Neunzehntes KapitelIn Pretoria

Auf der Flucht von Isandula.

Auf der Flucht von Isandula.

Aber Pieter Maritz kam durch, Jager ließ ihn nicht im Stiche. Jetzt war das jenseitige Ufer nahe, und es war flach, so daß dasPferd heraus konnte. Auch der englische Offizier war drüben gelandet. Pieter Maritz hörte einen Hilferuf neben sich und sah einen schwarzen Kopf, dem Versinken nahe. Er streckte seine Hand aus, die der Versinkende ergriff, und zog ihn glücklich mit sich. Gleich darauf setzte Jager einen Huf auf festen Boden. Triefend von Wasser, doch glücklich gerettet kam Pieter Maritz auf dem rechten Ufer des Buffalo an.

Als Pieter Maritz sich in Sicherheit auf dem festen Boden der Natalseite sah, schickte er ein Dankgebet gen Himmel für seine Errettung, und dann lenkte er sein Pferd nach rechts, um am Buffalo aufwärts zu reiten. Seine Gedanken standen nach seiner Heimat, er wollte nach dem Lande Transvaal. Die heiße Sonne dieses Vormittags trocknete sehr bald seine Kleidung, während er in schlankem Trabe dahineilte. Er fand einen gebahnten Weg etwas abseits vom Ufer, der landeinwärts von der felsigen Einfassung des Flusses mit diesem in gleicher Richtung führte. Nach halbstündigem Ritte hörte er das entfernte Knattern von Gewehrfeuer und erreichte bald darauf die Hütten der Kaffern von Oscarsburg neben Rorkes Drift und sah hier den Missionar Witt, welcher von einem Hügel herabkam und ihn anhielt.

»Um Gottes Willen, mein junger Freund,« sagte der Reverend, »sind Sie der schrecklichen Schlacht entronnen? Ich habe dem furchtbaren Kampfe von der Höhe jenes Berges zugesehen, und mein Herz blutet. Ich habe der weiten Entfernung wegen nur undeutlichsehen können, doch habe ich so viel gesehen, daß ich erstaunt bin, irgend jemand, der dort war, lebend zu erblicken.«

Pieter Maritz erzählte in fliegenden Worten von dem Kampfe, und der tief bewegte und erschütterte Mann hörte mit thränenden Augen zu.

»Ich war herübergekommen, um meine Gemeinde zu besuchen,« sagte er, »da hörte ich den Donner des Geschützes vom Isandulaberge her, jenem steilen Gipfel, unter dem Oberst Glyn lagerte. Da stieg ich auf jene Höhe und blickte durch mein Fernrohr. O hätte ich niemals einen solchen Anblick haben dürfen! Und nun sind die Zulus, wie ich bemerkt habe, auch über meine Kirche und mein Wohnhaus hergefallen. Hören Sie nur die Schüsse von drüben!«

In der That hörte Pieter Maritz jetzt deutlich den Lärm eines scharfen Gefechtes aus der Richtung der Gebäude, wo er vor etwa zwei Stunden mit der Patrouille gefrühstückt hatte. Die Haufen, welche er vom rechten Flügel der Zulus hatte abbiegen und nach Rorkes Drift laufen sehen, kämpften augenscheinlich um den Besitz jener Gebäude. Der Missionar erzählte ihm, daß zwei Leutnants, Bromhead vom 24. Infanterieregiment und Chard von den Ingenieuren, mit einer Truppenabteilung drüben bei den Gebäuden seien und sie wahrscheinlich verteidigten.

Pieter Maritz hielt sich nicht lange auf, sondern setzte seinen Weg fort. Er sehnte sich, so bald als möglich in die Heimat zu gelangen, und hoffte, nun keinen Aufenthalt mehr unterwegs zu finden. Auch die Engländer würden ihn, so hoffte er, nun nicht wieder gefangen nehmen, da er doch auf englischem Gebiete war und gewiß niemand sich mehr seiner Begegnung mit dem Obersten Wood erinnerte. Er nahm den ihm bekannten Weg nach Utrecht und ritt so scharf, wie er glaubte, es Jagers Kräften zutrauen zu können. Auf dem Wege begegnete er manchen Leuten und auch englischen Militärs, aber er war nun schon so weit vom Schauplatz des Kampfes entfernt, daß er niemand traf, der von der Niederlage gewußt hätte, und er war so klug, niemand davon zu erzählen. Denn er sagte sich, daß man ihn als Zuschauer eines so interessanten und schrecklichen Ereignisses nur aufhalten und vielleicht gar verhören würde. So ritt er den ganzen Tag eilig und schweigend. Er übernachtete in einer Farm bei einer gastfreien Buernfamilie, einige Meilen vor Utrecht, und hier erst erzählte er von der Schlacht bei Isandula. Der Buer wußte ihm großenDank für eine so wichtige Neuigkeit und machte kein Hehl daraus, daß es ihm lieb sei, daß die Engländer eine Schlappe erlitten hätten, obwohl er nun besorgt ward, daß die Zulus sich über den Utrechter Distrikt ergießen könnten. Pieter Maritz schlief lange und fest, die Ereignisse des Tages hatten ihn sehr ermüdet, doch rüstig setzte er am folgenden Morgen seinen Ritt fort.

Als er Utrecht erreichte, fand er die Stadt in großer Aufregung, die Nachricht von der Niederlage war von Helpmakaar aus schon dorthin gelangt. Doch setzte er seine Reise nach kurzem Aufenthalte fort und ließ sich nichts davon merken, daß er Augenzeuge gewesen war. Dann ritt er über Wesselstroom und Heidelberg und erreichte am vierten Tage Pretoria. Hier in der Hauptstadt gedachte er erfahren zu können, wo seine Gemeinde sich aufhalte, und dann wollte er diese aufsuchen.

Er war immerfort auf der großen Straße geblieben, hatte viele kleinere und größere Ortschaften durchzogen und freute sich, er, der Buernsohn aus den dünn bevölkerten nördlichen Gegenden, über den Reichtum und die Größe seines Vaterlandes, dessen schönsten Teil er nun zum erstenmal sah.

Es war gegen Abend, als er sich Pretoria näherte, und indem er über die Höhenzüge ritt, welche südlich das weite Thal umsäumen, sah er die weit ausgedehnte Stadt vor sich zu seinen Füßen liegen. Die hellen Häuser schimmerten weithin aus dunklem Grün hervor, sie lagen zum größten Teil zerstreut zwischen Gärten, und nur in der Mitte schlossen sie sich zu Straßen zusammen. Die niedrig stehende Sonne vergoldete viele hundert Fenster, so daß sie hell blinkten. Seitwärts der Stadt zogen sich regelmäßige Zeltreihen hin, und Pieter Maritz erkannte, daß hier ein englisches Lager war. Je näher er der Stadt kam, desto belebter ward die Straße. Viele schwarze Frauen begegneten ihm, die vom Markte kamen und zu ihren Dörfern zurückkehrten. Sie trugen kurze weiße Mäntel über eine Achsel geschlagen und um die Hüften gewunden, so daß Arme und Beine frei blieben, oder auch nur weiße oder bunte Lendengürtel, dazu Ketten von Glasperlen vielfach gewunden um den Hals und Ringe von Messingdraht um die Arme. Ihre Köpfe waren bis auf eine kleine Haarkrone rasiert, und darauf trugen sie Körbe oder Schalen, in welchen sie Früchte und Korn nach der Stadt gebracht haben mochten. Auch schwarze Männer waren zu sehen, doch mußte Pieter Maritz über viele von diesen lachen, weil sie possierlich aussahen. Die Stadt hatte verfeinerndauf sie gewirkt, sie gingen in Hemden, Beinkleidern und Blusen oder Röcken, hatten zerdrückte alte Hüte auf dem Kopfe, und zwischen ihren Wulstlippen steckten Cigarren. Mehrere trugen gewaltig große Krawatten aus roter oder gelber dünner Seide, und da all das europäische Zeug schlotterig, schlecht passend und alt war, sahen diese Kaffern, welche ihre nationale Sitte verlassen hatten, wie rechte Lumpen aus. Mehrere Buern, zu Fuß und zu Pferde, waren ebenfalls auf der Straße zu sehen, welche allein oder mit ihren Familien den schönen Abend genossen.

Kurz bevor Pieter Maritz die ersten Häuser erreichte, ward er von einer kleinen Reiterschar überholt, welche im Trabe ritt. Es waren Buern, nach dem Schnitt ihres Anzugs zu schließen, doch waren sie unbewaffnet, und ihre Kleidung kam Pieter Maritz sehr fein und vornehm vor. Im Vorbeitraben warf der eine von ihnen, ein älterer Mann mit dunklem Vollbart, einen forschenden Blick auf Pieter Maritz, hielt dann sein Pferd an und fragte auf holländisch, wer er sei und woher er komme.

Pieter Maritz merkte, daß er mit einem angesehenen Manne zu thun habe, er zog den Hut und sagte der Wahrheit gemäß seinen Namen und dann, daß er von Isandula komme. Dies Wort verursachte Erregung unter dem kleinen Trupp, die Reiter umringten ihn und sahen ihn voll Neugierde an. Auf ihr Befragen erzählte er von seinen Erlebnissen des letzten Jahres und daß er von einer Gemeinde der Treckbuern im Norden komme. Baas van der Goot sei der Älteste seiner Gemeinde, und er wolle sich nun in Pretoria erkundigen, wie er seine Gemeinde wiederfinden könne.

Jetzt mischte sich ein zweiter der Reiter in das Gespräch, ein grimmig aussehender Mann mit funkelnden schwarzen Augen.

»Baas van der Goot,« sagte er, »der ist mir bekannt. Ein echter Buer, ein frommer und respektabler Mann und ausgezeichneter Büchsenschütze. Ich sah ihn vor zwei Jahren zuletzt, als ich ein Kommando an unserer nördlichen Grenze führte. Er hatte damals seine Schußliste auf 2700 Kaffern gebracht, die er mit eigener Hand getötet hatte.«

»Wer ist dieser Herr?« fragte Pieter Maritz beiseite einen dritten der Reiter.

