Schlussvignette, Kapitel I, 2
Kopfstück, Kapitel I, 3Drittes Kapitel.Der Weg der Beschwerde.
Kopfstück, Kapitel I, 3
N
Nun sah ich in meinem Traum, wieChrist, als er also fröhlich seines Weges zog, in ein Tal kam. Dort erblickte er etwas abseits vom Weg drei schlafende Männer mit Fesseln an ihren Füßen. Der eine von ihnen hießAlbern, der andreTrägeund der dritteEigendünkel. AlsChristsie so daliegen sah, trat er näher zu ihnen hin, ob er sie vielleicht aufwecken könnte, und rief ihnen mit lauter Stimme zu: „Ihr seid gleich denen, die oben auf dem Mastbaum schlafen (Spr. 23, 34), mitten im ungestümen Meer, über einer Tiefe, die keinen Grund hat. Wacht auf und kommt her! Wenn ihr wollt, so will ich euch helfen, von euren Fesseln loszukommen; denn wenn der, welcher umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge (1. Petr. 5, 8), über euch kommt, so werdet ihr gewiß ein Raub seiner Zähne werden.“ Bei diesen Worten schlugen sie ihre schlaftrunkenen Augen auf und antworteten ihm, ein jeder nach seiner Weise.Albernsprach: „Ich sehe keine Gefahr;“Trägewollte nur noch ein wenig länger schlummern, undEigendünkelsagte trotzig: „Jeder muß auf seinen eigenen Füßen stehen.“ Sie legten sich alle drei gleich wieder zum Schlafen nieder, undChristging seines Wegs. Gleichwohl verdroß es ihn, wenn er daran dachte, daß Menschen, die in solcher Gefahr schweben, die Güte dessen, der sich aus freien Stücken ihnen zu helfen erbot, so wenig achteten, indem er sie aufgeweckt, ihnen einen guten Rat gegeben und beim Entledigen der Fesseln behilflich sein wollte. Während er noch darüber betrübt war, bemerkte er mit Erstaunen, wie über die Mauer, die sich zur Linken des Wegs hinzog, zwei Männer herüberstiegen und eiligen Schrittes sich ihm näherten. Der eine hießWerkheilig,der andreHeuchler. Diese machten sich nun anChristheran, der sie also anredete:
„Woher kommt ihr, meine Herren, und wohin geht eure Reise?“
Sie antworteten: „Wir sind im Lande derHoffartgeboren und wandern um des Ruhmes willen nach dem BergZion.“
„Warum seid ihr nicht durch die enge Pforte, die am Anfang dieses Weges steht, hereingekommen?“ fragteChrist. „Wißt ihr nicht, daß geschrieben steht:Wer nicht zur Tür hineingeht, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Mörder?“ (Joh. 10, 1.)
„In unserm Lande,“ erwiderten sie, „gilt der Eingang durch die Pforte für einen großen Umweg; bei uns ist es gebräuchlich, den kürzesten Weg einzuschlagen und dann über die Mauer zu steigen — so machten wir’s auch.“
Christ.„Aber fürchtet ihr euch denn nicht, den Willen des Herrn, zu dessen Stadt wir reisen, so sehr zu verletzen?“
„Damit beunruhige dich nicht,“ sagten sie mit sichtlicher Verachtung; „wir handeln nach einem guten alten Brauch unsers Landes und können es mit vielen Zeugnissen beweisen, daß man es schon länger als tausend Jahre so gehalten hat.“
„Aber,“ fragteChrist, „wird eure Gewohnheit vor dem Gesetz bestehen können?“
„Da sie ein mehr als tausendjähriges Alter für sich hat,“ erwiderten jene, „wird sie vor einem unparteiischen Richter ohne Zweifel als gesetzlich gelten. Was sollte wohl darauf ankommen, auf welche Weise man diesen Weg erreicht, wenn man ihn nur wirklich betritt. Du, soweit wir merken, bist zwar durch die Pforte gekommen und bist gleichwohl nur auf dem Weg und nicht weiter als wir auch, die wir nun von der Seite über die Mauer hergekommen sind. Inwiefern sollten wir dir in etwas nachstehen?“
„Der Unterschied zwischen uns ist bedeutend genug,“ erwiderteChrist. „Ich wandle nach der Richtschnur des Meisters, ihr nach eurem eigenen Rat. Schon jetzt geltet ihr vor dem Herrn als Diebe; wie könnt ihr am Ende des Weges als treu erfunden werden? Ihr habt von euch selber, ohne Seine Leitung, den Weg betreten, und ebenso werdet ihr durch euch selbst, ohne Seine Gnade, ihn wieder verlieren.“
Hierauf wußten sie nichts weiter zu sagen als: er möge sich um sich selbst bekümmern.
Ich sah dann, wie sie alle drei ihres Weges wanderten, ohne viel miteinander zu sprechen. Die beiden Männer sagten zuChrist: „Aber meine doch ja nicht, daß wir die Gesetze und Verordnungen weniger gewissenhaft beobachten als du. Nein, du hast durchaus nichts vor uns voraus als das Kleid, das du trägst, das dir, wie wir denken, einer deiner Nachbarn gab, um die Schande deiner Blöße zu decken.“
AberChristantwortete: „Durch Gesetze und Verordnungen werdet ihr, die ihr nicht durch die Pforte hereingekommen seid, nicht selig werden. Das Kleid, das ich trage, habe ich von dem Herrn des Orts empfangen, wohin ich gehe, und zwar, wie ihr recht saget, um meine Blöße zu decken, denn ich hatte vorher nichts als Lumpen, und so trage ich es als ein Zeichen Seiner besondern Güte gegen mich. Daneben ist mir dies sehr tröstlich auf meiner Pilgerschaft, denn ich denke: Wenn ich einmal zu den Toren der Stadt kommen werde, so wird der Herr mich gewiß anerkennen, weil ich mit Seinem Rock bekleidet bin, den Er mir an jenem Tage, da Er mich der Lumpen entledigte, aus freier Gnade schenkte. Überdies habe ich noch ein Zeichen an meiner Stirn, darauf ihr vielleicht noch nicht geachtet habt, welches mir von einem der Vertrautesten meines Herrn an eben dem Tag, da mir die Last von den Schultern fiel, aufgedrückt wurde. Dazu kann ich euch noch sagen, daß Er mir damals ein besiegeltes Zeugnis gab, das mich, so oft ich es lese, trösten wird auf dem Weg, den ich wandle. Auch ist mir befohlen, solches an der himmlischen Pforte abzugeben, daß ich gewiß hineingehen darf. Ich bezweifle, daß ihr eins von diesen Dingen habt. Ihr könnt sie nicht haben, weil ihr nicht zur Pforte hereingekommen seid.“
Auf dies alles aber gaben sie keine Antwort, sondern sahen einander an und lachten. Unterdessen gingen sie miteinander weiter,Christwar ihnen jedoch allezeit etwas voraus. Er sprach nur noch mit sich selbst, bald mit Seufzen und bald mit getrostem Mut; auch las er oft in dem Zeugnis, das ihm jenes leuchtende Wesen gegeben hatte, wodurch er sehr erquickt ward.
