Gevatter Langbein.

Gevatter Langbein.

Trauer herrschte im ganzen Lande: Der junge Kronprinz war gestorben und hinterließ keine anderen Geschwister. Die Königin Mutter wollte schier vergehen vor Kummer, war es doch erst wenige Jahre her, daß sie den König, ihren Gemahl, begraben hatten, und nun stand sie ganz allein auf der Welt.

Dem Lande aber war die Hoffnung der Zukunft, der kleine Thronerbe, genommen. Was sollte nun werden?

Wohl gedachten einige Greise einer jahrhundertealten Weissagung, welche lautete: »Dem herrscherlosen Lande wird dennoch ein König erstehen. Das Knäblein, in dessen Schoße man dereinst die Königskrone finden wird, soll König werden.Und es wird ein Wunder geschehen.« Die jungen Leute aber lachten der alten Weissagung und schüttelten ungläubig die Köpfe in den Städten und auf dem Lande.

Die armen Bauersfrauen, an deren Schürze oft 3 und 4 Kindlein hingen, hatten inniges Mitleid mit der reichen und doch so armen kinderlosen Königin. – – – – – –

In einer elenden Hütte am Waldesrande war eben ein Knäblein angelangt, das erste. Glückstrahlend lag die junge Mutter am Abend im Bette mit ihrem Kleinen und wollte eben einschlafen. Da regte sich's hinter der Kammertür. Eine große, schwarze Gestalt trat mit feierlichen Schritten herzu.

Die Frau meinte nicht anders, der Eindringling wäre einer der Paten des Kindes, der sich seinen schönsten Bratenrock angezogen hätte, um sie und den kleinen Jungen zu besuchen.

»Nur näher, nur herein, Herr Gevatter!« rief sie und winkte ihm freundlich mit der Hand.

Geschmeichelt trat der Gerufene näher und laut mußte die junge Mutter lachen. Der Storch war es, der alte, schwarze Storch! Der einzige, der in der Gegend nistete.

Der aber trat mit gravitätischen Schritten an das Bett und trug seinen langen, roten Schnabel stolz erhoben. »Herr Gevatter« hatte ihn noch niemand genannt. Durch das laute Lachen der Bäuerin waren die Nachbarsleute herbeigerufen worden. Die standen nun alle im Zimmer umher und lachten und freuten sich. Die Kinder aber jubelten: »Storch, Storch Steiner! Mit die langen Beiner! Der hat ja 's Mäxchen gebracht!«

Damals glaubten die Kinder noch an das alte Ammenmärchen, daß der Storch die Kinder bringt. Wir wissen heute ja längst, daß der liebe Gott die kleinen Geschwister schickt. Von dem Tage an hieß der schwarze Storch nur noch »Gevatter Langbein«. Und er war stolz auf den Namen und trug ihn mit Würde und Hoheit. Er benahm sich aber auch wie ein richtiger Gevatter. Wo Mäxlein war, da war auch er. Stand auf einem Bein neben der Wiege des Kindes und bewachte seinen Schlummer, und wenn die Mittagssonne zu heiß auf Mäxleins Gesicht schien, zog er mit seinem langen Schnabel ganz vorsichtig die Gardinen zu. So wuchs der Knabe fröhlich heran, treu behütet von Vater, Mutter und dem guten Gevatter Langbein. Dem machte es ganz besondere Freude, alsdas Kind die ersten Schritte machte. Da packte er's mit seinem Schnabel fest, fest hinten am Hemdenzipfel, und hielt es so vorsichtig und gut wie eine Mutter. Und Mäxlein jubelte und jauchzte und war seelenfroh mit seinem lieben Gevatter Langbein.

