Der Sieg von Gingilowo.
Der Sieg von Gingilowo.
Der Prinz holte zum Stoße aus und schwang den Speer gerade gegen die Brust des Buernsohnes. Aber Pieter Maritz traf den Assagai mit einem schnellen Hiebe hinter der Spitze, und die vortreffliche Klinge zerschnitt den starken Rohrschaft, so daß das spitzige Eisen zu Boden fiel. Nun war Jager mit einemSatze neben dem Fuchs, und in demselben Augenblick traf des Buernsohnes Degenstoß den schwarzen Heerführer in die nackte Brust. Dabulamanzi breitete die Arme aus und sank rückwärts, ein Wehgeheul drang von den Lippen der umgebenden Zulus empor. Pieter Maritz aber griff mit starker schneller Hand, während er den Degen mit den Zähnen hielt, nach dem Goldreif auf dem sinkenden Haupte, riß ihn ab und schwang ihn triumphierend in die Höhe.
Der Anblick des Schlachtfeldes hatte sich verändert. Nicht mehr der wilde Angriff der todesmutigen Zulus, nicht mehr der donnernde Gesang und das gellende Rufen der schwarzen Krieger erfüllten das wellenförmige Land, und aus den drohenden Wällen des englischen Lagers sprühte nicht mehr der bleierne Tod. Als die Dragoner den letzten Widerstand des weichenden Heeres niedergeworfen hatten, da waren nur noch flüchtige Scharen, traurige Überreste der stolzen Regimenter Tschetschwajos zu sehen. Sie flüchteten dem Flusse zu, viele waren schon hindurchgeschwommen, andere waren im Wasser, die letzten eilten, sich in die Wogen zu stürzen. Hinter ihnen ritten die Dragoner, und mancher Schwerthieb, von oben auf nackte Schultern und schön geputzte Köpfe niedersausend, warf noch Flüchtige nieder. Hinter ihnen ritten und liefen die Buern und sandten aus sicherer Ferne ihre unfehlbarenSchüsse. Am schrecklichsten aber hinter den fliehenden Massen waren Humbatis schwarze Bataillone. Sie streiften die Walstatt ab, soweit sie mit den Körpern der Gefallenen bedeckt war, und stießen allen, in denen noch Leben war, den Assagai durchs Herz. Kein Verwundeter kam davon. Engländer und Buern kannten die Schonung, und wo sie einen Mann am Boden sahen, da eilten sie vorbei und strebten, die noch Rüstigen zu erreichen; aber das schwarze Volk in seinem Blutdurste kannte nicht Mitleid, nicht Edelmut. Alle, alle wurden ermordet, die, von Kugeln getroffen, sich noch winden konnten, und den Toten wurden Waffen und Schmuck, die zierlichen Ketten und Ringe, schöne Federn und Amulette vom Leibe gerissen. So zeigten sich die eigenen Brüder grausamer gegen die Unterlegenen als der weiße europäische Feind.
Pieter Maritz ritt mit den Dragonern zurück, trug Dabulamanzis Kopfring in der rechten Hand und blickte von Zeit zu Zeit nach dem Blut, das ihm in seinem zerrissenen linken Ärmel herunterlief. Der schöne neue Rock dauerte den Buernsohn. Es war ihm fast wie in einem Traume. Der betäubende Wirbel des Kampfes hatte aufgehört und seine Erlebnisse zogen ihm schattenhaft durch die Erinnerung. Neben ihm ritten außer Lord Fitzherbert und dem Franzosen noch mehrere andere Offiziere und beglückwünschten ihn zu seinem Erfolge. So kamen sie bis nahe dem Lager zurück, wo Lord Chelmsford inmitten seines Stabes hielt und die Truppen aus dem Lager aufmarschierten.
Der Kommandant der Dragoner führte Pieter Maritz gerade auf den Oberbefehlshaber zu und stellte ihn vor, indem er Meldung über die ausgeführte Verfolgung machte.
»Ich empfehle Eurer Excellenz Beachtung insbesondere diesen jungen Mann,« sagte er, »der sich in hervorragender Weise tapfer und geschickt gezeigt hat. Durch seine Hand fiel der feindliche Heerführer, und der Ring hier ward von ihm im Handgemenge von des schwarzen Prinzen Kopf genommen.«
Lord Chelmsford heftete seinen Blick auf das errötende Gesicht des Buernsohnes und erkannte ihn wieder.
»Ist das nicht der junge Mensch, der Zeuge des Kampfes von Isandula war?« fragte er.
Pieter Maritz zog seinen Hut und verneigte sich.
»Aber Sie sind verwundet, ich sehe Ihren Rock voll Blut,« sagte der Lord.
Dann wandte er sich um. »Doktor Johnson,« rief er, »haben Sie die Güte, diesen jungen Mann zu verbinden.«
Ein Herr in der Uniform der englischen Stabsärzte kam herangeritten.
»Vorläufig will ich selbst ein Pflaster auf die Wunde legen,« sagte Lord Chelmsford dann. Mit diesen Worten nahm er von seiner mit Orden bedeckten Brust das Viktoriakreuz ab und heftete es auf Pieter Maritz' Bluse.
»Im Namen Ihrer Majestät der Königin,« sagte er, »überreiche ich Ihnen hier dieses Ehrenzeichen für militärische Auszeichnung. Den goldenen Ring bitte ich Sie, mir auszuliefern, damit ich ihn den Trophäen hinzufügen kann. Das dreifache Gewicht des Ringes soll Ihnen in Gold ausgezahlt werden.«
Pieter Maritz murmelte einige Worte des Dankes und war fast bewußtlos unter der Last der Ehre und Freude, die sich auf sein Haupt häufte. Alle Offiziere drängten sich um ihn, wünschten ihm Glück und schüttelten ihm die Hand. Dabulamanzis Ring ward von einem zum andern gereicht und neugierig betrachtet.
»Danken wir Gott,« sagte Lord Chelmsford, »daß der Mann, der ihn trug, am Boden liegt. Er war ein ausgezeichneter Feldherr, und niemals sah ich einen kühneren Krieger.«
Dann ritt er vorwärts und gab Befehle für die ferneren Maßregeln des Heeres. Die Zulus sollten die Leichen der Feinde in einiger Entfernung vom Lager zusammentragen und begraben. Die Armee sollte auf der Stelle bleiben, wo sie stand, und nach dem heißen Kampfe der Ruhe pflegen. Lord Chelmsford sah nach seiner Uhr, sie zeigte auf acht. Die Schlacht hatte drei Stunden gedauert. Der Morgen des 2. April war blutig gewesen im Zululande.
Pieter Maritz ließ seinen Arm von dem Arzt untersuchen. Es zeigte sich eine starke Fleischwunde im Oberarm, doch als sie ausgewaschen und verbunden worden war, folgte der abgehärtete Buernsohn dem Zahlmeister der Armee auf dessen Einladung zu dem Wagen im Lager, wo die Kriegskasse aufbewahrt wurde. Dort legte der Zahlmeister Dabulamanzis Ring auf eine Schale einer Goldwage und häufte Sovereigns in der andern Schale an. Der Ring war massiv und wog schwer, hundertundsechzig Sovereigns mußten übereinander gelegt werden, um sein Gewicht zu erreichen. Dann zahlte der Beamte dem glücklichen Knaben vierhundertundachtzig Pfund Sterling aus, und schwer mit Gold beladen gingPieter Maritz davon. Er that den Beutel in den Mantelsack, und dann setzte er sich mit gutem Appetit bei den Dragonern zum Frühstück nieder und verzehrte gemeinsam mit Lord Fitzherbert eine Wildpastete, die in London eingemacht war, und ein großes Stück Schiffszwieback, das in Kapwein getunkt wurde. Hierauf schlief er im Schatten eines Zeltes ein und that einen festen Schlaf bis zum Anbruch des folgenden Morgens.
Die Trompeten weckten ihn, die Dragoner sattelten, Lord Chelmsford ließ eine fliegende Kolonne aufmarschieren, die Ekowe aufsuchen sollte.
Pieter Maritz fühlte sich frisch und stark, er ließ sich neu verbinden, zog den vom Assagai gerade an der rechten Stelle ausgeschnittenen Ärmel über den Verband und stieg zu Pferde.
Hundert Buern unter Befehl des Leutnants Dubois sollten die Kolonne begleiten, die aus den Hochländern, dem 60. und dem 57. Regiment und dem größten Teil der Kavallerie nebst vier Geschützen bestand. Die Seebrigade, das 99. Regiment und die Zulubataillone blieben mit der Hauptmasse der Artillerie zurück, um das feste Lager besetzt zu halten. Nach der Berechnung des Lord Chelmsford war der Angriff am vergangenen Tage nicht von der ganzen Macht der Zulus, sondern nur von zwölftausend Mann ausgeführt worden. Da Oberst Pearson die Nähe eines viel größeren Heeres signalisiert hatte, war es nicht unwahrscheinlich, daß noch fernere Kämpfe in der Nähe von Ekowe zu bestehen sein würden.
Aber diese Erwartung erfüllte sich nicht. Ohne Störung ging der Marsch vor sich. Der Inyezane ward in einer Furt durchschritten, und der Übergang machte keine Schwierigkeit, da der Fluß, nachdem die Gewitterflut sich verlaufen hatte, wieder niedrig in seinem Bette floß, und die durch Wagen nicht gehemmte Kolonne kam am Nachmittage vor dem Fort an, ohne mehr als vereinzelte Zulutrupps gesehen zu haben. Der Schrecken der Niederlage und des Falles ihres Führers hatte die Zulus verscheucht, sie mochten sich nach Norden zurückgezogen haben, und nur die Spuren ihres Lagers rings um Ekowe waren noch zu bemerken.
