Kopfstück, Kapitel I, 7Siebtes Kapitel.Ein neuer Begleiter und die Gefahren an der Silbergrube.
Kopfstück, Kapitel I, 7
I
Ich sah nun in meinem Traum, daßChristnicht allein weiterzog, denn es gesellte sich einer zu ihm mit NamenHoffnungsvoll; das war er geworden durch die Beobachtung des stillen Duldens der beiden Pilger bei aller Schmach und Verfolgung, das männliche Bekenntnis desGetreu, das er im Angesicht des Todes ablegte. Und wie das Blut der Märtyrer immer der Same der Kirche gewesen ist, so erhoben sich aus der Asche desGetreuneue Bekenner des Herrn. Er schloß mitChristeinen Bruderbund und bot sich ihm zum Begleiter an, indem er versicherte, in kurzer Zeit würden ihm noch viele andre folgen.
Sie hatten erst eine kleine Strecke Weges zurückgelegt, als sie einen Mann einholten, der vor ihnen herging; er hießNebenwege. „Was für ein Landsmann bist du, lieber Herr?“ redeten sie ihn an, „und wohin geht deine Reise?“
„Ich komme aus der StadtSchönwortund bin auf dem Weg nach der himmlischen Stadt,“ erwiderte er, ohne aber seinen Namen zu nennen.
„AusSchönwort[104]?“ entgegnete Christ, „kann von dort auch etwas Gutes kommen?“
Nebenwege.Nun, das will ich meinen.
Christ.Bitte, wie soll ich dich denn anreden, mein Herr?
Nebenwege.Ich bin dir fremd, wie du es mir bist. Gehst du diesen Weg mit mir, so soll mir deine Gesellschaft lieb sein; wo nicht, muß ich mich auch zufrieden geben.
Christ.VonSchönwortmeine ich schon gehört zu haben; es soll, wie ich mich erinnere, ein wohlhabender Ort sein.
Nebenwege.Ja, das kann ich dir versichern, und ich habe dort manche reiche Verwandte.
Christ.Bitte, wer sind denn deine Verwandten dort, wenn ich fragen darf?
Nebenwege.O beinahe die ganze Stadt und insonderheit Herr vonRückwärts, Herr vonWetterfahne, Herr vonSchönwort, von dessen Ahnen die Stadt ihren Namen bekommen hat, ebenso HerrGlatt, HerrAchselträger, HerrAllerweltsfreundund unser Pfarrer, HerrZweizüngig, meiner Mutter Bruder; kurz und gerade heraus gesagt: ich bin ein Mann geworden von sehr gutem Stande, obschon mein Großvater nur ein Bootsmann war, der nach dem einen Ufer hinsah, wenn er nach dem andern ruderte, und auch mir selbst hat dieser Beruf den größten Teil meines Vermögens eingebracht.
Christ.Bist du verheiratet?
Nebenwege.Ja, und zwar habe ich eine sehr tugendreiche Frau. Sie ist die Tochter einer ebenfalls sehr tugendreichen Mutter, und ihre Großmutter war FrauFalschheit; sie stammt also aus einer sehr vornehmen Familie und hat einen so hohen Grad von Bildung erlangt, daß sie ebensogut mit Fürsten als mit Bauern umzugehen weiß. Unser Christentum ist allerdings nicht das strengste; allein dies zeigt sich nur in zwei nebensächlichen Punkten: Wir fahren niemals gegen Wind und Strom und sind immer nur dann eifrig, wenn das Christentum in silbernen Pantoffeln geht; wir bekennen uns dazu, wenn die Sonne scheint und alles Volk uns zujauchzt.
Christwendete sich zuHoffnungsvoll, indem er ihm zuflüsterte: „Es fällt mir ein, daß dies ein gewisserNebenwegevonSchönwortsein muß. Ist er es, so haben wir an ihm einen argen Schelm, wie’s nur einen in der ganzen Gegend geben kann.“
„Frage ihn doch,“ sagteHoffnungsvoll, „seines Namens sollte er sich ja nicht schämen.“
„Du redest ja,“ sagteChrist, sich wieder zu jenem wendend, „wie einer, der klüger ist als die ganze Welt. Trügt mich nicht alles, so meine ich dich zu kennen; bist du nicht HerrNebenwegeausSchönwort?“
Nebenwege.Dies ist nicht mein Name; allerdings werde ich spottweise von denen so genannt, die mich nicht leiden können; ich muß diese Schmach dulden wie viele gute Leute vor mir.
