Wieder war er da, der Traurige und Schlanke

»Nun, kommen Sie zu Tisch! . . . Essen Sie mit uns zu Abend . . . Aber um eins bitte ich: beim Essen kein Wort von alldem . . . Das ist ja alles ziemlich traurig . . . Und Soja Sacharowna braucht davon nichts zu wissen: sie ist auch so schon von alldem müde . . . Ich selbst bin auch schon ordentlich ermüdet . . . Alle sind wir müde . . . Das machen eben die Nerven . . . Wir sind eben beide nervöse Menschen . . . Also zu Tisch . . . kommen Sie . . .«

Gastfreundlich lockte der schimmernde Tisch.

Mehrmals läutete Alexander Iwanowitsch.

Mehrmals läutete Alexander Iwanowitsch vor dem Tor seines düsteren Hauses; der Hausmeister öffnete ihm nicht; hinter dem Tor antwortete auf das Läuten nur Hundegebell; ein Hahn in der Ferne verkündete durch seine krähende Stimme die Mitternacht; und — schwieg dann; die 18. Linie schlängelte sich hin, in die Tiefe, ins Leere.

Überall war Leere.

Alexander Iwanowitsch empfand eigentlich etwas wie Freude: in der Tat, es verschob sich in dieser Weise sein Eintreten in die düsteren Räume zwischen den Wänden; hinter diesen Wänden hört man die ganze Nacht Geräusche, Knacken und Quieken. Und was die Hauptsache war: er mußte, ehe er diesen Raum betrat, im Dunkeln achtmal zwölf kalte Stufen überwinden; er zählte immer erst zwölf, dann machte er eine drehende Bewegung und zählte wieder ebenso viele.

Das machte er viermal hintereinander.

Zusammen also — sechsundneunzig lauttönende, steinerne Stufen; dann blieb er vor einer filzbeschlagenenTür stehen; voll Angst mußte er den halbverrosteten Schlüssel ins Loch stecken; ein Streichholz anzuzünden war gefährlich: es konnte plötzlich die unglaublichsten Dinge beleuchten, wie zum Beispiel eine Maus oder noch was anderes . . .

So dachte Alexander Iwanowitsch.

Deswegen verweilte er gern vor dem Tor seines Hauses.

Nun aber . . . —

— Jemand, ein Trauriger und Schlanker, den Alexander Iwanowitsch oft schon an der Newa gesehen hatte, zeigte sich in der Tiefe der 18. Linie. Diesmal trat er leise in den hellen Lichtkreis einer Laterne; es war aber, als ergoß sich wehmütig helles, goldenes Licht aus seinem Antlitz, von seinen knochigen Fingern . . . — So ist auch heute der unbekannte Freund erschienen.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, daß dieser liebe Bewohner der 18. Linie einmal von einer alten Frau mit haubenförmigem Strohhut mit lila Bändern angerufen worden war.

Sie hatte ihn da Mischa genannt.

Alexander Iwanowitsch war jedesmal zusammengefahren, wenn der Schlanke und Traurige im Vorbeigehen ihm seinen unaussprechlichen, allsehenden Blick zugewandt; dabei hatten seine eingefallenen Wangen weiß geschimmert. Nach solchen Begegnungen an der Newa war es Alexander Iwanowitsch immer, als hörte und hörte er nichts, als sehe und sehe er nichts.

»Wenn er doch stehengeblieben wäre! . . .«

»O, wenn er doch! . . .«

»O, wenn er ihn doch anhören wollte! . . .«

Aber ohne zu sehen, ohne stehenzubleiben ging der Schlanke und Traurige vorbei.

Deutlich verklangen seine Schritte. Alexander Iwanowitschdrehte sich um und wollte ihm leise etwas sagen; er wollte den unbekannten Mischa leise anrufen . . .

Aber der helle Kreis, in den Mischa soeben eingetreten war, schimmerte leer; und niemand, nichts war dort zu sehen; nur der Wind pfiff, und in den Pfützen spiegelte sich Licht.

Und die gelbe Lichtzunge der Laterne winkte herüber.

So, so, so: dort standen sie, als er in der Nacht nach Hause zurückkehrte.Siewarteten auf ihn. Wersiewaren, dies zu sagen war nicht gut möglich: zwei deutliche Gestalten. Ein toter Strahl fiel durchs Fenster des dritten Stocks; er legte sich wie ein fahler Schein auf die grauen Stufen der Treppe.

Und unheimlich ruhig lagen in der vollständigen Dunkelheit die fahlen Lichtflecke — ohne jeden Reflex.

In diesem fahlen Licht rankte auch das Treppengeländer; neben dem Treppengeländer aber standensie: zwei undeutliche Gestalten; sie ließen Alexander Iwanowitsch passieren und blieben rechts und links von ihm stehen; sie sagten nichts, rührten sich nicht, bebten nicht; man fühlte nur in der Dunkelheit einen bösen, zusammengekniffenen, festen Blick.

Sollte er sich ihnen nicht nähern, sollten er ihnen nicht die in seiner Erinnerung aufgetauchte Beschwörung zuflüstern?

Und unter diesem Blick in den fahlen Fleck treten zu müssen! Vom Mond beschienen zu sein, während zwei spähende Augen auf ihn gerichtet sind; dann hinter sich im Rücken die Augen zweier Späher zu fühlen, die jeden Augenblick ihm etwas antun konnten; den Schritt nicht zu beschleunigen, gleichgültig zu tun, zu hüsteln!

Denn — würde er die Treppe rasch hinauflaufen, dann folgen ihm seine Späher sofort.

Auf einmal wurden die weißfahlen Flecke grau und zerflossen harmonisch; sie lösten sich vollständig in gänzliche Dunkelheit auf. (Ein schwarzer Knäuel schien vor den Mond getreten zu sein.)

Alexander Iwanowitsch näherte sich jetzt ruhig der vorhin weißschimmernden Stelle; er sah die Augen nicht mehr und folgerte daraus, daß auch er von den Augen nicht gesehen wird (der Arme: er hoffte, ungesehen in seine Dachstube zuschlüpfen). Er beschleunigte nicht seinen Schritt und begann sogar — an seinem Bärtchen zu zupfen; und . . .

. . . Alexander Iwanowitsch hielt nicht stand.

Pfeilschnell rannte er über die Stufen bis zum ersten Treppenabsatz (welche Taktlosigkeit!). Als er den Treppenabsatz erreicht, tat er etwas, was ihn völlig in den Augen der unten stehenden Gestalten herabsetzen mußte.

Er rieb ein Streichholz, beugte sich über das Treppengelandet und warf einen erschreckten, verlorenen Blick in die Tiefe: die Eisenstäbe des Geländers blitzten auf, und deutlich erblickte Alexander Iwanowitsch unten die Silhouetten.

Wie groß war aber sein Erstaunen!

