Chapter 2

Dr. Kranich: »Elmenreich, Sie reden, wie das Alter eben daherredet. Denn genau in dem Augenblick, als man einsieht, daß das Neue eigentlich etwas Altes und Längstdagewesenes ist, wird man aus einem jungen ein alter Mensch. Jugend ist Illusionsfähigkeit – nichts weiter als das. Der alte Mensch kommt vermöge seiner Einsicht in ein ganz falsches Verhältnis zu den Illusionen; er greift alle diese lieben Seifenblasen mit seinen harten, knochigen Fingern an und fühlt sich überlegen, wenn sie zerplatzen. Er weiß nicht, dieser Einsichtsvolle, daß der junge Mensch die Welt mit wunderbaren, wenn auch vergänglichen Gebilden bereichert, während er selbst nichts in der Hand behält als einen schmutzigen Tropfen.«

*

Dr. Kranich: »Die Wilden könnten in manchen Punkten unsere Lehrmeister sein. Welche geniale Idee,for instance, die Alten und Schwachen,die jede Gemeinschaft als unnötiger Ballast beschweren,sans façonsüber Bord zu werfen! Indessen wir Kulturmenschen herumgehen und den besten Teil unserer Jugend daran wenden müssen, uns die Alten vom Leibe zu halten. Und obendrein diese philanthropischen Veranstaltungen, alle schwachen, kränklichen, verpfuschten Exemplare der Gattung sorgfältig aufzupäppeln, damit sie am Leben bleiben und sich ungehindert vermehren können!«

Elmenreich: »Ich dachte, Sie wären gegenwärtig für die »schönen Gefühle«, Arthur? Aber Sie verstehen wohl die schönen Gefühle der Hottentotten darunter?«

Dr. Kranich, lächelnd: »Täglich, wenn ich mein Morgengebet verrichte, sage ich: Lieber Gott, nimm die Alten, Schwachen und Kranken zu dir; sie passen ja doch besser in den Himmel als auf die Erde! Denn Sie wissen, Elmenreich, ich glaube an Gott. Allerdings an einen Gott der Starken, Mächtigen und Gesunden. Daher fordern meine religiösen Gefühle, daß die Starken und Gesunden ganz nach Herzenslust darauf los leben und dafür sorgen sollen, daß sie sich vermehren und zahlreich werden wie der Sand am Meer.«

*

Elmenreich: »Diese Todeszuckungen der europäischen Kultur, die wir für die Wehen einer neuen Daseinsform halten, dieser allgemeine Zerfall, den wir als die Heraufkunft der freien Individualitäten betrachten! Fäulnis, nichts als Fäulnis! Der Zersetzungsprozeß der bestehenden Gesellschaftsordnung. Ein stinkender Sumpf, aus dem ein ungeheures Quacken schallt. Und alle diese Frösche, sie wollen sich »entwickeln«, sie wollen Evolution, Kulturfortschritt, Uebermenschentum. Deshalb sitzen sie im Sumpf und quacken.«

Pipin, sehr schüchtern: »Aber eine Hoffnung, einen Wunsch nach dem Höheren muß man doch haben! Irgend etwas! Ein Ziel, eine Richtung!«

Elmenreich: »O ja, natürlich haben wir ein Ziel, natürlich haben wir eine Richtung! Wir haben unseren Standpunkt, unsere Weltanschauung. Jeder seine eigene für sich. Denn wir sind Einzelne, wir sind Eigene, wir sind souveräne Individuen, nur sich selbst gleiche. Wir sind freie Herren unseres eigenen Willens. Nur allein das Leben gehorcht uns nicht, das widerspenstige, eigensinnige, gemeine Leben, in dem das Gesetz der Trägheit und das Gesetz der Schwere regiert – und noch einige andere Gesetze, die wir nicht beachten oder nicht kennen. Esschreitet über uns hinweg, es läßt uns beiseite, es übersieht uns; wir stehen irgendwo im Winkel, unthätige Zuschauer, verlassen von allen Lebensmächten, deren Herren wir nicht sind –«

Graf Hermosa: »Ja, das Leben ist ein wirrer Traum, fühlen wir nicht zuweilen so deutlich? Ist uns nicht, wir müssen erwachen, wir sind dem Erwachen ganz nahe? Wie Engelsflügel es umweht uns und hebt uns in heiligen Ahnungen aufwärts, zu bewegen scheint sich der Schleier, der das Jenseits verhüllt – aber wieder die bleierne Dumpfheit des Schlafes zieht uns herab, und wir träumen weiter in Angst und Not und Qual, allein in der Finsternis, ohnmächtig, gelähmt, hilflos, währenddem der schauerliche Spuk des Lebens tobt durch unsere Adern ...«

Der Graf seufzt laut – etwas zu laut für eine von Affektation völlig freie Gemütsbewegung. Niemand antwortet. Dr. Kranich raucht seine Cigarette mit dem Behagen eines Menschen, dessen Lebensschlaf von jedem Alpdruck verschont ist; Elmenreich trinkt sein Glas leer und sagt dann zu Pipin:

»Aber lassen Sie sich nur nicht verleiten, einen Stein auf das zu werfen, was trotz alledem das beste Eigentum des Menschen ist. Weil es etwas Gewordenes, etwas Werdendes ist und nichts Vollendetes, ist es deshalb weniger ehrwürdig,weniger wertvoll? Es geht dem Gedanken selbst wie allen Genies: er wird verläumdet, beschimpft, gesteinigt von denen, die seine Mission in der Welt nicht begreifen. Leute, die in den Kellern des Gefühles herumlungern und ihren Haschischrausch für höhere Eingebungen halten, sind ja gar nicht imstande, die herrliche Helligkeit des Bewußtseins zu schätzen. Sie reden von den Offenbarungen der Nacht, weil in der Nacht die Sterne sichtbar werden, und sie bemerken nicht, daß sie dafür die ganze unerschöpfliche Pracht des Tages in den Kauf geben, diese Lichtscheuen, Lichtmüden, diese Nachteulen des Geistes, die immer dann ausfliegen, wenn der Abend einer Kultur zu dämmern beginnt« ...

*

Eine Viertelstunde später. Dr. Kranich beschreibt die Andachtsübungen und Riten einiger freireligiösen amerikanischen Sekten. Elmenreich findet, daß man als Europäer noch immer einen Vorsprung besitzt vor diesen amerikanischen Versuchen, sich mit dem Welträtsel auseinanderzusetzen.

Graf Hermosa: »Europa, das heißt, auf einem falschen Wege sein und doch immer weitergehen, totmüde und sterbenskrank, und halten ein Irrlicht für einen Leitstern. Europa, das istnur ein mißratener Ableger von Asien. Asien ist den rechten Weg gegangen, und gekommen ans rechte Ziel. Welche Anmaßung, daß Europa sich aufspielt als moderne Menschheit! Und Grund, stolz zu sein, welchen? Besitzt denn die moderne Menschheit auch nur einen Tropfen Balsam zu gießen in eine verwundete Seele? Einen Tropfen Labsal den Dürstenden? Und was ist der Lärm, der aus dem Sumpfe schallt, anders als ein Schrei nach Erlösung? Alle die armen niedrigen Seelen, die aus dem Sumpfe ihre Stimme erheben, sie schreien vor Hunger, sie schreien nach dem Brote des ewigen Lebens, und es wird ihnen nicht gegeben. Denn die es geben sollten, sperren zu ihre Thüren, sitzen hinter geschlossenen Thüren allein, und welche von ihnen weinen, welche von ihnen lachen. Aber welche von ihnen wissen, daß sie ebenso bedürftig sind der Erlösung wie die armen Seelen im Sumpfe –«

Elmenreich stößt sein Glas zurück. Zu Dr. Kranich: »Na, hören Sie, Arthur, was haben Sie da für ein Zuckerwasser angemacht? Das ist ein Getränk zur Anfeuchtung für Nachmittagsprediger in einer Sonntagsschule. Geben Sie mir doch den Cognac herüber, sonst wird mir schlecht im Magen ...«

Elmenreich kam mit Eugenie den Promenadeweg herab. Sie waren in ein sehr lebhaftes Gespräch verwickelt. Ich wollte vorübergehen, aber Elmenreich hielt mich an.

»Gut, daß Sie kommen«, sagte er in einem sonderbar nervösen, gereizten Ton. »Vielleicht wird Fräulein Eugenie Ihnen eher Glauben schenken als mir. Bestätigen Sie ihr, was ich sage! Meine Worte machen keinen Eindruck; Fräulein Eugenie glaubt mich besser zu kennen als ich mich selbst. Sie lebt in dem Wahn, daß in mir was ganz besonderes steckt, daß ich im Geheimen ein ganz großartiger Mensch bin, nur so von außen voll Schlacken und unangenehmer Eigenschaften, die aber alle gleich abgestreift wären, wenn ich einmal in die rechten Hände käme –«

Das schöne Mädchen stand mit gesenkten Augen daneben und bohrte ihren Sonnenschirm in die schwarze Walderde. Ohne aufzublicken murmelte sie:

»Aber Herr Doktor! Das habe ich doch nie behauptet –«

»Nun ja, Sie sagen das freilich nicht so geradezu, aber ich errate es, ich lese es in Ihrer Miene, ich höre es aus dem Ton, in dem Sie mit mir sprechen. Und wenn Sie mich für einen unausstehlichen,unbrauchbaren, mißratenen Patron halten, so haben Sie ja recht tausendmal recht –«

»Aber wie können Sie nur –«

»Diese Prämisse ist völlig zutreffend und beweist Ihr gesundes Urteil. Nur die Schlußfolgerung, die Sie ziehen, gehört in das Gebiet jener Logik, wie sie den jungen Damen eigentümlich ist. Welche junge Dame glaubt nicht, daß es ein Zaubermittel giebt, durch das jede verfehlte, männliche Existenz zu kurieren wäre! Welche junge Dame glaubt nicht, daß sie die Mission hat, der rettende Engel irgend eines solchen verwunschenen Prinzen zu werden! Diese lieben kleinen Mädchen sind ja ganz charmante Wesen, das leugne ich nicht; aber sie denken eben, wenn sie einen Fingerhut voll Oel auf eine wilde See gießen, werden alle Stürme besänftigt und alle Wogen geglättet sein –«

»Es ist nicht schön von Ihnen, darüber zu spotten«, sagte Eugenie mit vibrierender Stimme.

