Achtundzwanzigstes KapitelDie Rekognoszierung

»Der Präsident Brand geht langsam und bedächtig,« sagte der Schatzsekretär zu Pieter Maritz, als er mit ihm zusammen das Haus des Präsidenten verlassen hatte. »Er ist der Sohn eines Engländers, und man hat bei uns wohl davon gesprochen, daß er lieber von England Gunst und Gnaden, die ihm sicher sind, annehmen, als das ungewisse Los des Krieges für die Freiheit wagen möchte. Er will abwarten, wie der Krieg sich wendet, und hofft auf eine günstige Gelegenheit, den Vorteil des Oranjefreistaats zwischen beiden Parteien wahrzunehmen. Wir sind auf uns selbst gestellt, mein junger Freund.«

»Wir werden den Krieg auch allein zu Ende führen,« entgegnete Pieter Maritz zuversichtlich.

»Das gebe Gott!« setzte der Schatzsekretär hinzu.

Der Wagen des Herrn Swart bot den beiden aus Kimberley geflüchteten Buern ein willkommenes Mittel, nach Transvaal zurückzukehren. Der Schatzsekretär lud sie ein, mit ihm zu fahren, und schon am folgenden Morgen reisten sie ab und durcheilten wie im Fluge das weite Land. Sie setzten südlich von Potschefstroomüber den Vaalfluß und erreichten an einem der ersten Tage des Jahres 1881 diese ehemalige Hauptstadt der Republik. Sie hatte sich sehr verändert, seitdem Pieter Maritz sie als Gefangener der Engländer gesehen hatte. Oberst Winslow und ein halbes Dutzend anderer Offiziere nebst mehreren Engländern, die in Potschefstroom gewohnt hatten, waren nun mit der kleinen englischen Garnison im Fort eingeschlossen, und ringsum standen die Posten einer starken Buernschar, welche das Fort belagert hielt. Andere englische Offiziere, wie Major Clarke und Kommandant Raaf, waren von den Buern gefangen genommen worden und wurden in einem Hause der Stadt bewacht. Die Stadt selbst hatte ein kriegerisches Aussehen. Die Buern aus den entfernteren Teilen des Landes kamen nach und nach zusammen, um sich auf dem wichtigsten Punkte, nahe der Grenze von Natal, zu vereinigen, und lange Reiterzüge waren zu erblicken. Ähnlich war es in Pretoria, wohin der Schatzsekretär sich mit Pieter Maritz begab, während der ältere Buer sich in Potschefstroom von ihnen trennte. Auch das Fort von Pretoria war von Buern belagert, und die Stadt zeigte in ihrem Aussehen den begonnenen Krieg an. Die fremden Abenteurer waren verschwunden, keine englische Uniform war mehr zu sehen. Eine ernste, feierliche Stille lag auf der Einwohnerschaft, und hohe starke Männer in voller Waffenrüstung, alle mit dem breitkrempigen Hut und der guten Büchse, durchschritten und durchritten die Straßen.

Mit wahrer Wonne fand Pieter Maritz hier sein Pferd und seine Waffen wieder, die ihm Lord Fitzherbert, seinem Versprechen getreu, dorthin, zu einem Buern gesandt hatte, bei dem Pieter Maritz seit seiner Rückkehr aus dem Zulukriege wohnte. Er gürtete den spanischen Degen um, hängte die vom Vater ererbte vortreffliche Büchse über die Schulter, schwang sich freudig in den Sattel und ritt alsbald nach Heidelberg, wo das Lager des Buernheeres sich befand. Die englischen Truppen hatten sich, soweit sie nicht in den Forts belagert wurden, aus dem Lande zurückgezogen.

Pieter Maritz ritt dieselbe Straße, auf welcher ihm vor fast drei Wochen die Dragonerpatrouille begegnet war und auf der heute nur Landsleute, bewaffnete Buern auf schnellen Pferden, zu sehen waren. Er erreichte Heidelberg, und sein Herz schlug höher, als er das ausgedehnte Lager erblickte. Die kleine Stadt selbst war voll von Männern, und auch daneben lagerten im Felde viele hundert Streiter. Überall waren die Verdecke der großen Wagenzu sehen, und neben den Wagen auf dem grünen Rasen die Zugochsen und die Pferde. Viele Feuer brannten, und der Rauch wirbelte durch die klare Luft empor, unzählige Kaffern waren beschäftigt, die Feuer zu nähren und die weißen Männer zu bedienen, die im Felde lagen.

Pieter Maritz begab sich nach Heidelberg hinein und suchte den Kommandanten des Heeres, den Feldkorporal Joubert, auf. Er ward nach einem Hause gewiesen, über dessen Dach die Flagge von Transvaal, der Vierklör, wehte, drei Streifen horizontal, rot, weiß und blau, dazu ein senkrechter Streifen, von grüner Farbe, nahe der Flaggenstange. Dies Zeichen der Unabhängigkeit des Vaterlandes, welches im Lager der Buern den Standort des Hauptquartiers anzeigte, erfüllte des Buernsohnes Brust mit stolzer Freude. Indem er hinanjagte bis vor die Fahne, schwang er den Hut hoch in der Luft und rief aus vollen Lungen Hurra für die Südafrikanische Republik.

Vor der Thür des Hauses saß ein kleiner Kreis älterer Männer in Beratung beisammen. Sie rauchten ihre Pfeifen in ruhiger Gelassenheit und blickten über das Lager hin, das sich im Thale unter ihnen ausbreitete. Als sie den Jubelruf des Buernsohnes vernahmen, lächelten sie, und einer von ihnen, in welchem Pieter Maritz den General erkannte, rief ihm mit mächtiger Stimme einen Willkommengruß zu. Pieter Maritz sprang aus dem Sattel und näherte sich.

»Nun, mein lieber Neffe,« sagte der General, ihm die Hand schüttelnd, »wo haben Sie denn so lange gesteckt? Ich habe schon nach Ihnen ausgeschaut unter den Männern Ihrer Gemeinde, aber habe Sie nicht finden können.« Pieter Maritz erzählte seine Erlebnisse.

»Ei, mein armer Junge,« sagte General Joubert, »da sind Sie übel gefahren! Aber es freut mich, daß Sie sich aus dem Loche herausgemacht haben. Ein richtiger Buernjunge kommt doch überall durch! Die Gefangenschaft wird Sie nicht freundlicher gegen die Rotröcke gestimmt haben, und ich denke, Sie werden ihnen den Ärger in richtigen Hieben zurückzahlen. Nun setzen Sie sich einmal hier mit her, denn Sie kommen mir gerade wie gerufen.«

Pieter Maritz setzte sich, bescheiden grüßend, mit zu den versammelten Männern, alten Buern mit kühnen, wetterbraunen Gesichtern, und der General sagte: »Wir haben erfahren, daß General Colley im Anmarsch ist, und er möchte jetzt wohl nahe bei Newcastleoder schon in der Stadt selbst sein. Er kann nicht viele Mannschaft bei sich haben, schwerlich viel mehr als tausend Mann. Aber er will den Stier bei den Hörnern packen. Er kommt gerade auf die Ecke losmarschiert, welche Natal an unserm Distrikt Utrecht hin vorschiebt, und möchte wohl die Garnisonen befreien, welche wir eingesperrt halten. Die stolzen Engländer können den Gedanken nicht ertragen, daß wir dem Gouverneur von Transvaal samt seinen Soldaten den Daumen aufs Auge gedrückt und sie wie die Maus in der Falle haben.«

Ein tiefes stilles Lachen brach aus Jouberts Brust hervor, und die Buern um ihn her stimmten herzlich in das Lachen mit ein, so daß ihre mächtigen Schultern bebten.

»Sir George Pomeroy Colley möchte, wie mir scheint, auf der kürzesten Linie hierher kommen,« fuhr der General fort. »Er möchte die gute breite Straße marschieren, die von Newcastle direkt nach Pretoria führt. Aber da muß er doch, wie ihr alle wißt, durch einen Zipfel Land, der seine Schwierigkeiten hat. Ich denke, daß wir ihn mit Gottes Hilfe nicht durchlassen werden. Er muß durch die Drakensberge hindurch, um auf das Hooge Veldt zu kommen, und wir wollen ihn mit Gottes Hilfe noch in den Drakensbergen fassen, ehe er die Ebene zu sehen bekommt. Er darf gar nicht seinen Fuß auf transvaalschen Boden setzen, er soll noch in Natal selbst, in den Bergen zwischen Newcastle und dem Hooge Veldt die Buern kennen lernen, falls er den Mut hat, weiter vorzurücken.«

»Das soll er, das soll er,« sagten die Buernführer. »Wir lassen ihn nicht auf transvaalschen Boden.«

»Ich will morgen eine starke Schar vorrücken lassen, welche die Pässe besetzt, die in unser Land führen,« fuhr der General von neuem fort. »Nur giebt es mehrere Wege von Newcastle aus durch das Gebirge. Die Engländer können über den Buffalo gehen und auf Wakkerstroom ziehen, aber sie können auch auf dem rechten Ufer des Buffalo bleiben und den nächsten Weg, den Fluß aufwärts, hierher kommen. Was sie nun thun, das müssen wir zu erfahren suchen, und einige flinke Burschen sollen sich dem Engländer an die Seite heften und genau beobachten, was er beginnt. Dann sollen sie uns beizeiten Meldung geben, damit wir ihm entgegengehen können.«

Der General blickte Pieter Maritz bei diesen Worten an, und der Buernsohn errötete vor Vergnügen.