Oberst Pearson kam mit einer kleinen Schar dem Lord Chelmsford entgegen, als dieser nahe dem Fort war. Die Freude unter den Belagerten war groß. Seit dem 22. Januar waren sie, ringsum von Feinden umgeben, in dem festen Platze eingeschlossen gewesen und nun waren sie beinahe verhungert. An jenem 22. Januar,der die Niederlage von Isandula gebracht hatte, war ein starkes Zuluheer auch auf Oberst Pearson gefallen, hatte heftig mit ihm gekämpft, seine Truppen völlig in das Fort zurückgeworfen und ihn dann bis heute belagert. Schrecklicher Jammer hatte in Ekowe geherrscht. Fleisch und Brot waren zu Ende gegangen, die elendesten Nahrungsmittel waren nur in geringen Mengen noch zu haben gewesen, und nur noch der Sieg bei Gingilowo rettete die ganze Kolonne des Obersten Pearson vom Tode. Etwa zwölfhundert Mann waren in dem hochgelegenen, mit festen Wällen umgebenen Platze. Die Engländer, an reichliche Kost gewöhnt, glichen wandelnden Leichen und waren zum großen Teil so krank, daß sie kaum noch gehen konnten. Blaß und hohläugig lagen sie umher. Nur die Schwarzen waren noch einigermaßen munter. Sie hatten gegessen, was die Europäer weder beißen noch verdauen konnten, hatten zuletzt die großen Reiterstiefel ihrer weißen Befehlshaber in Öl gesotten und verzehrt und dazu ihren Gürtel enger geschnallt. So waren sie ziemlich frisch geblieben und tanzten vor Lust, als die Mannschaften des Lord Chelmsford ihre Brotbeutel öffneten und ihre Flaschen umherreichten.
Fort Ekowe, ehedem Missionsstation mit einer Kirche und mehreren Häusern, lag auf einem hochragenden Hügel, und von hier aus konnte das Land weithin überblickt werden. So war es dem Obersten Pearson auch möglich geworden, sich auf die Entfernung von fünf deutschen Meilen hin, bis zu den festen Plätzen am Tugela durch den Heliographen mit dem Oberbefehlshaber in Verbindung zu setzen. Ringsum war hier die Landschaft von wildem Charakter, stark durchschnitten, voller Hügel und Thäler und dicht bewachsen.
Pieter Maritz sah den Oberbefehlshaber mit dem Oberst Pearson und mehreren andern hohen Offizieren auf dem Walle stehen und bemerkte, daß Lord Chelmsford lange Zeit schweigend durch sein Fernrohr blickte und dann sich mit den andern Offizieren beriet. Der General erblickte den Buernsohn, winkte ihm und gab ihm den Auftrag, Leutnant Dubois herbeizuholen.
»Ich gewahrte dort im Norden einen starken Rauch,« sagte Lord Chelmsford zu dem Franzosen, als dieser, von Pieter Maritz begleitet, herangekommen war. »Reiten Sie doch mit einer starken Patrouille aus, um zu sehen, was dieser Rauch bedeutet. Die Buern sind mir von dem größten Nutzen,« fügte er, zu Oberst Pearson gewandt, hinzu, »und ich wüßte nicht, was ich ohne sieanfangen sollte. Weder Roß und Reiter sind jemals müde, sie thun den Vorpostendienst fast allein.«
Leutnant Dubois entfernte sich, um den Befehl auszuführen, und mit ihm stiegen Pieter Maritz und fünfzig Buern zu Pferde. Sie ritten gerade nach Norden.
»Ich weiß wohl, was der Rauch bedeutet,« sagte Pieter Maritz zu dem Leutnant, als sie sich von dem Fort entfernten. »Sehen Sie, wie trocken das Gras ist. Die Zulus stecken es an, um uns den Vormarsch zu erschweren. Ich kenne ihre Manier. Sie brennen das Land ringsum ab, so daß die Pferde und Ochsen des Feindes kein Futter finden.«
Leutnant Dubois ritt weiter, um sich zu überzeugen, und sie fanden den Rauch, je mehr sie nach Norden kamen, dichter und dichter. Der Wind trieb ihnen den Geruch und feine Asche verbrannter Gräser und Sträucher entgegen. Sie kamen an einen Kral, der verlassen war und in Flammen stand, und endlich kehrte die Patrouille um.
Lord Chelmsford stand, als sie zurückkehrten, wieder auf dem Walle, umgeben von Offizieren. Es war Nacht geworden, und ein Flammenmeer breitete sich in der Ferne aus.
»Ich dachte es mir,« sagte der General, als Leutnant Dubois seine Meldung abgestattet hatte. »Ah, diese Zulus! Wir können Ekowe nicht halten, es ist ein verlorener Posten. Wir können nicht weitermarschieren, denn wir sind zu schwach, um auf Ulundi vorzurücken. Ich bedarf noch großer Verstärkungen, ehe ich den Krieg zu Ende führen kann. Ich muß fünfundzwanzigtausend Mann haben. Im Lager von Gingilowo habe ich nur noch für eine Woche Lebensmittel, wie kann ich dort bleiben? Dies ist ein schrecklicher Krieg! Wir haben schon mehr als hundert Offiziere verloren. Um mit einer Armee vorzugehen, die den Zulus im freien Felde überlegen ist, bedarf ich eines ungeheuren Trains, und wie komme ich mit einem solchen Train durch dies Land? Oberst Pearson,« schloß der General, »lassen Sie alle Vorkehrungen treffen, um morgen früh abmarschieren zu können. Die Ingenieure sollen die Wälle sprengen. Wir gehen morgen auf Gingilowo zurück.«
Der Marsch ging zum Lager auf dem siegreich behaupteten Schlachtfelde zurück, dort wurde zwei Tage gerastet, um der früheren Besatzung von Ekowe Ruhe zu gönnen, und dann ging es weiter zurück in die festen Stellungen am Tugela, aus denen Lord Chelmsford aufgebrochen war, um Oberst Pearson zu entsetzen.Woche nach Woche verging, und keine neue Unternehmung ward gewagt. Doch auch die Zulus hielten sich still, kein Angriff erfolgte, nichts war von ihnen zu sehen.
In dieser Zeit der Ruhe, während Lord Chelmsford sich nach dem andern Flügel begab und den Oberst Wood besuchte, der sein Hauptquartier wieder nach Utrecht verlegt hatte, kamen immer neue Truppen von Port Natal und brachten viele Pferde und noch mehr Maultiere mit, die aus den fernsten Ecken der Erde zusammengeholt und auf Dampfern übers Meer gebracht worden waren. Pieter Maritz sah mit Erstaunen die großen Vorbereitungen des reichen Englands. Wunderschöne Regimenter kamen an und blieben teils in dem Lager am unteren Tugela, teils zogen sie nach dem linken Flügel in Transvaal. Ein prächtiges Regiment, die 17. Ulanen, erregte Pieter Maritz' Interesse. Sie trugen lange Lanzen, unter deren Spitzen kleine Fähnchen im Winde flatterten. Mit den Dragonern zusammen marschierten sie nach dem Norden, nach Transvaal, und es hieß, daß die Buern sich schwierig zeigten, so daß die englische Regierung es für gut halte, zahlreiche Kavallerie in deren Lande zu lassen. Mehrere Batterien Artillerie und zahlreiches Fußvolk verstärkten die Heeresabteilungen an den Grenzen des Zululandes. Oberst Wood wurde inzwischen zum Brigadiergeneral ernannt, seine an Kavallerie sehr starke Kolonne ward auf mehr als dreitausend Mann gebracht und eine fliegende Kolonne genannt, da sie zu weiten schnellen Unternehmungen bestimmt war. Eine andere Kolonne, unter Befehl des Generals Newdigate, deren Hauptquartier in Doornfontein war und welche die stark zusammengeschmolzene Abteilung des Obersten Glyn in sich aufnahm, erreichte eine Stärke von über zehntausend Mann, und die Kolonne am unteren Tugela, bei welcher Pieter Maritz sich befand und welche vom General Crealock befehligt wurde, zählte über neuntausend Mann. Lord Chelmsford weilte im Transvaallande, und es hieß, er wolle von dort aus in das Zululand einzudringen versuchen.
Doch verbreitete sich Mitte Mai im Lager am Tugela die Nachricht, die Königin sei unzufrieden mit der Regierung des Generalgouverneurs Sir Bartle Frere und der Kriegsführung des Lord Chelmsford, da er noch immer den König Tschetschwajo nicht zur Unterwerfung gebracht habe, und sie habe den glücklichsten General ihrer Armee, Sir Garnet Wolseley, abgesandt, um an höchster Stelle sowohl die Civilregierung als auch den Krieg in Südafrika zu leiten.
Zu dieser Zeit erhielten auch die Buernreiter Befehl, aufzubrechen und der Grenze von Natal entlang nach Transvaal zu marschieren. Sie waren in unablässigem Vorpostendienst gewesen, indem sie der Front entlang auf Meilen weit Patrouillen ausgeschickt und vor den festen Plätzen Fort Tenedos, Fort Pearson, Fort Williamson und Fort Chelmsford auf Posten gestanden hatten. Manchen Tag und manche Nacht hatte Pieter Maritz im Sattel gesessen und seine Wunde war inzwischen vollständig geheilt. Sein vieles Geld hatte er bei einem der Buern in Durban niedergelegt, an welche ihn Joubert empfohlen hatte. Die englische Armee war in beständiger Sorge eines Angriffs der Zulus und in Verwunderung darüber, daß der schnelle Feind, den kein Gepäck, kein Train in seinen Märschen hinderte, nicht längst schon auf irgend einem Punkte der langen Grenze in englisches oder Buerngebiet hereingebrochen sei.
Am 20. Mai traf die Reiterschar des Leutnants Dubois bei Rorkes Drift ein, wo das Land dem Buernsohn von früheren Ritten her wohlbekannt war, und hier vereinigten sich die Buern mit einer starken Abteilung, die unter dem Befehl des Generals Marshall eine Rekognoszierung in das Zululand hinein machen sollte. Hauptsächlich Kavallerie und reitende Artillerie bildeten diese Abteilung, und die Geschütze waren mit Pferden bespannt, um behende bewegt werden zu können. Es war das Dragonerregiment, die Hälfte des 17. Ulanenregiments, die reitenden Buern und dazu vier Kompanien vom 24. Regiment, welches bei Isandula so schwer gelitten hatte. General Marshall sollte erkunden, was die Zuluabteilungen im Schilde führten, welche sich in der Gegend gezeigt hatten, wo die schreckliche Niederlage am 22. Januar stattgefunden.