Dieser lächelte. »Es ist der Feldkorporal Joubert,« erwiderte er.

Pieter Maritz sah nun den grimmigen Mann näher an. Dasalso war der gefürchtete Joubert, von dem er so oft die Männer seiner Gemeinde beim Lagerfeuer mit Bewunderung hatte reden hören.

»Sind Sie etwa der Sohn von Andries oder von Klaas Buurman?« fragte ihn dieser.

»Ich bin der Sohn von Andries,« antwortete Pieter Maritz. »Mein Vater fiel im Januar vorigen Jahres in einem Gefecht mit Betschuanen am Nylflusse.«

»Also Andries tot!« sagte der Feldkorporal. »Der war auch ein wackerer Mann, und sein Tod ist ein harter Verlust für die Republik. Ich hoffe, sein Sohn füllt dereinst seine Stelle aus.«

Er betrachtete bei diesen Worten mit Wohlgefallen die schlanke und kräftige Gestalt des jugendlichen Reiters.

Der Trupp war unter diesem Gespräch mit hinein in die Stadt gekommen, und Pieter Maritz bemerkte, daß alle Leute auf der Straße, mit Ausnahme der englischen Soldaten, die ihnen von Zeit zu Zeit begegneten, mit großer Ehrfurcht grüßten. Die stämmigen trotzigen Buern am Wege zogen ihre breiten Hüte tief ab, und Pieter Maritz erkannte die hohe Stellung, welche seine Begleiter einnehmen mußten.

Der Herr, welcher ihn zuerst angeredet hatte, ließ sich immer mehr von dem Kampfe der Engländer und vom Hofe Tschetschwajos erzählen, ward nicht müde, nach vielen Einzelheiten zu fragen, und tauschte mehrmals ein Lächeln oder ein kurzes Wort mit seinen Genossen aus. Die Geschichte von der Niederlage bei Isandula schien allen ein heimliches Vergnügen zu bereiten.

»Dieser junge Mensch hat interessante Erlebnisse gehabt,« sagte er endlich, sein Pferd auf einem freien Platze vor einem schönen großen Hause anhaltend. »Ich hoffe, Sie wiederzusehen, Mynheer Buurman.«

Pieter Maritz zog seinen Hut, da er merkte, daß er entlassen war, als ein anderer der Herren ihn anredete.

»Sie haben gewiß noch viel zu erzählen,« sagte er, »und ich wünschte, daß meine Freunde Ihre interessante Geschichte noch heute hörten. Wollen Sie heute abend zu mir kommen? Ein kleiner Kreis von Freunden wird zum Abendessen bei mir sein.«

Pieter Maritz errötete vor Vergnügen über die Ehre, welche ihm widerfuhr, aber er blickte unwillkürlich an sich hinunter. Er hatte das Gefühl, daß er unmöglich in seinem staubigen, fleckigen, buntscheckigen, ärmlichen Anzuge zu einem solchen Herrn gehen könne.

»Sie sind sehr gütig, Mynheer,« sagt er offenherzig, »aber gewiß sind Sie ein vornehmer Herr und haben ein Haus, das für mich zu schön ist. Ich würde gern kommen, denn ich bin hungrig geworden, aber ich will lieber versuchen, bei einem armen Manne Unterkunft zu finden.«

Die Herren lachten laut.

»Dieser junge Mensch hat einen guten Instinkt,« sagte der erste der Reiter. »Scheint er doch mit feiner Nase den Schatzmeister gerochen zu haben. Gewiß fehlt es Ihnen auch an barem Gelde, mein Freund.«

Er sprach so freundlich, daß Pieter Maritz sich nicht beleidigt fühlte, sondern offen sagte, daß er allerdings keinen Penny besäße und überhaupt noch kein Geld besessen hätte.

»Sie sind gerade an die richtige Quelle gekommen,« sagte der bärtige Herr, immer mehr lachend. »Es ist Mynheer Swart, der Staatssekretär des Schatzes, der Sie zum Abendessen geladen hat. Sagen Sie ihm nur, daß er für Ihre Börse sorgt. Ich denke, die Republik ist diesem jungen Manne verpflichtet und kann ihm eine Entschädigung für seine im Kriegsdienst erlittene Not zahlen.«

»Gewiß, das wird sie,« sagte der Schatzsekretär, indem er in die Brusttasche griff. »Sie wird auf der Stelle zahlen.«

»Hier, mein junger Freund,« fuhr er fort, »hier überreiche ich Ihnen fünfzig Pfund Sterling. Kaufen Sie sich neue Kleider, und ich rechne darauf, Sie heute abend um acht Uhr bei mir zu sehen.«

»Dieser junge Mensch weiß hier nicht Bescheid,« sagte der Feldkorporal, während Pieter Maritz dankend die Banknoten in die Tasche steckte. »Er wird auch kaum ein Quartier finden, denn die Stadt ist so voll wie ein Ei. Die Engländer liegen überall umher, eine Menge von Abenteurern und Spitzbuben, die immer im Gefolge der Engländer sind, füllen alle Gasthäuser an. Aber warten Sie, Sohn von Andries Buurman, ich werde Sie begleiten, und es müßte sonderbar zugehen, wenn ich nicht doch noch ein Kämmerchen für Sie auftriebe.«

Die Gruppe der Reiter trennte sich, und Pieter Maritz ritt mit dem Feldkorporal allein weiter. Noch schien die Sonne und erleuchtete Pretoria. Es war dem Knaben, als wandle er in einem Traume. Seine Tasche, in welcher er sonst wohl ein Stück getrocknetes Fleisch oder ein Stück Bindfaden oder einen ledernen Riemen zu tragen pflegte, kam ihm so schwer und dick vor, alstrüge er dort einen Berg von Gold. Die paar dünnen Papierfetzen, welche für ihn eine Summe Geldes von fabelhafter Größe bedeuteten, schienen ihm von gewaltigem Gewicht zu sein. Er ritt neben dem berühmten Joubert und durch eine Stadt, wie er sie so schön und groß noch nie gesehen hatte. Was war Utrecht dagegen? Nur ein Dorf. Die Straßen waren breit und lang, und stellenweise waren sie in einem für Pieter Maritz sehr merkwürdigen Zustande, indem sie nämlich mit Steinen gepflastert waren. Als er das Klappern der Hufe unter sich hörte, zerbrach er sich den Kopf darüber, warum die Leute wohl den Weg so hart gemacht hätten. Die Häuser waren schön und fest, zwar zumeist nicht höher als ein Stockwerk, aber aus Stein erbaut und mit hellen Glasfenstern. Mehrere Kirchen waren zu sehen, die außerordentlich prächtig im Vergleich mit denen von Botschabelo waren. Durch die etwas bergauf und bergab laufenden Straßen zogen sich kleine Bäche mit hellem Wasser, auf denen Enten und Gänse schwammen. Schöne Gärten lagen neben den Häusern, und manche kleine Gebäude hatten große Fenster, in welchen allerhand schöne Dinge ausgestellt waren: Waffen und Reitzeug, Pfeifen und Cigarrenspitzen, bunte Stoffe, Kleider und Stiefel und tausend andere nützliche und angenehme Sachen.

An einem freien Platze, der mit Trauerweiden bepflanzt war, hielt der Feldkorporal sein Pferd vor einem großen, zweistöckigen Gebäude an. Es war ein Haus von besonderer Art, eine Veranda mit Leinendach sprang auf der einen Seite vor, und hier saßen viele Männer und Frauen an kleinen Tischen und tranken aus Gläsern und Tassen, die ihnen nicht nur von Schwarzen, sondern auch von eleganten jungen Herren mit weißen Westen und schwarzen, hinten spitz zulaufenden Röcken gebracht wurden. Englische Offiziere waren unter der Gesellschaft, manche fremdartige Gestalten und Anzüge, und die Frauen waren von einer für Pieter Maritz neuen Art: sie trugen leichte, wunderbar schöne Kleider und nicht etwa weiße Mützen wie die Bauernfrauen im Norden, sondern seltsame Deckel mit Federn, Blumen oder ausgestopften Vögeln auf dem Kopfe.

Eine große Inschrift in goldenen Buchstaben und in einer für Pieter Maritz fremden Sprache stand an dem Hause:Café de l'Europe.

Der Feldkorporal winkte einen jener eleganten jungen Herren heran, die, wie Pieter Maritz nun zu seinem Erstaunen bemerkte,Diener waren, und fragte, ob noch ein Zimmer frei sei. Der junge Mann zuckte die Schultern, verbeugte sich, drehte den Kopf und sagte endlich, es sei kein einziges Zimmer frei.

»Zum Henker!« rief der Feldkorporal mit rauhem Tone, »es muß eins frei sein! Schaffen Sie Platz für meinen jungen Freund hier. Ich erwarte bestimmt, daß Sie ihm ein Zimmer schaffen.«

Der Kellner verbeugte sich sehr demütig von neuem und sagte, er wolle zusehen, ob es möglich sei; er hoffe, den General zufrieden stellen zu können.

»Nun,« sagte Herr Joubert, »Sie werden es einrichten, ich verlasse mich darauf. Auf Wiedersehen, Pieter Maritz!«

Er ritt davon, und Pieter Maritz stieg ab. Der Kellner rief einen Knecht herbei und trug diesem auf, das Pferd in den Stall zu führen, während er den Buernsohn bat, ihm in das Haus zu folgen. Aber Pieter Maritz nahm Jager am Zügel und sagte, er pflege das Pferd selbst abzusatteln. In Wahrheit traute er dem schönen Hause nicht recht. Es ging hier so ganz anders zu, als er es kannte, daß er nicht gewiß war, ob hier die Pferde auch wohl einen richtigen Stall und richtigen Hafer bekämen. So sorgte er denn selbst für Jager.

Außerordentlich schön kam ihm seine Kammer mit dem sauberen Bett, dem Teppich, dem Schrank und der übrigen Einrichtung vor. Nur machte ihm jetzt seine Neukleidung Sorge, und er wandte sich deshalb um Rat an den Kellner.