»Pieter Maritz,« sagte General Joubert, »Sie kennen ja die Engländer gut, Sie sind mir der rechte Mann zu einem solchen Auftrage. Sie und noch ein Dutzend tüchtige Reiter sollen morgen früh aufbrechen und die Engländer suchen.«

Glücklich über den ehrenvollen Auftrag entfernte sich Pieter Maritz und stieg wieder zu Pferde, um die Männer seiner Gemeinde aufzusuchen, welche sich im Lager befanden. Er kam an der kleinen Kirche vorbei und sah, daß die Buern in großer Anzahl hineinströmten, um den Abendgottesdienst zu feiern. Sie gingen ernst und schweigend, und viele trugen ihre Bibeln unter dem Arme. Dann ritt er dem Lager zu. Es war ihm auffallend, wie sehr sich das Buernlager von den Lagern der Engländer unterschied, die er so oft durchritten und in denen er so manchen Tag und so manche Nacht verbracht hatte. Hier bei den Buern war kein fröhlicher Gesang, kein scherzendes Gespräch, kein Ausbruch militärischer Lustigkeit und militärischer Roheit. Hier wurde nicht geflucht, nicht getrunken und nicht gespielt, hier wurde nicht mit Marketenderinnen und andern Frauenzimmern aus den Kolonien Spaß getrieben. Überall herrschte Schweigen, oder die Buern waren in langsamem, ruhigem Gespräch beisammen. Die Äußerungen, welche Pieter Maritz auf seinem Wege vernahm, wenn er nahe bei den Gruppen der großen schweren Männer vorbeikam, waren von ganz andrer Art, als er bei den Engländern zu hören gewohnt war.

»O, welch ein böses Volk die Engländer sind!« hörte er sagen. »Ist es nicht schlimm, daß wir für unser Besitztum und unser Recht noch kämpfen müssen? — Es ist nicht gut, daß Christen miteinander Krieg führen sollen. — Die Engländer plagen uns doch recht. — Gott wird der gerechten Sache den Sieg verleihen.« — Solche und ähnliche Reden hörte Pieter Maritz auf seinem Ritt an den Feuerplätzen und Ochsenwagen hin, und wenn er nicht den Charakter seiner Landsleute gekannt hätte, so hätte er beim Anblick der Ruhe und Stille wohl auf den Gedanken kommen können, daß eine gedrückte, ängstliche Stimmung auf diesem Heere laste, dessen Kämpfer Weib und Kind und Haus und Herde verlassen hatten, um gegen ein mächtiges Reich zu kämpfen. Aber Pieter Maritz kannte diese Ruhe besser; er wußte, daß diese stillen Männer entschlossen waren, nicht eher die Waffen niederzulegen, als bis sie ihr Vorhaben siegreich durchgeführt hätten, und daß sie im Bewußtsein ihres Rechts die Menge der Feinde nicht zählten, nichtdaran dachten, daß ihr ganzes Volk im Vergleich mit dem britischen Weltreich nur eine kleine Gemeinde war.

Als Pieter Maritz den Platz erreichte, wo seine Freunde und Verwandten, Baas van der Goot, sein Oheim Klaas und die andern Buern aus der Gemeinde lagerten, fand er sie im Kreise versammelt und sah Baas van der Goot mit einer Bibel in ihrer Mitte stehen. Der alte Krieger hatte seine große Hornbrille aufgesetzt und schickte sich an, ein Kapitel zu lesen. Pieter Maritz band sein Pferd an und gesellte sich mit abgezogenem Hute zu der andächtigen Menge. Der rote Schein der tiefstehenden Sonne beleuchtete den weißen Bart und das spärliche weiße Haar des Ältesten. Er hielt in seinen gewaltigen braunen Händen die Bibel empor und las dann mit größter Langsamkeit und einer tiefen Stimme, die aus der mächtigen Brust wie aus einem tiefen Keller hervorklang, das Kapitel von Gideons Sieg über die Midianiter. Wie die Engländer in ihren Gottesdiensten das Neue Testament, so legten die Buern in ihren Gottesdiensten fast immer das Alte Testament zum Grunde, und Pieter Maritz war daran gewöhnt, die Buern sich selbst als das auserwählte Volk, Engländer und Kaffern aber als Philister und Amalekiter, Midianiter und Baalsdiener betrachtet zu sehen.

Sehr langsam, Silbe nach Silbe bedächtig hervorholend, las der Älteste: »Und die Midianiter und Amalekiter und alle aus dem Morgenland hatten sich niedergelegt im Grunde wie eine Menge Heuschrecken; und ihre Kamele waren nicht zu zählen vor der Menge, wie der Sand am Ufer des Meeres. Da nun Gideon kam, siehe da erzählete einer einem andern einen Traum und sprach: Siehe, mir hat geträumet, mich deucht, ein geröstet Gerstenbrot wälzte sich zum Heer der Midianiter; und da es kam an die Gezelte, schlug es dieselbigen und warf sie nieder und kehrete sie um, das oberste zu unterst, daß das Gezelt lag. Da antwortete der andere: Das ist nichts anderes, denn das Schwert Gideons, des Sohns Joas, des Israeliten. Gott hat die Midianiter in seine Hände gegeben mit dem ganzen Heer. Da Gideon denn hörete solchen Traum erzählen und seine Auslegung, betete er an und kam wieder ins Heer Israel und sprach: Macht euch auf, denn der Herr hat das Heer der Midianiter in eure Hände gegeben.«

Der alte Mann las wohl eine halbe Stunde lang an dem Kapitel, und er wie seine Zuhörer waren durchdrungen von dem Glauben, daß der Sieg Gideons eine Vorbedeutung für ihrenKampf mit General Colley und eine gute Verheißung sei. Dann stimmte Baas van der Goot, nachdem er die Bibel zugeklappt hatte, einen geistlichen Gesang an, und die Buern stimmten kräftig ein. Sie sangen gewaltig langsam und zogen die Töne mit einer Art von Heulen lang hin, dazu waren die Kehlen dieser riesigen Männer sehr rauh, aber die Inbrunst der Andacht verlieh dem frommen Liede etwas Erschütterndes für den Zuhörer, wenn er bedachte, daß diese starken Krieger sich zu einem Kampf auf Tod und Leben bereit machten.

Nach dem Gottesdienst setzten sie sich zum Abendessen nieder, und die Kafferndiener brachten ihnen große Schüsseln mit Maisbrei und weitbäuchige Kannen voll Kaffee.

Pieter Maritz erkundigte sich bei seinem Oheim Klaas nach dem Kampfe am 20. Dezember vorigen Jahres, bei welchem dieser gegenwärtig gewesen war.

»Wir waren von Pretoria aufgebrochen,« erzählte der Oheim, »weil wir gehört hatten, daß die Engländer von Lydenburg herankämen. Es sind gottlose Leute, die Engländer, denn sie waren am Sonntag von dort abmarschiert. Wir begegneten ihnen am Montag halbwegs zwischen Lydenburg und Pretoria und waren unser ungefähr zweihundert Mann. Als wir sie marschieren sahen, schickten wir in aller Ordnung einen der Ältesten mit einem weißen Tuch an seiner Büchse gegen sie ab und ließen ihnen sagen, sie möchten umkehren und in Lydenburg bleiben, denn es sei jetzt Krieg, und wir wünschten nicht, daß sie nach Pretoria kämen. Aber der Oberstleutnant Anstruther, der die Truppen kommandierte, war sehr unfreundlich und sagte, er hätte Befehl nach Pretoria zu marschieren, und werde sich nicht um unsere Wünsche kümmern. Der Älteste sagte ihm nun, daß es uns leid thun würde, auf Christenmenschen schießen zu müssen, daß wir aber nicht anders könnten, wenn er gegen unsern Willen weiterginge. Da antwortete der Oberstleutnant, wir möchten uns nur unterstehen, die Truppen Ihrer Majestät anzugreifen, dann würde er uns zeigen, welche Strafe eine solche Verwegenheit nach sich ziehe. Nun kam unser Ältester zurück und teilte uns das mit, und darauf legten wir uns schnell in einem Halbkreise quer über den Weg, den die Engländer kommen mußten, und deckten uns hinter den Steinen an den Hügeln. Als nun wirklich die Engländer weitergingen, da fingen wir an zu schießen, und sie wollten darauf eine Schützenkette bilden und uns angreifen. Aber wir schossen ihnen zuerst die Offiziere nieder, so daß sie ganzverwirrt durcheinander liefen, und als wir dann noch ein wenig auf die Soldaten geschossen hatten, schwenkten sie mit weißen Tüchern und baten um Gnade. Da kamen wir heran und nahmen die, welche noch lebten, gefangen.«

»Wie lange dauerte das Gefecht denn wohl?« fragte Pieter Maritz.

»Es mag wohl zehn Minuten lang gedauert haben,« sagte der Oheim. »Aber sie hatten hundertundzwanzig Mann tot und verwundet, außer den Offizieren, und wenn sie nicht um Frieden gebeten hätten, wären sie bald alle am Boden gewesen.«

»Und hattet ihr keine Verluste?«

»O doch,« sagte der Oheim. »Jan Greyling bekam etwas ab. Er hatte sich nicht ordentlich gedeckt und eine Kugel hat ihm die linke Schulter gestreift. Aber er geht schon wieder umher.«

Pieter Maritz schlief in seines Oheims Wagen, und früh am andern Morgen machte er sich auf und meldete sich beim General Joubert, der noch zehn andere Buern aufgerufen hatte, um mit Pieter Maritz zusammen zu reiten. Es waren lauter junge Leute mit schnellen Pferden, und der General sagte ihnen, daß sie Pieter Maritz folgen und gehorchen sollten, da dieser unter ihnen die größte Kriegserfahrung habe. Dann machten sie sich auf den Weg und durchmaßen das freie, hügelige Land des Hooge Veldt, um die Drakensberge zu erreichen.

Pieter Maritz kannte das Land. Die Drakensberge hatte er schon vielfach durchmessen, zuerst viel weiter nach Norden hin auf seiner Reise zu Titus Afrikaner und zum Zululande, dann auch in dem südlicheren Teile bei seinen Ritten von Isandula her und bei den Freiwilligen unter Leutnant Dubois. Der Teil des Gebirges, den er nun durchspähen sollte, lag nicht sehr weit von Rorkes Drift und den Kampfplätzen zu Anfang des Zulukrieges entfernt.

Die Buern wollten ihre Pferde nicht ermüden, darum legten sie den Marsch bis zum Gebirge nicht in einem Tage zurück, wie sie wohl gekonnt hätten, sondern ritten am ersten Tage nur bis zum Vaalfluß, übernachteten am Ufer unter freiem Himmel und ritten am zweiten Tage bis zum Fuß des Gebirges nahe der Grenze von Natal. Von Engländern war noch nichts zu sehen noch zu hören. Sie ritten weiter, und Pieter Maritz teilte seinen Haufen in zwei Teile. Fünf Reiter gingen über den Buffalo, an dessen linkes Ufer, und sollten dort den Strom entlang vorgehen, Pieter Maritz blieb mit den andern fünf auf der Straße, die amrechten Ufer nach Newcastle führte. Es ward verabredet, daß sie sich, wenn unterwegs nichts vorfiele, bei der Furt im Norden von Newcastle wieder treffen sollten. Diese Furt lag an der alten Poststraße zwischen Newcastle und Wakkerstroom.