Christ.Hast du aber den Leuten nie Veranlassung gegeben, dich also zu heißen?
Nebenwege.Nein, niemals! Das einzige, was mir etwa einen solchen Schimpfnamen hätte zuziehen können, ist dies, daß ich so glücklich gewesen bin, in meinen Ansichten mit dem Geist der Zeit jedesmal übereinzustimmen, wodurch ich allerdings immer gewonnen habe. Was mir nun auf diese Weise zugefallen ist, sehe ich als einen Segen an; aber sicherlich sollten boshafte Menschen mich deswegen nicht mit Schmach belegen.
Christ.Dachte ich mir’s doch, daß du der Mann wärest, von dem ich habe reden hören; und, um dir meine Meinung offen zu gestehen, so fürchte ich, daß dieser Name bei dir mehr zutrifft, als du es wohl vor uns zugeben willst.
Nebenwege.Nun, bildest du dir dies ein, so kann ich nicht helfen; doch du wirst finden, daß ich ein guter Gefährte bin, willst du mich als solchen annehmen.
Christ.Wenn du mit uns gehen willst, mußt du gegen Wind und Wetter kämpfen, was, wie ich gemerkt, nicht deine Absicht ist. Du mußt dem Christentum ebenso treu bleiben, wenn es im Bettlergewand als wenn es in Silberpantoffeln einhergeht, und dich zu ihm halten, ob es in Ketten und Banden liegt oder ob die Menge des Volkes ihm auf der Straße zujauchzt.
Nebenwege.Du darfst mir nichts aufbürden und dich nicht zum Herrn aufwerfen über meinen Glauben. Laß mir meine Freiheit, und ich will mit euch gehen.
Christ.Nicht einen Schritt weiter, es sei denn, daß du unserm Beispiel folgst, wie ich es dir vorschlage.
Nebenwege.Meinen alten Grundsätzen gedenke ich nicht untreu zu werden, sind sie doch harmlos und vorteilhaft. Wollt ihr mich nicht mit euch ziehen lassen, so tue ich wie vorher und gehe allein, bis mich jemand einholt, der mit meiner Gesellschaft zufrieden ist.
Ich sah nun in meinem Traum, daßChristundHoffnungsvollihn verließen und in einiger Entfernung vor ihm hergingen. Als aber einer von ihnen sich umwandte, sah er, daß drei Männer dem HerrnNebenwegeeiligst nachkamen und ihn mit tiefer Verbeugung begrüßten, deren Gruß er mit gleicher Höflichkeit erwiderte. Die Namen dieser Männer waren: HerrHaltwelt, HerrGeldliebund HerrSparmann. Sie erkannten einander sogleich als Schulkameraden, denn sie waren miteinander bei einem gewissen HerrnGreifmannzur Schule gegangen, einem Schulmeister im MarktfleckenGewinnsuchtin der GrafschaftHabsucht, die im Norden liegt. Dieser Lehrer unterwies sie in der Kunst, etwas an sich zu raffen, es sei durch Gewalt oder durch Betrug oder Schmeichelei oder mit Lügen oder auch unter dem Schein, ein gutes Werk dabei zu tun. Und diese vier Herren hatten es in dieser Kunst ihres Lehrers selbst auch zur Meisterschaft gebracht, daß jeder von ihnen einer solchen Schule hätte vorstehen können.
Nach der gegenseitigen Begrüßung sprach HerrGeldliebzu HerrnNebenwege: „Wer sind diese vor uns?“ dennChristundHoffnungsvollgingen nur in geringer Entfernung voraus.
Nebenwege.Das sind entfernte Landsleute von uns, die auf ihre besondere Weise eine Pilgerreise machen.
Geldlieb.Ei, warum warten sie nicht auf uns, daß wir uns ihrer Gesellschaft hätten erfreuen können? Denn wir sind doch allesamt Pilgrime.
Nebenwege.Ja, das sind wir wohl; aber diese Männer sind so streng, sie hängen so sehr an ihren eigenen Begriffen; sie schätzen die Meinungen andrer so gering, daß sie den Allerbesten, wenn er nicht in allen Dingen mit ihnen übereinstimmt, aus ihrer Gesellschaft stoßen.