Der Kellner gab ihm Auskunft und machte sich, als er die Unerfahrenheit des jugendlichen Gastes bemerkte, selbst mit auf den Weg. Zunächst führte er Pieter Maritz zu einem Friseur. Dieser beschnitt die langen blonden Locken, so daß sie nur noch bis auf den Kragen fielen, denn vorher waren sie bis auf die Schultern herabgewallt, und kämmte und bürstete sie, so daß sie wie Gold glänzten. Auch wusch er das Haar mit wohlriechendem Wasser so daß Pieter Maritz nicht wußte, ob er über solche Späße lachen oder böse werden sollte. Hier wechselte er eine seiner Banknoten, indem er bezahlte.

Dann führte ihn der Kellner zum Kleidermagazin und riet ihm, sich einen Frack, schwarze Beinkleider, weiße Weste und weißes Halstuch zu kaufen. Aber Pieter Maritz ließ sich, obwohl ihm die Klugheit des Kellners und das städtische Wesen von Pretoria sehr imponierten, doch auf solche Dinge nicht ein. Als echter Buernsohnkonnte er sich von dem althergebrachten Kostüm des Buern nicht befreien. Er wählte eine dunkelblaue Bluse mit vielen Taschen, ein schwarzes seidenes Halstuch und ein Beinkleid von Wildleder, welches in die Stiefeln zu stecken war. Dazu kaufte er in einem Wäschegeschäft zwei starke leinene Hemden mit breiten Umklappkragen und mehrere Paar Strümpfe. Hierauf ging es in ein Schuhmagazin, und er suchte sich ein Paar Reiterstiefeln mit weichen Schäften aus, die bis über die Kniee gingen. Endlich kaufte er in einem Hutladen einen braunen Filzhut mit handbreiter Krempe. Alles Gekaufte lud er selber auf den Arm und kehrte damit in das Hotel zurück. Dort spülte er in einem warmen Bade den Staub der Reise ab und kleidete sich dann neu. In seiner Kammer hing ein Spiegel, der wiederum ein für ihn ganz neuer Gegenstand war, und als er sich nun, frisch gewaschen und frisiert, mit dem reinen Hemdkragen im Spiegel sah, errötete er und war verlegen über das Seltsame dieses Anblicks.

Mittlerweile war es gegen acht Uhr geworden, wie sein an den Anblick des Himmels und die Beleuchtung der Erde gewöhnter Blick ihm sagte, er gürtete den Hirschfänger und den Patronengurt um und ergriff die Büchse, um zum Schatzsekretär zu gehen. Der freundliche Kellner, dem er zum Lohne für seine Hilfe zwei Schilling geschenkt hatte, wollte ihn hinführen.

Das Haus des Schatzsekretärs lag nur etwa zehn Minuten zu gehen vom Hotel entfernt, und der Kellner kehrte an der Hausthür um. In demselben Augenblick fuhr ein Wagen vor dem hell erleuchteten Hause vor, einer jener Wagen, wie sie Pieter Maritz nur in diesem südlichen Teile Transvaals in den Städten gesehen hatte: nicht von Ochsen gezogen, sondern von zwei Pferden, nicht mit Leinenverdeck, sondern von lackiertem Leder und mit Glasfenstern, ein zierliches schnelles Gefährt. Aus diesem Wagen stieg, als ein prachtvoll in Braun und Silber gekleideter Mann aus des Schatzsekretärs Hause den Schlag geöffnet hatte, ein Herr, der so gekleidet war wie die Kellner in dem Hotel, und hob ein junges Frauenzimmer heraus, welches ein langes blauseidenes Schleppkleid trug, ein schwarzes Mäntelchen und Blumen in dem braunen Haar.

Erschrocken flüchtete Pieter Maritz in das Haus und ward hier von zwei andern in Braun und Silber gekleideten Männern empfangen, die ihn höflich fragten, was er wünsche. Er sagte, daß er zum Abendessen geladen sei, aber die schön gekleidetenMänner sahen ihn zweifelhaft an, schüttelten den Kopf, und einer von ihnen ging davon. Während Pieter Maritz aber nun betroffen auf dem Flur stand und sich in dem glänzenden Raum verlegen umsah, kam der ihm bekannte Herr aus einer Thür und begrüßte ihn lachend.

»Meine Diener fürchten sich vor Ihren Waffen,« sagte er zu Pieter Maritz. »Bitte, legen Sie ab und treten Sie näher.«

Die Diener nahmen ihm nun Büchse und Hirschfänger, sowie den schweren Patronengurt ab, und der Herr führte ihn am Arme in das Zimmer. Pieter Maritz ging stumm und starr neben seinem Führer. Das Zimmer war blendend hell erleuchtet, und Spiegel von Mannshöhe warfen das Licht zurück. Aber es ging noch weiter, durch das Zimmer hindurch in ein großes Gemach. Pieter Maritz drängte sich hier beim Eintreten ängstlich an seinen Führer an. Er sah vor sich eine Gesellschaft von wohl zwanzig Personen, Männern und Frauen. Die Männer waren alle wie die Kellner im Hotel gekleidet und hatten seltsame schwarze Scheiben in den Händen oder unter dem Arm. Die Frauen aber sahen so aus, daß Pieter Maritz, der gewohnt war, den Löwen und den Zulus unerschrocken ins Antlitz zu sehen, den Boden unter seinen Füßen wanken fühlte. Sie waren in langen, hellen, seidenen Gewändern gleich dem jungen Mädchen aus dem Wagen, und diese Gewänder erschienen ihm wunderbar schön. Sie hatten funkelnde Steine und Ketten gleich den vornehmsten Indunas in Ulundi um den Hals und um die Arme und zum Teil auch Blumen in ihrem Haar, das fast so künstlich frisiert wie bei den Zulus, aber an Farbe viel schöner war. Dazu hatten sie, was Pieter Maritz' Verwirrung vollendete, nackte Schultern und nackten Hals, und der Schimmer der weißen Haut war ihm, der nur glänzende schwarze Haut zu sehen gewohnt war, höchst seltsam und erschreckend. Hätte ihn sein Wirt nicht am Arme gehalten, so wäre er jetzt sachte davongeschlichen.

Aber er war der Mittelpunkt aller Blicke und ward festgehalten.

»Meine Herrschaften,« sagte der Staatssekretär mit lauter Stimme, »ich habe die Ehre, Ihnen hier einen der interessantesten Leute in Südafrika vorzustellen, Herrn Pieter Maritz Buurman, aus unserm nördlichen Gebiet stammend, der ein Jahr lang am Hofe des Zulukönigs gelebt hat und soeben vom Schlachtfelde von Isandula kommt.«

Ein allgemeiner Ruf der Verwunderung ging durch das große schöne Gemach, und Herren und Damen schritten mit freundlichen Grüßen und Worten auf ihn zu. Pieter Maritz wünschte, daß die Erde sich unter ihm öffnen und ihn verschlingen möge. Er biß die Zähne zusammen, ward blutrot und starrte auf den bunten Teppich zu seinen Füßen. Seine Hände zuckten, und er wußte nicht, wo er damit bleiben sollte, weil er die Büchse nicht fühlte. Es fiel ihm ein, als er an aller Händen weiße oder hellfarbige Handschuhe sah, daß seine Hände braun und rauh wie die eines Basuto waren.

»Ein wunderhübscher Junge,« hörte er eine der Damen flüstern.

Jetzt traten auch der Herr und die junge Dame herein, welche er schon vor der Hausthür gesehen hatte. Die junge Dame hatte ihr schwarzes Mäntelchen abgelegt und glich nun im Anzuge völlig den andern. Sie hatte Haar von der Farbe der Kastanien, und es ringelte sich bis zum Halse herab, ein paar rote Rosenknospen steckten über dem linken Ohre, und eine feine goldene Kette mit blauem Herzen schlang sich ihr um den weißen Hals. Die Begrüßung dieser neuen Gäste zerstreute die Menge etwas, und es gelang Pieter Maritz, hinter ein künstliches Gebüsch von blühenden Oleandern zu schlüpfen, von wo aus er die Gesellschaft und das Gemach betrachtete. Von der Mitte der Decke hing ein vergoldetes, kunstvolles Gestell herab, an welchem viele Kerzen steckten, so daß es taghell war. Die Stühle waren mit roter Seide überzogen, die Vorhänge vor den Fenstern waren aus zartem Spitzengewebe.

Doch nicht lange sollte er Ruhe haben. Kaum eine halbe Minute lang blieb er unentdeckt. Eine große Dame, die etwa so alt wie seine Mutter sein konnte und die einen prachtvollen Schmuck von gelben und violetten Steinen trug, kam in Begleitung eines älteren Herrn auf ihn zu, faßte ihn an der Hand und zog ihn wieder vor. Sie schleppte ihn in die Mitte der Gesellschaft unter den Kronleuchter und fragte ihn in einem Atem nach wohl zwanzig Dingen. Vor allem sollte er erzählen, wie viele Frauen der König Tschetschwajo habe.

Pieter Maritz sagte, es möchten alles in allem wohl sechshundert sein.

»Sechshundert Frauen!« rief die Dame laut. »Meine Herren, welch ein Mann!«

Pieter Maritz mußte viel von Tschetschwajo erzählen. Derschwarze König schien durch seinen Sieg über die Engländer eine gefeierte Persönlichkeit in Pretoria geworden zu sein. Pieter Maritz überwand nach und nach seine Schüchternheit, stand inmitten des ganzen Kreises, der sich um ihn drängte und der durch die Ankunft neuer Gäste immer größer wurde, und erzählte, wobei er ganz vergaß, daß er nicht mehr im Felde und im Biwak, sondern in einer ihn ängstigenden Versammlung war. Er hatte dankbare Zuhörer, sie nahmen ihm die Worte vom Munde und unterbrachen ihn oft durch Ausrufe der Verwunderung. Besonderen Eindruck machte Tschetschwajos Ring. Pieter Maritz trug ihn noch an dem Riemen um den Hals, und nun nahm er ihn ab, und der Ring ging von Hand zu Hand.

