Neuntes KapitelMorimo

Titus Afrikaner und seine Gefangenen.

Titus Afrikaner und seine Gefangenen.

Pieter Maritz wußte im ersten Augenblicke nicht, wie er die Worte des Räubers verstehen sollte. Hatte dieser wirklich gemeint, jetzt, zu dieser Stunde, seien die Buern im Anzug, oder hatte er sich nur bildlich und allgemein ausgesprochen? Sein Herz klopfte mächtig in der Brust. Der Gedanke, möglicherweise könnten seine Landsleute in der Nähe sein, erweckte die schlummernde Hoffnung von neuem. Es war ja sehr denkbar, daß die Buern der Umgegend, denen am Tage vorher eine ganze Herde Ochsen geraubt worden war, sich versammelt und auf den Marsch gemacht hätten, um das Ihrige wiederzuholen und an den Räubern Rache zu nehmen. Er selber hatte schon solche Kommandos begleitet, und bei einem solchen Zuge war es gewesen, daß sein Vater die tödliche Wunde erhalten hatte.

Er betrachtete den Häuptling und sah, daß dessen Anzug geändert war. Titus Afrikaner hatte die weiße Tunika abgelegt und sich dafür mit einem Karoß, dem kleinen Fellschurz, umgürtet. Er trug eine Büchse in der Hand und einen Patronengurt über der nackten, muskulösen Brust. Auch den weiten faltigen Löwenfellmantel hatte er abgelegt und dafür ein leichtes und engeres Gewand von Leopardenfell um die Schultern geworfen. Seine nackten Beine waren unterhalb der Kniee mit einem Riemen umgürtet, von welchem weiße Zipfel, aus dem Fell des kleinen gestreiften Maushundesgeschnitten, bis auf die Knöchel herabbaumelten. Es war zu erkennen, daß er sich zum Kampfe gerüstet hatte.

Pieter Maritz teilte dem Lord den Inhalt der Rede des Häuptlings mit, und alsbald traten mehrere der Schwarzen heran, banden den Gefangenen die Hände mit Riemen auf den Rücken und nötigten sie, dem Zuge der Krieger zu folgen, welche sich nach dem hinteren Teile der Höhle begaben.

Es ging in einen engen Gang hinein, der vielfach gewunden war und bergauf stieg, aber allmählich heller ward, indem die Felsen sich oben auseinander thaten und dem blauen Himmel Einblick vergönnten. An mehreren Stellen dieses schmalen, aber nun oben offenen Ganges waren erweiterte Plätze, und hier lagen riesige Steinblöcke, mit denen der Gang selber verschlossen werden konnte, wenn etwa Feinde diesen Schlupfwinkel entdecken und angreifen sollten. Doch war die Gefahr eines solchen Angriffs nur gering, das sahen die Gefangenen, als sie an das Ende des schmalen Ganges gelangten.

Sie hatten eine weite Fernsicht, als sie an dessen Ausgang kamen und die dichte Masse der vor ihnen herziehenden Schwarzen sich nun abwärts in das vor ihnen liegende Thal hinab verlor. In unbegrenzter Weite dehnte sich vor ihren Blicken der strahlende blaue Himmel aus, und unten lag Berg an Berg, Thal an Thal, teils in blauem Dufte verschwimmend, teils mit Grün überkleidet in der Nähe zu ihren Füßen. Es wäre wohl ein herrlicher Anblick für sie gewesen, wenn nicht die Aufregung über das eigene Geschick sie so sehr beschäftigt hätte, daß sie keine Aufmerksamkeit auf die Schönheit der sie umgebenden Welt verwenden konnten. Dennoch fühlte sich ihr betrübtes Gemüt durch die helle Sonne und den Glanz der Landschaft nach dem Aufenthalt in der Höhle erfrischt und gehoben.

Der schmale Gang mündete in der Nähe des Gipfels eines hohen Berges, oberhalb eines steilen Abhanges, und der Berg, in welchem die Höhle lag, zeigte sich von dieser Seite in einer ganz andern Gestalt als von der Seite, auf welcher die Gefangenen am vergangenen Abend in die Höhle hineingekommen waren. Sie waren allmählich zur Höhe hinangeklommen und hatten nicht bemerkt, wie hoch und schroff der Berg war, der auf seiner westlichen Seite von einem Gebirgssee bespült wurde, während er im Osten seinen Hang jählings in eine große Tiefe neigte. Vor ihnen kletterte die lange Reihe der Schwarzen auf einem sehr engen Wege imZickzack in das Thal, und sie sahen von oben in Hunderte von krausen Wollköpfen mit Federschmuck und Hunderte von Speerspitzen hinab, hinter ihnen kam wiederum eine lange Kette von Bewaffneten, deren letzte Glieder noch im Berge versteckt waren, als die Gefangenen bereits einen guten Steinwurf weit vom Ausgang der Höhle entfernt hinunterstiegen.

»Ein schlauer Fuchs ist dieser Niggerhäuptling,« sagte der Lord. »Er hat mehrere Eingänge zu seinem Bau, und der Teufel selbst sollte nicht ahnen, wie das Ding von hinten aussieht, wenn er es nur von vorn gesehen hat. Doch finde ich es frech, daß er aus dem sicheren Versteck heraus ans Tageslicht kommt, um sich draußen zu schlagen.«

»Er ist kühn,« entgegnete Pieter Maritz, »aber doch handelt er vorsichtig, dem Feinde entgegenzugehen, denn er will ihn wohl fern von seiner festen Burg halten und bewahrt sich diese für die letzte Not auf.«

Der junge Lord sah im hellen Tageslicht höchst traurig aus, von seiner glänzenden Erscheinung war nichts übrig geblieben. Mitleidig sah der Knabe ihn an. Der Scharlachrock war völlig beschmutzt und hing, da ihm die Knöpfe fehlten, formlos herab. Lehm und Wasser, der schwarze Boden der Höhle und der fettige Schmutz der Lagerfelle hatten ihm seine schöne Farbe nur an wenigen Stellen gelassen, und die Fetzen hingen herunter. Der Kopf war bloß, nur mit dem großen Pflaster bedeckt, welches der Kaffernarzt ihm aufgelegt hatte. Dies Pflaster war schwarzbraun und zog sich bis zur Augenbraue hin. Das Gesicht war sehr bleich infolge der Anstrengungen, der Aufregung und der Verwundung. Nur der Ausdruck seines Gesichts war noch von dem alten Stolz durchdrungen. Auch Pieter Maritz war in seiner äußeren Erscheinung nicht unberührt von den Ereignissen der letzten Tage geblieben. Seine Bluse hatte mehrere Risse. Aber dieser dunkle, ungemein derbe Anzug konnte mehr vertragen als die Uniform des Engländers, und weder das lederne Beinkleid, noch der Rock, noch der breitkrempige Hut hatten ernstlichen Schaden genommen.

Der Knabe sah die Sonnenstrahlen auf des jungen Mannes Kopf niederscheinen und bemerkte, wie dieser mit den Augen blinzelte und wie sein Gesicht sich nach und nach mit einer ungesunden Röte bedeckte.

»Nehmt meinen Hut, Mynheer,« sagte er, dem Lord seine eigene Kopfbedeckung anbietend. Und mit diesen Worten gab ereinem der begleitenden Schwarzen den Auftrag, den breiten Hut auf des Engländers Kopf zu setzen. Denn der Gefangenen Hände waren ja gefesselt.

»Ich kann es eher vertragen,« sagte er lächelnd, als der Lord das Erbieten nicht annehmen wollte.

Der Lord ließ es sich gefallen und ging, vor der Sonne besser geschützt, frischeren Mutes weiter. Eine Thräne dankbaren Gefühls drängte sich ihm ins Auge.

Der Weg, auf welchem die lange dünne Kolonne marschierte, bog sich auf der halben Höhe des Berges plötzlich zur Seite, und nun ging es in einer Richtung weiter, welche der bisher verfolgten gerade entgegengesetzt war. Nach einem halbstündigen Marsche durch ein sehr baumreiches Thal, während dessen sich die langgezogene Reihe mehr zusammengeschlossen und zu dicken Haufen geballt hatte, ging plötzlich ein Ruf durch die Masse hin, und der Zug stockte. Die Gefangenen sahen, daß Titus Afrikaner, der inmitten seiner Schar gegangen war, nach vorn eilte. Es schien eine Störung in dem Plane, den er verfolgte, eingetreten zu sein.