Als Pieter Maritz am Morgen des 21. Mai an der Seite des Leutnants Dubois vor der Buernschar ritt, während links die Fähnchen der Ulanen glänzten und hinten die rote Masse der Dragoner folgte, sah er den General, welcher von rückwärts herangesprengt kam, von mehreren Offizieren begleitet und bemerkte neben ihm eine Reitergestalt, welche seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war ein junger Mann in der prächtigen Uniform der englischen Artillerie, auf einem Fuchs von der edelsten Rasse. Sein Gesicht war zart und blaß, und ein kleiner dunkler Schnurrbart beschattete die Oberlippe. Er trug den weißen Korkhelm mit einem weißen Schleier umwunden, wie die englischen Offiziere wohl zu thun pflegten, um die Glut der Sonnenstrahlen zu mildern.
Zugleich mit dem Buernsohn hatte auch Leutnant Dubois diesen Reiter erblickt, und in dem wettergebräunten Gesicht des alten Soldaten zeigte sich tiefe Bewegung. Als General Marshall mit seinem jugendlichen Begleiter an der Buernschar vorübertrabte, warf der Franzose sein Pferd zur Seite, um Front gegen die Vorbeikommenden zu machen, und nahm nach Art der Franzosen und entgegen der englischen Sitte zum Gruße den Helm vom Kopfe.
Ein freundliches Lächeln erschien auf dem Gesicht des jungen Mannes, welcher fröhlich mit dem General plauderte, und er tauschte einige Worte mit seinem Begleiter aus. General Marshall benahm sich gegen den jugendlichen Artillerieoffizier mit ehrerbietiger Höflichkeit. Dann kam der Fremde auf Leutnant Dubois zugeritten.
»Ein Landsmann, wie ich höre,« sagte er mit vornehmer Liebenswürdigkeit zu dem Leutnant. »Ich habe es mir gedacht, als ich Sie sah, daß dies Gesicht aus unserm alten lieben Frankreich stamme.«
Leutnant Dubois verneigte sich bis auf den Hals des Pferdes.
»Ein alter Soldat, Kaiserliche Hoheit,« entgegnete er. »Ich diente fünfunddreißig Jahre lang unter der dreifarbigen Fahne.«
Der junge Mann streckte seine rechte Hand aus, welche der Leutnant ehrfurchtsvoll ergriff, und sagte mit bewegtem Tone: »Ich bin sehr erfreut, einen Landsmann getroffen zu haben. So begegnen sich Frankreichs Söhne während des Unglücks ihres Vaterlandes auf fremder Erde. Ich bin im Lager Englands, um den Krieg kennen zu lernen. Wie glücklich würde ich sein, wenn Gott in seiner Gnade es fügen wollte, daß treue verdiente französische Offiziere wieder unter dem einzigen Namen vereinigt wären, der ihnen die wahre Anerkennung verschaffen kann.«
Er grüßte mit einer leichten, höflichen Handbewegung und kehrte zu dem General zurück, während Leutnant Dubois mit strahlendem Gesicht, leise Flüche vor sich hinmurmelnd, hinter ihm hersah. Pieter Maritz getraute sich nicht, den Leutnant zu stören, obwohl er gern gefragt hätte, wer jener Fremde sei. Aber während er schweigend neben dem Franzosen hinritt und beide die Buernschar, hinter welcher sie etwas zurückgeblieben waren, wieder einzuholen trachteten, brach jener das Schweigen von selbst, entlastete sein Herz zuerst durch einige schwere Verwünschungen und sagte dann: »Es ist der kaiserliche Prinz von Frankreich, der Sohn NapoleonsIII.So tief ist Frankreich gefallen, daß der Erbe seinesThrones nach Afrika gehen muß, um den kriegerischen Ruhm seines Namens aufrecht zu erhalten.«
Der Marsch führte nach kurzer Zeit zu einer Stelle, welche Pieter Maritz lebhaft jenen Morgen ins Gedächtnis zurückrief, wo er als Gefangener von dem Unteroffizier, der so gern lachte, geführt worden war. Die auffallende, hochragende Gestalt des Isandulaberges lag vor seinen Blicken, und dort unten war der Platz, wo das Lager gestanden hatte. Alles war grün, von der mächtigen Pflanzenwelt Südafrikas überkleidet, doch beim Näherkommen sah Pieter Maritz die Spuren jenes Kampfes, dem er zugeschaut hatte. Er zeigte dem Leutnant Dubois die Stellungen, welche die englischen Truppen gehabt, und indem dieser es dem General mitteilte, wandte sich die Aufmerksamkeit der Engländer auf den Platz.
Kein Fuß eines Europäers hatte seit jenem blutigen Tage das Schlachtfeld betreten, und auch die Kaffern hatten in ihrer Scheu vor den Toten die Stelle gemieden. Hier lagen tote Körper, Engländer, fast ganz entkleidet, von Raubtieren und Insekten des Fleisches beraubt, in den Stellungen, welche sie sterbend eingenommen hatten. Reihenweise lagen die Gerippe, hier die Knochenhand zur Faust geballt und emporgestreckt, dort noch die Waffe umschließend. So lagen auch die Überreste der Pferde, Maultiere und Ochsen umher, wie sie unter den Kugeln und Speeren der Zulus gefallen waren. Sonderbar sah es bei den zertrümmerten Wagen aus. Das Getreide war aus den Säcken und Kisten herausgefallen und hatte Wurzel geschlagen. Kleine Saatfelder mit schwankenden Halmen, die Ähren im Winde schaukelnd, lagen unter und neben den Wagen, und zwischen dem grünen Mais und Weizen blickten kahle Schädel mit leeren Augenlöchern hervor. Waffen wurden nur wenig gefunden. Alle Gewehre waren samt der Munition von den Zulus mitgenommen und bei ihren späteren Angriffen verwendet worden.
General Marshall ordnete an, daß die Leichen beerdigt würden, und nachdem dies traurige Geschäft beendigt worden war, wurde der Marsch noch über eine Meile weit fortgesetzt, bis dahin, wo Oberst Glyns Kolonne unter Lord Chelmsfords Führung gewesen war, während das Lager in ihrem Rücken von den Zulus überrascht wurde. Kein Feind war zu sehen, alles war still, und die Rekognoszierungsabteilung kehrte zurück.
Aber die Zeit des allgemeinen Vormarsches gegen Ulundi, die feindliche Hauptstadt, ward nun bestimmt, Generalleutnant Sir Garnet Wolseley war am 24. Mai in Port Natal angekommen,große Vorräte an Getreide, Mehl, Schlachtvieh und andern Lebensmitteln, sowie an Getränken, waren herbei geschleppt worden, und an einem der ersten Tage des Monats Juni sollte der Zug beginnen. Pieter Maritz hielt am Morgen des 1. Juni mit einigen Buern im Felde. Er gehörte zu einem Pikett, das vom Lager des Generals Wood aus vorgeschoben war, nicht weit von dem Krale Itelesi an der Grenze zwischen Transvaal und dem Zululande. Er konnte eine weite Landschaft übersehen, die wellenförmig gestaltet und in der Ferne von Hügeln umgeben war. Auch erblickte er mehrere weiß schimmernde Vierecke, die eine halbe Meile weit entfernt waren: das Lager des Generals Newdigate, in welchem die verschiedenen Regimenter ihre Zelte als hohle Vierecke geordnet und mit Befestigungen umgeben hatten. Einzelne dunkle Flecke lagen in dem Grün und Braun der Landschaft: kleine Krale der Zulus, die von den Bewohnern verlassen waren, und von denen kein Rauch mehr aufstieg. Die Morgensonne überstrahlte die weite Fläche, und das hügelreiche Land mit den Zelten der englischen Truppen bot einen lieblichen Anblick. Pieter Maritz sah einen kleinen Reitertrupp vom Lager des Generals Newdigate herankommen und in einiger Entfernung vorbeiziehen. Er konnte die Personen deutlich unterscheiden. Voran ritt eine Gestalt, welche er wiedererkannte, es war der Prinz Ludwig Napoleon. Dicht hinter dem Prinzen und ihm zur Seite ritt ein englischer Offizier, und darauf folgten sechs Kavalleristen und ein Zulu, der ebenfalls zu Pferde saß und wohl der Führer war. Der Prinz hielt auf einem Hügel an, betrachtete die Gegend durch sein Fernrohr und schrieb oder zeichnete dann auf ein weißes Blatt, das er vor sich auf dem Sattel hielt. Dann ritt der kleine Zug wieder weiter und verschwand nach und nach in dem tiefer liegenden Lande.
Pieter Maritz blieb auf seinem Posten, und es vergingen einige Stunden, als sich andere Reiter, vom Lager des Generals Newdigate herkommend, zeigten. Diese Reiter waren General Wood und Oberst Buller mit drei Mann von Bullers Kavallerie. General Wood hielt sein Pferd vor dem Buernposten an und blickte Pieter Maritz scharf ins Gesicht, gleich als erinnerte er sich seiner. Der Buernsohn trug das Viktoriakreuz auf der linken Brust, und der General betrachtete es einen Augenblick, war aber mit etwas anderm so lebhaft beschäftigt, daß er sich nicht auf Fragen hinsichtlich der Persönlichkeit des jungen Buern einließ.
»Haben Sie den Kaiserlichen Prinzen gesehen?« fragte er.
»Jawohl,« entgegnete Pieter Maritz. »Der Prinz ritt mit seiner Begleitung hier vorbei, in der Richtung nach dem Feinde zu.«
»Wie lange ist das her?«
»Es mögen jetzt etwa drei Stunden sein.«
»Drei Stunden!« rief der General. Dann wandte er sich zu Oberst Buller und sagte: »Ich mache mir Sorge wegen des Prinzen. Man sollte den löblichen Eifer des jungen Herrn mehr in Schranken halten. Er kennt das Land nicht und kennt nicht den Feind. Wie leicht kann in diesem Terrain eine Überraschung vorfallen! Sehen Sie die tief eingeschnittenen Bäche, das Buschwerk, das hohe Gras. Die schwarzen Kerle gleiten wie die Eidechsen durch das Gras hin, und wenn dem Prinzen etwas passierte, so wäre es eine unauslöschliche Schande für die britische Fahne.«
»Ich werde eine Abteilung meiner Reiter aussenden, um den Prinzen suchen zu lassen,« entgegnete Oberst Buller. »Doch ist ja Leutnant Carey, ein zuverlässiger Offizier, bei ihm. Es ist schwer, auf den Prinzen zu achten. Ich weiß nicht, ist er dem Stabe des Lord Chelmsford oder dem Stabe des Generals Newdigate zugeteilt. Seiner Begierde, sich auszuzeichnen, kommt eine große Freiheit zu Hilfe.«
General Wood hob sein Doppelglas an die Augen und spähte hinaus. »Sehen Sie doch,« sagte er nach einigen Augenblicken, »kommt dort nicht ein Reiter?«
Oberst Buller blickte ebenfalls durch seinen Feldstecher und bestätigte die Wahrnehmung des Generals.