Sparmann.Das ist schlimm; wir lesen von gewissen Menschen, die allzu gerecht und deshalb so streng sind, daß sie alle verdammen, nur sich selbst nicht. Aber sage mir, in was für Punkten stimmtet ihr nicht überein?
Nebenwege.Nach ihrer schroffen Art meinen sie jedem Wetter Trotz bieten zu müssen; ich dagegen bin dafür, Wind und Wetter abzuwarten. Sie wollen für Gottes Sache alles wagen; ich suche jeden Vorteil zu benutzen, um Leben und Vermögen sicherzustellen. Sie halten an ihren Grundsätzenfest, und wenn sie alle Menschen gegen sich hätten; aber ich stelle mich in Religionssachen so, wie Zeit und Umstände und eigene Sicherheit es erfordern. Sie halten es mit dem Christentum auch im Bettlergewand und unter Verachtung; ich aber bekenne mich nur dann zu ihm, wenn es in goldenen Pantoffeln im Sonnenschein einhergeht und Beifall erntet.
Haltwelt.Ganz recht! Dabei bleibe nur, mein werter HerrNebenwege! Ich kann den nicht anders als für einen Toren erklären, der das, was er sich bewahren könnte, dennoch verliert. Laß uns klug sein wie die Schlangen! Heu muß man machen, solange die Sonne scheint. Im Winter liegt die Biene still; wenn die Blumen blühen, da regt sie sich. Gott schickt zuweilen Regen, zuweilen Sonnenschein. Sind sie töricht genug, im Regen zu wandern, so wollen wir auf günstiges Wetter warten. Ich muß gestehen, diejenige Religion ist mir die liebste, bei welcher wir die Gaben Gottes, mit denen Er uns gesegnet hat, bewahren können. Wer sich von seinem gesunden Menschenverstand leiten läßt, muß erkennen, daß Gott, da Er uns einmal die Güter dieses Lebens reichlich mitteilt, auch haben will, daß wir sie um Seinetwillen genießen sollen. Abraham und Salomo wurden reich bei ihrer Religion, und Hiob sagt, daß dem Gerechten Silber in Fülle zufallen soll (Hiob 22, 25, a. Übers.). Aber dann muß man nicht sein wie diese Männer, die du uns beschreibst.
Sparmann.Ich denke, wir sind hierüber alle einig und brauchen also kein Wort weiter zu verlieren.
Geldlieb.Nein, das brauchen wir nicht, denn wer weder der Schrift noch der Vernunft glaubt — und beide sind auf unsrer Seite —, der kennt weder seine Freiheit, noch sorgt er für sein Wohl.
Nebenwege.Meine Brüder, erlaubt mir, euch zur Verkürzung des Weges und zur Bewahrung vor allerlei Bösem eine Frage vorzulegen. Ich setze den Fall, ein Mann, sei es ein Geistlicher oder ein Geschäftsmann, sähe sich in die günstige Lage versetzt, irdischer Güter teilhaftig zu werden, könnte sie aber nicht anders erlangen, als daß er den Schein eines außerordentlichen Eifers für gewisse Punkte des Christentums annähme, die ihm sonst völlig gleichgültig wären; könnte er sich nicht dieses Mittels bedienen und dabei dennoch ein ehrlicher Mann bleiben?
Geldlieb.Ich sehe deiner Frage wohl auf den Grund, und es möge mir erlaubt sein, daß ich versuche, darauf eine gründliche Antwort zu geben. Zuerst in Hinsicht des Geistlichen. Stellt euch einen würdigen Mann vor, der nur ein sehr geringes Einkommen hat und sein Augenmerk deshalb auf eine fettere Pfründe richtet. Er hat Hoffnung, sie zu erlangen, jedoch nur so, daß er sein Amt eifriger verwalte, noch viel öfter und häufiger predige und der neuen Gemeinde zuliebe einige seiner Grundsätze aufgebe. Hier sehe ich in der Tat nicht, warum ein Mann, vorausgesetzt, daß er einen Ruf habe, nicht dies, ja noch weit mehr tun und dabei doch ein ehrlicher Mann bleiben könne, denn:
1. Sein Verlangen nach einem größern Einkommen ist gesetzmäßig; dies ist unwidersprechlich, denn die göttliche Vorsehung bietet es ihm dar. Darum mag er es zu erlangen suchen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen.
2. Sein Verlangen nach einem größern Einkommen macht ihn überdies zu einem fleißigern, eifrigern Prediger, also auch zu einem bessern Menschen, der seine Pflicht treuer erfüllt, was ja dem Willen Gottes vollkommen gemäß ist.