Nicht lange darauf ward eine Änderung getroffen. Titus Afrikaner kehrte zurück und versammelte um seine Person alle mit Gewehren bewaffneten Männer, deren es nur etwa zwanzig gab, dazu einen gleich starken Haufen von Speerträgern und bog mit dieser kleinen Schar nach rechts ab. Die Gefangenen mußten ihm folgen. An die Spitze des größeren Haufens, der über vierhundert Köpfe stark war, stellte sich der Häuptling mit dem grauen Mantel, er allein mit einer Büchse bewaffnet, und führte diese Hauptmasse der Streiter in der bisherigen Richtung weiter. Pieter Maritz hatte von einem der begleitenden Kaffern erfahren, daß dieser Häuptling in der That der Bruder des Anführers, der berühmte Fledermaus, sei.

Es ging unter der Leitung des Titus Afrikaner eine Höhe hinan, welche mit Buschwerk und einzelnen niedrigen Bäumen bestanden war, die gleich Kandelabern ihre Äste emporstreckten, und nach etwa viertelstündigem Steigen war der Rücken des Berges erreicht. Die Sonne stand jetzt schon hoch, und Pieter Maritz sah, daß es nicht weit von der Mittagsstunde sein könnte. Da er noch nichts gegessen und getrunken hatte, fühlte er sich sehr hungrig und durstig. Noch mehr als er aber litt der junge Lord, der weniger als der Buernsohn an Entbehrungen gewöhnt war. Doch hielt ihr Stolz beide davon ab, um Speise zu bitten.

Der Berg, auf welchem sie sich befanden, zog sich in langgestrecktem Zuge hin, aber der Marsch ward nicht in derselben Richtung fortgesetzt, sondern Titus Afrikaner wandte sich jetzt links, so daß er in derselben Richtung vorging, in welcher sein Bruder unten im Thale marschierte. Es ging noch eine Weile vorwärts, und nun sahen die Gefangenen blaues Licht durch das Unterholz vor sich scheinen und erkannten, daß der Berg sich dort schroff hinabsenkte. Ein Abhang von ziemlicher Steilheit lag vor ihnen, und von dem Rande desselben konnten sie weit hinaus in tiefer liegendes Hügelland sehen. Dieser Saum des Abhanges war noch mit Bäumen und Büschen besetzt, und im Versteck derselben ließ Titus Afrikaner seine Schar halten, trat hinter den Stamm einer der kandelaberförmigen Euphorbiazeen und lugte ins Land hinaus.

Von Begierde getrieben, zu erfahren, was im Werke sei, näherten sich auch die Gefangenen dem Saume des Abhangs und blickten hinaus, doch hielten sie sich hinter einem Busch verborgen, um nicht den sie bewachenden Männern Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Pieter Maritz beobachtete den Führer und sah, daß dieser mit unverwandtem Blick seiner schwarzen funkelnden Augensterne auf eine bestimmte Stelle in der Entfernung blickte. Er folgte mit seinem Blicke und erkannte nun mit tiefer Bewegung zwei dunkle Streifen, die sich gleich Würmern über ein grünes Tuch nebeneinander hin bewegten. Sein scharfes, geübtes Auge erkannte aus der Schnelligkeit, mit welcher diese Streifen herankamen, und aus der Gestalt, welche sie hatten, die wahre Natur ihrer Erscheinung.

»Seht dort, Mynheer,« flüsterte er dem Engländer zu, mit dem Kopfe winkend, »dort kommen die Buern.«

Der Lord sah mit Anstrengung aller seiner Sehkraft hinüber. »Ich sehe nichts,« sagte er.

»Seht doch,« sagte der Knabe. »Seht dort die schwarzen Streifen, so lang wie ein Finger und eine Handbreit von einander entfernt. Der eine ist mehr oben, am Rande des dunklen Waldes, der andere mehr unten auf der grünen Fläche. Und seht doch nur! Jetzt könnt Ihr einzelne schwarze Punkte erkennen, die vor den Streifen herziehen. Das sind einzelne Reiter, die den Weg aufsuchen und nach Feinden spähen, die Streifen aber sind zwei Haufen meiner Landsleute. Seht, wie sie wachsen, sie reiten schnell, seht doch nur, sie kommen hierher.«

»Ich sehe wahrhaftig nichts,« entgegnete der Engländer. »Meine Augen sind nicht scharf genug, wie mir scheint, und ich habe kein Fernrohr, könnte es ja auch nicht gebrauchen, da ich keine Hand frei habe.«

Titus Afrikaner indessen hatte den herankommenden Feind so gut wie der Buernsohn genau erkannt. Seine Faust umklammerte das Gewehr mit festem Griff, so daß die Muskeln seines Armes emporschwollen, sein Kopf war vorwärts geneigt, und sein Blick glich dem eines Raubtiers. Jetzt wandte er sich zu den Gefangenen und zeigte mit dem Finger in die Ferne.

»Dort kommen sie,« sagte er mit grausamem Lächeln, »die weißen Männer, eure Väter und Brüder, kommen. Ob sie euch wohl helfen werden? Sie kommen, um den armen schwarzen Mann zu jagen. Sie sehen ihn für ein Wild an, das man in den Bergen schießt. Aber Titus Afrikaner und Fledermaus haben Krallen und Zähne. Das werdet ihr sehen. Sie sind Löwen und werden den Jäger fressen.«

Dann wandte er sich zu seinen Kriegern, die ringsum im Grase lagen und mit ihren glänzenden Augen seine Bewegungen verfolgten, und sprach zu ihnen in einer Sprache, welche Pieter Maritz nicht verstand.

»Was hat der schwarze Kerl gesagt?« fragte der Lord. »Hat er uns ein Frühstück angeboten? Ich muß gestehen, daß ich für eine Flasche gut gekühlten Champagner und ein Antilopensteak gern die Hälfte des mir noch zur Verfügung stehenden Lebens gäbe.«

Er ließ sich müde auf die Erde nieder und starrte vor sich hin.

Pieter Maritz hatte unverwandt hinabgesehen. »Seht doch nur,« rief er jetzt, »sie sind so nahe gekommen, daß Ihr sie sicherlich sehen könnt. Ich kann sie beinahe zählen, es müssen ihrer fünfzig bis sechzig Buern sein.«

Der Lord wandte den Kopf. »Wahrhaftig, jetzt sehe ich sie auch,« sagte er lebhaft. »Sie kommen hierher. Aber Ihr müßt Augen haben, mein holländischer Freund! Ich wüßte doch auch jetzt noch kaum zu sagen, ob's Krähen oder Menschen wären. Doch was nützt es uns? Sollten die Buern die Niggers unterkriegen, so sticht uns dieser Titus Afrikaner aus Ärger tot, kriegen aber die Niggers die Buern unter, so bringt er uns zum Vergnügen um. Doch darum keine Sorge, lieber Freund. Alt-England für immer — und meinetwegen Alt-Holland auch! Wenn wir nur einmal darauf trinken könnten!«

Nach diesen Worten sah er gleichgültig auf die Schar der schwarzen Krieger, die ihm, wie sie so im grünen Grase lagen, mit ihren glänzenden fettigen Körpern gleich riesigen Waldschnecken erschienen.

Pieter Maritz blieb stehen und verwandte den Blick nicht von den heranreitenden Buern.

»Wenn ich ihnen nur ein Zeichen geben könnte, wo wir sind,« sagte er leise. »Es wäre schrecklich, wenn sie in einen Hinterhalt fielen. Ich weiß nicht, wo Fledermaus geblieben ist, aber ich denke mir, er ist dort unten im Dickicht versteckt und soll die Reiter überfallen oder auf sich ziehen und dann in solcher Richtung hinter sich her locken, daß Titus Afrikaner sie von der Seite angreifen kann.«

»Sollten die Niggers wirklich so schlau sein?« fragte der Lord ungläubig. »Das wäre ja eine Taktik, als hätten sie die Militärakademie besucht.«

»Was ist das, eine Militärakademie?« fragte der Knabe.