»Das ist der Offizier, welcher neben dem Prinzen ritt, ich erkenne ihn an den Bewegungen seines Pferdes,« sagte Pieter Maritz.
»Wie? Leutnant Carey allein?« fragte der General mit dem Tone der Besorgnis.
Jetzt kam der Reiter näher. Er war in vollem Galopp, und hinter ihm erschienen in weiten Zwischenräumen vier andere Reiter.
»Es ist Leutnant Carey, bei Gott!« rief Oberst Buller.
Der Leutnant kam heran, gerade auf die Stelle zu, wo die Offiziere und der Buernposten hielten. Er war in Hast und Verwirrung, sein Gesicht glühte, das Pferd triefte von Schweiß. Er hielt es vor General Wood an und konnte zuerst vor Aufregung nicht sprechen. Die Flanken des Pferdes schlugen von der großen Anstrengung eines weiten eiligen Rittes.
»Der Prinz! Um Gottes willen, wo ist der Prinz?« rief General Wood.
Der Leutnant legte die Hand an den Helm. »Der Prinz ist nicht da,« entgegnete er.
»Das sehe ich. Aber wo ist der Prinz?« fragte der General.
»Wir haben ihn verloren.«
»Verloren? Was soll das heißen? Was ist mit dem Prinzen geschehen?«
Während dessen kamen, einer nach dem andern, vier Kavalleristen heran und hielten mit bestürzten Mienen hinter dem Leutnant.
»Was ist aus dem Prinzen geworden?« fragte General Wood. »Warum haben Sie ihn verlassen? Was ist mit dem Prinzen geschehen?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete Leutnant Carey. »Wir ritten zusammen dort hinunter« — er zeigte mit der Hand nach der Richtung, woher er kam — »und der Prinz machte topographische Skizzen. Dann kamen wir in die Nähe eines Krales, der verlassen war, und der Prinz besichtigte die Kaffernhütten. Sie waren alle leer. Dann setzten wir uns nieder, um zu frühstücken ....«
»Wie? In dem Krale selbst?« fragte der General.
»Jawohl, der Prinz wünschte es. Wir sattelten ab und ....«
»Sie sattelten ab? Im Krale? In der Nähe des Feindes?«
»Jawohl, wir sattelten ab, da der Prinz seinem Pferde bei der großen Hitze eine Erleichterung verschaffen wollte, und wir frühstückten neben einer Mauer unweit der Pferde, welche von zwei Leuten gehalten wurden. Plötzlich sah ich ein schwarzes Gesicht zwischen den Dornenhecken bei den Hütten hervorblicken und zeigte es dem Prinzen. ‚Ich sehe es auch,‛ antwortete er, und dann liefen wir sofort zu unsern Pferden. Ich schwang mich in den Sattel, den ich so schnell als möglich aufgelegt hatte, und während wir sattelten, fielen mehrere Schüsse und zwei von den Leuten stürzten. Die Zulus waren mit dem Assagai in der Hand so dicht hinter uns her und liefen so schnell, daß ich nur durch den schärfsten Galopp mich retten konnte. Ich kam an einen Bach in einer Schlucht, und hier sah ich mich um, erblickte aber nur diese vier Leute hier hinter mir. Vom Prinzen sah ich nichts und weiß nicht, was aus ihm geworden ist.«
Während dieses Berichtes zeigte sich in den Mienen der hohen Offiziere die größte Bestürzung.
»Was ist zu thun?« rief General Wood. »Der Prinz ist gefangen oder tot! Was sollen wir machen? O schrecklich, schrecklich!«
»Reiten wir dorthin, wo Leutnant Carey den Prinzen verlor!« sagte Oberst Buller.
»Wie können wir das?« sagte General Wood. »Die Zulus sind vielleicht in großen Massen dort. Wir können nur mit einer starken Abteilung dorthin marschieren. Außerdem ist nun alles zu spät. Sie, Leutnant Carey, hätten besser achtgeben, Ihrer Pflicht besser nachkommen sollen! Sie sind Arrestant, man wird Sie vor ein Kriegsgericht stellen. Geben Sie Ihren Säbel ab!«
Leutnant Carey senkte den Kopf, überreichte seine Waffe dem Oberst Buller, der sie einem der Kavalleristen gab, und dann kehrten die Engländer zum Lager des Generals Newdigate zurück.
Erst am folgenden Morgen rückte eine Abteilung aus, um den Prinzen zu suchen. Sechs Schwadronen Ulanen und Dragoner marschierten um vier Uhr in der Frühe unter Kommando des Generals Marshall aus, und Leutnant Dubois mit einer Abteilung der Buernreiter ritt voran. Als der Franzose von Pieter Maritz den Bericht des Leutnants Carey vernommen hatte, geriet er in eine stille Wut, eine lautlose Aufregung, welche schlimmer war als all' sein sonstiger geräuschvoller Zorn. Mit zusammengebissenen Zähnen und grimmig gefurchter Stirn ritt er diesen Morgen vor seinen Reitern her und war immer mehrere hundert Schritte voraus. Pieter Maritz blieb neben ihm und führte den Weg, den er gestern den Leutnant Carey hatte nehmen sehen.
Sie sahen den Kral in der Entfernung auftauchen, wo nach Careys Beschreibung Halt gemacht worden war, und näherten sich ihm, als von der Seite her ein reiterloses Pferd herangetrabt kam, das im Kaffernkorn geweidet hatte. Wiehernd näherte es sich den andern Pferden.
»Das ist der Fuchs des Prinzen!« rief Pieter Maritz, indem er es am Zügel ergriff. Leutnant Dubois betrachtete das Pferd. Es war gesattelt, in den Pistolenhalftern steckten ein Revolver, Karten und Papier, sowie ein Schreibzeug. Die Bügel hingen herunter, doch bemerkte Dubois, daß ein lederner Riemen, mit welchem der Mantelsack am hinteren Ende des Sattels befestigt wurde, zerrissen war und der Mantelsack fehlte. Das zerrissene Ende hing vom Sattelringe herab.
Dubois zeigte auf dies Ende. »Sieht es nicht aus,« fragte er, »als ob der Prinz beim Aufsteigen sich an dem Riemen gehalten hätte und als ob der Riemen dabei gerissen wäre?«
Sie ritten weiter und Pieter Maritz führte das Pferd am Zügel.
Nun kamen sie an eine Schlucht, in welcher ein wenig Wasser floß, und ein trauriger Anblick zeigte sich ihren Blicken. Ganz nackt lag ein weißer Leichnam in der Schlucht, und obwohl er von Blut bedeckt und auch das Gesicht schwer verletzt war, indem anstatt des rechten Auges nur eine fürchterliche Wunde sich zeigte, erkannten beide die blassen Züge des Kaiserlichen Prinzen. Er war von achtzehn Assagaiwunden durchlöchert. Zwei Stöße waren ihm von der Brust bis zum Rücken durch und durch gegangen, zwei Stöße hatten die Rippen von einer Seite bis zur andern durchbohrt. Alle Kleidung sowie das Schuhwerk war ihm genommen worden, nur ein schmales goldenes Kettchen hing ihm um den Hals, woran ein Medaillon und ein Skapulier mit dem Bildnis der Jungfrau Maria hingen. Die Zulus mußten vor diesen Gegenständen als vor Amuletten Scheu empfunden haben. Leutnant Dubois öffnete das Medaillon und fand darin die Bildnisse des Kaisers NapoleonIII.und der Kaiserin Eugenie, sowie eine Locke von dem grauen Haar des Kaisers.
»O jammervolles Ende eines berühmten Geschlechts!« rief der Franzose in tiefster Bewegung, während Thränen, die seine Augen nie gekannt, über das kriegerische Gesicht hinliefen. »O du Hoffnung Frankreichs, mußtest du so kläglich sterben? In einem Winkel ermordet, von schwarzen Wilden mit Speeren abgeschlachtet, du Erbe des stolzesten Thrones der Welt! In deinen Adern floß das Blut des größten Siegers, dein Ahn erschütterte die Erde mit dem Nicken seines Hauptes, und du, armer Prinz, liegst hier nackt und bloß auf afrikanischer Erde, im Busche gefallen, in einem ruhmlosen Kriege!«
Während er in seinem Schmerze so rief und jammernd die Hände rang, erschienen die Lanzenspitzen der englischen Kavallerie über dem Rande der Schlucht, und General Marshall mit einigen Offizieren ritt heran.
»Durch eure Schuld ist er gefallen,« rief der Franzose den Engländern entgegen. »Konntet ihr ihn nicht besser beschützen? Er erwies euern Waffen eine Ehre, indem er sich zu ihnen gesellte, und ihr hättet wissen sollen, wie ihr einen Napoleoniden beschützen mußtet, der seine Jugend eurer Führung anvertraute. Uns trifft das Unglück, aber euch trifft der Tadel!«
Die englischen Offiziere stiegen von den Pferden und kamen betroffen zu der Stelle herab, wo die Leiche lag. Sie antwortetennichts auf die Anklage des französischen Kriegers und verziehen seinem Schmerze. Stumm und traurig, in tiefer Beschämung standen sie neben dem blutigen Körper.
Leutnant Dubois kniete nieder und küßte die Hand des toten Jünglings.