»Ich bin weit entfernt davon, über diese holden Täuschungen der Mädchenintelligenz zu spotten. Aber Sie können es mir nicht übel nehmen, daß ich mich an meine eigene Lebenskenntnis halte. Wahrscheinlich besteht sie zwar gleichfalls aus Täuschungen, wenn auch aus weniger holden; nur werden Sie mich von meinen Täuschungen ebensowenig kurieren wie ich Sievon den Ihrigen. – Nein, Fräulein Eugenie, glauben Sie mir, es giebt nichts Undankbareres als ein Rettungswerk an fertigen Leuten; dergleichen endet immer mit einer immensen Enttäuschung. Sie haben die Vorstellung, daß ich ein sogenanntes goldenes Herz in einer rauhen Schale bin; und Sie hören nicht auf mich, der ich doch zum Kuckuck besser wissen muß, was in mir steckt. Eine bittere Mandel, weiter nichts –«

Eugenie lächelte unmerklich. »Da Sie das selbst sagen, glaube ich es erst recht nicht. Damit beweisen Sie mir nur das Gegenteil.«

Und Elmenreich ereifert sich, macht sich mit Schwung herunter, erfinderisch in der Negation wie immer. Ja, eine bittere Mandel, eine taube Nuß, die außen vergoldet ist, nichts weiter. Wozu war denn ein solches Subjekt überhaupt auf der Welt? Einer von jenen Ueberflüssigen, von jenen Lebenszuschauern, die mit den Händen in den Hosentaschen daneben stehen, während sich die anderen im Schweiße ihres Angesichtes rackern. Die in ihrer Loge im ersten Rang sitzen und den Kämpfern in der Arena auf den Kopf spucken. Die selbst nie einen Finger rühren und immer besser wissen, wie es die anderen machen sollten. Ein Einäugiger, der sich unter den Blinden als König geberdet, weil er nicht bemerkt, daß die Blinden ihren Weg in der Finsternisfinden, während er sich hundertmal verirrt; ein kalter Räsonneur, der sich überlegen fühlt, wenn er als Frost auf alle Blumen fällt, die so unvernünftig sind, zu blühen. Ein Pflastertreter der Geistigkeit, der überall hingekommen ist und nirgends etwas geleistet hat. Ein heulender Derwisch des Denkens, der sich ewig um sich selber dreht, in der Meinung, dadurch den Dingen auf den Grund zu kommen. Ein Baron Münchhausen der Erkenntnis, der sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpfe ziehen will –

Eugenie lachte. Auch ihr Lachen ist leise und gemessen, fast nur die Andeutung eines Lachens. Ihr Gesicht verändert sich nicht dabei; sie öffnet nur ein wenig den Mund, so wenig, daß kaum der Rand ihrer Zähne sichtbar wird.

Dieses Lachen machte Elmenreich stutzig. Er hielt inne und sah befremdet auf.

»Da ist nichts zum Lachen«, sagte er finster. »Sie haben eben von solchen Zuständen keinen Begriff! Wenn Sie wüßten, wie einem solchen Menschen zu Mute ist, würden Sie nicht lachen.«

»Aber Herr Doktor, wenn jemand über sich selbst so lustig redet, kann es doch nicht gefährlich sein!«

»Lustig? Das kommt Ihnen lustig vor? Ich bin also für Sie eine Art trauriger Hanswurst, der umso komischer wirkt, je melancholischer ersich geberdet? Aber ich gestehe, Fräulein Eugenie, die Rolle des unfreiwilligen Komikers zu spielen, hab' ich nicht Lust. Das Leben hat mir zu wenig Humor dafür gelassen –«

Er war ernstlich böse.

Eugenie blickte ihn fassungslos an. Das Weinen schien ihr nahe zu sein.

»Nun weiß ich wirklich nicht mehr, was ich sagen soll! Ich kann es Ihnen nicht recht machen –«

»Ja, ich bin ein unleidlicher Patron, hab' ich es Ihnen nicht gesagt? Geben Sie mich auf, Fräulein Eugenie; wir werden uns nie verständigen. Mit solchen vertrackten Menschen wie ich ist nicht auszukommen, wie oft soll ich es denn wiederholen? Wollen Sie durchaus nicht hören?«

Sie legte schweigend ihre Hand mit dem Rücken an die Stirne und schloß die Augen. Ueber ihr marmornes Gesicht, dessen Linien so bedeutend sind, und das so wenig von dem verrät, was sich in der Tiefe dieser Seele abspielt, ging eine flüchtige Bewegung – vielleicht Beschämung, vielleicht Enttäuschung, vielleicht nur Aerger.

Elmenreich sah diese Geberde. Und seine Haltung veränderte sich; er zog Eugeniens Hand von ihrer Stirne weg, schüttelte sie halb scherzhaft und halb leidenschaftlich und sagte mit einer Stimme, die nicht ohne Zärtlichkeit war:

»Gott bewahre, Gott bewahre! Wir werden uns doch dergleichen nicht zu Herzen nehmen! Es wäre ein Frevel an diesen himmlischen Augen, wenn sie durch Thränen getrübt werden sollten. Das möchte ich nicht verschuldet haben, nein, das nicht!«

Eugenie schlug die Augen auf. Sie waren trocken. Ein kühler, abweisender Blick fiel auf Elmenreich.

»Ich habe nicht geweint«, sagte sie stolz. »Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen.«

Da wurde auch Elmenreich sogleich wieder der Alte. Er versetzte kurz: »Desto besser«, und dann gingen beide verstimmt und schweigend nebeneinander her.

Am Ende des Promenadenweges lief uns Pipin entgegen. Er war ganz erhitzt und aufgeregt.

»Welches Glück ich habe!« rief er und schlug die Hände zusammen wie ein Kind. »Der liebe Gott meint es mit mir beinah so gut wie mit der gewissen Heiligen – Sie werden ja wissen, wie sie heißt, Herr Doktor – ich meine diese, Fräulein Eugenie, die sich mit einer Notlüge aus der Affaire zog. Eben habe ich mir Ihrem Herrn Papa gegenüber durch eine Notlüge geholfen – und sieh da, es trifft alles ein!«

Eugenie erblaßte.

»Dem Papa gegenüber? Der Papa ist doch auf die Jagd gefahren? Ist er schon wieder zurück?«

»Es ist etwas dazwischen gekommen, ich weiß nicht was. Ich glaube, Fräulein Eugenie, es wäre gut – vielleicht wären Sie geneigt, gleich nach Hause zu gehen. Er war ein wenig ungehalten darüber, daß Sie abwesend waren und Ihre Frau Mama allein – oder vielmehr nicht allein, sondern ohne Sie. Da sagte ich – verzeihen Sie, aber es schien mir in diesem Augenblick das Einfachste – ich sagte auf gut Glück, daß Sie mit der gnädigen Frau zusammen spazieren gegangen sind: und siehe da, ich hab' es erraten!«

Eugenie runzelte die Augenbrauen und antwortete nichts. Sie beschleunigte aber ihren Schritt sofort.

Pipin hielt mich zurück; als ein genügender Zwischenraum zwischen den Vorangehenden und uns entstanden war, teilte er mir flüsternd mit, bei welchem peinlichen Auftritt er eben Zeuge gewesen sei. Er wollte versprochene Bücher bringen; beim Gartenthor traf er mit dem Oberst zusammen, der angeblich von einem vereitelten Jagdausflug zurückkehrte. Aber diesen Jagdausflug scheine er nur vorgeschützt zu haben, nur darauf angelegt, seine Frau unvermutet zu überfallen.Unglücklicherweise sei sie in der That mit dem betreffenden Herrn, der dem Oberst nicht passe, allein im Garten gewesen. Seine erste Frage war nach Eugenie; denn die Frau habe den strengen Befehl, die Tochter nie allein ausgehen zu lassen – wahrscheinlich damit sie selbst nie unbeaufsichtigt bleibe. Und als es sich nun herausstellte, daß Eugenie nicht zu Hause sei, machte der Oberst eine unerhörte Szene, eine Szene, die jeder Beschreibung spotte. Er schimpfte und fluchte wie ein Hausknecht, ohne sich vor den unfreiwilligen Zeugen zu genieren. Die Frau aber blieb ihm nichts schuldig: und so wäre es fast zu Thätlichkeiten zwischen den beiden gekommen, wenn nicht schließlich die Zeugen sich ins Mittel gelegt hätten – auf die Gefahr hin, von dem Wüterich hinausgeworfen zu werden. »Guter Gott, was für ein Daheim für dieses arme, schöne, edle Geschöpf! Wie schrecklich, diese Existenz zwischen einem rohen Vater und einer leichtsinnigen, ungebildeten Stiefmutter! Eine so herrliche Erscheinung in einer so gemeinen Umgebung! Wenn man sie daraus befreien könnte! Wenn man sie retten könnte!«

Pipin's unbedeutendes Gesicht wurde beinahe anziehend in dem Ausdruck der Empfindung, von der es bewegt war.

Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort:

»In diesem Punkte ist mir Elmenreich unbegreiflich. Wenn ich an seiner Stelle wäre – es ist ja anmaßend und kindisch, sich so etwas vorzustellen, aber wenn ich an seiner Stelle wäre, ich würde – lieber Gott! Ich glaube, ich würde vor Stolz und Glück den Verstand verlieren. Und ihn berührt es weiter gar nicht, er ist ewig verstimmt und schlecht aufgelegt Vielleicht bemerkt er es nicht einmal. Nein, wirklich, er ist mir unbegreiflich.«

* * *

(Aus einem Briefe.)