»Das ist eine Schule bei mir zu Hause, wo die jungen Offiziere lernen, wie man Krieg führt.«

»Kann man das in der Schule lernen?« fragte Pieter Maritz lachend. »Wir lernen das im Kampfe von unsern Vätern.«

»Vielleicht habt ihr die bessere Manier,« sagte der Lord. »Aber bei mir zu Hause herrscht die schöne Sitte des Umherziehens im Lande und des Viehstehlens nicht, und da müssen wir es wohl in der Schule lernen; wenigstens die Anfangsgründe. Denn später lernen wir es auch, indem wir auf dem Felde Krieg spielen — was wir Manöver nennen — und dann in den Kolonien im wirklichen Kampfe mit Niggern, Indern, Malaien und allen möglichen bunten Völkerschaften der ganzen Erde. Denn unsere Truppen sind überall, wir beherrschen den größten Teil der Welt.«

— »Jetzt reiten sie langsamer, das ist klug,« sagte Pieter Maritz. »O könnte ich ihnen doch ein Zeichen geben! Aber es ist zu weit, und sie würden es nicht verstehen, wenn ich winkte. Wollte ich ihnen aber entgegenlaufen, so würde mir von hinten gar bald ein Wurfspieß folgen.«

Der Lord erhob sich wieder, von Teilnahme an den bevorstehenden Ereignissen trotz seiner Erschöpfung ergriffen, und spähte hinab. »Ja, sie reiten langsamer,« sagte er. »Sie sind noch einen Kanonenschuß weit entfernt. Aber ich begreife nicht, was sie zu Pferde wollen. Sie denken doch nicht etwa daran, mit Niggern im Walde zu Pferde zu kämpfen?«

»O nein,« sagte der Knabe. »Sie werden schon wissen, was sie zu thun haben.«

»Aber es sind ihrer so wenige. Was wollen fünfzig bis sechzig Leute? Hier sind doch wohl zehnmal so viel.«

»Es sind Buern!« sagte der Knabe stolz. »Ein Buer gegen zehn Kaffern ist schon eine starke Übermacht.«

»Ihr habt ein schönes Selbstvertrauen,« sagte der Lord kopfschüttelnd.

Titus Afrikaner lehnte ruhig an dem Stamm des Baumkandelabers und beobachtete die Scene dort unten. Die Buern waren noch in zwei Haufen geteilt, die einen Büchsenschuß weit voneinander entfernt ritten, und drei Reiter waren jedem der Trupps voraus und durchsuchten das Terrain, damit nicht ein unerwartetes Zusammentreffen mit den Räubern stattfände, deren Anwesenheit in dieser Gegend ihnen bekannt war. Als sie das weite, offene Thal durchmessen hatten und sich nun dem waldigen Teil des höheren Gebirges näherten, verringerte sich die Eile, mit welcher sie sich bis jetzt vorwärts bewegt hatten; sie ritten im Schritt an der Höhe vorbei, auf welcher die Gefangenen waren, und auf einen Wink der vorausgesandten Späher machten sie, noch außer Schußweite, Halt. Ein Wald war vor ihnen, derselbe Wald, in welchem Fledermaus mit der Hauptmasse vorgerückt war, und die kundigen Buern wagten sich nicht ohne Vorsichtsmaßregeln weiter. Sie hielten weit genug vor dem unübersichtlichen Thale still, und mehrere Männer stiegen ab, übergaben ihre Pferde den Kameraden und gingen, die Büchse schußbereit in der Hand, vorsichtig vor. Die Gefangenen konnten deutlich den Anzug und die Waffen der Buern erkennen. Sie trugen alle den breitkrempigen Hut, der so gut vor den Sonnenstrahlen schützt und ein bequemes, sicheres Zielen begünstigt, und waren alle mit dem Patronengurt über der Bluse und dem Hirschfänger ausgerüstet.

Titus Afrikaner machte eine Bewegung der Ungeduld und blickte nach dem Walde hin, der das Thal linker Hand erfüllte und aus diesem hervor dort unten in die Ebene vorsprang. Da, mit einem Male, mußten die Buern etwas entdeckt haben. Die zu Fuße vorangehenden Leute blieben plötzlich stehen und verschwanden dann im Buschwerk. Nun stieg ein weißes Rauchwölkchen von der Stelle auf, wo sie verschwunden waren, ein schwacher Knall scholl herauf, und alsbald saßen sämtliche Buern ab, vereinigten sich aus beiden Trupps zu einer langen Linie mit weiten Zwischenräumenund rückten mit Ausnahme einiger weniger, welche die Pferde hielten, gegen das bewaldete Thal vor.

Atemlos sahen die Gefangenen zu — da, plötzlich, erscholl ein wildes Geheul unten im Thale, und aus dem Walde hervor stürzte eine lange dichte Reihe schwarzer Krieger, die Speere schwingend und die Schilde vor die Brust haltend. Allen voran lief eine Gestalt in fliegendem, grauem Mantel, der Häuptling Fledermaus, der wirklich in seiner Erscheinung, wie er so aus dem Walde hervorkam, dem unheimlichen Tiere glich, dessen Namen er trug.

Die Schwarzen stürzten sich mit Kriegsgeschrei auf die Buern, so viele gegen so wenige — aber nun entstand dort unten ein eigentümliches Bild. Die Buern waren nicht mehr zu sehen, es war, als hätte der Erdboden mit seinem hohen Grase, seinen dichten Büschen und den Felsblöcken, die zerstreut umherlagen, sie verschlungen. Aber hier und da, erst einzeln, dann immer häufiger stiegen hinter den Felsblöcken, hinter den Büschen, hinter den Stämmen der Bäume Rauchwölkchen auf, und der Knall vieler Schüsse drang aus der Entfernung empor. Unter den Schwarzen aber entstand alsbald Verwirrung. Es war, als hätte ein Taumel sie ergriffen. So viel Rauchwölkchen aufstiegen, so viel schwarze Krieger stürzten zu Boden, und die in der Nähe der Fallenden liefen seitwärts und stockten im Angriff.

»Wie diese Buern schießen!« rief der Lord voll Bewunderung. Er war so von dem Schauspiel in Anspruch genommen, daß er die eigene Ermüdung und die Gefahr seiner Person vergessen hatte und mit weit geöffneten Augen, vorn übergeneigt, nur noch den Kampf sah und nur noch an den Kampf dachte. Pieter Maritz war in derselben Spannung, und unwillkürlich zuckten seine Hände in den Banden.

Jetzt wandten sich die Schwarzen, um in den Wald zurückzukehren. Der Angriff war mißlungen oder ward vielleicht mit Absicht so früh aufgegeben, und während viele schwarze Gestalten draußen auf dem Boden liegen blieben, tauchte die Masse wieder in das deckende Grün ein und entschwand dem Blick.

Langsam und schrittweise rückten jetzt die Buern vor, indem sie einzeln nach und nach aus ihren Verstecken hervorkamen.

In diesem Augenblick hörten die Gefangenen einen zischenden Ton, wie ihn diecobra capella, die gefürchtete Brillenschlange, ausstößt, wenn sie, um auf den Feind zu stoßen, den Leib aufrichtetund mit vorgestrecktem Kopfe den Hals aufbläht, und als sie nach Titus Afrikaner blickten, von dessen Platze aus der Ton gekommen war, sahen sie den Häuptling seine Büchse schwingen und seinen Gefährten winken. Er schien gewachsen zu sein: seine kleine Figur dehnte sich, und die Kampflust schwellte seine Sehnen. Er zeigte nach dem Hange hin und eilte alsbald mit leichtem, weitem Schritte die Höhe hinab, gleichsam hingleitend durch das Buschwerk, das den steilen Abfall des Berges bedeckte. Hinter ihm folgten seine Krieger, und auch die Gefangenen wurden genötigt, zu folgen, indem die letzten beiden Schwarzen sie in die Mitte nahmen. Die Richtung, welche Titus Afrikaner einschlug, mußte den Trupp gerade zwischen die Linie der Buern und den Haufen ihrer ledigen Pferde führen.

Der Abhang war so steil, daß die Gefangenen nur mit Mühe den eilig voranschreitenden Kriegern folgen konnten. Denn da ihre Hände gefesselt auf dem Rücken lagen, konnten sie weder zu ihrer Stütze die Zweige der Büsche erfassen, noch auch nur durch die Bewegung der Arme das Gleichgewicht des Körpers erhalten; dazu wurden sie durch ihre Stiefel gehindert. Mehr als einmal waren sie dem Sturze nahe, während die Schwarzen vor ihnen mit ihren nackten Beinen und Füßen so leicht wie Springböcke hinabeilten. Der Zwischenraum, der die Gefangenen von der Spitze des Trupps trennte, ward immer größer, und mehrmals mußten die sie begleitenden Speerträger sie stützen oder vorwärts ziehen.

