Das Licht vom Himmel.

Das Licht vom Himmel.

Tief unten im Keller eines großen, düsteren Hauses lebte ein alter Schuster mit seiner lahmen Frau. Tag für Tag hörte man aus dem niedrigen Fenster das Pochen seines Hammers, mit dem er in die Sohlen der vielen großen und kleinen, groben und feinen Stiefel und Schuhe kleine Holznägel schlug. Sonst aber war es mäuschenstill im Zimmer, denn die alte Frau war leider viel zu schwach, um laut reden zu können, und der Vogel, der im verrosteten Bauer an der Wand hing, war schon vor Jahren einmal plötzlich tot von der Stange gefallen und saß nun schon lange leblos und mit Werg ausgestopft neben dem leeren Futternapf.Am Schnabel war ihm ein Federchen lose geworden und stand lustig und frech in die Luft. Das sah so aus, als wenn das Vöglein lachte, aber es sah wirklich nur so aus. Zum Lachen gab es ja nichts in dem dunklen Stübchen und auch draußen vor dem Fenster nicht. Früher hatte wenigstens gegen Abend die liebe Sonne durch dasselbe hineingeschienen. Aber das war nun auch schon lange vorbei, denn auf der anderen Seite der Gasse hatte man ein hohes Haus mit fünf Stockwerken gebaut und dieses nahm alle Strahlen der Abendsonne für sich selber und ließ keinen einzigen für den armen Schuster und seine Frau übrig.

Nun hätte der gute Alte gewiß auch für sein weniges Geld ein helleres Zimmer bekommen, aber seine liebe Frau begann sofort zu weinen, wenn er davon sprach, sie in ein anderes Haus zu bringen. »Laß mich hier sterben, lieber Mann,« sprach sie. »Ja diesem Zimmer, in dem wir jung und glücklich waren. In dem unsere lieben Kinderchen geboren wurden.« Dann versprach er, ihren Wunsch zu erfüllen, aber sehr, sehr schwer wurde es ihm, in dem auch bei Tage fast ganz düsteren Raum zu arbeiten. Oft rieb er sich dieAugen und seufzte leise, wenn es gar nicht mehr gehen wollte, oder er schlich sich vor die Haustüre und blickte sehnsüchtig zu dem hellen Himmel auf, der, ach, so hoch und fern über ihm war. Abends, bevor er die ärmliche Lampe anzündete, ging er regelmäßig ein wenig vors Haus, um die reine Abendluft einzuatmen.

So stand er wieder einmal in der stillen Straße, über sich den herrlichen Nachthimmel, der von Millionen Sternen blinkte und strahlte. –

»Einen von Euch Sternlein in meiner dunklen Kammer und mir wäre geholfen!« dachte der alte Mann und faltete die Hände.

Da gab es oben am Himmel eine große Bewegung. Die Sternlein plinkten sich gegenseitig zu, als wollten sie sagen: »Tue Du es!« Oder: »Du solltest es dem alten Manne zuliebe tuen!«

Siehe da, noch ehe der arme Schuster es gedacht, fiel ein leuchtender, lieblicher Stern herab zur Erde. Wie festgebannt stand der Alte auf einem Fleck, dann griff er sich an den Kopf, bewegte sich und lief, lief, was er nur laufen konnte, immer geradeaus in der Richtung, in welcher er den Stern hatte fallen sehen. Immer dunkler wurdees um ihn her. Längst hatte er die Stadt verlassen. Von dem Sternlein war nichts zu sehen.

Endlich sah er in einiger Entfernung etwas Helles am Boden liegen.

»Da ist's«, rief er laut, daß es in der Stille der Nacht ganz schaurig wiederhallte, und stürzte sich auf den hellen Gegenstand. Mit beiden Händen griff er darnach. Aber seine Hände griffen ins Leere. Nur einige Sandkörnlein vom Wege blieben an seinen Fingern haften. »Was war das nur?«

Taumelnd griff sich der Alte an die Stirn. Dann gewahrte er, daß das vermeintliche Sternlein nichts anderes war als der Schein eines Lichtleins, der durch den Türspalt einer ärmlichen Hütte auf die Erde fiel. Leise, leise trat der arme Mann zur Seite. Er schämte sich seiner Dummheit.

Dann kehrte er um und lief, so schnell seine müden Beine es erlaubten, zurück zu seiner kranken, schlafenden Frau.

Am nächsten Tage saß er wieder gebückt über der Arbeit und strengte in der Finsternis seine armen Augen an bis sie tränten.

Als aber der Abend kam und sein Weib eingeschlummert war, überfiel ihn eine große Unruhe. Das Sternlein hatte es ihm angetan und ließ ihm keine Ruhe.

Wieder lief er weit, weit ins Land hinein. Von dem Stern war aber keine Spur zu sehen.

So trieb er es nun viele, viele Abende, aber immer kehrte er traurig und ohne sein Sternlein wieder heim.

Es war wie eine Krankheit – wie ein Zauber. Wohin er auch blickte – überall sah er das blinkende Sternlein, wie es leise, leise zur Erde hinabglitt. Ja, er hatte es damals ganz genau gesehen. Irgendwo mußte es ja liegen, und wartete nun auf ihn, daß er es in seine dunkle Werkstatt holen würde, damit es darin hell würde.

So wanderte er langsam die Landstraße entlang, denn die müden Füße versagten schon den Dienst. Gottlob schien der Mond hell auf den Weg, so daß er sich wenigstens nicht an den vielen Steinen, die umherlagen, stoßen mußte. Sollte heute sein Wunsch in Erfüllung gehen?