Eine der Silhouetten erwies sich einfach als der Tatare Machmudka, der im Kellerraum des Hauses wohnte, und neben ihm stand ein ganz gewöhnlicher Mensch mit steifem Hut auf dem Kopfe und einer gebogenen, orientalischen Nase; der Mann mit der orientalischen Nase schien Machmudka um eine Auskunft zu bitten, worauf dieser verneinend den Kopf schüttelte.

Dann erlosch das Streichholz, und Alexander Iwanowitsch konnte nichts weiter sehen.

Doch verriet das brennende Zündholz seine Anwesenheit,und sofort ertönte ein Scharren von Tritten auf den Stufen; und schon hörte Alexander Iwanowitsch direkt vor seinem Ohr eine Stimme.

»Entschuldigen Sie, sind Sie nicht Andrej Andreitsch Gorelski?«

»Nein, ich bin Alexander Iwanowitsch Dudkin . . .«

»Ja, dem falschen Passe nach . . .«

Alexander Iwanowitsch fuhr zusammen, aber . . . er sah ein, daß jetzt ein Leugnen nutzlos wäre.

»Schön. Und was wünschen Sie? . . .«

»Ich bitte um Entschuldigung: ich komme zu Ihnen zum erstenmal in so ungewöhnlicher Stunde . . .«

»Bitte . . .«

»Diese Hintertreppe . . . Ihre Wohnung war geschlossen . . . Aber jemand war drin . . . Ich beschloß, Sie beim Eingang zu erwarten . . . Diese Treppe . . .«

»Wer ist in meinem Zimmer? . . .«

»Das weiß ich nicht; mir antwortete eine Bauernstimme . . .«

Stjopka! . . . Gott sei Dank, Stjopka ist dort . . .

»Und was wünschen Sie? . . .«

»Verzeihen Sie, ich hörte soviel von Ihnen: wir haben gemeinsame Freunde . . . Nikolai Stepanowitsch Lipantschenko, in dessen Hause ich wie ein Sohn aufgenommen bin . . . Ich wollte Sie schon längst kennenlernen . . . Ich hörte, daß Sie ein Nachtschwärmer sind . . . Deswegen hab’ ich mir erlaubt . . . Ich wohne eigentlich in Helsingfors und komme nur hier und da hierher; meine Heimat ist der Süden . . .«

Alexander Iwanowitsch leuchtete es sofort ein, daß sein Gast log, und zwar in ganz unverschämter Weise, denn genau dieselbe Geschichte war ihm schon einmal passiert (wo und wann — das konnte er sich im Augenblick nicht vergegenwärtigen).

Nein, nein, nein: die Sache ist keinesfalls harmlos; doch durfte er nicht verraten, daß er das gemerkt hat; er sagte also in die Dunkelheit hinein:

»Mit wem hab’ ich die Ehre zu sprechen?«

»Ich bin der Perser Schischnarfijew . . . Ich hab’ Sie schon öfters gesehen . . .«

»Schischnarfijew . . .«

»Wir waren heute zu gleicher Zeit dort, bei Lipantschenko. Ich saß dort zwei Stunden und wartete, bis Sie mit Ihrer geschäftlichen Angelegenheit fertig waren, aber ich mußte dann doch fortgehen, ehe Sie herauskamen . . . Soja Sacharowna hatte mir vorher nichts von Ihrem Besuch gesagt. Ich suchte schon längst eine Gelegenheit, Sie zu treffen . . . Ich suche Sie schon längst . . .«

Die letzten Worte riefen wieder in Dudkin eine Erinnerung wach, eine schwache Erinnerung, wie im Schlaf: er fühlte sich angewidert, gelangweilt, angeödet . . .

»Haben wir uns schon früher getroffen?«

»Ja . . . erinnern Sie sich nicht? . . . In Helsingfors . . .«

Eine schon klarere Erinnerung tauchte jetzt in Dudkin auf; unerwartet für sich selbst zündete er wieder ein Zündholz an und hielt es direkt vor Schischnarfijews Gesicht: die Wände blitzten gelb auf, die Eisenstäbe des Geländers schimmerten für einen Augenblick metallisch; im flatternden gelben Licht erblickte Alexander Iwanowitsch gerade vor sich das Gesicht des Persers; zugleich fiel es Alexander Iwanowitsch ein, daß er in der Tat dieses Gesicht schon einmal in Helsingfors in einem Café gesehen habe; und auch damals schon verfolgte ihn der Fremde mit seinem unverwandt auf ihn gerichteten Blick der forschenden Augen.

»Erinnern Sie sich?«

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich noch, daß geradein Helsingfors — ja eben: gerade in Helsingfors hat seine Krankheit ihren Anfang genommen; gerade in Helsingfors begann jenes müßige, in ihn gleichsam von außen eingedrungene Gehirnspiel.

Er erinnerte sich nun, daß es gerade die Zeit gewesen war, in der er die ganz paradoxe Idee vertreten hatte: die Kultur müsse beseitigt werden, da die bestehende geschichtliche Periode: die des Humanismus — zu Ende angelangt sei, und was von ihr noch übrigblieb, sei nur ein verwitterter, morscher Steinüberrest; es beginnt die Periode der gesunden Tierinstinkte, die sich von unten in dem Huligan- und Apachenwesen, oben, bei der Aristokratie, in der Rebellion der Künste gegen das Althergebrachte wie in der Zuneigung zu primitiver Kultur, zu allem Erotischen anzeigt; ja, selbst die Bourgeoisie trat in die neue Bahn ein, die die orientalischen Moden, die Negertänze, der Cake-walk, der Two-step und dergleichen mehr zeitigte; Alexander Iwanowitsch predigte in jener Zeit die Verbrennung der Bibliotheken, der Universitäten, der Museen; er predigte auch noch die Herbeirufung der Mongolen (doch später bekam er vor den Mongolen Angst). Alle Erscheinungen des modernen Lebens hatte er damals in zwei Kategorien eingeteilt: zu der einen gehörten die Erscheinungen, die von einer absterbenden Kultur sprachen die andere war das gesunde Barbarentum, das sich jetzt noch unter der Maske der äußersten Verfeinerung bergen mußte (Nietzsche, Ibsen), um unter dieser Maske das Chaos in die Herzen zu pflanzen, das schon, heimlich, aus allen Seelen ruft . . .

Alexander Iwanowitsch war dafür eingetreten, daß die Masken abgenommen und dem Chaos freies Spiel gegeben werde.

Er erinnerte sich, damals im Café in Helsingfors gerade dieses gepredigt zu haben; und als ihn jemand gefragt,wie er sich zum Satanischen stelle, hatte er zur Antwort gegeben:

»Das Christentum ist überlebt: im Satanischen aber liegt ein großer Fetischismus, das heißt gesundes Barbarentum.«

Gerade bei dieser Unterhaltung — das erinnerte er sich jetzt — hatte abseits vor einem einsamen Tischchen Schischnarfijew gesessen und ihn unverwandt angesehen.

