Zart sind ihre Füße und nie am BodenWandelt sie, sondern hoch über den Häuptern der Menschheit!
Zart sind ihre Füße und nie am BodenWandelt sie, sondern hoch über den Häuptern der Menschheit!
Und, wie ich glaube, an einem schönen Zeichen läßt uns der Dichter die Zartheit erkennen: die Göttin schreitet nie auf harten Gründen, sie schwebt oben sanft dahin. Und ebendort müssen wir auch Eros' Zartheit suchen: Auch Eros schreitet nicht auf der Erde und nicht über die Köpfe, – die wären ihm wohl zu hart; nur dort, wo alles ganz sanft ist, wandelt und weilt der Gott. In der Gesinnung und in den Seelen der Götter und Menschen baut er sein Zelt, aber auch hier nicht in allen Seelen: wo er auf harten Sinn stößt, dort flieht Eros, und nur in der sanften Seele will er wohnen. Und da er also immer und ganz nur am zartesten haftet, muß er selbst wohl das zarteste Wesen sein. Ich wiederhole, Eros ist der jüngste und zarteste Gott; und Eros ist auch geschmeidig: denn sonst vermöchte er kaum sich durch alles zu schlingen und winden und heimlich in die Seelen zu treten und heimlich von den Seelen scheiden.
Eros ist ebenmäßig, seine schöne Haltung zeigt es, und diese zeichnet, wie wir wissen, den Gott vor allem aus. Mißbildung und die Liebe vertragen einander nicht. Eros ist von schöner Farbe, denn nur vom Blühenden lebt er. Wo die Körper und dieSeelen nicht blühen oder die Blüten verlieren, dort kommt er nicht hin, und nur, wo es blüht und duftet, dort läßt sich Eros nieder, dort bleibt der Gott.
Das mag nun von der Schönheit des Gottes genügen, es bliebe ja noch viel zu sagen übrig; jetzt aber muß ich von seiner Tugend reden. Und da ist es gleich seine größte Tugend, daß er weder Gott noch den Menschen unrecht tut und daß ihm von niemand Unrecht widerfährt. Eros leidet keine Gewalt, die Gewalt haftet nicht an der Liebe, und Eros tut niemand Gewalt an. Freiwillig dient ihm alles, und wo immer der eine dem anderen willig dient, da nennen das „die Gesetze, die Könige des Staats“ gerecht. An der Gerechtigkeit nun hat die Enthaltsamkeit den größten Teil, und Enthaltsamkeit heißt überall die Begierden und sich in der Freude beherrschen: nun ist aber keine Freude stärker als die Freude der Liebe. Wenn also die anderen Freuden schwächer sind, so wären sie ja von Eros beherrscht, und Eros ist ihr Herr, und indem er die Freuden und Begierden wirklich beherrscht, zeigt er seine Enthaltsamkeit. Seiner Mannhaftigkeit weiter „kann selbst Ares nicht widerstehen“. Denn nicht Ares bindet Eros, sondern Eros, die Liebe der Aphrodite, hält Ares, wie die Sage geht. Und wer zu binden weiß, ist wohl stärker als der Gebundene, und wer den Mutigsten bändigt, muß wohl auch im Mute des Mutigsten Meister sein. Ich habe also von der Gerechtigkeit, der Enthaltsamkeit und Mannhaftigkeit des Gottes gesprochen, jetzt bleibt mir noch seine Weisheit, undda will ich versuchen, nichts zu übersehen. Damit ich zunächst auch meine Kunst ehre, wie Eryximachos seine geehrt hat – Eros ist ein so weiser Dichter, daß er auch uns zu Dichtern macht. Denn jeder wird zum Dichter, wenn der Gott ihn berührt, „wie fremd er auch früher den Musen war“. Und das mag uns dafür zeugen, daß Eros vor allem der große Schöpfer der ganzen Musik ist. Denn was jemand selbst nicht besitzt und weiß, wie vermöchte er dies dem anderen zu geben, den anderen zu lehren! Und weiter, wer wird leugnen, daß die Schöpfung alles Lebendigen die eigenste Weisheit des Gottes sei, die große Weisheit, durch die alles Leben wird und wächst? Und endlich, wissen wir nicht, daß auch in der Beherrschung der Künste nur der glänzt und bewundert wird, den Eros unterwiesen hat, und daß jeder im Schatten und ohne Ruhm bleibt, den der Gott nicht berührt hat? Apollo hat die Kunst des Bogenschießens, die Kunst des Sehers und des Arztes erfunden, aber die Freude, die Liebe hat ihn dahin geführt, so daß auch er ein Schüler des Eros ist; und die Musen haben die Musik, und Athene hat das Weben, Hephaistos das Schmieden, und Zeus „die Macht über Götter und Menschen“ von Eros gelernt. Wo alles Wirken der Götter durch Eros geordnet wurde, da ward auch alles schön; denn ins Häßliche kommt Eros nicht. Früher, wie ich schon sagte, geschah viel Furchtbares unter den Göttern, denn das Schicksal war König. Als aber unser Gott geboren wurde, so kam, weil sie die Schönheit liebten, die Güteunter Götter und Menschen. So scheint mir, Phaidros, Eros selbst das Beste und Schönste aller Wesen und allen Wesen die Ursache alles Guten und Schönen zu sein. Mir fallen da noch zwei Verse ein. Eros ist es, der da bringt:
Frieden den Menschen, die Stille dem Meer und den Stürmen,Allen, die bekümmert, das Lager und den Schlaf.
Frieden den Menschen, die Stille dem Meer und den Stürmen,Allen, die bekümmert, das Lager und den Schlaf.
So nimmt uns denn Eros alles Fremde und gibt uns alles Eigene wieder; wo wir uns alle finden, dorthin führt Eros die Wege, er ist der Herold und führt die Festzüge und Chöre und uns, so wir zu den Opfern schreiten. Eros reißt alles Wilde aus und macht uns sanft; er schenkt uns den guten Willen und raubt dem Herzen allen Streit; Eros ist gnädig, ihn schauen die Weisen und lieben die Götter; er ist der Neid der Unglücklichen und der Schatz aller, die sich ins Glück geteilt. Eros ist der Schöpfer aller Zärtlichkeit, Üppigkeit, Anmut und Sehnsucht im Menschen, er kennt alles Gute und sieht vom Bösen weg. In allen Mühen, in jeder Furcht und jedem Begehren, im Worte – da weiß er sicher zu lenken, da ist Eros die Hilfe und der Retter. Eros ist die Ordnung unter den Göttern und Menschen, der herrlichste und tapferste Held, und ihm müssen die Menschen folgen, und alle müssen in den Gesang stimmen, den er, Götter- und Menschensinn bezaubernd, singt.