»Könnte ich doch nur ein Zeichen geben!« stöhnte Pieter Maritz schmerzlich. »Titus Afrikaner führt seine Schützen den Buern in den Rücken. Aber wenn ich auch mein Leben opfern und laut rufen wollte, so würde es doch nichts nützen. Die Buern würdenes nicht hören, denn sie sind zu weit entfernt, und wenn wir erst nahe genug sein werden, dann ist es zu spät, denn dann können die Räuber auch schon schießen.«

Aber während der Knabe noch so sprach, fühlte er, daß unter dem beständigen, teils unabsichtlichen Zerren seiner Hände an den fesselnden Bastseilen diese Fessel sich lockerte. Er that einen kräftigen Ruck, und seine starken, harten Hände hatten den letzten Halt zerrissen und waren frei. Ohne sich zu besinnen, ohne an die Gefahr für ihn selbst zu denken, steckte er zwei Finger in den Mund und ließ mit voller Macht seiner Lungen einen langhin gezogenen gellenden Pfiff erschallen. Der Ton durchschnitt weithin die Luft, und es war, als läge eine warnende Bedeutung in dem langsam ersterbenden Klange.

Augenblicklich erfaßten die Fäuste der Begleiter seine Schultern, er fühlte sich niedergeworfen, und die Assagaispitzen blitzten toddrohend über ihm in der Luft. Aber der junge Engländer ließ ihn in diesem gefährlichen Augenblick nicht im Stich. Er that, was er thun konnte. Da er sich einen Schritt zurück und auf einem höheren Standpunkte befand, gab er dem einen der Schwarzen einen kräftigen Tritt mit seinem Reiterstiefel in die Rippen. Er stürzte selbst dabei hin, aber im Fallen riß er noch den andern Schwarzen mit sich, und für einige Sekunden rollten alle vier zwischen den Büschen am Boden hin. Aber die Schwarzen waren schnell wieder auf den Füßen und hätten nun sicherlich beiden Gefangenen den Garaus gemacht, wenn nicht das Zischen der Cobra aufs neue sich hätte hören lassen und gleich darauf die dunkle Gestalt des Titus Afrikaner selbst erschienen wäre. Gleich dem Tiger kam der Häuptling in weiten Sätzen herauf. Er winkte mit der Hand, und die Schwarzen ließen von ihrem Angriff ab. Ein böses Lächeln lag auf dem Gesicht des Häuptlings. »Der Tod soll euch nicht so schnell und leicht kommen,« sagte er zu den Gefangenen, und dann wandte er sich zu den beiden Schwarzen und gab ihnen einen Befehl in der eigenen Sprache.

Diese rissen alsbald von dem zerfetzten Rockschoße des Engländers zwei tüchtige Streifen ab, rollten sie zusammen und stopften sie den Gefangenen in den Mund. Dann banden sie Pieter Maritz von neuem, und der für einige Minuten ins Stocken gekommene Zug ging weiter, nachdem der Führer sich wieder in langen Sprüngen bergab an die Spitze gesetzt hatte.

Es währte nicht mehr lange, so war das Thal erreicht, undnun ward der Weg durch sehr unebenes Terrain in derselben Richtung, welche hinter die Schützenlinie der Buern führen mußte, fortgesetzt. Ein kleiner Bach ward überschritten, und die Gefangenen, welche sich so gern hinabgebeugt und ihre brennenden Lippen erfrischt hätten, mußten sich mit der Kühlung begnügen, die ihnen das um die Füße spülende Wasser gewährte. Sie wechselten Blicke stummer Verzweiflung miteinander. Dann ging es durch ein ziemlich dichtes niedriges Gehölz, in welchem viele große Steinblöcke umherlagen, die vielleicht einmal bei einer Erderschütterung von dem überragenden Berge abgebröckelt und herabgerollt waren. Das Schießen war längst verstummt. Kein anderer Laut als das leise Hinstreichen der Körper an den Büschen und der Schritt der Männer im trockenen, knisternden Grase war zu vernehmen.

Titus Afrikaner war voran, sein Gang war langsamer geworden, er schritt vorsichtig weiter, er spähte nach links und rechts. Er mußte seiner Berechnung nach jetzt nahe an der Stelle sein, von wo er die Gewehre seiner Krieger und das eigene Geschoß von der Seite und von hinten auf die Feinde lenken konnte. Nun sprang er mit der Gelenkigkeit des Raubtiers auf einen hohen Stein, um über die vorliegenden Büsche hinwegblicken zu können, und streckte den Hals.

Aber in dem Augenblick, wo er mit vorgeneigtem Kopfe auslugte, ward ein feines Pfeifen hörbar, eine der purpurn schimmernden Federn in dem Haarputz des Häuptlings stob davon, und gleich darauf war das scharfe Krachen eines Büchsenschusses zu vernehmen. Ein Wutgeheul brach aus des Führers Munde hervor und klang unter seinen Kriegern wieder. Die Buern hatten das Nahen des neuen Feindes gemerkt und eine andere Stellung eingenommen, um ihm Widerstand leisten zu können.

Titus Afrikaner schwang seine Büchse hoch in die Luft, zeigte nach vorwärts und stürzte sich in die Büsche. Hinter ihm liefen die andern Schwarzen, und auch die Gefangenen wurden mitgeschleppt. Nur etwa hundert Schritte aber ging es noch weiter. Denn jetzt lichtete sich das Gehölz, eine für den Überblick fast freie, von kleinen Einsenkungen durchzogene Ebene, in welcher auch Steinblöcke lagen und einzelne Büsche standen, dehnte sich vor den Angreifern aus. Pieter Maritz, hinter einem Baumstamm versteckt, konnte linker Hand in großer Entfernung den Saum des Waldes erkennen, aus welchem Fledermaus bei seinem ersten Angriff hervorgebrochen war, und schloß aus der Form, wie sich ihm dasLand jetzt zeigte, daß er in der Nähe des Weges sei, auf welchem die Buern vorhin an dem Berge vorübergeritten waren. Doch war weder von den Buern noch von ihren Pferden etwas zu sehen. Der Knabe lächelte zufrieden und freute sich im Herzen. Er kannte die Fechtart seiner Landsleute, und die Büchsenkugel, welche des Häuptlings Kopf gestreift, hatte ihn beruhigt.

Seine Erwartungen wurden bald bestätigt. Unmutig und ungeduldig, auf den Feind zu stoßen, zauderte Titus Afrikaner nicht lange im Saume des Gehölzes. Er schickte zehn seiner Speerträger aus dem schützenden Dickicht hervor. In niedergeduckter Haltung, den Schild vor den Kopf haltend und den Speer in der Rechten, rannten diese Leute heraus und in die Ebene hinein. Aber sie kamen nicht weit. Alsbald tauchten kleine Rauchwölkchen aus dem Grase, hinter den Steinblöcken und hinter den Büschen auf, der Knall der Büchsen ertönte in der Nähe, vier von den Schwarzen stürzten zu Boden, und die übrigen rannten, in Entsetzen vor dem unsichtbaren Feinde, in das verbergende Gehölz zurück.

Den Gefangenen war es inzwischen gelungen, sich des Knebels in ihrem Munde durch wiederholte angestrengte Bewegungen der Kinnbacken zu entledigen, und ihre Wächter waren so sehr mit dem Betrachten des Kampfes beschäftigt, daß sie nicht darauf achteten. So konnten sie sich wenigstens unterhalten. Sie kauerten nebeneinander hinter den Stämmen zwei nahestehender Aloebäume und duckten sich in das Gras nieder, um nicht selbst irrtümlich eine Kugel zu bekommen.