»Wie wird deine Mutter um dich klagen, unglücklicher Prinz!« rief er. »Nun hat sie alles verloren, was die Erde ihr noch Gutes bot. Der Kaiser ist dahin, mit ihm die Herrschaft und der Thron. Der Ruhm Frankreichs ist verloren! Du allein, armer Prinz, warest ihr und unser Trost, du schlossest in deiner Brust die Hoffnung und das Glück des kaiserlichen Frankreich, allen Stolz der Mutter ein. O welch ein klägliches Ende, welch ein Leid!«
Die englischen Offiziere nahmen einen Schild von einem der Zulus, welche die Kavallerie begleitet hatten, und legten die Leiche hinein. Dann deckten sie sie mit einem Mantel zu und trugen sie aus der Schlucht empor. Darauf ließen sie eiligst Botschaft nach dem Lager zurückgelangen und einen Ambulanzwagen kommen. Sie umhüllten die Leiche mit weißen Tüchern, legten sie auf dem Schilde in den Wagen und fuhren sie zurück. Die Nachricht vom Tode des Kaiserlichen Prinzen hatte große Bestürzung verbreitet, und alle hohen Offiziere kamen dem Zuge entgegen. Als der Wagen sich dem Lager bei Landmans Drift näherte, traten die Truppen unters Gewehr, und zwischen langen Reihen von Säbeln und Bajonetten bewegte sich der Trauerzug unter militärischen Ehren durch die Zeltstraßen. Inmitten des Lagers hielt der Wagen, und der Schild ward herabgehoben. Generale trugen ihn, und Leutnant Dubois nahm seinen Platz zwischen ihnen ein. Das Pferd des Prinzen ward am Zügel hinter dem Schilde hergeführt. So ging es nach des Prinzen Zelte.
Stille und das Gefühl der Beschämung lasteten auf dem englischen Heere. Der Fall des Prinzen Ludwig Napoleon fügte den schon erlittenen Niederlagen und Verlusten den herbsten Schlag hinzu, denn er verband sich mit dem Bewußtsein, daß alle Völker der Erde ihren Blick auf den Tod des Prinzen richten und die Kriegsführung Englands mit Erstaunen betrachten würden.
Lord Chelmsford rückte vor. Er wollte einen Sieg erringen, ehe noch Wolseley die Armee erreicht hätte. Nach halbjähriger Kriegsdauer, nach langen Vorbereitungen, nachdem eine ungeheure Menge von Lebensmitteln in Hunderten von schweren Ochsenwagen aufgestapelt worden war, nachdem noch mehrfach kleine Gefechte mit angreifenden Zulus stattgefunden hatten, wagte er es, die Armee mitten in das Land der Feinde, gerade auf Ulundi zu führen. Von Transvaal aus brachen General Newdigate und General Wood auf, zahlreiche Reitermassen vor der Front, und von Natal, von der Mündung des Tugela aus marschierte General Crealock auf Ulundi. Die starken Kolonnen trafen sich im Zululande, und die ganze Armee wälzte sich mit ihrem gewaltigen Train gleich einem breiten Strome durch das Hügelland. Doch bald veranlaßte vorsichtige Überlegung den englischen Oberbefehlshaber, eine neue Teilung einzuführen. Da er über den Aufenthaltder Zuluarmee im ungewissen war, und auch ihre große Beweglichkeit kannte, ließ er General Crealock zurück, um die Verbindung nach rückwärts zu sichern und einem etwaigen Einbruch der Zulus in Natal zu begegnen. Er selbst ging mit den Divisionen Newdigate und Wood südlich vom Weißen Umvolosi vorwärts.
Pieter Maritz war immer unter den vordersten Reitern der Vorhut, die behenden Buern suchten das Land ab, bevor die schweren schönen Regimenter der englischen Kavallerie und Infanterie es durchfurchten. Mehreremal sah Pieter Maritz die düstere Gestalt Humbatis in seiner Nähe auftauchen. An der Spitze mehrerer tausend Zulus von Natal that er Späher- und Vorpostendienste, und eine schwarze Wolke von Zulukriegern umgab schützend den festen Kern des Heeres, welches zum Entscheidungskampfe heranrückte.
Auf beiden Seiten wütete das Feuer. Die weichenden Zulus zündeten überall, wo die Dürre es gestattete, das Gras an und flüchteten mit ihren Rinderherden. Die Engländer aber schossen mit Raketen und Shrapnels in jeden Kral, den sie am Wege trafen. Flammen und Rauchsäulen bezeichneten den Weg nach Ulundi.
Eines Tages sah Pieter Maritz, als er über einen Hügel ritt, von fern einen Zug von schwarzen Männern dem Heere entgegenkommen. Schon wollte er Meldung zurückschicken, daß der Feind nahe, als er wahrnahm, daß mehrere der herankommenden Zulus in lange weiße Gewänder gehüllt waren, gleich als wollten sie ihren friedlichen Sinn und eine Botschaft ankündigen. Er ritt zurück und meldete dem Führer der Vorhut, daß eine Gesandtschaft komme.
Die Zulus kamen langsam näher und wurden, von Ulanen auf beiden Seiten umgeben, zu der Hauptmacht des Heeres geführt, bei der Lord Chelmsford sich befand. Pieter Maritz blieb auf Befehl des Kommandanten der Vorhut bei ihnen, um mit einer Übersetzung ihrer Reden aushelfen zu können. Voran schritten Prinz Sirajo und der Induna Molihabantschi, in wallende weiße Gewänder gehüllt, goldene Ringe auf dem Kopfe, ohne Waffen, Elfenbeinstäbe mit verzierten Knäufen in der Hand. Ihnen folgten zwei andere Indunas vom Hofe Tschetschwajos in Mänteln von Leopardenfell, ebenfalls ohne Waffen und mit Elfenbeinstäben. Hinter diesen ging eine Reihe von geringeren Männern, die nackt waren und auf ihren Schultern riesige Elefantenzähne und flacheKörbe mit goldenen und anderen Kostbarkeiten des Zululandes trugen. Alle gingen schweigend und ernst, auf ihren Gesichtern war zu lesen, daß sie von traurigen Gefühlen erfüllt waren. Doch gingen sie mit dem vornehmen Anstande, den Pieter Maritz an den Zulus kannte und den die Europäer so oft bei den nackten schwarzen Männern bewunderten. Königen gleich schritten Sirajo und Molihabantschi an der Spitze des Zuges, blickten nicht rechts und nicht links, zeigten weder Furcht noch Trotz. Als sie inmitten der prächtigen Ulanen daherkamen, die zu Pferde und mit ihren langen bewimpelten Lanzen hoch über sie hinwegragten, da glichen sie doch nicht etwa einer Schar armer Schächer, sondern vornehmen Fremdlingen, die ehrenhalber von Kavallerie begleitet wurden.
Es war am Nachmittage, und die englischen Truppen hatten ihre Zelte aufgeschlagen. Das Heer hatte seit Beginn des Krieges schon Tausende von Kranken zurücklassen müssen, und keiner der Engländer wagte im Freien zu übernachten. Der Wechsel von Hitze und Kälte, von Trockenheit und Gewitterregen war den Bewohnern der fernen britischen Inseln gefährlich, ihre reichlich genährten und mit Spirituosen erhitzten Körper waren nicht hart genug. So ging der Angriff auf Ulundi nur sehr langsam vorwärts, und immer entstand eine Stadt von Zelten, wenn der tägliche Marsch vollbracht war.
Lord Chelmsford kam, von mehreren hohen Offizieren begleitet, auf den Alarmplatz seines Lagers und empfing die Gesandtschaft inmitten eines weiten, von Waffen starrenden Kreises. Ihm gegenüber stellten sich die Zulus auf, und würdevoll begann Sirajo seine Rede:
»Der König Tschetschwajo grüßt den englischen Induna, und er spricht durch den Mund seines Bruders folgende Worte: Warum krönst du mich am Morgen und tötest mich am Abend? Du warst mein Freund und stütztest meine Herrschaft, als ich jung war und das Zululand zu regieren anfing. Du liebtest mich, als ich dir gegen deine Feinde half. Warum willst du mich jetzt töten? Ich habe den Krieg nicht begonnen; ich sandte dir eine Friedensbotschaft über die andere. Nicht ich kam in das Land der Königin von England, sondern die englischen Krieger kamen in mein Land, und so begann der Krieg. Das Blut vieler Männer netzt das Gras, von dem die Rinder sich nähren sollten, und der Frieden hat seine helle Farbe im roten Schein der Feuer und des Blutes verloren. Aber die englischen Krieger vergossen das erste Blut, steckten dieDörfer meiner Unterthanen in Brand und trieben meine Ochsen zu ihren Feuern. Als meine Regimenter zum Kampfe gegen die Deinen anstürmten, da lagen schon viele schwarze Männer am Boden. Aber ich will nicht klagen über die mächtige Königin, denn sie ist stark, und ich bin schwach. Sie ist sehr groß, und ihr Schatten hüllt das Zululand in Nacht. Ich will ihren Induna um Frieden bitten. Eine englische Botschaft kam zu mir, welche verlangte, daß ich mein Heer verringerte, die Bai von Santa Lucia abträte und einen Gesandten der Königin in meiner Hauptstadt wohnen ließe. Ich wies es zurück, weil ich nicht wußte, wie stark das englische Heer ist. Aber jetzt will ich diese Bedingungen annehmen, und ich bitte, daß man mir Gehör gebe. Tschetschwajo will ein guter Sohn seines weißen Vaters in Natal sein. Er schickt Geschenke, um das Herz des englischen Indunas zu bewegen und legt sie zu seinen Füßen nieder als ein Zeichen seiner Friedensliebe und seiner Unterwerfung.«
Sirajo winkte, und sein Gefolge näherte sich dem Lord Chelmsford und legte die langen Stoßzähne der Elefanten und den Schmuck vor ihm auf den Boden nieder. Dann erwarteten die Zulus schweigend die Antwort des weißen Heerführers.
Pieter Maritz hatte die Worte Sirajos übersetzt und blickte dem Lord gespannt ins Gesicht. Er hatte schon genug vom Lauf der Welt und von der Politik Englands kennen gelernt, um vorher zu wissen, daß Tschetschwajo vergeblich bitte. Zu viel Blut war geflossen und zu viel Anstrengungen hatte England gemacht, als daß ein halber Erfolg und schneller Friede seinen Plänen hätte genügen können. Die Ehre Englands stand auf dem Spiele, englische Truppen waren besiegt worden, der kaiserliche Prinz war gefallen. Nur eine völlige Niederlage Tschetschwajos konnte in den Augen Europas und der ganzen Erde diese Scharten auswetzen.