3. Wenn er seiner künftigen Gemeinde zuliebe einige seiner bisherigen Grundsätze aufgibt, so zeigt er ein großes Maß von Selbstverleugnung, ein einnehmendes, nachgiebiges Wesen, wodurch er offenbar desto geschickter zu seinem Amt wird.
4. Aus diesem allem schließe ich, daß ein Geistlicher, der ein kleines Einkommen mit einem größern vertauscht, deswegen nicht für gewinnsüchtig gelten kann. Im Gegenteil, da er sich dabei mehr vervollkommnet, muß er als ein solcher angesehen werden, der seiner Bestimmung treu bleibt und die Gelegenheit zum Guten ergreift, die Gott ihm darbietet.
Was nun den zweiten Teil der Frage betrifft, so denke man sich einen Geschäftsmann, der nur ein kleines Geschäft und kärgliches Auskommen hat, fände aber dadurch, daß er fromm würde, Gelegenheit, sein Geschäft auszudehnen, einflußreiche Freunde zu erwerben, vielleicht eine reiche Frau zu bekommen oder eine ausgedehntere, bessere Kundschaft für seinen Laden zu erlangen: dies könnte ich für durchaus zulässig erklären.
Hier meine Gründe:
1. Frömmigkeit, möge sie entspringen, woraus sie will, ist immer eine Tugend.
2. Es ist nicht gegen das Gesetz, eine reiche Frau zu nehmen oder sich um bessere Kunden zu bemühen.
3. Erlangt er dies durch Frommwerden, so erlangt er etwas Gutes durch Gutes, indem er selbst gut wird. So hat er dann eine gute Frau, gute Kunden und guten Gewinn, und zwar infolge seiner Frömmigkeit. Wer könnte dies für etwas andres als für ein rechtes, Gott wohlgefälliges Streben halten?
Mit allgemeinem Beifall nahm man HerrnGeldliebsso gründliche Antwort auf die Frage des HerrnNebenwegeauf. Sie kamen dadurch zu dem Schluß, so zu handeln, sei sehr weise und vorteilhaft. Diese Antwort schien auch allen unwiderleglich zu sein, so beschlossen sie, daChristundHoffnungsvollnoch nicht allzuweit voraus waren, sich sogleich mit dieser Frage an sie zu machen, sobald sie sie würden eingeholt haben, und das um so mehr, da sie HerrnNebenwegefrüher widersprochen hatten. So riefen sie ihnen nach, und jene blieben stehen, bis sie zu ihnen kamen. Unterdessen beschlossen die Nachkommenden, daß nicht HerrNebenwege, sondern der alte HerrHaltweltihnen die Frage vorlegen sollte, weil sie fürchteten, die Besprechung würde, wenn sie HerrNebenwegeführte, eine zu erregte werden.
So kamen sie denn heran, und nach kurzer Begrüßung legte HerrHaltweltChristund seinem Gefährten die Frage vor und forderte sie auf, wenn sie könnten, darauf zu antworten.
Christ.Selbst ein Anfänger im wahren Christentum kann tausend solcher Fragen beantworten. Soll man Christus nicht um des Brotes willen nachfolgen[105], wie dies doch offenbar ist, so ist es ja wahrhaft abscheulich, Ihn als Larve vorzunehmen, um die Welt zu gewinnen. Auch ist nie jemand dieser Meinung gewesen als Heiden, Heuchler, Teufel und Zauberer.
1.Heiden.Die Heiden Hemor und Sichem hatten ihre Augen auf die Töchter und das Vieh des Patriarchen Jakob geworfen. Da sie dies unter keiner andern Bedingung erlangen konnten, als daß sie die Beschneidung annahmen, sosagten sie zu ihren Volksgenossen: „Wenn wir alles, was männlich unter uns ist, beschneiden, gleichwie sie beschnitten sind, so wird ihr Vieh und ihre Güter und alles, was sie haben, unser sein.“ Töchter und Vieh wollten sie haben: die Religion sollte nur das Mittel sein, dazu zu gelangen. (Lies 1. Mose 34, 20-24.)
2.Heuchler.Die heuchlerischen Pharisäer waren derselben Religion zugetan. Sie wendeten lange Gebete vor und fraßen dabei der Witwen Häuser. Ihr Lohn war desto schwerere Verdammnis (Luk. 20, 47).