»Wie sie tiraillieren können, diese Buern!« sagte der Lord, ganz in Staunen verloren. »Man sieht sie gar nicht. Noch keinen Hut habe ich erblicken können, und doch liegen sie keine dreihundert Schritte entfernt.«

»So nahe!« erwiderte Pieter Maritz. »O wenn ich denke, daß die Befreiung so nahe ist! Aber wenn wir aufsprängen und hinüberliefen, so möchten wir wohl sehr bald ein Ziel für beide Parteien werden, denn die Buern würden nicht gleich erkennen, wer wir wären, und die Räuber würden uns verfolgen.«

Der Lord nickte. »Und doch wäre es vielleicht klug, davonzulaufen,« sagte er, »denn dann wäre es rasch mit uns aus. So aber — doch es ist ein eigentümliches Gefühl, das mich zurückhält. Ich glaube, die Hoffnung stirbt erst, wenn man uns selbst getötet hat.«

Das Gespräch zwischen den beiden Gefangenen hatte inzwischen ihre Wächter aufmerksam gemacht, und diese mußten wohl aufdenselben Gedanken gekommen sein, der jene bewegte. Sie nahmen biegsame Zweige von einer in der Nähe stehenden Weide und banden den Gefangenen die Füße zusammen.

Titus Afrikaner, voll Wut, daß sein Plan eines Überfalls gescheitert war, konnte jetzt seine Kampfbegierde nicht mehr mäßigen. Er winkte seinen gleich ihm mit Gewehren bewaffneten Leuten und drang mit ihnen vor. Aber nicht frei vorlaufend setzten sich diese auserwählten Krieger dem feindlichen Feuer aus, sondern sie krochen im Grase vorwärts, fast ganz flach liegend und dennoch stets schußbereit, mit den Knieen und Ellbogen sich weiterschiebend, während sie den Kolben des Gewehres in den Händen behielten. Die Buern auf der andern Seite mußten wohl die anhaltende Stille verdächtig finden, und auch sie konnten offenbar nichts mehr von ihrem Feinde sehen. Denn jetzt, während die Schwarzen im Grase heranschlichen, tauchte drüben, bald hier und bald da, ein dunkler Fleck auf, den Pieter Maritz als den Filzhut eines Buern erkannte und dem Lord zeigte.

Nun ertönte aus der dunklen Linie der sich am Boden hinbewegenden Krieger wiederum das Zischen der Schlange, und alsbald sprangen fünf bis sechs schwarze Gestalten in die Höhe, standen eine Sekunde lang aufrecht und lagen dann wieder auf dem Bauche. Wohl zehn Schüsse krachten, als die Gestalten sichtbar wurden, aber die Erscheinung derselben war so flüchtig, daß kein einziger Schuß traf. Die Schwarzen krochen weiter.

»Wenn Fledermaus auf der Militärakademie gewesen wäre,« sagte der Lord zu dem Knaben, »so würde er jetzt die Gelegenheit zu einem neuen Angriff benutzen. Er muß doch das Schießen hören und daraus merken, daß sein Bruder im Begriff ist, anzupacken.«

Kaum hatte der junge Offizier, der sich mit dem ganzen Eifer des Soldaten dem Schauspiel vor ihm hingab, diese Worte ausgesprochen, als sich ein wildes Geheul aus weiter Ferne hören ließ. Fledermaus hatte die Bedeutung des Augenblicks erkannt und brach mit seiner Schar von neuem aus dem Thale hervor; zu sehen war nichts von ihm, aber die Gefangenen erkannten das Geheul und vernahmen auch bald darauf Schüsse, welche ihnen zeigten, daß die Buern auch dort drüben auf ihrer Hut waren. Sie mußten sich geteilt haben und der eine Teil dem Ausgang des Thales gegenüber geblieben sein, während der andere Teil sich dorthin gewandt hatte, von wo das warnende Pfeifen erklungen war.

Der Ton des Kampfes, welcher sich dort drüben entspann, ward auch von Titus Afrikaner und seinen Begleitern vernommen und schien diese wilden Krieger zu berauschen. Es duldete sie nicht mehr in ihrer vorsichtigen, langsamen Annäherung an den versteckten Feind, sondern sie sprangen auf und liefen ebenfalls mit Kriegsgeschrei vorwärts. Ihr weithin tönender Ruf antwortete dem der Brüder in der Ferne und mit weiten Sprüngen eilten sie, an den Feind zu kommen, der ihnen gegenüber lag.

Aber jetzt wurden auch die Gestalten der Buern sichtbar. Sie erhoben sich hinter ihren Deckungen, und die Geschosse ihrer sicher treffenden Gewehre flogen den Angreifern entgegen. Einer nach dem andern ihrer schwarzen Gegner stürzte nieder. Den einen traf die Kugel mitten im Sprunge, die Büchse entsank seiner Hand, und schwer schlug er nieder; den andern schlug das Geschoß in die Brust, als er eben schießen wollte, so daß er gleich dem getroffenen Wilde hoch emporsprang und dann auf das Gesicht niederfiel; einem dritten zerschlug das Blei den Schenkel, so daß er stöhnend in die Kniee sank. Die Schwarzen hielten von neuem inne und legten nun ihrerseits die Gewehre an.

In dieser Scene ward die Aufmerksamkeit der Gefangenen vor allem auf Titus Afrikaner gelenkt, der der Vorderste im Trupp war und sich gerade einem der halb sichtbaren Buern gegenüber befand. Deutlich sah der Knabe den weißlich glänzenden Bart des Buern und den Umriß seiner breiten Schultern und des großen Hutes. Er hatte das Gewehr an der Backe und zielte auf den Häuptling. Die Gestalt des Titus Afrikaner, welche mit der Gelenkigkeit des Panthers über den unebenen Boden dahin gesprungen war, stand jetzt unbeweglich. Auch er hatte die Büchse zielend emporgezogen, und für eine Sekunde glich seine Begegnung mit dem alten Buer einem Zweikampf, der auf die gefährlichste aller Waffen, das weit tragende gezogene Gewehr, ausgefochten wurde. Der Schuß des Weißen kam zuerst, und in dem Augenblick, wo das Feuer aus der Mündung seiner Waffe hervorbrach, schien die aufrechte Gestalt des Häuptlings in sich zusammenzusinken. Er war wie in den Boden hineingedrückt. Aber die Hoffnung der Gefangenen, daß er getroffen sei, erfüllte sich nicht. Seine Büchse verließ ihre Haltung in seinen Armen nicht, und während der Buer begierig der Wirkung seines Schusses nachsah, blitzte der Feuerstrahl aus des Häuptlings Waffe auf. Ein Schreckenslaut entrang sich des Knaben Munde. Der weißbärtige Buer öffnetedie Arme, das Gewehr entfiel ihm, und er stürzte vorwärts nieder. Gleich darauf waren alle Gestalten, die drüben zu sehen gewesen waren, verschwunden, die Ebene lag wieder im grünen Schein ihrer Bewachsung da, und kein Hut tauchte mehr auf, kein Pulverdampf stieg mehr empor. Aber auch die Schwarzen lagen jetzt still. Titus Afrikaner blickte unter seinen Leuten umher. Ihrer sechs lagen am Boden, und er mochte wohl denken, daß ein fernerer Sturmlauf unthunlich sei. Von neuem fing er an, vorsichtig im Grase weiterzukriechen, und seine Begleiter ahmten ihm nach.

»Seht doch,« sagte Pieter Maritz plötzlich zu dem Lord, indem er nach einem fernen Punkt in der Ebene deutete, »sind das nicht die Pferde?«

Der Engländer sah nach der bezeichneten Stelle hinüber und erkannte eine dunkle Masse, welche in Bewegung war.

»Die Buern geben den Kampf auf,« sagte der Knabe mit schmerzlichem Seufzer.

»Zum Henker!« rief der Lord, »das wäre eine verwünschte Geschichte! Aber wie können sie den Kampf aufgeben? Werden ihnen die Niggers nicht auf den Fersen bleiben?«

»Nein, nein, sie werden es schon zu machen wissen. Hört Ihr, Mynheer, daß drüben der Lärm verstummt ist? Fledermaus ist wieder in den Wald zurückgetrieben worden. Nur einige Schüsse sind noch zu hören. Die Buern lassen einige Leute zurück, um auf die Schwarzen zu schießen, welche zu nahe kommen, währenddessen steigt die Masse zu Pferde. Dann folgen auch die letzten, und sie jagen alle davon.«

»Aber sie haben doch nur einen einzigen Mann verloren,« entgegnete der Lord ungläubig. »Da werden sie doch nicht schon umkehren. Wenn sie den Kampf auf diese Weise fortsetzen, müssen sie doch zuletzt alle Nigger tot geschossen haben.«

»Ich fürchte, sie haben mehr als einen Mann verloren. Wir sahen nur den einen ganz deutlich fallen, aber es schien mir so, als wären noch zwei andere getroffen worden. Und vielleicht sind drüben auch Verluste gewesen. Wenn die Buern ein paar Leute verlieren, so gehen sie zurück, denn sie wollen sich nicht töten lassen, sondern ihr Vieh wiederholen und die Räuber bestrafen.«

»Wenn die Buern so bald schon zurückgehen, können sie keine gefährlichen Feinde sein,« sagte der Engländer nachdenklich.