Die Predigt des Barbarentums hatte ein sonderbares Ende gefunden (damals schon, in Helsingfors): ja, es war ein vollständiger Alpdruck gewesen: er war nämlich (ob im Traum oder im Einschlafen, das wußte er nicht) mit rasender Schnelligkeit durch einen nicht zu definierenden, möglicherweise zwischen den fernen Planeten sich befindenden Raum geschleift worden, wo an ihm ein dort vielleicht üblicher, von unserem Standpunkte aber sicherlich brutaler Akt vollführt worden war; es war sicher alles ein Traum gewesen (unter uns: was ist eigentlich ein Traum?), aber es war ein häßlicher Traum gewesen; der damals zum Abbrechen der Predigt geführt hatte; diesen Traum hielt Alexander Iwanowitsch später für den Anfang seiner Krankheit, doch im übrigen — liebte er es nicht, daran erinnert zu werden.

Da war es gewesen, wo er heimlich die Offenbarung zu lesen begonnen hatte.

Jetzt an der Treppe war für ihn die Erinnerung an Helsingfors furchtbar. Und er dachte:

»Das war es also, warum sich mir in den letzten vierzehn Tagen immerzu das Wort Helsingfors aufdrängte.«

Schischnarfijew fuhr inzwischen fort:

»Erinnern Sie sich?«

Die Sache nahm eine häßliche Wendung: er hätte eigentlich unbedingt in sein Zimmer flüchten müssen, so rasch als möglich, die steinernen Stufen hinauf; er sollte die Dunkelheit ausnutzen, ehe das phosphoreszierendeLicht wieder seine fahlweißen Strahlen auf die Stufen wirft; doch von Grauen erfüllt, zögerte Alexander Iwanowitsch.

Schischnarfijew aber sagte wieder:

»Sie werden mir also erlauben, zu Ihnen einzutreten? . . . Ich bin, aufrichtig gesagt, etwas müde vom Warten . . . Ich hoffe, daß Sie mir meinen mitternächtlichen Besuch nicht übelnehmen . . .«

In einem Anfall unbewußter Angst schrie Dudkin heraus:

»Bitte sehr! . . .«

Für sich aber dachte er:

»Dort ist ja Stjopka, er wird mir helfen . . .«

Alexander Iwanowitsch lief die Treppe voran; hinter ihm her lief Schischnarfijew: die langen Reihen der Stufen schienen sie nicht bloß in den fünften Stock zu tragen, sondern in eine unendliche Höhe; die Treppe schien kein Ende zu haben; umkehren war nicht möglich: hinter ihm her lief Schischnarfijew, und vor ihm schlug ein Lichtstrahl aus einem Türspalt.

Alexander Iwanowitsch dachte:

»Wie konnte Stjopka da hineingekommen sein: der Schlüssel ist ja bei mir?«

Durch einen Griff in die Taschen überzeugte er sich aber, daß er sich geirrt hatte: statt des Türschlüssels hatte er den vom alten Reisekoffer eingesteckt.

In vollständiger Verwirrung betrat Alexander Iwanowitsch sein armseliges Zimmer; vor einem brennenden Lichtstumpf kauerte Stjopka auf der Pritsche, den buschigen Kopf tief über ein Buch in altslawischem Druck gebeugt.

Stjopka las in einem Gebetbuch.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, daß er Stjopka gebeten hatte, das Gebetbuch mitzubringen: er wollte darin das Gebet des großen Wassilij: die Beschwörung des Teufels, nachlesen.

»Du bist da, Stjopka, das freut mich!«

»Ich habe Ihnen das Geb . . .« — Nachdem er einen Blick auf den Gast geworfen: »Ich habe Ihnen das Gewünschte gebracht . . .«

»Ich danke dir . . .«

»Ich habe Sie erwartet und inzwischen darin gelesen . . .« (Wieder ein Blick auf den Unbekannten). . . »Jetzt muß ich aber gehen . . .«

Alexander Iwanowitsch faßte Stjopka an der Schulter:

»Geh nicht fort, bleib noch eine Weile . . . Dieser Herr da ist Herr Schischnarfijew.«

Dieser stand an der Tür; er hatte seinen Hut abgenommen, den Mantel aber behielt er an und betrachtete das Zimmer mit fragenden Blicken:

»Nicht sehr schön haben Sie es hier . . . Feucht ist es ein wenig . . . und kalt . . .«

Der Lichtstumpf brannte aus: das Papier, mit dem es an seinem Ende umwickelt war, begann zu brennen, und plötzlich begannen die Wände in fließendem Rot zu tanzen.

»Nein, Herr, bitte mich zu entlassen, ich muß gehen« — Er warf einen etwas schielenden, feindseligen Blick auf Alexander Iwanowitsch, während er den Gast überhaupt keines Blickes mehr würdigte; — »lassen Sie mich gehen; ein anderes Mal schon . . .«

Er nahm das Gebetbuch an sich.

Unter Stjopkas scharfem Blick senkte Alexander Iwanowitsch unwillkürlich den seinigen: ihm schien der scharfe Blick ein Blick des Vorwurfs zu sein. Wie soll er sich jetztStjopka gegenüber verhalten? Er hätte ihm so gern etwas gesagt; er hat wohl Stjopka beleidigt; Stjopka wird es ihm nicht verzeihen; er glaubte Stjopkas Gedanken zu lesen:

»Nein, Herr, wenn SiesolcheBesucher empfangen, da ist es nichts mehr zwischen uns; und Sie brauchen dann auch kein Gebetbuch mehr . . . Solche Leute suchen nicht einen jeden auf; und wen sie aufsuchen, der muß vonderselbenSorte sein wie sie selbst . . .«

Also — also erkennt Stjopka in dem Gast eine verdächtige Person . . . Wie sollte nun er mit ihm allein im Zimmer bleiben? . . .

»Stepan, bleib doch hier.«

Aber Stjopka machte eine abwehrende Bewegung, die etwas wie Ekel verriet.

»Der Herr kommt doch zu Ihnen, nicht zu mir!«

Die Tür hinter Stjopka fiel zu. Alexander Iwanowitsch wollte ihm erst nachrufen, er solle doch das Gebetbuch dalassen, aber . . . er schämte sich. Nun sollte er plötzlich das für ihn, den Freigeist, kompromittierende Wörtchen Gebetbuch aussprechen. Alexander Iwanowitsch nahm sich fest vor, vor nichts, was auch kommen mag, zu erschrecken; denn alles, was jetzt kommt, nachdem Stjopka das Zimmer verlassen hat, kann nur Halluzination des Gesichts und des Gehörs sein. Die tanzenden roten Flammen an den Wänden erstarben; alles wurde — ein tödlich fahles Grün.

Mit einer Handbewegung lud er den Gast ein, auf der Pritsche vor dem Tischchen Platz zu nehmen, selbst aber blieb er neben der Tür stehen, um gegebenenfalls entschlüpfen zu können, das Zimmer mit dem Besucher abzusperren und selber über alle sechsundneunzig Stufen hinunterzukollern.

