
Diese zwei lieblichen blonden Geschöpfe trugen heute duftige Kleidchen und silberne Schuhchen. Seit neun Uhr schon fuchtelten sie mit ihren Fächern gegen den Vater, gegen die Wirtschafterin, gegen das Stubenmädchen, sogar . . . gegen den würdigen, alten Herrn von Nashornumfang, der als Besuch im Hause weilte (ein Verwandter von Koko). Endlich erscholl das langersehnte Klingelzeichen, die Tür des weißleuchtenden Saals tat sich auf, und im festanliegenden Frack trat der Tapeur ein und stieß beinahe mit dem Offizianten zusammen, den man für diesen glanzvollen Abend extra engagiert hatte. Der bescheidene Tapeur legte seine Noten zurecht, schlug den Klavierdeckel bald auf, bald wieder zu, blies vorsichtig den unsichtbaren Staub von den Tasten und drückte schließlich ohne plausiblen Grund den glänzenden Lackschuh aufs Pedal; er erinnerte an den Maschinisten der Lokomotive, der seine Maschine vor dem Verlassen der Station sorgfältig untersucht. Nachdem er von dem guten Zustande des Instruments überzeugt war, schob er die Schöße des Fracks auseinander, ließ sich auf das niedere Taburett nieder, warf den Körper zurück und blieb, die Finger auf den Tasten, einen Augenblick unbeweglich sitzen — dann aber erschütterten helltönende Akkorde die Wände, als wäre ein Signal zur Abfahrt gegeben worden.
Wie gewöhnlich schlichen sich auch heute von Zeit zu Zeit Salongäste durch den Saal zum Salon — mit wohlwollender Miene schritten sie längs den Wänden; freche Fächer nippten sie gegen die Brust, perlenverzierte Röcke trafen sie im Flug, und der heiße Wind wehte ihnen zu von dahinsausenden Paaren; sie aber schritten lautlos weiter.
Ein rundlicher Herr mit unangenehm blatternarbigem Gesicht durchquerte zuerst den Saal; sein Rock spannte sich über dem übermäßig runden Bäuchlein; er war Redakteur einer konservativen Zeitung und entstammte selbst der liberalen Geistlichkeit. Im Salon angekommen, küßte er das dicke Händchen Lubow Aleksejewnas, der fünfundvierzigjährigen Wirtin, mit aufgedunsenem Gesicht, dessen Doppelkinn auf den vom Korsett gestützten Busen fiel.
Kaum hatte die Wirtin eine harmlose Frage an ihn gerichtet, als der dickliche Redakteur dieselbe zu einer Frage von höchster Bedeutung erhob:
»Sagen Sie es nicht — nein! Denn so denken sie alle, weil sie die reinen Idioten sind. Ich kann es Ihnen ganz genau beweisen.«
»Aber mein Mann, Koko . . .«
»Das sind alles jüdisch-freimaurerische Schwindeleien, meine Gnädige: Organisation, Zentralisation . . .«
»Ach, wie interessant: erzählen Sie bitte . . .«
Und er sagte, sich tief in den Lehnstuhl versenkend:
»Ja, meine Herrschaften, so ist es.«
Durch die offenen Türen der dazwischenliegenden zwei Räume sahen sie aus der Ferne den Saal, erfüllt von Glanz und Flimmern. Man hörte das donnernde:
»Rrrekulé . . .«
»Balances vos dames! . . . «
Und wieder:
»Rrrekulé! . . .«
Was ist der Salon während eines lustigen Walzers? Er ist nur eine Zugabe zum Tanzsaal und die Zufluchtsstätte für Mütter. Aber die kluge Lubow Aleksejewnabenutzte die Gutmütigkeit ihres Gatten (er besaß keinen einzigen Feind) sowie ihr mitgebrachtes, riesiges Vermögen, schließlich auch den Umstand, daß ihr Haus gegen alles außer Tanzen höchst gleichgültig war und so ein neutrales Zentrum für alle bildete — dies alles benutzte die kluge Lubow Aleksejewna, um, — dem Gatten das Dirigieren im Tanzsaal überlassend — selbst die Begegnungen der verschiedensten Persönlichkeiten zu vermitteln; bei ihr trafen sich die Führer der verschiedensten Parteien; der Publizist mit dem Departementsverwalter; der Demagoge mit dem Antisemiten. In ihrem Hause verkehrte, speiste sogar Apollon Apollonowitsch.