Die drei Wanderer erreichten nun denBerg der Beschwerde, wo der schmale Weg steil bergan führte, währendzur Rechten und zur Linken breite Wege sich bequem in der Ebene hinzogen.Christwar keinen Augenblick in Zweifel, welchen Weg er zu nehmen habe; er trank aus der Quelle[59], die am Fuß des Berges hervorsprudelte, und stieg singend den Berg hinan:
Den Berg hinan! Ist er auch noch so steil,Er schreckt mich nicht zurück vom ew’gen Heil.Der schmale, steile Pfad geht himmelwärts,Der breite, leichte Weg zu ew’gem Schmerz.
Den Berg hinan! Ist er auch noch so steil,Er schreckt mich nicht zurück vom ew’gen Heil.Der schmale, steile Pfad geht himmelwärts,Der breite, leichte Weg zu ew’gem Schmerz.
Den Berg hinan! Ist er auch noch so steil,Er schreckt mich nicht zurück vom ew’gen Heil.Der schmale, steile Pfad geht himmelwärts,Der breite, leichte Weg zu ew’gem Schmerz.
Den Berg hinan! Ist er auch noch so steil,
Er schreckt mich nicht zurück vom ew’gen Heil.
Der schmale, steile Pfad geht himmelwärts,
Der breite, leichte Weg zu ew’gem Schmerz.
Die andern beiden kamen unterdessen auch an den Fuß des Berges, sie konnten sich jedoch nicht entschließen, einen so beschwerlichen Weg zu nehmen, zumal da man hier zwei andre bequeme Wege zur Auswahl hatte, die, wie sie hofften, mit dem Weg, auf demChristwandelte, zusammentreffen würden. Der eine Weg hießGefahr, der andreVerderben. Nun trennten sich die beiden Wanderer, der eine wählte den Weg derGefahr, der ihn in einen undurchdringlichen Wald führte; der andre betrat den Weg desVerderbens, auf dem er in finstere Gebirge hineingeriet, wo er strauchelte und fiel und nie wieder aufstand[60].
Als ich meine Blicke wiederChristzuwandte, sah ich, wie er den Berg hinauflief; aber vom Laufen kam er bald zum Gehen und vom Gehen zum Klettern auf Händen und Knien, denn der Weg wurde immer steiler. Sehr erwünscht war es ihm, als er etwa in halber Höhe des Berges eine anmutige Laube bemerkte, die vom Herrn des Berges zur Erquickung der müden Wanderer allda errichtet worden war. Darein tratChristund setzte sich nieder, etwas auszuruhen. Wie er so dasaß, zog er sein Zeugnis aus seinem Busen und las zu seiner Stärkung darin. Er betrachtete auch eine Weile mit Wohlgefallen sein Gewand, das er erhalten, als er beim Kreuz gestanden. Endlich versank er in einen tiefen Schlaf, wobei ihm das Zeugnis aus der Hand fiel. Schon hatte sich der Tag geneigt, als ihn jemand aufweckte und ihm zurief: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler; siehe ihre Weise an und lerne!“ (Spr. 6, 6) Beschämt fuhr er auf, eilte hinweg und hielt in seinem Lauf nicht mehr inne, bis er die Spitze des Berges erreicht hatte.
Als er nun hier oben stand, kamen ihm zwei Männer in großer Eile entgegengelaufen. Der eine hießFurchtsam, der andreMißtrauisch.Christsprach zu ihnen:
„Was macht ihr, meine Herren; warum lauft ihr den verkehrten Weg?“
Furchtsamantwortete, daß sie auf der Reise nach der StadtZiongewesen und dazu diesen beschwerlichen Berg heraufgestiegen wären. „Aber,“ sagte er, „je weiter wir auf diesem Weg gekommen, desto größere Gefahren sind uns begegnet, deshalb kehren wir um und gehen nun zurück.“
„Ja,“ setzteMißtrauischhinzu, „gerade vor uns lagen ein paar Löwen im Weg. Ob sie schliefen oder wachten, wissen wir nicht. Wir konnten aber nicht anders denken, als daß sie uns in Stücke zerreißen würden, wenn wir in ihre Nähe kämen.“
„Ihr setzt mich in Schrecken!“ riefChristden Fliehenden zu. „Wohin soll ich mich wenden, um sicher zu sein? Gehe ich zurück in meine Heimat, so komme ich dort gewiß um, da die StadtVerderbenein Raub des Feuers und Schwefels werden soll. Erreiche ich aber die himmlische Stadt, so bin ich geborgen. Ich muß es wagen. Umkehren ist doch nichts andres als Tod und Verderben; vorwärtsgehen, da ist zwar Furcht des Todes, aber danach ein ewiges Leben. Wohlan, ich setze meinen Weg fort!“ Und so geschah’s.Mißtrauischaber undFurchtsamliefen den Berg wieder hinunter.
Wie nunChristseinen Weg weiterzog, fing er gleichwohl an über das nachzudenken, was jene zwei Männer ihm gesagt hatten. Im Bewußtsein der nahen Gefahr bedurfte er einer Stärkung und suchte deshalb nach dem Zeugnis. Er fühlte danach, aber siehe, er fand es nicht. Er suchte mit steigender Angst, aber vergebens! Er wußte zuerst gar nicht, was er anfangen sollte, denn es fehlte ihm ja gerade das, was ihm schon so oft zu großem Trost gewesen war. Und dieses Zeugnis sollte er ja an der himmlischen Pforte vorzeigen. Als er nun so ganz bestürzt und bekümmert dastand, fiel ihm endlich ein, daß er in der Laube geschlafen hatte[61].Tiefe Reue erfüllte ihn, er fiel auf seine Knie und bat Gott, daß Er ihm diese Torheit vergeben möge. Darauf kehrte er wieder um, sein Zeugnis zu suchen.
Wer aber vermag die Betrübnis zu schildern, dieChristauf dem ganzen Rückweg im Herzen empfand! Bald seufzte er, bald weinte er, aber am meisten schalt er sich selbst wegen seiner Torheit, an jenem Ort, der nur zu einer kurzen Erholung von seiner Müdigkeit bereitet war, dem Schlaf sich überlassen zu haben. So ging er zurück, auf dem ganzen Weg sorgfältig bald auf die eine, bald auf die andre Seite blickend mit dem heißen Verlangen, den verlorenen Brief wiederzufinden. Er lief, bis er der Laube ansichtig wurde. Ihr Anblick aber erneuerte ihm seine Traurigkeit um so mehr, da er ihm zu Gemüte führte, wie er so übel getan, daß er dort geschlafen hatte.
