Einer der ersten Besucher war übrigens ein Herr von Hahnemann, ein bei Neu-Guinea stationierter Marineoffizier, der auf der Schildkröteninsel seinen Urlaub verbrachte. Dieser Herr von Hahnemann fiel eigentlich besonders durch seine Wißbegierde auf; man sah ihn oft stundenlang mit einfachen Arbeitern im Gespräch. Auch hatte er bei den Vorstehern und einigen anderen hervortretenden Persönlichkeiten, wie Nechlidow, Herren de la Rouvière und Frau von Zeuthen Besuche gemacht und wurde auch von diesen gelegentlich eingeladen.Einige Tage vor seiner Abreise kam Herr von Hahnemann zu Paul Seebeck, um sich zu verabschieden. Paul Seebeck empfing ihn, wie er schon so manchen derartigen Besucher empfangen hatte, mit dem sehnlichen Wunsche, daß dieser ihn bald wieder allein ließe. Da Herr von Hahnemann aber blieb, fragte er ihn nach Verlauf einer Stunde:»Haben Sie vielleicht ein besonderes Anliegen? Wenn ich Ihnen irgend eine besondere Aufklärung geben könnte –?«»Sie sind außerordentlich liebenswürdig«, antwortete der Offizier mit einer leichten Verbeugung.»Entschuldigen Sie die etwas indiskrete Frage mit meinem großen Interesse: wie denken Sie sich die Zukunft, Herr Seebeck?«Paul Seebeck sah ihn zweifelnd an. Dann stand er auf und ging zum Fenster.»Ich verstehe Ihre Frage nicht recht. Wir werden so weiterarbeiten wie bisher.« Und dabei sah er seinem Besucher gerade in die Augen.»Pardon, gewiß. Ich meinte aber, wie denken Sie sich in Zukunft Ihre persönliche Stellung zu der Sache?«»Solange ich das Vertrauen der Mehrheit habe«, sagte Paul Seebeck ziemlich schroff, »bleibe ich hier auf meinem Posten.«Herr von Hahnemann stand auf:»Aber die haben Sie ja nicht mehr. Auf der letzten Jahresversammlung sind Sie von einer Minorität nur deshalb gewählt worden, weil sich die oppositionellen Stimmen auf zwei Kandidaten verteilten.«»Herr von Hahnemann«, sagte Seebeck und trat dicht vor ihn hin. »Ich bin ordnungsgemäß gewählt worden, und damit ist dieser Punkt erledigt. Im Übrigen bedauere ich, mich mit einem Außenstehenden nicht über innere Verhältnisse unserer Gemeinschaft aussprechen zu können.«»Herr Seebeck, ich verstehe Ihre Erregung über meine taktlosen Fragen durchaus. Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, daß ich – nicht nur als Privatmann hier bin.«Seebeck setzte sich an seinen Schreibtisch und fragte ganz ruhig:»Sie sind im Auftrage der Reichsregierung hier?«»Ja«, sagte Herr von Hahnemann. »Es war eine Klage eingelaufen, und ich wurde hierher geschickt, um ihre Grundlagen zu prüfen. Zu meinem Bedauern fand ich sie bestätigt.«»Darf ich Sie fragen, wer außer Nechlidow die Klage unterzeichnet hat, deren Inhalt ich mir denken kann«, fragte Paul Seebeck zwischen den Zähnen.»Ich bedaure, Ihnen darauf die Antwort verweigern zu müssen. Sie sagen selbst, daß Sie sich den Inhalt der Klageschrift denken können, damit erübrigt sich, auf die einzelnen Punkte einzugehn. Ich bin völlig unbefangen hierhergekommen und habe alles mit eigenen Augen geprüft, besonders das Protokoll jener Sitzung. Da ich mich leider von der Stichhaltigkeit jener Klage überzeugen mußte, sehe ich mich zu meinem Bedauern genötigt, von meinen Vollmachten Gebrauch zu machen. Sie müssen die Reichsregierung verstehen, Herr Seebeck. Wenn hier nur einigeIdealisten auf einem unfruchtbaren Felseneilande säßen, könnte man sie ja in Gottes Namen machen lassen, was sie wollten, und ihre Experimente mit Wohlwollen und Interesse betrachten. Da es sich jetzt aber schon um Hunderte handelt, die Zahl der Ansiedler wahrscheinlich noch bedeutend steigen wird, und ferner das Interesse des Reichs an diesem Teile seines Kolonialbesitzes durch die Schwefelfunde noch erhöht ist, ist es nicht nur das gute Recht, sondern die Pflicht des Reiches, hier absolut korrekte Zustände zu schaffen.«Er machte eine Pause, als erwartete er eine Antwort; aber Paul Seebeck sagte nichts, sah ihm nur ruhig ins Gesicht. Der Offizier wurde nervös unter diesem Blicke; er holte aus seiner Brusttasche einige Papiere, sowie ein kleines Etui hervor.»Herr Seebeck, auch für den Fall, daß sich jene Klage als stichhaltig erweisen sollte, will die Reichsregierung in Anbetracht Ihrer unbestreitbaren großen Verdienste Ihnen auch nur den Schatten einer Demütigung ersparen. Sie verlangt nichts, als daß Sie Ihr Mandat als Reichskommissar niederlegen, und wird dann von sich aus einen neuen ernennen. Was wir gesprochen haben, bleibt unter uns. Und hier haben Sie noch einen ausdrücklichen Gnadenbeweis.« Dabei legte er das kleine Etui auf den Schreibtisch.»Das Ding enthält vermutlich einen Orden«, sagte Paul Seebeck aufstehend. »Bitte stecken Sie ihn wieder ein. Wollen Sie so liebenswürdig sein, mir eine Frage zu beantworten: Was wird geschehen wenn ich mich jetzt weigere, das Reichskommissariat freiwillig niederzulegen?«Der Offizier war aufgesprungen:»Überlegen Sie sich, was Sie sagen.«»Ich habe es mir überlegt.«»Das ist ein Affront.«Seebeck zuckte die Achseln:»Nicht gegen Sie, verehrter Herr von Hahnemann. Sie sind ja nur Werkzeug. Sie spielen in einer Komödie mit, glauben Regisseur zu sein und sind nur Puppe. Soll ich Ihnen sagen, weshalb ich gehen soll? Nicht, weil es hier schlecht geht, nicht weil ich meine Stellung mißbraucht habe, sondern weil alles gut geht, besser geht, als es sich die Herren dort in Berlin je träumen ließen. Weil wir mit unserer Arbeit vorwärts kommen. Wir haben hier etwas Brauchbares geschaffen, haben die Durchführbarkeit gewisser Utopieen erwiesen, und das ist der springende Punkt. Alles andere ist ja nur Vorwand. Einige kleine Schwierigkeiten, die die Durchführung einer großen Sache naturgemäß mit sich führt, die Nörgeleien und Quertreibereien irgendwelcher Personen, die gar nicht verstehen,worum es sich hier handelt, geben den bequemen Vorwand, um alles zu vernichten. Ein Reichskommissar aus Berlin hier, hier in meinem Werke! Nein mein Freund. Nehmen Sie Ihr Ding da mit und schämen Sie sich, bei einer so unwürdigen Komödie mitzuwirken. Erzählen Sie den Herren in Berlin, daß Paul Seebeck nicht für einen lausigen Orden sein Lebenswerk verkauft. Das Reichskommissariat lege ich nicht nieder.«»Ich will – durchaus gegen meine Gewohnheit – die Spitze überhört haben, die meine Person betrifft, um die unerhörte Beschuldigung zurückzuweisen, die Sie gegen die Reichsregierung gerichtet haben. Sie fühlen sich in einer schwachen Position und sehen deshalb voll ungerechtfertigter Bitterkeit auf alle anderen. Überlegen Sie sich doch: die Reichsregierung hat Sie mit dem größten Wohlwollen behandelt; was soll die Regierung aber anders tun, als Ihnen in schonendster Form den Abschied nahezulegen, wenn sich die Mehrzahl Ihrer eigenen Bürger gegen Sie erklärt? Und mehr, wenn die Klage sich als berechtigt erweist? Sie selbst tragen allein Schuld an dieser Wendung der Dinge, jetzt müssen Sie auch die Konsequenzen ziehen. Legen Sie das Reichskommissariat nieder!«»Ich tue es nicht!«»Dann wird man Sie dazu zwingen!«»Versuchen Sie es!« sagte Paul Seebeck und ging in sein Schlafzimmer, dessen Tür er hinter sich zuschlug.Sobalddie »Prinzessin Irene« mit Herrn von Hahnemann an Bord die Anker gelichtet hatte, berief Paul Seebeck die Vorsteher der Gemeinschaft zu sich und zwar die offiziellen Inhaber der Ämter, nicht ihre ständigen Stellvertreter. Das war auffällig, denn die ständigen Stellvertreter, wie zum Beispiele Herr de la Rouvière, pflegten sonst immer zu den Sitzungen zugezogen zu werden. Paul Seebeck schickte auch Fräulein Erhardt fort, die gewöhnlich bei den Sitzungen das Protokoll geführt hatte, und schloß aufs Sorgfältigste alle Türen und Fenster seines Arbeitszimmers. Seine Freunde sahen erstaunt seinem Tun zu; als er ihnen aber dann seine Unterredung mit Herrn von Hahnemann erzählt hatte, die schon drei Tage zurücklag, über die beide Teilnehmer aber bisher völliges Stillschweigen bewahrt hatten, begriffen sie ihn. Ein langes Schweigen folgte seinem Berichte.Als erster ergriff Herr von Rochow das Wort:»Man kann Nechlidow nicht einmal einen Vorwurf machen; er hat nur aus den reinsten Motiven heraus gehandelt, freilich ohne die Tragweite seines Vorgehens auch nur im Entferntesten zu übersehen.«»Ach wissen Sie was, Herr von Rochow«, unterbrach ihn Paul Seebeck müde, »es mußte einmal so kommen. Ob Nechlidow oder ein anderer nun den entscheidenden Schritt tat. Aber bei Gott«, rief er aufstehend, »ich lasse mir mein Werk nicht zerstören. Und was würde es helfen, daß die Leute einen von unseren Leuten zum Kommissar machen; sie werden schon dafür sorgen, daß es ein richtiger Eunuche ist, der ihren Willen tut. Was eine unfähige Verwaltung aus lebenskräftigen Kolonien machen kann, sieht man ja deutlich genug aus unseren afrikanischen Kolonien.«»Besonders, wenn man an die englischen Nachbarkolonien denkt«, sagte Jakob Silberland.»Gehen wir doch zu England«, sagte Otto Meyer gemütlich; »die werden uns schon in Frieden lassen; die Engländer wissen, daß die Kolonieen von Männern gemacht werden und nicht von Korpsstudenten.«Seebeck sah ihn starr an.»Bitte«, sagte er.»Ich meine«, sagte Otto Meyer, »wir haben keinen Grund, das positive Resultat unserer Arbeit zerstören zu lassen, bloß weil einige Geheimräte im Kolonialamt Bauchschmerzen haben. Wenn die Deutschen eine anständige Kolonie nicht haben können, erklären wir uns für autonom und lassenuns dann von England annektieren. Sowas läßt sich doch machen, deswegen braucht man doch nicht gleich tragisch zu werden.«»Das wäre Revolution«, sagte Hauptmann a. D. von Rochow ernst.Paul Seebeck dachte nach; dann fuhr er heftig auf:»Ist das unsere Schuld? Was gehen wir das Reich an? Wir haben den Leuten nicht einen Pfennig gekostet; alles haben wir allein gemacht, mit unserer Arbeit, unserem Gelde. Jetzt wo die Sache nahezu vollendet ist, wollen sie es nicht etwa übernehmen, um es in unserem Sinne fortzuführen, sondern sie wollen es zerstören. Ich bitte Sie, stellen Sie sich doch hier einen Berliner Gouverneur vor! Oder noch schlimmer, einen hiesigen Idioten, der die Puppe der Herren da oben ist! Aber das erlaube ich nie! Vorläufig bin ich hier.«»Also, erwäge doch meinen Vorschlag. Ich glaube, das ist der einzige Ausweg.«Jakob Silberland stand auf und trippelte auf seinen kurzen Beinchen im Zimmer auf und ab:»Wir wollen doch zunächst mal überlegen, was jetzt geschehen wird. Vom nächsten Hafen aus telegraphiert der Mann nach Berlin, daß Seebeck sich weigert, freiwillig zurückzutreten; die Antwort lautet wahrscheinlich, daß Herr von HahnemannVollmacht erhält, Seebeck abzusetzen, und entweder er oder ein anderer wird vorläufig Reichskommissar hier, bis sie den richtigen Idioten herausgefunden haben. Hahnemann kann vor einem Monat überhaupt nicht wieder hier sein; das wäre das allerfrühste. Vorläufig kann man Seebeck nichts tun. Daß er sich weigert, freiwillig seinen Abschied zu nehmen, ist kein Verbrechen. Kritisch wird die Sache erst, wenn ihm das Reichskommissariat entzogen wird, und er sich nicht darum kümmert. Dann kommt ein Kriegsschiff und nimmt ihn als Aufrührer mit. Bis dahin würde aber mindestens ein zweiter Monat vergehen. In diesen zwei Monaten müßte alles entschieden sein; denn wenn wir offenen Aufruhr begehen und uns nicht durchsetzen, sind wir verloren.«Seebeck hatte sich wieder gesetzt; ruhig sagte er:»Kinder, ihr beide wißt Bescheid im Staatsrecht. Existiert denn überhaupt eine Möglichkeit, sich von England annektieren zu lassen?«»Gewiß, die Möglichkeit ist da. Einer von uns müßte mit dem nächsten Schiffe nach Sidney und sehen, was er dort ausrichten kann«, sagte Jakob Silberland eifrig.»Wenn Herr von Rochow als Fachmann mir helfen will, baue ich Ihnen in sechs Wochen Befestigungen auf, die dem Kriegsschiff eine harteNuß zu knacken geben werden. Eine Landung zu verhindern, ist bei unserem Hafen eine Kleinigkeit, einige Seeminen genügen«, fügte der hagere Architekt hinzu.»Ich beschwöre Sie, meine Herren, überlegen Sie sich, was Sie tun wollen! Revolution, Vaterlandsverrat!« rief Herr von Rochow.»Das Vaterland hat uns verraten, nicht wir das Vaterland«, sagte Paul Seebeck scharf. »Aber ich will Sie zu nichts verleiten, was Ihrem Gewissen widerspricht. Noch ist es Zeit für Sie alle, sich zurückzuziehen. Ich aber bleibe hier ...«»Und ich bleibe bei Ihnen«, sagte Herr von Rochow und ergriff Seebecks Hand. »Ich bleibe bei Ihnen, was auch kommen mag.«»Ich auch«, sagte Otto Meyer und zündete sich eine Zigarette an.»Wo bekommen wir aber das Geld her?« fragte Jakob Silberland. »Es handelt sich doch jedenfalls um Hunderttausende.«»Wir müssen es uns natürlich ganz korrekt bewilligen lassen«, erklärte Otto Meyer, »sonst wird die Sache zu deutlich. Wir sagen einfach, daß bei der dauernden Spannung zwischen England und Deutschland die Befestigung unvermeidlich ist. Und da wir ja leider Spione im Lande haben, können wir sagen, daß die Bewahrung militärischer Geheimnissein einem kleinen Kreise – hier also in der Vorsteherschaft – eine absolute Notwendigkeit ist. Übrigens wäre es am besten, in aller Heimlichkeit so viel zu bauen, wie nur irgend geht und sich die Kredite nachträglich bewilligen zu lassen. Denn wenn man draußen erfährt, daß wir befestigten, wird das Kriegsschiff mit Windeseile angerannt kommen.«Paul Seebeck war ans Fenster getreten und blickte hinaus:»Schade, schade, daß es so kommen mußte.« sagte er.»Was brauchen wir eigentlich,« wandte sich Otto Meyer an Herrn von Rochow, »eine Strandbatterie und –«Hauptmann a. D. von Rochow schüttelte den Kopf:»Eine Strandbatterie hat gar keinen Sinn; die schießt ein Kriegsschiff in einer Viertelstunde zusammen. Nein, ein schweres Festungsgeschütz und einige Maschinengewehre hier oben für alle Eventualitäten genügen. Das Hauptgewicht müssen wir auf die Seeminen legen. Die natürlich mit elektrischer Zündung von hier oben aus.«»Ist das nun alles eine Kette von Zufällen oder war es eine Notwendigkeit? Mußte es so kommen?« sagte Seebeck, noch immer am Fenster stehend und hinausblickend.»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf«, sagte Otto Meyer und klopfte ihm auf die Schulter, »die Probleme sind dem tüchtigen Melchior reserviert. Wir können ja handeln, brauchen also nicht nachzudenken.«»Bravo!« rief Edgar Allan.Und dann begannen die Vorsteher der Gemeinschaft, die zu unternehmenden Schritte bis in die kleinste Einzelheit zu beraten. Erst bei Tagesgrauen trennten sie sich, und da war alles beschlossen.Wieschon oft in der letzten Zeit holte Nechlidow seine junge Freundin um fünf Uhr vom Kindergarten ab, nachdem Hedwig ihre kleinen Schützlinge entlassen hatte.Die beiden gingen schweigend durch die lange, einreihige Fischerstraße bis zur letzten Landspitze, die die bewohnte Bucht von der Irenenbucht schied.»Wissen Sie, Hedwig, was Herr von Hahnemann mitgenommen hat?« fragte Nechlidow, als sie dort auf einer gewaltigen Klippe saßen, »Paul Seebecks Abschiedsgesuch.«Hedwig sah ihn erschreckt an:»Woher wissen Sie das?«»Ja, ich weiß es. Herr von Hahnemann war hier, um die Richtigkeit meiner Klagen zu prüfen; er hat mir selbst gesagt, daß er sie in allen Punkten berechtigt gefunden hätte. Ich sprach ihn, gerade als er zu Herrn Seebeck hinaufgehen wollte. Ja, jetzt ist es mit Seebecks Selbstherrschaft vorbei – jetzt werden wir die Sache wieder in Ordnung bringen.«»Sind Sie ganz sicher, daß Sie Recht haben?