Und während Nikolai Petrowitsch im Tanzsaal das Contredance durch neue Figuren verwickelte — verwickelte und entwickelte sich zur gleichen Zeit in dem gegen alles gleichgültig freundlichen Salon manche Konjunktur.
Auch hier tanzte man, wenn auch in anderer Weise.
Der zweite, der sich in den Salon schlich, war ein Mann von wahrhaft vorsintflutlichem Äußern, mit erschreckend zerstreutem Gesichtsausdruck. Die Schöße seines Rockes, auf dem stellenweise weiße Federchen hingen, waren hinten etwas geöffnet und ließen eine höchst primitive Hosenschnalle sehen; es war ein Professor der Statistik; an seinem Kinn hing in Büscheln ein gelblicher Vollbart, und über die Schultern fielen ihm Haarsträhnen, die aussahen, als kämen sie selten mit einem Kamm in Berührung. Unheimlich wirkte seine blutrote hängende Lippe, die sich gleichsam vom Munde loszulösen schien.
In den prunkvollen Salon eingetreten, wurde der Professor verwirrt: der Glanz und das Flimmern schien ihn geblendet zu haben; mit gutmütigen Blicken betrachtete er den feierlichen Saal, trippelte eine Weile auf ein und derselben Stelle, blieb verlegen stehen, zog sein gefaltetes Taschentuch hervor, um die auf dem Schnurrbarthängende Feuchtigkeit von der Straße abzutrocknen; er zwinkerte den Paaren zu, die einen Augenblick, zwischen zwei Quadrillefiguren, stillstanden.
Endlich gelangte er in den von bläulichem, elektrischem Licht beschienenen Salon, als ihn die Stimme des Redakteurs an der Schwelle zurückhielt.
»Verstehen Sie jetzt, meine Gnädige, den Zusammenhang zwischen dem japanischen Krieg, den Hebräern, der uns drohenden Mongoleninvasion und der Revolution? Das jüdische Auftreten und die Treibereien der großen Fäuste in China stehen in engster und deutlichster Verbindung miteinander.«
»Ich verstehe es jetzt, ich verstehe.«
Es war die Stimme der Lubow Aleksejewna. Der Professor blieb entsetzt stehen; denn er war durch und durch liberal und ein Anhänger sozusagen humaner Reformen; er erschien zum erstenmal in diesem Hause, in der Hoffnung, hier Apollon Apollonowitsch zu treffen; doch dieser schien nicht da zu sein — und anwesend war nur der Redakteur des konservativen Blattes; derselbe Redakteur, der soeben gerade die fünfundzwanzigjährige, reine Tätigkeit des Sammelns statistischer Daten — human ausgedrückt — in unanständigster Weise mit Schmutz beworfen hatte. Der Professor begann plötzlich zu keuchen, zwinkerte gegen den Redakteur und pfiff leise verächtlich in seinen struppigen Bart.
»Begreifen Sie jetzt, meine Gnädige, das jüdisch-freimaurerische Treiben?«
»Jetzt begreife ich es; jetzt habe ich es begriffen.«
Und dort, dort . . .
Mit einer Hand auf die Baßtasten aufschlagend, schloß der Tapeur dort elegant das Tanzstück, während er mit der anderen mit meisterhafter Schnelligkeit das Notenblatt umwandte, und dann, die Hand in der Luft und dieFinger ausdrucksvoll zwischen Klaviatur und Noten gespreizt, drehte er seinen Körper erwartungsvoll dem Wirt zu, wobei seine blendend weißen Zähne schimmerten.
