Berggeistchens Talfahrt.
Auf den höchsten Höhen des Gebirges, dort, wo ewiger Schnee und ewiges Eis leuchten, herrscht der Berggeist. Kein menschliches Auge hat ihn je gesehen, aber die Bäche, die von dort oben mit Donnergepolter heruntertosen, die erzählen, daß er einen langen, silberweißen Bart hat und sein Gewand so grau ist wie das älteste Gestein. Auf dem Haupte trägt er eine Krone von leuchtenden Bergkrystallen. Er regiert dort oben über Wetter und Winde, über Blitz und Donner. Und damit er seinen Willen weithin über alle Gipfel kund tuen kann, hat er unter sich viele, viele kleine, drollige Berggeistchen, die müssen für ihn laufen und springen. Müssen das Echo wecken,wenn es eingeschlafen ist und die breiten, schimmernden Nebeltücher hin und her ziehen, vor die Sonne und wieder zurück, ganz wie der alte Berggeist befiehlt.
Sie haben einen strengen Dienst, die Kleinen, und wenig Zeit für ihre eigenen Späßchen und Vergnügungen. Am meisten freut es sie, wenn sie Schneebälle den Berg hinuntertrudeln lassen dürfen. Die machen dabei so lustige Hopser und Sprünge und werden im Hinabrollen größer und größer, bis sie so groß sind, wie ein Haus. Dann stürzen sie mit Donnergepolter ins Tal hinab und nehmen dabei Felsen und Bäume mit. Die Menschen nennen einen solchen Riesenschneeball Lawine und haben große Angst davor. Nun war einmal unter der Schar der Berggeistchen ein besonders pfiffiger und lustiger. Dem wurde es bei der vielen Arbeit und dem ewigen Hin- und Herlaufen zu langweilig. Besonders seit er einmal ein Menschenpaar gesehen hatte, das mit Eispickel und Stöcken bewaffnet, jubelnd und jauchzend auf der allerhöchsten Bergspitze gestanden war. Da packte ihn die Sehnsucht, mehr von der Welt zu sehen als nur die öden Gebirgshöhen. Er wollte in das Tal hinab, woher die lustigen Menschengekommen waren. Aber wie sollte er das anfangen?
Er wußte sehr gut, daß es streng verboten war, die Grenze des Bergreiches zu überschreiten. Auch kannte er wohl das Heer von alten Steinböcken, die dort ringsum aufgestellt waren, um Wache zu halten. Vor denen hatte er große Furcht.
Wenn Ihr im zoologischen Garten einen Steinbock gesehen habt, werdet Ihr es verstehen. Wie ein sehr strenger, würdiger Geheimer-Ober-Schulrat sieht er aus und daß man vor dem sich fürchtet, das wißt Ihr wohl. – Berggeistchen überlegte hin und her, wie es seine Talfahrt am besten machen könne. Endlich fiel ihm etwas ein. Es setzte sich auf den Erdboden, nahm einen großen Fichtenzweig in beide Hände, so daß derselbe ihn ganz und gar verdeckte und rutschte so, heidi, den Berg hinab. Beinah wäre die Talfahrt gelungen, aber leider nur beinah.
Als die alten Ober-Schulräte, ich meine die Steinböcke, den rutschenden Zweig sahen, dachten sie sich erst nichts dabei. Dann kam es ihnen wohl in den Sinn, daß die Abfahrt desselben merkwürdiggeschwind vor sich ging. Schnell hoppelten sie herbei, hielten den struppigen, grünen Wanderer an und erblickten darunter Berggeistlein. Da wurden sie sehr, sehr böse auf den Ausreißer, grommelten in ihre Bärte hinein und jagten den beschämten Kleinen schnell wieder den Berg hinauf.
Nun war ihm alle Lust zur Talfahrt vergangen. Nun lebte er wieder tagaus, tagein so, wie der alte Berggeist es verlangte: weckte das Echo, zog die Nebelvorhänge hin und her und putzte die blanken Gletscherfirnen, bis sie weithin leuchteten. Da erschien eines Tages eine Schar junger Männer und junger Mädchen auf dem Berge. Die lachten und jubelten und sangen, daß es eine Lust war. Sie zündeten ein großes Feuer an und tanzten im Scheine desselben. Berggeistchen stand hinter einem Felsen und sah das alles und sein Herz klopfte laut vor Aufregung. »So lustig sind die Menschen! Und sie singen so schön. Und so schöne rote Flammen können sie machen, um sich daran zu wärmen! Wir hier oben müssen immer warten, bis die Sonne so gnädig ist, uns auf dem Pelz zu scheinen.« So dachte Berggeistchen und ging nun wieder nur mit dem Gedankenum, wie es unbemerkt durchwitschen und zu den lustigen Menschen ins Tal kommen könnte.