« fragte Hedwig leise.»Seien Sie nicht traurig, liebe Hedwig. Es tut mir selbst um Seebeck leid, denn ich achte ihn als Menschen. Aber die Sache geht vor. Und Seebeck ist schwach, viel zu schwach, um sie durchzuführen. Seien Sie aufrichtig, was ist von den Idealen übrig geblieben, mit denen wir hierher kamen? Wodurch unterscheidet sich unsere »Gemeinschaft« von irgend einem beliebigen Staate? Nur durch Phrasen. In Wirklichkeit ist alles genau dasselbe. Sehen Sie, Hedwig, in jener entscheidenden Sitzung in Berlin sagte ich zu Paul Seebeck, daß es nur ein Mittel gäbe, um nicht in die Verlogenheit aller anderen Staaten hineinzugeraten, und daß dieses das absolute Festhalten an der menschlichen Vernunft sei. Er gab mir recht, er ist intelligent genug, das einzusehen, aber zu schwach, es durchzuführen. Der Todfeind aller Kultur, aller Fortentwicklung der Menschheit, die Sentimentalität liegt ihm so tief im Blute, daß sie stärker als alle Vernunft ist. Hier brauchen wir Männer, klare, vernünftige Männerköpfe, Kerle wie Herrn de la Rouvière, aber keine träumerischen, weibischen Dichter wie Seebeck.«Hedwig hatte ihm ängstlich zugehört:»Aber Paul ist doch so gut.«»Eben deshalb muß er fort. Das ist ja gerade sein Fehler. Güte, Liebe – was sind das für Begriffe.Mißverstandene Naturtriebe. Heutzutage lieben Männer einander; was ist das für ein Unsinn! Oder ein Mann und eine Frau lieben einander, aber kommen aus irgend einem Grunde nicht zusammen. Denken Sie doch nur alle die kindischen Romane. Liebe ist der Wunsch nach dem Kinde, also ist sie nur dort wahr und nicht verlogen, wo zwei Menschen zusammen ein Kind haben wollen, sonst nicht. Seitdem wir aber das wissen, brauchen wir doch keine Dichter und keine Gefühle mehr. Wir haben doch die Vernunft, und die verirrt sich nie; wie oft tun das aber die unklaren, mystischen Gefühle. Sehen Sie doch, was so ein Gefühl für Bocksprünge macht: aus dem Triebe nach dem Kinde wird die Liebe, die alles mögliche verbindet, was mit dem Wunsche nach dem Kinde, nach der Zukunft der Menschheit, nicht das Geringste mehr zu schaffen hat; aus der Liebe wird die Güte und aus Güte und Rücksichtnahme nach allen Seiten ruiniert Seebeck diesen Staat, der eine neue Menschheit hätte gebären können. Ach was hätte hier werden können, wenn Seebeck stark gewesen wäre.«»Aber hier geht alles doch so gut –« unterbrach ihn Hedwig schüchtern.»Ungeheure Lügen sind hier gebaut, und die florieren glänzend, das ist wahr.«Hedwig war aufgestanden und wandte sich langsam der Stadt zu. Nechlidow ging ihr nach und faßte sie bei der Hand:»Liebe Hedwig« – sagte er bittend.Aber sie riß sich los. Aus ihren großen, braunen Augen quollen Tränen.»Ich will kein Kind von Ihnen haben, Herr Nechlidow«, sagte sie mit zuckenden Lippen. Dann machte sie sich schnell von ihm los und lief der Stadt zu.Nechlidow folgte ihr langsam.Alsdie Kredite für die in Hinblick auf die Spannung zwischen England und Deutschland notwendigen Befestigungen bewilligt wurden, war nicht viel mehr zu tun, als das Festungsgeschütz zu montieren, das zusammen mit den beiden Maschinengeschützen in der bombensicheren Kasematte im Felsen unter Seebecks Haus Platz finden sollte. Denn Hauptmann von Rochow hatte als Fachmann diese Stelle als die geeignetste gewählt, ganz abgesehen davon, daß sich nur hier die Arbeiten in völliger Heimlichkeit hatten vornehmen lassen. Ein mit Stahlplatten bedeckter Schacht führte von Paul Seebecks Kohlenkeller mehrere Meter tief hinab, und dort unten war ein Gewölbe ausgehauen, in dem die Geschütze stehen sollten.Nur drei lange, schmale Schießscharten führten hinaus, und die lagen gerade über den Dächern der auf der nächsten Terrasse stehenden doppelten Häuserreihe, so daß diese fast mit Sicherheit die den Geschützen zugedachten Schüsse auffangen würde.Die Seeminen hatten die Vorsteher in mehreren Nächten allein versenkt, und ihr Lageplan war in den Händen der Archivarin gut aufgehoben. Eswar nicht so schwer, diese Arbeiten in voller Heimlichkeit auszuführen, als vielmehr gleichzeitig auch den Ausbau des »Vulkans« zu versehen, zum mindesten scheinbar, damit die plötzliche Arbeitseinstellung dort oben kein Mißtrauen erweckte.Aber es ging. Die vier Männer arbeiteten mit eiserner Energie Tag und Nacht – nur vier waren sie jetzt, denn Jakob Silberland weilte in Sidney, wie es hieß, um größere Abschlüsse über den gewonnenen Schwefel zu erreichen. Und auf den riesigen Kisten, die die Geschützteile und die Munition enthielten, stand harmlos das Wort: »Maschinen«.Sechs Wochen nach seiner Abreise kam Herr von Hahnemann wieder zur »Schildkröteninsel«. Diesmal auf einem Torpedoboot. In Paradeuniform stieg er ans Land und begab sich eine Stunde später zu Paul Seebeck. Dieser empfing ihn mit gelassener Höflichkeit und bat ihn, Platz zu nehmen. Der Offizier dankte mit einer Verbeugung, blieb aber stehen, während Paul Seebeck sich an seinen Schreibtisch setzte.»Sie bringen mir meine Abberufung, Herr von Hahnemann?« fragte er ruhig.»Herr Seebeck, bei der großen persönlichen Achtung, die ich für Sie hege, erlaubte ich mir, in meinem Berichte unsere letzte Unterredung wohlwahrheitsgetreu, doch – etwas harmloser zu schildern, als sie sich zugetragen hat. Es steht Ihnen noch heute frei, freiwillig das Reichskommissariat niederzulegen; trotz allem.«»Ich tue es nicht«, antwortete Paul Seebeck und sah ihm gerade ins Gesicht.»Ist das Ihr letztes Wort?«»Ja.«»Dann habe ich hiermit die Ehre, Ihnen kraft meiner Vollmachten Ihr Abberufungsschreiben zu überreichen«, sagte der Offizier und legte ein versiegeltes Kuvert auf den Schreibtisch. »Wollen Sie die Liebenswürdigkeit haben, mir den Empfang zu bestätigen.«»Mit Vergnügen«, antwortete Paul Seebeck, entnahm einer Schublade einen Briefbogen und schrieb einige Zeilen darauf. »Ist es so recht?« Und er reichte dem Offizier das Blatt, das dieser aufmerksam las und es dann in seine Brieftasche schob.»Gewiß, Herr Seebeck. Ich danke Ihnen. Damit ist die Sache erledigt. Ich verstehe aber nicht, weshalb Sie es so weit kommen ließen.«»Ich pflege einem Briefträger nicht die Unterschrift für einen eingeschriebenen Brief zu verweigern – wozu soll ich dem nichtsahnenden Manne Schwierigkeiten machen. Er erfüllt ja nur seine Pflicht. Jetzt ist also der Brief ordnungsgemäßmein Eigentum geworden, und ich kann damit machen, was ich will.« Damit nahm er das versiegelte Kuvert und zerriß es mit seinem Inhalt in kleine Fetzen, die er in seinen Papierkorb warf. Dann wandte er sich wieder dem Offiziere zu und sah ihm ruhig ins Gesicht.Herr von Hahnemann trat einen Schritt zurück; sein Gesicht war kreidebleich.»Wissen Sie, was das heißt?« rief er.»Ja«, sagte Paul Seebeck, »das heißt Aufruhr.«»Wollen Sie sich denn dem aussetzen, daß man Sie mit Waffengewalt zwingt, den Willen der Reichsregierung anzuerkennen?«»Was wollen Sie damit sagen, Herr von Hahnemann?« fragte Paul Seebeck freundlich.Der Offizier hatte sich wieder etwas gefaßt. Seine Stimme bekam etwas vom scharfen Kommandoklang, als er sagte:»Ein Kriegsschiff wird kommen und Sie als Gefangenen mitnehmen.«»Ach so einfach ist die Sache? Aber wenn ich mich nun mit Gewalt der Gewalt widersetze?«»Dann werden Sie standrechtlich erschossen.«Paul Seebeck stand auf; er überlegte einen Augenblick. Dann ging er an dem Offizier vorbei zur Wand, hob ein Gemälde vom Nagel, wobei eine Stahlplatte sichtbar wurde, die der Tür eines indie Mauer eingelassenen Geldschrankes ähnlich war. Dann zog er einen Schlüsselbund aus der Tasche und blickte auf:»Sie sind Marineoffizier, nicht wahr?«Herr von Hahnemann neigte bejahend den Kopf.»Dann sind sie auch natürlich imstande, Entfernungen auf dem Wasser abzuschätzen. Darf ich Sie bitten, hier ans Fenster zu treten? Danke. Sehen Sie die letzte flache Klippe dort rechts? Schön. Sehen Sie in gerader Richtung drei Kilometer weiter. Bitte halten Sie den Punkt im Auge.«Seebeck war an den Schrank getreten und öffnete das Geheimschloß. Bei dem Geräusch wandte sich der Offizier unwillkürlich wieder nach ihm um und sah, daß der Schrank ein Tastbrett wie das einer Schreibmaschine enthielt.»Ich habe Sie ersucht, jenen Punkt im Auge zu behalten«, sagte Paul Seebeck scharf. Der Offizier kniff die Lippen zusammen und blickte wieder hinaus. Paul Seebeck drückte rasch auf einen der Knöpfe und schlug dann die Stahltür zu. Im selben Augenblick erhob sich bei dem angegebenen Punkte auf dem Meere eine gewaltige Wasserpyramide, blieb einige Sekunden stehen und brach dann in sich zusammen. Erst eine halbe Minute später klang ein dumpfes Grollen herüber. Der mit Schaum bedeckte Wasserspiegel war in wildeBewegung geraten. Selbst im Hafen schaukelten die Schiffe.Herr von Hahnemann sah Seebeck stumm an; dann verbeugte er sich und verließ das Zimmer.Er ging so schnell er konnte die Straße hinunter, an allen denen vorbei, die ihn wieder erkannten und ansprechen wollten, und stand eine Viertelstunde später in Herrn de la Rouvières Haus.Der Krüppel bestürmte ihn mit Fragen, aber Herr von Hahnemann schüttelte nur unwillig den Kopf. Er fragte:»Wissen Sie, daß die Insel befestigt ist?«Herr de la Rouvière fuhr erstaunt auf:»Daß sie befestigt ist? Das ist doch unmöglich. Erst vorgestern wurde doch die Befestigung beschlossen.«Herr von Hahnemann lachte kurz auf:»Herr Seebeck scheint keine große Achtung vor der Monatsversammlung zu haben. Jedenfalls ist die Insel schon befestigt, und die Versammlung hat etwas zu bauen beschlossen, was faktisch schon da ist. Er wird es wohl schon oft so gemacht haben. Ich will Ihnen etwas sagen«, fuhr er fort, wobei er dicht an den Krüppel herantrat, »ich habe Herrn Seebeck die Enthebung aus seinem Amte mitgeteilt, die er aber ignoriert. Er muß also mit Gewalt entfernt werden. Hier ist kein anderer Auswegtunlich. Bei den Befestigungen ist es aber ohne Blutvergießen nicht möglich, und das zu verhindern ist meine Pflicht. – Sie haben sich ja Ihres großen Einflusses und Ihrer Verbindungen hier gerühmt; beweisen Sie mir jetzt, daß Sie wahr gesprochen haben. Und dann – die Reichsregierung kann Herrn Nechlidow als früherem, russischem Flüchtling kein Amt übergeben, aber Ihnen, dem Träger eines alten Adelsnamens, der Sie außerdem hier praktisch in die Geschäfte eingearbeitet sind, könnte ich das Reichskommissariat übertragen. Die Vollmacht dazu habe ich. Die Reichsregierung will unter keinen Umständen einen Kommissar von Berlin hierher senden; sie hat mich beauftragt, einer hiesigen geeigneten Persönlichkeit das Kommissariat zu übergeben, um jeden Schein eines gewaltsamen Eingriffes zu vermeiden. Also schaffen Sie mir die Befestigungspläne und Sie sind Reichskommissar!«Die Augen des Krüppels glänzten:»Das wird nicht schwer sein, Herr von Hahnemann. Wenn Sie so liebenswürdig sein wollen, eine halbe Stunde hier zu warten, komme ich mit den Plänen.«»Wissen Sie denn, wo sie sind?«»Jedenfalls doch im Archiv; und Frau von Zeuthen ist meine gute Freundin.«»Ah!« Über das Gesicht des Marineoffiziers glitt ein gemeines Lächeln.»Sie verstehen, Herr von Hahnemann? Eine Frau kann aus Edelmut sterben, aber sie kann sich keinem Skandal aussetzen. Am wenigsten sie, die Keusche, Reine, sie, die Unerreichbare, die ich doch erreichen konnte – wie alles andere auch.«Der Offizier war wieder ganz ernst geworden:»Wie Sie das machen, ist Ihre Sache. Aber nicht die Originale selbst, die könnten später vermißt werden, sondern Sie müssen die Pläne kopieren, verstehen Sie? Und Niemand darf etwas davon erfahren, dafür müssen Sie sorgen. Sonst wird die Sache einfach verändert, und wir sitzen da.«»Keine Sorge, Herr von Hahnemann, bleiben Sie nur ruhig hier; ich bin bald wieder zurück.«Und die langen Arme schlenkernd und eifrig vor sich hinmurmelnd, stolperte der Krüppel die Hauptstraße hinauf. Bei Frau von Zeuthens Haus angekommen, sagte er dem Dienstmädchen, er käme in Geschäften und wurde natürlich sofort eingelassen.Mit Siegermiene trat er in Frau von Zeuthens Arbeitszimmer, aber er sank gleichsam in sich zusammen, als er in ihre strahlenden, braunen Augen blickte. Er wollte sich ihr nähern, aber sie hob abweisend die Hand. Da blieb er bescheiden an der Türe stehn.»Geschäfte, Herr de la Rouvière?« fragte sie ruhig.»Ja, gnädige Frau. Ich muß Sie um die Befestigungspläne bitten, die Sie ja als Archivarin in Verwahrung haben.«»Nein«, sagte Frau von Zeuthen, »die Pläne habe ich allerdings. Sie gehn aber nur die Vorsteher an. Und so weit haben Sie es doch noch nicht gebracht.«Mit eingezogenem Kopfe sah er sie von unten an.»Gnädige Frau, ich bin – Reichskommissar an Paul Seebecks Stelle.«Frau von Zeuthen lachte laut auf und sah ihm belustigt ins Gesicht.Der Krüppel biß die Zähne zusammen.»Gnädige Frau«, sagte er drohend.»Wenn Ihre Geschäfte so sonderbarer Natur sind, brauchen wir sie nicht länger zu diskutieren. Gehen Sie, Herr Reichskommissar.« Damit drehte sie ihm den Rücken zu und setzte sich an ihren Schreibtisch.Mit leisen, schleichenden Schritten näherte er sich ihr. Sie stand auf und wandte sich ihm zu. Mit beiden Händen hielt sie sich rückwärts am Schreibtische fest.»Weshalb gehen Sie nicht«, sagte sie herrisch, aber ihre Stimme zitterte dabei.»Ich muß die Pläne haben«, sagte er, dicht bei ihr, und hob dabei die langen Arme mit den schwarzbehaarten Händen.»Aber ich gebe sie Ihnen nicht und damit gut. Gehen Sie! Jetzt bestätigt sich also meine Vermutung, daß Sie zu den Verrätern gehören. Gehen Sie, mit Ihnen bin ich fertig.«»Gnädige Frau«, die Stimme des Krüppels war ganz sanft, »Sie scheinen sehr leicht zu vergessen!« Er schritt auf die Tür zu, faßte die Klinke und drehte sich wieder nach Frau von Zeuthen um. »Soll ich wirklich allen Leuten erzählen, was in einer gewissen Nacht zwischen uns vorgefallen ist?« Er richtete sich auf und sagte kameradschaftlich: »Geben Sie mir doch lieber die Pläne.