3.Teufel.Judas, den der Herr einen Teufel nannte (Joh. 6, 70), hatte denselben Sinn. Er war fromm um des Beutels willen, den er trug; aber er wurde verworfen als ein Kind des Verderbens.
4. Ebenso Simon derZauberer, der die Gabe des Heiligen Geistes um schnöden Gewinnes willen begehrte; das Urteil aber aus des Petrus Mund über ihn war: „Daß du verdammt werdest mit deinem Geld!“ (Apostelg. 8, 18-23).
5. Auch kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß der Mensch, welcher um irdischer Vorteile willen fromm wird, ebenso um irdischer Vorteile willen der Frömmigkeit wieder entsagt. Wie Judas die Welt liebte, als er ein Bekenner Christi wurde, ebenso verkaufte er hernach seine Frömmigkeit und seinen Herrn und Meister um der Welt willen. Wer also diese Frage bejaht, wie ihr getan habt, und wer jene Antwort als gültig anerkennt, der ist heidnisch, heuchlerisch, ja teuflisch gesinnt; und euer Lohn wird sein nach euren Werken.
Bei dieser Antwort sahen sie einander mit sichtbarer Bestürzung an und konnten kein Wort darauf finden.HoffnungsvollstimmteChristvollkommen bei, und so entstand eine große Stille unter ihnen. HerrNebenwegeund seine Genossen wußten nun keinen andern Rat, als langsamer zu gehen, um der unangenehmen Gesellschaft loszuwerden.
„Verstummen diese Männer,“ sagteChristzu seinem Gefährten, „schon vor dem Urteil der Menschen, die doch Erde und Asche sind, wie wollen sie vor dem Richterspruch Gottes bestehen, der ein verzehrendes Feuer ist?“
ChristundHoffnungsvolleilten nun voraus, und in kurzer Frist erreichten sie ein angenehmes Gefilde namensRuhe, wo es den Pilgrimen innig wohl ward. Aber dieseEbene war sehr schmal, so daß sie geschwind darüber waren. Nun war am Ausgang des Gefildes ein kleiner Hügel, den manGewinnhieß, und in dem Hügel eineSilbergrube. Viele Pilgrime, die vor ihnen des Weges gekommen waren, hatten sich nach dem Hügel hinlocken lassen, um die Silbergrube zu sehen, denn es war eine Seltenheit. Als sie sich aber zu nahe an den Rand des Schachtes gewagt hatten, war der betrügliche Grund unter ihren Füßen gewichen, und sie waren rettungslos in die unergründliche Tiefe hinabgestürzt. Andre wurden hier wenigstens so gelähmt, daß sie ihr Leben lang nicht wieder zu rechter Kraft kommen konnten.
Ich sah dann in meinem Traum, daß ein wenig vom Weg ab, der Silbergrube gegenüber, einer namensDemas[106]stand, gleich einem vornehmen Herrn, der die Vorübergehenden einlud, herzukommen und zu sehen.
„Kommt herüber,“ rief er auchChristundHoffnungsvollzu, „ich habe euch etwas zu zeigen!“
„Was ist denn dort so Bedeutendes,“ antworteteChrist, „um uns von dem Wege nach Zion abwenden zu können?“
Demas.Hier ist ein Silberbergwerk und Leute, die darin nach Schätzen graben: hier könnt ihr mit wenig Mühe euch reich machen!
Hoffnungsvoll.Komm, FreundChrist, wir wollen hingehen und es uns ansehen!
Christ.Ich komme nicht; ich habe früher schon viel von diesem Ort gehört und weiß, daß ihrer viele da ums Leben gekommen sind. Dazu ist der Reichtum nur ein Fallstrick für die, die ihm nachjagen, und ist sehr hinderlich auf der Pilgerreise[107].
Da riefChristdemDemaszu: „Ist dieser Ort nicht gefährlich? Ist er nicht schon manchem ein Hindernis auf seiner Pilgerfahrt geworden[108]?“
„Man muß sich nur vorsehen,“ entgegneteDemas, indem er errötete.
„Nicht um einen Schritt,“ sagteChrist, „wollen wir uns der Silbermine nähern, sondern still unsern Weg fortsetzen.“
Hoffnungsvoll.Was gilt’s! wennNebenwegekommt und dieselbe Einladung erhält, so wird er sich gewiß verführen lassen, dahin zu gehen, um zu sehen.