„Ach, ich elender Mensch!“ riefChristaus, „der ich schlafen konnte, da es noch Tag war[62]; der ich schlafen konnte, da ich in einer so gefährlichen Lage war; daß ich das zur Bequemlichkeit des Fleisches benutzte, was der Herr zur Erquickung des Geistes der Pilgrime bestimmt hat! Wie viele Tritte habe ich nun vergeblich getan! So ist es den Kindern Israel ergangen um ihrer Sünden willen; von den Grenzen Kanaans mußten sie zurückwandern zum Schilfmeer; ich nun muß mit Schmerzen diesen Weg zurücklegen, den ich hätte mit Freuden tun können, wenn ich mich nicht diesem sündlichen Schlaf hingegeben hätte. Wie weit könnte ich nun schon sein! Nun muß ich diesen Weg dreimal gehen, den ich sonst nur einmal hätte zu ziehen brauchen. Und nun überfällt mich auch noch die Nacht; denn der Tag hat sich schon geneigt. Ach, hätte ich doch nicht geschlafen!“
So erreichte er die Laube wieder, wo er erst eine Zeitlang saß und weinte. Endlich sah er sich bekümmert nach der Schrift um und erblickte sie unter der Bank; zitternd vor Verlangen ergriff er sie und steckte sie in seinen Busen. Wer kann die Freude des Pilgers beschreiben, da er sein Zeugnis wieder hatte! Es war ja die Versicherung seines Lebens und seiner Aufnahme in den ersehnten Hafen. Erdankte Gott, der ihm die Augen auf die rechte Stelle gelenkt, und mit Freudentränen machte er sich wieder auf den Weg.
So hurtig er jedoch den Berg hinaufstieg, so ging die Sonne doch unter, ehe er den Gipfel erreicht hatte; und aufs neue über die Sünde seines Schlafs trauernd, brach er in die Worte aus: „O du sündlicher Schlaf, um deinetwillen überfällt mich die Nacht! Ich muß wandern ohne das Licht der Sonne; Finsternis muß den Schritt meiner Füße bedecken; und ich muß das Schreien der geängsteten Kreaturen wegen meines Sündenschlafes hören!“ Jetzt gedachte er auch dessen, wasMißtrauischundFurchtsamihm erzählt hatten; wie sie sich vor dem Anblick der Löwen entsetzt hätten. Und so sprach er zu sich selbst: „Diese Tiere gehen des Nachts auf ihren Raub aus, wenn sie mir allhier im Finstern begegnen, wie sollte ich entkommen, daß ich nicht von ihnen in Stücke zerrissen werde?“
Unter solchen Gedanken ging er seines Weges fort. Doch während er seinen unglückseligen Fehltritt beklagte, hob er seine Augen auf und siehe, da stand gleich vor ihm ein stattlicher Palast, derPrachtvollhieß. Er verdoppelte seine Schritte, um hier womöglich noch Herberge zu finden. Er war aber nicht weit gegangen und an einen sehr engen Weg gekommen, der nicht mehr fern von der Wohnung des Pförtners war, als er sah, daß zwei Löwen ihm den Weg versperrten. „Nun stoße ich auf die Gefahr, durch welcheMißtrauischundFurchtsamsich haben zurücktreiben lassen,“ dachte er. (Die Löwen waren angekettet, aber er sah die Ketten nicht.) Voll Angst blieb er stehen, und da er nichts vor sich sah als den Tod unter den Zähnen dieser reißenden Tiere, war er im Begriff, umzukehren. Dies bemerkte der Pförtner, dessen NameWachsamwar, von seinem Häuschen aus und rief ihm deshalb zu: „Ist deine Kraft so gering[63]? Fürchte dich nicht vor den Löwen! Sie sind an Ketten und liegen deshalb hier, um den Glauben der Pilger zu prüfen. Halte dich mitten auf dem Weg, und sie werden dir kein Leid tun.“
Zitternd ging er vorwärts, indem er sich genau nach dem Rat des Pförtners in der Mitte hielt; die Löwen brüllten ihn an, aber sie verletzten ihn nicht, und jauchzend vor Freudeklatschte er in die Hände und eilte der Türe zu, an der der Pförtner stand.
Die Löwen waren angekettet, aber er sah die Ketten nicht (S. 66.).⇒GRÖSSERES BILD
Die Löwen waren angekettet, aber er sah die Ketten nicht (S. 66.).⇒GRÖSSERES BILD
⇒GRÖSSERES BILD
„Herr, was ist das für ein Haus?“ fragte er. „Kann ich wohl diese Nacht hier Herberge finden?“
„Dieses Haus,“ so antwortete derPförtner, „hat der Herr des Berges erbaut, und zwar zur Ruhe und Sicherheit der Pilgrime. Aber woher kommst du, und wohin geht dein Weg?“
Christ.Ich komme von der StadtVerderbenund wandere nach dem BergZion; aber da die Sonne untergegangen ist, möchte ich, wenn es sein kann, hier übernachten.
Pförtner.Wie heißest du?
Christ.Jetzt ist mein NameChrist; vorher hieß ichGnadenlos. Ich bin aus dem Geschlecht Japhets, den Gott in den Hütten Sems will wohnen lassen (1. Mos. 9, 27).
Pförtner.Aber warum kommst du so spät? Die Sonne ist ja schon untergegangen.
Christ.Ich wäre schon eher gekommen, wenn ich elender Mensch nicht in der Laube, die an der Seite des Berges steht, eingeschlafen wäre. Ja, ich wäre gleichwohl noch früher hier gewesen, aber ich verlor im Schlaf mein Zeugnis. Ich war schon auf dem Gipfel des Berges, da ich es erst vermißte, und so war ich genötigt, mit betrübtem Herzen zu dem Ort zurückzugehen, wo ich geschlafen hatte. Da fand ich endlich wieder, was ich verloren hatte, und so bin ich denn jetzt hier angekommen.
„Wohlan,“ sagte derPförtner, „ich werde eine von den Jungfrauen dieses Hauses rufen, die dich, wofern ihr deine Aussage genügt, nach der Sitte unsers Hauses bei den übrigen Gliedern der Familie einführen wird.“ DerPförtner Wachsamschellte, und sogleich erschienEinsicht, eine edle Jungfrau, an der Haustür und fragte, was man verlange.