Pieter Maritz ritt mit seinen Begleitern über Berg und Thal auf einer guten Straße und kam zu mehreren Wirtshäusern und einzeln liegenden Gehöften. Er war hier auf feindlichem Gebiet, und er rückte vorsichtig vorwärts, indem ein einzelner Buer vorausritt und den Nachfolgenden Zeichen gab, ob alles sicher sei. So kamen sie zum »Coldstream Inn«, dann zu einer Farm mit Namen Langes Nek, dann zu Hatleys Hotel und dann gegen Abend zu der Farm Schains Hoogte. Alles war still, nichts vom Feinde zu sehen, und die Buern, welche sie unterwegs trafen, wußten nichts von der englischen Armee. In den von Engländern gehaltenen Wirtshäusern hatten sie gar nicht gefragt, sondern hatten diese Gebäude umgangen. Von Schains Hoogte aus wandte sich Pieter Maritz seitwärts nach Osten, um noch vor Einbruch der Nacht die Furt zu erreichen, welche über den Buffalo führte und wo er die Kameraden treffen wollte. Diese waren schon dort, denn sie hatten einen kürzeren Weg gehabt, und sie berichteten, daß sie ebenfalls nichts vom Feinde gesehen hätten.

»Wir wollen schlafen,« sagte Pieter Maritz. Sie lagerten sich unter dem Schirm großer Bäume in einem Thale nahe dem Flußübergang und stellten einen Wachtposten aus, der während der Nacht mehreremal abgelöst wurde. In der ersten Frühe aber, bevor die Sonne aufging, erhob sich Pieter Maritz von seinem Mantel und weckte die Kameraden.

»Wir wollen bis an Newcastle hinanreiten,« sagte er. »Es ist dunkel, und der Nebel kommt uns zu statten.«

Sie sattelten die Pferde und ritten die alte Poststraße in südlicher Richtung hinab. Es war so dunkel, daß sie nur mit Mühe den Weg erkennen konnten, denn das geringe Licht des nächtlichen Himmels ward von einem dichten Nebel verschleiert, der aus den Thälern des Buffalo und seines Nebenflusses Incandu, sowie einiger kleineren Wasserläufe aufstieg. Nachdem sie eine halbe Stunde lang in eiligem Ritt die Straße verfolgt hatten, bogen sie nach links ab und wandten sich den Bergen zu, die unmittelbar über Newcastle und nördlich dieses Städtchens liegen. Pieter Maritz wählte diesen Weg, um der Gefahr zu entgehen, etwa auf eine Patrouille zu stoßen oder sonst bemerkt zu werden, ehe sieNewcastle erreichten. Er führte seine Kameraden, indem er voranritt, auf einem schmalen Pfade in die Schatten der Bäume hinein, welche den Hang der Höhen bedeckten. Der Weg war beschwerlich, denn an vielen Stellen war der von Fußgängern gebahnte Pfad mit Felsstücken übersät, und mehreremal mußten die Reiter tiefe Schluchten durchklettern, welche für andere Pferde als diese kleinen kräftigen Buernpferde wohl unüberwindliche Schwierigkeiten geboten haben würden. Währenddessen wurde es allmählich heller, die Nebel schwankten, indem der Wind auf den Höhen sie erfaßte, und der Weg war nicht mehr so schwer zu finden. Die Reiter klommen einen steilen Abhang hinan, wo der Pfad gänzlich aufhörte, und ritten an Bäumen und Felsen hin, die den südlichen Rücken des Berges bedeckten. Je höher sie kamen, desto mehr zerstreute sich die Finsternis, und die Gegenstände begannen, sich nicht mehr vom Nebel verschleiert, in ihren wahren Farben zu zeigen. Endlich kamen sie aus dem Gehölz stachliger Mimosen auf der Höhe heraus, erreichten den Gipfel und sahen nun die hellen Strahlen des jungen Tages durch die Waldung schimmern, welche den Hügel östlich von ihnen krönte.

»Wenn wir bis an das Ende dieses Gipfels kommen,« sagte Pieter Maritz, »so müssen wir nach meiner Berechnung Newcastle unter uns liegen sehen. Aber vorsichtig, daß man uns nicht von unten entdeckt!«

Pieter Maritz stieg vom Pferde, ließ noch zwei Leute zu Fuße mitgehen und schritt, während der übrige Haufe mit den Pferden zurückblieb, weiter vor. Sein Scharfsinn hatte ihn gut geleitet. Als er den äußersten südlichen Punkt des Höhenrückens erreichte, dehnte sich, nun im hellen Licht der Morgensonne, das enge Thal vor ihm aus, durch welches die Straße nach Norden führt, und er sah die Dächer und Gärten von Newcastle, welches in diesem Thale liegt. Der Berg, auf welchem er stand, erhob sich wohl achthundert Fuß über dem Thale und lag wie ein Bollwerk zwischen der wichtigen Straße aus Natal nach Transvaal auf der einen und dem Buffalofluß auf der andern Seite. Von hier aus konnte Pieter Maritz auf eine weite Strecke hin die gewundene Straße sehen, auf welcher die englische Armee vermutlich vorrücken würde, und die Höhenrücken verfolgen, welche diese Straße von beiden Seiten einfassen. In der Entfernung von etwa einer Meile verlor sich der helle Streifen, welchen die Straße bildete, unter den Bergen, und dort lag auch der Nebel, den der Morgenwind noch nicht hatte erreichen können.

Am wichtigsten aber war für Pieter Maritz der Anblick von Newcastle selbst. Er überzeugte sich sogleich, daß eine starke Truppenmasse dort lag, denn neben der in das grüne Thal eingebetteten Stadt erhoben sich die ihm wohlbekannten weißen Zelte. Auch sah Pieter Maritz an einzelnen Punkten das Blitzen von Gewehrläufen und den Glanz roter Uniformen. Die Engländer hatten einige Piketts von der Stadt aus vorgeschoben, um die nahe liegenden Höhen und Thäler zu bewachen. Doch standen die Posten der Stadt und dem Zeltlager sehr nahe, und nur sehr wenige Posten waren ausgestellt worden. Wieviel Truppen dort unten lagen und ob General Colley selbst dort anwesend sei, das konnte Pieter Maritz nicht wahrnehmen, doch hoffte er, es zu erfahren. Er beschloß, vom Berge aus Newcastle zu beobachten und am Abend einen Versuch größerer Annäherung zu machen, falls die Engländer ruhig liegen blieben. Sollten sie aber aufbrechen, so würde er vom Berge aus ihre Stärke zu erkennen und rechtzeitig nach rückwärts Meldung zu machen imstande gewesen sein. Die Buern, welche die Pässe besetzen sollten, mußten jetzt schon in den Thälern stehen, und während die Engländer vorrückten, konnten ihnen die Buern begegnen.

Pieter Maritz stellte an zwei Punkten Posten aus, die das Thal genau übersehen konnten, und blieb auch selbst vorn am Hange, um alles überwachen zu können. Der Morgen rückte vor, die Signale der Engländer tönten herauf, einige Bewegung in den Straßen war zu vernehmen, auch kleine Truppenabteilungen marschierten draußen herum, um die Posten abzulösen, aber sonst blieb alles ruhig. Die Engländer hielten die Zeit zum Vormarsch noch nicht für gekommen und erwarteten vielleicht Verstärkungen. Der Tag ging vorüber, und die Nacht brach herein, ohne daß die Lage sich verändert hätte. Doch hatte Pieter Maritz sich einen Weg gemerkt und deutlich eingeprägt, auf welchem er nahe an die Stadt kommen konnte, und ebenfalls hatte er sich genau gemerkt, wie am Abend die Posten aufgestellt wurden.

»Liebe Freunde,« sagte er zu seinen Genossen, »wir müssen etwas Gewagtes ausführen. Habt ihr Lust dazu?«

»Jawohl,« entgegneten sie, »wir sind zu allem bereit.«

»Seht einmal,« sagte er, »wir sind lauter junge Burschen, und es wäre hübsch, wenn wir den Alten zeigen könnten, daß wir auch schon nützlich sind. Der General Joubert wird nicht uns allein ausgeschickt haben, sondern sicherlich sind noch alte Buernhier in den Bergen, um die Engländer zu beobachten. Wenn wir etwas ausrichten könnten, worüber die Alten sich wunderten, so wäre das ein guter Spaß.«

Die jungen Buern grinsten vor Vergnügen und dehnten ihre mächtigen Glieder. Es waren lauter Burschen etwa vom Alter ihres Führers, lang gewachsen, abgehärtet in Wind und Wetter und so stark wie junge Stiere.

»Dann kommt mit und führt eure Pferde am Zügel,« sagte Pieter Maritz. Er selbst ging voran und belehrte seine Kameraden unterwegs über das, was er thun wollte. Die Nacht war ziemlich dunkel, aber für diese an das Lagerleben und die Viehweide gewöhnten jungen Leute war sie immer noch hell genug, um die Gegenstände ringsum erkennen oder doch erraten zu lassen. Sie stiegen den Berghang hinab und näherten sich dem Städtchen drunten im Thale.

Pieter Maritz hatte von oben bemerkt, daß ein einzelnes Haus von dem Städtchen etwas vorgeschoben neben der Landstraße lag und daß ein reger Verkehr von Militärs mit diesem Hause stattfand. Er schloß aus der Art und Weise, wie es an der Stelle zuging, daß dort ein englisches Pikett läge, welches den Auftrag hatte, die große Straße zu bewachen. Er war wohlbekannt mit der sorglosen Art, wie die Engländer den Vorpostendienst betrieben. Während des Feldzugs gegen die Zulus hatte sich ihm das täglich gezeigt, und er wußte, daß nur die Buernreiter sowie die schwarzen Truppen im englischen Solde verhindert hatten, daß die schnellen Feinde, welche den nächtlichen Angriff liebten, das englische Heer wiederholt überrumpelten. Er war überzeugt, daß das Pikett bequem im Hause selbst lag, und er hatte gesehen, daß nur ein einziger Posten, ein einzelner Infanterist, von dem Pikett aus ausgestellt wurde. Dieser Posten stand etwa zweihundert Schritte weit vor dem Hause auf der Landstraße.