Christ.Ohne Zweifel; denn seine Grundsätze stimmen zu dem Weg, und ich fürchte sehr für ihn.
Demasrief ihnen nun nochmals zu: „Wollt ihr denn nicht herüberkommen, um die herrlichen Dinge zu sehen?“
Christaber antwortete ihm rund heraus: „Du bist ein Feind der rechten Wege des Herrn; du bist deines Abfalls wegen schon gerichtet, warum willst du uns in gleiche Verdammnis stürzen? Wenden wir uns jetzt vom Wege ab, so werden wir einst vor dem Herrn, unserm König, mit Schanden dastehen müssen, wo wir doch mit Freudigkeit vor Ihm erscheinen sollten.“
„Ei,“ beteuerteDemas, „ich bin ja euer Bruder. Wartet ein wenig, so will ich mit euch gehen!“
„Wie heißest du?“ fragteChrist. „Bist du nichtDemas?“
Demas.Ja, ich bin es, aber ich bin Abrahams Sohn.
Christ.Ich kenne dich wohl. Gehasi ist dein Urgroßvater gewesen (lies 2. Kön. 5, 20-27) und Judas dein Vater, und du bist in ihre Fußtapfen getreten. Deine Worte sind nichts als teuflischer Trug. Dein Vater hat als ein Verräter am Strang geendet, und du verdienst kein besseres Los. Sei versichert, wenn wir zum König kommen, dann werden wir Ihm von deinem Verhalten Nachricht geben.
Und so zogen sie ihres Weges weiter.
Indessen warNebenwegemit seinen Genossen nachgekommen, und auf den ersten Wink gingen sie sämtlich zuDemashinüber. Ob sie nun in den Schacht gestürzt sind, als sie über dessen Rand blickten, oder ob sie hinabgestiegen sind, um nach Schätzen zu graben, oder ob sie durch die gewöhnlich aufsteigenden Dämpfe erstickt wurden — ich weiß es nicht, aber sie alle haben den Weg nach Zion nie wieder betreten.
Christhob an zu singen:
Was ist die Erde mit ihren vergänglichen Schätzen?Seelen voll himmlischen Hungers und Durstes zu letzen,Sind sie zu klein, Göttliche Güter alleinKönnen uns dauernd ergötzen.
Was ist die Erde mit ihren vergänglichen Schätzen?Seelen voll himmlischen Hungers und Durstes zu letzen,Sind sie zu klein, Göttliche Güter alleinKönnen uns dauernd ergötzen.
Was ist die Erde mit ihren vergänglichen Schätzen?Seelen voll himmlischen Hungers und Durstes zu letzen,Sind sie zu klein, Göttliche Güter alleinKönnen uns dauernd ergötzen.
Was ist die Erde mit ihren vergänglichen Schätzen?
Seelen voll himmlischen Hungers und Durstes zu letzen,
Sind sie zu klein, Göttliche Güter allein
Können uns dauernd ergötzen.
Auf der andern Seite dieses Gefildes angekommen, sahen die Pilger hart an der Straße ein altes Denkmal stehen vonseltsamer Gestalt. Es schien eine Frau zu sein, die in die Gestalt einer Säule verwandelt war. Sie blieben davor stehen und betrachteten es lange, ohne seine Bedeutung zu erraten. Endlich entdeckteHoffnungsvollganz oben eine Inschrift von ungewöhnlicher Schreibart. Da er aber kein Gelehrter war, so rief erChrist(denn dieser war ein Gelehrter) herbei, doch einmal zuzusehen, ob er nicht diese Schriftzeichen entziffern könnte.Christkam, und nachdem er ein wenig buchstabiert hatte, las er folgende Worte: „Gedenket an Lots Weib!“ (Luk. 17, 32.)
Nun erkannten sie, daß das die Salzsäule wäre, in welche Lots Weib verwandelt worden, weil sie mit begierigem Herzen nach Sodom zurückgeblickt hatte, daraus sie zu ihrer Errettung floh (1. Mos. 19, 26).