»O welch ein Ring!« riefen die Damen. »Welche Finger muß der König haben. Er ist also ein Riese!«

Jetzt kam eine neue Verlegenheit für Pieter Maritz. Ein Diener kündigte an, daß das Abendessen aufgetragen sei, und öffnete die Flügelthüren zu einem andern Gemach. Die Herren boten den Damen den Arm, um sie hinüberzuführen, und Pieter Maritz fühlte plötzlich wieder die frühere Angst. Wie sollte er sich jetzt benehmen?

»Bitte, führen Sie meine Nichte,« sagte ihm der Schatzsekretär, indem er ihn sanft der jungen Dame mit den Rosenknospen zuschob.

Er sah die junge Dame verzweiflungsvoll an, aber diese lächelte freundlich und war ihm behilflich bei seinem Ungeschick. Sie legte ihre schmale Hand auf seinen Arm und führte ihn in das Eßzimmer. Dort setzte er sich neben ihr an die lange glänzende Tafel. Er starrte hinauf und hinunter. Die Tafel war schneeweiß gedeckt und funkelte von silbernem Geschirr, Krystall und Porzellan. Helle geschliffene Karaffen mit dunkelrotem und gelbem Wein standen neben den Tellern. Messer und Gabel und Löffel, alles glänzte von Silber im Lichte vieler Lampen und Kerzen, künstliche Aufbaue inmitten des Tisches trugen Früchte und Konfekt.

»O diese braunen Hände!« seufzte Pieter Maritz für sich, als er sah, wie die Gesellschaft, unter der sich auch der grimmige Joubert und noch zwei der ihm bekannten Reiter befanden, die Handschuhe auszog und die Servietten auseinander faltete. Weiße Arme und zarte Hände bewegten sich links und rechts und überall, und er wagte nicht, sein Brot zu brechen, so hungrig er auch war.

Da fielen plötzlich seine Augen auf eine männliche Gestalt am Tische, ihm schräg gegenüber zur Linken der Frau vom Hause, derGattin des Schatzsekretärs, und der Anblick dieser Gestalt, welche er im Gedränge bis jetzt noch nicht bemerkt hatte, beruhigte ihn, während sie ihn zugleich sehr interessierte. Es war ein Mann von kleiner zarter Figur, mit gelblichem, blassem Gesicht und langem, schwarzem Haar und Bart. Dieser hatte Hände, die ebenso braun waren wie die seinigen, und er war ebensowenig im Gesellschaftsanzuge. Er trug eine Bluse mit vielen Taschen, und diese Bluse war so schlecht wie die, welche Pieter Maritz ausgezogen hatte. Sie war fleckig und abgeschabt, an den kahlen Nähten mit Tinte überstrichen und an vielen Stellen geflickt.

»Wer ist der Mann?« fragte er seine jugendliche Nachbarin.

»Das ist der zweite Löwe, Sie sind der erste,« antwortete sie mit schelmischem Lächeln.

Verwundert sah Pieter Maritz sie an.

Sie begriff, daß er sich über den Ausdruck wunderte, und setzte hinzu: »Löwen nennen wir die interessanten Leute, welche Mittelpunkte der Gesellschaft sind. Der Herr kommt aus dem Innern Afrikas, er hat den ganzen Kontinent durchstreift, es ist der portugiesische Major Serpa Pinto.«

Währenddessen wurden die Speisen angeboten, und Pieter Maritz wußte nicht, was er aß. Obwohl an die königliche Tafel von Ulundi und an sehr zahlreiche Schüsseln gewöhnt, war er überrascht, hier oft nicht erkennen zu können, was die zierlichen Schalen und Näpfe enthielten. In Ulundi brachte man die Gerichte in Massen und ohne Verkleidung: die Brust eines Ochsen am Spieße, Ziegen und Antilopen in ganzer Gestalt, allerhand Gebäcke, denen anzusehen war, woraus sie bestanden. Aber hier gab es außer den erkennbaren Speisen so viele maskierte.

»Was sind das für Dinger?« fragte er seine Nachbarin, deren Freundlichkeit ihm Zutrauen eingeflößt hatte.

»Hier können Sie alles lesen,« antwortete sie, ihm einen schmalen Zettel reichend, der neben seinem Teller lag.

Der Zettel war mit Gold bedruckt und enthielt die Namen der Speisen.

»Das hier ist Gänseleberpastete,« sagte die junge Dame. »Vorher hatten wir Lammfrikassee; der durchsichtige gelbe Turm dort ist ein Pudding.«

Pieter Maritz aß und überwand bald mit Hilfe seiner freundlichen Nachbarin alle Scheu. Sie that nicht so, als ob seine Fragen den wilden Bewohner des Dorfes verrieten, sondern warganz natürlich und mitteilsam. Nur machte es ihn noch verlegen, daß er alle Anwesenden zierlich mit Messer und Gabel in beiden Händen essen sah, während er selbst dieser Instrumente nicht Herr werden konnte. Er bemühte sich, den anderen nachzuahmen, aber immer wieder fuhren seine Finger auf den Teller und zweimal ließ er seine Gabel klirrend zu Boden fallen. Auch mußte er mehr sprechen, als ihm bei seinem Hunger lieb war, und mehreremal schluckte er einen Bissen hinab auf die Gefahr hin zu ersticken, um nur antworten zu können.

In dieser Unterhaltung kam es heraus, daß der Oberst Wood ihn vierzehn Tage lang in Utrecht hatte ins Gefängnis sperren lassen, und er mußte dies Erlebnis ausführlich erzählen. Als er nun berichtete, er habe sich einen Bürger der Südafrikanischen Republik genannt, riefen mehrere Herren am Tische laut Beifall, der Herr mit dem Vollbart aber, der ihn auf der Straße zuerst angeredet hatte, klopfte mit dem Messer an sein Glas und hielt eine kleine Rede, welche er damit schloß, daß er auf das Wohl der Südafrikanischen Republik trank. Da riefen alle Herren und Damen, indem sie von ihren Sitzen aufstanden, mit lauter Stimme: Hoch! und tranken ihre Gläser aus.

»Wer ist der Herr, der so schön redete?« fragte Pieter Maritz leise seine Nachbarin.

»Das ist Herr Paul Krüger, der Präsident der Republik,« erwiderte sie, wiederum lächelnd. Und dann setzte sie hinzu: »Sie kennen wohl alle diese Leute nicht; ich will Ihnen einige nennen. Der dort am oberen Ende der Tafel ist Herr Friedrich Jeppe, ein gelehrter Herr, der Astronomie und Geographie und viele andere schwierige Dinge versteht. Der Herr dort weiter nach der Seite hin, neben der Dame im lila Kleide, ist der Doktor Risseck. Er wird in einigen Tagen einen Ball geben und Sie hoffentlich auch einladen. Tanzen Sie denn gern, Herr Buurman?«

Pieter Maritz sah sie erstaunt an. »Tanzen weiße Menschen denn auch?« fragte er.

Die junge Dame lachte jetzt laut und herzlich.

»Ich möchte dagegen fragen,« sagte sie, »wer denn außer den weißen Menschen tanzt?«

»Ich habe König Tschetschwajos Frauen tanzen sehen,« entgegnete er, »und auch die Krieger bei den Zulus tanzen einen Kriegstanz.«

»Hier ist das anders,« sagte sie. »Bei uns tanzen nicht dieFrauen allein und die Männer allein, sondern sie tanzen paarweise.«

Pieter Maritz schüttelte den Kopf. Das waren sonderbare Dinge, welche er da erfuhr. Doch war er jetzt sehr mutig geworden. Er hatte zwei Gläser von dem roten Wein — seine Nachbarin sagte ihm, es sei Burgunder — und dann noch ein Glas Champagner getrunken. Der Wein lief ihm wie Feuer durch die Adern, denn er war an Wasser gewöhnt und hatte außerdem nur einigemal in seinem Leben etwas leichtes Bier genossen.

»Wenn wir eingeladen werden,« sagte er, »so wollen wir beide zusammen tanzen.«

»Gut, das soll ein Wort sein,« sagte die junge Dame.

Das Abendessen war beendigt, als Pieter Maritz noch nicht halb satt war. Er hatte einen tüchtigen Appetit von seinem viertägigen Reisemarsch mitgebracht und war gar zu sehr beim Essen gestört worden, denn immer wieder fragte man ihn von rechts und von links, und er hatte den Kampf von Isandula wohl schon sechsmal erzählt.

Die Gesellschaft begab sich jetzt wieder in das große Gemach mit dem Kronleuchter, wo alle Fenster offen standen und eine erfrischende Luft vom Nachthimmel hereinwehte. Und jetzt stand Pieter Maritz eine neue Überraschung bevor. Seine Tischnachbarin setzte sich vor einen großen polierten Kasten, der auf drei Beinen ruhte, und machte Musik.

Er stand wie verzaubert. Wohl hatte er auf den Dörfern die Kalabaßviol gehört, auch in seiner Gemeinde gab es einen jungen Menschen, der die Mundharmonika gar lieblich zu blasen verstand, und in Ulundi hatte er den Gesang des Harems und den Schlachtgesang der Krieger oft gehört, aber diese Musik war etwas ganz anderes. Er glaubte, die Engel im Himmel, von denen ihm seine Großmutter erzählt, auf ihren schönsten Harfen und Geigen musizieren zu hören. Die Thränen kamen ihm in die Augen, und er stand in wahrer Verzückung von ferne und sah dem Spiel der zarten weißen Finger zu.

Es war ihm daher eine sehr unerfreuliche Störung, als sich plötzlich eine schwere Hand auf seine Schulter legte, und er den Feldkorporal Joubert neben sich stehen sah, der ihm sagte, er möge ihm in ein anderes Zimmer folgen, da er ihm etwas zu sagen habe. Ungern ging er mit dem gebieterischen Manne davon.

Sie gingen in ein kleineres Zimmer, wo ein großer Schreibtischstand und wohin der Klang des Flügels nur verschwommen drang. Hier setzte sich der Feldkorporal auf das Sofa, ließ Pieter Maritz ebenfalls Platz nehmen und sagte:

»Junger Mann, Sie verstehen, wie ich glaube, vollständig englisch?«

»Jawohl, Mynheer,« sagte Pieter Maritz.

