Feuerseelchen.

Feuerseelchen.

Wo ein Feuer ist, da ist auch ein Seelchen. Ihr kennt es aber nicht. Ihr seht nur das Tüchlein, das es lustig schwingt, wenn das Feuer brennt – und nennt das Rauch. Unter dem Teekessel, im Herdfeuer, im Stubenofen, im Fabrikschornstein haust es, das Feuerseelchen. Es ist ein lustiges Ding und meint es gut mit den Menschen und singt und jauchzt ihnen etwas vor, aber verstehen tuen es nur wenige und diese wenigen das sind die Dichter. Die unterhalten sich ganz richtig mit dem Feuerseelchen und lieben es und sind an Winterabenden ganz glücklich, mit ihm allein im Stübchen zu sein. Solch ein Feuerseelchen hat es gut. Haust es unter dem Teekessel, so lebt es mitten in der frohen Kinderschaarneben Vater und Mutter und nimmt an allem Menschenglücke teil.

Lebt es im Ofenloch, so hört es mit an, was Großvater und Großmutter sich erzählen aus alter, alter Zeit. Und hüpft es im Küchenherd umher, da darf es tanzen zu den munteren Gesängen der jungen, frohen Köchin und in die Töpfe schauen, in denen es brodelt und kocht – und den guten Bratengeruch riechen. Aber, aber so ein armes Feuerseelchen im Fabrikschornstein: Tief, tief unten im eisernen Ofenloch sitzt es geduckt und hört nur das Donnern und Stampfen der großen Maschinen. Das ist kaum auszuhalten.

Wenn es den blauen Himmel sehen will, muß es mühsam in dem hohen, engen Schornstein emporklettern. So dunkel und schwarz ist es darinnen und es riecht so häßlich nach Ruß und Teer.

So ein armes, verlassenes Fabrikfeuerseelchen war es auch, das weit draußen vor der Stadt in einem häßlichen Ofen hausen mußte. Bei Nacht kauerte es unter der Asche versteckt schlafend tief unten im Feuerloch. Da war es dann still, nur hin und wieder piepste eine Maus oder der Nachtwächter öffnete die Ofentür und sah hinein, ob das Feuer auch ganz erloschen sei. Vor dessen bärtigem,bösem Gesicht hatte Seelchen große Angst und war jedesmal froh, wenn die schwere Ofentür wieder zuklappte.

Am Morgen, wenn der Ofen wieder tüchtig geheizt wurde, erwachte Feuerseelchen zu neuem Leben, dehnte und reckte sich in den hellen Flammen, hüpfte zwischen ihnen hin und her und schaute voll Sehnsucht hoch, hoch in die Höhe über sich, wo ein kleines, rundes Loch ein Stücklein blauen Himmel zeigte. Wenn dann das Feuer munter prasselte, die Flammen lustig in den Schornstein hinaufflackerten, schwang Feuerseelchen sich auf ihnen in die Höhe und kletterte dann mühsam im Innern des Schlotes hinauf, setzte sich hoch oben auf den Rand des Schornsteines und atmete tief die frische Himmelsluft ein. Dann saß es ganz still und sah sich im Kreise um. Aus den anderen Schornsteinen auf den Häusern tief unter Seelchen grüßten dann viele, viele andere Feuerseelchen zu ihm hinauf. Schnell ließ dann Fabrikfeuerseelchen sein Tüchlein in die blaue Luft wehen zum Gegengruß – jeden Tag. Das war ein lustiges Spiel.

Aber auf die Dauer wurde es etwas langweilig. Seelchen sehnte sich nach etwas Anderem,Neuem, zur Unterhaltung. Sein Blick schweifte ringsum über Häuser, Wiesen, Felder, Hügel dahin. Da sah es tief unter sich in einer Senkung einen tiefblauen kleinen See. Wie der da so friedlich lag, so still. Wie ein Stückchen Spiegelglas, das man zwischen hohe Gräser und wehende Farrnkräuter hingelegt hätte. Ruhig spiegelte der Himmel sich darinnen.

So lange Feuerseelchen auch dorthin blickte, nichts rührte sich. Der See schien zu schlafen.

Das verdroß das übermütige, lebhafte Ding und böse rief es: »Herr jemineh, hat denn das Wasser gar keine Seele?«

»Es hat eine!« antwortete eine vorüberfliegende Taube. »Es hat auch eine Seele!« und flog lachend davon.

»Es hat eine Seele, also doch,« flüsterte Feuerseelchen und stellte sich ganz steil hoch oben auf den Rand des Schlotes, ließ sein Tüchlein in der Luft wehen und sang hinunter. »Erwache, erwache, Wasserseelchen, daß wir uns ein wenig unterhalten können. Erwache!« Aber unbeweglich ruhte der kleine See zwischen seinen grünen Ufern.