»Nehmt die Geschenke wieder,« entgegnete Lord Chelmsford, »und tragt sie eurem Könige zurück. Tschetschwajo bittet zu spät um Frieden, und England traut ihm nicht. Er sieht die feindlichen Waffen nahe vor seiner Hauptstadt, darum nimmt er die Maske der Friedensliebe vor. Aber wenn das Heer sich zurückzöge, so würden die Zulus mit dem früheren Stolze und in alter Kriegslust sich erheben. Die Königin will bessere Sicherheit haben als das Wort Tschetschwajos, und folgendes ist meine Bedingung: Tschetschwajo soll sich als mein Gefangener stellen. Er soll sich allen Maßregeln unterwerfen, die ich treffe. Ich will in seinemLande gebieten, als wäre ich dessen König. Ohne Bedingungen soll sich Tschetschwajo mir völlig unterwerfen. Will er das thun, so werde ich Frieden halten. Als Zeichen, daß Tschetschwajo gesonnen ist, sich zu unterwerfen, soll er zunächst die Geschütze und Gewehre, welche seine Armee erbeutet hat, ausliefern. Er soll eines seiner Regimenter schicken, welches diese Waffen bringt, und selbst die eigenen Waffen vor mir niederlegen. Ich werde bis zum 3. Juli darauf warten und nicht vor diesem Tage Ulundi angreifen, auch den Umvolosi nicht überschreiten. Ist dieser Tag aber vorübergegangen, ohne daß ich meine Waffen wieder habe, so gehe ich über den Fluß und erzwinge mit Gewalt, was ich hier mit Worten fordere.«
Sirajo streckte wie abwehrend die Hand aus und sagte: »Der König der Zulus wird nicht dein Knecht werden. Willst du nicht den Frieden nehmen, wie Tschetschwajo ihn bietet, so hast du den Krieg.«
Stolz wandte er sich ab und schritt davon, sein Gefolge raffte die verschmähten Geschenke wieder auf, und dann ging die schwarze Gesandtschaft mit derselben Würde von dannen, mit der sie gekommen war.
Pieter Maritz blieb nachdenklich auf der Stelle stehen, wo er der Verhandlung als Dolmetscher gedient hatte. Er zweifelte nicht daran, daß das englische Heer auch in dem verzweiflungsvollen Kampfe, der nun noch bevorstand, siegen werde. An Zahl den Zulus beinahe gleich, mußten die englischen Krieger mit ihrer überlegenen Kriegskunst und Bewaffnung über ihre Feinde siegen. Sie hatten Infanterie, Kavallerie und die schreckliche Artillerie, sie hatten dazu Ingenieure, um die Wege zu bahnen, Brücken über die Flüsse zu schlagen und Verschanzungen anzulegen. Was wollten die nackten Schwarzen gegen sie ausrichten? Sie hatten nur Fußvolk, und ihr Mut und ihre Schnelligkeit, ihre Ausdauer und Bedürfnislosigkeit mußten ihnen alle Kunst ersetzen. Pieter Maritz sah im Geiste die Zulus unterworfen und Englands Macht über ganz Südafrika neugestärkt. Er hatte jetzt lange unter den Engländern gelebt und kannte ihre Art zu denken und zu handeln. Sie betrachteten Afrika als ihr Eigentum und blickten mit Verachtung auf die andern Völker. Sie wollten in den eisernen Ring ihrer Herrschaft alle Länder zwingen, welche in Südafrika lagen. Zum Kapland und Natal fügten sie den Oranjefreistaat, Transvaal und nun das Zululand, und mit ihrem Golde machten siesich die Einwohner gefügig, so daß diese ihnen einer gegen den andern halfen. So hatten sie jetzt viele Buern mit ihren Pferden, Waffen und Ochsenwagen in ihrem Solde, aber sie hatten zugleich ihre Truppen im Transvaalland liegen, und nach Beendigung des Zulukrieges würden sie gebieterischer als je gegen die Buern auftreten. Würde es je gelingen, die Südafrikanische Republik aus dem Ringe zu befreien, den England um alle südafrikanischen Länder gemeinsam schlang?
Der Marsch ging weiter. Die Buernreiter, dazu La Trobe Lonsdales Swazitruppen, Cooks leichte Kavallerie, die berittenen Basutos und Humbatis Zulutruppen waren immer voraus. Eine bunt zusammengesetzte Armee war es, die gegen Ulundi vorrückte. Die Swazis, Basutos und Zulus waren in ihrem Stolz auf die europäische Kameradschaft zum Teil in europäischem Kostüm. Viele marschierten in abgelegten Uniformen von Ulanen, Dragonern, Husaren und Infanteristen, aber mit nackten Beinen und Füßen, da Beinkleider und Schuhwerk sie zu sehr belästigten. Auf den schwarzen Köpfen saßen Helme, Tschakos und Feldmützen, auch wohl Bauernhüte oder schwarze Cylinderhüte mit Schleiern. Schilde und Speere zeigten sich neben Gewehren und Patrontaschen. Das Gebrüll vieler tausend Ochsen, das Klatschen der langen Peitschen mischten sich in den melancholischen Gesang der Hochländer und der schottischen Gardefüsiliere, deren Uniformen seltsam zu der afrikanischen Landschaft paßten. Maultiere aus Südamerika und Pferde aus Deutschland, Ungarn und Rußland weideten unter Palmen und Euphorbien. Der Lärm der Kolonnen scheuchte Löwen, Leoparden und Hyänen gleich den Antilopen aus der Nähe des Lagers hinweg.
Pieter Maritz war immer unter den vordersten Reitern, er erblickte Ulundi und die Krale in der Nähe der Hauptstadt zuerst. Es war am 2. Juli. Er kam einen Fußpfad daher geritten, zwei Buern hinter sich und ein Dutzend Zulus zu beiden Seiten, welche den dichten Wald durchspähten. Sie vermuteten die Nähe von Truppen Tschetschwajos. Vorsichtig untersuchten sie den Boden nach Fußspuren, und oft legten sie sich nieder und horchten, das Ohr ins Gras gedrückt, auf Erschütterungen, die sich etwa in der Ferne hören ließen. Es war Abend, und der Wald bot einen phantastischen Anblick. Die mächtigen Wurzeln der Bäume, hoch über die Erde emporragend, wirrten sich zu wunderlichen Gebilden ineinander, die afrikanische Eiche, der Seidenwollenbaum undlignumvitaebildeten ein schattiges Dach und eine nur schwer zu durchdringende Wildnis. Jetzt stieg Jager bergab, und ein helles Wasser schimmerte im Thale. Es fiel über Felsen herab und plätscherte, während weißer Schaum erquickend glänzte. Mit Wonne stürzten sich die schwarzen Krieger in das Wasser, und auch Pieter Maritz empfand die Kälte des Flüßchens mit Vergnügen, als er hindurchritt. Dann stieg der Pfad wieder an, und nach kurzer Zeit lichtete sich der Wald. Pieter Maritz hielt auf der Höhe sein Pferd an und blieb zwischen den Bäumen verborgen, gleich ihm blieben die begleitenden Zulus im Schatten zurück. Sie spähten in die Ebene hinaus.
Pieter Maritz sah die Landschaft wieder, welche er vor einem Jahre in Begleitung des Missionars gesehen hatte, die weite, von Höhen eingefaßte Thalsenkung, in der die schwarzen Ringe der Militärkrale und der Hauptstadt Ulundi gleich Kränzen auf grünem Teppich lagen. Nur bot sich ihm der Anblick heute etwas anders, da er auf einer andern Stelle, nahe dem Umvolosi, herangekommen war. Und auch in anderer Weise hatte sich das Bild verändert. Heute waren am Flusse hin und weiter zurück in der Ebene eine Menge von Zuluposten aufgestellt, und sie erschienen, von hier oben gesehen, wie kleine schwarze Flecken und in der Größe von Ameisen. Es wurde Pieter Maritz klar, daß der Zulukönig dicht vor seiner Hauptstadt und vor den Kralen, welche seine Vorfahren bewohnt hatten, eine entscheidende Schlacht schlagen wollte.
Nachdem er sich das Bild deutlich eingeprägt hatte, wandte er Jager und ritt zur Vorhut zurück, um zu melden, was er gesehen hatte, und von der Vorhut ging die Meldung an das rückwärtige Hauptcorps.
Die Engländer schlugen ihr Lager auf, um erst am folgenden Morgen bis an den Höhenzug diesseits des Umvolosi vorzurücken und dort zu erwarten, ob etwa, dem Verlangen des Lord Chelmsford gemäß, die vom Feinde erbeuteten Geschütze und Gewehre als Zeichen der Unterwerfung abgeliefert werden würden.
Als die Armee in der Frühe des 3. Juli heranmarschierte, zeigte sich schon diesseits des Flusses, daß die Zulus schwerlich an Unterwerfung dachten. In den Wäldern und Schluchten steckten zahlreiche kleine Abteilungen, und den ganzen Morgen hindurch knatterten die Gewehrschüsse um die Vorhut herum, indem die Buern, die reitenden Basutos und die Leute Humbatis sich miteinzelnen kecken Zuluschützen herumschossen. Gegen Mittag erreichte die Vorhut den letzten Höhenrücken vor dem Flusse und konnte den Fluß und die jenseitige Ebene übersehen. Starke Haufen standen jenseits auf den Höhen und feuerten aus ihren Büchsen herüber. Lord Chelmsford selbst war an der Spitze der Vorhut, ließ sie außer Schußweite halten und ein Lager aufschlagen, befahl aber dem Oberst Buller, mit seinen Reitern vorzugehen. Zugleich ließ er eine Batterie auf günstigem Platze auffahren und die Höhen, auf denen sich Feinde zeigten, mit Shrapnels beschießen.
Oberst Buller ging mit seiner starken Reiterabteilung, bei der sich auch außer den Engländern zweihundert Buern, und unter diesen Pieter Maritz, befanden, vorwärts, wandte sich nach der linken Seite, wo eine Furt im Flusse erkundet worden war, und ging durch den Umvolosi, während das Artilleriefeuer die Reiter schützte. Dann gingen die Reiter, rechts Dragoner, links Buern, von der Seite gegen die Höhen vor, auf denen die Zulus sich noch hielten. Die Zulus schossen, einige Leute stürzten von den Pferden, auch die Buern schossen, indem sie absprangen und dann wieder in den Sattel stiegen, und bald waren die Zulus verschwunden.