»O, es könnte auch der Fall eintreten, daß sie bis auf den letzten Mann kämpften,« erwiderte lebhaft der Knabe. »Es istnicht Feigheit, daß sie den Kampf aufgeben, sondern das Blut der Männer ist bei uns zu wertvoll, um den Kaffern gegenüber vergossen zu werden. Kämpfen wir aber einmal mit den Engländern, so wird das ganz anders sein.«

»Das ist eine sehr freundliche Versicherung,« sagte der Lord lächelnd. »Aber wahrhaftig, Sie haben recht, mein junger holländischer Freund, die Buern ziehen ab.«

Der dunkle Haufen war näher gekommen und nun deutlich als ein starker Pferdetrupp zu erkennen. Doch hielt derselbe sich völlig außer Schußweite. Bald waren auch kleine Haufen von Männern zu sehen, die sich den Pferden näherten. Titus Afrikaner hatte diese Bewegung ebenfalls bemerkt, und er drang eiliger vorwärts. Aber noch zweimal sank einer seiner Begleiter, der sich unvorsichtig über dem Grase gezeigt hatte, erschossen zu Boden, und die kleinen Pulverwölkchen stiegen noch einzeln empor und zeigten an, daß die sich zurückziehenden Buern das Feld in ihrem Rücken scharf beobachteten. Die Schüsse entfernten sich aber mehr und mehr, nun sahen die Gefangenen den ganzen Reitertrupp in eiligem Laufe davonsprengen, und vergebens sandten Titus Afrikaner und seine Leute ihnen noch Kugeln nach.

Trüben Auges blickten die Gefangenen hinter dem Reitertrupp her, der in derselben Richtung, in welcher er gekommen war, wieder entschwand und immer kleiner und kleiner wurde. Der letzte Schimmer von Hoffnung drohte in ihrem Gemüt zu erlöschen. Aber sie blieben ihren Betrachtungen nicht lange überlassen. Die im Gehölz zurückgebliebenen Speerträger folgten jetzt dem weit voraus auf der Ebene befindlichen Führer, sie banden den Gefangenen die Füße los und nötigten sie mitzugehen.

Der Weg führte über die Stelle des Schützenkampfes, und mit tiefer Bewegung sah Pieter Maritz die Leichen zweier Buern ausgeplündert hinter den Deckungen liegen, von denen aus sie gefochten hatten. Dann ging es weiter, dem Titus Afrikaner nach, der sich vor dem Eingange des waldigen Thales mit seinem Bruder Fledermaus vereinigte. Siegesstolz blickten die Räuberfürsten auf ihre Kriegerschar. Wohl hatten sie an fünfzig Leute verloren gegen drei der Buern, aber der Feind, gegen den sie gekämpft hatten, war so gefürchtet, und der Weiße stand bei ihnen in solchem Ansehen, daß sie den eigenen Verlust für reichlich bezahlt mit dem des Gegners hielten. Dazu hatten sie das Schlachtfeld behauptet, ihre Beute behalten und fern von ihren Schlupfwinkeln den Siegerrungen. Ihre Schar mußte sich leicht wieder an Zahl ergänzen, da heimatloses Volk genug im Lande umherstreifte, von den Wohnsitzen seiner Väter vertrieben und bald von den Weißen, bald von feindlichen Stämmen der eigenen Rasse bekriegt.

Titus Afrikaner und Fledermaus versammelten ihre Krieger auf der mit Gras bewachsenen Ebene vor dem waldigen Thale und sorgten für ihre Verwundeten. Es gab deren nicht viele. Die meisten der Getroffenen hatten die Kugel in den Kopf oder in das Herz bekommen; diejenigen, welche Fleischwunden in Armen und Beinen hatten, liefen zum höchsten Erstaunen des Engländers mit einem leichten Verband herum, und nur die schwer Verwundeten wurden von einigen alten erfahrenen Kriegern sorgfältig behandelt. Diese wuschen ihnen die Wunden, ohne sich um die Kugel zu bekümmern, wenn sie tief saß, nähten das Loch zu und legten zerkaute Kräuter darauf.

Dann ließen die Häuptlinge, nachdem die Gewehre und Patronen der Gefallenen an die besten unter den Überlebenden verteilt worden waren, ein Mahl zurüsten. Auf ihrem Marsche durch den Wald hatten die Leute des Fledermaus Wild erlegt, und nun schleppten sie Holz zusammen, zündeten ein Feuer an, brieten Antilopen und Quaggas und holten in ihren Trinkflaschen Wasser herbei. Bald saß die ganze Schar fröhlich schwatzend beisammen, vergaß der Toten und schmauste nach Herzenslust. Auch die Gefangenen wurden hierbei nicht übergangen. Man band sie los, und ihre Wächter brachten ihnen Fleischstücke und Wasser.

»Welch ein gutmütiges Volk!« sagte der Engländer voll Staunen zu Pieter Maritz. »Sie sehen ihre Toten ringsum am Boden liegen und verschonen uns. Dieser schwarze Kerl, der mir Essen und Trinken bringt, hat noch den Eindruck meines Stiefelabsatzes auf der Brust, eine blutige Schramme in der schwarzen Haut. Und doch macht er sich nichts daraus und versorgt mich! Wäre die Sache umgekehrt, wären wir schwarz und von meinen Landsleuten gefangen, so möchte es uns wohl nicht so gut ergehen, und ich denke, die Buern springen auch anders mit ihren Gefangenen um.«

Der Knabe nickte. »Die Schepsels sind gut,« sagte er, »aber doch fürchte ich, sie werden noch ein übles Spiel mit uns spielen. Ich traue dem Titus Afrikaner nicht. Seht nur, Mynheer, wie oft er seine schlimmen Blicke nach uns herüberschießt. O, hätten wir doch unsere Pferde hier zur Hand!«

Die bösen Befürchtungen, welche er hegte, sollten nur zu bald in Erfüllung gehen. Als Titus Afrikaner gegessen hatte, näherte er sich den Gefangenen, neben ihm ging Fledermaus, und den Führern folgte ein dichter Haufen.

»Ihr habt nun gesehen, ihr weißen Jünglinge, daß vor der Macht unserer Waffen der Feind nicht standhält!« sagte Titus Afrikaner, indem er sich in die Brust warf und stolz auf die am Boden sitzenden Gefangenen hinabsah. »Verrat und Treulosigkeit können die Weißen üben, aber im Kampfe unterliegen sie. So auch du, Knabe, wolltest Verrat an uns üben und gabst den Buern ein Zeichen. Aber es half deinen Landsleuten nur wenig. — Meine tapferen Krieger,« rief er dann, sich umwendend, seiner Schar zu, »welche Strafe wollen wir über diese beiden verhängen? Welche Art, sie zu töten, wird euch das größte Vergnügen bereiten? Ich werde diesen jungen Leuten einen Speerwurf weit Vorsprung geben, damit sie versuchen können, davonzulaufen. Dann sollen die guten Schützen, welche heute den Feind besiegten, mit ihren Gewehren nach ihnen schießen. Das giebt eine lustige Jagd und wird das Herz der Helden erfreuen.«

Lautes jubelndes Geschrei antwortete der Rede des Häuptlings, Speere und Schilde wurden geschwungen, und Hunderte von funkelnden Augen richteten sich mordlustig auf die Gefangenen. Die mit Gewehren bewaffneten Leute drängten sich hervor und stellten sich neben den Häuptling, und dieser gab den Verurteilten einen Wink, sich zu erheben und davonzulaufen.