«Frau von Zeuthen ging zu ihrem großen Schranke, öffnete diesen aber nicht, sondern holte aus dem Winkel zwischen ihm und der Wand Felix’ Reitpeitsche hervor. Sie wog sie prüfend in der Hand, trat dann schnell auf Herrn de la Rouvière zu und schlug sie ihm zweimal mit aller Kraft durchs Gesicht. Dann warf sie die Peitsche fort und blieb hoch aufgerichtet vor ihm stehn. Er sah sie eine Weile ganz verständnislos an, griff dann mit beiden Händen an sein schmerzendes Gesicht und taumelte hinaus.Vor der Haustüre blieb er stehn und nickte bedächtig mit dem Kopfe. Dann ging er langsam,sehr langsam, die Hauptstraße hinauf, am Volkshause vorbei und weiter am Flusse entlang zum Staubecken. Er ging dorthin, wo der Fluß in das Becken eintrat, sah lange auf das Wasser und stieg dann langsam und fröstelnd hinein. Er glitt aus, schrie auf, sah auf der Straße das Lastautomobil halten, sah ihm Leute entsteigen, die ihm zuwinkten, zuriefen; er wollte ans Ufer zurück, aber schon hatte ihn die Oberströmung erfaßt. Langsam führte sie ihn fort; er hörte das Brausen des Wasserfalles näher und näher, die Strömung wurde stärker, immer stärker, das Brausen kam näher, näher, jetzt –Sechshundert Meter war die Felswand hoch, von der das Wasser senkrecht in das Meer stürzte.Und am selben Abende verließ Herr von Hahnemann auf seinem Torpedoboot unverrichteter Sache die Schildkröteninsel.Eineaußerordentliche Versammlung der Gemeinschaft – das war noch nie dagewesen. Und doch war niemand erstaunt, als die Vorsteherschaft durch Maueranschlag zu dieser einlud; es lag so viel ungelöste Spannung in der Luft, soviele Vermutungen waren nur halb ausgesprochen, von Mund zu Mund gegangen, daß alle es als eine Erleichterung empfanden, eine klare Darstellung aller jener unverständlichen Vorgänge zu erhalten. Und das galt nicht nur von der Bürgerschaft – gerade die Vorsteher fühlten stärker als je die Kluft, die sie von den Anderen trennte, und wollten auch Kenntnis von allen dunklen Strömungen erhalten, von denen sie nur den letzten Wellenschlag gefühlt hatten.Erst als die Gemeinschaft vollzählig versammelt war, betraten die Vorsteher den großen Saal des Volkshauses. Otto Meyer übernahm als Stellvertreter des abwesenden Jakob Silberland den Vorsitz. Sogleich, nachdem auf ein Glockenzeichen Ruhe eingetreten war, mehr als Ruhe: Totenstille, erhob sich Paul Seebeck. Sein Gesicht war bleich, erschreckend bleich, und seine Augen lagen schwarz umrändert tief in den Höhlen.»Liebe Freunde«, sagte er, »jetzt ist die ernsteste Stunde gekommen, die wir bis jetzt hier erlebt haben. Jetzt handelt es sich um ein klares Ja oder Nein. Jetzt muß entschieden werden, ob der Staat, den wir alle in treuer Zusammenarbeit errichtet haben, zerstört werden darf oder nicht. Wir können das Unglück noch abwenden. Noch können wir unser Werk uns und unseren Kindern erhalten. Aber ein mutiger Schritt ist dazu notwendig.Wir haben Verräter im eigenen Lager gehabt, gemeine Schurken, die, um sich selbst vorwärts zu bringen, die Zukunft der Gemeinschaft opferten, und wieder andere, die aus einem falschen, kurzsichtigen Idealismus heraus, in bester Absicht, den Feind ins Land riefen. Vielleicht sehen sie jetzt ein, wie unverantwortlich leichtsinnig sie gehandelt haben und benutzen jetzt die Gelegenheit, ihr Unrecht wieder gutzumachen. Aber auch sie waren nur Werkzeuge, boten nur den erwünschten Vorwand zur Vernichtung unseres Werkes etwas früher, als es sonst geschehen wäre. Was geschah, mußte geschehen, früher oder später, und deshalb hat es keinen Zweck, Betrachtungen über Verschuldungen anzustellen oder Vorwürfe zu erheben. Jetzt muß gehandelt werden. Die Sache liegt so: das Deutsche Reich will uns nicht mehr unsere Freiheit lassen, man sieht dort, daß wir hier die Durchführbarkeitfreier Ideen beweisen und fürchtet die Einwirkung dieser Ideen auf die eigenen, innerpolitischen Verhältnisse. Jemand, der die gegenwärtig in Deutschland herrschende ultrareaktionäre Strömung kennt, versteht diese Furcht der zur Zeit regierenden Clique nur zu gut. Das wäre aber doch für uns nur ein Grund mehr, sollte ich meinen, unser Werk bis zum letzten Punkte durchzuführen, statt uns einfach vor Beschränktheit oder Bosheit zu ducken. Jetzt kommt aber eine große, große Frage, die ich Sie in aller Ruhe zu überlegen bitte: wenn wir uns hierher einen schnoddrigen Berliner Assessor setzen lassen, ist zwar unsere Arbeit vernichtet, und wir haben hier Zustände wie im schwärzesten Preußen, aber Sie haben Ruhe. Wenn wir uns aber das nicht gefallen lassen, sind wir Aufrührer und damit rechtlos, nach den heute üblichen Anschauungen nicht viel mehr wie wilde Tiere. Und da wird nicht gefragt weshalb wir uns nicht beugen, die Tatsache, daß wir es nicht tun, genügt. Kein Mensch in dem dumpfen Berliner Ministerium wird verstehen, daß man Menschheitsideale über hündischen Gehorsam stellt. Solche Gedanken sind uns reserviert.Ich bin aber nicht so verblendet, Sie zu einem nutzlosen Widerstande zu verleiten, der nur den sicheren Untergang von uns allen bedeuten würde. Es gibt einen Ausweg, und das ist dieser: wir erklärenuns autonom und lassen uns dann von England annektieren. Als englische Kolonie können wir sicher sein, völlig ungestört weiter arbeiten zu können. Dazu haben wir noch einige Wochen Zeit; Herr Doktor Silberland ist gegenwärtig in Sidney, und ich werde nachher die Versammlung um die Ermächtigung bitten, Herrn Doktor Silberland zur Vornahme der notwendigen Schritte zu beauftragen.Was ich bis jetzt getan habe, geht nur mich selbst an und kann für keinen anderen Bürger der Gemeinschaft nachteilige Folgen haben, solange sich die Gemeinschaft nicht solidarisch mit mir erklärt. Sie brauchen also nicht zu fürchten, daß ich Sie in irgend eine schwere Situation hineingebracht habe. Sie können ganz frei beschließen.Wenn Ihnen unsere Sache aber lieb ist«, und Paul Seebecks müde Augen bekamen Glanz und Feuer, »wenn Sie als Männer für Ihr Werk eintreten wollen, dann können wir es retten. Bevor ein Kriegsschiff hier ist, können wir unsere Befestigungen vollenden und können uns halten, bis wir unter englischem Schutze stehen.Ich mag darüber nichts mehr sagen, ich will Sie zu keinem folgenschweren Entschlusse überreden, den Sie später bereuen. Überlegen Sie es sich in Ruhe.«Das eiskalte Schweigen, mit dem Paul Seebecks Rede angehört worden war, dauerte noch fort, als er wieder auf seinem Platze saß. Dann erklang hinter ihm eine Stimme:»Nechlidow soll antworten; wo steckt er?«Eine andere Stimme antwortete:»Der kommt nie mehr zu den Versammlungen.«Und schwer und hart sagte eine dritte Stimme:»Nechlidow ist ein Lump, mag er sich ersäufen wie der andere. Ich halte zu Herrn Seebeck.«Jetzt wich die Starre von der Versammlung; man redete, schrie durcheinander, die Gesichter wurden rot, Arme wurden bewegt, der Lärm stieg und stieg –Paul Seebeck trat wieder auf das Podium, aber er konnte nicht sprechen. Die Leute verließen ihre Plätze, umdrängten ihn, drückten seine Hände, jeder, jeder einzelne wollte ihm Treue geloben.Paul Seebeck wollte reden, wollte ihnen danken, aber er stammelte nur einige Worte und sank dann bewußtlos um. Er hörte nur noch Edgar Allans schneidend scharfe Stimme:»Aber jetzt bitte nicht nur Worte, Leute, auch Taten.«Paul Seebeck wurde in ein anstoßendes Zimmer getragen und Frau von Zeuthen und Otto Meyer übernahmen seine Pflege.Inzwischen wurden die Verhandlungen unter Herrn von Rochows Vorsitz fortgesetzt. Paul Seebecks Vorschläge wurden einstimmig genehmigt, obwohl sich manche recht zögernd von den Sitzen erhoben. Unter dem brausenden Beifall der Versammlung verkündete Herr von Rochow darauf die Autonomie der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel.Nochimmer keine Entscheidung von Sidney. Bei der immer stärkeren Spannung zwischen England und Deutschland wäre der Ausbruch eines Krieges in der allernächsten Zeit höchst wahrscheinlich, schrieb Jakob Silberland. Dann wäre die Annektion selbstverständlich. Bis dahin müßte man sich halten.Und mit allen Kräften wurde gearbeitet. Fünfzig unverheiratete Männer wurden vom Hauptmann von Rochow im Gewehrschießen eingedrillt. Die Vorsteher und außer ihnen Felix und Melchior übten sich an den Geschützen, und manche Klippe da draußen im Meere war von den schweren Granaten des Festungsgeschützes bei Schießübungen getroffen, in die Luft geflogen.Der »Vulkan« wurde inzwischen zur Aufnahme aller Nichtkämpfer eingerichtet. Welchem Zwecke die Gebäude dort auch ursprünglich bestimmt waren, jetzt wurde alles zu Wohnstätten eingerichtet, sogar die Umkleidezellen des Schwefelbades. Ein Fieber hatte alle ergriffen, ein Freiheitsrausch, und als sich nach fünf Wochen am Horizonte die Rauchsäule des Kreuzers zeigte, wurde er von den kampffrohen Männern mit Jubel begrüßt. Man war bereit,ihn zu empfangen. Vor Seebecks Haus standen in Reih und Glied die Infanteristen mit ihren Mausergewehren, die Stahlläden vor den Geschützscharten in Seebecks Keller waren aufgeklappt und die Geschütze nach vorn gerollt. Vier Meter ragte der hellgraue Lauf des Festungsgeschützes heraus. Es wurde von Edgar Allan und Felix bedient, während Otto Meyer und Melchior an den beiden Maschinengewehren standen.Oben in Paul Seebecks Arbeitszimmer standen er und Frau von Zeuthen. Vor ihnen auf dem Schreibtische lag der Lageplan der Seeminen; die Stahltür an der Wand stand offen und zeigte die sechzig weißen Tasten.»Wie weit ist das Schiff jetzt?« fragte Frau von Zeuthen.Paul Seebeck sah prüfend durch sein Fernglas:»Zehn Kilometer, schätze ich es jetzt.«Einige Minuten später hielt der Kreuzer an. Ein weißes Wölkchen erhob sich und eine halbe Minute später rollten drei dumpfe Schüsse über die Stadt.»Die waren blind!« rief Hauptmann von Rochow herauf.»Noch zwei Kilometer, und das Schiff kommt in den Bereich unserer Minen.«Aber der Kreuzer drehte sich auf der Stelle und wandte der Stadt seine Breitseite zu.»Ja, da draußen konnten wir leider keine Minen legen, es ist zu tief«, sagte Paul Seebeck. »Aber hierher kommen können sie doch nicht. Und Silberland wird ja bald kommen; er weiß ja, daß in diesen Tagen der Kreuzer kommen mußte. Solange müssen wir uns eben halten. Das können wir auch.«»Und wenn es nichts wird?«Es zuckte um Paul Seebecks Mundwinkel, als er sagte:»Sie wissen, daß ich für mein Werk sterben kann.«Das Haustelephon, das den Keller mit Paul Seebecks Arbeitszimmer verband, klingelte. Seebeck nahm das Hörrohr:»Ja.«»Hier Allan. Was meinen Sie, sollen wir nicht den Salut beantworten? Es ist doch unhöflich, einen Gruß nicht zu erwidern.«»Schön, aber blind. Wir wollen nicht anfangen.«Das Haus bebte in seinen Fugen, als der Schuß krachte.Einige Minuten später kam die Antwort: im Hafen stieg eine Wassersäule auf, der ein doppelter Knall folgte.»Was jetzt?« – telephonierte Allan herauf.»Abwarten, ob sie wirklich ernst machen. Je mehr Zeit wir gewinnen, desto besser«, gab Paul Seebeck zurück.Aber Minute auf Minute verrann, eine Stunde, eine zweite, und nichts geschah.»Die Herren erwarten wohl, daß wir die bewußte weiße Fahne aufziehen«, sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen.Da hüllte sich plötzlich der Kreuzer in eine einzige Rauchwolke. Im Hafen erhob sich eine ungeheure Wasser- und Staubwolke, der ein donnerndes, krachendes Getöse folgte. Wie sich die Wolke verzogen hatte, sah man, daß alle Hafenanlagen mit der Landungsbrücke und den Lagerhäusern in Trümmern lagen. Die am Quai liegenden Fischerboote waren fast sämtliche verschwunden. Aber das wild wogende Meer war mit Trümmern und Balken bedeckt.Und Schuß auf Schuß folgte, aber alle galten nur dem Hafen.»Sie wollen uns so lange schonen, wie es geht, und das gefällt mir sehr, damit gewinnen wir Zeit«, sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen. Dann telephonierte er zu Allan:»Wir dürfen erst schießen, wenn sie die Stadt selbst beschießen. Nicht vorher.«Von unten her klangen Rufe, die man bei dem Getöse nicht verstehen konnte. Frau von Zeuthen trat ans Fenster und sah hinunter.Auf ihrem völlig erschöpften Pferdchen ritt Hedwig die Hauptstraße hinunter, drängte sich durch die Infanteristen und stürmte die Treppe hinauf:»Der Dampfer von Sidney liegt da hinten, dicht an der Insel; man kann ihn vom Vulkane aus sehen. Herr Silberland ist in einem Ruderboote vom Dampfer abgestoßen, ich konnte ihn ganz deutlich erkennen. Der Dampfer fuhr dann wieder weg.«Paul Seebeck war aufgesprungen:»Wo liegt der Dampfer? Wo?«Hedwig beschrieb ihm die Stelle.»Hierher rudern! War er allein?«»Ja.«»Um Gotteswillen, das sind ja über dreißig Kilometer. Wenn er das aushält. Wann war das?«»Ich mußte zuerst herunterlaufen und mein Pferd holen. Ich bin so schnell geritten, wie ich konnte. Aber drei Stunden ist es mindestens her.«»Dann kann er in zwei Stunden hier sein.«Frau von Zeuthen strich ihrer Tochter über das erhitzte Gesicht:»Leg dich etwas auf Pauls Bett, mein Kind, und ruh dich aus. Aber dann mußt du wieder zurückreiten, hörst du?«»Darf ich nicht hier bleiben, Mutter?«»Nein, das geht nicht, Kind.«»Aber Fräulein Erhardt kommt auch, sie geht sogar zu Fuß, ich habe sie überholt.«»Wenn du ihr auf dem Rückwege wieder begegnest, sag ihr, daß sie umkehren soll«, sagte Paul Seebeck. »Aber geh jetzt Kind und ruh dich etwas aus. Oder willst du etwas zu essen haben?«Hedwig schüttelte schmollend den Kopf und ging in Paul Seebecks Schlafzimmer.»Also nur noch zwei Stunden, dann wissen wir Bescheid«, sagte Paul Seebeck aufatmend. »Wenn Silberland es nur aushält.«Hedwig war in Paul Seebecks Schlafzimmer gegangen, aber sie legte sich nur für einige Minuten auf sein Bett. Leise öffnete sie dann die Tür zum Badezimmer, schlüpfte durch dieses in die Küche und ging die Hintertreppe hinunter. Mit einigen Sprüngen hatte sie unbemerkt die nächsten Häuser erreicht und ging jetzt durch die kleinen Gäßchen, die die einzelnen Terrassen mit einander verbanden, zum Meere hinunter. In kurzen Zwischenräumen schlugen noch immer die Granaten in den Hafen.Hedwig ging zu Nechlidows Häuschen, das gerade am Anfang der Fischerstraße lag. Mit klopfendem Herzen öffnete sie die Türe und trat ein.Es war still im ganzen Hause. Hedwig trat ins Wohnzimmer ein. Hier war es fast dunkel, denn die Fenstervorhänge waren dicht zugezogen.Nechlidow erhob sich von seinem flachen Sofa zu einer halbsitzenden Stellung.»Sie kommen zu mir, dem Verfehmten? Wird man Sie nicht steinigen, wenn man das erfährt?«Ein scharfer Knall in der Nähe, dem ein anhaltendes Prasseln und Krachen von niederstürzenden Mauerteilen folgte, ließ ihn aufstehen. Er trat zum Fenster und zog die Vorhänge zurück. Das gegenüberliegende Haus hatte sich in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt.Nechlidow lachte bitter auf:»Meine Schuld, nicht wahr?«»Herr Nechlidow«, sagte Hedwig bittend und trat an ihn heran. »Glauben Sie nicht doch, daß Paul recht gehandelt hat?«»Bei Gott, er hatte nicht recht, und wenn ich tausendmal daran Schuld trage, daß jetzt alles zusammenbricht. Ich habe das nicht gewollt. Ich habe nicht vorausgesehen, daß es so kommen würde. Aber es ist besser, daß diese riesige Lüge zusammengeschossen wird, als daß sie weiter lebt. Wer weiß, vielleicht kommen die englischen Schiffenoch rechtzeitig, und dann baue ich die Stadt wieder auf. Und wenn sie nicht kommen, um so besser, dann ist eine Halbheit weniger auf der Welt.«»Sind Sie wirklich schuld daran?« fragte Hedwig schüchtern.Nechlidow legte ihr beide Hände auf die Schultern und sah ihr in die braunen Augen:»Weshalb kommen Sie mit dieser Frage zu mir?«»Weil ich wissen will, was Sie sind.«»Nein, Hedwig, es ist nicht meine Schuld. Die Leute sind daran schuld, sie sind ja alle behext, haben ihr bischen Vernunft ganz verloren. Wenn Seebeck aus lauter Sentimentalität die Dummheit begeht, seine Entlassung zu verweigern, weshalb ihm dann zustimmen, weshalb es zur Revolution kommen lassen! Wir hätten alles so glatt machen können, Seebeck hätte gehen müssen, Rouvière wäre Reichskommissar geworden. Aber da kam wieder der sinnlose Selbstmord von Rouvière dazwischen, und damit war alles verloren. Denn Rouvière hatte die Leute in der Tasche. Ja, und jetzt gehen mir dieselben Menschen, die unsere Klageschrift unterschrieben haben, wie einem Pestkranken aus dem Wege und lassen sich Seebecks schöner Augen wegen von ihm in den Tod führen. Eine Kette von unbegreiflichen Sentimentalitäten war wie immer der Grund alles Unglücks. Mein Fehler warnur, daß ich auf die Vernunft der Menschen vertraute. Das ist die Wahrheit, Hedwig.«»Aber was soll jetzt kommen? Was werden Sie tun?«»Ich? Ich warte, bis meine Zeit gekommen ist. Die da drüben mögen sich gegenseitig zerfleischen, wenn sie noch nicht reif für die Vernunft sind. Ich glaube an sie und an ihren endlichen Sieg. Ich glaube an die Menschheit.«Hedwig sah vor sich hin. Dann schüttelte sie ihren Lockenkopf:»Wollen wir nicht noch einmal zu unserer Landspitze hinausgehen? Wer weiß, wann wir wieder zusammen sein können.