»Nun denn,« sagte Joubert, »Sie können der Republik einen Dienst erweisen. Sie wissen, daß die englische Regierung entgegen allem Recht und allen Verträgen das Gebiet der Republik besetzt und für britischen Kolonialbesitz erklärt hat, obwohl die Regierung von Transvaal energisch dagegen protestierte. Unter diesen Umständen kann es möglicherweise mit der Zeit einmal zu blutigen Zwistigkeiten zwischen uns und den Engländern kommen. Dem patriotischen Sinne des Sohnes von Andries Buurman ist dies doch einleuchtend?«

»Als mein Vater starb, sagte er mir, England sei unser einziger Feind, dies möge ich nie vergessen; und ich werde es nie vergessen,« erwiderte Pieter Maritz.

»Das war gesprochen, wie es sich für einen echten Buern geziemt,« sagte der Feldkorporal. »Nun hören Sie weiter, junger Mann. Es liegt mir daran, eine möglichst genaue Kenntnis der englischen Armee zu haben, welche jetzt in Südafrika steht. Ich möchte wissen, wo die einzelnen Abteilungen liegen, wie stark sie sind, wie viele Offiziere bei der Truppe sind, wie viele Pferde die Kavallerie und Artillerie haben, und noch viele andere Umstände möchte ich kennen, welche auf die Kriegstüchtigkeit von Einfluß sind. So möchte ich auch wissen, wie alt die englischen Mannschaften sind, ob sie stark oder schwach sind, wie sie schießen, welche Fechtart sie haben und ob die Leute den Offizieren gut gehorchen. Jetzt führen die Engländer Krieg gegen die Zulus, und da müssen sie zeigen, was sie können. Nun denke ich, daß Sie die geeignete Persönlichkeit sind, mir diese Nachrichten zu verschaffen. Machen Sie den Feldzug im Zululande mit, aber hüten Sie sich, daß Sie nicht im Kampfe getötet werden. Es kommt für Sie nicht aufs Fechten, sondern aufs Sehen an. Auf Ihre Klugheit kommt es an, den passenden Weg dazu zu finden. Schließen Sie sich den Freiwilligen aus Natal an, oder gehen Sie mit einem englischen Regimente. Das muß Ihrer Findigkeit überlassen bleiben. Geld und Empfehlungsbriefe für den Aufenthalt in Natal und bei den Buern der englischen Armee kann ich Ihnen geben, die Schlauheitmüssen Sie selber hinzuthun. Über alles, was Sie sehen, erstatten Sie mir ausführlichen Bericht, aber nicht schriftlich, denn das werden Sie nicht können und wäre auch gefährlich, sondern mündlich. Wie ist es? Wollen Sie diesen Auftrag übernehmen?«

Pieter Maritz besann sich nicht lange. Dieser Auftrag des ersten Heerführers seines Volkes erschien ihm nur ehrenvoll.

»Ich werde es sehr gern thun,« sagte er, »und ich werde mich bemühen, alles gut zu machen. Aber zunächst muß ich meine Gemeinde aufsuchen, denn meine Mutter weiß nicht, ob ich noch lebe.«

»Gut,« sagte der Feldkorporal. »Suchen Sie Ihre Familie auf. Dazu ist Zeit. Dann aber kommen Sie wieder hierher und empfangen meine ferneren Weisungen. Es kommt mir darauf an, daß ... — aber was ist das für ein Lärm?« fragte er, sich unterbrechend.

Ein Schreien und Tosen drang von der Straße her, und beide erhoben sich, um ans Fenster zu treten. Es war dunkel draußen, denn Pretoria hatte keine nächtliche Beleuchtung außer der, die vom Himmel kam. Eilig liefen Männer durch die Straße, jetzt kamen Reiter daher gesprengt, und viele riefen und schrieen. Englische Soldaten ohne Gewehr rannten vorbei, schwarze Männer und Frauen sprangen umher und schrieen, ein gewaltiger Schrecken schien die Bevölkerung erfaßt zu haben.

»Was giebt es?« rief der Feldkorporal den Leuten zu. Niemand antwortete.

»Feuer kann es nicht sein,« sagte Pieter Maritz, »ich sehe keinen roten Schein.«

Jetzt wurde es im Hause lebendig, das Spiel im Salon hörte auf, und die Gesellschaft lief suchend umher. Joubert und Pieter Maritz kehrten zu den andern zurück und fragten, was es gebe. Da kam einer der Diener schreckensbleich herein und rief: »Die Zulus kommen!«

»Unsinn!« brüllte der Feldkorporal mit donnernder Stimme. »Bleiben Sie ruhig, meine Damen, es ist unmöglich.«

Laute Schreie von weiblichen Stimmen antworteten, und die Männer sahen sich einander betroffen an. Pieter Maritz eilte hinaus, ergriff seine Büchse und kam wieder zurück. Er hielt es nicht für unmöglich, daß die Zulus kämen, da er ihre Schnelligkeit kannte, obwohl er nicht glaubte, daß sie wirklich so weit vorgedrungen wären. Er wollte nur für alle Fälle gerüstet sein.

»Es ist ganz unmöglich, daß die Zulus hier sind,« versicherte Joubert. »Meine Posten hätten es mir gemeldet. Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, es ist ein blinder Lärm. Ich will mich erkundigen, was er bedeutet.«

Die Festigkeit seines Wesens beruhigte die Gesellschaft in der That, obgleich das Lärmen draußen fortdauerte. »Zulu! Zulu!« schrie es auf den Straßen in vielerlei Ausdrucksweisen und aus dem Munde von Engländern, Holländern, Franzosen, Portugiesen und Kaffern. Trommeln und Hörner klangen aus dem englischen Lager herüber, und mehrere Schüsse krachten in der Ferne.

Der Feldkorporal, der Major Serpa Pinto und Pieter Maritz gingen jetzt hinaus und in der Richtung auf das englische Lager zu, während ihnen viele Soldaten in roten Röcken entgegenkamen. Vergeblich waren alle Fragen. Die Antwort lautete immer, die Zulus kämen. Endlich erschienen englische Offiziere mit gezogenen Säbeln, welche schalten und fluchten und die Soldaten nach dem Lager zurücktrieben, und es gewann mehr und mehr den Anschein, daß es so war, wie die drei vermuteten: daß nämlich nur ein panischer Schrecken über das Lager und die Stadt gekommen war. Die Niederlage von Isandula spukte in den Köpfen.

Einen der englischen Offiziere zu Pferde glaubte Pieter Maritz trotz der schwachen Beleuchtung zu erkennen. Das war die befehlshaberische Stimme, welche einen so hochmütigen Ton annehmen konnte, das war die schlanke Figur des Lord Adolphus Fitzherbert.

»Mylord Fitzherbert!« rief Pieter Maritz mit heller Stimme.

Der Offizier hielt sein Pferd an. »Hurra!« rief er, »das muß mein holländischer Freund sein.«

Pieter Maritz trat an das Pferd. »Ja, ich bin's,« sagte er.

Der Lord sprang aus dem Sattel und schüttelte fröhlich lachend dem Buernsohn die Hand. »Hurra! Altholland hoch!« rief er. »Das ist ja herrlich. Also Sie sind hier, mein teurer Freund! Wir müssen uns noch sehen, nur muß ich dies feige Volk erst heimtreiben helfen. Schon der Name Zulu treibt die Kerls in die Flucht. Es ist keine Spur von Zulus zu sehen.«

Noch einmal schüttelte er Pieter Maritz die Hand und dann schwang er sich wieder aufs Pferd. Pieter Maritz aber kehrte mit den beiden Herren zu der Gesellschaft zurück.

Pieter Maritz erwachte am Morgen nach der Gesellschaft beim Schatzsekretär mit dem Gefühle, er habe einen schönen, wunderbaren Traum geträumt, und mußte sich erst recht darauf besinnen, daß er in Wahrheit mit den angesehensten Männern des Staates zu Nacht gegessen habe und nun im Besitze einer ungeheuren Summe Geldes und eines neuen Anzuges sei. Was war das für ein reizendes Gefühl, sich heute morgen im Bette zu dehnen und dabei zu denken, wie gut es ihm ging und welche Freude er seiner Mutter und seinen Geschwistern machen wollte. Er hatte gestern in den Magazinen und Läden eine Menge von Dingen gesehen, die daheim unter der Familie bei den Treckbuern großes Aufsehen erregen mußten, wenn er sie mitbrachte. Und er war ja reich genug, um fünf bis sechs Pfund springen zu lassen; den Rest freilich wollte er seiner Mutter in barem Gelde geben. Er lachte mit dem ganzen Gesicht vor Vergnügen, indem er sich ausmalte, wie die kleinen Geschwister sich wundern und wie sie herumtanzen würden, wenn er mit den Geschenken ankäme.

Er stand auf, besuchte Jager im Stalle und ließ sich dann Frühstück geben. Ein Mann von sonderbarer Erscheinung brachte ihm eine silberplattierte Schüssel voll Maisbrei mit Butter. Pieter Maritz hatte die verschiedenartigsten Hautfärbungen, von Gelbbraun durch die Farbe des dunklen Kaffers hindurch bis zum Ebenholzschwarz gesehen, aber dieser Mann erschien ihm doch wunderbar. Hier war die Haut bronzefarben, und dazu das schwarze Haar lang und fein, nicht rauh und lockig wie bei den Kaffern. Augen vom tiefsten Schwarz, groß und schwermütig, blickten aus dem goldgelben Gesicht, und die Nase war fein, mit schmalem Rücken, der Mund klein und fein, nicht mit wulstigen Lippen, wie dies bei den Farbigen in Südafrika die Regel ist. Pieter Maritz fragte ihn, woher er stamme, und er erwiderte, er sei ein Kuli aus Indien, der als Diener eines Engländers herübergekommen sei und nun in der Küche des Gasthauses helfe.