Pieter Maritz führte seine kleine Abteilung gerade auf das einzelne Haus zu und ließ in der Entfernung eines Büchsenschusses davon halten. Es war nahe an Mitternacht, und Newcastle war ganz still. Offenbar lag die Besatzung gleich der Einwohnerschaft im Schlafe. Nur Gärten und Felder begrenzten das Städtchen auf dieser Seite, das Zeltlager war auf der südlichen Seite und westlich vom Orte, wo es mehr Platz gab, aufgeschlagen worden. Kein Licht war mehr in den Häusern zu sehen, nur aus dem einzelnen Hause, welches Pieter Maritz ins Auge gefaßt hatte,schimmerte ein heller Schein. Die Buern waren bis zum Thale des Incandu hinabgestiegen, der seine schnell fließenden Wellen am Nordrande von Newcastle vorbeitreibt und dem Buffalo zuführt. Sie hielten am Ufer des Flusses still, wo das Rauschen des Wassers auch das Geräusch der Hufe und Waffen, sowie ihre Stimmen übertönte.

Pieter Maritz ließ den Trupp hier zurück und ging mit einem einzigen Kameraden weiter vor. Beide ließen ihre Pferde bei dem Trupp und hängten die Büchsen über den Rücken. Dann schlichen sie behutsam vor und suchten zwischen das Haus und den Posten zu kommen. Sie mußten hierbei eine niedrige Mauer aus Bruchsteinen überklettern und durch einen Garten gehen, dann kamen sie durch ein Maisfeld, und nun lag das erleuchtete Haus zur linken Hand, und sie konnten hören, daß Männer darin waren und miteinander sprachen. Der Schein von den Fenstern her erleuchtete das Terrain bis auf etwa hundert Schritte weit, aber darüber hinaus war es dunkel. Schon wollten sie sich dem Posten nähern, denn auf diesen hatte Pieter Maritz es abgesehen, als es im Hause laut wurde. Zugleich war der Schlag der Kirchenuhr in Newcastle zu vernehmen, es schlug mit hellem Klange zwölfmal, die Mitternachtsstunde. Die beiden Buern hielten sich ganz still und duckten sich in den schwarzen Schatten eines Busches nahe der Landstraße. Kurze Zeit nachdem es geschlagen hatte, ward die Thür des Hauses geöffnet, und zwei Gestalten kamen heraus. Es war die Ablösung. Die Gewehre der Soldaten glänzten einigemal im Licht der Fenster. Die beiden Soldaten marschierten, nicht weiter als zehn Schritte von dem Versteck der Buern, an diesen vorbei, dann zu dem Posten, einige Worte wurden gewechselt, der Posten wurde abgelöst, und zwei Soldaten kehrten wieder zu dem Hause zurück. Gern hätte Pieter Maritz bei dieser Gelegenheit das Feldgeschrei erlauscht, welches die Posten miteinander austauschten, aber die Entfernung war zu weit, so daß er nicht hatte verstehen können, was sie miteinander sprachen.

Pieter Maritz ließ eine kurze Zeit vergehen, gab dann dem Gefährten ein Zeichen ihm zu folgen, und ging, indem er einen kleinen Bogen nach rechts machte, von der Seite auf die Schildwache los. Sein Kamerad folgte ihm in einer Entfernung von etwa zwanzig Schritten. Er sah jetzt deutlich den Soldaten auf und ab gehen, und bemerkte, daß derselbe aufmerksam wurde.

»Wer da?« rief es ihm entgegen.

»Ronde!« entgegnete Pieter Maritz in englischer Sprache und mit gebieterischem Ton. »Paßt Ihr auch gut auf, Schildwache?«

Es war nicht hell genug, daß der Posten hätte unterscheiden können, ob der Mann, der sich ihm näherte, Uniform trug.

»Wer da?« fragte er noch einmal. »Gebt das Feldgeschrei!«

»Kennt Ihr Euern eigenen Offizier nicht?« fragte Pieter Maritz scheltend. »Knöpft Eure Augen hübsch auf, Schildwache!«

Der Mann schien einen Augenblick bestürzt zu sein. Er stand still und bemühte sich offenbar, das Dunkel mit seinem Blick zu durchdringen. Aber in den nächsten Sekunden mußte er entdeckt haben, daß kein Offizier in Uniform herankomme, denn er machte sein Gewehr schußbereit und rief: »Steht still, oder ich schieße!«

Doch er hatte die Geschwindigkeit des Buernsohnes nicht berechnet. Mit einem schnellen Satze war Pieter Maritz ihm schon auf den Leib gekommen und packte mit der Linken das Schloß des Gewehres, während er mit der rechten den Soldaten an der Kehle packte. »Kein Laut, oder Ihr seid des Todes!« raunte er dem erschrockenen Manne ins Ohr.

Der Soldat krümmte sich unter dem eisernen Griffe der starken Hand, die ihn an der Gurgel hielt, und hätte schon deshalb nicht rufen können, weil er keine Luft hatte. Pieter Maritz drückte ihn zu Boden, pfiff leise, so daß sein Gefährte herankam, und nahm das Gewehr der gefangenen Schildwache an sich.

»Ihr geht mit uns, Freund,« sagte er zu dem stöhnenden Soldaten, »und wenn Ihr ganz still seid, so soll Euch nichts geschehen. Ich lasse Eure Kehle unter der Bedingung los, daß Ihr schweigt. Aber solltet Ihr um Hilfe rufen, so seid Ihr auf der Stelle ein toter Mann.«

Der Soldat nickte, zum Zeichen, daß er gehorchen werde, und nun ließ Pieter Maritz ihn aufstehen. Ächzend stand der Engländer, ein noch junger Soldat, da und starrte verblüfft auf die Erscheinung der Buern.

»Damit er nicht wegläuft, wollen wir eine kleine Vorkehrung treffen,« sagte Pieter Maritz. Er schnallte den Gurt des Soldaten mit der Patrontasche ab und übergab ihn nebst dem Gewehr seinem Gefährten. Dann zog er sein Messer und schnitt dem Gefangenen die Hosenträger und den Hosenbund durch, so daß er mit beiden Händen die Hose halten mußte, damit sie ihmnicht auf die Füße hinabfiel. »Nun vorwärts!« sagte Pieter Maritz, und die beiden Buern ließen ihren Gefangenen vor sich hergehen und kehrten zurück. Unweit des Hauses blieb jedoch Pieter Maritz stehen.

»Höre,« sagte er zu seinem Gefährten »du kannst den Burschen allein fortbringen. Er weiß ja, daß du ihn tötest, wenn er widerspenstig wird. Bring' ihn dorthin, wo die andern sind, und laß ihn bei den Pferden. Zwei von euch sollen bei den Pferden bleiben, die andern kommen zu Fuß hierher. Ihr werdet mich hier finden, ich will mir das Haus einmal näher ansehen.«

»Es ist gut,« sagte der junge Buer und ging mit seinem Gefangenen weiter. Pieter Maritz aber schlich sich bis dicht an das Haus hinan und blickte durch die Fenster, welche der Sitte der meisten Buernhäuser nach keine Fensterscheiben hatten, sondern nur viereckige Öffnungen waren. Er sah, daß zwei Zimmer im Erdgeschoß von Militärs in roten Röcken besetzt waren. In dem größeren lagen elf Mann und ein Unteroffizier, und diese waren alle teils am Boden auf Strohlagern, teils auf den Bänken an der Wand ausgestreckt und schliefen. In dem kleineren Raume daneben saßen zwei Offiziere bei einer Lampe am Tische, spielten Karten und tranken Punsch. Vermutlich war der eine der Kommandant des Piketts, während der andere ihn besucht hatte, um ihm Gesellschaft zu leisten. Beide waren noch junge Leute, Unterleutnants.

Pieter Maritz hielt sich im Schatten verborgen und beobachtete sie. Er stand dort ganz sicher, da er von den hellen Zimmern aus nicht gesehen werden konnte, und er überlegte, wie er es möglich machen könne, das ganze Pikett aufzuheben.

»Ich habe heute Unglück,« sagte jetzt einer der Leutnants, indem er das Schweigen brach und die Karten hinwarf. »Ich habe mir's gleich gedacht, ich habe meine Zeichen.«

»Sind Sie abergläubisch?« fragte der andere.

»Sonst nicht,« entgegnete der erste, »aber in einer Sache bin ich's. Bei mir zu Hause sagt man, daß ein weißer Flecken auf dem Nagel vorbedeutet, und ich habe gefunden, daß es richtig ist.«

»Davon habe ich nie gehört.«

»Sehen Sie, Jack,« sagte der erste wieder, indem er seine Hand zeigte, »ein Fleck auf dem Daumen bedeutet Ehre, auf dem Zeigefinger Glück, auf dem Mittelfinger Unglück, auf dem vierten Finger Liebe, auf dem kleinen Finger Freundschaft. Nun ist mirheute ein großer Fleck auf dem Nagel des Mittelfingers aufgesprungen. Ich sah es, als ich heute morgen aufstand.«

»Das ist alles Unsinn,« sagte Jack.