Der Gast stützte seinen Ellbogen aufs Fensterbrett,zündete eine Zigarette an und begann zu plaudern; sein Profil zeichnete sich schwarz auf dem Fond des durchs Fenster hereinströmenden, grünlichen Lichtes; hinter dem Fenster flog der Mond zwischen Wolken dahin . . .

»Ich sehe wohl ein, daß es nicht die rechte Stunde, in der ich zu Ihnen gekommen . . . daß ich Sie, wie es scheint, störe . . .«

»Das macht nichts, bitte sehr«, versuchte Alexander Iwanowitsch den anderen zu beruhigen, während er selbst der Beruhigung bedurfte und mit der Hand heimlich hinter dem Rücken untersuchte, ob die Tür offen oder zugesperrt sei.

»Aber . . . Ich habe Sie so lange schon besuchen wollen, hab’ Sie überall gesucht, und als wir uns auch bei Soja Sacharowna verfehlt haben, bat ich diese um Ihre Adresse; ich komme jetzt direkt von dort zu Ihnen und beschloß auf Sie zu warten . . . Um so mehr, als ich morgen schon ganz früh verreise.«

»Sie verreisen?« fragte Alexander Iwanowitsch, denn es schien ihm, die Worte seines Besuchers hätten in ihm ein doppeltes Echo ausgelöst: während sein äußeres Ohr die Worte »Ich verreise ganz früh« vernommen hatte, hörte er mit einem anderen, inneren Ohr deutlich:

»Ich verreise ganz früh am Morgen, um mit der Abenddämmerung zurückzukehren . . .«

Aber er bestand nicht auf der Beantwortung seiner Frage und fuhr fort, das weitere mit seinem äußeren Gehör aufzunehmen.

»Ja, ich verreise nach Finnland, nach Schweden . . . Dort wohne ich; meine Heimat ist aber — Schemacha. Ich wohne eben in Finnland, weil das Petersburger Klima, aufrichtig gesagt, auch für mich schädlich ist.«

Ein doppeltes Echo löste wieder dieses »auch für mich« aus: das Klima von Petersburg ist für alle schädlich, es war nicht nötig, es zu betonen.

»Ja,« erwiderte Dudkin mechanisch, »Petersburg befindet sich auf einem Sumpf . . .«

»Ja, ja, ja . . . Für das Russische Reich ist Petersburg ein sehr bezeichnender Punkt . . . Nehmen Sie nur die Landkarte zur Hand . . . Unsere Hauptstadt, die so reich von Denkmälern geschmückt ist, gehört auch zum Lande des Jenseits . . .«

»Oh, oh, oh!« dachte Dudkin; »nun heißt es die Nase nach dem Winde halten, um rechtzeitig fliehen zu können . . .«

Laut aber erwiderte er:

»Sie sagen:unsereHauptstadt . . . Doch nicht Ihre: Ihre Hauptstadt ist ja nicht Petersburg, sondern Teheran . . . Ihnen, als einem Orientalen, dürften die klimatischen Verhältnisse unserer Hauptstadt . . .«

»Ich bin Kosmopolit: ich lebte ja schon in Paris und in London . . . Ja, wovon sprach ich? — daß unsere Hauptstadt zum Land des Jenseits gehört, das pflegt man bei den Landkarten, Reiseführern und dergleichen nicht in Betracht zu ziehen; selbst der ehrenwerte Baedeker schweigt darüber; der bescheidene Provinzler, der nicht vorher aufmerksam gemacht wurde, gerät schon bei dem ersten Schritt vom Nikolaijewer oder Warschauer Bahnhof in einen Sumpf; er hatte eben nur mit der realen Behörde gerechnet und hatte es unterlassen, sich mit einem Schattenpaß zu versehen.«

»Wie meinen Sie es?«

»Nun eben, ganz einfach: wenn ich in das Land der Papuas gehe, weiß ich, daß ich im Land der Papuas auf Papuas stoßen werde; über diese Naturerscheinung hat mich Herr Karl Baedeker rechtzeitig unterrichtet; aber denken Sie, wie ich mich fühlen müßte, wenn ich auf dem Wege nach Kirssanow auf eine Horde schwarzer Papuas stieße (was übrigens sehr bald in Frankreich der Fall sein wird, da Frankreich in aller Stille die schwarzen Hordenbewaffnet, um sie nach Europa zu bringen): Sie werden das erleben, übrigens dürfte es Ihren Wünschen sehr zustatten kommen; es paßt ja so gut zu Ihrer Theorie der Vertierung und der Kulturvernichtung: erinnern Sie sich? . . . Ich hörte Ihnen damals im Helsingforser Kaffeehaus mit Befriedigung zu.«

Alexander Iwanowitsch fühlte sich immer unbehaglicher; es fröstelte ihn; besonders widerlich war es ihm, einen Hinweis auf die von ihm längst überwundene Theorie zu hören; er hat diese Theorie längst als krankhaft erkannt und verworfen; und nun jetzt, wo er sich wieder krank fühlt, tritt sie ihm in so widerlicher Form entgegen.

»Also, wo bin ich? Ja, die Papuas: die Papuas sind, sozusagen, erdgeborene Wesen; die Biologie der Papuas, so primitiv sie auch ist, dürfte Ihnen, Alexander Iwanowitsch, nicht unbekannt sein. Mit einem Papua können Sie schließlich und endlich sich irgendwie noch immer verständigen; sagen wir zum Beispiel etwa mit Hilfe des Schnapses; und dann: selbst in Papuasien gibt es Rechtsinstitutionen, die unter Kontrolle des papuasischen Parlaments stehen . . .«

Alexander Iwanowitsch fiel das höchst befremdende Benehmen seines Gastes auf, dessen Stimme sich plötzlich in höchst unpassender Weise von ihm gelöst hatte; und überhaupt verwandelte sich der unbeweglich auf dem Fensterbrett sitzende Gast (oder betrogen ihn etwa seine Augen?) ganz deutlich in einen Rußfleck auf der mondbelichteten Fensterscheibe, während seine Stimme, immer lauter werdend, den krächzenden Ton eines Grammophons annahm, der Alexander Iwanowitsch unmittelbar ins Ohr hineintrommelte.

»Der Petersburger Schatten aber ist nicht einmal ein Papua; die Biologie der Schatten ist noch nicht erforscht. Sie werden sich nie mit dem Schatten verständigen können,seine Forderungen nie verstehen lernen; sobald Sie Petersburger Boden betreten, schlüpft der Schatten in Sie zugleich mit allen möglichen Krankheitsbazillen hinein, die Sie mit dem Wasser aus den Leitungen hinunterschlucken . . .«

Vom Mond beschienen und mit phosphoreszierenden Flecken überdeckt, saß er auf seinem schmutzigen Lager und ruhte von den Angstanfällen aus; da, hier war sein Gast gesessen: der war jetzt nicht mehr da. Diese Angstanfälle! Drei-, vier-, fünfmal während einer Nacht; den Halluzinationen folgten klare Augenblicke.