„O mein Bruder,“ riefChristbewegt aus, „ist das Auffinden der Salzsäule gerade jetzt nach desDemasEinladung, den HügelGewinnzu besehen, nicht eine wunderbare Fügung! Wären wir seiner Lockung gefolgt, wie du wolltest: wir wären ebenso wie dieses Weib zu einem warnenden Denkmal geworden.“
Mit tiefer Beschämung sprachHoffnungsvoll: „Ich erkenne meine große Torheit, und ich muß die Gnade des Herrn preisen, der mich nicht hingab in meines Herzens Gelüste und die Strafe noch aufschob, die ich ebensowohl wie dieses Weib verdient habe.“
„Wir wollen es unserm Herzen tief einprägen, was wir hier sehen,“ sagteChrist. „Dieses Weib entging einem Strafgericht, denn sie kam nicht in Sodom um; aber sie fiel in ein andres, denn sie wurde, wie wir sehen, in eine Salzsäule verwandelt.“
„Ja,“ versetzteHoffnungsvoll, „sie soll uns ein warnendes Beispiel der göttlichen Strafgerichte sein. Gleicherweise wurden Korah, Dathan und Abiram mit den 250 Männern, die mit ihnen in ihrer Sünde umkamen, zu einem warnenden Zeichen (4. Mos. 26, 9. 10). Aber wie können nur Demas und seine Gefährten so ruhig nach diesen Schätzen suchen, da dieses Weib, weil sie nach ihren Gütern bloß zurückblickte (denn wir lesen nicht, daß sie auch nur einen Schritt vom Wege abwich), in eine Salzsäule verwandelt worden ist? Zumal da sie dieses Denkmal sehen müssen, sobald sie nur ihre Augen aufheben.“
„Allerdings,“ erwiderteChrist, „muß man sich darüber verwundern. Ihr Herz ist schon ganz verhärtet, und ich weiß sie mit nichts anderm zu vergleichen als mit Dieben, die selbst noch vor den Augen des Richters, ja unter dem Galgen stehlen. Von den Einwohnern zu Sodom wird gesagt, daß sie böse waren und sehr wider den Herrn sündigten. Und o wie gütig war Er gegen diese Menschen gewesen! Das Land war ja vor der Zerstörung gleich einem Garten des Herrn. Darum entbrannte Sein Zorn desto furchtbarer, und Er ließ Feuer und Schwefel auf sie herabregnen. So werden alle, die angesichts solch warnender Beispiele in ihren Sünden fortfahren, ein desto schwereres Gericht empfangen.“
Hoffnungsvoll.Du hast ohne Zweifel die Wahrheit gesagt, und o welche Gnade ist es, daß wir, besonders aber ich, nicht selbst ein solches Denkmal des göttlichen Zorns geworden sind! Wir wollen nicht aufhören, Gott dafür zu danken, in Seiner Furcht zu wandeln und allewege an Lots Weib zu denken.
Ringe recht, wenn Gottes GnadeDich nun ziehet und bekehrt,Daß dein Geist sich ganz entladeVon der Last, die ihn beschwert.Nimm mit Furcht ja deiner Seele,Deines Heils mit Zittern wahr;Denn des Weges zu verfehlen,Schwebst du stündlich in Gefahr.Liegt nicht alle Welt im Bösen?Steht nicht Sodom in der Glut?Seele, wer soll dich erlösen?Eilen, eilen ist hier gut.Eile, wo du dich errettenUnd nicht mit verderben willst;Mach dich los von allen Ketten,Flieh als ein gejagtes Wild!Lauf der Welt doch aus den Händen,Dring ins stille Zoar ein; (1. Mos. 19, 22. 23)Eil, den Lauf wohl zu vollenden,Mache dich von allem rein!
Ringe recht, wenn Gottes GnadeDich nun ziehet und bekehrt,Daß dein Geist sich ganz entladeVon der Last, die ihn beschwert.Nimm mit Furcht ja deiner Seele,Deines Heils mit Zittern wahr;Denn des Weges zu verfehlen,Schwebst du stündlich in Gefahr.Liegt nicht alle Welt im Bösen?Steht nicht Sodom in der Glut?Seele, wer soll dich erlösen?Eilen, eilen ist hier gut.Eile, wo du dich errettenUnd nicht mit verderben willst;Mach dich los von allen Ketten,Flieh als ein gejagtes Wild!Lauf der Welt doch aus den Händen,Dring ins stille Zoar ein; (1. Mos. 19, 22. 23)Eil, den Lauf wohl zu vollenden,Mache dich von allem rein!
Ringe recht, wenn Gottes GnadeDich nun ziehet und bekehrt,Daß dein Geist sich ganz entladeVon der Last, die ihn beschwert.