»Inzwischen habe ich zwei Pfund und fünf Schilling verloren,« fuhr der andere Leutnant fort. »Ich werde sie Ihnen bezahlen, wenn ich wieder Gage bekomme.«

»'s ist hier verdammt langweilig,« sagte Jack. »Ich hatte auf Urlaub gehen wollen, und nun fangen diese verflixten Buern Skandal an, und es können noch Monate darüber hingehen, ehe alles wieder ruhig ist.«

»Na, das wollen wir nicht hoffen. Wenn wir erst in Pretoria sind, werden sie schon zu Kreuz kriechen. Ich möchte auch auf Urlaub, ich bin schon seit zwei Jahren in Afrika. Colley wird wohl bald aufbrechen, es wird nur noch auf die Seebrigade gewartet, und die muß nächste Woche kommen. Von hier bis Pretoria sind höchstens zehn Märsche.«

»Ja, aber diese dickköpfigen Buern werden sich uns in den Weg stellen. Sie werden nicht so dumm sein, uns ungeschoren durch die Drakensberge zu lassen.«

»Sollten sie den Mut haben? Ich denke nicht, daß sie es zu einem ernstlichen Kampfe kommen lassen werden, diese Viehtreiber und Ackerbauer. Wenn sie eine reguläre Macht sehen, so reißen sie aus. Es ist überhaupt schon demütigend für uns, gegen solche Leute kämpfen zu müssen. Das ist kein Krieg, das ist Polizeidienst.«

»Ehrenvoll ist der Sieg keinesfalls,« sagte Jack. »Lorbeeren giebt es hier nicht zu pflücken. Die Buern werden sich hier seitwärts des Weges in den Bergen verstecken und aus dem Hinterhalt schießen, aber auf einen regelrechten Kampf können sie sich keinesfalls einlassen. Sie haben weder Kavallerie noch Artillerie. Ich befürchte nur, die Geschichte dauert lange, denn das Land ist groß, und wenn wir sie aus den Thälern hier vertrieben und Pretoria besetzt haben werden, so ziehen sie sich vielleicht nach dem Norden und Nordwesten zurück, und wir können monatelang hinter ihnen hersuchen, bis wir alle ihre Schlupfwinkel ausgeräuchert haben.«

»Auch das denke ich nicht,« sagte der erste Leutnant. »Der Buer liebt sein Geld und sein Vieh. Dies gemeine Volk ist ja ganz allein aufs Verdienen aus, und ich glaube, wenn man jedem Rebellen fünf Pfund in die Hand drückte, machten sie alle einen höflichen Kratzfuß und gingen nach Hause. Aber freilich kannman sich das ja nicht gefallen lassen, daß sie unsere Garnisonen umzingeln und auf unsere Truppen schießen, da muß ein Exempel statuiert werden.«

»Gewiß,« bemerkte Jack. »Und das wird auch geschehen. Colley fackelt nicht. Unser 94. ist schlecht weggekommen, sie haben ihm mehr als hundertzwanzig Leute weggeschossen. Merkwürdig gut schießen diese Buern.«

»Ja, sie schießen gut,« entgegnete der erste, »aber wann schießen sie gut? Wenn ihnen gegenüber nicht geschossen wird. Wenn sie im Hinterhalte liegen. Laß sie einmal den Klang unserer Kanonen und eines echt englischen Hurra hören, dann werden wir sehen, wie sie ausreißen. Wenn der General das nicht auch dächte, würde er schwerlich mit nur tausend Mann vorgehen. Das ganze Heer ist nichts als eine verstärkte Polizeiwache.«

Ein Lächeln lag auf Pieter Maritz' Gesicht, während er diesem Gespräch der englischen Offiziere zuhörte. Er hatte genug vernommen, um mit dem Erfolg seiner Unternehmung zufrieden zu sein, selbst wenn er jetzt umkehren wollte. Er kannte die Stärke des englischen Heeres, die Zeit seines Aufbruchs und die Richtung seines Marsches. Er lachte für sich bei dem Gedanken an die Verachtung, welche die stolzen Engländer gegen die Buern hegten.

Jetzt war es ihm, als höre er das Herankommen seiner Schaar, und er entfernte sich vom Hause, um den Gefährten entgegenzugehen. Sie waren es. Die Büchsen in den kräftigen Händen, die scharfen Messer an der Seite, kamen die abenteuerlustigen Burschen mit langen Schritten schnell und doch behutsam heran.

»Freunde,« sagte Pieter Maritz, »wir müssen die ganze Gesellschaft gefangen nehmen, die dort im Hause steckt. Aber wir wollen, wenn es möglich ist, den Lärm vermeiden, damit die Stadt nicht erwacht. Nur wenn es nicht anders angeht, wird geschossen. Auf die vordere und hintere Seite des Hauses gehen je zwei Mann und weisen diejenigen zurück, die etwa aus dem Fenster springen wollen. Die andern kommen mit mir durch die Thür. Wir wollen kein Blut vergießen, wenn es nicht durchaus notwendig ist. Die beiden Offiziere besonders dürfen wir nicht entwischen lassen, deshalb haltet ihnen die Mündungen vor, wenn sie an die Fenster kommen.«

Es geschah, wie Pieter Maritz angeordnet hatte. Zwei Leute traten vor und zwei hinter das Haus und bewachten die Fenster.Pieter Maritz aber mit den andern schritt auf die Thür zu. Er öffnete sie, trat zuerst hinein und ging mit vorgehaltener Büchse in das größere Zimmer, worin der Unteroffizier und die Mannschaft lagen. »Ergebt euch,« rief er mit drohender Stimme, »sonst schießen wir euch nieder.«

Die Soldaten fuhren betroffen von ihrem Lager auf, und es entstand eine Scene der größten Verwirrung. Einzelne waren ganz schlaftrunken und wußten nicht, was um sie her vorging, andere griffen nach ihren Gewehren und blanken Waffen, andere wieder wollten durch die Fenster. Das große Zimmer hatte nach beiden Seiten Fenster, nach Norden und nach Süden. Aber von draußen kamen nun ebenfalls Drohungen und erschienen Gewehrläufe, und als der hohen Gestalten der Buern im Zimmer immer mehr wurden und die gefährlichen Mündungen der Büchsen sich auf die überraschte Wache richteten, da gaben die Engländer den Gedanken an Widerstand auf und ließen sich sämtlich gefangen nehmen. Pieter Maritz überließ die Sorge für diese Leute seinen Gefährten und ging durch das Zimmer hindurch in das dahinter liegende der Offiziere. Als er die Thür öffnete, sah er die Leutnants in großer Bestürzung mitten im Zimmer stehen. Der eine hatte einen Revolver, der andere seinen Säbel in der Hand. Vor dem Fenster stand ein Buer und seine Büchse lag im Anschlage auf der Fensterbank. Die Leutnants mußten den Tumult im Mannschaftszimmer vernommen haben und waren offenbar der Meinung, von einer großen Übermacht überfallen zu werden, so daß sie es für klüger hielten, ihre Waffen nicht zu gebrauchen.

Pieter Maritz grüßte sie höflich und mit triumphierendem Lächeln. »Meine Herren,« sagte er, »Sie sind Gefangene. Leisten Sie keinen Widerstand, es würde mir sehr leid thun, wenn ich Sie erschießen lassen müßte. Wollen Sie mir ihr Ehrenwort geben, nicht zu fliehen?«

Von den Buern aufgehoben.

Von den Buern aufgehoben.

»Verdammt!« rief Jack, »was sollen wir thun?«

»Der weiße Fleck auf dem Mittelfinger!« rief der andere und warf seinen Revolver zu Boden.

»Wir geben unser Ehrenwort,« sagten dann beide nach kurzer Überlegung.

Pieter Maritz nahm ihre Waffen in Empfang und blieb bei ihnen im Zimmer, während ebenso die Soldaten entwaffnet und bewacht wurden. Diesen und dem Unteroffizier schnitten die Buern, wie bei der Schildwache, Hosenträger und Hosenbunde durch.Pieter Maritz stellte draußen Posten auf und ließ schnell die Pferde heranführen, die noch draußen am Ufer des Incandu waren. Dann stieg er auf Jagers Rücken, seine Gefährten schwangen sich gleich ihm in den Sattel, und es ging auf der großen Straße nordwärts, zurück zum Buernheere.

Das gefangene Pikett marschierte zu Fuß vor den Buern her, und die Offiziere waren vor Ingrimm beinahe rasend, seitdem sie bemerkt hatten, daß sie von einer so kleinen Schar überrumpelt und überwältigt worden waren.

Aber General Joubert lachte vor Vergnügen, als er am Mittag des folgenden Tages Pieter Maritz mit seinen Gefangenen kommen sah. Er lag mit tausend Buern im Gebirge nördlich von Langes Nek.

General Joubert hatte zum Lagerplatz eine kleine Thalsenkung ausgesucht, welche von einem Bache durchflossen wurde, der zum Buffalo hinablief. Hier fanden die Ochsen und die Pferde reichliche Tränke. Den Mittelpunkt des Buernlagers bildeten die von ihren Bewohnern verlassenen Gebäude einer ausgedehnten Farm, und auf einem der Gebäude wehte die Genfer Flagge, das rote Kreuz im weißen Felde. Hier hatte auf Jouberts Anweisung ein deutscher Apotheker ein Lazarett eingerichtet, um den Männern, die in den bevorstehenden Kämpfen verwundet werden würden, Hilfe leisten zu können. Ringsum war das Thal mit den schweren Buernwagen angefüllt und weideten die Zugtiereauf den grünen Hängen. Von dem Lagerplatze aus war die Landstraße zu übersehen, welche von Newcastle aus durch das Gebirge nach dem Transvaallande führte. Jenseits der Straße erhob sich steil und schroff der Majubaberg, und die vorüberziehenden Wolken hängten sich oft an dessen stolzem Scheitel fest. Nach Süden hin schloß der Höhenzug den Horizont ab, durch welchen der Paß »Langes Nek,« von den EngländernLaings Nekgenannt, führt. Dort war im Jahre 1859 ein Buer, Namens Hans von Lange, eines Mordes wegen von den Engländern gehängt worden, und seitdem hatte der Paß oder »Nek« den Namen jenes Buern behalten.

Auf den Höhen umher standen die Posten der Buern, kleine Reitertrupps, und beobachteten alle Winkel und Wege des Gebirges. Drunten waren größere Scharen in Bewegung zu sehen, und mit freudigem Stolz sah Pieter Maritz, wie kriegerisch seine Landsleute sich ausnahmen. Diese berittenen Buern sahen viel kampftüchtiger aus, als die englische Kavallerie. Hier war nicht das leichte, abenteuernde Volk, das die freiwilligen Reiterscharen im englischen Solde gebildet hatte, zu sehen. Nicht die verlorenen Söhne, die Armen, die Heimatlosen unter den Buern waren hier versammelt, sondern der Kern des Buernvolkes, die Grundbesitzer mit ihren Söhnen, hatten sich eingefunden. Sie waren schon in der Ferne durch die Schnelligkeit und Leichtigkeit ihrer Bewegungen auffallend, Roß und Reiter schienen zusammengewachsen zu sein und bildeten nur eine Figur. Nichts Schweres, Steifes oder Unbeholfenes war an diesen Reitern zu sehen, alles war behend, leicht, in Ebenmaß und Gleichgewicht. Und doch waren diese Männer, wenn er sie in der Nähe sah, so groß und stark, wahre Riesen im Vergleich mit den Engländern, die Pieter Maritz so viel gesehen hatte.