20. Juli 1893.

... Du hast wohl richtig geraten. Ich fühle selbst, daß ich mich Elmenreich gegenüber verändere. Dir kann ich es ja gestehen: ich fange an, nicht mehr ganz wie früher – was nur? Während ich es nennen will, fehlt mir das Wort dafür. Nicht mehr ganz wie früher an ihn zu glauben? Aber er ist noch immer derselbe rechtschaffene Mensch, der Mensch des überlegenen Urteils, der unbestechlichen Selbsterkenntnis, der Mensch ohne Täuschung über sich und die anderen: kurz, noch immer alles, was ihn mir zu einer imponierenden und verehrungswürdigenErscheinung gemacht hat. Nur scheint mir – ganz im allgemeinen scheint mir in jeder Freundschaft der Augenblick bedenklich, in dem man die erste Schwäche entdeckt, die erste Unzulänglichkeit. Es ist eine entscheidende Wendung, wie die Wasserscheide auf einer Straße: von jetzt an geht es bergab. Unaufhaltsam! Unaufhaltsam, so gerne man oben bleiben möchte ...

Wie schwer ist es, einen Menschen in seiner Bedingtheit und Unvollkommenheit zu begreifen! Wir wollen immer etwas Ganzes und Fertiges, Helden oder Schurken, Engel oder Teufel. Daß der Mensch als etwas Halbes dazwischen steht, macht ihn unverständlich und ungenießbar.

Aber im besonderen brauchte das nicht zuzutreffen. Es ist doch gar nichts vorgefallen, gar kein greifbarer Anlaß eines Zerwürfnisses, einer Verstimmung. Nein, wirklich nicht das Geringste! Bloß, daß ich immer deutlicher die Empfindung habe, der Elmenreich, den wir vor drei Jahren kennen lernten, sei ein anderer Mensch gewesen als der Elmenreich von heute. Du wirst einwenden, daß sich ein Mensch nicht so rasch verändert, am allerwenigsten in Elmenreichs Alter. Immerhin gäbe es Erklärungsgründe. Es könnte ja der Einfluß des Grafen gewesen sein, der damals günstig auf ihn einwirkte. Nicht etwa, weil der Graf eine so ausgezeichnete Persönlichkeitist, sondern weil Elmenreich ihn liebte, weil er ihn für eine hoffnungsvolle und vielversprechende Erscheinung hielt. Damals erwartete er doch große Dinge von ihm, wenn er das auch heute nicht mehr zugiebt. Und es muß zu seiner Verbitterung nicht wenig beitragen, daß der Graf einen so ganz anderen Weg eingeschlagen hat. Wie es auch sei: man reißt nicht eine Seele aus seinem Herzen, ohne daß tiefe Narben davon zurückbleiben – –

Oder hätte nur ich mir ein Bild von Elmenreich gemacht, das nicht ganz zutrifft? Und ich wäre einfach im Begriff, die Fehler meines Bildes durch eine genauere Kenntnis zu korrigieren? Unlängst sagte er zu mir unter anderem: »Die Menschen glauben gewöhnlich das von einem, was man selbst über sich aussagt. Sie merken nie, was hinter diesen Aussagen steht, was man mit oder ohne Absicht verschweigt. Und dann erlebt man die merkwürdigsten Ueberraschungen, wenn man zufällig einmal erfährt, als was man in der Vorstellung seiner Nebenmenschen existiert.« Ich war ganz betroffen über diese Worte, denn ich hielt sie für eine Anspielung; aber als ich darauf eingehen wollte, sah ich sofort, daß sie nicht im Entferntesten auf mich gemünzt waren.

Ich habe angefangen, seine Gespräche aufzuschreiben. Dabei verhehle ich mir nicht, daß esein schlechtes Zeichen ist, wenn man das Bedürfnis empfindet, die Aussprüche eines Freundes schwarz auf weiß zu besitzen ...

* * *

Graf Hermosa teilt die Menschen in drei Klassen: in Geistesmenschen, Naturmenschen und Maniermenschen.

Gestern erläuterte er dieses System vor einem gemischten Auditorium, nämlich vor Elmenreich, Pipin, dem Brunnhofer-Seppl und mir. Auf Grund vertrauter Mitteilungen, die nicht bekannt sind, scheint er den Brunnhofer-Seppl unter die Geistesmenschen zu rechnen, und behandelt ihn vollkommen als seinesgleichen.

Elmenreich und ich waren zufällig vorübergekommen. Kaum erblickte der Graf Elmenreich, als er seine Rede unterbrach und sich ihm in den Weg stellte.

»Ich erkläre; Pipin hat mich darum gebeten«, sagte er in einem demütigen Ton, als müßte er sich entschuldigen. »Pipin hat nicht verstanden; Pipin möchte wissen, wer hinter den verschlossenen Thüren sitzt, und wer aus dem Sumpfe schreit: Pipin hört zu und denkt nach, aber er versteht nicht, er ist noch ein Neophyt. Darf ich um die Ehre bitten, zwei Zuhörer mehr zu haben?«

Elmenreich verbeugte sich formell und blieb einen Augenblick stehen. Er musterte Pipin mit einem mißbilligenden Blick.

Der Graf fuhr in seinem Vortrag fort, mit seiner erloschenen Stimme, die sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt in seiner andeutungsvollen, abgebrochenen Weise, die den Eindruck macht, daß er unaussprechliche Geheimnisse, etwas ganz Wunderbares und Unmitteilbares bei sich behält. Es kam mir vor, als rede er ausdrücklich für Elmenreich, als sei alles, was er sagte, an diesen gerichtet, obwohl er sich scheinbar nur an Pipin hielt.

Unter Maniermenschen verstand er die Philister, die Satten und Zufriedenen, die innerlich leer sind und sich deshalb mit konventionellen Begriffen ausfüllen, mit der Ehre, mit der Pflicht, mit der Moral. »Sie sind keine Menschen der inneren Wahrheit, sie sind Menschen der äußeren Manier. Der höhere Typus des Menschen lebt in einem anderen Elemente; er lebt nicht in der Zufriedenheit, sondern in der Sehnsucht. Die Sehnsucht ist der Weg der Erlösung. Der Einfältige, der arm an Geist ist, der Naturmensch, geht den Weg unwissentlich und blind, der Erleuchtete, der Geistesmensch, geht ihn mit Wissen und zielbewußt. Und welchen Weg er auch gehe, es ist für ihn nur ein Weg in jenes Reich, dasunsichtbar ist den gemeinen Augen, aber ahnungsvoll gegenwärtig demjenigen, der von derturris eburneader Eingeweihten die Welt schaut. Wie könnte es für diesen Schauenden noch Sünde geben? Welche That könnte er begehen, die nicht aus ihm selbst ihre Rechtfertigung empfinge? Kann daher der Geistesmensch nicht alles thun, was nach der Ansicht der Maniermenschen ein unauslöschliches Schandmal bildet? Alles – wenn es für seine Seele der Weg der Entfaltung ist? Kann er nicht sein Ehrenwort brechen, nicht stehlen, rauben, morden – und es wird für ihn nur eine Stufe sein –?«

Seine tiefen, brennenden Augen, unter denen violette Schatten liegen, hefteten sich auf Elmenreich. Es war eine flehentliche Frage in seinem Blick; und mit der südlichen Lebhaftigkeit seiner Geberden unterstrich er die eindringliche, verhaltene Leidenschaft dieser Frage. Er erhob seine beiden Hände gegen Elmenreich – wunderbar gepflegte Hände mit schlankem weichen Fingern, auf denen in zahlreichen Ringen herrliche Juwelen funkeln.

Elmenreich stand mit der gleichgültigen und gelangweilten Miene eines Menschen da, der Gemeinplätze oder Phrasen anhören muß; der Brunnhofer Seppl hatte in seinem gebräunten Gesicht einen Ausdruck so düsteren Ernstes, daßman wohl vermuten konnte, er habe irgend eine Geistesmenschenthat auf dem Gewissen, über die er bisweilen maniermenschliche Regungen unangenehmer Art empfinde; Pipin aber starrte mit hochhinaufgezogenen Augenbrauen den Grafen an, sein Gesicht war ganz rot und ein banges Erstaunen malte sich in seinen Mienen. Der Atem schien ihm zu versagen; in der Stille, die entstanden war, schnappte er hörbar nach Luft.

Da wandte sich Elmenreich gegen den Grafen.

»Halten Sie ein, Graf«, sagte er spöttisch, »Sie stürzen diesen armen Neophyten zu früh in die Schrecknisse der letzten Grade.«

Der Graf warf den Kopf zurück und streifte Pipin mit einem ungnädigen Blick.

Und in einem Ton, der keine Widerrede gestattete, fügte Elmenreich hinzu: »Pipin, kommen Sie jetzt mit uns. Wenn Sie etwas nicht verstehen, können Sie ja mich fragen; ich werde Ihnen schon Auskunft geben.« Damit kehrte er dem Grafen den Rücken und setzte seinen Weg fort.

Pipin schloß sich ihm gehorsam an; aber er blieb in sich gekehrt und schweigsam.

Heute sagte er zu Elmenreich sehr vergnügt: »Ich glaube, ich weiß jetzt unter welche Gattung Menschen ich gehöre – denn zu den Geistesmenschen darf ich mich nicht rechnen, und zu denManiermenschen, offen gestanden, möcht' ich doch nicht gezählt werden –«

»Seien Sie nicht so albern, Pipin«, versetzte Elmenreich grob. »Sie werden doch diese Klassifikation nicht ernst nehmen?«

»Warum denn nicht?« antwortete Pipin unschuldig. »Ich finde sie großartig, das muß ich sagen. Und Sie, gnädige Frau?«

Aber Elmenreich ließ mir gar keine Zeit, mich zu äußern.