Endlich hatte es einen guten Einfall. Es rollte sich so lange im dicken Schnee herum, bis der ihn ganz und gar einwickelte und kullerte nun als kleine Lawine den Berg hinab. Erst ging's sehr schön, dann aber wurde ihm himmelangst, es bekam keine Luft mehr. »Was wird denn das?« stöhnte es noch, dann wußte es von nichts mehr und wäre um ein Haar erstickt. Zum Glück rollte der große Schneeball gegen einen dicken Baum, zerschellte und wie in einer weißen Eierschale lag Berggeistchen darinnen. Erst rührte es sich nicht, als wär's gestorben. Aber bald kam Leben in den lustigen Kerl. Sein Näschen, das ganz weiß gewesen war, färbte sich wieder rot. Er schlug die Augen auf, sah sich erstaunt um und sagte betrübt: »Wieder nix!« Dann klopfte er sich den Schnee ab und stieg seinen Berg wieder hinauf.
Nun grübelte er aber erst recht. »Beinah' wäre die Reise gelungen – nur an der Luft hat mir's gefehlt,« überlegte er. »Das muß doch zu ändern sein!« Er war ein findiger Kopf. Schon am nächsten Tage wußte er, wie 's zu machen war. Er suchte sich einen gänzlich hohlen Baumstamm,der am Boden lag. Den nahm er mit in seine Lawine, so daß er als Schornstein an der Seite herausragte. Durch den bekam er Luft und fuhr nun lustig zu Tale, und als er an der alten Steinbock-Grenzwache vorübersauste, da sprangen die würdigen Herren ängstlich auf die Seite und schüttelten die Köpfe: »Bei dem Wetter eine Lawine und solch ein langer Baum darin, merkwürdig!« sagten sie.
Berggeistchen machte ihnen in Gedanken eine schöne »lange Nase«. In Wirklichkeit konnte er sie ja nicht machen – dazu war's in seinem Gefängnis von Schnee viel zu eng. Es rollte – rollte – rollte – rollte – endlich lag es ganz still. »Nun bin ich angelangt!« dachte voll Freuden der kleine Reisende und allsogleich fing er an, mit Händen und Füßen zu stoßen und zu strampeln. Die Schneehülle barst und Geistchen lag im Sonnenschein auf einer schönen grünen Wiese. Schnell sprang es auf und schüttelte sich und trappelte emsig hin und her, denn es war recht verfroren und auch im Magen war's ihm sonderbar zumute. Der verträgt es eben nicht, in eine rollende Lawine verpackt zu sein. Dann sah Geistlein sich rings um und holte tief Atem, aber die Luftschmeckte ihm nun gleich gar nicht. Die schmeckte ganz genau wie der Dampf, der aufstieg, wenn oben auf der Höhe die Sonne recht lange auf ein nasses Fleckchen Erde geschienen hatte. Schnell lief der Kleine weiter, weil er meinte, an einer anderen Stelle würde die Luft wieder schön klar und frisch sein, so wie er's gewohnt war. Aber er täuschte sich. Im Tale weht eben keine Bergluft. Er schnappte und schnappte und warf einen sehnsüchtigen Blick hinauf zu den schimmernden Gipfeln. Da kam ein Mann des Weges daher in prächtigen Kleidern. In der Hand trug er ein Stöcklein mit einem großen goldenen Knopf daran. »Aha«, dachte Geistlein, »nun wird's lustig,« lief dem Herrn entgegen, verneigte sich und rief: »Grüß Gott, Mensch!« Der aber sah ihn erst gar nicht an, stieß mit dem Stock heftig auf den Boden und brummelte: »Tölpel«.