„Dieser Mann,“ sagte derPförtner, „ist auf der Reise von der StadtVerderbennach dem BergZion, aber da er müde ist und die Dunkelheit ihn überfallen hat, so wünscht er hier zu übernachten. Ich sagte ihm, ich wollte dich rufen. So möge es dir belieben, mit ihm selber zu reden und danach zu tun, was dich nach den Regeln unsers Hauses gut dünkt.“
Sie fragte ihn, von wannen er komme und wohin erwolle, auch wie er auf diesen Weg gekommen, was er auf dem Weg gesehen und was ihm begegnet wäre. Er beantwortete all diese Fragen und erzählte seine Erlebnisse. Endlich erkundigte sie sich auch nach seinem Namen. Er heißeChrist, gab er zur Antwort, und seine Freude, hier übernachten zu dürfen, sei um so größer, weil er erfahren, daß dieses Haus von dem Herrn des Berges zur Erquickung und Sicherheit der Pilger erbaut sei.
Da lächelte sie, wobei aber ihre Augen feucht wurden, und sie sprach nach einer kurzen Pause: „Ich will noch zwei oder drei von meinen Hausgenossen herbeirufen.“ Hierauf eilte sie zur Tür und riefWeisheit,GottesfurchtundLiebeheraus. Diese nun führten ihn nach einer kurzen Unterredung bei den übrigen Familiengliedern ein. Manche von ihnen kamen und hießen ihn schon auf der Schwelle des Hauses willkommen und sprachen: „Komm herein, du Gesegneter des Herrn! (1. Mos. 24, 31.) Dies Haus ist von dem Herrn des Berges in der Absicht erbaut, um Pilger, wie du einer bist, darin zu bewirten.“ Da verbeugte er sich und folgte ihnen nach ins Haus. Als er eingetreten war und sich niedergesetzt hatte, reichten sie ihm einen Labetrunk und beschlossen, die Zeit, während das Abendbrot bereitet würde, zur gegenseitigen Erbauung zu benützen.Gottesfurcht,WeisheitundLiebewurden dazu ausersehen, und so entspann sich folgendes Gespräch:
Gottesfurcht.Also, lieberChrist, da wir nun einmal die Freude haben, dich für diese Nacht in unserm Haus zu beherbergen, so laß uns, um die Zeit recht auszukaufen, zu unser aller Nutz und Frommen von dem sprechen, was du auf deiner Pilgerfahrt bisher erfahren hast.
Christ.Von Herzen gern! Wie wohl tut mir eure Teilnahme an meinem Ergehen!
Gottesfurcht.Was hat dich zuerst bewogen, solch ein Pilgerleben zu erwählen?
Christ.Ich ward durch einen Mark und Bein durchdringenden Warnungsruf, der an mein Ohr drang, aus meiner Vaterstadt vertrieben. Ich hörte nämlich von dem unvermeidlichen Verderben, das mich treffen würde, wenn ich daselbst verbliebe.
Gottesfurcht.Wie kam es denn, daß du bei deiner Auswanderung gerade auf diesen Weg gelenkt wurdest?
Christ.Ich sehe da Gottes Hand darin; denn als ich so voll Furcht vor dem Verderben auszog, wußte ich nicht, wo ich mich hinwenden sollte. Als ich noch zitternd und weinend dastand, da kam zur rechten Stunde ein Mann, namensEvangelist, zu mir, dieser wies mich zur engen Pforte, die ich sonst nie gefunden hätte. So kam ich auf den Weg, der gerade zu diesem Haus führt.
Gottesfurcht.Aber kamst du nicht auch zu dem Haus des Auslegers?
Christ.Ja, und dort habe ich Dinge gesehen, die sich unauslöschlich in meinem Herzen eingeprägt haben, besonders dreierlei, nämlich wie Christus dem Satan zum Trutz das Werk Seiner Gnade im Herzen unterhält; wie ein Mensch sich durch seine Sünde aller Hoffnung der göttlichen Gnade verlustig gemacht; und dann den Traum dessen, der in seinem Schlaf meinte, der Tag des Gerichts sei gekommen.
Gottesfurcht.Hörtest du ihn seinen Traum erzählen?
Christ.Ja, das war ein schreckenvoller Traum: es schnitt mir durchs Herz, als er ihn erzählte, aber dennoch bin ich froh, ihn gehört zu haben.
Gottesfurcht.Ist das alles, was du im Haus des Auslegers gesehen?
Christ.Nein, er nahm mich bei der Hand und brachte mich zu einem stattlichen Palast; hier sah ich, wie dessen Bewohner in goldenen Kleidern einhergingen und wie ein tapferer Mann kam, der seinen Weg gerade durch die bewaffnete Schar nahm, die ihm am Tor den Eingang versperrte, und wie er aufgefordert wurde, einzutreten und die ewige Herrlichkeit in Besitz zu nehmen. Beim Anblick alles dessen war mein Herz davon ganz hingenommen, und ich wäre in dem Hause dieses guten Mannes gern noch lange verblieben, doch ich hatte ja noch einen weiten Weg vor mir.
Gottesfurcht.Und was hast du sonst noch auf dem Weg gesehen?
Christ.Ich war nur eine kleine Strecke weitergekommen, da sah ich einen, der blutend an einem Holz hing. Dessen Anblick genügte schon, daß sich die Bürde, unter der ich bis dahin seufzend einherging, von meinen Schultern löste und herabfiel. Es war ein Wunder vor meinen Augen, denn ich hatte dergleichen zuvor niemals gesehen. Und wie ich so dastand und Ihn ansah — denn ich konnte meinen Blick vonIhm nicht abwenden — da war ich plötzlich von drei leuchtenden Gestalten umgeben. Eine von ihnen sagte: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ Die andre zog mir meine Lumpen aus und gab mir dieses gestickte Kleid, das du mich jetzt tragen siehst. Die dritte drückte mir das Zeichen auf, das ich auf meiner Stirn habe, und gab mir dieses besiegelte Zeugnis. (Hiermit griff er mit seiner Hand in den Busen, das Zeugnis vorzeigend.)
Gottesfurcht.Sahst du nicht noch mehr als das?
Christ.Das, was ich bereits erzählt habe, ist wohl das Beste. Doch sah ich allerdings auch noch andres, nämlich drei Männer:Albern,TrägeundEigendünkel, nicht weit ab vom Weg, den ich kam, schlafend, und sie lagen da mit Fesseln an den Füßen. Aber meinst du wohl, daß ich sie hätte wirklich aufwecken können? Ich sah auch, wieWerkheiligundHeuchlerüber die Mauer hereinstiegen, um, wie sie vorgaben, nachZionzu gehen. Sie hatten sich aber beide bald verirrt, wie ich es ihnen vorher sagte. Sie hatten es aber nicht glauben wollen. Über dies alles war es keine geringe Anstrengung, diesen Berg zu ersteigen, und ebenso gefahrvoll, an den Löwen vorüberzukommen. Und fürwahr, wäre dieser treue Mann, der Pförtner, der an der Tür steht, nicht gewesen, so weiß ich nicht, ob ich mich nicht am Ende doch noch zur Umkehr entschlossen hätte. Jetzt aber danke ich Gott, daß ich nun soweit bin, und euch danke ich für die freundliche Aufnahme.