»Das hat Ihnen gerade noch gefehlt, Pipin, daß Sie sich solches Zeug in den Kopf setzen. Sie wären imstande, nächstens auf dem Promenadenweg dem Regierungsrat Müller die Geldbörse abzujagen, um sich vor dem Grafen als Geistesmensch zu legitimieren –«

»Ich habe doch eben erklärt, daß ich mir durchaus nicht anmaße, unter die Geistesmenschen gezählt zu werden –«

»Na, ein Geistesmensch sind Sie allerdings nicht, aber trotzdem ein Kerl, der mehr wert ist, als mancher andere. Sehen Sie denn nicht ein, daß alle willkürlichen Normierungen der Menschen keinen Schuß Pulver wert sind? Nichts als einjeu d' espritfür solche Narren wie der Graf einer ist, und eine Leimrute für solche Narren, wie Sie einer sind –?«

Ich wendete ein, daß es doch ganz den Anscheingehabt hatte, als wolle der Graf nicht auf Pipin, sondern auf ihn Eindruck machen.

»Auf mich? Als ob ich diese Leier nicht längst auswendig kennte! Bei mir verfängt das nicht mehr. Uebrigens vielleicht – vielleicht glaubt er, daß er damit noch etwas bei mir erreichen kann. Aber da täuscht er sich gründlich!« Und mit zunehmender Heftigkeit fuhr er fort:

»Ich werde Ihnen sagen, Pipin, unter welche Gattung Menschen er selber gehört. Lassen Sie sich nicht ein mit Leuten, die neue Klassen der Menschen kreieren, um sich selbst auf die oberste Stufe zu stellen, die sich als innerliche Kaiser und Könige aufspielen, weil sie keinen Platz im äußeren Leben ergattern können! Ich kenne sie, diese Ichprotzen, die aus der Kultur des Ich einen Kultus des Ich machen! Die selbstgefällig die Ausdünstungen ihrer angefaulten Seelen beschnuppern, um uns ihre Defekte als neue Seiten der menschlichen Natur aufzutischen! Diesecommis voyageursin geistigen Modewaren, die immer die Neuheit der Saison für eine erlösende Wahrheit ausgeben ... Je nachdem der Wind weht, hält man sich für einen Franz von Assisi, wenn man seine zerrütteten Nerven ein paar Wochen auf dem Lande ausruhen läßt, oder für einen Cäsar Borgia, wenn man seine Gymnasiastenstreiche zum Besten giebt; sie glauben schon,was Neronisches zu sein, wenn sie einen der Seitenwege einschlagen, auf denen die Instinkte niedergehender Kulturen lustwandeln –«

Ich machte einen Versuch, ihn zu unterbrechen:

»Aber hören Sie doch auf, Elmenreich! Wie paßt denn das auf den Grafen?«

»Was ihnen in die Hände fällt, wird zur Karikatur, die Ausschweifung und das Empfindungsraffinement, die brutale wie die sentimentale Pose. Sie können keine ihrer erbärmlichen Liebesaffairen erzählen, ohne Gott, Welt, Menschheit hineinzupfuschen. Und wenn sie sich mit Weibern oder Comestibeln überladen haben, fangen sie an, von ihrem Erlösungsbedürfnis zu reden. Sie behängen sich mit tiefen Erkenntnissen, wie Maulesel mit Schellen und glauben etwas für die Unsterblichkeit zu thun, wenn sie in allen Gassen damit herumläuten, bis die anständigen Leute Fenster und Thüren zuschlagen und alle tiefen Erkenntnisse zum Henker wünschen –«

Da leuchtete mir ein, daß hier nicht eine Beobachtung, sondern eine Leidenschaft Ausdruck suchte. Ich erinnerte mich an das, was Dr. Kranich neulich über Elmenreichs Verbitterung gesagt hat:

»Er bekommt seine ersten grauen Haare; bekanntlich aber hassen die Menschen von Vierzignichts auf der Welt so sehr als die Menschen von Zwanzig.« Und mit einem Lächeln, unter dem seine blendenden Zähne so lieblich glänzten, als könnten nur gütige und milde Worte zwischen ihnen durchgleiten, hatte er geschlossen:

»Ueberdies posiert der gute Elmenreich mit seiner Galle. Galle ist ein wohlfeiles Surrogat für Tiefe. Und was gäbe er nicht darum, wenn er selber ein »tiefer« Mensch wäre!«

* * *

Ein Meteor ist aufgestiegen, das alle anwesenden höheren Menschen zu verdunkeln drohte. Zum Glück verschwand es alsbald wieder und ließ nur eine vorübergehende Sensation wie einen flüchtigen Feuerschweif hinter sich.

Beim Mittagstisch in der großen Veranda.

Dr. Kranich weiht eben Pipin in einige Geheimnisse der amerikanischen Küche ein, während der Graf am anderen Ende des Tisches mit würdevoller Ergebung in das Unvermeidliche an einem sehr zähen Kalbsbraten kaut, und Elmenreich dem Kellner zum hundertsten Mal erklärt, daß er unbedingt entschlossen sei, diesen »Schlangenfraß« nicht länger zu sich zu nehmen. Da ließ sich an einem leerstehenden runden Tisch in der Mitte ein junger Mann nieder. Ertrug einen Folianten unter dem Arm, den er sogleich vor sich aufschlug. Seine langen, schwarzen Haare fielen ihm in fettigen Strähnen über die Backen und verdeckten sein Gesicht, als er sich so über das Buch beugte. Man sah nur eine große Nase mit einem großen goldenen Zwicker herausragen. Ein weiter Kameelhaarmantel umgab in reichlichen Falten seine Gestalt bis zu den Füßen, die nach Art der römischen Hirten mit Bundschuhen versehen waren.

Als der Kellner ihm die Speisenkarte überreichte, blickte er mit weltverlorener Miene auf und fragte mit sanfter Höflichkeit:

»Was wünschen Sie, lieber Freund?«

Und auf die Frage, ob er nicht zu Mittag speisen wolle, versetzte er wie aus einem Traum erwachend:

»Ach so! Nun ja; bringen Sie mir ein Glas Wasser, ich bitte!«

Dann öffnete er seinen Mantel über der Brust. Ein gelbliches Baumwolltuch, das ein herausfordernd ungewaschenes Aussehen hatte, erschien an der Stelle, die bei anderen Europäern durch eine Kravatte eingenommen wird. Es war kreuzweise übereinandergelegt und durch eine umfangreiche Agraffe von rätselhaften Umrissen zusammengehalten.

Er langte in die linke Brusttasche und zogein flaches Glasfläschchen mit einer hellgelben Flüssigkeit heraus, das er vor sich auf den Tisch stellte. Dann langte er in die rechte Brusttasche und zog ein Pergamentsäckchen heraus, das er gleichfalls vor sich hinstellte.

Sämtliche Anwesende verfolgen mit gespanntem Interesse jede seiner Bewegungen. Selbst der Graf unterbricht sein ergebungsvolles Kauen, winkt den Kellner zu sich und fragt:

»Wer ist dieser Fremdling?«

Die Nachricht, daß derselbe nur ein unbekannter Passant sei, vermindert das Interesse keineswegs. Niemand ißt mehr; alle Gespräche sind verstummt; die Kellner stehen herum und glotzen ihn an.

Und in diesem feierlichen Schweigen entkorkte der Fremdling gelassen, als wäre er allein auf der Welt, sein Fläschchen, goß einige Tropfen Oel in seine hohle Hand, schüttete aus dem Pergamentsäckchen einige Erbsen dazu, und ließ sie, indem er sich weit zurückbeugte, in seine Mundhöhle verschwinden. Das wiederholte er, bis das Pergamentsäckchen leer war. Dann reinigte er seine Hände, indem er sie gegeneinander rieb und sich ein paarmal über die Haare fuhr. Zuletzt trank er das Glas Wasser aus und rief:

»Kellner, zahlen!«

Der Kellner bemerkte spöttisch, daß das Wasser vorläufig noch umsonst zu haben sei.

Aber mit unstörbarer Freundlichkeit griff der Fremdling abermals in die Falten seines Prophetenmantels, zog einen Silbergulden heraus und überreichte ihn dem Kellner.

»Für Ihre Mühe, lieber Freund«, sagte er wie oben.

*

»Pipin, gaffen Sie diesen verehrungswürdigen Mann nicht so unverschämt an«, ermahnte Dr. Kranich ernst.

»Was? Verehrungswürdig?« versetzte Pipin, der sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. »Das ist doch ein Narr, oder ein Geck! Warum würde er sonst seine Mahlzeit hier, statt an dem nächstbesten Brunnen, einnehmen? Hab ich nicht recht, Dr. Elmenreich?«

Elmenreich stieß nur einen Laut unaussprechlicher Verachtung aus.

Dr. Kranich jedoch erklärte mit erhöhtem Gewicht, ein Mensch, der es verstehe, sich mit so unbeweglicher Seelenruhe zum Gegenstand des allgemeinen Gelächters zu machen, sei ein wahrhaft überlegener Mensch. »Sie, lieber Pipin, halten es vielleicht für ein Zeichen von Mut undUeberlegenheit, wenn ein Mensch sich duelliert, wozu jeder beliebige Leutnant die Seelenstärke aufbringt. Aber sich dem öffentlichen Spott aussetzen und nicht mit einer Wimper zu zucken, hundert Augen mit Geringschätzung auf sich gerichtet sehen und nicht einen Moment die Fassung zu verlieren, sich lächerlich machen mit vollem Bewußtsein, das können nur die ganz seltenen Menschen. Ich werde mich ihm zum Zeichen meiner Hochachtung vorstellen.«

Gerade als Dr. Kranich sich anschickte, seinen Vorsatz auszuführen, stand der Fremdling auf und entfernte sich. Vorher hatte er seine Busennadel aus dem Baumwolltuch gezogen und sie als Lesezeichen in das Buch gesteckt, das er auf dem Tische liegen ließ.

»Nun, Doktor Kranich«, sagte Elmenreich, »da Sie soviel Courage haben, gehen Sie doch einmal nachsehen, was für ein Buch das ist, in dem Ihr Held so dringend zu lesen hat.«

»Fürchten Sie sich nicht, Elmenreich, Ihre Neugier soll befriedigt werden auch ohne mich. Pipin, das ist eine Aufgabe für Sie. Stehen Sie unauffällig auf, gehen Sie unauffällig an dem Tisch vorbei und lesen Sie unauffällig den Titel des Buches.«

Pipin traf vor dem Tische mit einem Dutzendanderer Abgesandter zusammen. Er kehrte sehr nachdenklich zurück.