«Und sie gingen Hand in Hand die Treppe hinunter und traten auf die Straße. Da schoß dicht vor ihnen auf der Straße ein blendend weißes Licht auf. Nechlidow taumelte zurück. Hedwig stieß einen leichten Schrei aus und fiel flach auf das Gesicht.Nechlidow sprang auf sie zu, hob sie auf, drückte sie an seine Brust – sie schlug die Augen auf, lächelte noch einmal, wollte die Hand heben, aber ließ sie schlaff wieder fallen. Ihr Haupt sank zurück –Ein Ruderboot wandte sich um die Landspitze, die die bewohnte Bucht von der Irenenbucht schied.»Das ist Silberland«, rief Paul Seebeck Frau von Zeuthen zu.Er lief die Treppe hinunter, auf die Straße, schrie Hauptmann von Rochow zu:»Bleiben Sie hier. Handeln Sie nach Ihrem Gutdünken!« und stürzte dem Hafen zu. Mehrere Granaten schlugen in seiner Nähe ein und bedeckten ihn mit Staub. Unten angekommen, sah er um sich. Alles lag schon in Trümmern. In der Fischerstraße standen nur noch einige Häuser. Und horch! das Prasseln auf den Steinen, das Klirren an Fensterscheiben, die kleinen Springbrunnen auf dem Meere. Also hatten sie schon die Maschinengewehre in Tätigkeit gesetzt.Da kam das Ruderboot. Jakob Silberland stand auf und rief etwas, was Seebeck des Lärmes wegen nicht verstehen konnte. Jakob Silberland setzte sich wieder an die Ruder. Jetzt war er nur noch zwanzig Schritte vom Strande entfernt. Wieder stand er auf. Sein Gesicht war verzerrt, Blut floß von seinen Händen herunter. Er schrie:»Entente cordiale zwischen England und Deutschland; damit ist der Weltfriede endgiltig gesichert.«Klack, klack, klack klang es im Boote und im Wasser – Jakob Silberland fuhr sich mit der Hand ins lange schwarze Haar und brach dann auf derBootsbank zusammen. Langsam füllte sich das durchlöcherte Boot mit Wasser und sank.Paul Seebeck blieb mit verschränkten Armen stehn und sah das Boot versinken.Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und er sah in Nechlidows bleiches Gesicht. An den Kleidern hatte er große Blutflecke. Er fragte:»Darf ich zusammen mit Ihnen sterben, Herr Seebeck?«Seebeck reichte ihm die Hand:»Lassen Sie uns zusammen sterben, Sie für Ihre Idee, ich für mein Werk.«Nechlidow schüttelte den Kopf:»Ich sehe nichts mehr, weiß von keiner Vernunft mehr. Ich sehe nur noch einen Strom, dessen Wellen uns in die Höhe hoben, als wir ihn zu leiten glaubten, und der uns jetzt mitleidlos wieder in seine Strudel zieht. Aber ich sehe nicht, wohin er geht. Ich sehe nur noch Sie und will mit Ihnen zusammen sterben.«»Kommen Sie«, sagte Seebeck. »Wir wollen den anderen sagen, daß wir alle sterben müssen.«Aber auch oben hatte man Jakob Silberlands Untergang gesehen.»Jetzt ist es genug!« rief Edgar Allan Hauptmann von Rochow zu. Dieser nickte. Und einige Minuten später donnerte das schwere Festungsgeschütz,begleitet vom Knattern der beiden Maschinengewehre.Dies war aber nur ein Signal für den Kreuzer, seinerseits das Feuer zu verstärken. Und jetzt galten seine Schüsse nicht mehr dem Hafen. Überall schlugen die Granaten in die obere Stadt. An vielen Stellen brannten die Häuser.Da kamen Paul Seebeck und Nechlidow zusammen die Straße herauf. Die Leute umdrängten sie, fragten, aber die beiden gingen hinauf in das Seebecksche Arbeitszimmer. Dort trat Paul Seebeck ans Fenster, wartete, bis das Feuer für einen Augenblick verstummte und rief dann mit scharfer klarer Stimme:»Wir bekommen keine Hilfe von England. Wer ist bereit, mit uns für unser Werk zu sterben?«Die Gesichter dort unten wurden groß. Wutschreie ertönten. Drohende Fäuste wurden emporgereckt. Aus dem Gebrülle waren nur einzelne Worte verständlich:»Wir wollen uns nicht hinschlachten lassen!«»Wir sind verraten.«»Wir wollen die da oben ausliefern und uns ergeben ...«»Drehen Sie die Geschichte herum«, sagte Edgar Allan zu Felix, und der gehorchte. Die noch rauchende Mündung des Festungsgeschützes war auf die Infanteristen gerichtet.Da liefen sie, warfen die Gewehre fort, liefen, was sie konnten, nur fort, dem sicheren Hochlande, dem Leben, der Zukunft zu. Nur einer drehte sich um und feuerte einen Schuß ab, bevor er den anderen gleich sein Gewehr fortwarf.Edgar Allan brach, ins Herz getroffen, lautlos zusammen.An seine Stelle trat Nechlidow. Niemand fragte ihn, weshalb er gekommen sei, niemand machte ihm Vorwürfe. Man drückte ihm die Hand, und schweigend trat er an das Geschütz.Hauptmann von Rochow warf noch einen Blick auf seine fliehenden Soldaten, dann ging er zu Seebeck hinauf.Seebeck konnte ihm nur flüchtig zunicken, denn jetzt geschah draußen etwas Sonderbares: der Kreuzer stellte sein Feuern ein, und die Dampfbarkasse wurde ins Wasser gesenkt. Von der anderen Seite kam ein bemanntes Boot, das die Barkasse in Schlepptau nahm.»Hört mit dem Schießen auf«, telephonierte Seebeck hinunter. »Vielleicht kommen die in friedlicher Absicht.« Aber so scharf er auch hinsah, er konnte keine weiße Fahne bemerken.»Sind denn die Leute wahnsinnig? Sie wissen doch, daß Seeminen da draußen liegen!« rief Seebeck.Die Dampfbarkasse nahm aber nicht den Weg nach dem Hafen zu, sondern fuhr auf die Landspitze bei der Irenenbucht zu.»Die glauben, daß da keine Minen liegen und wollen da landen. Herr von Rochow, ich bitte Sie!« Hauptmann von Rochow stürzte zum Tastbrett, und Paul Seebeck beugte sich über den Plan. Die Barkasse kam näher, war jetzt bei der flachen Klippe –Fragend sah Herr von Rochow Seebeck an, der mit verschränkten Armen und zusammengepreßten Lippen ans Fenster getreten war.»Siebenunddreißig, achtunddreißig, zweiundvierzig«, sagte er kurz und scharf.Wie um einen Akkord zu spielen, drückte Hauptmann von Rochow die drei Tasten nieder, und draußen schoß ein ungeheurer Wasserberg in die Luft und stürzte dann mit donnerndem Gebrüll zusammen. Boote und Klippe waren verschwunden.Herr von Rochow griff sich mit beiden Händen taumelnd an den Kopf:»Deutsche, deutsche Soldaten«, murmelte er wie irrsinnig. Dann richtete er sich kerzengerade auf, zog einen Revolver aus der Tasche und schoß sich in die Schläfe.Seebeck wandte sich beim Knalle um; spöttisch lächelnd sah er auf die Leiche.Frau von Zeuthen war entsetzt aufgesprungen. Dann setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl. Seebeck trat auf sie zu:»Gehen Sie jetzt, Gabriele. Denn dem, was jetzt kommen wird, sind die Nerven keiner Frau gewachsen. Gehen Sie, Sie müssen sich Ihren Kindern erhalten.«Sie stand auf und schüttelte energisch den Kopf:»Ich bleibe bei Ihnen, meinetwegen –«»Nichts geschieht Ihretwegen«, unterbrach sie Seebeck schroff. Dann setzte er aber sanft hinzu: »Denken Sie an Ihre Kinder, Gabriele. Sie haben noch eine Aufgabe auf dieser Welt, wir nicht mehr. Und nehmen Sie Felix mit; wozu soll er sich hier verbluten. Sie können ihm nach zehn Jahren erzählen, was sich hier alles vor seinen Augen abgespielt hat. Dann wird er es verstehen und davon lernen. Und grüßen Sie Ihre kleine Hedwig von mir.«Da sank Frau von Zeuthen vor ihm nieder und küßte seine Hände. Er hob sie auf und zog sie an seine Brust. Draußen krachten wieder die Granaten, und unten donnerte das Festungsgeschütz, begleitet vom Knattern der beiden Maschinengewehre.Frau von Zeuthen riß sich los:»Felix muß bei Ihnen bleiben, Seebeck! Das Opfer muß ich Ihnen bringen. Er ist ein Mann. Er soll Ihr Geschick teilen. Ich gehe zu Hedwig.«Paul Seebeck trat ans Telephon.»Felix soll herauf kommen.«Das schwere Geschütz verstummte und Felix kam herauf.»Was gibt’s?«»Du mußt deine Mutter zum Vulkane zurückbegleiten.«»Aber Paul!«»Du mußt! Hol dein Pferd für deine Mutter.«»Paul, ich will bei dir bleiben.«»Felix, es hat keinen Sinn mehr. Denk was für ein Leben du noch haben kannst und denk an deine Mutter.« Er legte den Arm um Felix Schulter und führte ihn Frau von Zeuthen zu:»Wollen Sie wirklich Ihren Jungen hier lassen?«Da schlang die Mutter die Arme um ihr Kind, unter strömenden Tränen rief sie:»Felix, komm mit mir!«Er entwand sich ihren Armen und sah Paul Seebeck an. Dieser sagte:»Du sollst mein Erbe sein, Felix; sieh zu, ob du mein Werk fortführen kannst, und das mit mehr Glück. Geh meines Werkes wegen.«Felix kämpfte mit sich. Dann sah er mit seinen strahlenden, braunen Augen Paul Seebeck an und sagte:»Aber das verspreche ich dir, Paul, ich werde mich ebenso halten wie du.«Paul Seebeck strich ihm über das Haar.»Gut, mein Junge. – Aber geh jetzt und hol dein Pferd.«Jetzt ging die Sonne unter, und der Kreuzer stellte sein Feuern ein. Wenige Minuten später war es dunkle Nacht, in der hier und da die Flammen von den brennenden Häusern emporloderten.Da hob sich riesengroß die rotgelbe Scheibe des Vollmondes über den Horizont, beleuchtete den Kreuzer und sein Werk. Schaurig sahen im kalten Lichte die Trümmer aus. Und nun begann der Kreuzer wieder zu feuern; unter donnerndem Krachen stürzte das große Volkshaus zusammen.»Kommen Sie, Gabriele, jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren.« Er begleitete sie bis zur Hauptstraße und weiter bis zu den rauchenden Trümmern des Volkshauses. Da tauchte ein Schatten hinter ihnen auf, und Felix holte sie auf seinem Pferde ein.»Ich möchte nur noch schnell von den anderen Abschied nehmen, geh nur voraus, Mutter!« rief er und galoppierte zurück.»Leben Sie wohl, Gabriele. Mein Versprechen habe ich gehalten, nicht wahr?« Und dann wandte er sich schnell ab und ging hinunter.Frau von Zeuthen ging langsam den Berg hinauf und weiter auf der Straße hin. Als sie das Staubecken erreichte, schrak sie zusammen, denn vor ihr erhob sich eine dunkle Gestalt. Aber der Mond erleuchtete ein bekanntes Gesicht.»Fräulein Erhardt?«»Ja, gnädige Frau!«»Wollen Sie zur Stadt?«»Ich kann nicht mehr gehen, ich bin so müde. Wo ist Felix?«»Er ist in einigen Minuten hier. Ist Ihnen nicht Hedwig begegnet?«Fräulein Erhardt schüttelte den Kopf:»Nein, aber ich glaube, ich habe mehrmals auf dem Wege geschlafen. Sie wird an mir vorbeigeritten sein, ohne daß ich sie bemerkte. Aber Felix kommt, mein Felix!«Frau von Zeuthen hatte sich neben sie gesetzt und strich ihr sanft über den Leib. Da schlang Fräulein Erhardt die Arme um ihren Hals und flüsterte ihr zu:»Ich habe ja ein Kind von ihm.«Frau von Zeuthen küßte sie:»Liebe Tochter«, sagte sie.Dann schwiegen sie beide, saßen im bleichen Lichte des Vollmondes einsam auf der Ebene und warteten, warteten – –Als Paul Seebeck von der Hauptstraße wieder auf sein Haus zu einbog, blieb er wie erstarrt stehen, denn aus dem Kellerfenster schoß eine Stichflamme, der ohrenbetäubender Knall folgte. Paul Seebeck griff sich an die Stirn und stürzte dann hin. Dichter, beißender Rauch quoll aus den Fenstern, verhüllte die Läufe der drei Geschütze –Er sprang die Treppe hinunter, von unten klang ihm leises Wimmern entgegen. Die Lampe war verlöscht, aber das weiche Dämmerlicht der Mondnacht erfüllte den Raum.Auf dem Boden lag Nechlidow in den letzten Zügen, der ganze Leib war ihm aufgerissen. Über den Verschluß des Geschützes gebeugt lag Felix. Paul Seebeck hob ihn auf. Felix schlug die Augen auf und lächelte:»Du, Paul, ich wollte Nechlidow doch wieder helfen; er konnte das Geschütz nicht allein bedienen.«Paul Seebeck betastete ihn. Auf der rechten Brustseite war ein kleiner nasser Fleck. Seebeck riß die Kleider auf; das Blut strömte.»Muß ich sterben, Paul? Dann grüß die andern.«»Nein, nein du bleibst leben. Hab keine Angst. Schlaf jetzt nur etwas.«»Ja«, sagte Felix, »ich bin so müde.«Und Paul Seebeck bettete den sterbenden Knaben so gut er konnte auf den Boden.Unter seinem Maschinengeschütz lag Otto Meyer, ein Granatsplitter hatte ihm den Oberschenkel zerfetzt. Er reichte Seebeck die Hand:»Du, sag mal, kannst du mir nicht irgend einen passenden Ausspruch empfehlen? Ich kann doch nicht so ganz klanglos sterben. »Ich sterbe für die Freiheit«, oder etwas ähnliches?«»Du stirbst, weil du ein anständiger Kerl bist.«»Also gut: ich sterbe, damit die Anständigkeit lebe! Bravo. Schluß. – Es war so schön, mit dir zusammenzuarbeiten, Seebeck. Ich danke dir dafür.«Dann sank er zurück.Paul Seebeck trat an Melchior heran, der bewußtlos in einer Blutlache an der Wand lag. Wie er ihn untersuchte, schlug er die Augen auf:»Herr Seebeck, Sie? Gut, daß Sie kommen. Ich habe es gefunden!«»Was haben Sie gefunden?«»Das Problem der Menschheit habe ich gefunden. Hören Sie!« Er versuchte sich aufzurichten, aber sank wieder zusammen.»Das Problem der Menschheit!« Seebeck lachte auf. »Da draußen haben Sie das Problem der Menschheit!« Und er wies auf das Kriegsschiffhinaus, das jetzt langsam sein Feuern einstellte.»Seebeck, schämen Sie sich! Wer wird einen Spezialfall verallgemeinern. Hören Sie, ich habe nicht mehr viel Zeit, glaube ich.«Paul Seebeck verschränkte die Arme und sah dem Sterbenden gerade ins Gesicht.»Ich höre«, sagte er.»Sie erinnern sich noch an alle unsere Gespräche? Sie alle haben am Problem mitgearbeitet, Sie alle haben mir Bausteine gegeben. Jetzt habe ich aber die Formel gefunden. Sie erinnern sich, daß alle Fragen immer wieder auf denselben toten Punkt kamen, daß man die Begriffe gleichzeitig als fortgeschrittener, wie auch als rückständig in den Bezug auf den realen Stand der Menschheit ansehen kann. Da kam Herr Otto Meyer mit dem Einfall, daß sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet sein müßten, um verschieden zu erscheinen. Lebt er noch?«»Nein, er ist tot.«»Schade, es hätte ihn sicher interessiert. Sehen Sie, Herr Seebeck, jetzt habe ich die beiden Standpunkte; den niedrigen des einzelnen Menschen und den hohen der gesamten Menschheit. Wenn sich aus uns allen kleinen gleichgiltigen Einzelwesen jetzt das ungeheure Individuum der Menschheitaufbaut – solange ich selbst unter den Arbeitern lebte, habe ich diese Kristallisation gefühlt, aber nicht begriffen, ich fühlte, wie sich die Zellen instinktiv zusammenschlossen, obwohl sich jede einzelne krampfhaft dagegen wehrte – dann müssen ja unsere Gedanken klein sein, die der Menschheit sind aber groß, für uns ebenso unbegreiflich groß, wie die Zelle in unserem Körper nichts von unseren Gedanken versteht, und doch baut sie Körper und Leben auf.Aber da haben wir als Ausgleich jene Begriffe, halb einzel-menschlich, halb universal-menschlich, dem Menschen zu hoch, der Menschheit zu niedrig. Sie zeigen weder den Standpunkt des Menschen, noch den der Menschheit, sondern gerade die noch ungelöste Spannung zwischen beiden Teilen.Prüfen Sie es doch nur an irgend einem Beispiele: denken Sie an die Ehe. Dem einzelnen Menschen ein praktisch fast unerreichbares Ideal, für die Menschheit veraltet. Denn vom hohen Standpunkte der Menschheit aus gesehen, gleichen sich die im Einzelfalle eintretenden Hindernisse aus; und für den Gesamtdurchschnitt wird dann die Ehe nicht zu hoch, sondern zu niedrig.Oder denken Sie an die Orthographie einer Sprache, die zwar scheinbar rückständig ist, in Wirklichkeit aber die großen, ewigen Gesetze undWandlungen der Sprache, dieses Gutes nicht eines Einzelnen, sondern der Menschheit wiedergibt.«»Und wie erklären Sie dieses Beispiel hier?« fragte Paul Seebeck und wies auf die Leichen um sie her.
Einer der ersten Besucher war übrigens ein Herr von Hahnemann, ein bei Neu-Guinea stationierter Marineoffizier, der auf der Schildkröteninsel seinen Urlaub verbrachte. Dieser Herr von Hahnemann fiel eigentlich besonders durch seine Wißbegierde auf; man sah ihn oft stundenlang mit einfachen Arbeitern im Gespräch. Auch hatte er bei den Vorstehern und einigen anderen hervortretenden Persönlichkeiten, wie Nechlidow, Herren de la Rouvière und Frau von Zeuthen Besuche gemacht und wurde auch von diesen gelegentlich eingeladen.