Der Engländer war totenbleich, aber sah den Häuptling mit verächtlichem Lächeln an. »Diese schwarzen Spitzbuben können uns umbringen,« sagte er zu dem Knaben, »aber sie sollen uns nicht laufen sehen. Ich gehe keinen Schritt von der Stelle.«

Damit kreuzte er die Arme über der Brust, legte sich der Länge nach im Grase nieder und schloß die Augen.

Pieter Maritz war aufgestanden und hatte die Hände über der Brust gefaltet. Er sah nicht auf die Schwarzen, sondern blickte zum Himmel empor. Seine Lippen bewegten sich, und leise sprach er ein Gebet, das ihn seine Mutter gelehrt hatte.

»Lauft, ihr Weißen, lauft!« rief der Häuptling wütend. »Lauft, oder ich werde euch mit Speerspitzen anstacheln lassen!«

Pieter Maritz bewegte sich nicht von der Stelle. Er betete weiter und erwartete den Tod. Auch der Lord bewegte sich nicht. Er biß die Zähne zusammen und hielt die Arme trotzig verschränkt.Die Gefangenen wollten sich nicht zum Spiel der wilden Feinde machen, sondern, ihrer Todeswunde entgegengehend, ihre Würde bis zuletzt behaupten. Und nun näherten sich mehrere der Schwarzen, die Assagaien in der Faust.

Aber in diesem Augenblick legte Fledermaus seine Hand auf des Bruders Arm und zeigte mit dem Finger zur Seite. Titus Afrikaner blickte in der bezeichneten Richtung und stieß einen Ruf der Überraschung aus. Auch die Schar um ihn her hielt in ihrem mörderischen Vorhaben inne und sah dorthin, wo eine neue Erscheinung die Aufmerksamkeit der Führer auf sich gezogen hatte. Die Bewegung unter den Schwarzen war so allgemein und gab sich so laut zu erkennen, daß auch die Gefangenen davon ergriffen wurden. Der Lord richtete sich in die Höhe, und Pieter Maritz wandte seine Gedanken vom jenseitigen Leben ab, hielt in seinem Gebet inne und blickte ebendorthin, wohin sich die Augen seiner Feinde richteten.

Was er nun sah, erfüllte ihn mit der höchsten Überraschung und zu gleicher Zeit mit Freude und mit Schrecken. Am Saume des Waldes kam von fern in gemütlicher Ruhe ein Wagen daher, der mit einer langen Reihe von Ochsen bespannt war. Die Tiere gingen in dem gewöhnlichen ruhigen Schritt mit vorgeneigten Stirnen im Joche, und drei schwarze Männer begleiteten sie.

Jetzt klang der scharfe Knall der langen Peitsche herüber, und das runde Zeltdach des Wagens schimmerte hell auf dem dunklen Hintergrunde des Waldes. Vor dem langen Zuge aber ritt ein Mann, den Pieter Maritz schon von weitem deutlich an seiner Haltung und an seinem weißen Barte erkannte. Es war der alte Missionar. Er richtete seinen Weg gerade auf die Kriegerschar der Räuberfürsten.

Das Erstaunen, welches das ruhige Herankommen des Ochsenwagens unter den Schwarzen hervorrief, war so groß, daß sie unter Fragen und Rufen unbeweglich dastanden und die Anwesenheit ihrer Gefangenen gänzlich vergessen zu haben schienen. Die Gegend, in welcher sie sich befanden, wurde niemals von Wagen besucht, denn sie war weit und breit als der Tummelplatz der Räuber bekannt und gemieden. Ja noch weit über diesen Teil der Drakensberge hinaus war der Schrecken des Titus Afrikaner verbreitet, und kein Weißer lenkte seinen Schritt freiwillig in diesen Landstrich. Nur die bewaffneten Kommandos der Buern drangen wohl, wie auch heute geschehen war, in diese Thäler ein, um ihreKraft mit der der kühnen Viehräuber und Mordbrenner aus den Bergen zu messen.

Der Wagen kam näher und näher, das Knarren der schweren Räder und das Schnaufen der Zugtiere war zu vernehmen, und noch immer blieb die Räuberschar unbeweglich und erwartungsvoll versammelt auf ihrem Platze. Jetzt stieg der alte Mann an der Spitze des Zuges vom Pferde, übergab das Tier dem einen der schwarzen Diener, in welchem der Knabe den Christian erkannte, und kam ruhigen Schrittes gerade auf Titus Afrikaner und Fledermaus zu, welche vor ihrer Schar standen, auf die Büchsen gelehnt und in erwartungsvollem Schweigen.

»O Mynheer, o lieber Freund,« sagte Pieter Maritz leise aus gepreßter Brust zu dem Engländer, »Gott schickt uns Hilfe. Das ist der Herr Missionar.«

Der alte Mann hatte die Gefangenen noch nicht erblickt, da sie durch den Haufen der Schwarzen verdeckt wurden und da er sein Augenmerk auf die beiden Männer richtete, welche er als Häuptlinge erkannte. Er blieb vor diesen stehen, erhob feierlich seine Hände und sagte in holländischer Sprache: »Der Segen Gottes sei mit euch, ihr fremden Leute! Ich bin hierher gekommen, um im Namen des höchsten Schöpfers aller Dinge mit den großen Kriegern zu reden, welche das Volk Titus Afrikaner und Fledermaus nennt. Nach eurem Ansehen und eurer Würde seid ihr Fürsten in diesem Gebirge und gebietet über die Menge der Krieger um euch. Seid gütig gegen den Boten Gottes und zeigt ihm den Weg zu den berühmten Männern, die ich euch genannt habe.«

»Ha!« rief Titus Afrikaner. »Der Weg zu ihnen ist nicht weit. Titus Afrikaner und Fledermaus stehen vor dir. Was willst du von ihnen, weißbärtiger Mann?«

»So seid ihr also diese Fürsten selbst,« antwortete der Missionar, »und der Anblick eurer Waffen und eurer schönen goldenen Ringe hat mich nicht betrogen. Ihr seid Herrscher in diesem Gebirge und gebietet über viele Streiter. Ihr seid mächtig und verbreitet den Schrecken eures Namens weithin im Lande, so daß die weißen Ansiedler sich fürchten, wenn sie von euch reden. Ich aber komme zu euch im Namen des Fürsten, der im Himmel thront und der alles erschaffen hat, was unsere Augen sehen: das Gebirge und den Wald, die Tiere und die Menschen. Dieser hat mir geboten, zu euch zu gehen und seinen Willen zu verkünden.«

Titus Afrikaner schwieg eine Weile, als der Missionar geendigt hatte, und ein nachdenklicher Ausdruck zeigte sich auf seinem klugen Gesicht. Dann wandte er sich zu seinem Bruder und seiner Kriegerschar und sagte mit lachender Miene: »Hier seht ihr, meine Brüder und Freunde, einen der Männer, welche die Weißen Missionare nennen, und erkennt die ganze Arglist dieses treulosen Volkes. Solange der weißen Männer wenige sind und sie nicht wagen, ihre Waffen mit denen der schwarzen Krieger zu messen, so lange reden sie von einem Fürsten, der im Himmel thront und von dem sie lügen, daß er unsichtbar sei. Wenn er aber unsichtbar ist, woher wissen sie dann, daß er im Himmel ist? Können sie etwas sehen, was unsichtbar ist? Aber ihr könnt gar bald erkennen, was ihr Märchen bedeutet. Denn sie lügen, der unsichtbare Fürst wollte, daß die Menschen im Frieden miteinander lebten und daß die schwarzen Männer die Fremden nicht umbrächten. Sobald ihrer aber mehr geworden sind, sobald sie genug Büchsen zusammen haben, um den schwarzen Mann von dem Jagdgebiet seiner Väter zu vertreiben, alsdann reden sie nicht mehr von dem unsichtbaren Fürsten, sondern sie fangen an, die schwarzen Männer zu erschießen, ihre Frauen und Töchter zu rauben, ihre Kinder zu Sklaven zu machen, ihre Dörfer zu verbrennen und ihr Vieh und Wild zu essen.«

Lautes Rufen des Beifalls und das Klirren der Waffen antwortete der Rede des Häuptlings aus der Schar seiner Krieger. Inzwischen hatten der Lord und Pieter Maritz sich dem Missionar genähert und der Knabe wandte sich mit flehendem Blicke zu dem alten Mann, der ihn und den Engländer voll Staunen betrachtete, und küßte seine Hand in erneutem Vertrauen und erneuter Hoffnung.