Nun hielt esWeisheitfür gut, anChristeinige Fragen zur Beantwortung zu richten.
Weisheit.Denkst du nicht noch zuweilen an deine Landsleute, von denen du ausgezogen bist?
Christ.Ja, aber mit großer Scham und Abscheu. Wahrlich, wenn ich nach dem Lande, von welchem ich ausgegangen bin, Verlangen getragen hätte, hätte ich ja Gelegenheit gehabt, wieder umzukehren; aber ich begehre eines bessern, nämlich eines himmlischen Vaterlands (Hebr. 11, 15. 16).
Weisheit.Trägst du aber nicht noch manches von deinem alten Wesen an dir?
Christ.Ja, aber ganz gegen meinen Willen; besonders meine geheimen fleischlichen Gedanken, an denen alle meine Landsleute, so wie ich, sich ergötzten, aber jetzt sind mir alle diese Dinge eine Qual, und wenn ich könnte, wie ich wollte,so würde ich sie ganz und gar aus meinem Herzen verbannen. Aber, wenn ich das Gute tun will, so finde ich, daß mir das Böse anhangt (lies Römer 7, 15-21).
Weisheit.Ist dir’s nicht zuweilen, als wenn die Dinge überwunden wären, die dich zu andern Zeiten in Verwirrung bringen?
Christ.Dies ist nur selten; aber das sind glückselige Stunden, in denen ich dieses erfahre.
Weisheit.Erinnerst du dich wohl, wodurch dir bisweilen deine Anfechtungen als überwunden erscheinen?
Christ.Ja, nämlich wenn ich daran gedenke, was ich am Kreuz sah; wenn ich das Kleid betrachte, mit dem der Herr mich beschenkt hat; auch wenn ich in die Schrift blicke, die ich in meinem Busen trage; oder wenn ich an den Ort gedenke, wohin ich wandere: dann ist mir’s, als seien alle Anfechtungen überwunden.
Weisheit.Und warum ist dein Verlangen nach dem BergZionso groß?
Christ.Wie kannst du wohl so fragen? O da hoffe ich den zu sehen, der tot am Kreuz hing und nun lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit; da hoffe ich Befreiung von allem dem, was mich jetzt quält und anficht; da ist kein Tod mehr; da werde ich in der lieblichsten, edelsten Gemeinschaft leben. Mich verlangt bei dem Herrn zu sein, den ich liebe, der mich von meiner Last befreit hat; ich bin der Krankheit meines Herzens müde. Ich sehne mich dahin, wo ich nicht mehr sterben werde, wo ich unter denen wandeln darf, die ohne Unterlaß rufen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr!“ (Offenb. 4, 8)
Unter diesem Gespräch hatte sichLiebeChristgenähert und fragte ihn: „Hast du Familie? Bist du verheiratet?“
Christantwortete: „Ich habe eine Frau und vier Kinder.“
Liebe.Aber warum hast du sie nicht mitgebracht?
„O,“ riefChrist, indem ihm Tränen in die Augen traten, „wie gern hätte ich das getan! Aber sie waren alle sehr gegen meine Reise eingenommen.“
Liebe.Du hättest ihnen doch zureden, hättest ihnen die große Gefahr, wenn sie zurückblieben, zeigen sollen.
Christ.Das tat ich auch; ich erzählte ihnen, wie Gott mir kund getan, daß unsre Stadt zerstört werden soll; aber es war ihnen lächerlich, und sie glaubten mir nicht.
Liebe.Hast du denn auch zu Gott gerufen, daß Er deine Worte an ihnen segnen wolle?
Christ.Ja, mit heißem Flehen; denn du mußt wissen, daß meine Frau und meine armen Kinder mir sehr teuer waren.
Liebe.Entdecktest du ihnen auch deine Traurigkeit, deine Furcht vor dem Untergang? denn der Untergang eurer Stadt stand dir wohl deutlich genug vor Augen.
Christ.Ja, nur allzu deutlich. Sie sahen mich trostlos weinen und zittern vor den Gerichten, die über unserm Haupt schwebten; aber dies alles bewog sie nicht, mit mir zu fliehen.
Liebe.Aber was hatten sie denn einzuwenden, daß sie nicht mit dir gingen?
Christ.Was soll ich sagen? Meine Frau fürchtete, diese Welt zu verlieren, und meine Kinder waren den törichten Lüsten der Jugend ergeben; so ließen sie sich bald durch dieses, bald durch jenes zurückhalten, und ich mußte allein gehen.
Liebe.Hast du sie etwa durch ein eitles Leben abgeschreckt, deinen Ermahnungen zu folgen?
Christ.Ich kann zwar mein Leben nicht loben, denn ich bin mir manches Fehltritts bewußt. Ich weiß auch, daß ein Mensch durch seinen Wandel leicht niederreißen kann, was er durch heilsame Lehren und ernste Vorstellungen in andern zu ihrem Besten aufzubauen trachtet. Aber das darf ich sagen: ich hütete mich auf das äußerste, irgend etwas Unziemliches zu tun, was sie von dieser Reise hätte abhalten können. Ja, eben deshalb sagten sie, ich sei allzu ängstlich und entsage manchem, worin sie nichts Übles sehen könnten. Wenn sie irgend etwas an mir zurückgeschreckt hat, so war es meine große Furcht, wider Gott zu sündigen oder meinem Nächsten irgendein Unrecht zu tun.
Liebe.Allerdings, so ist es schon von alters her gewesen, denn Kain erwürgte seinen Bruder, weil seine Werke böse waren, und die seines Bruders gerecht (1. Joh. 3, 12); und wenn deine Frau und deine Kinder daran Anstoß genommen haben, so zeigen sie, daß sie sich nicht mit Gott versöhnen lassen wollen, und deine Seele ist rein von ihrem Blut[64].