»Nanu«, sagte Geistchen und blickte dem Brummbären bestürzt nach. Es wußte eben nicht, daß es eine schwere Beleidigung ist, einen Erdenbürger mit »Mensch« anzureden. Nachdenklich schlich der Kleine weiter und kam in die Nähe von Wohnhäusern. »Oh, wie still ist's hier,« seufzte er. »Da brennt kein schönes, rotes Feuer, da lachtniemand, da singt niemand und doch laufen genug Leute herum.«
Doch endlich, hinter der Hecke, da wurde gesungen und gejauchzt, aber wie anders klang es als damals oben auf dem Berge, und als Geistchen genau hinsah, prallte es erschrocken zurück. Gar nicht froh und lustig sahen die Menschen aus, nein, eher böse. Und sie schlugen mit den Fäusten auf den Tisch, daß es knallte, und hatten wilde, rote Gesichter.
Schnell lief es weiter. Als es dämmerig wurde, verkroch es sich in ein Haus und versteckte sich im Zimmer in der dunklen Ecke hinter dem Kleiderschranke. Im Zimmer war es still. Eine Frau nähte und seufzte dabei und ein Mann las stirnrunzelnd in einem Buche. Zwei Kinder stießen und pufften sich heimlich mit den Füßen, daß die Eltern es nicht sahen. Und Geistchen fror viel, viel mehr als es je auf seinem Berge gefroren hatte. Wohl entdeckte es, daß die Leute Feuer hatten, aber es war gar nicht lustig.
Es war eingesperrt in einen großen steinernen Kasten und streckte nur hin und wieder ein dünnes, rotes Fingerlein durch die schwarze Gittertüre. Und die Menschen froren wohl auch, dennsie sahen so griesgrämig aus und gaben sich gegenseitig kein gutes Wort. »Das sind doch nicht dieselben Menschen, die bei uns oben waren!« flüsterte Geistchen in seiner Ecke und schüttelte den Kopf. Dann hockte es sich auf den Boden, aß einen Apfel, den es im Sack hatte, und schlief ein. Am Morgen schlüpfte es unbemerkt aus dem Hause und ging weiter auf die Suche nach seinen Menschen, den frohen, glücklichen. Er fand sie nicht. Daß sie zu ihm nicht freundlich waren, kam wohl daher, daß sie ihn nicht kannten. Aber, warum waren sie untereinander so fremd und kalt? Woher kam das nur? Daß sie sich bei jedem Wort so erstaunt ansahen, als verständen sie sich nicht. Woher kam das nur? Das mußte es erfahren. Es versuchte nun, sich selber den Menschen zu nähern. Leise schlich es sich an ein junges, schönes Mädchen heran, ganz, ganz dicht – und prallte zurück. An etwas Festes, ganz Durchsichtiges rührte seine Hand – von dem Mädchen spürte es nichts. Ebenso erging es ihm bei den jungen Burschen, den Kindern und Frauen. Es war da etwas, das man nicht sah um jeden Menschen herum, das man nur fühlte und das es unmöglich machte, sich ihm richtig, herzlich zu nähern.
Unter einem blühenden Baume stand eine junge Frau mit einem Kindchen auf dem Arme – die sah glückselig aus und lächelte Geistchen freundlich an. Da faßte es sich ein Herz und sprang frisch und frank auf die Frau zu, um ihr an den Hals zu fliegen. Aber – oh weh, auch hier prallte es zurück, fiel auf den Rücken und hielt sich die Nase, die es sich übel gestoßen hatte. Nun sah es näher hin und bemerkte – eine dünne, dünne Wand von Glas umgab rings die Frau. Nun wußte er's – die Menschen in dem Tale lebten jeder ganz für sich allein unter einer feinen undurchdringlichen Glasglocke – darum sahen sie so unglücklich aus. Nur die jungen Mütter hatten ihre ganz, ganz kleinen Kinder mit unter ihrer Glocke, und darum waren sie die einzigen Menschen in dem stillen Tale, die nicht einsam und die darum glücklich waren.
Nein, in dem Tale konnte es Berggeistchen wahrlich nicht gefallen. Zum Glück war dertaubeKräutersepp grade auch unten am Waldesrand. Dem kroch er heimlich, als derselbe schlief, in den Korb, den er immer auf dem Rücken trug, und ließ sich so wieder, ungesehen von deralten Steinbockwache, hinauf auf seinen Berg tragen.
Mit einemlauten»Gottseidank« sprang er oben aus der Kiepe, so daß den alten Kräutersepp, der ja von nichts ahnte, beinah vor Schrecken der Schlag gerührt hätte.
Nun tut Geistchen freudig seine Arbeit.
Nach dem Tale der armen einsamen Menschen spürt es keine Sehnsucht mehr.