Jeden Tag hoffte nun Feuerseelchen auf das Erwachen des Wasserseelchens, sang ihm seine schönsten Lieder hinunter, winkte mit dem Tüchlein und weinte dann herzbrechend vor Enttäuschung. Das sah Skriba, der Dichter, der im nächsten Hause hoch oben im Dachkämmerlein wohnte, und wunderte sich.

Als nun der Jammer dort in der Höhe gar kein Ende nahm, öffnete er eines Tages sein Fenster, machte aus seinen beiden mageren Händen ein Sprachrohr und rief hinauf:

»Feuerseelchen, was fehlet Dir?Ich will Dir helfen! Vertrau Dich mir.«

»Feuerseelchen, was fehlet Dir?Ich will Dir helfen! Vertrau Dich mir.«

Da lachte Feuerseelchen unter Tränen und jubelte: »Daß ich nicht eher an Dich gedacht habe, Du guter Dichterling. Du einziger Mensch, der uns versteht.« Und es erzählte ihm seinen Kummer.

Da stützte Skriba den Kopf in die Hand und dachte nach. Nach einer Weile rief er hinauf:

»Willst Du Wasserseelchen seh'n,Mußt Du früh aus dem Bette geh'n.Wenn kaum die Sonn' am Himmel steht,Sein Schleier in den Lüften weht.«

»Willst Du Wasserseelchen seh'n,Mußt Du früh aus dem Bette geh'n.Wenn kaum die Sonn' am Himmel steht,Sein Schleier in den Lüften weht.«

Der Spruch war leicht zu verstehen. Am frühen Morgen sollte Feuerseelchen nach Wasserseelchen Ausschau halten.

Ueberglücklich winkte es dem Dichter zu und tanzte vor Freude rund um den Rand des Schornsteines herum.

Am Abend duckte es sich nicht wie sonst untätig in die Ecke des Ofenloches. Leise nahm es einen Funken des erlöschenden Feuers, versteckte ihn unter ein Aschenhäufchen und hütete ihn wohl vor den arglistigen Augen des Wächters. Beim Erwachen des ersten Morgenlüftchens war auch Feuerseelchen munter, blies mit vollen Backen in die gehütete Glut, daß heller Schein in den Schlot hinaufzüngelte, schwang sich auf ihm in die Höhe, kletterte, kletterte und stand nun bei Sonnenaufgang hoch oben auf dem Schornstein. Schwacher Tagesschein beleuchtete die Gegend. Kaum konnte man noch Täler und Höhen unterscheiden. Aber über der Stelle, wo der kleine See ruhte, da regte sich's. Erst war's, als wenn nur die Luft über dem Wasser sich leise bewegte, aber bald sah Feuerseelchen ganz deutlich einen hell-blau-grauen Schleier wehen.

»Wasserseelchen, Wasserseelchen!« rief es laut und schwenkte vergnügt sein Tüchlein. Und jeden Morgen begrüßten sich nun die beiden Seelchen so. Wenn die Sonne höher stieg, verwehte Wasserseelchens Schleier in den Lüften und wieder ruhte der See totenstill im Grünen.

Das ärgerte Feuerseelchen nun bald auch, daß es nie mit Wasserseelchen zusammenkommen konnte, um mit ihm zu spielen und zu tanzen. Da begann hoch oben auf dem Schornstein der alte Jammer. Wieder half der gute Dichter dem armen Ding.

»Du kannst zum Wasser nicht gehen –Das Wasser aber zu Dir.Laß einen Brand entstehenUnd fröhlich tanzet Ihr!«

»Du kannst zum Wasser nicht gehen –Das Wasser aber zu Dir.Laß einen Brand entstehenUnd fröhlich tanzet Ihr!«

So sang Skriba und Feuerseelchen ließ sich das nicht zweimal sagen. In einer Ecke des Ofenloches häufte es fleißig glühende Funken auf. Als dann der Abend kam, hockte es innen vor der Ofentür und blies mit vollen Backen die Funken durchs Gitter hinaus in den Fabrikraum – und wartete.

Bald roch es von draußen gar brenzlig; bald kroch dicker Rauch zur Spalte hinein; baldhörte man laut rufen: »Feuer! Feuer! Es brennt in der Fabrik!«

Und nun geschah es: In großen Eimern und Kübeln schöpften die Männer das Wasser aus dem See und gossen es in die prasselnden Flammen.

Im Nu sah man da Wasserseelchens dampfblauen Schleier und Feuerseelchens rauchgraues Tüchlein wehen. Munter sprangen die beiden Seelchen auf einander zu, faßten sich bei den Händen, wirbelten in den Flammen umher und tanzten – tanzten, bis von dem Fabrikgebäude mit dem hohen Schornstein und von dem Hause, in dessen Dachkammer der Dichter wohnte, nichts mehr zusehen war – aber auch gar nichts.


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