Die Offiziere und Leute von dem Pikett, welches Pieter Maritz gefangen genommen hatte, wurden nach Pretoria zurückgebracht, wo die Regierung war und wo auch General Smit, der alle Buerntruppen befehligte, sein Hauptquartier hatte. Nach und nach erst kamen aus den weit entfernten westlichen und nördlichen Landstrichen die Züge der Buern in dem südöstlichen Teile von Transvaal an, und nur ein Teil des Heeres war unter Jouberts Kommando in Natal eingebrochen. Auch gingen die Züge der Buern nur langsam von statten, denn sie kamen mit ihren Ochsenwagen. Aber stetig schwoll das Heer an, und Joubert meinte, daß wohlsechstausend Buern im ganzen zusammenkommen würden. Mit einer solchen Macht aber getrauten sich die Befehlshaber den Kampf selbst mit großen englischen Heeren aufzunehmen, die etwa heranrücken würden. Es ging die Rede im Buernlager, daß der General Roberts, der vor kurzem einen kühnen, viel bewunderten Marsch mit zehntausend Mann quer durch das ganze Afghanenland von Kabul bis Kandahar ausgeführt hatte, dazu bestimmt sei, nach Afrika zu gehen, und man wußte, daß viele englische Regimenter in Malta, London und Indien Befehl erhalten hatten, sich zur Fahrt nach dem Kap und Port Natal bereit zu machen. Die Buern hatten englische Zeitungen aufgefangen, worin sie über derartige militärische Vorbereitungen lasen.

Währenddessen beobachteten häufige Patrouillen, die vom Lager bei Langes Nek aus nach Süden ritten, das englische Heer in den Drakensbergen. General Colley war von Newcastle aufgebrochen und marschierte auf der Landstraße nordwärts, gerade auf Langes Nek zu.

Pieter Maritz hielt am Tage, nachdem das englische Heer Newcastle verlassen hatte, mit mehreren Landsleuten auf einer Höhe an der Straße, und sie betrachteten, selbst ungesehen, den Zug der Engländer. Die Buernpatrouillen waren langsam zurückgeritten, während die Engländer herankamen, und ließen sie nicht aus den Augen. Sie waren jetzt abgestiegen und bis an den Rand der Höhe vorgegangen. Drunten kamen zuerst einzelne Reiter in roten Uniformen, Dragoner von dem Regiment, bei welchem Lord Adolphus Fitzherbert stand. Dann folgte ein stärkerer Trupp Dragoner, und zugleich waren berittene Schützen und reitende Polizeibeamte von Natal zu bemerken, die seitwärts vom Wege an den Höhen hinritten. Dann kam General Colley selbst, von einigen Adjutanten und andern Offizieren des Stabes begleitet und von einer starken Dragonertruppe eskortiert. Der General und die Offiziere um ihn her hielten von Zeit zu Zeit ihre Pferde an und betrachteten durch ihre Feldstecher die umliegenden Höhen.

Die Buern droben stießen einander an und schüttelten die Köpfe. »Was will der Mann?« fragte einer, auf den General zeigend. »Was guckt er in die kleine Maschine?«

»Das ist eine Vergrößerungsbrille mit vier Gläsern,« sagte Pieter Maritz. »Damit suchen uns die Engländer.«

Nun kam ein langer Zug Infanterie, vier Glieder nebeneinander, das Gewehr auf der Schulter, mit Tornistern, Brotbeutelnund weißem Lederzeug über den roten Röcken. Der Klang ihrer Schritte war als schwaches Geräusch droben zu vernehmen. Dann folgten hundert Seeleute mit einem Gatlinggeschütz, das mit Maultieren bespannt war, dann zwei Raketengeschütze, dann viele Wagen mit Gepäck, von Natalbuern und Kaffern begleitet, dann wieder Infanterie und ein langer Zug Artillerie, vier leichte Berggeschütze und zwei Feldgeschütze mit sich führend, und endlich kamen noch Reiter.

Die Buern droben konnten alles so deutlich sehen, daß sie die Köpfe zu zählen vermochten. Es waren im ganzen 870 Mann Infanterie, einschließlich der Seeleute, und 170 Reiter, dazu die Artilleristen bei den acht Geschützen. Pieter Maritz erkannte sogar Lord Adolphus Fitzherbert selbst an dem Rappen, den der junge Offizier ritt. Als die Buern alles genau betrachtet hatten, stiegen sie wieder zu Pferde und ritten in derselben Richtung oben auf den Bergen, welche die Engländer unten im Thale verfolgten. Sie wollten dem General Joubert Meldung machen. Doch sahen sie nach einer Weile, daß die Engländer heute noch nicht auf das Buernheer stoßen würden. General Colley ließ eine Meile weit diesseits und südlich vom Buernlager Halt machen. Hier lag Hatleys Hotel, aus drei Häusern bestehend, am Wege, und der Platz mochte dem General günstig für ein Lager erscheinen. Denn der Weg führte hier über eine Höhe, welche das Terrain ringsum beherrschte, so daß kein überraschender Angriff zu besorgen war. Die Zelte wurden aufgeschlagen, Posten aufgestellt und Reiterpatrouillen zogen aus, um das umliegende Land zu durchsuchen.

General Joubert strich sich mit grimmigem Lächeln den Bart, als er hörte, was die Engländer thaten, und ritt in Begleitung mehrerer Führer noch am Nachmittage desselben Tages hinaus, um die Stellung des Feindes anzusehen. Pieter Maritz war unter seinem Gefolge.

»Er wird dort nicht bleiben wollen,« sagte Joubert, nachdem er von dem Hange des Inkweloberges aus das Lager betrachtet hatte. »Er wird weiter vorrücken, wenn wir uns jetzt still halten. Kommt er dann von seiner Höhe herunter und steckt in Langes Nek, so fallen wir von oben über ihn her.«

General Joubert ließ das englische Lager beobachten und hieß seine Buern sich zum Kampfe bereit halten. Nur etwa eine deutsche Meile weit waren beide feindliche Lager voneinander entfernt.

Am folgenden Morgen schon, am 28. Januar 1881, brachtenseine Posten dem General Joubert die Meldung, daß die Engländer ihre Zelte abbrächen. Alsbald ließ der General die Buern ausrücken. Zugleich aber wurden die Ochsen vor die Wagen gespannt, damit für den Fall einer Niederlage sogleich der Rückzug angetreten werden könne. Die Gemeinden machten eine jede für sich unter der Leitung ihrer Ältesten ihre Vorbereitungen. Die Kaffern schirrten die Ochsen an, und einzelne der Buern wurden bei den Wagen zurückgelassen, um die Aufsicht zu führen, diejenigen aber, die zum Kampfe bestimmt waren, sattelten ihre Pferde und schwangen sich in voller Rüstung, mit Büchse, Patronengurt und Weidmesser, in den Sattel. Dann ritten sie in Haufen zusammen, umringten ihre Ältesten und hielten eine Morgenandacht, indem sie ihre großen, breitkrempigen Hüte andächtig abzogen und dem Gebet lauschten, das die Ältesten sprachen.

Es war früher Morgen, und die Sonne blickte mit ihren ersten Strahlen über die Höhen am Buffalo weg, die mit schön geschwungenen Linien in dunklen Farben sich vom strahlend blauen Himmel abhoben. Das Sonnenlicht fiel auf die entblößten Häupter der tapferen, stillen Männer, die von Gott den Sieg für ihre gerechte Sache erflehten, bevor sie die starke Brust dem Feinde entgegenstellten; für Augen, die sich auf den Krieg verstanden, mußte diese feste Entschlossenheit zugleich mit solcher Gottesergebenheit angesichts der Gefahr, etwas Siegverheißendes haben und mußte dieses Sonnenlicht wie ein hoffnungsvoller Gruß vom Himmel erscheinen.

Nachdem sie gebetet hatten, teilten sich auf Jouberts Anordnung die Buernscharen. Ein starker Haufe wandte sich nach rechts, ein anderer nach links in die Berge, ein dritter ritt geradeaus, und ein vierter blieb als Rückhalt unweit des Lagers in Reserve. Pieter Maritz war inmitten der Männer seiner Gemeinde bei dem mittelsten Haufen, der etwa zweihundert Köpfe stark war.

Es ging eilig vorwärts, der Paß »Langes Nek« lag bald unmittelbar vor ihnen, und nun erschien in schnellem Jagen eine Buernpatrouille, welche zurückkam und meldete, daß die Engländer kämen. Alsbald teilte sich die Buernschar, und die gewandten Pferde kletterten zu beiden Seiten des Weges die Berge hinan. Die Buern suchten gute Plätze, um von dort aus mit ihren Büchsen den Feind am Weitermarsch zu verhindern.

Die Landstraße, welche durch jenen Winkel von Natal führte, wo nun Engländer und Buern sich bekriegten, war sehr gewunden,wie dies die Natur des gebirgigen Landes mit sich brachte. Um das Ersteigen der Höhen und das Hinabsteigen in die Thäler möglichst zu erleichtern, und die Landstraße mit möglichst geringer Mühe herzustellen, waren die Erbauer des Weges darauf bedacht gewesen, der natürlichen Bildung des Gebirges nachzugeben. Sie hatten in weiten Bogen die vorspringenden Berge umgangen und eine Schlangenlinie angelegt, welche die schroffen Steigungen vorsichtig vermied. So war die Landstraße an manchen Stellen nur auf eine kurze Strecke zu übersehen, und es wurde leicht, einer Kolonne, die sich auf ihr bewegte, in der Front, wie auf den Flanken Widerstand entgegenzusetzen. Baas van der Goot, welcher mit würdiger Miene den Seinigen voranritt, wählte eine am Bergeshange vorspringende Stelle aus, die eine natürliche Terrasse bot, von der aus man Langes Nek übersehen konnte. Nachdem die Pferde zu einer Höhe von etwa dreihundert Fuß über der Straße hinangeklettert waren, ließ der alte Mann halten und zeigte mit der braunen Rechten hinunter.