Jetzt war sein Bewußtsein klarer wie der Mond dort hoch vor den seitwärts dahinziehenden Wolken; und wie der Mond schien das Bewußtsein hell und belichtete die Seele, wie der Mond die labyrinthartigen Straßenprospekte. Weit nach hinten und nach vorn belichtete das Bewußtsein die kosmischen Zeiten und die kosmischen Fernen.

In jenen Fernen gab es nichts: keine Menschen, keine Schatten.

Und — leer waren die Fernen.

In seinen vier einander perpendikulären Wänden kam er sich selbst wie ein in den kosmischen Räumen eingeschlossener Gefangener vor; ein Gefangener, der — freier ist als alle anderen Menschen, für den der winzige Raum zwischen den vier schmalen Wänden dem ganzen Raum des Alls gleicht.

Einsam ist der Raum des Alls! Sein leeres Zimmer! . . . Das All ist der letzte Besitz an Reichtümern . . . Das eintönige All! . . . Eintönig war sein Zimmer schon immer gewesen . . . Die Wohnung eines Bettlers muß aber prunkvoll erscheinen im Vergleich mit der Leere des Raumes im All.

Die Befreiung von den Dämmerzuständen wie eine Erholung empfindend, träumte sich Alexander Iwanowitsch hoch über alles Sinnliche der Welt hinweg.

Eine höhnische Stimme sprach:

»Der Schnaps!«

»Das Rauchen!?«

»Die wollüstigen Gefühle?«

Befand er sich auch wirklich so hoch über allem Sinnlichen der Welt?

Er senkte den Kopf: davon kommt alles: die Krankheit, die Angstzustände, die Schicksalsschläge — von den schlaflosen Nächten, vom Rauchen, vom Trinken.

Der Schnaps!

Plötzlich fühlte er einen schmerzhaften, scharfen Stich in seinem kranken Backzahn; er drückte die Hand auf die Wange.

Seine Irrsinnsanfälle erschienen ihm auf einmal in neuem Licht; er begriff jetzt die Wahrheit dieses Irrsinns: er war nur die Botschaft seiner erkrankten Sinnesorgane an das bewußte Ich; nicht der persische Untertan Schischnarfijew verfolgte ihn, sondern seine schwergewordenen Sinnesorgane verfolgten seinIch; und indem sich diesesIchvor ihnen zu retten sucht, wird es zumNicht-Ich, denn nur durch die Sinnesorgane kommt dasIchwiederum zu sich zurück; der Alkohol, der Tabak und die schlaflosen Nächte untergruben seinen schwachen Körper; unser körperlicher Organismus aber ist eng mit dem Raum verbunden; während der Organismus zu zerfallen begann, bildeten sich auch Lücken im Raum; in die Spalten der Sinnesorgane drangen Bazillen ein; das Räumliche aber, das immer den Körper umschließt — füllte sich mit Visionen . . . Zum Beispiel: Wer ist Schischnarfijew? Ein Alpdrucktraum; dieser Traum aber ist eine Folgeerscheinung des Alkohols; Schischnarfijewist also nichts anderes als ein Stadium der Alkoholvergiftung.

»Du solltest nicht rauchen, nicht trinken, dann würden deine Sinnesorgane wieder ihren Dienst tun!«

Er fuhr zusammen.

Heute hatte er jemand verraten. Wie konnte er es übersehen, daß er jemand verraten hatte? Er hatte ja zweifellos verraten: er hatte aus Angst Nikolai Apollonowitsch an Lipantschenko ausgeliefert; deutlich erinnerte er sich aller Einzelheiten des widerlichen Handels. Er hatte ohne zu glauben an etwas geglaubt: das war Verrat. Ein noch größerer Verräter ist Lipantschenko selbst; daß Lipantschenko sie alle verriet, hatte er eigentlich schon immer gewußt, und doch verbarg er vor sich selbst dieses Wissen (Lipantschenko übte eine besondere Macht über seine Seele aus): darin lag die Wurzel seiner Krankheit: im furchtbaren Wissen, daß Lipantschenko ein Verräter ist; das Trinken, Rauchen, das ausschweifende Leben waren nur Folgen; und die Halluzinationen waren die letzten Glieder der Kette, an die ihn Lipantschenko geschmiedet hielt. Warum tat es dieser? Weil Lipantschenko wußte, daß ihm sein Verrat bekannt ist; nur weil Lipantschenko weiß, läßt er ihn auch jetzt nicht los.

Lipantschenko hat seinen Willen geknechtet; er hat durch diese Knechtung seines Willens den schrecklichen Verdacht, der alles aufdecken konnte, abzuwenden gesucht; Lipantschenko ahnte, daß in ihm, Dudkin, Mißtrauen erwacht war, und suchte durch eine engere Gemeinsamkeit dieses Mißtrauen einzudämmen, daher hatte er ihn keinen freien Schritt machen lassen; daher hatte er ihn an sich gebunden; er hat in Lipantschenko seine Mystik gegossen, dieser aber in ihn den Alkohol.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich deutlich der Szene im Arbeitszimmer des Lipantschenko; der frecheZyniker und Schuft hatte es auch da verstanden, ihn zu hintergehen; er sah jetzt deutlich vor sich den feisten Hals des Lipantschenko mit der dicken, fetten Falte; dieser Hals hatte ihn gleichsam frech verhöhnt, bis Lipantschenko, seinen Blick auf dem Halse fühlend, sich umgedreht hatte; dieser aufgefangene Blick war es aber, der Lipantschenko alles gesagt hatte.

Damals hatte er mit seiner Einschüchterungspolitik begonnen: er hatte ihn überfallen und so alle Karten vermischt; er hatte einen tödlich verletzenden Verdacht ausgesprochen und ihm dann einen Kompromiß vorgeschlagen: so zu tun, als ob er dem Verrat Ableuchows glaubte.

Und Dudkin hat es geglaubt!

Alexander Iwanowitsch sprang auf und ballte in hilfloser Wut die Fäuste; das war nun Tatsache, das ist nun geschehen.

Hier lag der Grund seines Alpdruckes.

Er erinnerte sich der ersten Begegnung mit Lipantschenko; der Eindruck war wahrlich kein angenehmer gewesen; Lipantschenko hatte entschieden etwas zuviel Interesse für die Schwächen seiner Mitmenschen gezeigt. Dieser plumpe Körper, diese stumpfsinnig zwinkernden Äuglein konnten wohl einem Provokateur höheren Genres angehören, nicht aber . . .

Ein solcher konnte schon manchmal auch ganz einfältig erscheinen.

»Gewürm . . . O, du Gewürm!«

Je mehr er sich in Lipantschenko vertiefte, in die Betrachtung seiner Körperteile, seiner Manieren, Gepflogenheiten, um so deutlicher sah er vor sich: nicht einen Menschen, sondern — eine Tarantel.