Das nun, Phaidros, ist die Rede, die ich dem Gotte darbringe; ich war hier leicht und dort auch ernst, so weit ich es eben konnte.“
Da Agathon seine Rede also schloß, war der Beifall laut, so ganz seiner selbst und des Gottes würdig, schien der Jüngling allen gesprochen zu haben. Und Sokrates sah Eryximachos an: „O Sohn des Akumenos, war meine Angst also töricht und hat meine Angst nicht vorausgesehen, daß Agathon herrlich reden und mich in große Verlegenheit bringen würde?“ „O ja, daß Agathon schön sprechen werde, das hast du wohl richtig vorausgesehen,“ erwiderte Eryximachos, „aber darum glaube ich noch immer nicht, daß er dich in Verlegenheit bringen könne.“ „Ja, aber du Glücklicher,“ sprach Sokrates, „wie soll ich, wie soll ein anderer gegen dessen schöne, reiche Worte aufkommen; es war ja natürlich nicht alles gleich wunderbar, aber wer von uns ist nicht förmlich erschrocken, da er am Schlusse alle die schönen Namen und Ausdrücke vernahm? Als mir da plötzlich der Gedanke kam, ich würde gar nicht imstande sein, auch nur annähernd so Schönes zu sagen, wäre ich vor Scham beinahe durchgebrannt, wenn ich nur irgendwie hätte hinauskönnen. Agathons Rede erinnerte mich ja an Gorgias, und mir ging es schon wie jenem Manne im Homer und ich fürchtete, Agathon würde zuletzt seine gewaltigen Worte wie das Gorgonenhaupt meinen Worten entgegenhalten und mich zum stummen Steine machen. Und ich sagte zu mir: Lächerlich warst du, Sokrates, lächerlich, als du nicht nur versprachst, mit ihnen Eros zu preisen, sondern sogar behauptetest, dich gerade auf die Liebe zu verstehen, während du doch von dem einen so wenig wie von dem anderen etwasweißt. In meiner Einfalt habe ich nämlich geglaubt, wer ein Ding preisen wolle, der brauche nur die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit wenigstens müsse zugrunde liegen, und dann erst dürfe man unter den schönen Worten wählen und sie so richtig wie möglich setzen. Und darum nur, weil ich eben die Wahrheit wüßte, bildete ich mir sogar ein, besonders gut reden zu können. Doch wie ich jetzt erfuhr, verlangt man das gar nicht von einer guten Lobrede; im Gegenteil: es scheint, man müsse von irgend einem Dinge nur gleich alles Schönste und Beste behaupten, ob es nun wirklich in ihm sei oder nicht sei. Wenn es gelogen ist, so macht es ja nichts. Ich glaube sogar, ihr habt es untereinander abgemacht: jeder von uns solle nicht Eros preisen, nein, sondern sich das nur einbilden! Denn nur deshalb, zu diesem Zwecke scheint ihr alles Mögliche hergezogen und es Eros einfach beigelegt und immer nur gerufen zu haben: Eros ist so und so, und Eros ist die Ursache davon und jener Dinge, damit am Schlusse dann der Gott so schön und so gütig wie möglich aussehe. Und es ist auch selbstverständlich, daß jenen, die von allem nichts verstehen – nicht den Wissenden – das Lob dann gar schön und feierlich klinge. Von dieser Art nun ein Ding zu preisen, habe ich allerdings nichts gewußt, und nur darum konnte ich anfangs euch versprechen, meinen Teil beizutragen. Aber meine Zunge versprach es nur, und nicht der Kopf. Ich mag jetzt davon nichts wissen. Denn so preise ich die Dinge nicht, nein! Ich wäre es ja gar nicht imstande. Ich willja nur, wenn ihr wollt, die Wahrheit, meine Wahrheit, wie ich sie verstehe, sagen; ich will mich gar nicht mit euch vergleichen, da würde ich wohl nur ausgelacht werden. Phaidros, kannst du also auch eine Rede brauchen, die über Eros nur die Wahrheit sagt und alle Namen und Worte so setzt, wie sie mir gerade kommen?“ Phaidros und die anderen hießen Sokrates, nur so zu reden, wie er es tun zu müssen glaube. „Aber noch etwas, Phaidros,“ sagte Sokrates, „erlaubst du diesmal, daß ich an Agathon einige kleine Fragen richte, ich muß gerade mit ihm mich erst über manches einigen, bevor ich beginne?“ „Natürlich, frage Agathon nur aus!“ Und so begann denn Sokrates seine Fragen: „Agathon, du scheinst deine Rede richtig disponiert zu haben: man müsse zuerst sagen, wer und wie Eros denn eigentlich sei, und dann dürfe man erst von dessen Wirken reden. Dieser Anfang hat mir gefallen. Und da du dann so schön, so groß von dem Wesen des Gottes sprachst, so antworte mir nur darauf: Eros, die Liebe – ist dieser Gott, so wie er nun einmal da ist, zu irgend etwas anderem in Beziehung oder nicht? Ich will ja selbstverständlich nicht nach seinem Vater, nach seiner Mutter fragen; es wäre ja lächerlich, meine Frage so zu stellen, wenn ich wissen wollte, ob Eros von einem Vater, einer Mutter stamme – nein, ich meine es so, wie wenn jemand dich nach dem Vater fragte und fragte: ist dieser Vater der Vater zu etwas oder nicht? Du würdest mir natürlich antworten: der Vater ist der Vater eines Sohnes, einer Tochter. Habe ich nicht recht?“ „Ja, natürlich,“ antwortete Agathon.„Und dasselbe gilt von der Mutter, von dem Begriff der Mutter, nicht wahr? Damit du mich aber noch besser verstehst, antworte mir auch darauf: Wenn ich nach dem Bruder fragte: der Bruder ist doch immer der Bruder eines anderen: eines Bruders, einer Schwester? Da stimmst du mir doch auch bei. Und jetzt versuche meine Fragen nach Eros zu beantworten: Ist Eros also die Liebe zu etwas anderem oder nicht?“ „Ja natürlich, Eros ist die Liebe zu etwas anderem!“ „Gut, das merke dir vorläufig und antworte mir weiter: Begehrt Eros nach dem, was er liebt, oder begehrt er nicht danach?“ „Eros begehrt danach!“ „Natürlich, und weiter: Besitzt Eros das, wonach er begehrt, oder besitzt er es nicht?“ „Er besitzt es wahrscheinlich nicht!“ „Vielleicht ist es nicht nur wahrscheinlich, sondern durchaus notwendig, daß, wer begehrt, nur das begehrt, was ihm fehlt, und umgekehrt! Mir scheint das durchaus selbstverständlich, dir nicht auch, Agathon?“ „Ja!“ „Also! Ein Großer will doch nicht noch groß, ein Starker nicht noch stark sein. Ihm könnte doch nicht das noch fehlen, was er schon ist. Denn wenn ein Starker noch stark, ein Schneller schnell, ein Gesunder gesund sein wollte, somüßtenwir dann glauben, daß sie und ihresgleichen immer noch das begehren, was sie schon besitzen oder was sie schon sind. Damit wir aber hier sicher gehen, ich sage das darum – sie alle, Agathon, müssen das, was sie besitzen, in der Gegenwart besitzen, ob sie wollen oder nicht, und wer würde da noch das begehren, was er schonbesitzt? Wenn uns einer also sagen sollte: Ich bin gesund und will gesund sein, oder ich bin reich und will reich sein, ich begehre das kurz, was ich schon besitze, so müßten wir ihm doch erwidern: ‚Mensch, da du nun einmal Reichtum erworben hast und gesund und reich bist, so willst du doch wohl nur, daß dir das alles, was du in der Gegenwart besitzest, auch in der Zukunft bleibe. Denke darüber nach, ob du es so meintest?‘ Da wirst du mir doch recht geben, Agathon?“ „Ja!“ „Wir begehren also nach dem, was uns nicht zu eigen ist und was wir nicht besitzen, wenn wir es uns für die Zukunft bewahrt haben wollen?“ „Entschieden!“ „Jeder begehrt also nur nach dem, was ihm nicht zu eigen, nicht gegenwärtig ist; und was wir nicht besitzen, was wir nicht sind, kurz das also, was uns noch fehlt, bestimmt unsere Begierde und die Liebe! Einigen wir uns nun noch einmal: Eros ist also die Liebe, zunächst zu irgend etwas anderem überhaupt, und dann, näher bestimmt, die Liebe zu dem, was ihm noch fehlt, nicht wahr?“ „Ja!“ „Erinnerst du dich noch daran, wozu du Eros in deiner Rede in Beziehung setztest? Ich will es dir, wenn du willst, ins Gedächtnis zurückrufen. Wenn ich nicht irre, sagtest du: Das Dasein und Wirken der Götter ist durch die Liebe zu allem Schönen bestimmt; es gibt keine Liebe zum Häßlichen! Sagtest du nicht so?“ „Ja, das waren meine Worte.“ „Und da hattest du sehr richtig gesprochen. Und darum wäre also Eros die Liebe zur Schönheit!“ „Natürlich!“ „Sind wir aber nicht eben darin übereingekommen,daß wir nur, was uns noch fehlt und was wir noch nicht besitzen, lieben?“ „Ja!“ „Es fehlt also Eros die Schönheit, Agathon; Eros besitzt nicht die Schönheit!“ „Ja!“ „Nun also, Agathon! Kannst du noch sagen, daß der, dem die Schönheit fehlt, schön sei?“ „Nein!“ „Du gibst mir also recht, wenn ich sage, Eros sei nicht schön?“ „Ich fürchte, Sokrates, ich habe nichts von allem, worüber ich vorhin sprach, verstanden!“ „Aber du hast dennoch sehr schön vorhin gesprochen, Agathon! Noch eine kleine Frage: Scheint dir nicht auch das Gute schön zu sein?“ „Ja!“ „Wenn also Eros alles Schöne fehlt und das Schöne auch gut ist, so muß Eros auch alles Gute fehlen. Nicht?“ „Ach, Sokrates, ich kann dir nicht widersprechen, es ist alles so, wie du es sagst.“ „Nein, geliebter Agathon, du kannst eben nur der Wahrheit nicht widersprechen; auf Sokrates kommt es da gar nicht an.“