»Seht, liebe Freunde und Neffen,« sagte er, »hier ist meines Bedünkens ein schöner Platz, um zu zielen. Ihr seht dort die Straße, die aus dem Passe hervorkommt. Sie ist gerade vor uns, und wenn nur ein einziger Soldat der Königin hindurch und an uns vorbeikäme, so müßten wir sehr schlecht geschossen haben. Es ist ja eine schlimme Sache, auf Christenmenschen zu schießen, aber da es sich nun einmal nicht ändern läßt und wir unser Vaterland verteidigen müssen, so wollen wir mit Gottes Hilfe unsere Pflicht thun.«

Nach diesen Worten stieg der alte Mann bedächtig vom Pferde, schlang den Zügel um den rechten Arm und kauerte sich hinter einem Felsblock nieder, der am Rande der Terrasse lag. Dann legte er die Büchse auf den Stein und blickte mit dem rechten Auge über den Lauf hin nach der Straße. Sein Pferd blieb ruhig neben ihm stehen, scharrte mit dem Hufe und legte die Ohren an, als ob es den Schuß und das Fallen eines erlegten Tieres erwarte. Dem Beispiel des Baas van der Goot folgend zerstreuten sich die Buern, und nach kurzer Zeit war der ganze die Straße beherrschende Bergeshang mit Männern besetzt, die in guter Deckung hinter Steinen lagen und ihre Pferde neben sich stehen hatten.

Pieter Maritz hatte sich dicht neben dem alten Führer niedergelegt, da der schützende Felsblock Raum für zwei Männer bot,und erwartete das Erscheinen der Engländer in ungewohnter Bewegung. Denn der Feind, auf den er nun schießen wollte, war nicht von schwarzer Farbe, gehörte nicht einer fremden Rasse an, sondern es waren Truppen, unter denen er selber gedient hatte. Es kam ihm fast so vor, als sollte er mit Brüdern kämpfen. Aber er gedachte des Augenblickes, wo sein Freund, Lord Adolphus Fitzherbert, ihn gefangen genommen hatte, weil der Dienst es erforderte, und er erinnerte sich des eigenen Dienstes, der eigenen Pflicht. Er gedachte des Gefängnisses in Kimberley, er gedachte seines sterbenden Vaters und endlich des bedrängten, um seine Freiheit ringenden Vaterlandes. Es war ihm wunderlich zu Mute, als er sich umsah und im weiten Halbkreise an den Höhen hin die Buernreiter ihre Kampflinie bilden sah, um die herankommende englische Armee tödlich zu umfassen. Es war ihm ganz anders zu Mute, als während seines Rekognoszierungsrittes. Denn obwohl er damals auch auf Kampf und Blutvergießen gefaßt gewesen war, so hatte ihn doch hauptsächlich die Lust zu einem kühnen Streiche und die Begierde, den Feind zu beobachten, getrieben, und er war in steter Bewegung gewesen. Heute aber lag er kalten Blutes still und wartend im Hinterhalte und wußte, daß es ein heißes Gefecht geben würde. Jeden Augenblick konnten die Rotröcke dort unten erscheinen, und dann würde er töten. Er sah über die Höhen und Thäler hin, die jetzt so friedlich in der Morgensonne dalagen. Die sanft geschwungenen Bergeslinien im Hintergrunde säumten eine herrliche Gebirgslandschaft ein, in welcher Licht und Schatten anmutige Abwechselung hervorriefen. Dunkel lagen die Tiefen zur linken Hand, wohin die Sonne nicht drang, und goldig grün breiteten sich rechts die grasbewachsenen Hänge aus, welche nach Osten gerichtet waren. Ein zarter blauer Dunst lag auf den düsteren Waldungen. Bald mußte Pulverrauch durch diese Thäler wehen und das Echo der Höhen vom Schall der Schüsse widerhallen.

Der Feind erschien. An der Biegung der Landstraße, welche von hier oben zu übersehen war, zeigten sich jetzt zwei Reitergestalten, denen in wenig Sekunden eine dritte folgte. Es waren Dragoner in roten Röcken und mit weißen Helmen, den Karabiner auf den rechten Schenkel gestützt. Einer ritt am rechten, der andere am linken Rande der Straße, und der dritte folgte den beiden in der Mitte.

»Pieter Maritz,« sagte jetzt Baas van der Goot, »siehst du die Engländer?«

»Ja wohl, Baas,« antwortete Pieter Maritz.

»Es sind gerade sechshundert Schritte, wie ich rechne,« sagte Baas van der Goot. »Nimm du den auf der rechten, ich nehme den auf der linken Seite. Aber bedenke, mein Junge, daß es Christen sind. Schieße auf den Kopf, daß sie nicht so lange leiden.«

Beim letzten Worte, welches der alte Mann sprach, blitzte das Feuer aus der Mündung seiner Büchse auf, und in demselben Augenblicke stürzte der Dragoner, den er sich zum Ziel genommen hatte, wie vom Blitz getroffen, jäh zur Erde nieder. Jetzt drückte auch Pieter Maritz ab, und der zweite Dragoner ließ den Karabiner fallen, schwankte einen Augenblick im Sattel und fiel dann häuptlings auf die Straße. Erschreckt wandte der dritte sein Pferd und wollte fliehen, da krachte noch ein Schuß rechts neben Pieter Maritz. Der Oheim Klaas lag dort hinter einem Steine und hatte geschossen. Auch der dritte Dragoner, der bereits den Rücken gewandt hatte, räumte jetzt den Sattel, und drei rote Flecke lagen nun unbeweglich auf der hellen Straße, während drei ledige Pferde nach verschiedenen Seiten davonliefen. Langsam rollte der Schall der Schüsse, von Berg zu Berg geworfen, dahin, bis er in der Ferne erstarb, dann war alles wieder still.

Doch bald darauf war der Ton von Hörnern und Trommelschlag zu vernehmen. Die Engländer waren auf die Nähe des Feindes aufmerksam geworden, obwohl sie ihn nicht sahen. Nach wenigen Minuten erschienen einzelne rote Punkte in der Ferne seitwärts der Straße, Tirailleurs, welche von der Vorhut ausgeschickt wurden, um die feindlichen Schützen zu vertreiben. Sie kletterten zu beiden Seiten des Passes herum und suchten nach einem Ziel für ihre Gewehre. Aber sie sahen nichts. Überall lagen die Buern in guten Deckungen und ließen den Feind näher kommen, um ihn desto sicherer fassen zu können.

Der roten beweglichen Punkte wurden mehr und mehr, und nun erschien auch auf der Straße selbst, wo die Dragoner gefallen waren, eine kleine geschlossene Abteilung Infanterie. Da krachten von neuem einzelne Schüsse von der Terrasse. Der Offizier, welcher der kleinen Abteilung voranging, blieb stehen, der Säbel entsank seiner Hand, und dann stürzte der Mann vorwärts auf das Gesicht nieder. Nach ihm stürzte der Unteroffizier, kenntlich an den Streifen auf dem Ärmel, und dann fielen zwei der Soldaten zu Boden. Der Trupp machte Halt, doch war er schon in Verwirrung, da die Führer gefallen waren und da nur so wenigeSchüsse, und doch ein jeder tödlich, in ihre Reihen getroffen hatten. Es war der Haltung der Soldaten anzumerken, daß sie sich wie ein Rudel Wild vorkamen. Sie feuerten geradeaus ihre Gewehre ab, und dann eilten sie zurück. Noch zweimal krachte es von der Höhe, während sie liefen, und noch zwei Leute blieben auf der Straße liegen. Währenddessen fingen die englischen Tirailleurs zu beiden Seiten des Passes heftig zu feuern an, und zahlreich stiegen die Pulverwölkchen auf. Ihnen antworteten Schüsse von den umliegenden Bergen her, und Pieter Maritz sah nun fast die gesamte umfassende Linie der Buernschützen sich durch die kleinen grauen Wolken an den Hängen kennzeichnen.

So stand das Gefecht wohl eine Viertelstunde lang. Von den Engländern war während dieser Zeit auf dem Platze, wo Pieter Maritz lag, nur wenig zu sehen, nur die Schützen, welche sich mit den ganz versteckt liegenden Buern herumschossen, zeigten sich. Doch glaubte Pieter Maritz trotz der weiten Entfernung wahrzunehmen, daß das Feuer auf englischer Seite erlahme, indem der Schützen immer weniger würden. Da kam plötzlich lebhafte Bewegung in die Scene. General Colley mußte seine Hauptmacht herangezogen und gewaltsames Vordringen befohlen haben. Auf der Straße im Passe erschienen jetzt im vollen Laufe gegen hundert Infanteristen. Sie liefen vor und zerstreuten sich dann zu beiden Seiten des Weges, indem sie sich bemühten, im Grase, hinter Bäumen, Sträuchern und Steinen Schutz zu finden. Ihnen folgte ein höherer Offizier zu Pferde, den mehrere andere berittene Offiziere begleiteten, und hinter diesen kamen in schnellster Gangart die vier leichten Berggeschütze, ein jedes von sechs Maultieren gezogen. Der kommandierende Offizier, den Pieter Maritz an der Uniform und den Bewegungen als den Oberst Deane erkannte, wies der Artillerie die Plätze für ihre Kanonen an, und alsbald fuhren diese seitwärts der Straße auf. Die Geschütze wurden von den Protzen gehoben und auf den vorliegenden Berghang gerichtet, während die Protzen von den Maultieren zurückgezogen wurden. Die Infanterie richtete währenddessen ein heftiges Feuer auf die Stellen, wo der Feind vermutet wurde, und mehrere Kugeln pfiffen über die Terrasse hin, wo Pieter Maritz lag.