»Seht da!« rief der Häuptling, auf diese Gruppe zeigend. »Ihr werdet bald den Nutzen des unsichtbaren Fürsten kennen lernen. Dieser alte Mann will uns dessen Willen verkünden. Ich weiß schon vorher, was dieser Wille ist. Wir sollen unsere Gefangenen verschonen. Wir sollen keinem Weißen ein Haar krümmen. Aber ich sage dir, weißbärtiger Lügner, du bist zu keiner guten Stunde gekommen. Sieh dich um, die Leichen der schwarzen Männer bedecken das Gras ringsum. Sie sind von den Kugeln deiner Brüder gefallen, und wir wissen, was deine Lehre wert ist. Ich habe diese Lehre kennen gelernt, du wirst dem Titus Afrikaner nichts Neues erzählen. Habt ihr meine Krieger undFreunde getötet, so töte ich euch. Wir werden die Jagd nicht allein auf diese unbärtigen Jünglinge, sondern auch auf dich mit eröffnen. Ihr sollt alle drei von unsern Händen fallen, und deine Ochsen werden wir schlachten und essen.«

Stürmischer Beifall erklang unter den Schwarzen, und die Aussicht auf den Ochsenbraten machte sie vor Freude jauchzen. Aber von neuem erhob der Missionar seine Stimme, und der Eindruck seiner ehrwürdigen Gestalt, die Zuversicht, welche aus seinem Antlitz strahlte, die Scheu vor der weißen Farbe und das Staunen über den Mut des Unbewaffneten waren so groß, daß der Tumult schwieg und alle lauschten. Er redete jetzt nicht wieder holländisch, sondern bediente sich der Sprache der Betschuanen, weil er hoffte, daß ihn dann alle verstehen würden und daß er dann auf die Gesamtheit einen Einfluß gewinnen könne, an den er dem Häuptling gegenüber nicht mehr glauben durfte.

»Du sagst, daß wir Weißen treulos und lügnerisch wären,« begann er, »und behauptest, daß wir von dem Unsichtbaren sprächen, um euch zu betrügen, solange wir noch zu schwach wären, euch mit Gewalt zu unterdrücken. Wie kommt es denn aber, daß ich zu euch in die Berge ziehe? Fehlt es mir an Mais oder Fleisch? Konnte ich nicht bei meinen Brüdern im Lande bleiben, wohin ihr nicht kommt? Konnte ich nicht meine Ochsen, die ihr schlachten wollt, selber essen? Seht, es sind vierundzwanzig Tiere, ich hätte mein Haus auf lange Zeit damit versorgen können, und jahrelang hätte mich ihr Fleisch ernährt, wenn ich drunten bei den Meinigen geblieben wäre. Auch habe ich Mais und Reis und Kaffee und Zucker und viele andere Dinge in meinem Wagen, die ihr mir nehmen könnt, wenn ihr keine Scheu vor dem Unsichtbaren im Himmel habt, der die Sonne und den Mond und die Sterne in seiner Hand hält und die Blitze aus den Wolken schleudert. Ihr seht also, daß ich nichts von euch will, nichts von euch verlange. Nicht um etwas zu holen, suche ich euch auf, sondern um euch etwas zu bringen. Was ich euch aber bringe, das ist sehr köstlich und schön, schöner als alles, was ihr habt, schöner als Schmuck und Waffen und Vieh.«

Die Schwarzen horchten gespannt und ihre glänzenden Augen hingen unverwandt am Munde des Weißen. Titus Afrikaner blickte düster und betrachtete mit höhnischem Lächeln seiner Landsleute Mienen. Er machte eine Bewegung, als wollte er dem Missionar das Wort abschneiden, aber er besann sich und mochte wohl überlegen,daß es klüger sei, der gespannten Erwartung und Neugierde seiner Anhänger nicht entgegen zu sein. Vielleicht auch verfehlte auf sein eigenes Gemüt die Rede des Missionars ihren Zauber nicht. Denn er war aus früherer Zeit mit der christlichen Lehre vertraut und sein Gedächtnis hatte den Eindruck des Geheimnisvollen bewahrt.

»Du sagst, wir könnten von dem Unsichtbaren nichts wissen, da unsere Augen ihn nicht sehen,« fuhr der Missionar fort. »Ich sage euch aber, daß ihr auch eure Gedanken nicht sehen könnt und doch davon wißt. Du zeigst mir die Toten, die umher liegen. Warum gehen sie nicht mehr umher? Sie haben noch ihre Beine und Arme. Warum laufen und schießen sie nicht? Ich sage euch, es ist deshalb, weil das Unsichtbare in ihnen entflohen ist. Denn in jedem Menschen lebt ein Unsichtbares, und dieses geht zu dem Unsichtbaren, der im Himmel ist, den ihr Morimo nennt, das Sichtbare aber bleibt auf der sichtbaren Erde, wird begraben und verwandelt sich in Erde. Dieses unsichtbare Wesen in uns ist die Seele, welche niemals stirbt, und ....«

»Höre auf!« rief Titus Afrikaner jetzt, den Missionar unterbrechend, »du lügst ungeheuerliche Dinge! Wie?« rief er lachend seinen Kriegern zu, »dieser Mann behauptet, es lebten Wesen in uns, die man nicht sehen könnte — hat man je so alberne Lügen gehört?«

Es erscholl lautes Lachen zur Antwort, aber Fledermaus neigte sich zu seinem Bruder und flüsterte ihm etwas zu, wobei er ein ernstes Gesicht zeigte. Titus Afrikaner hörte ihm zu, schüttelte dann aber heftig den Kopf und wandte sich von neuem zu der Schar.

»Hört nicht auf diesen Lügenschmied und Verräter!« rief er voll Wut. »Er will sich nach unsern Wohnungen umsehen und den Buern berichten, wo sie uns angreifen sollen. Bald werdet ihr die Reiter mit den Büchsen wiedersehen, wenn ihr diesen Mann lebend nach Hause zurückkehren laßt. Folgt mir, Freunde! Stoßt die Weißen nieder und laßt uns die Ochsen verzehren!«

Die folgsame Schar brüllte ihm zu, gedankenlos von einem Wunsche zum andern gelenkt, und jetzt erhoben sich viele Assagaien, und das Leben der Weißen schien verloren zu sein, als plötzlich Fledermaus einen gellenden Ruf ausstieß und mit der Gebärde des höchsten Entsetzens auf das Haupt des Missionars zeigte.

»Morimo!« schrie er warnend, »Morimo!«

Die ganze Schar der wütend erregten Männer stutzte und blickte dorthin, wohin der Finger des Häuptlings wies. Die Büchsen und Speere entfielen ihren Händen und in starrem Staunen standen viele wie versteinert da, während viele zu Boden sanken und anbetend die Hände erhoben. Scheu und ingrimmig stand Titus Afrikaner da.

»Morimo!« klang es aus vieler Munde. Verwundert sahen der Lord und Pieter Maritz bald auf den Missionar, bald auf die Schwarzen. Da aber entdeckte der Knabe die Ursache dieser allgemeinen Bewegung.

Auf dem weißen Haar des Missionars, der unbedeckten Hauptes herangekommen war, saß ein Käfer von besonderer Art, etwa ein Fingerglied lang, mit grünem, glänzendem Rücken, dazu weiß und rot gefleckt, mit schimmernden durchsichtigen Flügeln und zwei kleinen Hörnern auf dem Kopfe. Kopf und Flügel waren gelb, die Beine silbergrau, ähnlich dem Haar des Greises. Pieter Maritz erkannte die Bedeutung dieses seltenen Tierchens. Er sah, daß es der geheiligte Käfer war, welchen die südafrikanischen Völker zum Teil als einen Boten der Gottheit, zum Teil als die Gottheit selbst verehren. Die Stelle, auf welche dieser Käfer sich setzt, ist ihnen geweiht, die Person, auf welcher er sich niederläßt, wird für glückselig gehalten. Seine Ankunft bedeutet großes Glück; wenn aber das Insekt oder die Person und selbst das Tier, auf welchem er ruht, verletzt würde, bedeutete es das größte Unglück.

»Wir sind gerettet,« rief der Knabe jauchzend und sank dankbar gegen Gott auf die Kniee.


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