Die Geste des Tapeurs beantwortete Nikolai Petrowitsch Zukatow durch eine aufmunternd anerkennende Bewegung des glatt rasierten Kinns zwischen dem stürmisch wallenden Backenbart; dann mit nach vorn gebeugtem Kopf, wie mit der Stirn gegen die Luft stoßend, glitt er eilig über das blinkende Parkett zwischen den Paaren durch, mit zwei Fingern ein Endchen des grauen Bartes drehend; und willenlos schwebte hinter ihm das engelhafte Wesen her, hinter ihr flatternd eine heliotropfarbene Schärpe; inspiriert durch den Flug seiner Tanzphantasie, flog Nikolai Petrowitsch Zukatow blitzartig in die Richtung des Tapeursitzes und brüllte wie ein Löwe durch den Saal:
»Pas — de — quatre, s’il vous plait!«
Und hinter ihm her flog willenlos das engelhafte Geschöpf.
Rauchwolken von Zigaretten stiegen im Rauchzimmer auf; Rauchwolken stiegen im Vorzimmer auf. Hier streifte ein kleiner Kadettenschüler seinen Handschuh von der Hand und fächelte sich mit ihm Luft zu; zwei kleine Mädchen, eng umschlungen, flüsterten hier einander Geheimnisse, die vielleicht soeben aufgetaucht waren; die Schwarzhaarige sagte es der Blonden, und die Blonde kicherte und knapperte erregt an ihrem duftigen Batisttüchlein.
Im Vorzimmer stehend, konnte man auch einen Blick in das von Gästen vollgestopfte Speisezimmer werfen; dort wurden Butterbrote, Früchte in großen Schalen, Wein und Brauselimonade herumgereicht.
In dem grell erleuchteten Saal blieb jetzt der Tapeur ganz allein zurück; er legte seine Noten zurecht, trocknete sich sorgfältig die heißen Finger, fuhr mit einem weichen Läppchen über die Tasten, legte die Notenhefte säuberlichübereinander und ging, einem langbeinigen, schwarzen Vogel gleich, ein wenig unentschlossen — während die Diener ungeachtet seiner Anwesenheit im Saal die Fenster zum Lüften öffneten — in die Richtung des lackierten Vorzimmers.
Dort weiter irrte auch der Professor der Statistik einher, der bis dahin (wie auf Kohlen) im Salon gesessen war; er stieß jetzt auf den liberalen Leiter einer Kreisverwaltung, der einsam und gelangweilt im Durchgang stand, erkannte ihn, lächelte ihm freundlich zu, und wie geängstigt, daß dieser ihm davonlaufe, ergriff er mit zwei Fingern einen Knopf dessen Rockes, gleichsam als Rettungsanker; und nun hörte man:
»Nach den Ergebnissen der Statistik . . . Der jährliche Salzverbrauch eines normalen Holländers . . .«
Und wieder hörte man:
»Der jährliche Salzverbrauch eines normalen Spaniers . . .«
»Nach den Ergebnissen der Statistik . . .«
In diesem Augenblick sprang ein zehnjähriges Mädchen aus dem Mittelzimmer heraus; es sah in den soeben noch vollen, jetzt durch Leere schimmernden, verlassenen Saal. Am Eingang des Vorraumes ging leise die Tür auf; der geschliffene, diamantensprühende Türgriff bewegte sich geheimnisvoll, und in den schmalen Raum zwischen Tür und Wand schob sich vorsichtig eine schwarze Maske herein; zwei glänzende Funken leuchteten durch die Augenausschnitte derselben.