»Es ist lateinisch«, sagte er. »Obenauf stehtArcana coelestia; alles Uebrige habe ich in der Eile nicht lesen können. Denn das Merkwürdigste ist die Kravattennadel, die er hineingelegt hat. Denken Sie sich: sie besteht aus einer Schlange, die sich in den Schweif beißt! Und diese Schlange schlingt sich um einen sechseckigen Stern, und in diesem Stern hängt ein Ding, das aussieht wie ein kleinwinziger Stimmschlüssel. Das muß etwas zu bedeuten haben! Ich glaube wirklich, Doktor Kranich hat Recht, dieser geheimnisvolle Fremde ist jemand Besonderer, glauben Sie nicht auch, gnädige Frau?«

Indessen war der Fremdling zurückgekommen. Eilig huschten die letzten Neugierigen auf ihre Plätze. Er aber steckte friedlich seine Nadel wieder an, nahm sein Buch in den Arm, schlug seinen Mantel mit einer weiten, malerischen Bewegung vorne übereinander und ging.

Der lang zurückgestaute Strom der Rede ergoß sich jetzt in brausenden Wogen durch die Veranda. Von den Tischen der Räte drangen Laute der heftigsten Entrüstung herüber. Sie verhinderten Elmenreich, seine eigene Entrüstung zu äußern; denn Dr. Kranich sagte lächelnd:

»Da drüben haben Sie ja Gesinnungsgenossen,Elmenreich. Wollen Sie nicht hinübergehen und mit den Hofräten heulen?«

Als man sich gesegnete Mahlzeit wünschte, fiel es auf, daß der Graf fehlte. Niemand hatte ihn fortgehen gesehen.

Er ist auch beim Abendessen noch nicht wiedererschienen.

Pipin: »Das wäre mein Ideal: ein Kreis hervorragend gescheiter Menschen, die so recht auf der Höhe der Kultur stehen, die alles begreifen, was in der Welt vorgeht und darüber gut zu reden wissen, so daß man die Empfindung hat, man lebt ganz im Zentrum, man lebt so reich und intensiv, als es zur Zeit möglich ist. Und mit solchen überlegenen, ausgezeichneten Menschen in einer wahren, lebenslänglichen Freundschaft verbunden zu sein – sagen Sie, Herr Doktor, wäre das nicht ein himmlisches Glück?«

Elmenreich: »Puah! Lebenslängliche Freundschaft! Wie können Sie denn in Ihrem Alter noch so was erwarten! Lebenslängliche Freundschaft ist nur möglich unter Menschen, die stehen bleiben, also unter nicht modernen Menschen; denn das macht ja den modernen Menschen aus, daß er sich beständig wandelt. Und dann –giebt es etwas Langweiligeres als lebenslängliche Freundschaft? Man kennt sich längst auswendig, man hat sich nichts Neues mehr zu sagen, keine Ueberraschungen mehr zu machen, keine Rätsel mehr aufzugeben! Man weiß schon im Vorhinein, was der werte Freund in jeder Lage denken und thun wird; so oft er zu reden anfängt, fragt man sich gähnend: Du lieber Gott, wird er denn sein ganzes Leben lang auf diese paar Gedanken reisen?«

Pipin, nach einer Pause schüchtern: »Aber weil wir schon bei diesem Gegenstande sind, Herr Doktor – darf ich offen sprechen?«

Elmenreich unwirsch: »In Gottes Namen, wenn Sie wieder einmal etwas nicht bei sich behalten können.«

Pipin: »Ich verstehe nämlich nicht – Sie werden freilich sagen, daß ich nicht alles zu verstehen brauche. Aber vielleicht ist Doktor Kranich falsch unterrichtet. Er behauptet nämlich –«

Elmenreich: »Gewöhnen Sie sich doch dieses schreckliche Nämlich ab, Pipin. Nämlich ist ein geradezu schwachsinniges Wort.«

Pipin errötet, faßt sich aber gleich wieder: »Danke; ich werde es mir abgewöhnen. Doktor Kranich also behauptet –«

Elmenreich: »Gehört Doktor Kranich zur Sache?«

Pipin bemerkt nicht, daß Elmenreich ausweichen will. Er fährt tapfer fort:

»Ei freilich! Er behauptet näm – pardon, er behauptet, daß Sie vor einigen Jahren der beste Freund des Grafen waren, – wie er sich ausdrückt:frère et cochonmit ihm. Ist das wahr?«

»Und wenn es wahr wäre?«

»Dann verstehe ich nicht – Sie haben mir ja erlaubt, offen zu sprechen, Herr Doktor – ich verstehe nicht, wie Sie jetzt so böse auf ihn sein können. Wenn man einmal eines Menschen Freund ist, muß man es doch bleiben!«

Elmenreich macht eine Bewegung ärgerlicher Ungeduld. Pipin aber läßt sich nicht einschüchtern.

»Ich bitte Sie, Herr Doktor, sagen Sie mir die Wahrheit! Die Sache beunruhigt mich auf das Tiefste. Sie sind doch beide so großartige, bedeutende Menschen! Wie herrlich müßte es sein, wenn Sie beide wieder vereinigt wären! Gäbe es denn kein Mittel?«

»Lassen Sie das, Pipin!«

»Ist es wirklich unmöglich? Können Sie mir nicht wenigstens den Grund sagen? Den Anlaß Ihres Zerwürfnisses? Vielleicht ist es ein bloßes Mißverständnis gewesen, das nur aufgeklärt zu werden braucht? Vielleicht, wenn Sie sich dazu bewegen ließen, mit mir darüber zusprechen, könnte ich dem Grafen – glauben Sie mir, Herr Doktor, ich würde nichts unversucht lassen! Ich würde alles – sagen Sie doch ein Wort!«

Elmenreich schien durch Pipins Eifer gerührt. »Pipin, das verstehen Sie nicht« – sagte er, aber in einem väterlichen Ton.

»Vielleicht doch! Versuchen Sie es wenigstens! Gott, wenn es mir gelänge, wenn – wenn ich das bewirken könnte, ich wäre närrisch vor Freude!«

»Also da Sie es durchaus wissen wollen: es ist gar kein besonderer Anlaß gewesen, gar kein Zerwürfnis. Wir haben uns einfach auseinandergewandelt.«

»Auseinanderge – was?« fragte Pipin.

»Auseinandergewandelt!« wiederholte Elmenreich mit Betonung. »Nun werden Sie wohl begreifen, daß da nichts zu machen ist.«

Pipin sah nicht sehr überzeugt aus. Er seufzte, wagte aber keine Frage mehr.

Abends nahm er Dr. Kranich beiseite. »Ich möchte Sie etwas fragen«, sagte er mit wichtiger Miene. Als ich mich entfernen wollte, hielt er mich zurück. »Oh, es ist kein Geheimnis, gnädige Frau; vielleicht können Sie mich aufklären, falls Doktor Kranich nicht wollte. Denn Doktor Kranich ist leider nicht geneigt, sein Wissen und Könnenin den Dienst anderer zu stellen. Denken Sie sich, neulich hat er gesagt, daß das »Humane« ein überwundener Standpunkt ist, von dem nur mehr Provinzschullehrer und gebildete Damen das Heil erwarten –«

»Ei Pipin, Sie fangen an, mich bei den gebildeten Damen zu denunzieren? Wollen Sie etwa mit der gnädigen Frau einen Wohlthätigkeitsverein für Arme im Geiste gründen?«

Ungehaltener, als ich ihn jemals gesehen, versetzte Pipin: »Ach bitte, lassen Sie doch die gnädige Frau aus dem Spiel! Ich wollte Sie ja nur fragen, weil Sie sich in allen modernen Fragen so gut auskennen, was denn das heißt: »sich einfach auseinander wandeln –?«

»Wo haben Sie denn das aufgeschnappt?«

»Ist das nicht alles eins?«

»Ich frage, wo Sie das aufgeschnappt haben?«

»Wenn ich es sagen muß: Doktor Elmenreich behauptete es von sich und dem Grafen. Er sagte wörtlich: »wir haben uns einfach auseinandergewandelt.«

Dr. Kranich lachte laut auf. »Na, dann zerbrechen Sie sich Ihr Köpfchen nicht darüber, Pipin. Das ist nur für dieupper ten thousanddes Geistes und nicht für Sie.«

* * *

(Aus einem Briefe.)

26. Juli 1893.

... Dir mehr über Pipin mitzuteilen? Wer Pipin ist? Aber es fällt doch niemandem ein, darnach zu fragen. Er ist da, das ist genug. Und namentlich ist er immer da, wenn etwas von ihm gebraucht wird. Jemand langweilt sich – Pipin leiht ihm Bücher; jemand hat keinen Regenschirm – Pipin bringt ihm den seinen; jemand macht eine Bergpartie – Pipin versorgt ihn mit Bergstock und Landkarte; jemand hat sein Taschentuch vergessen – Pipin zieht ein frisches aus der Tasche; jemand fürchtet, sich zu erkälten – Pipin wickelt ihn in seinen Plaid; jemand hat sich in den Finger geschnitten – Pipin klebt ihm englisches Pflaster auf; jemand fühlt sich schlecht – Pipin hält ihm den Kopf. Was immer geschehen mag, Pipin wird um Hilfe gerufen; was immer fehlen mag, Pipin schafft es herbei. Es ist mit Sicherheit anzunehmen – obwohl Pipin darüber die strengste Verschwiegenheit bewahrt – daß er auch in hervorragendem Maße angepumpt wird. Denn Pipin ist eben so reich, als er gefällig ist.