„Nun aber will ich dich in Ruhe lassen, Agathon! Meine Rede über Eros habe ich von Diotima, einer Frau aus Mantineia, gehört; sie war darin und in vielen anderen Dingen weise, es war dieselbe Diotima, die damals den Athenern, als diese zur Abwehr der Pest Opfer feierten, von den Göttern einen Aufschub der Seuche auf zehn Jahre erwirkte; wenn auch ich heute um die Liebe weiß, so hat Diotima es mich gelehrt, und ihre Worte will ich euch im Anschlusse an das, worin Agathon und ich uns oben geeinigt haben, wiedergeben, so gut ich es noch kann. Zunächst also, Agathon, will auch ich sagen, wer und welcherArt Eros sei, und dann werde ich erst von seinen Werken reden. Ich glaube, ich erzähle euch alles am besten so, wie die fremde Frau damals durch Fragen mich es lehrte. Denn wisset, ich sprach zu ihr zuerst genau so, wie du, Agathon, zu mir gesprochen hast: ich behauptete, Eros sei ein großer Gott und er sei schön, und da widerlegte sie mich mit denselben Worten, mit denen ich Agathon widerlegen mußte, und sagte, der Gott sei weder, wie ich es meine, schön noch gut. Ich rief da gleich: ‚Wie redest du nur, Diotima, Eros wäre also häßlich und böse?‘ Doch sie antwortete: ‚Du lästerst, Sokrates, lästere nicht! Glaubst du, was nicht schön sei, müsse darum gleich häßlich sein?‘ ‚Nein!‘ ‚Oder, was nicht weise sei, müsse darum gleich töricht sein? Hast du denn nie erfahren, daß etwas zwischen der Weisheit und der Unwissenheit da sei?‘ ‚Was ist dieses?‘ ‚Wenn einer zwar richtig wahrnimmt, aber keinen Grund dafür weiß, nennst du das schon Verständnis? Wie könnten wir das verstehen, wozu wir keinen Grund wissen! Und doch ist das noch nicht Unwissenheit: wer das Richtige trifft, kann doch nicht unwissend sein. Wir müssen es eine richtige Meinung, Wahrnehmung nennen, und diese liegt immer zwischen dem Verständnis und der Unwissenheit!‘ ‚Da hast du wohl recht, Diotima!‘ ‚Zwinge mir also ja nicht mehr das, was nicht schön ist, häßlich und, was noch nicht gut ist, böse zu sein, und glaube noch weniger, daß Eros häßlich und böse sei, weil er, wie du es ja jetzt zugibst, weder schön noch gut ist; auch Eros ist etwasin der Mitte von beiden und zwischen schön und häßlich und zwischen gut und böse!‘
‚Aber alle‘, entgegnete ich da, ‚sind doch darin einig und nennen Eros einen mächtigen Gott!‘ ‚Wer nennt ihn so, Sokrates, sind es die Wissenden oder die Unwissenden?‘ ‚Alle, Diotima, ich sage, alle!‘ Und jetzt lachte sie: ‚Gilt also Eros auch jenen als ein mächtiger Gott, die da behaupten, Eros sei überhaupt kein Gott?‘ ‚Wer behauptet es denn?‘ ‚Der eine bist du, Sokrates, und der andere ich!‘ ‚Ich verstehe dich nicht!‘ ‚Und es ist doch so einfach! Sage, Sokrates: heißest du nicht alle, alle Götter heil, würdest du den Mut haben zu behaupten, dieser oder jener unter den Göttern wäre nicht heil?‘ ‚Nein, bei Zeus, niemals!‘ ‚Und nennst du weiter nicht jene Wesen heil, die alles Gute, alles Schöne besitzen?‘ ‚Ja, natürlich!‘ ‚Du hast ja aber doch eingesehen, daß Eros das Gute und Schöne begehre, weil er beides nicht besitzt.‘ ‚Ja!‘ ‚Wie könnte also der ein Gott sein, dem kein Teil am Schönen und am Guten ward? Wie wäre das möglich?‘ ‚Es ist nicht möglich, Diotima!‘ ‚Sieh, also auch du nennst Eros nicht Gott!‘
‚Was aber ist dann Eros, wenn er kein Gott ist? Gehört Eros zu den Sterblichen?‘ ‚O nein!‘ ‚Ja, was ist er, sprich?‘ ‚Wir sahen es doch eben, Eros sei in der Mitte; Eros ist in der Mitte zwischen dem Unsterblichen und dem Sterblichen!‘ ‚Und?‘ ‚Ein Dämon, Sokrates, ist Eros, ein großer Dämon, ein Heiland, und alles Dämonische, alles Heilende lebt zwischen Gott und Mensch!‘ ‚Und wo ist dann seine Macht?‘ ‚Der Dämonist immer der Bote: er bringt den Göttern das Flehen und die Opfer der Menschen, und er kündet den Menschen, was die Götter sie heißen, und er kündet die Gnade der Götter, der Heiland ist in der Mitte und er füllt die Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen, und das All ist durch den Heiland gebunden. Durch ihn kommt alles Schauen den Sehern, und durch den Heiland gehen die Opfer und Weihen! Es mischt sich ja nie der Gott mit dem Menschen: durch den Dämon verkehren Götter mit Menschen und durch den Heiland reden Götter zu Menschen: zu den Wachen und dann, wenn die Menschen der Schlaf umfängt. Wer das schon begreift, in dem ist der Heiland; die anderen alle, die da Künste können und Fertigkeiten haben, sind ja nur Handwerker. Und es gibt der Heilenden viele, und sie sind vielfacher Art, und einer von ihnen ist Eros!‘ ‚Und hat Eros einen Vater, Diotima, eine Mutter?‘ ‚Das ist lang, aber ich will es dir erzählen: Da Aphrodite geboren wurde, feierten die Götter deren Geburt und hatten ein großes Mahl, und mit den Göttern saß auch der Reichtum, der Sohn der Erfindsamkeit. Da sie nun gegessen hatten, kam die Armut und wollte etwas von dem Überflusse haben und blieb vor der Tür stehen, gleich den Bettlern. Nun geschah es, daß der Reichtum zu viel vom Nektar getrunken hatte – es gab ja damals noch keinen Wein – und daß er schwer und berauscht in des Zeus Garten ging und dort einschlief. Und das gab jetzt der Armut ihre eigene List ein: sie dachte sich, weil ich arm bin, so will ich vom Reichtum ein Kindhaben, und die Armut legte sich zum Reichtum, und die Armut empfing vom Reichtum den Eros. Und weil nun Eros am Geburtstage der Aphrodite gezeugt wurde, so ist er jetzt deren Diener und Herold, und da Aphrodite schön ist, so ist Eros von Natur aus in alles Schöne verliebt. Dann aber, weil Eros der Sohn des Reichtums und der Armut ist, so hat er beider Natur und Zeichen. Eros ist seiner Mutter Sohn und darum ganz arm und gar nicht weich und schön, wie viele meinen; o nein, Eros ist hart und dürr und läuft barfuß herum und hat kein Dach, das ihn schützte; auf der nackten Erde ohne Lager muß er schlafen; vor allen Türen triffst du ihn, auf den Straßen unter freiem Himmel liegt er: Eros hat der Mutter Art, und die Armut läßt nicht von ihm. Dann aber ist Eros auch seines Vaters Sohn und ist, wie dieser, voll List nach allem, was schön ist und edel; er ist kühn und frech und stark, ein gewaltiger Jäger und er kann die Netze knüpfen und die Eisen stellen; Eros will immer Gründe und weiß zu raten; sein ganzes Leben lang philosophiert er und kann verhexen und zaubern und ist ein großer Sophist. Da er nun nicht Gott und nicht Mensch geboren ist, so blüht er bald und ist voll Leben, bald ist er müde und stirbt hin, und das alles oft an demselben Tage; aber immer wieder lebt er auf, denn der Vater steckt in ihm. Was er heute erwirbt, das verliert er morgen, und so ist Eros nicht reich und nicht arm. Und er ist immer zwischen der Weisheit und der Torheit in der Mitte, ich meine das so: Von den Göttern istniemand das, was wir Philosoph nennen, und kein Gott hat den Wunsch, weise zu werden. Denn die Götter sind ja weise, und jeder, der schon weise ist, ist kein Philosoph. Aber auch die Unwissenden dürfen nicht Philosophen heißen, auch sie haben nicht den Wunsch, weise zu werden. Denn das gerade ist das Bittere an der Torheit: der Tor ist weder schön, noch gut, noch verständig, und dennoch hält er sich dafür. Der Tor hat nie den Wunsch nach dem, was ihm fehlt, da er der Meinung ist, es fehle ihm nichts.‘ ‚Und wer sind nun, Diotima, die Philosophen, wenn es weder die Weisen noch die Toren sein können?‘ ‚Das weiß jetzt doch jedes Kind, Sokrates: die Philosophen sind eben auch zwischen beiden, und zwischen diesen ist dann auch Eros. Die Weisheit strebt nach der letzten Schönheit, und Eros ist die Liebe zu allem Schönen: es liebt Eros also auch die Weisheit, und darum ist Eros ein Philosoph, Sokrates, ja, ja, ein Philosoph, denn der Philosoph ist nicht weise und nicht unwissend und ist zwischen den Weisen und den Toren in der Mitte. Und auch das ist nur das Blut in Eros: denn sein Vater war weise und wußte sich zu helfen, und seine Mutter war arm und töricht. Das und nur so, Freund, ist die Natur des Heilands; was du für Eros gehalten hast, das war nichts. Nach allem, was du mir sagtest, mußt du gemeint haben, Eros sei alles Geliebte und nicht der, welcher liebt. Und darum erschien dir Eros von so vollkommener Schönheit zu sein. Denn, was wir lieben, das ist ja natürlich immer schön und zart undvollendet und selig. Der aber, welcher liebt, ist anderer Art, und ich habe dir sein Bild gegeben.‘ ‚Und du hast wahr von ihm gesprochen, Gastfreund,‘ sprach ich.