Das zehnjährige Kind gewahrte diese Maske mit den zwei bös funkelnden Punkten in den Ausschnitten, dann einen wallenden schwarzen Spitzenbart und schließlicheinen atlasrauschenden, faltenreichen Domino; erschreckt führte das Kind die Finger zu den Augen, dann aber lächelte es freudig, klatschte mit den Händchen und lief mit dem Schrei: . . . »Die Masken sind angekommen!« durch die Flucht der Zimmer, in deren bauschigen Tabaksrauchwolken sich die Gestalt des Professors mit seinen Elefantenbeinen nebelhaft zeichnete.
Der Kreisverwaltungsbeamter, der inzwischen festen Fuß gefaßt hatte, sah verwundert den Domino an und faßte sich aus Verlegenheit wieder an den Bart; der Domino aber flehte ihn gleichsam stumm an, ihn nicht aus dem Hause in den Schmutz der Petersburger Straßen, in den bösen, dicken Nebel zu jagen.
»Sagen Sie, bitte, sind Sie eine — Maske?«
Schweigen.
Die Maske flehte; schweigend irrte sie durch den Saal.
Aus der Ferne kam inzwischen eine zwitschernde Schar, um den Domino zu sehen; doch bei seinem Anblick verstummte das lustige Gezwitscher und ging in ein hauchendes Flüstern über; endlich verstummte auch das Flüstern; eine schwere Stille trat ein.
Der arme Domino: als wäre er bei einem Vergehen ertappt — er neigte sich vor, und sein vorgestreckter roter Arm flehte gleichsam alle an, ihn nicht aus dem Hause in den Petersburger Straßenschmutz, in den bösen, feuchten Nebel zu jagen.
»Sag, Domino, bist du es am Ende, der durch die Petersburger Straßen herumläuft?«
»Meine Herrschaften, haben Sie heute die ‚Tagesneuigkeiten‘ in der Zeitung gelesen?«
»Warum?«
»Aber da steht wieder etwas über den roten Domino.«
»Meine Herrschaften, das ist alles Unsinn.«
So rief über die bunten Köpfchen der jungen Mädchender kleine Kadett hinweg und richtete, sicher zielend, eine Papierschlange gegen den Domino. Einen Augenblick schwebte der papierene Bogen in der Luft; als sein Ende mit leichtem Knistern die Maske erreichte, schrumpfte der Bogen zusammen und fiel schlaff auf den Boden; diesen Scherz ließ der Domino unbeantwortet und streckte nur flehend die Arme vor.
»Gehen wir, meine Herrschaften.«
Und die Schar lief davon.
Er hatte sich selbst vergessen; er vergaß seine Gedanken und vergaß seine Hoffnungen; er weidete sich an der Rolle, die er sich selbst zugedacht hatte: das gottähnliche, leidenschaftslose Wesen war verschwunden; geblieben war nur die nackte Leidenschaft; und diese Leidenschaft wurde zu Gift.
Als hätte er all die letzten Tage seine Zaubermacht an ihr versucht; indem er die Arme aus den Fenstern des gelben Hauses ihr entgegen ausgestreckt, indem er seine kalten Arme gegen die Newanebel über dem Granit ausstreckte. Er suchte das von ihm in Gedanken hervorgerufene Bild liebend zu fassen; um sich zu rächen, wollte er die vor ihm schwebende Silhouette erwürgen; deswegen breiteten sich all diese Tage auch ihre kalten Arme aus, Raum gegen Raum; deswegen klangen ihr all diese Tage über in den Ohren wie aus der Ferne kommende, unirdische Liebesbeschwörungen, pfeifende Schwüre und keuchende Leidenschaftsworte; deswegen hörte sie unverständliches Summen, und deswegen flochten zu ihren Füßen knisternde Blätter Girlanden aus Worten . . .