Ein Umstand fällt mir auf, den ich mir nicht ganz erklären kann. Pipin wird von allen Gruppen dieser bunt zusammengewürfelten Gesellschaft, von den freien Geistern und höheren Menschen wie von den Würdenträgern und Titulaturgrößenbis herab zu jenen untergeordneten Elementen, die nach keiner Richtung qualifiziert sind – belächelt. Jedermann nimmt seine Dienste als etwas Selbstverständliches an, und jedermann macht sich lustig über ihn, kaum daß er außer Hörweite ist.

Vielleicht liegt die Veranlassung dazu bloß in dem Namen Pipin, den er sich giebt, obwohl er eigentlich Josef heißt, mit der vorstadtmäßigen Variante Pepi. Wer die Idee hatte, diesen Pepi in einen Pipin zu verwandeln, ist nicht bekannt; aber Dr. Kranich war es, der den Namen Pipin mit dem schmückenden Beiwort »der Dumme« versah. Viele kennen seinen wirklichen Namen gar nicht; alle Welt nennt ihn einfach Pipin. Und nun heißt es Pipin hin, Pipin her; und wenn er den Rücken kehrt, verbreitet sich ein behagliches Schmunzeln, und das Wort »der Dumme« summt wie ein dumpfer Glockenton von allen den schmunzelnden Lippen.

Warum sollte ein Name nicht genügen, um einen Menschen in den Augen seiner Mitmenschen lächerlich erscheinen zu lassen? Aber es ist auch möglich, daß er sich durch etwas in seinem Benehmen lächerlich macht. Er ist immer voll Dienstfertigkeit und Aufmerksamkeit – auch jenen gegenüber, die gewohnt sind, als etwas Nebensächliches und mit Geringschätzung behandelt zuwerden. Nun nehmen sie an, daß Pipin tief unter ihnen stehe – weshalb wäre er sonst voll Dienstfertigkeit und Aufmerksamkeit gegen sie? Und noch eine Eigenschaft hat Pipin, die geeignet ist, ihn in den Augen der »ernsthaften« Menschen herabzusetzen. Er bewundert alles. Immer ist er voll Staunen über irgend etwas. Die Natur, die Welt und die Menschen sind ihm ein Gegenstand unerschöpflicher Bewunderung. Dadurch erweckt er den Anschein der Inferiorität; denn die meisten befinden sich doch in einem Zustand beständigen Mißvergnügens, und es ist ihnen nichts recht zu machen. Sie sind Kritiker, nicht Bewunderer, und finden darin einen Beweis ihrer Ueberlegenheit über die Dinge und Menschen ...«

* * *

Mondaufgang am Seeufer. Staffage: Eugenie, Dr. Kranich, Elmenreich, Pipin, ich.

Dr. Kranich unterhält sich damit, in den öligen Wasserspiegel, dort, wo der Mond wie ein goldenes Wasserrosenblatt schwimmt, Steine zu werfen. Dann zerfällt der Mond in glitzernde Trümmer, hüpft unruhig über die Wellenkreise und sammelt mühsam wieder seine zerrissene Scheibe.

Eugenie steht mit Elmenreich abseits.

»Patsch!« sagt Dr. Kranich und stößt mit dem Fuß einen großen Stein ins Wasser. »Fräulein Eugenie, ich bemühe mich seit einem Jahrhundert vergeblich, Ihre gnädige Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Erbarmt Sie der arme Mond gar nicht, der da so gern ungestört auf dem Wasser liegen möchte und sich selber betrachten? Sie wissen doch, im Mond sitzt eine wunderschöne Fee, die sich wie alle schönen Frauen unersättlich in dem Spiegel schauen will –«

»Das hab' ich nie gehört«, versetzt Eugenie; »im Mond sollen zwei Liebende zu sehen sein, die sich küssen –«

»So weit versteigt sich meine Phantasie noch nicht! Ich weiß bis jetzt nur, daß diese wunderschöne Fee einsam in ihrem Nachen fährt und sich langweilt. Es fehlt ihr zwar nicht an Gesellschaft; ein ganzes Heer von Schwänen zieht hinter ihr drein, angelockt durch ihre märchenhafte Schönheit. Alle Arten von Schwänen sind darunter; feiste, solide, mit ernsthaften Absichten und kleinen beginnenden Glatzen hinten auf dem Kopf; und unglückliche magere, die bloß einen langen Hals und lange Zähne beim Anblick der Mondfee kriegen, weil sie keine fixe Stellung haben und nicht einmal noch Aussicht auf Quinquennalzulagen; junge Schwäne, ganz rosig wieSpanferkel vor Anbetung und Liebe, die mit einem schwärmerischen Augenaufschlag hinter den anderen herschwimmen und demütig warten, ob die Mondfee einmal bemerken wird, daß sie auf der Welt sind; und freche schwarze Schwäne, mit einem blutroten Ring auf dem Schnabel, die nach jedem hacken, der sich vordrängen will –«

Pipin ist begeistert. »Großartig«, ruft er und hustet vor übermäßigem Ergötzen, während Eugenie unbeweglich bleibt und nach Elmenreich sieht, was er für ein Gesicht macht.

»Und alle diese Schwäne singen unermüdlich die Mondfee an, jeder nach seiner Weise, die feisten soliden mit ehrbaren Annäherungsversuchen und notariell sichergestellten Lockrufen; die rosenroten jungen tragen ihr in gereimten Vierzeiligen Herz und Hand entgegen; die frechen schwarzen aber schreien nur siegesgewiß kuckuck, kuckuck –. Denn die schwarzen Schwäne, Fräulein Eugenie, sind von sonderbarer Abkunft. Es war einmal ein Kuckuck, der verliebte sich in eine große schwarze Amsel. Aber die Amsel wollte nichts wissen von seiner Liebe, weil der Kuckuck keinépousseurist und bekanntlich kein Nest baut. Mit einem so liederlichen Vogel wollte sich die Amsel nicht einlassen. Da sagte der Kuckuck: O liebe Frau Amsel, wie könnt ihr doch einem Kuckuck mit solchen moralischen Bedenken kommen! Laßt das meineSorge sein; wir Kuckucke brauchen ja gar kein Nest, wir legen unsere Eier nach gutem Kuckucksrecht in fremde Nester. Und als die Amsel das Kuckucksei gelegt hatte, trug es der Kuckuck in ein Schwanennest; dort brütete es der schneeweiße Schwan gewissenhaft aus. Es entstand zwar ein großes Schütteln des Kopfes in der Verwandtschaft über den unvermuteten schwarzen Sprößling; aber gutmütig, wie diese schneeweißen Vögel einmal sind, machten sie sich weiter keine Gedanken darüber.«

»Der Schluß ist schwach, mein lieber Arthur«, sagte Elmenreich; »es fehlt ihm die Pointe –«

»Und die Mondfee?« fragte Eugenie. »Kommt die Mondfee in der Geschichte nicht mehr vor?«

»Die Mondfee fährt in ihrem goldenen Nachen weiter, ungerührt und unergründlich, wie eine marmorne Sphinx –«

»Ich behaupte, die Mondfee ist in den fliegenden Holländer verliebt«, begann Elmenreich. »Sie hat sich's in den Kopf gesetzt, kein anderer als der fliegende Holländer soll es sein, so wundervoll romantisch, wie sie sich ihn vorstellt, melancholisch, weltschmerzlich, unbändig gescheit aber doch zugleich erlösungsbedürftig. Und wenn ein Schiff vorüber fährt mit einer dunklen Gestaltam Steuer, so erhebt sie ihre Sirenenstimme und streckt ihre weißen Hände dem Unbekannten entgegen. »Komm zu mir, ich will dich erlösen«, ruft sie ihm zu und winkt mit dem Taschentuch. Geschmeichelt hält der Unbekannte an, um in den goldenen Nachen einzusteigen.

»Ich kenne dich, du bist der fliegende Holländer«, sagt die Mondfee mit ihrer Sirenenstimme.

»Du lieber Gott, nein, ich bin ein ganz gewöhnlicher Sterblicher«, versetzt der Unbekannte enttäuscht.

Aber die Mondfee bleibt dabei, daß er der fliegende Holländer sei; »ich habe dich ja«, sagt sie und weist mit ihrem Lilienfinger ins Blaue, »ich habe dich ja auf jenem geheimnisvollen Schiffe gesehen, das dort in der Ferne segelt.« Denn das ist das Eigentümliche an dem fliegenden Holländer, daß er immer in der Ferne segelt und niemals von dem goldenen Nachen der Mondfee eingeholt wird. Der Unbekannte will der Sache auf den Grund kommen; er rudert aus Leibeskräften, bis er das spukhafte Schiff erreicht. Am Steuer sieht er eine vermummte Gestalt stehen; die fragt er beherzt: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn – wer bist du?« Da bewegt sich das Phantom – und mit Staunen nimmt er wahr, daß er selber es ist, der dort am Steuer steht, aber in einem phantastischenKostüme, mit Scharlachmantel und Barett und gestickten Königskronen an den Rockaufschlägen. »Wer ich bin?« antwortet der gespenstische Doppelgänger und wirft sich in die Brust. »Ich bin derjenige, den sich die Mondfee unter dir vorstellt –« und schwupps! ist er wieder unerreichbar weit weg.«

Dr. Kranich gähnt. »Das ist nichts für mich, dabei muß man sich etwas denken«, sagt er zu Eugenie; »dieser lasterhafte Elmenreich will einen immer zum Nachdenken verleiten –«

»Sind Sie etwa noch niemals mit Ihrem Phantom zusammengestoßen, Arthur? Es liegt doch etwas Furchtbares, fast Schauerliches in dem Gedanken, daß wir so wenig wissen, als was wir in dem Gehirn unserer Nebenmenschen existieren. Heften sich nicht an unsere einfachsten und flüchtigsten Worte unberechenbare Wirkungen? An Worte, die wir unbedacht hinaussprechen unter dem Einfluß einer vorübergehenden Stimmung? Und diese Worte werden in fremden Seelen eine Macht, über die wir selber keine Gewalt haben –«

Pipin, der indessen verschwunden war, kehrte jetzt zurück. Er hatte Eugeniens Jacke aus der Veranda geholt.