Und etwas Stählernes drang ihm in die Seele:

»Ja, ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.«

Ein Gedanke erleuchtete ihn: alles wird so einfach enden; daß es ihm nicht schon früher eingefallen war! Nun ist es ihm klar, welche Mission er zu erfüllen hat.

Alexander Iwanowitsch lachte hell auf:

»Dieser Wurm glaubte mich hintergehen zu können.«

Da fühlte er wieder einen starken Stich im Zahn: aus seinen Träumereien gerissen, griff er sich an die Backe; sein Zimmer, der kosmische Raum — verwandelte sich wieder in eine armselige Dachkammer; das Bewußtsein begann zu erlöschen (wie das Mondlicht in den Wolken); er wurde vom Fieber geschüttelt; seine Augenblicke füllten sich langsam mit Ängsten und Bangigkeit; er rauchte eine Zigarette nach der anderen, rauchte sie ganz bis zum äußersten Rand herunter . . .

Plötzlich aber . . .

Alexander Iwanowitsch Dudkin vernahm einen seltsamen knallenden Laut; der knallende Laut kam von unten; dann wiederholte er sich (begann er sich zu wiederholen) auf der Treppe: ein Schlag folgte dem anderen, mit Pausen dazwischen. Wie wenn jemand mit aller Wucht ein riesengroßes, zentnerschweres Metallstück auf Stein warf; und diese auf Stein niederfallenden Metallschläge stiegen immer höher, kamen immer näher. Alexander Iwanowitsch begriff nun, daß ein Übeltäter die Treppenstufen zerschlug. Er horchte, ob nicht aus irgendeiner Tür jemand herauskam, um den nächtlichen Ruhestörer dingfest zu machen. Ist es aber auch wirklich bloß ein nächtlicher Übeltäter?

Die Schläge auf der Treppe folgten einander; eine Steinstufe nach der anderen wurde zermalmt; und dieSteine flogen unter den wuchtigen Schritten nach unten; dieses metallene, dröhnende Etwas näherte sich hartnäckig dem dunkelgelben Dachzimmer; mit betäubendem Gepolter rollten jetzt vielhundertzentnerschwere Steinmassen über die Stufen: zertrümmert sind sie; und — mit furchtbarem Knall löste sich auf einmal der Steinboden vor der Tür:

Die Tür spaltete sich mit donnerndem Krachen und flog aus den Angeln; aus der gähnenden Öffnung ergossen sich melancholische Düsterkeiten wie rauchige, tiefgrüne Wolkenknäule in die Kammer; von dem Stiegenraum her floß Mondferne herein, und die Dachkammer schloß sich an die Unermeßlichkeit an; mitten aber an der Türschwelle, zwischen den zerrissenen Wänden, durch die die grünliche Unermeßlichkeit hereinsickerte, stand plötzlich, den gekrönten, grünumwobenen Kopf tief gesenkt, den schweren, grünumsponnenen Arm vorgestreckt, eine mächtige, phosphorleuchtende Gestalt.

Das war — der kupferne Gast.

Der metallene, matt schimmernde Mantel glitt schwer von den metallisch blinkenden Schultern über den geringelten Panzer; die aus Eisen gegossenen Lippen bebten zweideutig, denn nun wiederholte sich das vergangene Jahrhundert; jetzt, im selben Augenblick, in dem hinter der armseligen Kammer die Wände des alten Gebäudes in die grünliche Unermeßlichkeit stürzten; und ebenso klaffte seine eigene Vergangenheit vor Alexander Iwanowitsch auf; er rief:

»Jetzt erinnere ich mich . . . Ich habe dich erwartet . . .«

Der Riese mit dem kupfernen Kopf war im Fluge durch alle Zeitepochen gezogen und schloß so den eisernen Ring bis zu diesem Augenblick ab; Vierteljahrhunderte zogen dahin; Nikolai stieg auf den Thron; die verschiedenen Alexander stiegen auf den Thron; Alexander Iwanowitschaber, der Schatten, hatte sich vergeblich bemüht, den Ring zu überwinden: alle Zeitepochen zu durchlaufen, indem er die einzelnen Tage, Jahre, Minuten durchlief, indem er die feuchten Petersburger Prospekte durchwanderte — träumend, wachend, sich in Sehnsucht verzehrend . . . Und hinter ihm her, hinter allen anderen her klirrte das Metall, das die Existenzen zerschlug; krachten die metallenen Schläge — in leeren Fluten, in Dörfern, in den Städten; donnerten unter den Haustoren, auf den öffentlichen Plätzen, auf den Stufen der nächtlichen Haustreppen.

Es donnerten — die Zeitepochen; ich habe dieses Donnern gehört. Und du — hast auch du sie gehört?

Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist — ein Schlag auf Stein; Petersburg ist — ein Schlag auf Stein; die Karyatide dort vor dem Portal, die sich bald lösen will — ist wiederum derselbe Schlag auf Stein; unvermeidlich ist die Verfolgung; und unvermeidlich sind — die Schläge; du kannst dich in deiner Dachkammer nicht verbergen; die Dachkammer ist Lipantschenkos Werk; die Dachkammer ist eine Falle; einrennen mußt du sie, einrennen . . . durch Schläge auf Lipantschenko!

Dann wird sich alles wenden; unter den Metallschlägen, die den Stein zerbröckeln, muß Lipantschenko in Stücke zerfallen; dann zerfällt auch die Dachkammer und zerfällt auch Petersburg selbst; die Karyatide wird zu Staub werden, und der nackte Schädel Ableuchows wird durch die Schläge, die Lipantschenko treffen, tödlich getroffen.

Alles, alles erhellte sich jetzt für ihn, als nach zehn Jahrzehnten der kupferne Gast bei ihm erschien und mit laut tönender Stimme sagte:

»Ich grüße dich, mein Sohn!«

Drei Schritte nur: ein dreimaliges Knattern der Bretter unter den Füßen des riesigen Gastes; mit seinem metallenenHintern schlug der aus Metall gegossene Kaiser laut klirrend auf den Stuhl auf; der grünumsponnene Ellbogen, mit tönenden, glockenähnlichen Lauten sich vom Mantel befreiend, fiel mit seiner ganzen kupfernen Schwere auf das billige Tischchen; und mit langsamer, zerstreuter Bewegung griff der Kaiser vom Kopfe die kupfernen Lorbeeren; klirrend fiel der kupferne Lorbeerkranz vom Haupt.

Klirrend und prasselnd zog die tausendzentnerschwere Handdierotglühende Pfeife hervor; und zwinkernd sprach er:

»Petro Primo Catherina Secunca . . .«

Er schob die Pfeife zwischen die starken Lippen, und der grüne Rauch des geschmolzenen Kupfers stieg in den Mondschein auf.