Einige Tage vor seiner Abreise kam Herr von Hahnemann zu Paul Seebeck, um sich zu verabschieden. Paul Seebeck empfing ihn, wie er schon so manchen derartigen Besucher empfangen hatte, mit dem sehnlichen Wunsche, daß dieser ihn bald wieder allein ließe. Da Herr von Hahnemann aber blieb, fragte er ihn nach Verlauf einer Stunde:
»Haben Sie vielleicht ein besonderes Anliegen? Wenn ich Ihnen irgend eine besondere Aufklärung geben könnte –?«
»Sie sind außerordentlich liebenswürdig«, antwortete der Offizier mit einer leichten Verbeugung.»Entschuldigen Sie die etwas indiskrete Frage mit meinem großen Interesse: wie denken Sie sich die Zukunft, Herr Seebeck?«
Paul Seebeck sah ihn zweifelnd an. Dann stand er auf und ging zum Fenster.
»Ich verstehe Ihre Frage nicht recht. Wir werden so weiterarbeiten wie bisher.« Und dabei sah er seinem Besucher gerade in die Augen.
»Pardon, gewiß. Ich meinte aber, wie denken Sie sich in Zukunft Ihre persönliche Stellung zu der Sache?«
»Solange ich das Vertrauen der Mehrheit habe«, sagte Paul Seebeck ziemlich schroff, »bleibe ich hier auf meinem Posten.«
Herr von Hahnemann stand auf:
»Aber die haben Sie ja nicht mehr. Auf der letzten Jahresversammlung sind Sie von einer Minorität nur deshalb gewählt worden, weil sich die oppositionellen Stimmen auf zwei Kandidaten verteilten.«
»Herr von Hahnemann«, sagte Seebeck und trat dicht vor ihn hin. »Ich bin ordnungsgemäß gewählt worden, und damit ist dieser Punkt erledigt. Im Übrigen bedauere ich, mich mit einem Außenstehenden nicht über innere Verhältnisse unserer Gemeinschaft aussprechen zu können.«
»Herr Seebeck, ich verstehe Ihre Erregung über meine taktlosen Fragen durchaus. Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, daß ich – nicht nur als Privatmann hier bin.«
Seebeck setzte sich an seinen Schreibtisch und fragte ganz ruhig:
»Sie sind im Auftrage der Reichsregierung hier?«
»Ja«, sagte Herr von Hahnemann. »Es war eine Klage eingelaufen, und ich wurde hierher geschickt, um ihre Grundlagen zu prüfen. Zu meinem Bedauern fand ich sie bestätigt.«
»Darf ich Sie fragen, wer außer Nechlidow die Klage unterzeichnet hat, deren Inhalt ich mir denken kann«, fragte Paul Seebeck zwischen den Zähnen.
»Ich bedaure, Ihnen darauf die Antwort verweigern zu müssen. Sie sagen selbst, daß Sie sich den Inhalt der Klageschrift denken können, damit erübrigt sich, auf die einzelnen Punkte einzugehn. Ich bin völlig unbefangen hierhergekommen und habe alles mit eigenen Augen geprüft, besonders das Protokoll jener Sitzung. Da ich mich leider von der Stichhaltigkeit jener Klage überzeugen mußte, sehe ich mich zu meinem Bedauern genötigt, von meinen Vollmachten Gebrauch zu machen. Sie müssen die Reichsregierung verstehen, Herr Seebeck. Wenn hier nur einigeIdealisten auf einem unfruchtbaren Felseneilande säßen, könnte man sie ja in Gottes Namen machen lassen, was sie wollten, und ihre Experimente mit Wohlwollen und Interesse betrachten. Da es sich jetzt aber schon um Hunderte handelt, die Zahl der Ansiedler wahrscheinlich noch bedeutend steigen wird, und ferner das Interesse des Reichs an diesem Teile seines Kolonialbesitzes durch die Schwefelfunde noch erhöht ist, ist es nicht nur das gute Recht, sondern die Pflicht des Reiches, hier absolut korrekte Zustände zu schaffen.«
Er machte eine Pause, als erwartete er eine Antwort; aber Paul Seebeck sagte nichts, sah ihm nur ruhig ins Gesicht. Der Offizier wurde nervös unter diesem Blicke; er holte aus seiner Brusttasche einige Papiere, sowie ein kleines Etui hervor.
»Herr Seebeck, auch für den Fall, daß sich jene Klage als stichhaltig erweisen sollte, will die Reichsregierung in Anbetracht Ihrer unbestreitbaren großen Verdienste Ihnen auch nur den Schatten einer Demütigung ersparen. Sie verlangt nichts, als daß Sie Ihr Mandat als Reichskommissar niederlegen, und wird dann von sich aus einen neuen ernennen. Was wir gesprochen haben, bleibt unter uns. Und hier haben Sie noch einen ausdrücklichen Gnadenbeweis.« Dabei legte er das kleine Etui auf den Schreibtisch.
»Das Ding enthält vermutlich einen Orden«, sagte Paul Seebeck aufstehend. »Bitte stecken Sie ihn wieder ein. Wollen Sie so liebenswürdig sein, mir eine Frage zu beantworten: Was wird geschehen wenn ich mich jetzt weigere, das Reichskommissariat freiwillig niederzulegen?«
Der Offizier war aufgesprungen:
»Überlegen Sie sich, was Sie sagen.«
»Ich habe es mir überlegt.«
»Das ist ein Affront.«
Seebeck zuckte die Achseln:
»Nicht gegen Sie, verehrter Herr von Hahnemann. Sie sind ja nur Werkzeug. Sie spielen in einer Komödie mit, glauben Regisseur zu sein und sind nur Puppe. Soll ich Ihnen sagen, weshalb ich gehen soll? Nicht, weil es hier schlecht geht, nicht weil ich meine Stellung mißbraucht habe, sondern weil alles gut geht, besser geht, als es sich die Herren dort in Berlin je träumen ließen. Weil wir mit unserer Arbeit vorwärts kommen. Wir haben hier etwas Brauchbares geschaffen, haben die Durchführbarkeit gewisser Utopieen erwiesen, und das ist der springende Punkt. Alles andere ist ja nur Vorwand. Einige kleine Schwierigkeiten, die die Durchführung einer großen Sache naturgemäß mit sich führt, die Nörgeleien und Quertreibereien irgendwelcher Personen, die gar nicht verstehen,worum es sich hier handelt, geben den bequemen Vorwand, um alles zu vernichten. Ein Reichskommissar aus Berlin hier, hier in meinem Werke! Nein mein Freund. Nehmen Sie Ihr Ding da mit und schämen Sie sich, bei einer so unwürdigen Komödie mitzuwirken. Erzählen Sie den Herren in Berlin, daß Paul Seebeck nicht für einen lausigen Orden sein Lebenswerk verkauft. Das Reichskommissariat lege ich nicht nieder.«
»Ich will – durchaus gegen meine Gewohnheit – die Spitze überhört haben, die meine Person betrifft, um die unerhörte Beschuldigung zurückzuweisen, die Sie gegen die Reichsregierung gerichtet haben. Sie fühlen sich in einer schwachen Position und sehen deshalb voll ungerechtfertigter Bitterkeit auf alle anderen. Überlegen Sie sich doch: die Reichsregierung hat Sie mit dem größten Wohlwollen behandelt; was soll die Regierung aber anders tun, als Ihnen in schonendster Form den Abschied nahezulegen, wenn sich die Mehrzahl Ihrer eigenen Bürger gegen Sie erklärt? Und mehr, wenn die Klage sich als berechtigt erweist? Sie selbst tragen allein Schuld an dieser Wendung der Dinge, jetzt müssen Sie auch die Konsequenzen ziehen. Legen Sie das Reichskommissariat nieder!«
»Ich tue es nicht!«
»Dann wird man Sie dazu zwingen!«
»Versuchen Sie es!« sagte Paul Seebeck und ging in sein Schlafzimmer, dessen Tür er hinter sich zuschlug.
Sobalddie »Prinzessin Irene« mit Herrn von Hahnemann an Bord die Anker gelichtet hatte, berief Paul Seebeck die Vorsteher der Gemeinschaft zu sich und zwar die offiziellen Inhaber der Ämter, nicht ihre ständigen Stellvertreter. Das war auffällig, denn die ständigen Stellvertreter, wie zum Beispiele Herr de la Rouvière, pflegten sonst immer zu den Sitzungen zugezogen zu werden. Paul Seebeck schickte auch Fräulein Erhardt fort, die gewöhnlich bei den Sitzungen das Protokoll geführt hatte, und schloß aufs Sorgfältigste alle Türen und Fenster seines Arbeitszimmers. Seine Freunde sahen erstaunt seinem Tun zu; als er ihnen aber dann seine Unterredung mit Herrn von Hahnemann erzählt hatte, die schon drei Tage zurücklag, über die beide Teilnehmer aber bisher völliges Stillschweigen bewahrt hatten, begriffen sie ihn. Ein langes Schweigen folgte seinem Berichte.
Als erster ergriff Herr von Rochow das Wort:
»Man kann Nechlidow nicht einmal einen Vorwurf machen; er hat nur aus den reinsten Motiven heraus gehandelt, freilich ohne die Tragweite seines Vorgehens auch nur im Entferntesten zu übersehen.«
»Ach wissen Sie was, Herr von Rochow«, unterbrach ihn Paul Seebeck müde, »es mußte einmal so kommen. Ob Nechlidow oder ein anderer nun den entscheidenden Schritt tat. Aber bei Gott«, rief er aufstehend, »ich lasse mir mein Werk nicht zerstören. Und was würde es helfen, daß die Leute einen von unseren Leuten zum Kommissar machen; sie werden schon dafür sorgen, daß es ein richtiger Eunuche ist, der ihren Willen tut. Was eine unfähige Verwaltung aus lebenskräftigen Kolonien machen kann, sieht man ja deutlich genug aus unseren afrikanischen Kolonien.«
»Besonders, wenn man an die englischen Nachbarkolonien denkt«, sagte Jakob Silberland.
»Gehen wir doch zu England«, sagte Otto Meyer gemütlich; »die werden uns schon in Frieden lassen; die Engländer wissen, daß die Kolonieen von Männern gemacht werden und nicht von Korpsstudenten.«
Seebeck sah ihn starr an.
»Bitte«, sagte er.
»Ich meine«, sagte Otto Meyer, »wir haben keinen Grund, das positive Resultat unserer Arbeit zerstören zu lassen, bloß weil einige Geheimräte im Kolonialamt Bauchschmerzen haben. Wenn die Deutschen eine anständige Kolonie nicht haben können, erklären wir uns für autonom und lassenuns dann von England annektieren. Sowas läßt sich doch machen, deswegen braucht man doch nicht gleich tragisch zu werden.«
»Das wäre Revolution«, sagte Hauptmann a. D. von Rochow ernst.
Paul Seebeck dachte nach; dann fuhr er heftig auf:
»Ist das unsere Schuld? Was gehen wir das Reich an? Wir haben den Leuten nicht einen Pfennig gekostet; alles haben wir allein gemacht, mit unserer Arbeit, unserem Gelde. Jetzt wo die Sache nahezu vollendet ist, wollen sie es nicht etwa übernehmen, um es in unserem Sinne fortzuführen, sondern sie wollen es zerstören. Ich bitte Sie, stellen Sie sich doch hier einen Berliner Gouverneur vor! Oder noch schlimmer, einen hiesigen Idioten, der die Puppe der Herren da oben ist! Aber das erlaube ich nie! Vorläufig bin ich hier.«
»Also, erwäge doch meinen Vorschlag. Ich glaube, das ist der einzige Ausweg.«
Jakob Silberland stand auf und trippelte auf seinen kurzen Beinchen im Zimmer auf und ab:
»Wir wollen doch zunächst mal überlegen, was jetzt geschehen wird. Vom nächsten Hafen aus telegraphiert der Mann nach Berlin, daß Seebeck sich weigert, freiwillig zurückzutreten; die Antwort lautet wahrscheinlich, daß Herr von HahnemannVollmacht erhält, Seebeck abzusetzen, und entweder er oder ein anderer wird vorläufig Reichskommissar hier, bis sie den richtigen Idioten herausgefunden haben. Hahnemann kann vor einem Monat überhaupt nicht wieder hier sein; das wäre das allerfrühste. Vorläufig kann man Seebeck nichts tun. Daß er sich weigert, freiwillig seinen Abschied zu nehmen, ist kein Verbrechen. Kritisch wird die Sache erst, wenn ihm das Reichskommissariat entzogen wird, und er sich nicht darum kümmert. Dann kommt ein Kriegsschiff und nimmt ihn als Aufrührer mit. Bis dahin würde aber mindestens ein zweiter Monat vergehen. In diesen zwei Monaten müßte alles entschieden sein; denn wenn wir offenen Aufruhr begehen und uns nicht durchsetzen, sind wir verloren.«
Seebeck hatte sich wieder gesetzt; ruhig sagte er:
»Kinder, ihr beide wißt Bescheid im Staatsrecht. Existiert denn überhaupt eine Möglichkeit, sich von England annektieren zu lassen?«
»Gewiß, die Möglichkeit ist da. Einer von uns müßte mit dem nächsten Schiffe nach Sidney und sehen, was er dort ausrichten kann«, sagte Jakob Silberland eifrig.
»Wenn Herr von Rochow als Fachmann mir helfen will, baue ich Ihnen in sechs Wochen Befestigungen auf, die dem Kriegsschiff eine harteNuß zu knacken geben werden. Eine Landung zu verhindern, ist bei unserem Hafen eine Kleinigkeit, einige Seeminen genügen«, fügte der hagere Architekt hinzu.
»Ich beschwöre Sie, meine Herren, überlegen Sie sich, was Sie tun wollen! Revolution, Vaterlandsverrat!« rief Herr von Rochow.
»Das Vaterland hat uns verraten, nicht wir das Vaterland«, sagte Paul Seebeck scharf. »Aber ich will Sie zu nichts verleiten, was Ihrem Gewissen widerspricht. Noch ist es Zeit für Sie alle, sich zurückzuziehen. Ich aber bleibe hier ...«
»Und ich bleibe bei Ihnen«, sagte Herr von Rochow und ergriff Seebecks Hand. »Ich bleibe bei Ihnen, was auch kommen mag.«
»Ich auch«, sagte Otto Meyer und zündete sich eine Zigarette an.
»Wo bekommen wir aber das Geld her?« fragte Jakob Silberland. »Es handelt sich doch jedenfalls um Hunderttausende.«
»Wir müssen es uns natürlich ganz korrekt bewilligen lassen«, erklärte Otto Meyer, »sonst wird die Sache zu deutlich. Wir sagen einfach, daß bei der dauernden Spannung zwischen England und Deutschland die Befestigung unvermeidlich ist. Und da wir ja leider Spione im Lande haben, können wir sagen, daß die Bewahrung militärischer Geheimnissein einem kleinen Kreise – hier also in der Vorsteherschaft – eine absolute Notwendigkeit ist. Übrigens wäre es am besten, in aller Heimlichkeit so viel zu bauen, wie nur irgend geht und sich die Kredite nachträglich bewilligen zu lassen. Denn wenn man draußen erfährt, daß wir befestigten, wird das Kriegsschiff mit Windeseile angerannt kommen.«
Paul Seebeck war ans Fenster getreten und blickte hinaus:
»Schade, schade, daß es so kommen mußte.« sagte er.
»Was brauchen wir eigentlich,« wandte sich Otto Meyer an Herrn von Rochow, »eine Strandbatterie und –«
Hauptmann a. D. von Rochow schüttelte den Kopf:
»Eine Strandbatterie hat gar keinen Sinn; die schießt ein Kriegsschiff in einer Viertelstunde zusammen. Nein, ein schweres Festungsgeschütz und einige Maschinengewehre hier oben für alle Eventualitäten genügen. Das Hauptgewicht müssen wir auf die Seeminen legen. Die natürlich mit elektrischer Zündung von hier oben aus.«
»Ist das nun alles eine Kette von Zufällen oder war es eine Notwendigkeit? Mußte es so kommen?« sagte Seebeck, noch immer am Fenster stehend und hinausblickend.
»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf«, sagte Otto Meyer und klopfte ihm auf die Schulter, »die Probleme sind dem tüchtigen Melchior reserviert. Wir können ja handeln, brauchen also nicht nachzudenken.«
»Bravo!« rief Edgar Allan.
Und dann begannen die Vorsteher der Gemeinschaft, die zu unternehmenden Schritte bis in die kleinste Einzelheit zu beraten. Erst bei Tagesgrauen trennten sie sich, und da war alles beschlossen.
Wieschon oft in der letzten Zeit holte Nechlidow seine junge Freundin um fünf Uhr vom Kindergarten ab, nachdem Hedwig ihre kleinen Schützlinge entlassen hatte.
Die beiden gingen schweigend durch die lange, einreihige Fischerstraße bis zur letzten Landspitze, die die bewohnte Bucht von der Irenenbucht schied.
»Wissen Sie, Hedwig, was Herr von Hahnemann mitgenommen hat?« fragte Nechlidow, als sie dort auf einer gewaltigen Klippe saßen, »Paul Seebecks Abschiedsgesuch.«
Hedwig sah ihn erschreckt an:
»Woher wissen Sie das?«
»Ja, ich weiß es. Herr von Hahnemann war hier, um die Richtigkeit meiner Klagen zu prüfen; er hat mir selbst gesagt, daß er sie in allen Punkten berechtigt gefunden hätte. Ich sprach ihn, gerade als er zu Herrn Seebeck hinaufgehen wollte. Ja, jetzt ist es mit Seebecks Selbstherrschaft vorbei – jetzt werden wir die Sache wieder in Ordnung bringen.«
»Sind Sie ganz sicher, daß Sie Recht haben?« fragte Hedwig leise.