Unter solchen Gesprächen war die Zeit des Abendessens herbeigekommen, zu welchemChristmit viel Liebe eingeladen wurde. Es war eine Tafel mit auserlesenen Gerichten und reinem Wein, darin keine Hefe war[65], und alle Reden, die sie über Tisch führten, handelten von dem Herrn des Berges, nämlich, was Er getan, warum Er solches getan, und zu welchem Zweck Er dies Haus erbaut habe. Aus dem, was sie sagten, konnte ich merken, daß Er ein großer Kriegsheld gewesen und mit dem gestritten und den überwunden, der des Todes Gewalt hatte[66], jedoch nicht ohne eigene große Gefahr. „Darum habe ich Ihn auch,“ sagteChrist, „desto lieber. Denn wie ich’s sagen höre und wohl glaube, so hat Er es getan, indem Er dabei Sein kostbares Blut vergoß. Was aber alle Seine Werke der Gnade mit Herrlichkeit krönte, ist, daß Er solches aus reiner Liebe zu den Menschen tat.“
Überdem waren einige unter den Hausgenossen, die Ihn gesehen und mit Ihm geredet hatten, seit Er am Kreuz gestorben war; und diese hatten es aus Seinem eigenen Mund vernommen, daß Er den armen Pilgern mit solcher Liebe zugetan wäre, wie sie vom Aufgang bis zum Niedergang nicht gefunden werde. Dazu gaben sie auch einen Beweis für das, was sie behaupteten, nämlich, daß Er sich zum Heil der Armen selbst entäußert habe Seiner Herrlichkeit[67], und daß sie Ihn hätten sagen hören, Er wolle nicht allein wohnen auf dem BergZion[68]. Ja, sie fügten noch dies bei, daß Er viel Pilger zu Fürsten gemacht, obwohl sie von Natur als Bettler geboren waren und ihr Anfang und Ursprung nur Staub war[69].
Das Gespräch dauerte bis tief in die Nacht, und nachdem sie sich dem Schutze des Herrn befohlen, begaben sie sich zur Ruhe. Den Pilger führten sie in eine geräumige, obere Kammer, deren Fenster sich gegen Sonnenaufgang öffneten. Der Name der Kammer warFriede. Nach sanfter Ruhe erwachte er bei Tagesanbruch und sang:
Wie wohl ist mir in Jesu Lieb’ und Sorgen!In Seiner Treu’ gebettet und geborgenLäßt Er mich durch Vergebung meiner SündenAuf Erden schon des Himmels Pforte finden.
Wie wohl ist mir in Jesu Lieb’ und Sorgen!In Seiner Treu’ gebettet und geborgenLäßt Er mich durch Vergebung meiner SündenAuf Erden schon des Himmels Pforte finden.
Wie wohl ist mir in Jesu Lieb’ und Sorgen!In Seiner Treu’ gebettet und geborgenLäßt Er mich durch Vergebung meiner SündenAuf Erden schon des Himmels Pforte finden.
Wie wohl ist mir in Jesu Lieb’ und Sorgen!
In Seiner Treu’ gebettet und geborgen
Läßt Er mich durch Vergebung meiner Sünden
Auf Erden schon des Himmels Pforte finden.
Er wollte von dannen ziehen, aber die Freunde baten ihn, zuvor noch die Merkwürdigkeiten ihres Hauses in Augenschein zu nehmen, und führten ihn zuerst in das Archiv, wo sie ihm unter andern Urkunden von höchstem Alter den Stammbaum des Herrn zeigten, woraus zu ersehen war, daß Er der Sohn des Alten der Tage sei, von Ewigkeit geboren[70]. Hier waren auch ausführlich Seine Taten verzeichnet, sowie die Namen vieler Hunderte, die Er in Seinen Dienst genommen, und wie Er sie in Wohnungen versetzt, die weder durch die Länge der Zeit noch durch die Vergänglichkeit der Natur zerstört werden können[71].
Auch einige der denkwürdigen Taten lasen sie ihm vor, die etliche von Seinen Dienern vollbracht hatten, wie sie Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit gewirkt, Verheißungen erlangt, der Löwen Rachen verstopft, des Feuers Kraft ausgelöscht, des Schwertes Schärfe entronnen, kräftig geworden aus der Schwachheit, stark geworden im Streit und der Fremden Heere daniedergelegt (Hebr. 11, 33. 34).
In andern Urkunden des Hauses zeigten sie ihm, wie geneigt der Herr sei, jeden in Seine Gnade aufzunehmen, wenn er auch früher Ihn und Seine Sache auf das ärgste beschimpft hätte. Viele andre Dinge lernte hierChristnoch kennen: Altes und Neues, aus der Vergangenheit und Gegenwart, Drohungen und Verheißungen, die ihre gewisse Erfüllung haben, die einen zum Schrecken und Entsetzen der Feinde, die andern zum Trost und zur Erquickung der Pilger.
Am folgenden Tag führten sie ihn in die Rüstkammer und zeigten ihm alle Arten von Waffen, die der Herr für die Pilgrime bereitet hatte, wie Schwerter, Schilde, Helme, Brustharnische und Beinschienen, die nicht veralten; und dies alles in solcher Menge, daß man damit so viel Menschen zum Dienst des Herrn hätte ausrüsten können, als Sterne am Himmel sind (lies Eph. 6, 10-18).
Sie zeigten ihm auch einige Werkzeuge, damit etliche Seiner Knechte wunderbare Dinge ausgerichtet hatten, so den Stab Moses; den Hammer und Nagel, womit Jael den Sisera erschlug; die Krüge, Posaunen und Fackeln, damit Gideon und seine Schar die Midianiter in die Flucht jagte. Sie zeigten ihm Samgars Ochsenstecken, mit welchem er sechshundert Philister schlug, wie auch den Eselskinnbacken, womit Simson eine so mächtige Tat verrichtete; ihm ward auch die Schleuder und der Stein gezeigt, womit David den Riesen Goliath getötet, desgleichen das Schwert, damit der Herr dermaleinst den Menschen der Sünde töten wird an dem Tag, an welchem Er sich zur Beute aufmachen wird. Noch manche andre herrliche Dinge durfte er sehen, über welche alleChristsich hoch erfreute. Nachdem dies geschehen, begaben sie sich wieder zur Ruhe.
Ich sah dann in meinem Traum, daß er des Morgens sich anschickte, weiterzureisen. Sie aber baten ihn, noch bis zum folgenden Tag zu bleiben. „Denn dann,“ sagten sie, „wollen wir dir, wenn es nur helles Wetter ist, die lieblichen Berge zeigen, was noch viel zu deiner Stärkung auf der Pilgrimschaft beitragen wird, weil sie dem ersehnten Hafen noch näher liegen als der Ort, wo du jetzt weilst.“ Er willigte ein und blieb.
Am andern Morgen führten sie ihn auf die Zinne des Hauses und hießen ihn gegen Süden ausschauen. Er tat also und siehe, in weiter Ferne erblickte er eine äußerst liebliche Gebirgsgegend, geschmückt mit Wäldern, Weinbergen, den anmutigsten Baum- und Blumengärten, Bächen und Springbrunnen — ein herrliches Bild[72].