‚Wenn das nun Eros ist, welchen Nutzen haben dann die Menschen von diesem Heiland?‘ ‚Auch darüber, Sokrates, will ich dich aufzuklären versuchen. Wie ich ihn dir beschrieb, so ist Eros, so wurde er geboren, und sein Begehren ist – so sagtest du doch – das Schöne. Wenn man uns nun jetzt fragte: Sokrates und Diotima, wie und warum aber begehrt Eros das Schöne? Nein, ich will noch bestimmter sein und fragen: Was will der Liebende von dem Schönen, das er begehrt?‘ ‚Er will es besitzen,‘ antwortete ich. ‚Ja, er will es besitzen; aber noch eine Frage mußt du mir beantworten: Was ist dem zu eigen geworden, der das Schöne besitzt?‘ ‚Auf diese Frage kann ich dir nicht gleich antworten!‘ ‚Nun, wenn ich statt des Schönen das Gute setzte und dich fragte: Sokrates, es liebt einer das Gute, was, glaubst du, will er mit dem Guten?‘ ‚Er will, daß ihm das Gute zu eigen werde!‘ ‚Und wie ist der Mensch, dem das Gute zu eigen wurde?‘ ‚Darauf kann ich dir schon leichter antworten: Er ist heil!‘ ‚Ja, er ist heil, heil, und wer durch den Besitz des Guten heil geworden ist, der ist es wahrhaft und vollendet, und wir brauchen nicht noch zu fragen, warum er das Heil gewollt hat. Denn hier ist die Frage zu Ende.‘ ‚Ja!‘ ‚Und glaubst du, daß dieser Wille, diese Liebe allen Menschen gemeinsam sei, und daß alle an dem Guten teilhaben wollen?‘ ‚Ja, diese Liebe ist allen Menschen gemeinsam!‘‚Müßten wir also darum nicht sagen, daß alle Menschen lieben, wenn alle dasselbe und immer lieben, oder soll es weiter heißen, diese hier lieben, jene dort lieben nicht?‘ ‚Mir war das nie ganz klar!‘ ‚Es wird dir klar werden: denn von dem großen Begriffe Liebe nehmen wir immer nur einen Teil und geben dem Teil den Namen des Ganzen und nennen ihn Liebe; das übrige findet dann andere Namen!‘ ‚Wie ist das?‘ ‚So – du weißt doch, daß der Begriff Schöpfung sehr weit ist. Wer irgend ein Ding aus dem Nichts zum Dasein bringt, der hat das Ding geschaffen, und so ist die Arbeit in allen Künsten ein Schaffen, und alle Meister sind Schöpfer!‘ ‚Ja, da sprichst duwahr!‘‚Und doch heißen sie nicht so, sondern haben andere Namen, und nur einem Teil, dem Werke der Musiker und Dichter, wird der Name des Ganzen, Schöpfung, zugesprochen. Und nur ihr Werk heißt Schöpfung, und nur diese Künstler Schöpfer. Ein gleiches gilt nun von dem Begriff der Liebe. Im allgemeinen ist zwar alles Streben nach dem Guten, alles Streben nach dem Heile Liebe, aber die Menschen wollen das Gute und das Heil eben auf vielen eigenen Wegen finden: der eine will es, indem er viel Geld verdient, der andere indem er seinen Körper bildet, der dritte als Philosoph; und von diesen allen sagt eigentlich niemand, daß sie lieben, und niemand nennt sie verliebt. Und nur von jenen sagt man es, und nur jene heißen so und haben den Begriff des Ganzen, die eben mit allem Ehrgeiz nach jenem einzigen Ziele streben.‘ ‚Ich glaube, duhast recht!‘ ‚Es heißt so oft unter uns: nur wer seine eigene Hälfte sucht, liebt. Ich aber sage dir, die Liebe will nicht die eigene Hälfte und die Liebe will nicht das eigene Ganze, wenn beides, Freund, nicht ein Gutes ist. Die Menschen schneiden sich ja die eigenen Hände und die eigenen Füße weg, wenn die eigenen Hände und die eigenen Füße sie ärgern. Nein, Sokrates, die Menschen mögen das Eigene nicht mehr als das Fremde, es sei denn, daß jemand das Gute ein Eigenes und das Böse ein Fremdes heiße. Denn nur das Gute und nichts anderes als das Gute lieben die Menschen. Ist das nicht auch dein Glauben, Sokrates?‘ ‚Bei Zeus, ja, das ist auch mein Glauben!‘ ‚Aber auch hier dürfen wir nicht einfach behaupten: die Menschen lieben das Gute. Auch hier müssen wir hinzusetzen: die Liebe der Menschen will das Gute, die Tugend besitzen, nicht wahr?‘ ‚Ja!‘ ‚Und sie will es nicht nur heute und morgen haben, die Liebe will es ewig besitzen!‘ ‚Ja!‘ ‚Ich fasse also zusammen und sage: die Liebe der Menschen ist das Streben nach dem Besitz des Guten, nach der Tugend.‘ ‚Und damit hast du eine große Wahrheit ausgesprochen!‘
‚Wenn, Sokrates, das also die Liebe ist, wie folgen aber die Menschen der Liebe, oder wie wirkt sie in den Menschen, wozu spannt die Liebe sie? Worin äußert kurz sich die Liebe, kannst du mir das jetzt sagen?‘ ‚Wenn ich das wüßte, würde ich ja nicht vor deiner Weisheit, Diotima, staunen und zu dir gekommen sein, um von ihr zu lernen.‘‚So will ich dir auch das sagen. Die Liebe ist das Zeugen in dem Schönen, das Zeugen, Sokrates, in schönen Körpern und in edlen Seelen, verstehst du mich?‘ ‚Du sprichst wie ein Orakel, und ein Seher nur vermöchte dich zu deuten, Diotima; ich verstehe dich nicht!‘ ‚So will ich deutlicher sein. Allen Menschen reift im Leibe und in der Seele der Samen, und es kommt die Zeit, da die Natur in uns zeugen will. In das Häßliche aber kann die Natur nicht den Samen legen, und nur im Schönen will sie zeugen. Das Zeugen und die Geburt, Sokrates, beides ist ein Göttliches in uns, und unsterblich sind alle sterblichen Geschöpfe, so sie zeugen und gebären. In dem nun, was ihm widerspricht, vermag das Göttliche nicht zu zeugen, und das Häßliche lebt wider alles Göttliche, und nur das Schöne darf und will sich ihm einen. Und darum ist die Schönheit auch Geburtsgöttin, und die Schönheit entbindet. Wenn also einer, dessen Samen voll ist, einem Schönen begegnet, so ist die Sehnsucht hell und die Begierde frei in ihm, und er zeugt die neue Geburt. Vor dem Häßlichen aber wird sein Blick trübe und der Mensch ist matt und zieht sich in sich zurück und rollt sich ein wie ein Tier und will nicht zeugen und will nicht gebären und verhält den Samen und verhält die Frucht und leidet. Denn in dem, dessen Samen voll und dessen Frucht reif ist, lebt das Begehren nach dem Schönen, weil nur das Schöne seine Brunst löscht und seine Wehen stillt. Die Liebe will also nicht eigentlich das Schöne, so wie du es meinst,Sokrates?‘ ‚Sondern?‘ ‚Die Liebe will im Schönen zeugen und das Schöne gebären!‘ ‚Jetzt verstehe ich dich!‘ ‚Ja, so ist es auch. Und warum, frage ich weiter, will die Liebe im Schönen zeugen und das Schöne gebären? Weil ewig und unsterblich alles Sterbliche ist, so es gebiert und zeugt. Und weiter: wenn die Liebe das Gute ewig besitzen will, so muß sie mit dem Guten auch die Unsterblichkeit begehren. Und es verlangt auch, Sokrates, die Liebe nach Unsterblichkeit, die Liebe verlangt danach: das folgt aus allem, was wir gesagt haben.‘