»Seien Sie nicht traurig, liebe Hedwig. Es tut mir selbst um Seebeck leid, denn ich achte ihn als Menschen. Aber die Sache geht vor. Und Seebeck ist schwach, viel zu schwach, um sie durchzuführen. Seien Sie aufrichtig, was ist von den Idealen übrig geblieben, mit denen wir hierher kamen? Wodurch unterscheidet sich unsere »Gemeinschaft« von irgend einem beliebigen Staate? Nur durch Phrasen. In Wirklichkeit ist alles genau dasselbe. Sehen Sie, Hedwig, in jener entscheidenden Sitzung in Berlin sagte ich zu Paul Seebeck, daß es nur ein Mittel gäbe, um nicht in die Verlogenheit aller anderen Staaten hineinzugeraten, und daß dieses das absolute Festhalten an der menschlichen Vernunft sei. Er gab mir recht, er ist intelligent genug, das einzusehen, aber zu schwach, es durchzuführen. Der Todfeind aller Kultur, aller Fortentwicklung der Menschheit, die Sentimentalität liegt ihm so tief im Blute, daß sie stärker als alle Vernunft ist. Hier brauchen wir Männer, klare, vernünftige Männerköpfe, Kerle wie Herrn de la Rouvière, aber keine träumerischen, weibischen Dichter wie Seebeck.«
Hedwig hatte ihm ängstlich zugehört:
»Aber Paul ist doch so gut.«
»Eben deshalb muß er fort. Das ist ja gerade sein Fehler. Güte, Liebe – was sind das für Begriffe.Mißverstandene Naturtriebe. Heutzutage lieben Männer einander; was ist das für ein Unsinn! Oder ein Mann und eine Frau lieben einander, aber kommen aus irgend einem Grunde nicht zusammen. Denken Sie doch nur alle die kindischen Romane. Liebe ist der Wunsch nach dem Kinde, also ist sie nur dort wahr und nicht verlogen, wo zwei Menschen zusammen ein Kind haben wollen, sonst nicht. Seitdem wir aber das wissen, brauchen wir doch keine Dichter und keine Gefühle mehr. Wir haben doch die Vernunft, und die verirrt sich nie; wie oft tun das aber die unklaren, mystischen Gefühle. Sehen Sie doch, was so ein Gefühl für Bocksprünge macht: aus dem Triebe nach dem Kinde wird die Liebe, die alles mögliche verbindet, was mit dem Wunsche nach dem Kinde, nach der Zukunft der Menschheit, nicht das Geringste mehr zu schaffen hat; aus der Liebe wird die Güte und aus Güte und Rücksichtnahme nach allen Seiten ruiniert Seebeck diesen Staat, der eine neue Menschheit hätte gebären können. Ach was hätte hier werden können, wenn Seebeck stark gewesen wäre.«
»Aber hier geht alles doch so gut –« unterbrach ihn Hedwig schüchtern.
»Ungeheure Lügen sind hier gebaut, und die florieren glänzend, das ist wahr.«
Hedwig war aufgestanden und wandte sich langsam der Stadt zu. Nechlidow ging ihr nach und faßte sie bei der Hand:
»Liebe Hedwig« – sagte er bittend.
Aber sie riß sich los. Aus ihren großen, braunen Augen quollen Tränen.
»Ich will kein Kind von Ihnen haben, Herr Nechlidow«, sagte sie mit zuckenden Lippen. Dann machte sie sich schnell von ihm los und lief der Stadt zu.
Nechlidow folgte ihr langsam.
Alsdie Kredite für die in Hinblick auf die Spannung zwischen England und Deutschland notwendigen Befestigungen bewilligt wurden, war nicht viel mehr zu tun, als das Festungsgeschütz zu montieren, das zusammen mit den beiden Maschinengeschützen in der bombensicheren Kasematte im Felsen unter Seebecks Haus Platz finden sollte. Denn Hauptmann von Rochow hatte als Fachmann diese Stelle als die geeignetste gewählt, ganz abgesehen davon, daß sich nur hier die Arbeiten in völliger Heimlichkeit hatten vornehmen lassen. Ein mit Stahlplatten bedeckter Schacht führte von Paul Seebecks Kohlenkeller mehrere Meter tief hinab, und dort unten war ein Gewölbe ausgehauen, in dem die Geschütze stehen sollten.
Nur drei lange, schmale Schießscharten führten hinaus, und die lagen gerade über den Dächern der auf der nächsten Terrasse stehenden doppelten Häuserreihe, so daß diese fast mit Sicherheit die den Geschützen zugedachten Schüsse auffangen würde.
Die Seeminen hatten die Vorsteher in mehreren Nächten allein versenkt, und ihr Lageplan war in den Händen der Archivarin gut aufgehoben. Eswar nicht so schwer, diese Arbeiten in voller Heimlichkeit auszuführen, als vielmehr gleichzeitig auch den Ausbau des »Vulkans« zu versehen, zum mindesten scheinbar, damit die plötzliche Arbeitseinstellung dort oben kein Mißtrauen erweckte.
Aber es ging. Die vier Männer arbeiteten mit eiserner Energie Tag und Nacht – nur vier waren sie jetzt, denn Jakob Silberland weilte in Sidney, wie es hieß, um größere Abschlüsse über den gewonnenen Schwefel zu erreichen. Und auf den riesigen Kisten, die die Geschützteile und die Munition enthielten, stand harmlos das Wort: »Maschinen«.
Sechs Wochen nach seiner Abreise kam Herr von Hahnemann wieder zur »Schildkröteninsel«. Diesmal auf einem Torpedoboot. In Paradeuniform stieg er ans Land und begab sich eine Stunde später zu Paul Seebeck. Dieser empfing ihn mit gelassener Höflichkeit und bat ihn, Platz zu nehmen. Der Offizier dankte mit einer Verbeugung, blieb aber stehen, während Paul Seebeck sich an seinen Schreibtisch setzte.
»Sie bringen mir meine Abberufung, Herr von Hahnemann?« fragte er ruhig.
»Herr Seebeck, bei der großen persönlichen Achtung, die ich für Sie hege, erlaubte ich mir, in meinem Berichte unsere letzte Unterredung wohlwahrheitsgetreu, doch – etwas harmloser zu schildern, als sie sich zugetragen hat. Es steht Ihnen noch heute frei, freiwillig das Reichskommissariat niederzulegen; trotz allem.«
»Ich tue es nicht«, antwortete Paul Seebeck und sah ihm gerade ins Gesicht.
»Ist das Ihr letztes Wort?«
»Ja.«
»Dann habe ich hiermit die Ehre, Ihnen kraft meiner Vollmachten Ihr Abberufungsschreiben zu überreichen«, sagte der Offizier und legte ein versiegeltes Kuvert auf den Schreibtisch. »Wollen Sie die Liebenswürdigkeit haben, mir den Empfang zu bestätigen.«
»Mit Vergnügen«, antwortete Paul Seebeck, entnahm einer Schublade einen Briefbogen und schrieb einige Zeilen darauf. »Ist es so recht?« Und er reichte dem Offizier das Blatt, das dieser aufmerksam las und es dann in seine Brieftasche schob.
»Gewiß, Herr Seebeck. Ich danke Ihnen. Damit ist die Sache erledigt. Ich verstehe aber nicht, weshalb Sie es so weit kommen ließen.«
»Ich pflege einem Briefträger nicht die Unterschrift für einen eingeschriebenen Brief zu verweigern – wozu soll ich dem nichtsahnenden Manne Schwierigkeiten machen. Er erfüllt ja nur seine Pflicht. Jetzt ist also der Brief ordnungsgemäßmein Eigentum geworden, und ich kann damit machen, was ich will.« Damit nahm er das versiegelte Kuvert und zerriß es mit seinem Inhalt in kleine Fetzen, die er in seinen Papierkorb warf. Dann wandte er sich wieder dem Offiziere zu und sah ihm ruhig ins Gesicht.
Herr von Hahnemann trat einen Schritt zurück; sein Gesicht war kreidebleich.
»Wissen Sie, was das heißt?« rief er.
»Ja«, sagte Paul Seebeck, »das heißt Aufruhr.«
»Wollen Sie sich denn dem aussetzen, daß man Sie mit Waffengewalt zwingt, den Willen der Reichsregierung anzuerkennen?«
»Was wollen Sie damit sagen, Herr von Hahnemann?« fragte Paul Seebeck freundlich.
Der Offizier hatte sich wieder etwas gefaßt. Seine Stimme bekam etwas vom scharfen Kommandoklang, als er sagte:
»Ein Kriegsschiff wird kommen und Sie als Gefangenen mitnehmen.«
»Ach so einfach ist die Sache? Aber wenn ich mich nun mit Gewalt der Gewalt widersetze?«
»Dann werden Sie standrechtlich erschossen.«
Paul Seebeck stand auf; er überlegte einen Augenblick. Dann ging er an dem Offizier vorbei zur Wand, hob ein Gemälde vom Nagel, wobei eine Stahlplatte sichtbar wurde, die der Tür eines indie Mauer eingelassenen Geldschrankes ähnlich war. Dann zog er einen Schlüsselbund aus der Tasche und blickte auf:
»Sie sind Marineoffizier, nicht wahr?«
Herr von Hahnemann neigte bejahend den Kopf.
»Dann sind sie auch natürlich imstande, Entfernungen auf dem Wasser abzuschätzen. Darf ich Sie bitten, hier ans Fenster zu treten? Danke. Sehen Sie die letzte flache Klippe dort rechts? Schön. Sehen Sie in gerader Richtung drei Kilometer weiter. Bitte halten Sie den Punkt im Auge.«
Seebeck war an den Schrank getreten und öffnete das Geheimschloß. Bei dem Geräusch wandte sich der Offizier unwillkürlich wieder nach ihm um und sah, daß der Schrank ein Tastbrett wie das einer Schreibmaschine enthielt.
»Ich habe Sie ersucht, jenen Punkt im Auge zu behalten«, sagte Paul Seebeck scharf. Der Offizier kniff die Lippen zusammen und blickte wieder hinaus. Paul Seebeck drückte rasch auf einen der Knöpfe und schlug dann die Stahltür zu. Im selben Augenblick erhob sich bei dem angegebenen Punkte auf dem Meere eine gewaltige Wasserpyramide, blieb einige Sekunden stehen und brach dann in sich zusammen. Erst eine halbe Minute später klang ein dumpfes Grollen herüber. Der mit Schaum bedeckte Wasserspiegel war in wildeBewegung geraten. Selbst im Hafen schaukelten die Schiffe.
Herr von Hahnemann sah Seebeck stumm an; dann verbeugte er sich und verließ das Zimmer.
Er ging so schnell er konnte die Straße hinunter, an allen denen vorbei, die ihn wieder erkannten und ansprechen wollten, und stand eine Viertelstunde später in Herrn de la Rouvières Haus.
Der Krüppel bestürmte ihn mit Fragen, aber Herr von Hahnemann schüttelte nur unwillig den Kopf. Er fragte:
»Wissen Sie, daß die Insel befestigt ist?«
Herr de la Rouvière fuhr erstaunt auf:
»Daß sie befestigt ist? Das ist doch unmöglich. Erst vorgestern wurde doch die Befestigung beschlossen.«
Herr von Hahnemann lachte kurz auf:
»Herr Seebeck scheint keine große Achtung vor der Monatsversammlung zu haben. Jedenfalls ist die Insel schon befestigt, und die Versammlung hat etwas zu bauen beschlossen, was faktisch schon da ist. Er wird es wohl schon oft so gemacht haben. Ich will Ihnen etwas sagen«, fuhr er fort, wobei er dicht an den Krüppel herantrat, »ich habe Herrn Seebeck die Enthebung aus seinem Amte mitgeteilt, die er aber ignoriert. Er muß also mit Gewalt entfernt werden. Hier ist kein anderer Auswegtunlich. Bei den Befestigungen ist es aber ohne Blutvergießen nicht möglich, und das zu verhindern ist meine Pflicht. – Sie haben sich ja Ihres großen Einflusses und Ihrer Verbindungen hier gerühmt; beweisen Sie mir jetzt, daß Sie wahr gesprochen haben. Und dann – die Reichsregierung kann Herrn Nechlidow als früherem, russischem Flüchtling kein Amt übergeben, aber Ihnen, dem Träger eines alten Adelsnamens, der Sie außerdem hier praktisch in die Geschäfte eingearbeitet sind, könnte ich das Reichskommissariat übertragen. Die Vollmacht dazu habe ich. Die Reichsregierung will unter keinen Umständen einen Kommissar von Berlin hierher senden; sie hat mich beauftragt, einer hiesigen geeigneten Persönlichkeit das Kommissariat zu übergeben, um jeden Schein eines gewaltsamen Eingriffes zu vermeiden. Also schaffen Sie mir die Befestigungspläne und Sie sind Reichskommissar!«
Die Augen des Krüppels glänzten:
»Das wird nicht schwer sein, Herr von Hahnemann. Wenn Sie so liebenswürdig sein wollen, eine halbe Stunde hier zu warten, komme ich mit den Plänen.«
»Wissen Sie denn, wo sie sind?«
»Jedenfalls doch im Archiv; und Frau von Zeuthen ist meine gute Freundin.«
»Ah!« Über das Gesicht des Marineoffiziers glitt ein gemeines Lächeln.
»Sie verstehen, Herr von Hahnemann? Eine Frau kann aus Edelmut sterben, aber sie kann sich keinem Skandal aussetzen. Am wenigsten sie, die Keusche, Reine, sie, die Unerreichbare, die ich doch erreichen konnte – wie alles andere auch.«
Der Offizier war wieder ganz ernst geworden:
»Wie Sie das machen, ist Ihre Sache. Aber nicht die Originale selbst, die könnten später vermißt werden, sondern Sie müssen die Pläne kopieren, verstehen Sie? Und Niemand darf etwas davon erfahren, dafür müssen Sie sorgen. Sonst wird die Sache einfach verändert, und wir sitzen da.«
»Keine Sorge, Herr von Hahnemann, bleiben Sie nur ruhig hier; ich bin bald wieder zurück.«
Und die langen Arme schlenkernd und eifrig vor sich hinmurmelnd, stolperte der Krüppel die Hauptstraße hinauf. Bei Frau von Zeuthens Haus angekommen, sagte er dem Dienstmädchen, er käme in Geschäften und wurde natürlich sofort eingelassen.
Mit Siegermiene trat er in Frau von Zeuthens Arbeitszimmer, aber er sank gleichsam in sich zusammen, als er in ihre strahlenden, braunen Augen blickte. Er wollte sich ihr nähern, aber sie hob abweisend die Hand. Da blieb er bescheiden an der Türe stehn.
»Geschäfte, Herr de la Rouvière?« fragte sie ruhig.
»Ja, gnädige Frau. Ich muß Sie um die Befestigungspläne bitten, die Sie ja als Archivarin in Verwahrung haben.«
»Nein«, sagte Frau von Zeuthen, »die Pläne habe ich allerdings. Sie gehn aber nur die Vorsteher an. Und so weit haben Sie es doch noch nicht gebracht.«
Mit eingezogenem Kopfe sah er sie von unten an.
»Gnädige Frau, ich bin – Reichskommissar an Paul Seebecks Stelle.«
Frau von Zeuthen lachte laut auf und sah ihm belustigt ins Gesicht.
Der Krüppel biß die Zähne zusammen.
»Gnädige Frau«, sagte er drohend.
»Wenn Ihre Geschäfte so sonderbarer Natur sind, brauchen wir sie nicht länger zu diskutieren. Gehen Sie, Herr Reichskommissar.« Damit drehte sie ihm den Rücken zu und setzte sich an ihren Schreibtisch.
Mit leisen, schleichenden Schritten näherte er sich ihr. Sie stand auf und wandte sich ihm zu. Mit beiden Händen hielt sie sich rückwärts am Schreibtische fest.
»Weshalb gehen Sie nicht«, sagte sie herrisch, aber ihre Stimme zitterte dabei.
»Ich muß die Pläne haben«, sagte er, dicht bei ihr, und hob dabei die langen Arme mit den schwarzbehaarten Händen.
»Aber ich gebe sie Ihnen nicht und damit gut. Gehen Sie! Jetzt bestätigt sich also meine Vermutung, daß Sie zu den Verrätern gehören. Gehen Sie, mit Ihnen bin ich fertig.«
»Gnädige Frau«, die Stimme des Krüppels war ganz sanft, »Sie scheinen sehr leicht zu vergessen!« Er schritt auf die Tür zu, faßte die Klinke und drehte sich wieder nach Frau von Zeuthen um. »Soll ich wirklich allen Leuten erzählen, was in einer gewissen Nacht zwischen uns vorgefallen ist?« Er richtete sich auf und sagte kameradschaftlich: »Geben Sie mir doch lieber die Pläne.«
Frau von Zeuthen ging zu ihrem großen Schranke, öffnete diesen aber nicht, sondern holte aus dem Winkel zwischen ihm und der Wand Felix’ Reitpeitsche hervor. Sie wog sie prüfend in der Hand, trat dann schnell auf Herrn de la Rouvière zu und schlug sie ihm zweimal mit aller Kraft durchs Gesicht. Dann warf sie die Peitsche fort und blieb hoch aufgerichtet vor ihm stehn. Er sah sie eine Weile ganz verständnislos an, griff dann mit beiden Händen an sein schmerzendes Gesicht und taumelte hinaus.
Vor der Haustüre blieb er stehn und nickte bedächtig mit dem Kopfe. Dann ging er langsam,sehr langsam, die Hauptstraße hinauf, am Volkshause vorbei und weiter am Flusse entlang zum Staubecken. Er ging dorthin, wo der Fluß in das Becken eintrat, sah lange auf das Wasser und stieg dann langsam und fröstelnd hinein. Er glitt aus, schrie auf, sah auf der Straße das Lastautomobil halten, sah ihm Leute entsteigen, die ihm zuwinkten, zuriefen; er wollte ans Ufer zurück, aber schon hatte ihn die Oberströmung erfaßt. Langsam führte sie ihn fort; er hörte das Brausen des Wasserfalles näher und näher, die Strömung wurde stärker, immer stärker, das Brausen kam näher, näher, jetzt –
Sechshundert Meter war die Felswand hoch, von der das Wasser senkrecht in das Meer stürzte.
Und am selben Abende verließ Herr von Hahnemann auf seinem Torpedoboot unverrichteter Sache die Schildkröteninsel.