Christfragte nach dem Namen des Landes. „Dies ist,“ sagten sie, „Immanuels Land, welches ebenso, wie dieser Berg, allen Pilgrimen gemeinschaftlich gehört und für sie bestimmt ist, und wenn du dahin kommst, wirst du von dort schon das Tor der himmlischen Stadt sehen, wie es dir auch die Hirten, die dort leben, weisen werden.“
Nun war die Stunde des Abschieds gekommen; doch ehe sie den Pilger entließen, gingen sie noch mit ihm in die Rüstkammer. Als er nun dahin kam, ward er von Kopf biszu Fuß ausgerüstet mit erprobten Waffen für die Kämpfe, die er auf dem Weg zu bestehen haben würde.
In voller Rüstung trat er nun mit seinen Freunden aus dem Haus. Bei der Pforte fragte er denPförtner, ob er keinen Pilger habe vorübergehen sehen.
Er antwortete: „Ja.“
„Kanntest du ihn nicht?“ fragteChrist.
Er sprach: „Ich fragte nach seinem Namen, und er sagte mir, er heißeGetreu.“
„O,“ riefChristaus mit freudigem Erstaunen, „den kenne ich; das ist mein Landsmann, mein nächster Nachbar gewesen; er kommt aus der StadtVerderben. Wie weit mag er wohl schon voraus sein?“
„Er wird jetzt unten am Berg angekommen sein,“ erwiderte derPförtner.
„Der Herr sei mit dir, lieber Freund!“ sprachChristzu dem Pförtner, „und segne dich reichlich für all das Gute, das du mir erwiesen hast!“
Er wollte nun Abschied nehmen, aberBescheidenheit,Gottesfurcht,LiebeundWeisheitwollten ihm bis hinunter an den Fuß des Berges das Geleit geben. So gingen sie miteinander fort, indem sie ihre früheren Gespräche wieder aufnahmen, bis sie dahin kamen, wo der Berg steil abfällt.
Da sagteChrist: „So beschwerlich es war, diesen Berg zu ersteigen, so gefährlich scheint es mir, wieder hinabzukommen.“
„Ja,“ sprach hieraufWeisheit, „es fällt dem Menschen schwer, in dasTal der Demuthinabzugehen, wie du jetzt tust, ohne bisweilen anzustoßen oder zu straucheln, darum haben wir dich bis hinunter begleiten wollen.“
Christging sehr vorsichtig, aber dennoch glitt er ein- oder zweimal aus.
Als sie am Fuß des Berges angekommen waren, beschenkten ihn die treuen Freunde mit Brot und Wein und getrockneten Trauben und ließen ihn dann seines Weges gehen.
Steil und dornig ist der Pfad, der uns zur Vollendung leitet;Selig ist, wer ihn betrat und zur Ehre Jesu streitet;Selig, wer den Lauf vollbringt und nicht kraftlos niedersinkt!Überschwenglich ist der Lohn der bis in den Tod Getreuen,Die der Lust der Welt entflohn, ihrem Heiland ganz sich weihen,Deren Hoffnung unverrückt nach der Siegeskrone blickt.Den am Kreuz wir bluten sahn, der hat uns den Lohn errungenUnd zu Seines Himmels Höhn sich vom Staub emporgeschwungen.Sieger in der Todesnacht, sprach Er selbst: „Es ist vollbracht!“Auf denn, Mitgenossen, geht mutig durch die kurze Wüste!Seht auf Jesus, wacht und fleht, daß Gott selbst zum Kampf uns rüste;Der im Schwachen mächtig ist, gibt uns Sieg durch Jesus Christ!
Steil und dornig ist der Pfad, der uns zur Vollendung leitet;Selig ist, wer ihn betrat und zur Ehre Jesu streitet;Selig, wer den Lauf vollbringt und nicht kraftlos niedersinkt!Überschwenglich ist der Lohn der bis in den Tod Getreuen,Die der Lust der Welt entflohn, ihrem Heiland ganz sich weihen,Deren Hoffnung unverrückt nach der Siegeskrone blickt.Den am Kreuz wir bluten sahn, der hat uns den Lohn errungenUnd zu Seines Himmels Höhn sich vom Staub emporgeschwungen.Sieger in der Todesnacht, sprach Er selbst: „Es ist vollbracht!“Auf denn, Mitgenossen, geht mutig durch die kurze Wüste!Seht auf Jesus, wacht und fleht, daß Gott selbst zum Kampf uns rüste;Der im Schwachen mächtig ist, gibt uns Sieg durch Jesus Christ!
Steil und dornig ist der Pfad, der uns zur Vollendung leitet;Selig ist, wer ihn betrat und zur Ehre Jesu streitet;Selig, wer den Lauf vollbringt und nicht kraftlos niedersinkt!
Steil und dornig ist der Pfad, der uns zur Vollendung leitet;
Selig ist, wer ihn betrat und zur Ehre Jesu streitet;
Selig, wer den Lauf vollbringt und nicht kraftlos niedersinkt!
Überschwenglich ist der Lohn der bis in den Tod Getreuen,Die der Lust der Welt entflohn, ihrem Heiland ganz sich weihen,Deren Hoffnung unverrückt nach der Siegeskrone blickt.
Überschwenglich ist der Lohn der bis in den Tod Getreuen,
Die der Lust der Welt entflohn, ihrem Heiland ganz sich weihen,
Deren Hoffnung unverrückt nach der Siegeskrone blickt.
Den am Kreuz wir bluten sahn, der hat uns den Lohn errungenUnd zu Seines Himmels Höhn sich vom Staub emporgeschwungen.Sieger in der Todesnacht, sprach Er selbst: „Es ist vollbracht!“
Den am Kreuz wir bluten sahn, der hat uns den Lohn errungen
Und zu Seines Himmels Höhn sich vom Staub emporgeschwungen.
Sieger in der Todesnacht, sprach Er selbst: „Es ist vollbracht!“
Auf denn, Mitgenossen, geht mutig durch die kurze Wüste!Seht auf Jesus, wacht und fleht, daß Gott selbst zum Kampf uns rüste;Der im Schwachen mächtig ist, gibt uns Sieg durch Jesus Christ!
Auf denn, Mitgenossen, geht mutig durch die kurze Wüste!
Seht auf Jesus, wacht und fleht, daß Gott selbst zum Kampf uns rüste;
Der im Schwachen mächtig ist, gibt uns Sieg durch Jesus Christ!