Nach dem Frühstück machte Pieter Maritz sich auf, um den Feldkorporal zu besuchen und sich wegen der Reise nach dem Norden zu erkundigen. Er fand Joubert in einem Gemache, dessen grüne Fenstergitter geöffnet waren, um die frische Morgenluft hereinzulassen, mit Karten auf dem Tische vor sich ausgebreitet. Der Feldkorporal trug eine leichte blauleinene Bluse mit einem weit offenen Hemdkragen; Pieter Maritz sah heute noch deutlicher wie am Tage vorher, welche Ähnlichkeit mit einem Löwen der berühmte Krieger mit seiner breiten hohen Stirn, dem dicken sträubenden Kopfhaar und dem wallenden Barte hatte.

»Sagen Sie mir doch, mein Junge,« sagte Joubert, sobald Pieter Maritz eingetreten war, »können denn die Engländer schießen?«

»Nein, Mynheer, sie können nicht schießen,« antwortete er. »Besser als die Zulus verstehen sie mit dem Gewehr umzugehen, aber richtig schießen können sie nicht.«

»Das habe ich mir wohl gedacht,« sagte der Feldkorporal. »Beschreiben Sie mir das Gefecht doch noch einmal recht deutlich. Wie kam es denn nur, daß Oberstleutnant Pulleine die schwarzen Teufel nicht früher bemerkte?«

Pieter Maritz gab eine genaue Darstellung alles dessen, was er am Tage von Isandula gesehen und gehört hatte, und der Feldkorporal hörte mit großer Aufmerksamkeit und sichtlichem Vergnügen zu. Er lachte auf und strich sich den Bart, als Pieter Maritz berichtete, daß er die Zulus schon lange vor ihrem Angriff hätteam Wege lauern sehen, während die Engländer nichts gemerkt hätten, und als er berichtete, wie der Kommandant des Lagers seinen Rat, die Wagen ineinander zu schieben, mißachtet hätte. Endlich, nachdem er alles erzählt hatte, fragte Pieter Maritz, wie er denn nun wohl seine Gemeinde fände? Er wollte so bald als möglich seine Familie aufsuchen und dann nach seiner Rückkehr sich dem englischen Heere anschließen.

»Ja, mein Junge, genau läßt sich das nicht sagen,« entgegnete der Feldkorporal. »Die Treckbuern sind ja sehr beweglich. Doch habe ich gehört, daß mehrere Gemeinden, unter denen auch die von Baas van der Goot, sich neuerdings nach der Gegend von Lydenburg gewandt hätten. Sie handeln dort mit Goldgräbern und Diamantwäschern und verdienen wahrscheinlich mehr als jene. Also reiten Sie einmal dorthin. Übermorgen geht eine Gesellschaft von hier nach Lydenburg ab, welcher Sie sich anschließen können.«

Pieter Maritz entfernte sich, nachdem der Feldkorporal ihn verabschiedet hatte, und ging nach dem Gasthause zurück, als er ein starkes Treiben von Menschen, Pferden und Wagen in den Straßen bemerkte. Er fragte einen Landsmann, was es zu bedeuten habe, daß so viele Leute nach einer und derselben Richtung zögen, und erfuhr von diesem, daß ein neues englisches Regiment in das Lager einrücken werde. Die Leute zögen dem Regiment aus Neugierde entgegen.

Pieter Maritz ging weiter und sah aus dem Hofe eines hübschen freundlichen Hauses zwei Herren und zwei Damen herausreiten. Sie bogen in derselben Richtung um die Ecke, in welcher alle andern Leute zogen, und wollten wohl auch das fremde Regiment sehen. Pieter Maritz glaubte in dem einen der Herren den Vater der jungen Dame von gestern abend wiedererkannt zu haben, und seine Vermutung ward zur Gewißheit, als er jetzt die junge Dame selbst am Fenster des Hauses erscheinen und den Fortreitenden nachblicken sah. Sie hatte kein so vergnügtes Gesicht wie gestern abend. Pieter Maritz war jetzt vor dem Hause angelangt. Er zog höflich seinen Hut und wünschte dem Fräulein einen guten Morgen.

»Sie sehen aber recht betrübt aus,« sagte er erschrocken.

Die junge Dame lächelte und nickte ihm zu.

»Ja, Herr Buurman, immer kann man nicht vergnügt sein,« sagte sie. »Zuweilen hat man auch Ärger. Oder haben Sie das noch nicht erlebt?«

»O doch,« sagte Pieter Maritz treuherzig, »und wenn ich sehe, daß Sie nicht vergnügt sind, da bin ich es auch nicht mehr.«

»Es ist sehr hübsch, daß Sie ein so mitleidiges Herz haben,« sagte die junge Dame, indem sie ihn mit ihren braunen Augen so lebhaft ansah, daß er errötete.

»Aber welchen Ärger haben Sie denn?« fragte er.

»Ja, sehen Sie, Herr Buurman, es ist gerade nichts Wichtiges, aber wenn ich mich auf etwas gefreut habe und dann kommt es anders, so ärgere ich mich auch bei Kleinigkeiten.«

»So geht es mir auch,« sagte Pieter Maritz.

»Ich wollte nämlich mit hinausreiten,« fuhr sie fort. »Aber mein Vater hat mein Pferd aus Höflichkeit meiner Tante gegeben. Es ist sehr hübsch, höflich zu sein, aber nun habe ich kein Pferd und sitze hier allein, während alle Welt draußen ist.«

»Ja,« sagte Pieter Maritz, »das ist freilich ärgerlich. Aber haben Sie denn noch einen Damensattel?«

»O, einen Sattel habe ich wohl, aber ich kann doch nicht auf dem Sattel reiten, wenn ich kein Pferd habe.«

»Wenn Sie nur den Sattel haben,« sagte Pieter Maritz, »so bringe ich Ihnen das Pferd dazu.«

Die junge Dame wurde rot vor Vergnügen. »O, Herr Buurman,« rief sie, »das wäre ja herrlich. Sie sind sehr liebenswürdig.«

»Ich will das Pferd holen, ich komme gleich zurück,« sagte Pieter Maritz.

»Und ich ziehe währenddessen mein Reitkleid an,« versetzte sie.

Pieter Maritz ging im eiligsten Schritt nach Hause, holte Jager aus dem Stall hervor, bürstete und rieb geschwind noch an dem braunen glänzenden Fell und führte das Tier am Zügel zu der Wohnung der jungen Dame. Sie stand schon im Hofe, die Schleppe ihres Reitkleides über dem Arm und den schwarzen Reithut auf dem Kopfe. Ihre Augen funkelten vor Freude, als sie Jager erblickte.

»Das schöne Tier!« rief sie jubelnd. »Wie freundlich Sie sind, Herr Buurman.«

Ein schwarzer Stallknecht brachte den Sattel, Pieter Maritz schnallte selber die Gurten, und dann schwang sich die junge Dame mit großer Gewandtheit auf Jagers Rücken.

»Ein wunderhübsches Pferd! Ich bin Ihnen sehr dankbar,« sagte sie, als sie im Sattel saß. — »Aber wie rücksichtslos ich bin!« fuhr sie fort. »Nun können Sie wohl nicht hinausreiten?«

»Ich hatte gar nicht die Absicht,« entgegnete er.

»Nun dann — schönsten Dank!« rief sie fröhlich nickend, und damit sprengte sie davon.

Pieter Maritz stand in der Hofthür und blickte ihr nachdenklich nach. Sein Gesicht war jetzt ebenso trübe, wie vorhin das ihrige. Er hatte wirklich vorher nicht die Absicht gehabt, hinauszureiten, aber nun bekam er doch große Lust, dabei zu sein. Er ging langsam nach dem Café de l'Europe zurück, und es kam ihm der Gedanke, er könne vielleicht ein anderes Pferd bekommen. Als er Jager geholt, hatte er freilich bemerkt, daß die Ställe sich sehr geleert hatten, doch waren noch drei Pferde dort gewesen. Er ging schneller und blickte, als er das Hotel erreicht hatte, gleich in den Stall. Nun war nur noch ein Pferd darin.

»Ich möchte ein Pferd haben, um hinauszureiten,« sagte er zu dem Stallknecht, der an der Thüre lehnte.

»Alles weg, Mynheer, nichts mehr da,« sagte der Mann.

»Ich sehe dort noch einen Gaul,« entgegnete Pieter Maritz.

Der Stallknecht, ein breitschulteriger Irländer, grinste. »Auf dem Vieh mag keiner reiten,« sagte er.

»Warum denn nicht?«

»Ja, Mynheer, mancher Mensch ist froh, wenn er seine Knochen säuberlich bei einander hat, und mag sich nicht auf eine Bestie setzen, wo er nachher die Mühe hat, seine Knochen erst aus den Chausseegräben zusammenzulesen.«

»Ei, ist der Gaul so schwierig?«

»Er ist gerade nicht so schwierig,« sagte der Stallknecht. »Sein Futter frißt er regelmäßig auf, und mit dem Putzen geht's auch noch. Nur hat er's nicht gern, wenn sich jemand auf seinen Rücken setzt. Sie glauben gar nicht, wieviel Beine er dann auf einmal kriegt. Er ist noch nicht zugeritten, will ich Ihnen sagen, und ich meinesteils wüßte auch niemand, der sich damit abgeben möchte, ihn zuzureiten. Denn es giebt ja gottlob hier zu Lande viele Gelegenheiten, sich den Hals zu brechen, und es hat keiner nötig, sich extra auf solche verteufelte Bestie zu setzen.«

Pieter Maritz ging in den Stand des Pferdes, streichelte ihm den Hals und sah sich das Tier an. Es war dunkelbraun und von kräftiger Figur. Es war noch jung und sah nicht bösartig aus, nur schien es viel Feuer zu haben. Seine Augen rollten sehr, als ob es begierig wäre, alles zu sehen.