Da erst begriff Alexander Iwanowitsch, daß er umsonst durch all die Jahrzehnte gelaufen; daß die Schläge hinter ihm ohne jeden Zorn gedonnert haben; jene Schläge in den Städten, Dörfern, unter den Toren, auf den Treppen; er war ein seit Ewigkeit Begnadigter; und alles Gewesene — ebenso wie das Kommende — war nur ein visionäres Durchwandern, bis zum Trompetenruf der Erzengel.

Und — er sank zu den Füßen des Gekommenen:

»Meister!«

In den kupfernen Gesichtsfalten des Gastes leuchtete kupferne Melancholie; gutmütig legte sich auf seine Schulter die steinzermalmende Hand, und weißglühend brach sie ihm das Schlüsselbein.

»Macht nichts: sterbe nur, dulde . . .«

Der metallene Gast, in tausendgradiger Hitze, im Mond glühend, saß jetzt sengend vor ihm; ganz durchglüht, blendend weiß geworden, floß er über den gebeugten Alexander Iwanowitsch wie ein geschmolzener Eisenstrom; in vollständigem Wahn wand sich Alexander Iwanowitschin der tausendzentnerschweren Umarmung: der kupferne Reiter ergoß sich mit seinem Metall in seine Adern.

»Herr, schlafen Sie?«

In seiner bleiernen Bewußtlosigkeit fühlte Alexander Iwanowitsch dumpf, daß ihn wer rüttelte.

»Herr, he? . . . Herr!«

Endlich schlug er die Augen auf und versetzte sich in den düsteren Tag.

»Aber Herr! . . .«

Der Kopf neigte sich.

»Was ist los?«

Alexander Iwanowitsch merkte erst da, daß er auf der Pritsche lag.

»Die Polizei?!«

Vor seinem Blick erhob sich ein Zipfel des heißen Kissens.

»Welche Polizei denn . . .?«

Ein dunkelroter Fleck kroch auf dem Kissen dahin — brr: in seinem Bewußtsein blitzte es auf:

»Eine Wanze . . .«

Er wollte sich auf den Ellbogen stützen und sich erheben, verfiel aber wieder in Bewußtlosigkeit . . .

»Herrgott, aber kommen Sie doch zu sich . . .«

Alexander Iwanowitsch stützte sich endlich auf den Ellbogen.

»Bist du es, Stjopka?«

Er erblickte ein aufsteigendes Dampfwölkchen; ein Dampfwölkchen aus einer Teekanne; auf dem Tische sah er auch die Kanne und eine Tasse.

»Ah, das ist schön, Tee.«

»Was schön! Sie fiebern ja ganz, Herr . . .«

Mit Verwunderung sah Alexander Iwanowitsch, daß er angekleidet war; er war ja sogar im Mantel dagelegen.

»Wieso bist du hier?«

»Ich bin zu Ihnen raufgekommen; es wird auf sehr vielen Fabriken gestreikt; die Polizei überall, massenhaft. . . . Ich kam zu Ihnen rauf, hab’ das Gebetbuch mitgebracht.«

»Das Gebetbuch war aber schon bei mir.«

»Aber wo, Herr, das hat Ihnen nur geträumt . . .«

»Warst du nicht gestern hier gewesen?«

»Nein, Herr, Sie haben mich schon zwei Tage nicht gesehen.«

»Ich glaubte aber . . . Mir schien eben . . .«

Was schien ihm?

»Ich kam heute zu Ihnen rauf und sah Sie liegen; Sie stöhnten, fieberten ganz, wie im Feuer lagen Sie da.«

»Ich bin aber gesund, Stjopka.«

»Aber wo denn, gesund! . . . Ich hab’ da für Sie einen Tee gemacht; hier ist auch Brot, ganz frisches; trinken Sie, vielleicht wird’s doch besser. Ja! So dazuliegen — das ist doch nichts . . .«

(Er erinnerte sich: In der Nacht war durch seine Adern eine kochende Metallbrühe geflossen.)

»Ja, ja, mein Lieber, in der Nacht habe ich ein ganz anständiges Fieber gehabt . . .«

»Das glaub’ ich schon . . .«

»Ein Fieber von hundert Grad.«

»Sie werden einmal im Alkohol zu Tode gesotten . . .«

»In der eigenen Brühe? Ha—ha—ha . . .«

»Was meinen Sie? Man erzählt: es hat einmal einen alkoholischen Menschen gegeben, dem sind aus dem Mund weiße Dampfwolken aufgestiegen . . . und er war dann totgesotten . . .«

Alexander Iwanowitsch lächelte ein böses, wehes Lächeln.

»Sie haben sich schon den Teufel auf den Hals getrunken . . .«

»Die Teufel waren schon da, das ist wahr . . . Deswegen habe ich dich auch um das Gebetbuch gebeten: ich will sie verjagen.«

»Sie werden sich auch noch die grüne Schlange auf den Hals trinken . . .«

Alexander Iwanowitsch lächelte wieder schief:

»Ganz Rußland aber auch, mein Lieber . . .«

»Waas? . . . Trinkt sich die grüne Schlange . . .?«

Er dachte aber gleich:

»Solltest doch lieber deine Zunge hüten . . .«

»Das ist nicht wahr: Rußland steht unter Jesu Christi Schutz . . .«

»Du quatschst . . .«

»Sie quatschen selbst: Sie werden schon sehen . . . wenn Sie noch weitertrinken, dann werden Sie einmal vonihr, vonihrselbst geholt . . .«

Alexander Iwanowitsch schrak heftig zusammen.

»Von wem?«

»Von . . . von . . . derweißen Frau.«

Daß das Delirium tremens, das Stjopka mit der »weißen Frau« meinte, auf den Fersen war — daran war nicht zu zweifeln.

»Ach, weißt du: wenn du doch in die Apotheke laufen . . . und mir ein Chininpulverchen kaufen möchtest . . .«

»Das kann ich schon tun . . .«

»Aber nicht vergessen: salzsaures, kein schwefelsaures. Schwefelsaures Chinin ist nur Verschwendung und hilft weiß Gott nichts . . .«

»Ach, Herr, am Chinin liegt es nicht . . .«

»Fort mit dir! . . .«

Stepan lief zur Tür und Alexander Iwanowitsch ihm nach.

»Vergiß auch nicht, Stjopuschka, mir bei dieser Gelegenheit auch etwas Himbeersaft zum Tee zu kaufen.«

Er dachte:

»Himbeer ist ein gutes, schweißtreibendes Mittel.«

Mit raschen, fließenden Bewegungen trat er an die Wasserleitung; kaum hatte er sich aber aus dem Hahn gewaschen, als in ihm wieder alles aufflammte, die Grenze zwischen Delirium und Wirklichkeit verwischend.

Während er mit Stjopka gesprochen hatte, schien es ihm immerfort, hinter der Tür lauere etwas: etwas ihm seit Ewigkeiten Bekanntes. Dort, hinter der Tür? Und er lief hinaus; aber hinter der Tür sah er nur das Treppenhaus sowie das Treppengeländer, das über dem Abgrund hing. Hier blieb Alexander Iwanowitsch angelehnt stehen; er schnalzte mit der vollständig ausgetrockneten Zunge, zitternd vor innerer Kälte. Ein Geschmacksgefühl reizte ihn, ein Kupfergeschmack; im Mund und auf der Zungenspitze.