So lehrte mich die hohe Frau, so oft sie von der Liebe sprach, und einmal stellte sie mir folgende Frage: ‚Sokrates, was hältst du nun für die Ursache dieser Liebe, dieses großen Begehrens in der Natur? Hast du nicht auch schon beobachtet, wie aufgeregt und wild die Tiere sind, wenn sie zeugen und gebären wollen, wie alles, was da kriecht und fliegt, dann wie von einer Krankheit befallen ist? Hast du nie die Wollust beobachtet, mit der Tiere sich begatten, und wie die Weibchen, wenn sie geboren haben, alle Liebe für ihre Brut haben, wie die Schwächsten gegen die Stärksten ihre Brut verteidigen, ja für sie sterben können, wie diese Hunger leidet, damit nur die Jungen Nahrung haben, das alles und anderes wirst du doch schon beobachtet haben? Die Menschen könnten ja dasselbe nur aus Vernunft tun: warum ist aber den Tieren diese Liebe gegeben, kannst du mir das sagen?‘ Da ich erwiderte, ich wüßte es nicht zu sagen, rief sie: ‚Und du willst gerade von der Liebe viel verstehen,und weißt das nicht!‘ ‚Aber darum bin ich ja zu dir gekommen, Diotima; ich weiß ja, daß ich noch Lehrer brauche. Nenne du mir also die Ursache!‘ ‚Wenn du dich an das, was wir über das Wesen der Liebe vereinbart haben, zu halten weißt, so wirst du auch das folgende verstehen. Wir sagten dort, die sterbliche Natur suche, so weit es ihr möglich ist, zu dauern, unsterblich zu sein. Nun aber vermag die Natur nur dadurch zu dauern, daß sie stets das Alte einem Neuen zuliebe verläßt. Wo es immer heißt: hier lebt das Lebendige und hier bleibt es sich gleich, dort verändert es sich trotzdem fort und fort. Es trägt ja auch der Mensch von der Jugend bis ins Alter denselben Namen. Er trägt denselben Namen, trotzdem er sich stets verändert, erneut, die Haare, am Fleisch, am Blut, an der Kraft der Knochen verliert. Und was hier am Leibe, geschieht dort an der Seele: die Sitten, Gesinnungen, Meinungen, Begierden, Freuden, Schmerzen bleiben nie dieselben; hier gibt der Mensch Altes auf und dort gewinnt er Neues. Und was noch viel sonderbarer, ja ungelegener erscheint: nicht nur von den Kenntnissen sind die einen heute für uns lebendig und die anderen morgen tot, und wir selbst verändern uns in und an unseren Kenntnissen, sondern auch jede einzelne Kenntnis erfährt da dasselbe. Wir studieren doch nur darum, weil wir voraussetzen, daß unsere Kenntnisse sich immer wieder verlieren. Wir vergessen, und erst Besinnung und Arbeit bringen das Verlorene wieder und – wie soll ich sagen – retten das Wissen, sodaß es dann dasselbe geblieben zu sein scheint. Und so, Sokrates, wird es immer wieder gerettet – alles Sterbliche und bleibt heil; es ist nicht gleich dem Göttlichen ein ewig Währendes und Gleiches, aber was da scheidet und alt geworden ist, läßt stets ein Neues, das ihm gleicht, zurück. Und nur in dieser Weise, Sokrates, nimmt das Sterbliche an der Unsterblichkeit teil. In anderer Weise wäre es ihm ja nicht möglich. Wundere dich nicht mehr, daß die ganze Natur ihr eigenes Blut liebt und ehrt: sie tut es um der Unsterblichkeit willen, nach der sie langt!‘
Und da ich diese Worte hörte, war ich wieder sehr erstaunt und rief: ‚Weisestes Weib, ist das alles wirklich so, wie du es sagst?‘ und da fuhr sie denn wie ein vollendeter Sophist fort: ‚Wie sollte es denn sein, o Sokrates! Wenn du an den Ehrgeiz der Menschen denkst, du müßtest ja da über dessen Sinnlosigkeit staunen, wenn du nicht an meine Worte denkst und dir gegenwärtig hältst, wie stark die Menschen das Verlangen ergreift, berühmt zu werden und den Ruhm bis in die Ewigkeit zu besitzen, und wie darum die Menschen für den Ruhm mehr als für ihre Kinder, Gefahren zu suchen, Geld zu verschwenden, Mühen zu dulden, ja zu sterben bereit sind. Oder meinst du, Alkestis würde für Admetos gestorben, Achilleus dem Patroklos nachgestorben sein und euer Kodros für das Königtum seiner Kinder sein Leben gelassen haben, wenn sie nicht an das ewige Gedächtnis ihrer großen Liebe, das wir ihnen heute noch halten, geglaubt hätten? O nein; für »die Tugend der Unsterblichkeit«,für den »strahlenden Ruhm« haben sie und alle alles getan; und je edler sie waren, um so mehr haben die Menschen für den Ruhm getan; denn es lieben die Menschen über alles die Unsterblichkeit. Wer im Leibe zeugen will, den zieht es zum Weibe hin, und die Kinder schon sollen ihm »Unsterblichkeit und Erinnerung und Glück«, wie er dann sagt, »in die Zukunft tragen«. Neben diesem aber leben jene anderen, welche lieber in den Seelen das, was die Seele empfangen und gebären soll, die Einsicht und die Tugend zeugen wollen. Und in diesem Sinne sind alle Dichter Zeuger, und jene, die im Handwerk als Erfinder gelten, sind Zeuger, und die höchste und schönste Einsicht, ich meine das Maß und die Gerechtigkeit zeugen in den Seelen jene, so da den Staat zu ordnen und die Familie zu erhalten wissen. Wenn nun einem dieser Gottgleichen in der Seele der Samen der Tugend von Jugend an gereift ist und er, da die Zeit gekommen ist, zeugen will, da geht er aus und blickt umher und sucht das Schöne, in welchem sein Samen zur Frucht werde. Im Häßlichen, im Gemeinen wird er nicht zeugen, nein. Es liebt schon die schönen Leiber mehr als die häßlichen, wer da zeugen will – und wo dieser der schönen, edlen und echtgeborenen Seele begegnet, da ist seine Liebe zum Leib und zur Seele, zu beiden, gar groß, und für einen solchen Menschen hat er dann viele Worte von der Tugend und von allem, was der Edle tun und womit er sich beschäftigen soll, und er sucht den Geliebten zu erziehen. Er hängt dann an ihm,dem Schönen, und weckt ihn und folgt ihm und gießt in ihn den reifen Samen und läßt ihn seine Art gebären. Ob er bei ihm oder fern ist, er kann ihn nicht mehr vergessen, und mit ihm wacht er über der neuen Geburt; und stärker, als ein leibliches Geschlecht Mann und Weib einigt, verbindet diese die Freunde, denn sie teilen sich in ein schöneres, göttliches Geschlecht ihrer Seelen. Und wer möchte auch nicht leiblichen Kindern dieses Geschlecht vorziehen, wenn er Homer sieht und Hesiod und den anderen edlen Dichtern nachstrebt, die da ein Geschlecht zurückgelassen haben, das ihnen ewigen Ruhm und dauernde Erinnerung brachte, oder, wenn du willst, so er auf die Kinder des Lykurgos blickt, die Gesetze, die dieser hinterließ, und die Lakedaimon, ja ganz Griechenland gerettet haben. Und ehrwürdig ist auch Solon, weil er in euch die Gesetze gezeugt hat, und ehrwürdig in Hellas und bei den Barbaren sind all die vielen Männer, die durch edle Taten überall die Tugend gezeugt haben. Und ihnen sind um dieser Kinder willen und nie dem Geschlecht ihres Blutes und Namens zu Danke die vielen Altäre gebaut worden.