»Na, hören Sie,« sagte er zu dem Stallknecht. »Ich will es mal probieren. Ich sähe gern die Engländer einziehen.«

»Ja, Mynheer, wenn Sie's wünschen, da kann's mir ja auch recht sein,« erwiderte jener, indem er bedächtig heranschlurfte. »Nur meine ich, Sie dürfen sich unterwegs über nichts wundern. 's kann sein, daß er auf den Beinen geht, 's kann aber auch sein, daß er auf dem Kopfe geht; und wenn das ist, so werden Sie die Engländer vielleicht verkehrt sehen.«

Pieter Maritz holte seinen eigenen Sattel herbei und legte ihn dem Tiere unter freundlichen Worten auf den Rücken. Es ließ sich das Satteln gefallen.

»Und nun will ich Ihnen sagen,« bemerkte der Stallknecht, indem er das Pferd im Stande aufzäumte, »nun wollen wir den Gaul rückwärts rausschieben, damit er nicht gleich merkt, wohin es geht. Er hat seine eigenen Ideen, wissen Sie.«

Er ließ das Pferd rückwärts bis in den Hof hinaustreten, und dann sprang Pieter Maritz schnell hinauf, während der Stallknecht den Kopf losließ und sich flüchtete. Er hatte klug daran gethan, sich aus dem Bereich der Hufe zu bringen, denn kaum fühlte das Tier, welches bis jetzt nur mit einer gewissen Spannung, langsam schnaufend, den Lauf der Dinge beobachtet hatte, das Gewicht des Reiters, als es mit allen vier Füßen zugleich in die Höhe sprang und dann, wieder auf dem Boden angelangt, sich wie ein Kreisel drehte und aus allen Kräften hinten ausschlug.

Pieter Maritz merkte, daß es keine Kleinigkeit sein werde, das Tier dahin zu bringen, wohin es sollte, oder auch nur im Sattel zu bleiben. Aber er war ein zu tüchtiger Reiter, um an dieser Aufgabe zu verzweifeln. Nachdem er dem Tier zunächst einige Freiheit gelassen hatte, sich herumzuwerfen, wobei es einmal die Stallthür, einmal die Küchenfenster des Hotels zu zertrümmern drohte, gab er ihm plötzlich, als sein Kopf gerade nach der Hofthür stand, ganz unerwartet und kräftig die Sporen. Mit einem ungeheuren Satze war das Tier auf der Straße. Dann warf es den Kopf in die Höhe und ging, indem es alle vier Füße zugleich niederstieß, mit prellenden Sätzen der Straße entlang. Es merkte, wen es trug, und es blieb in der ungefähren Richtung zwischen den Häusern, nur war die Richtung nicht sehr genau. Zweimal sprang es in den rasch fließenden Bach, und nur mit genauer Not entging ein Kaffernweib, das mit Körben voll Früchten am Wege saß, seinen Hufen. Pieter Maritz setzte mit kühnem Sprunge über die Körbe hinweg, als er sie nicht zu umgehen vermochte. Das Pferd kam hauptsächlich halb von der Seite, in langen Sätzen,vorwärts, aber es kam doch vorwärts, und als Pieter Maritz es erst einmal draußen im Freien hatte, ging es besser als in den Straßen. Wenn das Pferd auch nicht genau den Weg einhielt, sondern zuweilen auf dem Acker oder dem Felde nebenher ging, so folgte es doch ungefähr der Richtung, welche Pieter Maritz einschlagen wollte, und er führte es so geschickt und drückte es so kräftig mit den Schenkeln zusammen, daß es aussah, als ob es sich wirklich an den Reiter gewöhnen und dem Zügel gehorchen wollte. Nun sah Pieter Maritz auch von weitem einen großen Staub aufsteigen, und er schloß daraus, daß er sich der Menge von Reitern und Wagen aus der Stadt und dem einziehenden Regimente nähere. Rasch kam er auf dem flüchtigen und ungebärdigen Tiere heran und bemerkte bald eine gedrängte Masse von Menschen aus der Stadt, Buern zu Pferde, Wagen mit zwei und vier Pferden bespannt, Herren und Damen, welche sich gleich einer breiten Flutwelle auf und neben dem Wege ihm entgegenbewegten. Doch konnte er von dem Regimente selbst in dem Staub und Gewühl noch nichts wahrnehmen. Mit einem Male erhoben sich die Klänge eines militärischen Marsches; helle durchdringende Töne kamen aus der Staubsäule hervor. Dies Geräusch vollendete die Verwirrung des wilden Pferdes, welches schon beim Anblick der gedrängten Menge die Ohren bedenklich gespitzt und seine mühsam erlangte Fassung wieder verloren hatte. Es begann eine Reihe von Sprüngen in die Höhe und zur Seite, bäumte sich so mächtig und schlug so gewaltsam nach allen Richtungen hin aus, daß Pieter Maritz nicht wünschte, hier zu bleiben. Denn bald tanzte das Tier auf den Hinterbeinen und hieb mit den Vorderhufen, bald stand es auf den Vorderbeinen und schmetterte seine Hinterhufe von sich. Er durfte mit dem Tiere nicht unter die Gesellschaft kommen. In der Ferne erblickte er das englische Lager. Die weißen Zelte standen gleich einer zweiten Stadt neben der Stadt Pretoria. Dorthin lenkte sich der Zug des Regiments und der bürgerlichen Begleitung, dorthin wollte Pieter Maritz voranreiten, indem er hoffte, das Pferd unterwegs und fern von der Musik wieder zu beruhigen und dann doch noch etwas vom Einzuge zu sehen. Er warf das Tier in die Richtung des Lagers, ließ ihm die Zügel und gab ihm die Sporen. Wie ein Sturmwind fegte der Gaul, die Nase nach den Wolken gerichtet, davon, aber er machte dabei solche Sätze und stieß so hart mit den Füßen auf, daß Pieter Maritz merkte, er sei in seinem Leben noch nichtso durchgerüttelt worden. Bei einem dieser langen, jähen und harten Sätze flog sein Hut davon, der neue schöne Hut, der sich noch nicht so an die Kopfform angeschmiegt hatte, wie der alte schäbige, der nun weggeworfen war.

Mit Bedauern sah Pieter Maritz zurück nach der Stelle, wo der Hut im Staube lag, aber anhalten konnte er nicht. Der Hut war verloren. Aber was erblickte er jetzt? Er traute seinen Augen nicht, und im Sattel umgewandt sah er rückwärts, während es im tollen Laufe vorwärts ging. Die junge Dame kam auf Jagers Rücken hinter ihm her, mit wunderbarer Gewandtheit beugte sich die Buerntochter in vollster Karriere bis zur Erde nieder, hob den Hut auf und verfolgte dessen Eigentümer. So schnell auch der wilde Renner dahinstob — Jager holte ihn ein, kurz bevor das englische Lager erreicht war, und mit lachendem Gesicht übergab das Fräulein, neben Pieter Maritz einherjagend, den Hut. Dann winkte sie grüßend, rief ein freundliches Wort und ritt zurück.

Pieter Maritz hatte jetzt mehr Augen für die Reiterin als für seine sonstige Umgebung und sah hinter dem flatternden Schleier her, während sein Gaul weiter tobte. Da entdeckte er aber plötzlich, daß er den Zelten zu nahe gekommen war. Sein Pferd fand Widerstand, während es ausschlug und zugleich hörte er lautes Fluchen hinter sich. Der Dunkelbraune bearbeitete ein Zelt mit den Hufen, und dessen Insassen retteten sich erschrocken ins Freie.

»Sacré nom d'une pipe! Tonnerre de dieu! Que le diable vous emballe!« rief eine halb ärgerliche, halb lachende Stimme, und Pieter Maritz bemerkte einen kleinen breitschulterigen Mann in der Uniform eines Unterleutnants, mit grauem Schnurr- und Kinnbart und einer mächtigen Narbe im Gesicht, der aus dem Zelt hervorgesprungen war und nun mit dem Revolver drohte, während er sich zugleich vorsichtig außer dem Bereich des wütend schlagenden Pferdes hielt. Das Zelt war halb zerstört, hing an einer Seite schlaff herab, und der Braune schien es für eine persönliche Beleidigung zu halten, daß das Zelt überhaupt noch stand, denn er guckte es mit gespitzten Ohren von der Seite an und schlug danach. Ein ganzer Haufe von Soldaten hatte sich versammelt und sah dem Kampfe zu, den Pieter Maritz mit dem Tiere und das Tier mit dem Zelte führten. Einige lachten und erregten das Pferd noch mehr durch Zurufe und Pfeifen, andere fluchten, und der Leutnant rief Pieter Maritz zu, er werde ihm mit Pistolenkugeln die Rippen kitzeln, wenn er nicht vom Zeltefortritte. Alle aber bewunderten doch den jugendlichen Reiter, der sich im Sattel hielt und so fest saß, als wäre er angewachsen, während das Pferd in seiner Wildheit Sätze machte, bei denen ein jeder fühlte, daß er selbst schwerlich den Sattel behauptet haben würde.

Diese Scene ward aber, ehe noch Pieter Maritz den Braunen durch Sporenstöße vom Flecke bringen konnte, durch die Ankunft eines Trupps von Kavallerieoffizieren unterbrochen, welche aus dem Innern des Lagers kamen und dem einziehenden Regimente entgegenreiten wollten. Es waren wohl ein Dutzend Reiter, zum überwiegenden Teile in der glänzenden Dragoneruniform, goldschimmernde Helme auf dem Kopfe, welche herankamen, und eine Stimme rief: »Seht doch Dubois in voller Wut! Was haben Sie, Dubois? Ah, der tolle Gaul hat ihn aus dem Zelt geworfen!«

»Wahrhaftig, das ist mein holländischer Freund!« rief eine andere Stimme, und Pieter Maritz erkannte Lord Adolphus Fitzherbert auf einem wunderschönen Goldfuchs.

»Aber was zum Henker haben Sie da für einen Gaul?« fragte der Lord von weitem. »Wo ist denn Jager?«

»Ich habe Jager verborgt,« erwiderte Pieter Maritz, »und nun habe ich hier ein junges Pferd aus dem Café de l'Europe, das ein bißchen unruhig ist.«

»Es scheint wirklich so, als ob das Pferd etwas unruhig wäre,« sagte Lord Fitzherbert lachend. »Ich möchte nicht gern neben dem Tiere reiten. Steigen Sie doch ab! Ich will Ihnen eines von meinen Pferden geben, und dieses schicken wir nach Hause.«

»Sehr gern,« sagte Pieter Maritz, indem er sich zur Erde schwang.