Eineaußerordentliche Versammlung der Gemeinschaft – das war noch nie dagewesen. Und doch war niemand erstaunt, als die Vorsteherschaft durch Maueranschlag zu dieser einlud; es lag so viel ungelöste Spannung in der Luft, soviele Vermutungen waren nur halb ausgesprochen, von Mund zu Mund gegangen, daß alle es als eine Erleichterung empfanden, eine klare Darstellung aller jener unverständlichen Vorgänge zu erhalten. Und das galt nicht nur von der Bürgerschaft – gerade die Vorsteher fühlten stärker als je die Kluft, die sie von den Anderen trennte, und wollten auch Kenntnis von allen dunklen Strömungen erhalten, von denen sie nur den letzten Wellenschlag gefühlt hatten.
Erst als die Gemeinschaft vollzählig versammelt war, betraten die Vorsteher den großen Saal des Volkshauses. Otto Meyer übernahm als Stellvertreter des abwesenden Jakob Silberland den Vorsitz. Sogleich, nachdem auf ein Glockenzeichen Ruhe eingetreten war, mehr als Ruhe: Totenstille, erhob sich Paul Seebeck. Sein Gesicht war bleich, erschreckend bleich, und seine Augen lagen schwarz umrändert tief in den Höhlen.
»Liebe Freunde«, sagte er, »jetzt ist die ernsteste Stunde gekommen, die wir bis jetzt hier erlebt haben. Jetzt handelt es sich um ein klares Ja oder Nein. Jetzt muß entschieden werden, ob der Staat, den wir alle in treuer Zusammenarbeit errichtet haben, zerstört werden darf oder nicht. Wir können das Unglück noch abwenden. Noch können wir unser Werk uns und unseren Kindern erhalten. Aber ein mutiger Schritt ist dazu notwendig.
Wir haben Verräter im eigenen Lager gehabt, gemeine Schurken, die, um sich selbst vorwärts zu bringen, die Zukunft der Gemeinschaft opferten, und wieder andere, die aus einem falschen, kurzsichtigen Idealismus heraus, in bester Absicht, den Feind ins Land riefen. Vielleicht sehen sie jetzt ein, wie unverantwortlich leichtsinnig sie gehandelt haben und benutzen jetzt die Gelegenheit, ihr Unrecht wieder gutzumachen. Aber auch sie waren nur Werkzeuge, boten nur den erwünschten Vorwand zur Vernichtung unseres Werkes etwas früher, als es sonst geschehen wäre. Was geschah, mußte geschehen, früher oder später, und deshalb hat es keinen Zweck, Betrachtungen über Verschuldungen anzustellen oder Vorwürfe zu erheben. Jetzt muß gehandelt werden. Die Sache liegt so: das Deutsche Reich will uns nicht mehr unsere Freiheit lassen, man sieht dort, daß wir hier die Durchführbarkeitfreier Ideen beweisen und fürchtet die Einwirkung dieser Ideen auf die eigenen, innerpolitischen Verhältnisse. Jemand, der die gegenwärtig in Deutschland herrschende ultrareaktionäre Strömung kennt, versteht diese Furcht der zur Zeit regierenden Clique nur zu gut. Das wäre aber doch für uns nur ein Grund mehr, sollte ich meinen, unser Werk bis zum letzten Punkte durchzuführen, statt uns einfach vor Beschränktheit oder Bosheit zu ducken. Jetzt kommt aber eine große, große Frage, die ich Sie in aller Ruhe zu überlegen bitte: wenn wir uns hierher einen schnoddrigen Berliner Assessor setzen lassen, ist zwar unsere Arbeit vernichtet, und wir haben hier Zustände wie im schwärzesten Preußen, aber Sie haben Ruhe. Wenn wir uns aber das nicht gefallen lassen, sind wir Aufrührer und damit rechtlos, nach den heute üblichen Anschauungen nicht viel mehr wie wilde Tiere. Und da wird nicht gefragt weshalb wir uns nicht beugen, die Tatsache, daß wir es nicht tun, genügt. Kein Mensch in dem dumpfen Berliner Ministerium wird verstehen, daß man Menschheitsideale über hündischen Gehorsam stellt. Solche Gedanken sind uns reserviert.
Ich bin aber nicht so verblendet, Sie zu einem nutzlosen Widerstande zu verleiten, der nur den sicheren Untergang von uns allen bedeuten würde. Es gibt einen Ausweg, und das ist dieser: wir erklärenuns autonom und lassen uns dann von England annektieren. Als englische Kolonie können wir sicher sein, völlig ungestört weiter arbeiten zu können. Dazu haben wir noch einige Wochen Zeit; Herr Doktor Silberland ist gegenwärtig in Sidney, und ich werde nachher die Versammlung um die Ermächtigung bitten, Herrn Doktor Silberland zur Vornahme der notwendigen Schritte zu beauftragen.
Was ich bis jetzt getan habe, geht nur mich selbst an und kann für keinen anderen Bürger der Gemeinschaft nachteilige Folgen haben, solange sich die Gemeinschaft nicht solidarisch mit mir erklärt. Sie brauchen also nicht zu fürchten, daß ich Sie in irgend eine schwere Situation hineingebracht habe. Sie können ganz frei beschließen.
Wenn Ihnen unsere Sache aber lieb ist«, und Paul Seebecks müde Augen bekamen Glanz und Feuer, »wenn Sie als Männer für Ihr Werk eintreten wollen, dann können wir es retten. Bevor ein Kriegsschiff hier ist, können wir unsere Befestigungen vollenden und können uns halten, bis wir unter englischem Schutze stehen.
Ich mag darüber nichts mehr sagen, ich will Sie zu keinem folgenschweren Entschlusse überreden, den Sie später bereuen. Überlegen Sie es sich in Ruhe.«
Das eiskalte Schweigen, mit dem Paul Seebecks Rede angehört worden war, dauerte noch fort, als er wieder auf seinem Platze saß. Dann erklang hinter ihm eine Stimme:
»Nechlidow soll antworten; wo steckt er?«
Eine andere Stimme antwortete:
»Der kommt nie mehr zu den Versammlungen.«
Und schwer und hart sagte eine dritte Stimme:
»Nechlidow ist ein Lump, mag er sich ersäufen wie der andere. Ich halte zu Herrn Seebeck.«
Jetzt wich die Starre von der Versammlung; man redete, schrie durcheinander, die Gesichter wurden rot, Arme wurden bewegt, der Lärm stieg und stieg –
Paul Seebeck trat wieder auf das Podium, aber er konnte nicht sprechen. Die Leute verließen ihre Plätze, umdrängten ihn, drückten seine Hände, jeder, jeder einzelne wollte ihm Treue geloben.
Paul Seebeck wollte reden, wollte ihnen danken, aber er stammelte nur einige Worte und sank dann bewußtlos um. Er hörte nur noch Edgar Allans schneidend scharfe Stimme:
»Aber jetzt bitte nicht nur Worte, Leute, auch Taten.«
Paul Seebeck wurde in ein anstoßendes Zimmer getragen und Frau von Zeuthen und Otto Meyer übernahmen seine Pflege.
Inzwischen wurden die Verhandlungen unter Herrn von Rochows Vorsitz fortgesetzt. Paul Seebecks Vorschläge wurden einstimmig genehmigt, obwohl sich manche recht zögernd von den Sitzen erhoben. Unter dem brausenden Beifall der Versammlung verkündete Herr von Rochow darauf die Autonomie der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel.
Nochimmer keine Entscheidung von Sidney. Bei der immer stärkeren Spannung zwischen England und Deutschland wäre der Ausbruch eines Krieges in der allernächsten Zeit höchst wahrscheinlich, schrieb Jakob Silberland. Dann wäre die Annektion selbstverständlich. Bis dahin müßte man sich halten.
Und mit allen Kräften wurde gearbeitet. Fünfzig unverheiratete Männer wurden vom Hauptmann von Rochow im Gewehrschießen eingedrillt. Die Vorsteher und außer ihnen Felix und Melchior übten sich an den Geschützen, und manche Klippe da draußen im Meere war von den schweren Granaten des Festungsgeschützes bei Schießübungen getroffen, in die Luft geflogen.
Der »Vulkan« wurde inzwischen zur Aufnahme aller Nichtkämpfer eingerichtet. Welchem Zwecke die Gebäude dort auch ursprünglich bestimmt waren, jetzt wurde alles zu Wohnstätten eingerichtet, sogar die Umkleidezellen des Schwefelbades. Ein Fieber hatte alle ergriffen, ein Freiheitsrausch, und als sich nach fünf Wochen am Horizonte die Rauchsäule des Kreuzers zeigte, wurde er von den kampffrohen Männern mit Jubel begrüßt. Man war bereit,ihn zu empfangen. Vor Seebecks Haus standen in Reih und Glied die Infanteristen mit ihren Mausergewehren, die Stahlläden vor den Geschützscharten in Seebecks Keller waren aufgeklappt und die Geschütze nach vorn gerollt. Vier Meter ragte der hellgraue Lauf des Festungsgeschützes heraus. Es wurde von Edgar Allan und Felix bedient, während Otto Meyer und Melchior an den beiden Maschinengewehren standen.
Oben in Paul Seebecks Arbeitszimmer standen er und Frau von Zeuthen. Vor ihnen auf dem Schreibtische lag der Lageplan der Seeminen; die Stahltür an der Wand stand offen und zeigte die sechzig weißen Tasten.
»Wie weit ist das Schiff jetzt?« fragte Frau von Zeuthen.
Paul Seebeck sah prüfend durch sein Fernglas:
»Zehn Kilometer, schätze ich es jetzt.«
Einige Minuten später hielt der Kreuzer an. Ein weißes Wölkchen erhob sich und eine halbe Minute später rollten drei dumpfe Schüsse über die Stadt.
»Die waren blind!« rief Hauptmann von Rochow herauf.
»Noch zwei Kilometer, und das Schiff kommt in den Bereich unserer Minen.«
Aber der Kreuzer drehte sich auf der Stelle und wandte der Stadt seine Breitseite zu.
»Ja, da draußen konnten wir leider keine Minen legen, es ist zu tief«, sagte Paul Seebeck. »Aber hierher kommen können sie doch nicht. Und Silberland wird ja bald kommen; er weiß ja, daß in diesen Tagen der Kreuzer kommen mußte. Solange müssen wir uns eben halten. Das können wir auch.«
»Und wenn es nichts wird?«
Es zuckte um Paul Seebecks Mundwinkel, als er sagte:
»Sie wissen, daß ich für mein Werk sterben kann.«
Das Haustelephon, das den Keller mit Paul Seebecks Arbeitszimmer verband, klingelte. Seebeck nahm das Hörrohr:
»Ja.«
»Hier Allan. Was meinen Sie, sollen wir nicht den Salut beantworten? Es ist doch unhöflich, einen Gruß nicht zu erwidern.«
»Schön, aber blind. Wir wollen nicht anfangen.«
Das Haus bebte in seinen Fugen, als der Schuß krachte.
Einige Minuten später kam die Antwort: im Hafen stieg eine Wassersäule auf, der ein doppelter Knall folgte.
»Was jetzt?« – telephonierte Allan herauf.
»Abwarten, ob sie wirklich ernst machen. Je mehr Zeit wir gewinnen, desto besser«, gab Paul Seebeck zurück.
Aber Minute auf Minute verrann, eine Stunde, eine zweite, und nichts geschah.
»Die Herren erwarten wohl, daß wir die bewußte weiße Fahne aufziehen«, sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen.
Da hüllte sich plötzlich der Kreuzer in eine einzige Rauchwolke. Im Hafen erhob sich eine ungeheure Wasser- und Staubwolke, der ein donnerndes, krachendes Getöse folgte. Wie sich die Wolke verzogen hatte, sah man, daß alle Hafenanlagen mit der Landungsbrücke und den Lagerhäusern in Trümmern lagen. Die am Quai liegenden Fischerboote waren fast sämtliche verschwunden. Aber das wild wogende Meer war mit Trümmern und Balken bedeckt.
Und Schuß auf Schuß folgte, aber alle galten nur dem Hafen.
»Sie wollen uns so lange schonen, wie es geht, und das gefällt mir sehr, damit gewinnen wir Zeit«, sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen. Dann telephonierte er zu Allan:
»Wir dürfen erst schießen, wenn sie die Stadt selbst beschießen. Nicht vorher.«
Von unten her klangen Rufe, die man bei dem Getöse nicht verstehen konnte. Frau von Zeuthen trat ans Fenster und sah hinunter.
Auf ihrem völlig erschöpften Pferdchen ritt Hedwig die Hauptstraße hinunter, drängte sich durch die Infanteristen und stürmte die Treppe hinauf:
»Der Dampfer von Sidney liegt da hinten, dicht an der Insel; man kann ihn vom Vulkane aus sehen. Herr Silberland ist in einem Ruderboote vom Dampfer abgestoßen, ich konnte ihn ganz deutlich erkennen. Der Dampfer fuhr dann wieder weg.«
Paul Seebeck war aufgesprungen:
»Wo liegt der Dampfer? Wo?«
Hedwig beschrieb ihm die Stelle.
»Hierher rudern! War er allein?«
»Ja.«
»Um Gotteswillen, das sind ja über dreißig Kilometer. Wenn er das aushält. Wann war das?«
»Ich mußte zuerst herunterlaufen und mein Pferd holen. Ich bin so schnell geritten, wie ich konnte. Aber drei Stunden ist es mindestens her.«
»Dann kann er in zwei Stunden hier sein.«
Frau von Zeuthen strich ihrer Tochter über das erhitzte Gesicht:
»Leg dich etwas auf Pauls Bett, mein Kind, und ruh dich aus. Aber dann mußt du wieder zurückreiten, hörst du?«
»Darf ich nicht hier bleiben, Mutter?«
»Nein, das geht nicht, Kind.«
»Aber Fräulein Erhardt kommt auch, sie geht sogar zu Fuß, ich habe sie überholt.«
»Wenn du ihr auf dem Rückwege wieder begegnest, sag ihr, daß sie umkehren soll«, sagte Paul Seebeck. »Aber geh jetzt Kind und ruh dich etwas aus. Oder willst du etwas zu essen haben?«
Hedwig schüttelte schmollend den Kopf und ging in Paul Seebecks Schlafzimmer.
»Also nur noch zwei Stunden, dann wissen wir Bescheid«, sagte Paul Seebeck aufatmend. »Wenn Silberland es nur aushält.«
Hedwig war in Paul Seebecks Schlafzimmer gegangen, aber sie legte sich nur für einige Minuten auf sein Bett. Leise öffnete sie dann die Tür zum Badezimmer, schlüpfte durch dieses in die Küche und ging die Hintertreppe hinunter. Mit einigen Sprüngen hatte sie unbemerkt die nächsten Häuser erreicht und ging jetzt durch die kleinen Gäßchen, die die einzelnen Terrassen mit einander verbanden, zum Meere hinunter. In kurzen Zwischenräumen schlugen noch immer die Granaten in den Hafen.
Hedwig ging zu Nechlidows Häuschen, das gerade am Anfang der Fischerstraße lag. Mit klopfendem Herzen öffnete sie die Türe und trat ein.
Es war still im ganzen Hause. Hedwig trat ins Wohnzimmer ein. Hier war es fast dunkel, denn die Fenstervorhänge waren dicht zugezogen.
Nechlidow erhob sich von seinem flachen Sofa zu einer halbsitzenden Stellung.
»Sie kommen zu mir, dem Verfehmten? Wird man Sie nicht steinigen, wenn man das erfährt?«
Ein scharfer Knall in der Nähe, dem ein anhaltendes Prasseln und Krachen von niederstürzenden Mauerteilen folgte, ließ ihn aufstehen. Er trat zum Fenster und zog die Vorhänge zurück. Das gegenüberliegende Haus hatte sich in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt.
Nechlidow lachte bitter auf:
»Meine Schuld, nicht wahr?«
»Herr Nechlidow«, sagte Hedwig bittend und trat an ihn heran. »Glauben Sie nicht doch, daß Paul recht gehandelt hat?«
»Bei Gott, er hatte nicht recht, und wenn ich tausendmal daran Schuld trage, daß jetzt alles zusammenbricht. Ich habe das nicht gewollt. Ich habe nicht vorausgesehen, daß es so kommen würde. Aber es ist besser, daß diese riesige Lüge zusammengeschossen wird, als daß sie weiter lebt. Wer weiß, vielleicht kommen die englischen Schiffenoch rechtzeitig, und dann baue ich die Stadt wieder auf. Und wenn sie nicht kommen, um so besser, dann ist eine Halbheit weniger auf der Welt.«
»Sind Sie wirklich schuld daran?« fragte Hedwig schüchtern.
Nechlidow legte ihr beide Hände auf die Schultern und sah ihr in die braunen Augen:
»Weshalb kommen Sie mit dieser Frage zu mir?«
»Weil ich wissen will, was Sie sind.«
»Nein, Hedwig, es ist nicht meine Schuld. Die Leute sind daran schuld, sie sind ja alle behext, haben ihr bischen Vernunft ganz verloren. Wenn Seebeck aus lauter Sentimentalität die Dummheit begeht, seine Entlassung zu verweigern, weshalb ihm dann zustimmen, weshalb es zur Revolution kommen lassen! Wir hätten alles so glatt machen können, Seebeck hätte gehen müssen, Rouvière wäre Reichskommissar geworden. Aber da kam wieder der sinnlose Selbstmord von Rouvière dazwischen, und damit war alles verloren. Denn Rouvière hatte die Leute in der Tasche. Ja, und jetzt gehen mir dieselben Menschen, die unsere Klageschrift unterschrieben haben, wie einem Pestkranken aus dem Wege und lassen sich Seebecks schöner Augen wegen von ihm in den Tod führen. Eine Kette von unbegreiflichen Sentimentalitäten war wie immer der Grund alles Unglücks. Mein Fehler warnur, daß ich auf die Vernunft der Menschen vertraute. Das ist die Wahrheit, Hedwig.«
»Aber was soll jetzt kommen? Was werden Sie tun?«
»Ich? Ich warte, bis meine Zeit gekommen ist. Die da drüben mögen sich gegenseitig zerfleischen, wenn sie noch nicht reif für die Vernunft sind. Ich glaube an sie und an ihren endlichen Sieg. Ich glaube an die Menschheit.«
Hedwig sah vor sich hin. Dann schüttelte sie ihren Lockenkopf:
»Wollen wir nicht noch einmal zu unserer Landspitze hinausgehen? Wer weiß, wann wir wieder zusammen sein können.«
Und sie gingen Hand in Hand die Treppe hinunter und traten auf die Straße. Da schoß dicht vor ihnen auf der Straße ein blendend weißes Licht auf. Nechlidow taumelte zurück. Hedwig stieß einen leichten Schrei aus und fiel flach auf das Gesicht.