Oberst Buller folgte. Es war zu sehen, daß die Zulus in einen nahen Kral geflohen waren und von den Hütten und Dornenhecken aus feuerten. Oberst Buller ließ die Hälfte der Buern zurück, um den Übergang des Flusses zu sichern, und schwenkte mit seiner übrigen Kavallerie links, um den Kral anzugreifen. Hier bewährte sich die Fechtart der Buern. Sie warfen sich in das Gras, während ihre Pferde zurückblieben, und ihre sicheren wohlgezielten Schüsse machten den feindlichen Zulus den Aufenthalt in dem Kral und das Feuergefecht bald unleidlich. Sie verließen die Hütten und flüchteten von neuem, während nun die Dragoner hinter ihnen her jagten. Pieter Maritz, der unter den Schützen war, schwang sich gleichfalls in den Sattel und folgte neben dem Leutnant Dubois den Dragonern.
Schon glaubte Oberst Buller einen leichten Sieg erfochten zu haben, denn Ulundi selbst tauchte vor seinen Blicken auf, als die verfolgende Kavallerie vor eine lange tiefe Schlucht kam und plötzlich wohl zweitausend Zulus, die darin versteckt gelegen hatten, zum Angriff hervorbrachen. Die kleine Abteilung, welche geflohen war, zeigte sich nun als eine schwache Vorhut, welche die Bestimmung gehabt hatte, die Kavallerie in eine Falle zu locken. Aberdas heiße Blut und die Gewohnheit des Angriffs ließen die Zulus den eigenen Plan nicht recht durchführen, und sie vereitelten selbst den Erfolg ihrer Kriegslist. Anstatt in der Schlucht liegen zu bleiben und zu feuern, warfen sie die Büchsen auf den Rücken und griffen mit Schild und Assagai an. Ein heftiges Handgemenge entspann sich. Assagaien flogen dicht wie Hagel durch die Luft und Speer und Säbel klirrten aneinander.
Pieter Maritz war mitten zwischen den Dragonern. Er hatte die Büchse über die Schulter gehängt und focht mit dem zweischneidigen Schwerte. Mit kluger Besonnenheit hielt er die offenen Augen ringsum auf der Wacht und vermied die fliegenden leichten Speere. Jetzt ward er von zwei Kriegern zugleich angegriffen. Der eine sprang nach dem Zügel, der andere kam mit dem Stoßassagai von der Seite. Aber Jager bäumte sich hoch empor, so daß der Griff des Zulu den Zügel verfehlte, und Pieter Maritz, zur Seite gewandt, hieb aus voller Kraft nach dem Manne, der ihn durchbohren wollte. Der Zulu hielt den Schild empor, aber die gute Klinge des alten Waffenschmiedes von Toledo schnitt tief in den Rand ein, spaltete die Ochsenhaut und fuhr mit der Spitze dem Zulu in die Stirn, so daß er niederstürzte. Dann warf sich der gewandte Buernsohn mit einem schnellen Sprunge seines Pferdes gegen den andern Mann, und Jagers Hufe warfen den Feind zu Boden.
Ein kühner Offizier fand sich an Pieter Maritz' Seite und rief ihm in diesem Augenblicke Beifall zu. Es war Lord William Beresford, der mit seinem Säbel Bahn brach in dem schwarzen Haufen. Ein Zulu stand ihm gegenüber, ein riesiger Schwarzer mit weißem Schilde, der dem Angriff des Engländers trotzen wollte. Lord Beresford stieß ihm den Säbel mitten durch den Schild, so daß die Brust des Mannes mit durchbohrt wurde. Jetzt sah Pieter Maritz seinen Freund Lord Adolphus Fitzherbert in großer Bedrängnis. Er war von vier Zulus umringt, und er schien sich ihrer kaum erwehren zu können. Blut lief dem Rappen vom Halse herab, und der Helm war dem Reiter vom Kopfe gefallen. Pieter Maritz vergaß des eigenen Heils und sprengte dem Freunde zu Hilfe. Er ritt einen der Schwarzen um, der gerade nach dem Zügel griff und hieb mit schnellen Schlägen unter die geschmeidigen behenden Feinde, so daß er dem jungen Offizier Luft verschaffte.
»Ich danke, mein Freund!« rief Lord Fitzherbert, »ich sehe, ich habe die alte Klinge dem rechten Mann gegeben.«
Aber die Zulus wurden zu mächtig, die Kavallerie mußte weichen. Jetzt sah Pieter Maritz auch von der Seite her dichte Massen heranlaufen, eine ganze Armee, welche gleichsam aus der Erde aufgetaucht zu sein schien und den englischen Reitern den Rückzug abschneiden wollte. Auch Oberst Buller hatte die neue Gefahr entdeckt, und die Trompeten mahnten zum Rückzug. Fast hätte nun aber Pieter Maritz vergessen, daß es Zeit war zu fliehen, denn er erblickte an der Spitze der von fern her kommenden schwarzen Massen eine Reitergestalt, die ihm wie eine Erscheinung aus einer andern Welt vorkam. Er konnte sich nicht täuschen. Das war die gebieterische Haltung, das war die winkende Armbewegung Dabulamanzis. War denn der tapfere Heerführer nicht von seiner Hand bei Gingilowo gefallen? Pieter Maritz zog die Zügel an und starrte wie versteinert auf den goldenen Ring auf dem Haupte des schwarzen Reiters. Doch die Trompeten mahnten und die Reiter flohen. Auch Pieter Maritz warf Jager herum und floh im schnellsten Galopp. Es galt die größte Eile, denn fast so schnell wie die Pferde kamen die Zulus hinter ihnen her, und Dabulamanzi führte einen starken Haufen quer über das Feld, um früher als die Kavallerie an den Fluß zu kommen. Es war ein Glück für die Fliehenden, daß die Buern in großer Anzahl zurückgeblieben waren. Sie lagen jetzt seitwärts in guten Deckungen, und ihre unfehlbaren Büchsen verbreiteten den Tod in den Reihen der Verfolger und hemmten deren Eile. Auch Lord Chelmsford hatte die Not des Obersten Buller bemerkt, und die Geschosse seiner Batterien auf der jenseitigen Höhe krachten in rascher Folge in den Massen der Zulus auseinander und sprühten Eisensplitter und Kartätschenkugeln ringsum. Unter dem Schutze dieses Feuers kamen die Reiter glücklich über die Furt zurück. Lord William Beresford trug einen verwundeten Sergeanten auf dem Sattel mit sich hinüber. Doch blieb mancher Mann drüben auf dem Felde liegen, und zwischen den schwarzen Leibern lagen Rotröcke in dem langen Grase.
Dies war der Tag, an welchem Lord Chelmsford noch auf Tschetschwajos Unterwerfung hatte warten wollen. Der König der Zulus hatte durch die That bewiesen, daß er kein Knecht sein wollte. Lord Chelmsford befahl den allgemeinen Vormarsch für den folgenden Morgen.
In der Frühe des 4. Juli fuhren englische Geschütze an zwei Punkten am hohen Ufer des Weißen Umvolosi auf, um den Flußübergangdurch ihr Feuer zu sichern, und das englische Heer brach zum Angriff auf. Als die Kolonnen heranmarschierten und zum seichten Wasser der Furt hinabstiegen, zeigte sich aber zur Verwunderung der Europäer kein Feind, der den Übergang hätte stören wollen. Zuerst gingen die Buern hinüber und setzten sich zu beiden Seiten jenseits, unterhalb der Artillerie, im Ufergebüsch fest, um mit ihren Büchsen zur Hand zu sein, wenn etwa ein unerwarteter Ansturm erfolgen sollte. Doch zeigte sich kein Zulu. Dann kamen die langen Züge der Infanterie, dann folgte Artillerie und nahm jenseits Stellung, dann wieder Infanterie, dann Kavallerie und nach und nach das ganze bunte und in Waffen blitzende Heer.
Drüben formierte Lord Chelmsford die gesamte Masse in einer besonderen Art. Er hatte ohne Verschanzungen im freien Felde zu kämpfen und vorzurücken, er wußte, daß ein Angriff kommen mußte, und er wollte vorsichtig sein. Nicht in Kolonnen wollte er vorrücken, sondern im Viereck, um jeden Augenblick gerüstet zu sein. Das 80. Infanterieregiment und eine Batterie Gatlinggeschütze bildeten die Front, das 90. und ein Teil des 93. Infanterieregiments die linke Flanke, das 13. und das 58. Infanterieregiment die rechte Flanke, das 21., Teile des 24. und der Rest des 94. bildeten die Rückseite. In jedem Winkel des großen, hohlen Parallelogramms fuhren Geschütze auf, wie sich das bei Gingilowo nützlich und gut gezeigt hatte. Die Infanterie stand vier Glieder tief. Im Innern des Karrees waren die schwarzen Bataillone, die Kavallerie ward vorläufig draußen gelassen. Vom Train wurden nur die Munitionswagen mitgenommen und ebenfalls im Karree eingeschlossen, die Hauptmasse blieb im Lager auf dem andern Ufer unter starker Bedeckung zurück. Nur etwa sechstausend Mann brachte Lord Chelmsford zur Entscheidungsschlacht.
Die Bewegung des gewaltigen Vierecks war schwierig, und der Oberbefehlshaber wählte deshalb den ebensten Boden, das offenste Terrain. In der Front und auf der Rückseite marschierte die Infanterie in Linie, in den Flanken aber in einer Kolonne von schmaler Front. Die Artillerie paßte ihre Bewegung dem Marschschritt der Infanterie an. Um nicht unversehens auf eine Schlucht, einen Bach oder sonst ein Hindernis zu stoßen, welches den Marsch hätte aufhalten und Unordnung hervorrufen können, ließ Lord Chelmsford das Terrain auf eine weite Strecke hin von der Kavallerie untersuchen. Wiederum schwärmten die Buern vorauf.
Pieter Maritz wunderte sich, daß nichts vom Feinde zu sehen war. Wo steckten die Zuluregimenter? Wo war der Prinz Dabulamanzi geblieben? Er brannte vor Begierde, zu erfahren, ob der tapfere Heerführer, den er doch mit dem Degen getroffen hatte und der vom Pferde gesunken war, wirklich wieder an der Spitze der Armee sei oder ob nur eine Ähnlichkeit seine Augen getäuscht habe. Bekannt mit der Umgegend von Ulundi, wagte er sich weit vor und streifte ganz allein wohl tausend Schritte weiter als die andern Buern an Ulundi hinan. Als er so durch die Ebene hinjagte, schien es ihm, als ob er eine Bewegung in der Ferne bemerke, nahe dem Krale Lickasi, wo, wie er wußte, ein Hügel sich erhob, der eine weite Umsicht gestattete. Der kleine Kral Lickasi war ein Lieblingsplatz Tschetschwajos, und dorthin zog sich der König wohl bei großer Hitze zurück, um die frischere Luft der Höhen zu genießen.