Der Lord winkte einem der Soldaten und ließ den Braunen am Zügel wegführen. Das Tier ging jetzt, nachdem es keinen Reiter mehr fühlte, ziemlich ruhig. Lord Fitzherbert stieg dann selbst ab, rief seinen Kameraden: »Auf Wiedersehen!« zu und kehrte, indem er sich sein Pferd nachbringen ließ, Arm in Arm mit Pieter Maritz nach den Zelten seines Regiments zurück.

»Sie müssen heute mittag bei mir essen, lieber Freund,« sagte er. »Ich muß allen meinen Kameraden den guten Genossen zeigen, der mit mir bei den Niggers Freundschaft hielt, nachdem er mich elend in den Sand gestreckt hatte.«

Der Lord war sehr vergnügt und freute sich ungemein, PieterMaritz wiederzusehen, mit dem er so viel Not geteilt und den er schätzen und lieben gelernt hatte. Und auch Pieter Maritz war hoch erfreut, den vornehmen jungen Mann wiedergefunden zu haben, der ihn anfänglich so hochmütig behandelt hatte, mit dem ihn nun aber die Erinnerung gemeinsamer Schicksale verband. Der Lord zeigte ihm seine Pferde. Er hatte deren drei und der Rappe war auch darunter. Pieter Maritz nahm, als ihm Lord Fitzherbert die Wahl ließ, aus alter Anhänglichkeit den schönen schwarzen Gaul, mit dem er einst um die Wette gejagt hatte. Das Tier wurde mit der prächtigen Ausrüstung der Dragoonguards versehen, und dann stiegen beide jungen Leute auf.

»Ein verfluchter Kerl sind Sie doch,« sagte der Lord, nachdem die ersten Grüße und Erzählungen ausgetauscht waren. »Kaum sind Sie an unserem Lager angekommen, so binden Sie mit dem allergefährlichsten Mann in der ganzen Armee an, mit dem Leutnant Dubois. Mich wundert, daß er Sie nicht erschossen oder aufgespießt hat.«

Er erzählte, daß der englische Unterleutnant, dessen Zelt Pieter Maritz umgeritten hatte, ein Franzose sei, der seit dreißig Jahren alle Feldzüge Frankreichs in Mexiko, in Algier, in Italien, in der Krim und in China mitgemacht habe und zuletzt nach dem Kriege mit Deutschland aus Verdruß über die französischen Niederlagen in englische Dienste getreten sei.

»Wir wollen ihn zu versöhnen suchen,« sagte der Lord. »Ich will ihn auch einladen, heute mittag mit mir zu essen. Dann stoßt ihr beiden mit den Gläsern an und vertragt euch. Er ist ein amüsanter Kerl, steckt voll von Geschichten aus aller Herren Ländern, spricht viele Sprachen und kann fechten wie der Teufel.«

Auf ihren schnellen Pferden hatten die beiden jungen Leute bald die übrigen Offiziere wieder eingeholt, und nun sahen sie auch das neu hinzukommende Regiment nahe dem Lager. Die Gesellschaft aus Pretoria bog hier von dem Regimente ab, da sie nicht in das Lager hineinziehen wollte. Viele prächtige Pferde und hübsche schnelle Equipagen waren zu sehen, und dieser ganze Zug der Bürgerschaft lenkte auf der Hauptstraße in die Stadt zurück. Jetzt war auch die junge Dame wieder zu sehen, und Lord Fitzherbert, der mehr nach den Familien aus Pretoria als nach dem Regimente sah, entdeckte sie.

»Alle Wetter!« rief er, »ist denn das nicht Jager? dort, unter der reizenden jungen Dame, die wie eine Amazone reitet?«

»Ja,« sagte Pieter Maritz errötend, »ich habe Jager der jungen Dame geliehen, weil sie so betrübt war, nicht hinausreiten zu können. Ich habe sie gestern abend kennen gelernt, und sie war sehr freundlich gegen mich.«

Lord Fitzherbert sah ihn an und lachte so heftig, daß Pieter Maritz blutrot wurde.

»Ein verfluchter Kerl!« sagte der Lord. »Kommen Sie doch, liebster Freund, stellen Sie mich der Dame vor! Freilich wollen die Herren Buern nichts von uns wissen, und wenn sie jetzt herausgekommen sind, so brauchen wir uns nicht einzubilden, daß sie das zur Ehre unserer Truppen gethan haben. Sie wollen ihre Pferde und Wagen zeigen, das ist der Grund. Wahrhaftig, diese junge Dame ist ganzchic, ein reizendes Geschöpf.«

Pieter Maritz verstand die Ausdrücke des Lord wieder einmal nicht recht. »Die junge Dame reitet prachtvoll,« sagte er mit seinem unschuldigen Gesicht. »Sie hat sich vorhin in der Karriere vom Sattel niedergebogen und etwas vom Boden aufgenommen, nämlich meinen Hut, der mir vom Kopfe geflogen war.«

»Das wird ja immer interessanter. Ich gratuliere Ihnen, Pieter Maritz,« sagte der Lord, seinen jüngeren Freund mit erstauntem Blicke messend.

Sie waren indessen der jungen Dame näher gekommen, grüßten sie, und Pieter Maritz stellte den Lord vor, indem er ihn seinen Freund nannte und als den jungen Offizier bezeichnete, von dem er schon erzählt habe.

Die junge Dame grüßte den englischen Offizier in einer Weise, über welche Pieter Maritz sich wunderte. Denn sie machte gar nicht das lächelnde Gesicht, welches er an ihr kannte, sondern war sehr kalt und förmlich.

»Hat der HerrDr.Risseck Sie schon zu seinem Balle eingeladen, Fräulein?« fragte er.

»Nein, das hat er noch nicht gethan, aber er wird es noch thun. Der Ball ist erst in etwa acht Tagen.«

»Mich hat er auch noch nicht eingeladen,« sagte Pieter Maritz, »aber ich würde nicht kommen können, selbst wenn er mich einlüde, und ich bitte Sie deshalb, mich entschuldigen zu wollen. Ich werde übermorgen abreisen, um meine Mutter und meine Geschwister aufzusuchen, welche ich seit einem Jahre nicht gesehen habe.«

»Das ist freilich ein triftiger Grund, und da muß ich mich wohl entschließen, Sie zu entschuldigen,« entgegnete sie. »LebenSie wohl, Herr Buurman, ich werde Ihr Pferd nach Ihrem Hotel zurückschicken. Wie ich sehe, haben Sie ja vollständigen Ersatz für Ihren Jager gefunden.«

Es kam Pieter Maritz so vor, als werfe die junge Dame einen feindseligen Blick auf das schöne Hauptgestell und den Dragonersattel des Rappen und als sei sie überhaupt nicht mehr so freundlich wie früher.

»Ich wünsche Ihnen glückliche Reise, und ich danke Ihnen recht sehr für das schöne Pferd,« setzte sie hinzu; dann reichte sie Pieter Maritz die Hand, grüßte den Lord sehr ceremoniös und ritt zu ihrer Begleitung, ihrem Vater und den Damen, zurück.

»Da sehen Sie es, die Buern wollen nichts von uns wissen,« sagte der Lord. »Wir haben in keiner guten Familie in Pretoria Zutritt. Das ist die holländische Dickköpfigkeit.«

»Von dieser Dickköpfigkeit, lieber Adolphus, sollt ihr Herren Engländer noch viel mehr zu sehen bekommen,« sagte Pieter Maritz, dem die Unterhaltung mit dem Feldkorporal noch sehr frisch im Gedächtnis war.

»Oho!« rief Lord Fitzherbert. »Soll es so schlimm werden? Nun, wir beiden wenigstens wollen immer gute Freunde bleiben.«

Die jungen Leute ritten in Gesellschaft der englischen Offiziere weiter und sahen sich den Einzug der frischen Truppen an; dann kehrten sie in das Lager zurück. Pieter Maritz sah, daß an einer Seite des Lagers ein Fort gebaut worden war, mit Erdwällen, Gräben, vorspringenden Ecken und unterirdischem Pulvermagazin. Hinter den Wällen standen Geschütze, und als Pieter Maritz über das glänzende braune Rohr von zweien der Kanonen hinwegsah, erblickte er vor dem Korn den Marktplatz von Pretoria. Mit gutem Bedacht hatten die Engländer dieses Fort so angelegt, daß dessen Geschütze nicht nur die Zugänge zum Lager, sondern auch die Hauptstadt von Transvaal beherrschten.

Im Zelte des Lord Fitzherbert sah es sehr reich und bequem aus. Der junge Offizier hatte eine eiserne Bettstelle, welche zwar auf der bloßen Erde stand, aber mit prächtigen warmen Fellen bedeckt war, so daß er auch in den kalten Nächten, welche häufig auf sehr warme Tage folgten, hinreichenden Schutz fand. Seine Koffer waren groß und stark und reichlich ausgestattet. Pieter Maritz betrachtete mit verwundertem Lächeln einen ledernen Kasten, der voll von Krystallbüchsen mit goldenen Deckeln war. In diesen Büchsen befanden sich Dinge, die für den Buernsohn neu und fremdwaren: wohlriechende Seifen, Puder, Parfüms, Waschessig und allerhand Pomaden und Öle; daneben lagen mehrere Bürsten mit Elfenbeingriffen, Kämme und allerhand kleine Instrumente für die Nägel, lauter Dinge, über welche er gelacht haben würde, wenn er nicht selbst am Tage vorher schon dergleichen bei dem Haarkünstler in Pretoria gesehen hätte. Es hatte ihm, dessen Kamm und Bürste seine zehn Finger waren und der sich am Bache zu waschen pflegte, doch sehr wohl gethan, als der Friseur sein Haar so schön bearbeitet hatte.


Back to IndexNext