Dann kamen die trüben Wintertage, da konnte der kleine Max nicht mehr vor der Türe im Sonnenschein mit Ringelblumen und Kieselsteinen spielen. Da mußte er im Zimmer bleiben und langweilte sich. Das sah Gevatter Langbein und dachte ernstlich nach, wie er dem Kinde Unterhaltung verschaffen könnte. Endlich reiste er heimlich ab und ging auf die Suche nach schönem, blinkendem Spielzeug. Am Weihnachtsabend, als der Christbaum brannte, war auch der Gevatter plötzlich wieder da und trug in seinem Schnabel ein Körbchen mit den herrlichsten Geschenken: Bretzeln, Zinnsoldaten, Hampelmänner, Trompeten, – alles lag in dem Körbchen und war für Mäxchen bestimmt. Das war ein Jubel ohne Ende und auch Langbein konnte sich vor Freude gar nicht lassen und sprang fröhlich klappernd auf seinen langen Stelzbeinen im Zimmer umher. Langbein hatte den kleinen Jungen eben allzulieb. Darum war er auch nicht wie die anderen Störche im Herbst in südliche Länder gezogen. Er konnte sich von dem Kinde nicht trennen. Nun hatte Mäxchen Beschäftigung genug mit all den schönen Sachen. Die Bretzeln waren bald aufgezehrt, aber mit dem Hampelmann und den Soldaten ließ es sich zu schön spielen, und in die Trompete blies er mit vollen Backen wenn er auf Langbeins Rücken im Stübchen umherritt. Taterata!!

Endlich aber hatte auch diese Freude ein Ende. Der Hampelmann wurde zu alt und humpelte nicht mehr. Die Soldaten hatten im Kriege Köpfe, Arme und Beine verloren. Die Trompete hatte keine lustigen Töne mehr im Bauch, so sehr Mäxlein auch die Backen aufblies und hineintutete. Da weinte das Kind bitterlich. Das konnte der Gevatter nicht mit ansehen und ging schnell wieder auf Reisen. Weit, weit flog er bis in die Hauptstadt des Landes. Da sah er in den Schaufenstern der herrlichen Läden viel schönes Spielzeug, aber es sah alles so zerbrechlich aus. Das würde doch wieder nicht lange halten, meinte er. Er suchte nach etwas ganz besonders Schönem, Unzerbrechlichem. –

Im Schlosse sollte abends das Ordensfest stattfinden – das einzige Fest, das seit dem Tode des kleinen Kronprinzen noch gefeiert wurde. Da wurden die prachtvollen Säle gekehrt, geschrubbt, gebohnt, daß sie abends schön sauber wären, und nach langer Zeit wieder zum ersten Male die Fenster zum Lüften geöffnet.

Neugierig umflog Gevatter Langbein das weite Schloß und blickte zu den Fenstern hinein. Was er da alles sah, blendete ihn schier. Das Schönste aber war ein blinkender, edelsteinleuchtender, goldener Gegenstand, der auf purpurrotem Kissen lag. Das war etwas für Mäxchen! Das mußte er haben. Leise, leise huschte Langbein durchs Fenster hinein, ergriff die leuchtende Königskrone und flog mit ihr in hohem Bogen weit über Seen, Flüsse und Berge zum Dorfe zurück. Nun hatte Mäxchen ein Spielzeug wie keines der anderen Kinder eines besaß, und unzerbrechlich war es auch, so viel er es auf dem Fußboden auch hin- und hertrudelte. Im Königsschlosse herrschte unterdessen die größte Unruhe. Die Krone war spurlos verschwunden. Laut jammernd liefen die Minister umher und heimlich flüsterten sie untereinander: »Das bedeutet dasEnde! Unser Königreich ist verloren!«

Nur wenige, sehr alte Männer lächelten geheimnisvoll, gingen zur Königin und sprachen: »Gedenket der alten Weissagung, vielteure Landesmutter. – Das Kindlein, in dessen Schoße die Königskrone gefunden wird, soll König werden. Und es wird ein Wunder geschehen. Gedenket dessen wohl und lasset nun im ganzen Lande nach diesem Kinde suchen. Der Verlust der Krone bedeutet uns Glück – nicht Unglück.«

Da sandte die Königin berittene Boten aus, daß sie nach dem zukünftigen Könige forschten. Lange Zeit geschah es vergebens. Schon war der Sommer wieder ins Land gezogen und Königin und Volk wollten gerade die Hoffnung auf Erfüllung ihrer Sehnsucht aufgeben. – Da geschah das Wunderbare: Ein kleines Häuflein von den Abgesandten der Königin ritt durch ein Dörflein und kam am Ende desselben vor eine arme Hütte. Da sahen die Männer ein eigenartiges Bild. Auf der Schwelle des Hauses saß ein kleiner Knabe und hielt einen blanken Gegenstand im Schoß. Neben dem Kinde aber stand gravitätisch auf einem Bein ein alter, schwarzer Storch und sah den Nahenden neugierig entgegen. –