»Ihnen ist kalt, nicht wahr?« sagte er, während er ihr beim Anziehen behilflich war. »Ich habe gesehen, daß Sie auf einmal so blaß gewordensind –. Vor lauter Märchenerzählen hätten wir beinahe die arme Mondfee vergessen –!«

* * *

Pipin: »Ich möchte Sie gerne etwas fragen, lieber Doktor, darf ich?«

Elmenreich: »Schon wieder?«

Pipin: »Aber Sie müssen mir aufrichtig antworten –«

Elmenreich, zu mir gewendet: »Da hören Sie diesen Menschen! Aufrichtig antworten! Und das sagt er so leicht hin, als ob er da eine Kleinigkeit verlangte, etwas Selbstverständliches! Als ob Aufrichtigkeit nicht zu den schwierigsten und verantwortlichsten Dingen gehörte, die ein Mensch auf sich nehmen kann!«

Pipin: »Aber gehen Sie doch, Herr Doktor, Sie werden doch nicht auch anfangen, mich aufzuziehen?«

Elmenreich: »Ueberdies bin ich ein durchaus unaufrichtiger Mensch, Pipin; Aufrichtigkeit ist nicht meine Sache –«

Pipin, glühend: »Sie? Sie sind der ehrlichste Mensch unter der Sonne!«

Elmenreich: »Den aufrichtigen Menschen, die immer mit ihrer »Wahrheit« herausplatzen, fehlt einfach das geistige Schamgefühl, deshalb entblößensie ihre Seele bei jeder Gelegenheit. Und sie muten es auch den anderen zu, die anständig genug sind, ihre Kleider anzubehalten. Zum Kuckuck, wissen denn diese Leute nicht, daß Kulturmenschen einander nicht ohne Widerwillen nackt sehen können?«

Pipin, ratlos: »Dann bitte ich um Verzeihung, Herr Doktor. Ich habe es aber wirklich nicht so gemeint. Ich sagte ja nur »aufrichtig«, weil ich – je nun, sagen Sie selbst, was hat man denn von einem unaufrichtigen Urteil?«

Elmenreich: »Im Gegenteil: wer hat etwas von einer Aufrichtigkeit, die nicht schmeichelhaft für ihn ist? Der Mensch mit dem dämonischen Glauben an sich selbst verachtet den Tadel und haßt den Tadler; der Mensch aber, dem dieser Glaube fehlt, wird durch den Tadel entmutigt und ins Herz getroffen. Und wissen Sie, Pipin, da will ich noch lieber einen solchen wütenden Stier des Selbstbewußtseins wider mich aufgebracht haben, als eine solche arme Seele tiefer ins Fegefeuer des Zweifels hineinstoßen. Offen gestanden, es ist mir zu unbequem, eventuell einen solchen Zusammengefallenen mit gütlichen Argumenten aufrichten zu sollen, bis er wieder halbwegs allein stehen kann –.«

Pipin wußte sich nicht zu helfen. »Das habe ich wieder recht ungeschickt angefangen«, sagte er,während er aus Verzweiflung den Hut abnahm und sich den Kopf kratzte. Dann auf einmal lachte er erleichtert.

»Ach so, Sie meinen, daß Sie an mir einen solchen Zusammengefallenen hätten, wenn Sie aufrichtig gegen mich wären? Da brauchen Sie nichts zu fürchten, lieber Doktor; es handelt sich gar nicht um mich. Ich wollte Sie ja nur fragen, was Sie aufrichtig, aber wirklich aufrichtig, über Fräulein von Gabielski denken?«

»Ueber Fräulein von Gabielski? Warum fragen Sie das gerade mich?«

Elmenreich warf unter seinen gerunzelten Augenbrauen hervor einen strengen Blick auf Pipin, der dunkelrot wurde. Er antwortete nicht gleich.

»Ich habe mir gedacht, daß Sie ein gewisses Vertrauen, eine gewisse Zu – ein gewisses Wohlwollen für mich haben – Sie sehen, Herr Doktor, ich bin nicht so ganz ohne Selbstbewußtsein! Und wenn ich Sie nun bitte, geben Sie mir einen solchen Beweis von Vertrauen –?«

»Sie sind ein Kindskopf! Welchen Wert glauben Sie denn, daß solche bestellte Vertrauensbeweise haben können?«

»Also nein, nicht als Beweis von irgend etwas. Sondern sagen Sie es mir nur alsMenschenkenner, als Mann von überlegenem Urteil, als Ihre ganz persönliche Meinung –«

»Ich weiß nicht, was Sie wollen. Fragen Sie doch lieber die gnädige Frau; wenn es sich um Frauen handelt, muß man immer Frauen fragen; die sehen da viel schärfer als wir Männer.«

»Daran zweifle ich nicht: aber wenn es nun gerade Ihr Urteil ist, das mich interessiert, Ihre ganz persönlichen Empf – wie soll ich denn nur sagen, damit Sie nicht unangenehm berührt sind, oder damit Sie mich nicht für zudringlich halten –? Ihre persönliche Meinung halt!«

»Hol mich Gott, was haben Sie denn vor, Pipin? Wollen Sie dieser jungen Dame einen Heiratsantrag machen?«

»Gesetzt den Fall – was würden Sie dazu sagen?«

Elmenreich faßte Pipin mit beiden Händen bei den Schultern und schüttelte ihn heftig. »Mensch, Mensch, Sie werden doch nicht –?«

Pipins Miene schien ihn zu beruhigen. Er ließ ihn los, ging ein paarmal auf und ab, und sagte dann kühl:

»Also meine persönliche Meinung über Fräulein Eugenie! Mna! Lieber Pipin, über junge Mädchen giebt es kein Urteil. Wer soll denn erratenkönnen, was für ein Schmetterling aus einem solchen Seidencocon ausfliegen wird? Und was meine persönliche Meinung über die Ehe betrifft, so kann ich Ihnen nur sagen: entweder man muß den Mut haben, kopfüber hineinzuspringen, auf den ersten Anlauf, ohne einen Blick in die Tiefe zu werfen, als Abenteurer und Glücksritter; oder – nun, sobald man sich besinnt, ist es aus; man kehrt tausendmal lieber um und geht den langweiligen ebenen Weg der Junggesellenexistenz allein weiter, als daß man sich in diesen schauerlichen Abgrund stürzt, der da vor einem liegt.«

»Aber ganz so schrecklich kann die Sache nicht sein, da doch die meisten Menschen den Sprung machen!«

»Das ist nur ein Beweis mehr, daß die meisten Menschen gedankenlos und empfindungsroh sind. Sonst könnte eine so furchtbare Institution wie die Ehe nicht bestehen. Wenn in einem Zirkus zwei reißende Bestien in einen Käfig zusammengesperrt werden und sich zerfleischen, dann schreien die Empfindsamen über Tierquälerei; sie bemerken aber nicht, daß sie selbst alle paarweise in Käfige gesperrt werden, und daß der Mensch in seiner gemeinen Alltäglichkeit das bösartigste Vieh auf der Welt ist. Giebt es etwas Abstoßenderes als diese Tragikomödie der Ehe,in der zwei von Natur aus so feindliche Wesen wie Mann und Weib mit ihren primitivsten Instinkten auf einander losgelassen werden, um sich durch ihre albernen Gewohnheiten und schäbigen Unarten, durch die ganze erbärmliche Notdurft des täglichen Lebens zu Tode zu schinden –?«

»Aber wenn sich die beiden lieben –«

»Desto schlimmer! Sie glauben wohl auch, Pipin, die Liebe ist ein Packesel, dem man alles aufbürden kann, was im Leben lästig und schwierig ist? Und dann: welcher denkende Mensch wird im Zustand des Rausches eine Entscheidung auf Lebenszeit treffen wollen? Verliebt sein, heißt nichts anderes, als eine illusionäre Vorstellung auf eine ganz unbekannte Person übertragen. Wenn man aus Liebe heiratet, erhebt man diese unbekannte Person zur »Lebensgefährtin«, um durch die Erfahrung belehrt zu werden, wie sehr man sich im Zustande der Illusion verrechnet hat. Nein, lieber Pipin, Liebe und Ehe – das sind zwei getrennte Welten, die vernünftige Menschen nicht in Verbindung setzen wollen. Aber kommen Sie so einer höheren Tochter mit dergleichen! Da wird jedes Bedenken über die Ehe gleich als persönliche Beleidigung aufgefaßt, als eine böswillige Betriebsstörung. Heiraten, heiraten, das ist das Alpha und Omega ihres ganzen Denkens. Wenn sie einen Mann kennenlernen, so sehen sie ihn gleich daraufhin an, ob er für sie »passend« ist oder nicht –«

»Nun ja, ja«, unterbrach ihn Pipin etwas ungeduldig. »Das ist aber ganz selbstverständlich, da ja das Heiraten in der That das Alpha und Omega für sie bedeutet. Wie sollten sie denn nicht alle Mittel anwenden –«

Aber Elmenreich ist nicht der Mann, der sich unterbrechen läßt. Er fuhr fort:

»Und dann sieht man erst, wie undifferenziert diese zarten und feinen Wesen sind. Wo die äußeren Verhältnisse entsprechende sind, wird ihnen alsbald auch der Inhaber dieser »Verhältnisse« eine interessante, eine anziehende, eine liebenswerte Persönlichkeit, da verzeihen sie alles, da dulden sie alles, da ertragen sie alles, ganz wie es der heilige Paulus von der Liebe will. Man muß sie nur kennen, diese Virtuosinnen der standesgemäßen Liebe, um zu wissen, was man von ihrem leisen Entgegenkommen und ihren verschämten Anbiederungsversuchen zu halten hat –«

»Sie sind ein Weiberfeind«, rief Pipin mit Entrüstung.