‚In alles, was ich dir bisher von der Liebe sagte, konntest du leicht eingeweiht werden: ich weiß aber nicht, o Sokrates, ob du darum schon der letzten und höchsten Weihen würdig seist, jener Weihen, auf die alles andere nur vorbereiten durfte, so einer wahrhaft ihrer teilhaft werden kann. Doch ich will dir von ihnen reden und werde den Mut nicht verlieren, du aber trachte mir zu folgen, wenn du kannst. Wennalso einer recht nach jener Vollendung strebt, so muß er früh schon nach schönen Körpern ausspähen und schönen Körpern nachgehen und, so er gut geführt sein will, nureinenKörper lieben, nureinen, und in diesemeinendie edlen Worte zeugen. Dann erst darf er erfahren, daß diese Schönheit des einen Körpers jener eines anderen gleicht, wie Schwestern einander gleichen, und wenn er nun wirklich die schöne Art und das schöne Bild, wenn er die Liebe will, so wäre es nur seine Torheit, dieselbe Schönheit nicht in beiden, in allen schönen Körpern zu sehen. Und darum und jetzt wird er es verachten und für niedrig halten, alle Leidenschaft füreinenKörper zu haben, und er wird die SchönheitallerKörper lieben. Aber auch hier kann er nicht stehen bleiben, denn er wird die Schönheit der Seele sehen, und die Schönheit der Seele wird ihm würdiger erscheinen als die Schönheit des Körpers, und so wird es ihm genügen, daß eines Menschen Seele hell sei, und er wird diesen Menschen, wenn sein Leib auch unschön wäre, lieben und um ihn besorgt sein und edle Worte in ihm zeugen und nach Worten für ihn suchen, welche die Jünglinge besser zu machen vermögen, auf daß auch er gezwungen werde, die Schönheit in den Sitten und Gesetzen zu erkennen und auch in diesen die gleiche Schönheit zu sehen. Und von den Sitten wird er ihn zu den Wissenschaften führen, damit er auch die Schönheit der Wissenschaften erblicke und so im Anblicke dieser vielfachen Schönheit nicht mehr wie ein Sklave nach der Schönheit dieseseinenKnaben verlange und dieseseinenMenschen, diesereinenSitte Schönheit wolle und gemein sei und kleinlich und an Worten hänge, sondern, an die Ufer des großen Meeres der Schönheit gebracht, hier viele edle Worte und Gedanken mit dem unerschöpflichen Triebe nach Weisheit zeuge, bis er dann stark und reif jenes einzige Wissen, das da das Wissen des Schönen ist, erschaue. Merke auf, Sokrates, so viel du kannst! Wer also bis dahin zur Liebe erzogen wurde und das Schöne in seiner Ordnung erkennt, der wird ganz am Ende als letzte Weihe seiner Liebe ein Wunderbares erblicken und die große Schönheit der Schöpfung erschauen; er wird das erschauen, Sokrates, um dessentwillen alle Wege und Mühen waren; er wird das Schöne schauen, das da ewig da ist und niemals wird und niemals vergeht und nicht reicher wird und nicht verliert, das Schöne, das nicht hierin schön und heute schön und da schön und für diesen schön und hierin häßlich und morgen häßlich und dort häßlich und für jenen häßlich ist, das Schöne, das wir uns nicht das eine Mal im Gesichte, ein anderes Mal an den Händen oder sonstwo am Körper einbilden oder in den Worten, in den Wissenschaften, im Tiere, auf der Erde oder am Himmel finden; er wird das Schöne schauen, das da sich selbst und in sich schön, in sich selbst ewig sich spiegelt; und, was sonst schön ist, wird nur sein Schein und ein Teil sein und werden und vergehen, und nur das ewig Schöne wird nicht wachsen und nicht verblühen und nicht leiden. Ja, Sokrates, wer immer von dortunten, weil er den Geliebten richtig zu lieben wußte, empor zu steigen und jenes ewig Schöne zu schauen beginnt, der ist am Ende und vollendet und geweiht. Noch einmal, so nur darf er die Bahn der Liebe gehen und geführt werden: er wird zuerst von allen Dingen die Schönheit lernen und zu jener ewigen Schönheit wie auf Stufen kommen, Sokrates, wie auf Stufen, Stufen: auf der ersten sieht er die SchönheiteinesKörpers, auf der zweiten die Schönheit zweier, und dann sieht er die Schönheit aller Körper, und von den schönen Körpern steigt er weiter zu den schönen Sitten, von den schönen Sitten zu den schönen Lehren, und von den schönen Lehren trägt ihn noch die letzte Stufe zu jener einzigen Wissenschaft, die da die ewige Schönheit begreift. Und hier, Geliebter,‘ rief das prophetische Weib, ‚hier, wenn irgendwo, ist das Leben lebenswert, hier, wo du die ewige Schönheit schaust. Wenn du diese schaust, wird sie dir nicht scheinen gleich dem Golde oder schönen Kleidern oder gleich jenen schönen Knaben und Jünglingen zu sein, bei deren Anblick schon du und die anderen erschrecken, und bei denen ihr dann immer weilen wollt, weilen ohne zu essen und zu trinken, nur sie schauend, nur ihnen gegenwärtig. Nein, wie würdest du dich gebärden, wenn es dir gegeben wäre, jene ewige Schönheit selbst klar und rein und ungemischt, nicht am menschlichen Fleisch, in den Farben, am Flitter, sondern wie sie frei und göttlich, sich selbst eigen da ist, zu schauen? Glaubst du, dein Leben oder das Leben eines anderen wäredann noch niedrig, wenn ihr bis dorthin blicken und bei jenem Wunder weilen könntet? Und glaubst du nicht, daß die Vollendung dem Menschen nur dort zu teil werde, wo er im Geiste das Schöne sieht und nicht mehr die Bilder der Tugend – denn an Bildern kann sein Blick dort nicht mehr haften – sondern die Wahrheit selbst, da er sie dort erblickt, zeugt, und glaubst du nicht, daß dieser Mensch dann, so er die wahre Tugend zeuget und nähret, wahrhaftig gottgeliebt und, wenn je ein Mensch, unsterblich sein wird?‘
Das nun, Phaidros und ihr andern, das alles hat Diotima mich gelehrt, und sie hat mich überzeugt. Und seitdem suche ich auch die andern zu überzeugen – zu überzeugen, daß, um jenes höchste Gut zu erreichen, niemand einen besseren Führer als Eros wählen könne. Und darum rufe ich jedem zu, er solle Eros ehren, und darum ehre ich selber Eros und lerne und prüfe alles, was diesen Heiland angeht, und heiße dasselbe auch die andern, und heute und immer werde ich, soweit es in meinen Kräften ist, Eros preisen. Nimm nun, Phaidros, was ich hier zu euch gesprochen habe, als meine Lobrede; wenn du nicht willst, so nenne meine Rede anders und wie du es willst.“