Nechlidow sprang auf sie zu, hob sie auf, drückte sie an seine Brust – sie schlug die Augen auf, lächelte noch einmal, wollte die Hand heben, aber ließ sie schlaff wieder fallen. Ihr Haupt sank zurück –
Ein Ruderboot wandte sich um die Landspitze, die die bewohnte Bucht von der Irenenbucht schied.
»Das ist Silberland«, rief Paul Seebeck Frau von Zeuthen zu.
Er lief die Treppe hinunter, auf die Straße, schrie Hauptmann von Rochow zu:
»Bleiben Sie hier. Handeln Sie nach Ihrem Gutdünken!« und stürzte dem Hafen zu. Mehrere Granaten schlugen in seiner Nähe ein und bedeckten ihn mit Staub. Unten angekommen, sah er um sich. Alles lag schon in Trümmern. In der Fischerstraße standen nur noch einige Häuser. Und horch! das Prasseln auf den Steinen, das Klirren an Fensterscheiben, die kleinen Springbrunnen auf dem Meere. Also hatten sie schon die Maschinengewehre in Tätigkeit gesetzt.
Da kam das Ruderboot. Jakob Silberland stand auf und rief etwas, was Seebeck des Lärmes wegen nicht verstehen konnte. Jakob Silberland setzte sich wieder an die Ruder. Jetzt war er nur noch zwanzig Schritte vom Strande entfernt. Wieder stand er auf. Sein Gesicht war verzerrt, Blut floß von seinen Händen herunter. Er schrie:
»Entente cordiale zwischen England und Deutschland; damit ist der Weltfriede endgiltig gesichert.«
Klack, klack, klack klang es im Boote und im Wasser – Jakob Silberland fuhr sich mit der Hand ins lange schwarze Haar und brach dann auf derBootsbank zusammen. Langsam füllte sich das durchlöcherte Boot mit Wasser und sank.
Paul Seebeck blieb mit verschränkten Armen stehn und sah das Boot versinken.
Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und er sah in Nechlidows bleiches Gesicht. An den Kleidern hatte er große Blutflecke. Er fragte:
»Darf ich zusammen mit Ihnen sterben, Herr Seebeck?«
Seebeck reichte ihm die Hand:
»Lassen Sie uns zusammen sterben, Sie für Ihre Idee, ich für mein Werk.«
Nechlidow schüttelte den Kopf:
»Ich sehe nichts mehr, weiß von keiner Vernunft mehr. Ich sehe nur noch einen Strom, dessen Wellen uns in die Höhe hoben, als wir ihn zu leiten glaubten, und der uns jetzt mitleidlos wieder in seine Strudel zieht. Aber ich sehe nicht, wohin er geht. Ich sehe nur noch Sie und will mit Ihnen zusammen sterben.«
»Kommen Sie«, sagte Seebeck. »Wir wollen den anderen sagen, daß wir alle sterben müssen.«
Aber auch oben hatte man Jakob Silberlands Untergang gesehen.
»Jetzt ist es genug!« rief Edgar Allan Hauptmann von Rochow zu. Dieser nickte. Und einige Minuten später donnerte das schwere Festungsgeschütz,begleitet vom Knattern der beiden Maschinengewehre.
Dies war aber nur ein Signal für den Kreuzer, seinerseits das Feuer zu verstärken. Und jetzt galten seine Schüsse nicht mehr dem Hafen. Überall schlugen die Granaten in die obere Stadt. An vielen Stellen brannten die Häuser.
Da kamen Paul Seebeck und Nechlidow zusammen die Straße herauf. Die Leute umdrängten sie, fragten, aber die beiden gingen hinauf in das Seebecksche Arbeitszimmer. Dort trat Paul Seebeck ans Fenster, wartete, bis das Feuer für einen Augenblick verstummte und rief dann mit scharfer klarer Stimme:
»Wir bekommen keine Hilfe von England. Wer ist bereit, mit uns für unser Werk zu sterben?«
Die Gesichter dort unten wurden groß. Wutschreie ertönten. Drohende Fäuste wurden emporgereckt. Aus dem Gebrülle waren nur einzelne Worte verständlich:
»Wir wollen uns nicht hinschlachten lassen!«
»Wir sind verraten.«
»Wir wollen die da oben ausliefern und uns ergeben ...«
»Drehen Sie die Geschichte herum«, sagte Edgar Allan zu Felix, und der gehorchte. Die noch rauchende Mündung des Festungsgeschützes war auf die Infanteristen gerichtet.
Da liefen sie, warfen die Gewehre fort, liefen, was sie konnten, nur fort, dem sicheren Hochlande, dem Leben, der Zukunft zu. Nur einer drehte sich um und feuerte einen Schuß ab, bevor er den anderen gleich sein Gewehr fortwarf.
Edgar Allan brach, ins Herz getroffen, lautlos zusammen.
An seine Stelle trat Nechlidow. Niemand fragte ihn, weshalb er gekommen sei, niemand machte ihm Vorwürfe. Man drückte ihm die Hand, und schweigend trat er an das Geschütz.
Hauptmann von Rochow warf noch einen Blick auf seine fliehenden Soldaten, dann ging er zu Seebeck hinauf.
Seebeck konnte ihm nur flüchtig zunicken, denn jetzt geschah draußen etwas Sonderbares: der Kreuzer stellte sein Feuern ein, und die Dampfbarkasse wurde ins Wasser gesenkt. Von der anderen Seite kam ein bemanntes Boot, das die Barkasse in Schlepptau nahm.
»Hört mit dem Schießen auf«, telephonierte Seebeck hinunter. »Vielleicht kommen die in friedlicher Absicht.« Aber so scharf er auch hinsah, er konnte keine weiße Fahne bemerken.
»Sind denn die Leute wahnsinnig? Sie wissen doch, daß Seeminen da draußen liegen!« rief Seebeck.
Die Dampfbarkasse nahm aber nicht den Weg nach dem Hafen zu, sondern fuhr auf die Landspitze bei der Irenenbucht zu.
»Die glauben, daß da keine Minen liegen und wollen da landen. Herr von Rochow, ich bitte Sie!« Hauptmann von Rochow stürzte zum Tastbrett, und Paul Seebeck beugte sich über den Plan. Die Barkasse kam näher, war jetzt bei der flachen Klippe –
Fragend sah Herr von Rochow Seebeck an, der mit verschränkten Armen und zusammengepreßten Lippen ans Fenster getreten war.
»Siebenunddreißig, achtunddreißig, zweiundvierzig«, sagte er kurz und scharf.
Wie um einen Akkord zu spielen, drückte Hauptmann von Rochow die drei Tasten nieder, und draußen schoß ein ungeheurer Wasserberg in die Luft und stürzte dann mit donnerndem Gebrüll zusammen. Boote und Klippe waren verschwunden.
Herr von Rochow griff sich mit beiden Händen taumelnd an den Kopf:
»Deutsche, deutsche Soldaten«, murmelte er wie irrsinnig. Dann richtete er sich kerzengerade auf, zog einen Revolver aus der Tasche und schoß sich in die Schläfe.
Seebeck wandte sich beim Knalle um; spöttisch lächelnd sah er auf die Leiche.
Frau von Zeuthen war entsetzt aufgesprungen. Dann setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl. Seebeck trat auf sie zu:
»Gehen Sie jetzt, Gabriele. Denn dem, was jetzt kommen wird, sind die Nerven keiner Frau gewachsen. Gehen Sie, Sie müssen sich Ihren Kindern erhalten.«
Sie stand auf und schüttelte energisch den Kopf:
»Ich bleibe bei Ihnen, meinetwegen –«
»Nichts geschieht Ihretwegen«, unterbrach sie Seebeck schroff. Dann setzte er aber sanft hinzu: »Denken Sie an Ihre Kinder, Gabriele. Sie haben noch eine Aufgabe auf dieser Welt, wir nicht mehr. Und nehmen Sie Felix mit; wozu soll er sich hier verbluten. Sie können ihm nach zehn Jahren erzählen, was sich hier alles vor seinen Augen abgespielt hat. Dann wird er es verstehen und davon lernen. Und grüßen Sie Ihre kleine Hedwig von mir.«
Da sank Frau von Zeuthen vor ihm nieder und küßte seine Hände. Er hob sie auf und zog sie an seine Brust. Draußen krachten wieder die Granaten, und unten donnerte das Festungsgeschütz, begleitet vom Knattern der beiden Maschinengewehre.
Frau von Zeuthen riß sich los:
»Felix muß bei Ihnen bleiben, Seebeck! Das Opfer muß ich Ihnen bringen. Er ist ein Mann. Er soll Ihr Geschick teilen. Ich gehe zu Hedwig.«
Paul Seebeck trat ans Telephon.
»Felix soll herauf kommen.«
Das schwere Geschütz verstummte und Felix kam herauf.
»Was gibt’s?«
»Du mußt deine Mutter zum Vulkane zurückbegleiten.«
»Aber Paul!«
»Du mußt! Hol dein Pferd für deine Mutter.«
»Paul, ich will bei dir bleiben.«
»Felix, es hat keinen Sinn mehr. Denk was für ein Leben du noch haben kannst und denk an deine Mutter.« Er legte den Arm um Felix Schulter und führte ihn Frau von Zeuthen zu:
»Wollen Sie wirklich Ihren Jungen hier lassen?«
Da schlang die Mutter die Arme um ihr Kind, unter strömenden Tränen rief sie:
»Felix, komm mit mir!«
Er entwand sich ihren Armen und sah Paul Seebeck an. Dieser sagte:
»Du sollst mein Erbe sein, Felix; sieh zu, ob du mein Werk fortführen kannst, und das mit mehr Glück. Geh meines Werkes wegen.«
Felix kämpfte mit sich. Dann sah er mit seinen strahlenden, braunen Augen Paul Seebeck an und sagte:
»Aber das verspreche ich dir, Paul, ich werde mich ebenso halten wie du.«
Paul Seebeck strich ihm über das Haar.
»Gut, mein Junge. – Aber geh jetzt und hol dein Pferd.«
Jetzt ging die Sonne unter, und der Kreuzer stellte sein Feuern ein. Wenige Minuten später war es dunkle Nacht, in der hier und da die Flammen von den brennenden Häusern emporloderten.
Da hob sich riesengroß die rotgelbe Scheibe des Vollmondes über den Horizont, beleuchtete den Kreuzer und sein Werk. Schaurig sahen im kalten Lichte die Trümmer aus. Und nun begann der Kreuzer wieder zu feuern; unter donnerndem Krachen stürzte das große Volkshaus zusammen.
»Kommen Sie, Gabriele, jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren.« Er begleitete sie bis zur Hauptstraße und weiter bis zu den rauchenden Trümmern des Volkshauses. Da tauchte ein Schatten hinter ihnen auf, und Felix holte sie auf seinem Pferde ein.
»Ich möchte nur noch schnell von den anderen Abschied nehmen, geh nur voraus, Mutter!« rief er und galoppierte zurück.
»Leben Sie wohl, Gabriele. Mein Versprechen habe ich gehalten, nicht wahr?« Und dann wandte er sich schnell ab und ging hinunter.
Frau von Zeuthen ging langsam den Berg hinauf und weiter auf der Straße hin. Als sie das Staubecken erreichte, schrak sie zusammen, denn vor ihr erhob sich eine dunkle Gestalt. Aber der Mond erleuchtete ein bekanntes Gesicht.
»Fräulein Erhardt?«
»Ja, gnädige Frau!«
»Wollen Sie zur Stadt?«
»Ich kann nicht mehr gehen, ich bin so müde. Wo ist Felix?«
»Er ist in einigen Minuten hier. Ist Ihnen nicht Hedwig begegnet?«
Fräulein Erhardt schüttelte den Kopf:
»Nein, aber ich glaube, ich habe mehrmals auf dem Wege geschlafen. Sie wird an mir vorbeigeritten sein, ohne daß ich sie bemerkte. Aber Felix kommt, mein Felix!«
Frau von Zeuthen hatte sich neben sie gesetzt und strich ihr sanft über den Leib. Da schlang Fräulein Erhardt die Arme um ihren Hals und flüsterte ihr zu:
»Ich habe ja ein Kind von ihm.«
Frau von Zeuthen küßte sie:
»Liebe Tochter«, sagte sie.
Dann schwiegen sie beide, saßen im bleichen Lichte des Vollmondes einsam auf der Ebene und warteten, warteten – –
Als Paul Seebeck von der Hauptstraße wieder auf sein Haus zu einbog, blieb er wie erstarrt stehen, denn aus dem Kellerfenster schoß eine Stichflamme, der ohrenbetäubender Knall folgte. Paul Seebeck griff sich an die Stirn und stürzte dann hin. Dichter, beißender Rauch quoll aus den Fenstern, verhüllte die Läufe der drei Geschütze –
Er sprang die Treppe hinunter, von unten klang ihm leises Wimmern entgegen. Die Lampe war verlöscht, aber das weiche Dämmerlicht der Mondnacht erfüllte den Raum.
Auf dem Boden lag Nechlidow in den letzten Zügen, der ganze Leib war ihm aufgerissen. Über den Verschluß des Geschützes gebeugt lag Felix. Paul Seebeck hob ihn auf. Felix schlug die Augen auf und lächelte:
»Du, Paul, ich wollte Nechlidow doch wieder helfen; er konnte das Geschütz nicht allein bedienen.«
Paul Seebeck betastete ihn. Auf der rechten Brustseite war ein kleiner nasser Fleck. Seebeck riß die Kleider auf; das Blut strömte.
»Muß ich sterben, Paul? Dann grüß die andern.«
»Nein, nein du bleibst leben. Hab keine Angst. Schlaf jetzt nur etwas.«
»Ja«, sagte Felix, »ich bin so müde.«
Und Paul Seebeck bettete den sterbenden Knaben so gut er konnte auf den Boden.
Unter seinem Maschinengeschütz lag Otto Meyer, ein Granatsplitter hatte ihm den Oberschenkel zerfetzt. Er reichte Seebeck die Hand:
»Du, sag mal, kannst du mir nicht irgend einen passenden Ausspruch empfehlen? Ich kann doch nicht so ganz klanglos sterben. »Ich sterbe für die Freiheit«, oder etwas ähnliches?«
»Du stirbst, weil du ein anständiger Kerl bist.«
»Also gut: ich sterbe, damit die Anständigkeit lebe! Bravo. Schluß. – Es war so schön, mit dir zusammenzuarbeiten, Seebeck. Ich danke dir dafür.«
Dann sank er zurück.
Paul Seebeck trat an Melchior heran, der bewußtlos in einer Blutlache an der Wand lag. Wie er ihn untersuchte, schlug er die Augen auf:
»Herr Seebeck, Sie? Gut, daß Sie kommen. Ich habe es gefunden!«
»Was haben Sie gefunden?«
»Das Problem der Menschheit habe ich gefunden. Hören Sie!« Er versuchte sich aufzurichten, aber sank wieder zusammen.
»Das Problem der Menschheit!« Seebeck lachte auf. »Da draußen haben Sie das Problem der Menschheit!« Und er wies auf das Kriegsschiffhinaus, das jetzt langsam sein Feuern einstellte.
»Seebeck, schämen Sie sich! Wer wird einen Spezialfall verallgemeinern. Hören Sie, ich habe nicht mehr viel Zeit, glaube ich.«
Paul Seebeck verschränkte die Arme und sah dem Sterbenden gerade ins Gesicht.
»Ich höre«, sagte er.
»Sie erinnern sich noch an alle unsere Gespräche? Sie alle haben am Problem mitgearbeitet, Sie alle haben mir Bausteine gegeben. Jetzt habe ich aber die Formel gefunden. Sie erinnern sich, daß alle Fragen immer wieder auf denselben toten Punkt kamen, daß man die Begriffe gleichzeitig als fortgeschrittener, wie auch als rückständig in den Bezug auf den realen Stand der Menschheit ansehen kann. Da kam Herr Otto Meyer mit dem Einfall, daß sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet sein müßten, um verschieden zu erscheinen. Lebt er noch?«
»Nein, er ist tot.«
»Schade, es hätte ihn sicher interessiert. Sehen Sie, Herr Seebeck, jetzt habe ich die beiden Standpunkte; den niedrigen des einzelnen Menschen und den hohen der gesamten Menschheit. Wenn sich aus uns allen kleinen gleichgiltigen Einzelwesen jetzt das ungeheure Individuum der Menschheitaufbaut – solange ich selbst unter den Arbeitern lebte, habe ich diese Kristallisation gefühlt, aber nicht begriffen, ich fühlte, wie sich die Zellen instinktiv zusammenschlossen, obwohl sich jede einzelne krampfhaft dagegen wehrte – dann müssen ja unsere Gedanken klein sein, die der Menschheit sind aber groß, für uns ebenso unbegreiflich groß, wie die Zelle in unserem Körper nichts von unseren Gedanken versteht, und doch baut sie Körper und Leben auf.
Aber da haben wir als Ausgleich jene Begriffe, halb einzel-menschlich, halb universal-menschlich, dem Menschen zu hoch, der Menschheit zu niedrig. Sie zeigen weder den Standpunkt des Menschen, noch den der Menschheit, sondern gerade die noch ungelöste Spannung zwischen beiden Teilen.
Prüfen Sie es doch nur an irgend einem Beispiele: denken Sie an die Ehe. Dem einzelnen Menschen ein praktisch fast unerreichbares Ideal, für die Menschheit veraltet. Denn vom hohen Standpunkte der Menschheit aus gesehen, gleichen sich die im Einzelfalle eintretenden Hindernisse aus; und für den Gesamtdurchschnitt wird dann die Ehe nicht zu hoch, sondern zu niedrig.
Oder denken Sie an die Orthographie einer Sprache, die zwar scheinbar rückständig ist, in Wirklichkeit aber die großen, ewigen Gesetze undWandlungen der Sprache, dieses Gutes nicht eines Einzelnen, sondern der Menschheit wiedergibt.«
»Und wie erklären Sie dieses Beispiel hier?« fragte Paul Seebeck und wies auf die Leichen um sie her.