Aber es ward ein schlimmes Spiel für die Engländer. Die Buern sahen sich eine kurze Zeitlang an, was der Feind dort unten trieb, und sie schienen das Auffahren der Artillerie mit einer gewissen Neugierde, als eine ungewohnte neue Erscheinung zu verfolgen.Dann aber fingen sie ihr ruhiges, überlegtes Feuern an. Der alte Baas van der Goot rückte den Hut über dem linken Ohre zurecht, so daß ihm die höher steigende Sonne nicht aufs Visier scheinen könnte, und dann zielte er bedächtig auf den befehlführenden Offizier. Als er abdrückte, entsanken dem Oberst Deane die Zügel, und er beugte sich rückwärts bis auf die Kruppe seines Pferdes nieder. Eilig kamen zwei Offiziere herbei, um ihn zu stützen, aber indem sie noch beim Absteigen waren, fielen sie getroffen nieder, und der Oberst selbst stürzte nun schwer wie ein Sack auf die Straße hin. Schuß auf Schuß kam vom Berge her, und eine schreckliche Verwirrung bemächtigte sich der Engländer, denn nach wenigen Minuten stand kein Offizier dort unten mehr auf seinen Füßen oder saß im Sattel. Die reiterlosen Pferde liefen wie toll umher und rannten zwischen die Schützen und die Bedienung der Geschütze.

Trotzdem hielten die Engländer stand. Die wackeren Artilleristen führten ihre Bewegungen auch ohne Kommando aus, und sie zielten gut, denn jetzt, als der erste Kanonenschuß mit mächtigem Dröhnen das Echo der Drakensberge weckte, sauste es mit hohlem Tone dicht über Pieter Maritz' Kopf, und ein schweres Geschoß schlug hinter ihm in die Bergwand ein. Dann folgte noch ein Kanonenschuß und dann noch einer. Aber weiter kam die Artillerie nicht. Pieter Maritz nahm den Mann aufs Korn, der das vierte Geschütz abfeuern wollte, und indem derselbe eben an der Schnur des Zünders ziehen wollte, traf ihn die Büchsenkugel, und er stürzte neben dem Rade der Kanone nieder. Und nun kam kein Engländer mehr zum Laden und Abfeuern der Kanonen. Die Buern schossen ruhig wie auf der Jagd. Wo sich ein Mann mit einem Geschoß aus der Protze näherte oder sonst sich mit einem der Geschütze zu thun machen wollte, da holte ihn eine Kugel weg. Vergeblich schossen die Infanteristen, welche der Artillerie zur Bedeckung dienten. Sie sahen keinen Feind, sondern hatten nur ein unbestimmtes Ziel an den Stellen, wo die Schüsse blitzten und der Pulverdampf sich erhob. Wohl streiften Gewehrkugeln die Steine, hinter denen die Buern lagen, und manches bleierne Geschoß schlug sich an den Felsen ringsum platt, aber von den Buern wurde keiner getroffen. Nicht einmal ein Pferd wurde getroffen, denn Baas van der Goot hatte, nachdem die ersten Angreifer zurückgetrieben worden waren, in Voraussicht eines ernsten Kampfes die Pferde an einen sicheren Platz mehrere hundert Schritte rückwärts führen lassen.

Während aber die englische Infanterie immer heftiger und unruhiger wurde, ohne Offiziere war und in Furcht und Bestürzung vor dem furchtbaren Feinde ins Blaue schoß, holte Kugel nach Kugel der Buern, sorgfältig gezielt, einen Mann nach dem andern aus ihren Reihen heraus. Dieser ungleiche Kampf dauerte nicht lange. Die noch überlebenden Artilleristen holten die Protzen herbei, befestigten die Geschütze und peitschten auf die Maultiere. In wilder Flucht eilten sie zurück, und bald war die Artillerie hinter der Biegung des Weges verschwunden. Ihnen folgte in wirrem Haufen die Infanterie. So tapfer und so zäh auch die englischen Truppen waren, dieses langsame Feuer des Feindes, wobei fast kein Schuß fehlzugehen schien, erfüllte sie mit Entsetzen. Sie konnten es nicht länger ertragen, Zielpunkte für unsichtbare Schützen zu sein, die auf so weite Entfernungen so sicher trafen. Kaum zwanzig Minuten, nachdem sie erschienen waren, verschwanden Artillerie und Infanterie wieder, zahlreiche Leiber von Toten und Verwundeten bedeckten die Kampfstätte, und alles ward wieder ruhig, bis auf einzelne Schüsse seitwärts des Passes.

Baas van der Goot erhob sich aus seiner Lage hinter dem Felsblock und reckte die steif gewordenen Glieder, auch Pieter Maritz stand auf, ebenso sein Oheim Klaas, und eine Gruppe von Buern, die zerstreut gelegen hatten, kam zusammen. Die Männer blickten hinab auf die Stätte, wo die Engländer gekämpft hatten.

»Ich sehe da unten noch mehrere Leute, die sich bewegen,« sagte Baas van der Goot, indem er sich auf die Büchse lehnte und das weiße Haupt mit dem Ausdruck der Mißbilligung schüttelte. »Die jungen Leute sind immer zu hastig und nehmen sich keine Zeit, ordentlich zu zielen. Siehst du, Pieter Maritz, du mußt von unten auf der Knopfreihe, die du doch deutlich sehen kannst, hinaufziehen, und wenn du am obersten Knopf angekommen bist, dann läßt du mit gestrichenem Korn los. Dann triffst du in dieser Entfernung allemal in den Kopf. Liegen die Leute aber und kannst du die Köpfe nicht sehen, so zielst du auf den Helm. Wir dürfen nicht vergessen, daß es Christen sind, und es ist Sünde, die Leute lange zappeln zu lassen.«

Pieter Maritz wußte, daß der Vorwurf des alten Mannes nicht gerechtfertigt war, aber er antwortete nichts, sondern bezeugte dem Baas den schuldigen Respekt. Der alte Mann liebte es, die Jugend zu tadeln, und im Schießen konnte niemand ihm Genügethun. Er war rechthaberisch und tadelsüchtig im Alter geworden, aber Pieter Maritz ehrte das Alter und schwieg.

»Ach, was ist das doch für eine schlimme Sache, daß so viel Blut fließen muß!« sagte ein anderer alter Buer. »Wenn doch nur die Engländer umkehren wollten, damit wir Frieden hätten! Gewiß weiß die Frau Königin gar nicht, was ihre Soldaten hier beginnen. Denn ich habe immer gehört, daß sie eine fromme und gute Frau ist, und sie wird nicht wollen, daß friedliche Christen mit Ungerechtigkeit bedrückt werden.«

»Seht da,« sagte Baas van der Goot, »sie fangen von neuem wieder an.«

In der That nahm das Gefecht, das beinahe aufgehört zu haben schien, jetzt wieder einen lebhafteren Fortgang. Doch erschienen keine neuen Angreifer in der Front, sondern jetzt entspann sich in weiter Entfernung, wo die Hauptmasse des kleinen englischen Heeres stehen mußte, ein Kampf nach den Flanken hin. General Colley schien sich, wie es Pieter Maritz vorkam, von den Buernscharen, die zu beiden Seiten des Passes lagen, bedrückt zu fühlen und wollte sich vermutlich in dieser Umklammerung Luft verschaffen.

Starkes Schießen war zu vernehmen, und unzählige kleine Rauchwölkchen stiegen aus dem dunklen Hintergrunde auf, der das Thal in südlicher Richtung abschloß. Die Höhen unmittelbar an der Landstraße wurden lebhaft; dort, wo die Tirailleurs schon seit längerer Zeit sich mit den Buern auf den entfernteren Höhen herumgeschossen hatten, tauchten nun zahlreichere bewegte Punkte auf, und es klang, indem auch von Buernseite häufiger geschossen wurde, wie ein scharfes Gefecht. Genau war von der Terrasse aus, wo Pieter Maritz stand, der Verlauf des Kampfes nicht zu übersehen, doch wurde aus den Linien des Pulverrauchs deutlich, daß das Gefecht nach kurzem Anlauf von seiten der Engländer wieder zum Stehen kam. Es war den englischen Schützen nicht möglich, Terrain zu gewinnen, sondern sie blieben auf die Umgebung der Straße beschränkt. Die Buern aber kamen ihren Feinden auch nicht näher. Die Plätze an den umgebenden Berghängen, von denen der blaugraue Rauch aufstieg, blieben dieselben. Die Buern bewahrten ihre sicheren Stellungen und kamen nicht herab. Sie wollten offenbar nur den Angriff der Engländer zurückweisen, aber nicht sich selbst den feindlichen Schüssen aussetzen, indem sie herabstiegen.

So dauerte das Schießen mehrere Stunden lang, ohne daß das Bild sich veränderte; dann aber ließ das Feuern auf englischer Seite nach, und Pieter Maritz sah einen weißen Fleck in der Nähe der Landstraße erscheinen.

»Was mag das sein, mein Junge?« fragte Baas van der Goot. »Siehst du dort das Weiße?«

»Es scheint mir eine weiße Fahne zu sein,« antwortete Pieter Maritz. »Vielleicht wollen die Engländer sich ergeben oder Unterhandlungen anknüpfen. Sie haben die Gewohnheit, einen Offizier mit einer weißen Fahne und von einem Trompeter begleitet, abzuschicken, wenn sie zu unterhandeln wünschen.«

Das Schießen von Buernseite erstarb allmählich, als die Fahne sich gezeigt hatte, und nun näherte sich diese auf der Landstraße. Ein Dragoneroffizier erschien, der an der Spitze seines hoch geschwungenen Säbels ein weißes Tuch schwenkte, und dann ertönte der durchdringende Schall der Trompete, welche ein Reiter hinter dem Offizier blies. Pieter Maritz erkannte in dem Offizier den Lord Adolphus Fitzherbert.

Das Schießen hatte nun vollständig aufgehört, und die Buern schwangen sich zu Pferde. Baas van der Goot ritt voran, und ihm folgten seine Gefährten. Sie ritten vom Berge hinab in das Thal und auf den Kampfplatz zu. Hier lagen zunächst die Infanteristen, Soldaten vom 58. Regiment, welche der Artillerie vorangeeilt waren, weiterhin die Artilleristen und die Offiziere, welche zuerst gefallen waren. Die meisten waren tot, aber mehrere lebten noch und sahen den Buern mit wütenden und angsterfüllten Gesichtern entgegen. Aber die Buern stiegen ab und näherten sich den Verwundeten mit ihren Feldflaschen.


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