Da Sokrates also seine Rede schloß, lobten ihn alle, nur Aristophanes wollte etwas erwidern, weil Sokrates auf seine Worte irgendwie angespielt hatte. Doch da wurde plötzlich so laut an die Tür gepocht, wie nur Betrunkene pochen, und man hörte die Töne einer Flötenspielerin. Agathon rief denKnaben zu: „Seht doch nach! Wenn es ein Freund ist, so ruft ihn herein. Sonst aber sagt: wir trinken nicht mehr und wollen schlafen!“ Gleich darauf aber konnte man die Stimme des Alkibiades unterscheiden: er mußte stark getrunken haben, denn er schrie laut und fragte nach Agathon und wollte zu Agathon geführt sein. Doch schon kam er, auf die Flötenspielerin gestützt, mit einigen Begleitern herein und blieb in der Tür stehen; er trug einen Kranz von Epheu und Veilchen und hatte sehr viele Bänder ins Haar gewunden. „Seid mir gegrüßt, Männer!“ rief er. „Wollt ihr einen Betrunkenen in eure Mitte nehmen, oder muß ich wieder weg, nachdem ich Agathon bekränzt habe, denn darum bin ich gekommen? Ich konnte nämlich gestern nicht erscheinen, jetzt aber bin ich da und habe im Haare die Bänder, damit ich sie von meinem Haupt auf das Haupt des weisesten und schönsten Jünglings lege. Ich sehe, ihr lacht mich aus, weil ich betrunken sei, aber lacht nur, lacht, ich weiß trotzdem, daß ich die Wahrheit spreche! Sagt also, darf ich unter diesen Bedingungen herein oder nicht? Wollt ihr mit mir noch trinken?“ Da jauchzten ihm alle zu und hießen ihn eintreten und sich zu ihnen legen, und auch Agathon rief ihm zu. So kam denn Alkibiades, von seinen Leuten geführt, herein, und während er die Bänder abnahm, um Agathon zu schmücken, hielt er diese so vor den Augen, daß er Sokrates nicht sehen konnte, und legte sich neben Agathon zwischen diesen und Sokrates. Sokrates rückte etwas nach der Seite. Und nun tat Alkibiadessehr schön mit Agathon und wand ihm die Bänder ins Haar. Agathon rief den Knaben zu: „So nehmt auch Alkibiades die Sandalen ab, damit er als dritter hier mit uns sitze.“ „Ja, ja, tut das,“ forderte Alkibiades die Knaben auf, „wer ist aber der dritte hier?“ Und da er sich umdrehte und Sokrates erblickte, sprang er auf und schrie: „Bei Herakles, wer ist das? Sokrates, du? Du? Bist du mir auch hier auf der Lauer? Immer zeigst du dich ganz plötzlich, wo ich dich am wenigsten erwarte. Warum bist du nur hergekommen? Und warum hast du dich gerade hierher gesetzt? Ist bei Aristophanes oder bei sonst einem, der Spaß zu machen versteht, kein Platz gewesen? Mußtest du dich gerade zu dem Schönsten setzen?“ Sokrates wandte sich da zu Agathon: „Jetzt mußt du mich in Schutz nehmen! Die Liebe dieses Menschen ist mir, wie du siehst, ziemlich unbequem geworden. Seit ich sein erklärter Freund bin, darf ich weder einen schönen Jüngling ansehen, noch mit ihm reden, sonst macht er mir in seiner Eifersucht und Mißgunst die größten Torheiten und schmäht mich und kann oft kaum seine Hände zurückhalten. Sieh du nun, daß er vernünftig werde, und söhne uns aus; sollte er aber handgreiflich werden, so halte ihn zurück; ich habe beinahe Angst vor seiner Liebeswut.“ „O, zwischen uns beiden“, erwiderte Alkibiades, „gibt es keine Versöhnung! Hier und jetzt gleich will ich mich an dir rächen. Agathon, gib mir einige von deinen Bändern zurück, damit ich sie auf dieses wunderherrliche Haupt hier lege! Sokrates soll mir nicht vorwerfen, ichhätte dich geschmückt, ihn aber nicht, der mit seinen Worten über alle Menschen und nicht nur einmal, wie du gestern, sondern immer siegt.“ Und so nahm Alkibiades von den Bändern des Agathon und wand sie um des Sokrates Haupt, und jetzt erst legte er sich wieder. „Wohlan denn, Männer,“ rief er, „ihr scheint mir alle noch recht nüchtern zu sein. Das darf ich nicht zugeben, ihr müßt mit mir trinken. Wir haben das ausgemacht. Und solange ihr nicht recht im Trinken drin seid, wähle ich mich selber zum Vorsitzenden der Zeche. Agathon, laß einen großen Krug bringen, wenn einer da ist! Doch nein, er ist nicht nötig; bringe Knabe, du da, mir diesen Kühler; ich sehe, er enthält mehr als acht kleine Becher!“ Der Kühler wurde also gefüllt, und Alkibiades trank ihn aus, dann ließ er ihn gleich für Sokrates füllen und rief: „Gegen Sokrates komme ich nicht auf. Er trinkt, was man ihn heißt, und wird nie betrunken.“ Der Knabe hatte eingeschenkt, und auch Sokrates trank schon. Da fiel aber Eryximachos ein: „Wie machen wir es aber weiter, Alkibiades? Sollen wir dazu gar nichts reden oder singen und einfach nur trinken wie Leute, die eben Durst haben?“ „O Eryximachos“, rief Alkibiades, „du bester Sohn des besten und weisesten Vaters, sei mir gegrüßt!“ „Und du mir!“ entgegnete Eryximachos, „aber wie machen wir es nun?“ „Wie du befiehlst; ich gehorche deinem Worte! ‚Denn es hat der Arzt die Würde von vielen.‘ Sage, wie du es haben willst!“ „So höre! Bevor du kamst, hatten wir beschlossen, daß jeder von uns, der Reihe nach von rechts, eineRede auf Eros halte, so gut er es eben vermöchte, und den Gott preise. Nun, wir haben jeder seine Rede gehalten. Da nur du bisher weder getrunken noch gesprochen hast, so ist es billig, daß du jetzt uns fortsetzest und dann Sokrates ein Thema gibst, und Sokrates muß es wieder an seinen Nachbar zu rechts weitergeben usw. Das Thema kannst du selber wählen.“ „Eryximachos, das ist alles sehr schön gesagt; es ist aber doch nicht billig, daß der Betrunkene den Nüchternen das Thema gebe. Und dann, Glücklicher, glaubst du etwas von allem, was Sokrates vorhin gesagt? Wisse denn, gerade das Gegenteil davon ist wahr! Denn er, er kann mit den Händen kaum an sich halten, wenn ich in seiner Gegenwart irgend jemanden, einen Gott oder einen Menschen, preise.“ „Lästerst du hier nicht?“ fragte Sokrates. „Bei Poseidon! Du kannst mir nicht widersprechen, wenn ich behaupte, ich dürfe in deiner Gegenwart niemand anderen loben!“ „Ja, dann mache es doch so:“ sagteEryximachos, „preise Sokrates!“ „Wie meinst du das? Sollte ich es tun, Eryximachos? Sollte ich ihm auf diese Weise beikommen und mich vor euch an ihm rächen?“ „Was hast du da im Sinn? Willst du mich mit deinem Lobe lächerlich machen? Oder was willst du?“ sagte Sokrates. „Ich will die Wahrheit sagen: hast du jetzt etwas dagegen?“ „O nein, gegen die Wahrheit habe ich nichts; ich will sogar, daß du sie sagst!“ „Und ich werde auch gleich beginnen, du halte es aber so: Wenn ich nicht die Wahrheit sage, so unterbrich mich, wenn du willst, nur gleich mitten im Redenund sage, daß ich lüge! Absichtlich werde ich nicht lügen. Wenn ich aber in meiner Erinnerung da und dort Sprünge mache, nimm es nicht übel! Es ist in meinem Zustande nicht leicht, dein sonderbares Wesen in einer gewissen Ordnung zu schildern.