Ringe recht, wenn Gottes Gnade
Dich nun ziehet und bekehrt,
Daß dein Geist sich ganz entlade
Von der Last, die ihn beschwert.
Nimm mit Furcht ja deiner Seele,Deines Heils mit Zittern wahr;Denn des Weges zu verfehlen,Schwebst du stündlich in Gefahr.
Nimm mit Furcht ja deiner Seele,
Deines Heils mit Zittern wahr;
Denn des Weges zu verfehlen,
Schwebst du stündlich in Gefahr.
Liegt nicht alle Welt im Bösen?Steht nicht Sodom in der Glut?Seele, wer soll dich erlösen?Eilen, eilen ist hier gut.
Liegt nicht alle Welt im Bösen?
Steht nicht Sodom in der Glut?
Seele, wer soll dich erlösen?
Eilen, eilen ist hier gut.
Eile, wo du dich errettenUnd nicht mit verderben willst;Mach dich los von allen Ketten,Flieh als ein gejagtes Wild!
Eile, wo du dich erretten
Und nicht mit verderben willst;
Mach dich los von allen Ketten,
Flieh als ein gejagtes Wild!
Lauf der Welt doch aus den Händen,Dring ins stille Zoar ein; (1. Mos. 19, 22. 23)Eil, den Lauf wohl zu vollenden,Mache dich von allem rein!
Lauf der Welt doch aus den Händen,
Dring ins stille Zoar ein; (1. Mos. 19, 22. 23)
Eil, den Lauf wohl zu vollenden,
Mache dich von allem rein!
Fußnoten:[104]Wenn er seine Stimme holdselig macht, so glaube ihm nicht; denn es sind sieben Greuel in seinem Herzen (Spr. 26, 25).[105]Jesus sprach zu dem Volk, das Ihm nachfolgte: Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch, ihr suchet Mich darum, weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Bemühet euch nicht um vergängliche Speise, sondern um die, welche bleibt zum ewigen Leben, die der Menschensohn euch geben wird (Joh. 6, 26. 27, a. Übers.).[106]Der Apostel Paulus schreibt: Demas hat mich verlassen und diese Welt liebgewonnen (2. Tim. 4, 10).[107]Die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und viel törichte und schädliche Lüste, welche versenken die Menschen ins Verderben und Verdammnis (1. Tim. 6, 9).[108]Das unter die Dornen gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort Gottes hört, und der Betrug des Reichtums erstickt das Wort, und er bringt nicht Frucht (Matth. 13, 22).
Fußnoten:
[104]Wenn er seine Stimme holdselig macht, so glaube ihm nicht; denn es sind sieben Greuel in seinem Herzen (Spr. 26, 25).
[104]Wenn er seine Stimme holdselig macht, so glaube ihm nicht; denn es sind sieben Greuel in seinem Herzen (Spr. 26, 25).
[105]Jesus sprach zu dem Volk, das Ihm nachfolgte: Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch, ihr suchet Mich darum, weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Bemühet euch nicht um vergängliche Speise, sondern um die, welche bleibt zum ewigen Leben, die der Menschensohn euch geben wird (Joh. 6, 26. 27, a. Übers.).
[105]Jesus sprach zu dem Volk, das Ihm nachfolgte: Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch, ihr suchet Mich darum, weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Bemühet euch nicht um vergängliche Speise, sondern um die, welche bleibt zum ewigen Leben, die der Menschensohn euch geben wird (Joh. 6, 26. 27, a. Übers.).
[106]Der Apostel Paulus schreibt: Demas hat mich verlassen und diese Welt liebgewonnen (2. Tim. 4, 10).
[106]Der Apostel Paulus schreibt: Demas hat mich verlassen und diese Welt liebgewonnen (2. Tim. 4, 10).
[107]Die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und viel törichte und schädliche Lüste, welche versenken die Menschen ins Verderben und Verdammnis (1. Tim. 6, 9).
[107]Die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und viel törichte und schädliche Lüste, welche versenken die Menschen ins Verderben und Verdammnis (1. Tim. 6, 9).
[108]Das unter die Dornen gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort Gottes hört, und der Betrug des Reichtums erstickt das Wort, und er bringt nicht Frucht (Matth. 13, 22).
[108]Das unter die Dornen gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort Gottes hört, und der Betrug des Reichtums erstickt das Wort, und er bringt nicht Frucht (Matth. 13, 22).
Schlussvignette, Kapitel I, 7