»Nein, lieber Pipin, ich bin nur für reinliche Unterschiede. Die Hochschätzung meiner Person ist mir sehr wertvoll bei Frauen, die an meinen übrigen Verhältnissen nicht interessiertsind. Und was die erotischen Vergnügungen betrifft – nun, wissen Sie, Pipin, wenn schon einmal dafür bezahlt werden muß, dann zieh ich diejenigen Personen vor, die diese nackte Thatsache nicht mit dem Brimborium der Liebe überschminken. Alles in allem: um den Preis der Ehe kaufe ich die Erlaubnis nicht, meine schönen Gefühle durch den täglichen Gebrauch abzunützen.«

»Ach Gott, Sie haben ja gar keine schönen Gefühle, sonst würden Sie nicht so reden«, sagte Pipin verzweifelt. »Was helfen alle diese allgemeinen Betrachtungen, wenn sie auch zehnmal richtig sind? Sehen Sie denn nicht, wie die Sachen liegen? Ein schönes, edles, herrliches Geschöpf schmachtet in der erbärmlichsten Umgebung, wird mit Füßen getreten, muß täglich, stündlich alle Qualen erdulden, die nur immer einem höheren Wesen durch niedrige und rohe Menschen zugefügt werden können – und Sie stellen allgemeine Betrachtungen über die Ehe und die standesgemäße Liebe an! Nein, ich begreife Sie nicht, Herr Doktor! Können Sie da wirklich ruhig zusehen? Sind Sie denn in Ihrem Innern nicht der Meinung, daß da etwas geschehen soll?«

»Ich fühle in meinem Innern durchaus keine Nötigung, mich bei jeder beliebigen Andromeda als Perseus aufzuspielen. Und da Sie mich um meine aufrichtige Meinung gefragt haben, sowürd' ich auch Ihnen dringend raten, Pipin, sich vor jedem derartigen Versuch zu hüten. Es sollen Fälle vorkommen, wo die befreite Andromeda sich späterhin selbst in einen Drachen verwandelt, der über den voreiligen Perseus herfällt –«

Pipin knöpfte mit zitternden Fingern seinen Rock zu.

»Verzeihen Sie, aber ich bin wirklich nicht imstande, diesen Ton länger auszuhalten«, sagte er und ging hastig weg, bevor Elmenreich ihn zurückhalten konnte.

* * *

Welche seltsame Gewalt die Stimmung der Umgebung ausübt!

Jemand spielte Orgel in der Kirche. Gedämpft drangen die Töne heraus wie aus einer unbestimmten, raumlosen Ferne; zuweilen schwollen sie heulend an, zuweilen starben sie in ein ersticktes Flüstern hin. Es dämmerte; die tiefherabhängenden Wolken färbten sich mit einem schwermütigen Violett und zerrissen hier und dort. Dann sah man auf graue Felswände oder schwarze Wälder wie auf unbegreifliche fremde Welten. Aber nur in einer kurzen Vision; die Nebel zogen sich wieder darüber, wallten abwärts, aufwärts, in einem lautlosen, feierlichenSpiel, ruhevoll geschäftig wie in verschwiegener Vorbereitung wunderbarer Dinge.

Elmenreich steht neben einem der Grabsteine und betrachtet in tiefem Nachdenken den Rasengrund, der so viele menschliche Leiber verschlungen hat. Nach einem langen Schweigen richtet er sich aus seiner Versunkenheit auf.

»Diese Musik, diese furchtbare Musik! Gehen wir doch fort! Ich kann die Musik nicht ertragen! Sie reißt etwas auf in meinem Innern, das sonst verschlossen ist, und alle dunklen Gestalten kommen daraus hervor, die ich nicht sehen will, die ich nicht hören will –«

In seiner Stimme war jener Ton des Leidens, der immer mitklingt, wenn er von sich selber spricht. Und ich sagte: »Ja, lassen Sie uns gehen. Es ist besser, man räumt der Musik keine Gewalt ein; sie verspricht immer etwas, ohne es zu halten –«

Aber er hörte mich gar nicht, und er ging auch nicht fort. Er blieb an der niedrigen Mauer lehnen, das Gesicht hinausgewendet gegen den Himmel. Die alten, verfallenen Grabsteine ragten neben ihm auf wie Geistererscheinungen, stumme, hoffnungslose Zeugen, daß alles Leben ewig in dem ungeheuren Ozean des Nichts ertrinkt.

Und ich glaubte zu wissen, was in dieserschweigenden, versunkenen Gestalt vor sich ging. Deutlich als hätte ich sie eben vernommen, lebten die Worte in meiner Erinnerung auf, die er einst in einer ähnlich feierlichen Stunde zu mir sagte, die Worte, die einen so großen Eindruck auf mich machten, daß sie mir der Schlüssel zu seinem ganzen Wesen geworden sind.

»Ich bin mit dem Leben unzufrieden, es ist mir eine Last. Und warum sollte ich mich nicht davon freimachen können, wie von einer anderen Plage und Last? Aber ich will die Entscheidung darüber treffen als ein freier und besonnener Mensch; und ich will mir vorher das Leben darauf hin ansehen ein paar Jahre lang. Wir leben für gewöhnlich so blind in den Tag hinein, als ob es sich von selbst verstünde, daß man lebt. Man könnte aber auch das Leben einmal unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit betrachten – und in dem Augenblick, als man erkannt hat, daß es nichts wert ist, ein Ende machen, aus freiem Entschluß, mit unbewegter Seele, göttlich überlegen über Tod und Leben ...«

Oft seither, wenn ich ihn stumm und finster vor sich hinbrüten sah, dachte ich mit einem Schauer, daß er vielleicht jetzt über Leben und Tod entscheide. Mit einem Schauer fragte ich mich oft, ob wohl der Termin, den er sich gesetzt hat, abgelaufen sei. Und Elmenreich schien miraus der Reihe der gewöhnlichen Sterblichen herausgetreten, dem gemeinen Erleben entrückt. Etwas wie eine höhere Mission schien einen Nimbus um ihn zu verbreiten. Er war ein Richter zwischen Sein und Nichtsein. Deshalb löst er alles Geschehen in Reflexionen auf und verwandelt seine Umgebung in bloße Zuhörer. Er sucht keine Antworten, keine Zustimmung, keine Meinung eines anderen. Ein Argument, das er nicht selbst findet, ist etwas Fremdes und Unbrauchbares für ihn. Und er muß immer allein mit sich bleiben und kann niemals von einem anderen etwas empfangen.

Ueber die grauen Wogen des Nebels kam ein Anhauch von Röte heraufgeflogen. Er setzte die Gegend in ein wundersam verheißungsvolles Zwielicht. Morgen, wenn die Sonne heraufsteigt, werden diese Schleier fallen. Dann stehen alle Gipfel in wolkenloser Klarheit am Himmel und erfüllen die Thäler mit dem Glanz ihres Anblicks – die Thäler, für die ihre grauenvollen Schluchten nur sanfte blaue Schatten, ihre tötlichen Einöden nur leuchtende Sonnenflecke sind.

Das Orgelspiel erhob sich zu einer triumphierenden Schlußkadenz. Die Töne rauschten noch einmal laut auf, schwollen in breiten Fluten herein, den Friedhof mit festlichem Brausen umbrandend.

Dann plötzlich tiefe Stille. Entzaubert, ernüchtert lag die Welt in der grauen Dämmerung. Von der Straße leuchteten die ersten Laternen herüber. Es wurde empfindlich kalt; wie Reif senkte sich die Feuchtigkeit als blasser Schimmer auf die Wiesen.

Elmenreich schüttelte sich wie ein Erwachender. Er wendete sich an mich und begann zu reden.

Aber was er sagte, war nicht das, was ich erwartete. Es war bloß der Kommentar zu seinem gestrigen Gespräch mit Pipin. Ich hatte seine schweigende Versunkenheit ganz falsch interpretiert. Und wie ungerecht es auch sein mochte – ich war verdrießlich darüber und nicht geneigt, auf sein Gespräch einzugehen.

»Ist man nicht ein Narr, wenn man sich vor dem Unglück fürchtet? Was könnte mir schließlich dabei geschehen? Unglücklich werden? Als ob ich jetzt glücklich wäre! Was hat man denn davon, daß man im Leben immer mit heiler Haut davongekommen ist, dank seiner Besonnenheit, dank seiner »höheren Einsicht« –? Man leidet zuletzt an seiner heilen Haut eben so sehr als an allen Wunden der Enttäuschung und Verbitterung. Giebt es etwas Lächerlicheres als die Borniertheit der Erkenntnismenschen, die beständig den Ast absägen, auf dem sie sitzen? ... EineIllusion, ein Königreich für eine Illusion! In diesem einen Fall einmal nichts durchschauen, nichts besser wissen, in diesem einen Fall glauben und vertrauen, blind sein, aber glücklich, glücklich! Ganz hinschmelzen in der süßen Wärme, die von der Illusion ausströmt! Und warum nicht? Es könnte ja etwas Echtes im Hintergrund sein! Möglicherweise ist doch nicht alles Berechnung, Anempfindung, Komödie! Ich könnte mich doch auch einmal täuschen. Dieses Mißtrauen ist vielleicht nur eine andere Art Verblendung. Man müßte sich eben Beweise schaffen, untrügliche Beweise. Hja! untrügliche Beweise für die Menschen des Mißtrauens! Ohne Beweise zu glauben, da liegt's! Das ist die ganze Kunst, zu lieben. – Aber nur vor allem nicht merken, wer da so geschäftig am Werke ist! Wer da so wütend an der Kette reißt! Wer da die Oberseele verleumdet, um die Geschäfte der Unterseele zu besorgen. Eine angenehme Stellung für das Ich, so als beteiligter Zuschauer dabei zu sein, wie sich die Interessen der Gattung und die Interessen der Persönlichkeit in den Haaren liegen! Diesen Krieg zweier entgegengesetzter Instinktsphären in der eigenen Brust mitzumachen! Und etwas schreit nach Glück, nach Glück, nach Frieden, nach Ruhe – nach allem, was einfach ist und widerspruchslos. Zum Teufel mit der Persönlichkeit, wenn sie Händelanzettelt, wenn sie sich auflehnt, wo sie zu gehorchen hätte! Zum Teufel mit der Einsicht, wenn sie das Leben schwer und kompliziert macht, statt es zu erleichtern! ...«


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