An sein Ohr drangen ferne Stimmen, und langsam wandte er sich um; undeutlich und unklar — ganz, ganzweit von ihm — schritt eine kleine, trockene Gestalt durch den Saal, haarlos, bartlos, ohne Brauen über den Augen, seltsam. Nikolai Apollonowitsch konnte durch die Maske nur mit Mühe die Einzelheiten der Erscheinung sehen, denn das Blicken durch dieselbe verursachte ihm Schmerz (außerdem war er kurzsichtig); er sah nur die Konturen grünlicher Ohren; kurz, er erblickte vor sich den Vater: mit den Ringen seiner Uhrkette spielend, starrte Apollon Apollonowitsch mit schlecht verborgener Angst, auf die plötzlich aufgetauchte Maske; er dachte, ein boshafter Spaßvogel wollte ihn, den Höfling, durch die symbolische Farbe seines grellroten Kleides terrorisieren . . .
Unerwartet vernahm man das Lachen nahender Gäste; das Zimmer füllte sich mit Masken; eine Schar schwarzer Kapuziner sprang herein; sie bildeten sofort einen Kreis um ihren roten Genossen und begannen einen wilden Reigen zu tanzen; die Atlasschöße ihrer schwarzen Gewänder flogen auf und nieder; dazu hüpften die Spitzen der Kapuzen drollig im Takt, und vorn an der Brust baumelten die gestickten, auf zwei gekreuzten Knochen ruhenden Totenschädel.
Der rote Domino machte sich von der ihn umringenden Schar frei und lief aus dem Saal; lachend folgte ihm die schwarze Kapuzinerschar; so liefen sie durch den weiten Vorraum ins Speisezimmer; die um die Tische Sitzenden dort begrüßten sie, indem sie mit den Tellern klapperten.
Nur einer sagte:
»Meine Herrschaften, es ist zuviel . . .«
Engel Peri stand vor dem etwas schräggehängten, ovalen Spiegel: alles lief in ihm nach unten; die Zimmerdecke, die Wände, der Fußboden, und dort gleich einerFontäne von duftigen Gegenständen, aus dem Meerschaum, aus Spitzen und Mull trat sie selbst hervor, eine Schönheit mit hochgewelltem Haar und einem Schönheitspflästerchen auf der Wange: Madame Pompadour!
Und ihre Haare, ganz in Locken gedreht, nur leicht von einem Band gehalten, waren wie Schnee; und fein waren die Fingerchen, die jetzt die Puderquaste hielten; die schmale himmelblaue Taille war ein wenig nach links gebeugt, die Hand hielt eine kleine schwarze Maske; aus dem engen, tiefausgeschnittenen Mieder blickte, wie hauchüberzogen, atmend, lebendigen Perlen gleich, der Busen; an den schmalen, seiderauschenden Ärmelchen wogten in Wellen Valencienner Spitzen; Valencienner Spitzen wogten auch sonst überall, an dem Ausschnitt, unter dem Ausschnitt; der Panierrock wiegte sich unter dem Mieder, wie vom Windhauch getragen wiegte er sich, spielend mit Volants und flimmernd mit der Silbergirlande der Festons; silberne Schuhchen an den Füßen und jedes verziert mit einer Silberquaste. Aber seltsam: Sofja Petrowna sah in ihrer Robe gealtert und weniger hübsch aus; statt des kleinen rosigen Mündchens hoben sich die unschön abstehenden, allzu roten, allzu schweren Lippen vom kleinen Gesichtchen ab; und als die Augen zu schielen begannen, zeigte Madame Pompadour etwas Hexenhaftes: in diesem Augenblick steckte sie den Brief hinter das Mieder.
Im selben Augenblick auch sprang Mawruscha herein und brachte einen Stab aus hellem Holz mit goldenem Griff und flatternden Bändern; während aber Madame Pompadour den Stab nahm, blieb in ihrer Hand ein Zettelchen zurück, von ihrem Gatten; darauf stand: »Wenn Sie abends fortgehen, kehren Sie nicht mehr in mein Haus zurück. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin.«
Dieser Zettel war natürlich an Sofja Petrowna Lichutina,nicht an Madame Pompadour, gerichtet; Madame Pompadour lächelte verächtlich; sie sah in den Spiegel, in die Tiefe, in das matte Grün: dort weit, weit zogen leichte, rauschende Wellen dahin; und aus dieser grünlichen, blassen Tiefe mit dem grellen Fleck des roten Lampenschirms tauchte — plötzlich, ein Wachsgesicht auf, und Sofja Petrowna drehte sich um.