Pieter Maritz sah sich um. Das englische Viereck war nicht mehr zu sehen, die Reiter hinter ihm waren ganz kleine Figuren. Sollte er noch weiter gehen? Er vertraute auf Jager und sprengte vor. Da sah er nach wenigen Minuten, was er vermutet hatte: er sah den König Tschetschwajo. Eine Masse von Zulus, wohl zweitausend Mann, war am Fuße des Hügels von Lickasi aufgestellt, und er erkannte den Schmuck und die Waffen der Garde. Die Männer standen unbeweglich, den Schild am Arme, in einer langen Reihe, mehrere Glieder tief, als Wache da, oben auf dem Hügel aber war ein dichter Haufe versammelt, der am Glanz der Ringe als der königliche Hofstaat zu erkennen war. Eine einzelne Gestalt stand vorn, auf einen hellen Stab gestützt, und Pieter Maritz erkannte die mächtige Figur des Königs.
Aber kaum hatte der Buernsohn diesen Anblick gewonnen, so pfiffen auch schon Kugeln ihm um den Kopf, und er sah eine kleine Abteilung der Garde schnellfüßig heranlaufen. Eilig wandte er sein Pferd und jagte davon.
Als er nun zurückkam und den Platz erreichte, wo er die Seinigen verlassen hatte, da hatte sich das Bild der Landschaft verändert. Er hielt Jager an und blickte sich voll Spannung nach allen Seiten um. Die Leute, welche ihn verfolgt hatten, waren nicht mehr zu sehen, und auch der Lickasikral war völlig verschwunden. Die Kavallerie des englischen Heeres zog sich auf das Karree zurück. Das Karree selbst kam langsam heran. Eine sonderbare Erscheinung aber fesselte vor allem seinen Blick: parallel mitdem englischen Heere, in einer Entfernung von kaum zweitausend Schritten, marschierte ein Zuluheer auf der rechten Flanke des Karrees. Es war in einem dichten viereckigen Haufen und glich fast dem Schatten der englischen Armee. Still und finster zog es daher, mit derselben Langsamkeit wie diese.
Die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, es war zwischen acht und neun Uhr morgens. Das afrikanische Land lag in der vollen Pracht seiner Farben da. Der Himmel war strahlend blau, die Erde grün, und die Ferne war mit duftigem Violett umzogen. Die klare Luft ließ alles sehr deutlich erkennen. Pieter Maritz sah die roten Linien und blitzenden Waffen der englischen Infanterie, die prächtigen, mit vielem Weiß besetzten Uniformen der Ulanen, sah die buntgestickten, seidenen Fahnen der verschiedenen Regimenter über den Helmen flattern und hörte den Klang des »Rule Britannia« aus dem Karree herüberschallen. Lord Chelmsford ließ zur Ermutigung seiner Truppen die Musikcorps spielen. Dagegen zogen neben den Engländern die Zulus schweigend und drohend einher, auf den Augenblick wartend, wo sie sich mit Vorteil auf den Feind stürzen könnten.
Da erblickte Pieter Maritz, indem er sich umsah, ein zweites Zuluheer. Es kam plötzlich hinter einem lang gestreckten niedrigen Gehölz hervor und marschierte neben der linken Flanke der Engländer, doch in weiter Entfernung. Und nun endlich erschien ein dritter schwarzer Schlachthaufen von Ulundi her, der gegen die englische Front heranrückte. So war das heranmarschierende Viereck von drei Seiten umgeben, König Tschetschwajo aber sah aus der Ferne der Schlacht zu, welche über das Schicksal seines Reiches entscheiden sollte, und mochte wohl hoffen, daß die Engländer im offenen Felde dem Ansturm seiner Regimenter nicht würden standhalten können.
Pieter Maritz setzte jetzt sein Pferd in Galopp und folgte den übrigen Reitern, die noch in der Ebene verteilt gewesen waren, in das hohle Viereck hinein. Die Zulus kamen näher und näher heran und konnten, wie Pieter Maritz bemerkte, ihre drei Heerhaufen zu ihrer alten Angriffsfront, der Linie mit vorgebogenen Flügeln, vereinigen, sobald es ihnen günstig erschien. Sie bewegten sich mit erstaunlichem Geschick, und da sie mit zwei Heerhaufen schon zu beiden Seiten des Feindes waren, hatten sie dessen Umklammerung schon vollzogen, ehe sie noch eine zusammenhängende Linie gebildet hatten. Pieter Maritz bemerkte, daß Lord Chelmsfordund sein Stab voll Bewunderung des kunstvollen Manövers der Zulus waren. Der Oberbefehlshaber ließ einigemal halten, um den gelockerten Zusammenhang seiner Truppen wieder zu festigen, dann ließ er wieder vorwärts gehen. Er erriet den Plan der Zulus, das Viereck im Marsche immer zu bedrohen und sich darauf zu stürzen, sobald es sich etwa irgendwo öffnete. Endlich aber beschloß Lord Chelmsford, Halt zu machen und den Angriff der Zulus auf sich zu ziehen. Die Signale ertönten, die Front hielt, die Flanken und die Rückseite schlossen an, und die Artilleristen richteten ihre Geschütze auf den Feind. Lord Chelmsford hatte einen vorteilhaften Platz ausgewählt. Die Armee befand sich gerade auf einem sanft abfallenden Höhenrücken, so daß der Anlauf der Zulus bergan gehen mußte, was für den Speerangriff nachteilig war.
Kaum war der erste Kanonenschuß gefallen und das erste Hohlgeschoß über der Zulumasse vor der rechten Flanke zersprungen, so stürmten die Feinde heran. Zunächst nur der starke Haufen, der zuerst sichtbar geworden war. Er entfaltete sich zu einer langen Linie und lief vor.
Die beiden vorderen Glieder der Engländer knieten nieder, die beiden hinteren Glieder streckten die Gewehre über die Köpfe der knieenden vor, und ein furchtbares Schnellfeuer begann. Ohne Wall, auf freiem Felde mußte heute gefochten werden und Standhaftigkeit die fehlende Brustwehr ersetzen. Trotz des Hagels aus den Gewehren und trotz der Artilleriegeschosse kamen die Zulus mit der alten Tapferkeit heran, leichtfüßig springend, in ihrem hüpfenden Sturmschritt laufend. Aber nicht wie sonst ertönte ihr Schlachtgesang, sie kamen in finsterem Schweigen heran, ganz lautlos, und da auch ihre Schritte und das Klirren ihrer Waffen im Lärm des englischen Feuers nicht zu vernehmen waren, glichen sie einem Heere stürmender schwarzer Schatten. Manchem unter den Europäern, der schon mit den Zulus gefochten hatte, erschien diese Stille schrecklicher als der donnernde Kampfruf. Sie verkündete die Verzweiflung der tapferen Männer, welche zum letzten Kampfe unter den Augen ihres Königs vorgingen. Bis auf siebzig Schritte vom Karree kamen die schwarzen Linien heran, dann machten sie Halt und fingen an zu feuern, indem sie sich niederwarfen. Deutlich erkannte Pieter Maritz jetzt, wie sehr die alten Regimenter zusammengeschmolzen waren. Die Regimenter der roten, der blauen und der schwarzen Schilde besonders hatten gelitten und bildeten nur noch kleine Haufen von vierhundert oder fünfhundert Mann.Viele ganz junge Leute waren zwischen den älteren Männern. Deutlich erkannte er auch in dieser Nähe den Prinzen Dabulamanzi, der inmitten des Kugelhagels auf einem schwarzen Pferde hinter seiner Schlachtreihe emporragte. Er allein war aufrecht, und er kümmerte sich nicht um die Shrapnels und Büchsenkugeln, die unter seinen Leuten aufräumten und ihn selber umpfiffen. Er winkte nach rückwärts und ließ seine Reserve heranlaufen, um das vordere Treffen zum neuen Angriff vorwärts zu tragen.
Zu gleicher Zeit brachen jetzt die feindliche Mitte und der feindliche rechte Flügel, der von Sirajo geführt wurde, zum Angriff vor, und das Feuer ward allgemein, indem die beiden äußersten Enden der Flügel zusammenschlossen und auch die rückwärtige Front angriffen. Manche Kugel schlug in das Viereck ein, und mancher Mann stürzte zusammen.
Pieter Maritz hielt seinen Blick hauptsächlich auf Dabulamanzi gerichtet, der ihm der Beachtung am meisten würdig erschien. Er sprengte mit hoch geschwungenem Speere die Linie entlang und trieb seinen Flügel und die Mitte zum Angriff. Und die Zulus gehorchten. Sie verachteten den tödlichen Bleihagel, der Mann nach Mann in ihren Reihen niederriß, und stürmten vor. Bis auf dreißig Schritte kamen viele an das todsprühende Viereck heran. Die englischen Soldaten sahen die drohenden schwarzen Gesichter mit dem hochragenden Kopfputz deutlich vor sich. Aber nur wenige, nur die glücklichsten unter den Tapferen, kamen näher. Das Feuer war noch stärker als bei Gingilowo, denn die Artillerie war zahlreicher, auch schossen heute vier Glieder zugleich mit Martini-Henry-Gewehren, und unablässig versorgten Soldaten, die zwischen den feuernden Gliedern und den Munitionswagen hin und her liefen, die Patrontaschen und Magazine mit neuen Patronen. Keine Tapferkeit konnte den nackt und ohne Schutz bergan laufenden Zulus helfen, sie stürzten in Massen zu Boden. Nur Dabulamanzi, obwohl beständig dem Feuer ausgesetzt, blieb wie durch ein Wunder am Leben. Er war überall zu sehen, wo die Gefahr am größten war, während Sirajo sich mehr zurückhielt. Er rief den Weichenden zu, er führte wieder und wieder zusammengeraffte Haufen vorwärts, und rund um ihn her fielen die Männer. Aber er blieb auf seinem Pferde.