Fußnoten:[59]Sie werden weder hungern noch dürsten, sie wird keine Hitze noch Sonne stechen; denn ihr Erbarmer wird sie führen und wird sie an die Wasserquellen leiten (Jes. 49, 10).[60]Der Gottlosen Weg ist wie Dunkel; sie wissen nicht, wo sie fallen werden (Spr. 4, 19).[61]Ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Gedenke, wovon du gefallen bist und tue Buße! So du nicht wirst wachen, werde Ich über dich kommen wie ein Dieb, und wirst nicht wissen, welche Stunde Ich über dich kommen werde (Offenb. 2, 4. 5; 3, 3).[62]Lasset uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasset uns wachen und nüchtern sein. Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts; wir aber, die wir des Tages sind, sollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung zur Seligkeit (1. Thess. 5, 6-8).[63]Wie seid ihr so furchtsam? Wie, daß ihr keinen Glauben habt? (Mark. 4, 40.)[64]Wo du den Gottlosen warnst und er sich nicht bekehrt von seinem gottlosen Wesen und Weg so wird er um seiner Sünde willen sterben; aber du hast deine Seele errettet (Hes. 3, 19).[65]Der Herr Zebaoth wird auf diesem Berg ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist (Jes. 25, 6).[66]Christus hat durch den Tod die Macht genommen dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist dem Teufel, und erlöste die, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mußten (Hebr. 2, 14. 15).[67]Ihr wisset die Gnade unsers Herrn Jesus Christus, daß, ob Er wohl reich ist, ward Er doch arm um euretwillen, auf daß ihr durch Seine Armut reich würdet (2. Kor. 8, 9) und: Er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an; Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tod am Kreuz (Phil. 2, 7. 8).[68]Wo Ich bin, da soll Mein Diener auch sein (Joh. 12, 26).[69]Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus dem Kot, daß Er ihn setze unter die Fürsten und den Stuhl der Ehre erben lasse (1. Sam. 2, 8).[70]Jesus Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor allen Kreaturen (Kol. 1, 15), welche Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist (Micha 5, 1).[71]In Meines Vaters Hause sind viele Wohnungen, und Ich will wiederkommen und euch zu Mir nehmen, auf daß ihr seid, wo Ich bin (Joh. 14, 2. 3).[72]Der Gerechte wird in der Höhe wohnen, und Felsen werden seine Feste und Schutz sein. Sein Brot wird ihm gegeben, sein Wasser hat er gewiß (Jes. 33, 16).
Fußnoten:
[59]Sie werden weder hungern noch dürsten, sie wird keine Hitze noch Sonne stechen; denn ihr Erbarmer wird sie führen und wird sie an die Wasserquellen leiten (Jes. 49, 10).
[59]Sie werden weder hungern noch dürsten, sie wird keine Hitze noch Sonne stechen; denn ihr Erbarmer wird sie führen und wird sie an die Wasserquellen leiten (Jes. 49, 10).
[60]Der Gottlosen Weg ist wie Dunkel; sie wissen nicht, wo sie fallen werden (Spr. 4, 19).
[60]Der Gottlosen Weg ist wie Dunkel; sie wissen nicht, wo sie fallen werden (Spr. 4, 19).
[61]Ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Gedenke, wovon du gefallen bist und tue Buße! So du nicht wirst wachen, werde Ich über dich kommen wie ein Dieb, und wirst nicht wissen, welche Stunde Ich über dich kommen werde (Offenb. 2, 4. 5; 3, 3).
[61]Ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Gedenke, wovon du gefallen bist und tue Buße! So du nicht wirst wachen, werde Ich über dich kommen wie ein Dieb, und wirst nicht wissen, welche Stunde Ich über dich kommen werde (Offenb. 2, 4. 5; 3, 3).
[62]Lasset uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasset uns wachen und nüchtern sein. Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts; wir aber, die wir des Tages sind, sollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung zur Seligkeit (1. Thess. 5, 6-8).
[62]Lasset uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasset uns wachen und nüchtern sein. Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts; wir aber, die wir des Tages sind, sollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung zur Seligkeit (1. Thess. 5, 6-8).
[63]Wie seid ihr so furchtsam? Wie, daß ihr keinen Glauben habt? (Mark. 4, 40.)
[63]Wie seid ihr so furchtsam? Wie, daß ihr keinen Glauben habt? (Mark. 4, 40.)
[64]Wo du den Gottlosen warnst und er sich nicht bekehrt von seinem gottlosen Wesen und Weg so wird er um seiner Sünde willen sterben; aber du hast deine Seele errettet (Hes. 3, 19).
[64]Wo du den Gottlosen warnst und er sich nicht bekehrt von seinem gottlosen Wesen und Weg so wird er um seiner Sünde willen sterben; aber du hast deine Seele errettet (Hes. 3, 19).
[65]Der Herr Zebaoth wird auf diesem Berg ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist (Jes. 25, 6).
[65]Der Herr Zebaoth wird auf diesem Berg ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist (Jes. 25, 6).
[66]Christus hat durch den Tod die Macht genommen dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist dem Teufel, und erlöste die, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mußten (Hebr. 2, 14. 15).
[66]Christus hat durch den Tod die Macht genommen dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist dem Teufel, und erlöste die, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mußten (Hebr. 2, 14. 15).
[67]Ihr wisset die Gnade unsers Herrn Jesus Christus, daß, ob Er wohl reich ist, ward Er doch arm um euretwillen, auf daß ihr durch Seine Armut reich würdet (2. Kor. 8, 9) und: Er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an; Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tod am Kreuz (Phil. 2, 7. 8).
[67]Ihr wisset die Gnade unsers Herrn Jesus Christus, daß, ob Er wohl reich ist, ward Er doch arm um euretwillen, auf daß ihr durch Seine Armut reich würdet (2. Kor. 8, 9) und: Er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an; Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tod am Kreuz (Phil. 2, 7. 8).
[68]Wo Ich bin, da soll Mein Diener auch sein (Joh. 12, 26).
[68]Wo Ich bin, da soll Mein Diener auch sein (Joh. 12, 26).
[69]Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus dem Kot, daß Er ihn setze unter die Fürsten und den Stuhl der Ehre erben lasse (1. Sam. 2, 8).
[69]Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus dem Kot, daß Er ihn setze unter die Fürsten und den Stuhl der Ehre erben lasse (1. Sam. 2, 8).
[70]Jesus Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor allen Kreaturen (Kol. 1, 15), welche Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist (Micha 5, 1).
[70]Jesus Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor allen Kreaturen (Kol. 1, 15), welche Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist (Micha 5, 1).
[71]In Meines Vaters Hause sind viele Wohnungen, und Ich will wiederkommen und euch zu Mir nehmen, auf daß ihr seid, wo Ich bin (Joh. 14, 2. 3).
[71]In Meines Vaters Hause sind viele Wohnungen, und Ich will wiederkommen und euch zu Mir nehmen, auf daß ihr seid, wo Ich bin (Joh. 14, 2. 3).
[72]Der Gerechte wird in der Höhe wohnen, und Felsen werden seine Feste und Schutz sein. Sein Brot wird ihm gegeben, sein Wasser hat er gewiß (Jes. 33, 16).
[72]Der Gerechte wird in der Höhe wohnen, und Felsen werden seine Feste und Schutz sein. Sein Brot wird ihm gegeben, sein Wasser hat er gewiß (Jes. 33, 16).