Die fürchteten sich aber keineswegs vor dem großen Vogel, stiegen von den Pferden, traten näher und schlugen vor Freuden die Hände über dem Kopf zusammen. Da war sie ja endlich, die verschwundene Krone! Und wie es seit Jahrhunderten vorausgesagt worden war, lag sie im Schoße eines Kindleins, eines Knäbleins. Einer der Männer hob Mäxlein vom Boden auf, setzte ihm die Krone auf seinen dicken, blonden Lockenkopf und alle riefen nun laut: »Hoch lebe unser kleiner Kronprinz, unser zukünftiger König!«

Die Eltern, die der Lärm aus dem Hause gelockt hatte und denen die Reiter nun alles berichteten, konnten sich vor Staunen und freudigem Schreck nicht fassen. Aber sie begannen doch zu weinen, als einer der Männer nun ihren Knaben zu sich aufs Pferd hob und sie eilends mit ihm davonritten.

Aber Gevatter Langbein tröstete sie und sprach: »Ihr seht Euer Mäxchen bald wieder, denn auch Ihr müßt nun in die Hauptstadt ziehen und werdet in einem schönen Hause wohnen und herrliche Kleider tragen und in goldener Kutsche fahren. Ich fliege aber sogleich hinterher und weiche auch ferner nicht von Eures Knaben Seite.«

Mit großen Schritten eilte nun der Gevatter noch einmal ins Häuschen. Dort rieb er mit einem feuchten Waschlappen tüchtig seinen roten Schnabel, daß er schön blank weithin leuchtete, reinigte seinen schwarzen Gehrock von jedwedem Stäubchen und versteckte unter seinem linken Flügel ein Stück Brot, eine Bretzel und eine fette Leberwurst, die für das Frühstück des Bauern auf dem Tische bereit lagen. Er hatte nämlich erfahren, daß es an Königshöfen mit dem Essen gar oft nicht weit her sei.

Dann nahm er gerührten Abschied von den Eltern des zukünftigen Königs Max und heidi – gings im Fluge der Großstadt zu.

Rechtzeitig langte er im Schlosse an, um der feierlichen Handlung beiwohnen zu können. Dort waren die Königin, Minister, hohe Herren und Damen und viel Volks um Mäxchen versammelt, der auf seidenen Windeln in einem goldenen Korbe thronte. Hinter dem Korbe stellte der Gevatter sich auf und machte sein allerwürdigstes Gesicht. Nun sprach der Minister: »Geehrte Anwesende! Unsere Sehnsucht ward erfüllt. Dem Lande wurde der erhoffte Kronprinz bescheert.Das geweissagte Wunder ist geschehen. Hoch unser kleiner Kronprinz Max!«

»Hoch! Hoch! Hoch!« jauchzte es durch den Saal.

Da wurden einige Stimmen laut und riefen: »Wie geschah denn das Wunder? Laßt es uns wissen.«

Alles schwieg.

Endlich trat Langbein vor, verneigte sich und erzählte wie er dem Kindlein die Krone gebracht habe.

Laut jubelte das Volk. Aber einige Stimmen erhoben sich dagegen und riefen: »Wo ist denn da das geweissagte Wunder? Das ist doch ganz natürlich zugegangen. Es ist der rechte Kronprinz nicht.«

Schreiend umdrängte das Volk den goldenen Korb.

Niemand sah das listige Schmunzeln in Langbeins Zügen.

Niemand sah, wie Langbein mit seinem Schnabel die Windeln ordnete, wie Langbein mit seinem Schnabel unter seinem linken Flügel einen Gegenstand hervorzog und denselben schnell unter Mäxchens kleinem Hinterteil versteckte.

»Es ist der rechte Kronprinz nicht!« »Er ist es doch!« so riefen alle durcheinander. Da begann das Kind bitterlich zu weinen. Endlich erbarmten sich die Hofdamen seiner, hoben ihn empor und –starrten wie gebannt in den Korb hinein.

»Das Wunder!« »Da ist es ja, das Wunder!« riefen sie.

In Mäxchens seidenen Windeln lag eine schöne, blanke Leberwurst.

»Hoch! Hoch!« riefen nun alle Anwesenden und verneigten sich tief vor dem Kinde.

»Er ist der rechte Kronprinz! Das geweissagte Wunder, hier ist es! Noch nie fand man in den Windeln eines Kindes eine Leberwurst.« Der Jubel wollte kein Ende nehmen.

Endlich traten die Minister zusammen, besprachen sich heimlich und hingen dann feierlich um Gevatter Langbeins Hals das Großkreuz des silbernen Piepvogelordens.


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