Vor ihr stand ihr Gatte, der Offizier; aber wieder lächelte sie verächtlich, hob leicht ihren spitzenverzierten Panierrock an den Festons und schritt knicksend zurück; ein leichter Zephir hob sie vor ihm auf seinen Schwingen davon, und ihr Reifrock wiegte sich gleichmäßig wie eine Glocke und rauschte in süßem Zephirhauch; in der Tür wandte sie ihm das Gesicht zu und machte dem Offizier mit der Hand, die die schwarze Maske hielt, schelmisch lächelnd, eine lange Nase; hinter der Tür hörte man dann lautes Lachen und den lauten wie sonst ausgesprochenen Befehl:
»Marwruscha, den Mantel!«
Da lief Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, Leutnant des Gr. Göreischen, Seiner Majestät Regiment, blaß wie der Tod, doch ganz ruhig, mit ironischem Lächeln der graziösen Maske vor, schlug die Sporen aneinander und blieb ehrfurchtsvoll wartend, mit dem befohlenen Mantel in der Hand vor seiner Gattin stehen; mit noch größerer Ehrfurcht warf er ihr den Pelz um, riß weit die Flügeltür vor ihr auf, mit verbindlichem Lächeln mit der Hand nach außen zeigend, in die farblose Dunkelheit; und wie sie rauschend, mit hochgehobener Stirn, an dem ergebenen Diener vorbeischritt — schlug Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin nochmals die Sporen aneinander und machte wieder eine tiefe Verbeugung. Die dunkelfarbene Finsternis ergoß sich über sie — von allen Seiten ergoß sie sich: Lange, lange noch hörte man das Rauschen auf derTreppe, denn fiel unten die Tür zu; Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin aber kehrte in die Wohnung zurück und begann mit denselben übertriebenen scharfen Bewegungen überall die elektrischen Lichter zu löschen.
»Komm mit mir!« bedrängte eine Madame Pompadour Nikolai Apollonowitsch, und da er Madame Pompadour nicht erkannte, gab er nur unwillig den Arm; unmerklich spöttisch sah sie ihren roten Kavalier an, und mit zurückgeworfenem Kopfe legte sie eine Hand in seinen Arm, indessen die andere den Rocksaum aus hellblau flatterndem Duft hielt und ein reizvolles, silbernes Schuhchen hervorlugen ließ.
Und nun begann man zu tanzen:
Eins — zwei — drei — und die Taille bog sich, das Füßchen lugte hervor . . .
»Erkennst du mich?«
»Nein.«
»Du scheinst jemand zu suchen?«
Eins — zwei — drei — und wieder ein Wiegen der Taille wie ein Vorschieben des Füßchens.
»Ich habe einen Brief für dich.«
Dem ersten Paar — Domino und Marquise — folgten Harlekine, Spanierinnen, perlmutterblasse Fräuleins, Juristen, Husaren und willenlose Mullgeschöpfe: Nackte Schultern, silberige Rücken und Schärpen.
Allmählich legte sich die eine Hand des roten Dominos um ihre hellblaue Taille, und während er mit der zweiten die der Dame ergriff, ließ diese den Brief in seine Hand übergleiten; und im gleichen Augenblick legten sich dunkelgrüne, schwarze und husarenrote Arme aller anderen Kavaliere um die schlanken, weißen, heliotropfarbenen, seidenknisterndenGewänder, und alles begann sich im Tanze zu drehen.
Der weißbärtige Wirt aber brüllte:
»A vos places!«
Und hinter ihm her flog ein willenloser Backfisch.