Forschend suchten seine Augen die Gegend ab und Seligkeit bemächtigte sich seiner. Da, dadrüben in einem Gärtchen vor einem schlafenden Hause leuchtete es ihm entgegen, eine strahlend helle Kugel, genau wie der Stern ausgesehen hatte, als er zur Erde hinuntergeglitten war. Ehrfürchtig, ängstlich nahte der alte Schuster. Ja das war der schöne, grünschillernde Stern! Inmitten eines Rosenbaumes war er gefallen und hing nun fest auf der Spitze des Stockes, an welchem das Bäumchen angebunden war.

»Mein Stern!« flüsterte der alte Mann, griff freudig darnach und hielt nun zitternd die leuchtende Kugel in den Händen.

Da schrie im nahen Walde ein Käuzchen, so laut und schrill, daß der Schuster vor Schreck seinen Schatz fallen ließ.

»Klirr-klirr,« machte es zu seinen Füßen, und als er sich bückte, lagen da die grünschillernden Scherben einer Glaskugel, wie sie manche Leute zum Schmucke ihres Gartens aufstecken.

»Wieder nichts! – Wo bist Du nur mein Sternlein?« seufzte der Alte und Tränen rollten über seine eingefallenen Backen. Nun gab er das Suchen auf. Gewiß war der Stern doch nicht für ihn zur Erde herabgekommen und er hatte sich das nur eingebildet.

Und jeden Tag kamen Leute und brachten Schuhe, die besohlt und geflickt werden sollten, und die kranke Frau brauchte Essen und Arzeneien, und darum mußte der Alte arbeiten und Geld verdienen, wenn auch die alten Augen dabei fast erblindeten.

So kam die erste Maiennacht wieder einmal heran, die Nacht, in der aller Zauber und aller Spuk auf Erden los ist.

Da stand der Schuster wieder vor seiner niederen Türe und blickte zum Himmel auf, der dicht mit Sternen besät war. Und die Sternlein winkten und blinkten und lächelten ihn an, als wollten sie ihm Mut machen.

»Sei es denn,« murmelte er, »einmal versuche ich es noch. Heute finde ich sicher etwas, das fühle ich. Wer weiß – alle guten Dinge sind drei.«

Munter stapfte er los und sang ein Lied dabei. So wanderte er, vorbei an Hütten, Schlössern und Kirchen, an Gärten und Wiesen. Dann kam er in einen Wald, darin war es ganz sonderbar. Die Bäume flüsterten miteinander. Die Blumen sangen leise vor sich hin. Die Vöglein leuchteten wie lauter Edelsteine und es duftete so schön, wiees nur im Paradies duften kann. Dem Schuster schwindelte vor lauter Entzücken. Und als er gar vor einem silbern schillernden See stand, war er ganz und gar benommen. Inmitten des Sees war es taghell. Da schwebten über dem Wasser sechs schöne Mädchen in weißen Gewändern immer im Kreise um eine auf- und niedersteigende, schillernde Lichtkugel.

»Mein Stern!« schluchzte der Alte und sank in die Knie. »Mein Stern!« Und die Mädchen sangen:

»Lichtlein von oben. Sternlein fein!Wem wirst du Leuchte und Hilfe sein?Der dich begehrt, ihm, der dich ehrt –Ihn wird beglücken dein Schein.«

»Lichtlein von oben. Sternlein fein!Wem wirst du Leuchte und Hilfe sein?Der dich begehrt, ihm, der dich ehrt –Ihn wird beglücken dein Schein.«

Da rief der Alte: »Mein, mein ist das Sternlein. Mir hat es Gott gesandt, daß ich nicht völlig erblinde.«

Da riefen die Mädchen:

»Nun, guter Alter, das werden wir gleich sehen!« Und sie kamen angeschwebt und nahmen ihn auf ihre Arme und trugen ihn in die Mitte des Sees.

»Willst Du sie ehren?Nichts Bess'res begehren?«

»Willst Du sie ehren?Nichts Bess'res begehren?«

sangen die Mädchen.

»Ja,« jubelte der Alte, »die leuchtende Kugel soll mir heilig sein, auch wenn die Menschen sonst das schönste, hellste, strahlendste Licht in ihre Häuser bringen, ich behalte mein Sternlein, mein Licht von oben.«

Dann griff er mit bebenden Fingern nach der auf- und niederschwebenden Kugel, in die sich das Sternlein bei seinem Sturz in den Wundersee verwandelt hatte.

Und siehe da – die Kugel blieb ruhig in seinen Händen.

»Er ist's! Er ist der Rechte! Für ihn war sie bestimmt!« jubelten die Mädchen und trugen ihn mitsamt seinem Schatz ans Ufer des Sees.

Wie er damals nach Hause gekommen ist, weiß er heute noch nicht. Aber mit dem Lichtlein von oben ist Helligkeit und Glück in seiner Werkstatt eingekehrt. Er hält es aber auch hoch in Ehren. Noch heute, wo doch überall das elektrische Licht leuchtet, so daß man nur zu knipsen brauchtund es wird taghell im Zimmer – bei ihm könnt ihr noch die wasserhelle Kugel sehen.

Geht nur und betrachtet sie euch bei dem armen Schuster im Keller nebenan. Da hängt sie über seinem Arbeitstisch und leuchtet hell. Das macht das Sternlein, das darin gefangen ist.

Die Leute aber, die das nicht wissen, nennen sie kurzweg –

»Die Schusterkugel«.


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