»Wahrscheinlich wartet es unten im Hofe . . .«

Im Hof war aber niemand, nichts. —

Vergeblich suchte er überall, in allen versteckten Ecken, in den Durchgängen (zwischen den Holzstapeln); silbern schimmerte der Asphalt; silbern schimmerten die Ahornblätter; nichts, niemand, nichts . . .

»Wo istesalso?«

Stjopka lief mit den gekauften Sachen vorbei; nun schlüpfte er rasch, um von Stjopka nicht gesehen zu werden, hinter einen Holzstoß; plötzlich wurde er von einem Gedanken erleuchtet:

»Esist in einem metallenen Ort . . .«

Was das für ein Ort war und warum ein metallener? Darauf gab ihm sein im Wirbel sich kreisendes Bewußtseinkeine erklärende Antwort. Umsonst strengte er seine Gehirnzellen an: nichts deutete auf das in ihm früher gewesene Bewußtsein; eines blieb in der Erinnerung haften: es hat sich hier ein anderes Bewußtsein befunden; dieses andere Bewußtsein hatte sehr klare Bilder vor ihm entstehen lassen; in jener Welt, die keinesfalls unserer ähnlich war, befindet sich . . .es. . .

Und . . .eswird wieder erscheinen.

Mit dem Erwachen verwandelt sich jedes andere Bewußtsein in einen unrealen, mathematischen Punkt; am Tage also, im Wachsein, schrumpfteszu einem Bruchteil eines mathematischen Punktes zusammen; ein Punkt hat aber keine Teile; also kannesnicht gewesen sein.

Es blieb nur die Erinnerung an eine Erinnerungslosigkeit und an ein Etwas, das einer Ausführung harrte, das kein Verschieben duldete; doch — was war es?

Eine Erinnerung an einenmetallenen Ort. . .

Eine Erleuchtung kam über ihn: mit federnden, leichten Schritten eilte er zu einer Straßenecke, wo sich zwei Straßen kreuzten; an dieser Straßenecke (das wußte er) war ein Geschäft, dessen Fenster ein Glanzflimmern verbreiteten . . . Wo war aber das Geschäft, und — wo war diese Straßenecke?

Dort glänzten Gegenstände.

»Gibt es dort Metalle?«

Diese sonderbare Passion!

Woher auf einmal diese sonderbare Passion bei Alexander Iwanowitsch? Wirklich: an der Ecke glänzten Metalle: es war ein kleiner Laden, in dem alle möglichen, billigen Metallgegenstände: Scheren, Messer, Gabeln, verkauft wurden.

Er trat in das Geschäft ein.

Eine verschlafene Gestalt (wahrscheinlich der Eigentümer all dieser Sägen, Messer, Bohrer) erhob sich hinterder Kasse und trat vor den Verkaufstisch, auf dem verschiedene Stahlgegenstände glänzten; der schmalstirnige Kopf fiel eigentümlich schwer gegen die Brust; hinter der Brille verbargen sich kleine, rötlichgraue Äuglein:

»Ich möchte, ich möchte . . .«

Da er nicht wußte, was er wollte, berührte er mit der Hand eine Säge; die gab einen klirrenden Laut von sich: »wss—wss—wss«. Der Ladeninhaber blickte mit seinen tief in den Höhlen sitzenden Augen den Käufer an: Alexander Iwanowitsch ist ja ganz unerwartet für sich selbst auf die Straße gelangt; so wie er auf seiner Pritsche im Mantel gelegen war, kam er in das Geschäft; der Mantel war zerdrückt und mit Schmutz bedeckt; vor allem aber: er hatte keinen Hut auf dem Kopf: das Gesicht mit überhängenden, wirren Haaren konnte jeden erschrecken.

Deswegen sah ihn der Ladeninhaber mißtrauisch, mit gefalteter Stirn an; mit unüberwindlichem Ekel in den ungemütlichen, von Natur aus schwer gebauten Gesichtszügen starrte er unverwandt Dudkin an.

»Wünschen Sie eine Säge?«

Die scharf prüfenden Äuglein aber sprachen wütend:

»So—o—o! . . . Ein wahnsinnig gewordener Trunkenbold!«

So schien es ihm.

»Nein, keine Säge; mit einer Säge, wissen Sie, geht es nicht. Ich brauche ein finnisches Messer, ein geschliffenes.«

Doch der Ladeninhaber erwiderte grob:

»Verzeihen Sie: wir haben keine finnischen Messer.«

Die bohrenden Augen sagten gleichsam:

»Wenn du ein Messer in die Hand bekommst . . . dann geschieht manches Unheil . . .«

Wenn sich die Lider gehoben hätten, dann wären die scharf bohrenden Äuglein zu einfachen Augen geworden;aber eine Ähnlichkeit überraschte Dudkin; eine Ähnlichkeit — denken Sie, mit wem? Mit Lipantschenko. Jetzt drehte ihm die Gestalt den Rücken zu und warf ihm einen Blick zu, der selbst einen Ochsen zu Boden gestreckt hätte.

»Es ist ganz gleich: geben Sie mir eine Schere . . .«

Bei sich aber dachte Dudkin: Woher diese Wut in ihm? Woher diese Ähnlichkeit mit Lipantschenko? Aber gleich darauf beruhigte er sich selbst: Ach wo! Ist da überhaupt eine Ähnlichkeit?

Lipantschenko trägt keinen Bart, und dieser dicke Kerl hat einen runden Vollbart.

Aber bei dem Gedanken an Lipantschenko fiel ihm plötzlich alles ein: alles — alles — alles! Jetzt wußte er ganz klar, warum er auf den Gedanken verfallen war, in dieses Geschäft zu gehen. Jetzt wußte er, was er vorhatte.

Vor der Schere stehend, begann er zu zittern:

»Sie brauchen nicht einzuschlagen — nein, nein . . . Ich wohne ganz in der Nähe . . . Ich kann es so tragen, es geht auch so . . .«

Mit diesen Worten nahm er die kleine Schere, die von eleganten Leuten zum Nägelschneiden gebraucht wird, und steckte sie in die Tasche; dann lief er aus dem Laden.

Mißtrauisch, verwundert und erschreckt blickte ihm der quadratförmige, schmalstirnige Kopf mit dem vorstehenden Stirnknochen nach; der vorstehende Stirnknochen ging im hartnäckigen Wunsch auf, das Vorgefallene zu verstehen; es um jeden Preis zu verstehen, koste es, was es wolle; zu verstehen — oder in Stücke zu zerfallen.

Doch der Stirnknochen vermochte es nicht zu verstehen; er war ja ein so armseliger Stirnknochen: schmal, mit Querfalten; es war — als weinte er.


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