So will ich denn, Männer, Sokrates preisen, und ich will versuchen, ihn in Bildern zu preisen. Er wird vielleicht glauben, daß ich ihn durch die Bilder lächerlich machen will; o nein, die Bilder werden die Wahrheit sprechen. Und so sage ich denn gleich: Sokrates gleicht jenen Silenen, die ihr in den Werkstätten der Bildhauer findet. Die Künstler bilden sie gewöhnlich mit einer Pfeife oder einer Flöte in der Hand und geben ihnen zwei kleine Türen: wer diese öffnet, erblickt im Inneren kleine Bildsäulen der Götter. Ich sage aber weiter, Sokrates gleicht Marsyas, dem Satyr. Daß du ihm im Äußeren ähnlich bist, wirst du selber nicht bestreiten wollen, Sokrates! Worin du dem Satyr aber sonst noch gleichst, das höre nun! Du bist wie Marsyas ein Frevler, Sokrates! Wenn du nein sagst, will ich dir Zeugen bringen. Ja, du bist wie er ein Empörer, und dann weißt auch du die Flöte zu spielen und schöner als Marsyas. Denn Marsyas lockte die Menschen mit seinem Instrument durch die Kunst seiner Lippen, und heute noch leben Menschen, die seine Weisen spielen. Was Olympos spielte, das hatte er von Marsyas gelernt. Ob sie ein guter Flötenspieler oder eine von den gewöhnlichen Flötenspielerinnen spielt, seine Weisen allein ergreifen und offenbaren den, der der Götter und der Weihen bedürftigist; denn des Marsyas Weisen sind göttlich. Du aber, Sokrates, unterscheidest dich nur darin von Marsyas, daß du ohne Instrument, nur mit deinen nackten Worten spielst. Wenn wir einen anderen, und wäre er auch der beste Redner, hören, so geht uns das gewöhnlich sozusagen gar nichts an. Wer dich, dich selbst hört oder deine Worte von einem andern, und wäre dieser der gemeinste unter den Menschen, wenn dir ein Weib, ein Mann, ein Knabe zuhört, wir alle sind wie erschüttert und vermögen uns kaum zu halten. O Männer, wenn ich euch dann nicht ganz betrunken erscheinen sollte, so würde ich euch es sagen und jeden Satz beschwören, was ich durch seine Worte gelitten habe und immer wieder leide. Wenn ich Sokrates höre, da schlägt mein Herz stärker als das Herz des Korybanten, und ich vergieße Tränen, und viele, viele erfahren dasselbe. Ich habe Perikles und die anderen großen Redner gehört; mir schien da immer nur, sie sprächen gut, ja, aber ich erfuhr durch sie nichts Ähnliches, und meine Seele ward nie erschüttert und hat sich nie aufgebäumt, wie ein Sklave sich gegen den Herrn aufbäumt. Aber dieser Marsyas hier hat mich oft so weit gebracht, daß mir das Leben, das ich führe, nichtswürdig vorkam. Sokrates, du kannst nicht sagen, daß das nicht wahr sei. Und ich weiß ganz genau, daß, wenn ich jetzt, so wie ich hier bin, ihm zuhören wollte, ich nicht an mich halten könnte und dasselbe erführe. Er zwingt mich, ihm recht zu geben, wenn er behauptet, selber noch voll von Fehlern, vernachlässigte ich mich und beschäftigte michmit den Angelegenheiten Athens. Wie vor den Sirenen fliehe ich vor ihm und halte mir die Ohren zu, damit ich nicht bei ihm früh zum Greise werde. Und so habe ich durch ihn erfahren, was niemand in mir wohl gesucht hätte: ich habe durch ihn die Scham erfahren. Ja, vor ihm allein unter allen Menschen schäme ich mich. Ich bin ja nicht imstande, ihm zu widersprechen und zu sagen: Ich muß nicht das tun, was du von mir willst; ich weiß das, denn ich weiß, daß, wenn ich ihm entwichen bin, mich vor dem Volke der alte Ehrgeiz wieder packt. Und so laufe ich vor ihm weg und fliehe ihn und schäme mich, so oft ich ihn sehe, alles dessen, was ich ihm zugestanden und über mich eingeräumt habe. Ja, oft habe ich da den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden zu sehen. Und doch, wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel unglücklicher sein; so wehrlos, so ganz wehrlos bin ich gegen ihn.
Und so haben wir denn alle durch die Flötenweisen dieses Satyrs viel gelitten, und ihr habt von mir gehört, worin er den Wesen ähnlich ist, mit denen ich ihn vergleiche, und welche Macht ihm über uns ward. Aber wißt, ihr alle kennt ihn schließlich gar nicht, und da ich einmal begonnen, so will ich ihn euch ganz offenbaren. Seht, Sokrates tut in alle schönen Jünglinge verliebt und schleicht um sie herum und ist immer erregt in seinen Gebärden! Ist das nicht Silenenart? Und wie einer jener gemeißelten Silenen ist auch seine ganze Haltung. Wer aber den Silen öffnet, Freunde und Zechgenossen, wiesieht er diesen da nicht ganz voll von Weisheit und Maß! Ja, ich sage euch, diesen Silen kümmert es dann gar nicht, ob ein Jüngling schön sei oder nicht, ja er verachtet dessen Schönheit so gründlich, wie niemand es erwarten würde, und es ist ihm ganz gleichgültig, ob einer von denen, welche da immer von der Menge glücklich gepriesen werden, reich sei oder eine hohe Stellung habe. Sokrates hält diese Güter für wertlos und uns selbst für eitel – merkt euch das –, wenn er, mit euch Spott und Spaß treibend, sein Leben führt. Aber ich weiß nicht, ob je einer von euch in ihn hineingeblickt und in ihm die Götterbildnisse gesehen hat, wenn Sokrates ernst und wie offen ist. Ich habe hineingeblickt und glaube Göttliches gesehen zu haben und lauter Gold und überaus Schönes und Wunder, und darum muß ich von nun an immer tun, was Sokrates mich heißt. Als ich glaubte, Sokrates habe ein Auge auf meine Schönheit geworfen, hielt ich es für meinen Stern und mein großes Glück, denn ich brauchte mich dann ihm nur ganz hinzugeben, um sein ganzes Wissen zu erfahren. Und ich hielt viel von meiner Schönheit. Bisher war ich nie allein mit Sokrates gewesen, aber jetzt und in meiner großen Hoffnung entließ ich meinen Begleiter und war das erste Mal allein mit ihm. Ich muß euch die ganze Wahrheit sagen, seid aufmerksam, und wenn ich lüge, dann, Sokrates, überführe mich. Ich war also allein mit ihm, o Männer, und erwartete, er werde mir gleich alles das sagen, was der Freund, wenn niemand zuhört, zum Geliebten spricht, und war selig. Aber nichtsdergleichen geschah; Sokrates sprach zu mir wie immer, blieb den Tag über da und ging dann fort. Das nächste Mal forderte ich ihn auf, mit mir zu turnen; vielleicht könnte ich auf diese Weise etwas von ihm erreichen, dachte ich. Und Sokrates turnte auch und rang oft mit mir, während niemand zusah. Ach, wie soll ich es nur sagen! Auch das half nichts. Und da ich zu keinem Ziele kommen konnte, beschloß ich, Gewalt anzuwenden und, wenn ich ihn nur einmal fest habe, von dem Manne nicht mehr zu lassen; ich mußte endlich wissen, wie ich mit ihm stünde. Ich bat ihn also, mit mir zu essen; wie ihr seht, lief ich ihm also ganz einfach nach, wie der Freund dem Geliebten. Er folgte zwar nicht gleich meiner Bitte, aber nach einiger Zeit kam er wirklich. Beim ersten Mal wollte er gleich nach dem Essen fort, und ich schämte mich damals so sehr, daß ich ihn auch gehen ließ. Beim zweiten Mal aber gebrauchte ich eine List: nachdem wir gegessen hatten, sprach ich ohne Unterbrechung bis in die Nacht in ihn hinein, und als er endlich doch gehen wollte, meinte ich, es sei schon zu spät, und zwang ihn zu bleiben. Und wirklich, diesmal legte er sich denn auf meinem Lager nieder, auf demselben, auf welchem wir gegessen hatten, und niemand anders außer uns beiden schlief in dieser Nacht im Hause. Was ich bis hierher erzählt habe, hätte ich jedermann erzählen können. Was ich nun sagen werde, würdet ihr niemals aus meinem Munde vernommen haben, wenn erstens nicht, wie es heißt, der Wein und die Kinder oder der Weinallein – ohne die Kinder – die Wahrheit sprächen, und wenn zweitens es mir nicht unrecht schiene, eine so außerordentliche Tat des Sokrates zu verschweigen. Und dann, es ist mir heute noch wie einem, den die Natter gebissen hat; und die Leute sagen, wen jemals eine Natter gebissen hat, der könne, wie das wäre, nurjenenwieder schildern, welchen ein gleiches widerfahren sei, da diese allein verstünden und mitempfänden, wenn einer im Schmerze dann alles zu tun und zu sagen wagt. Ich hatte aber einen böseren Biß bekommen und dorthin, wo es am meisten schmerzt: mich hat es ins Herz gebissen, oder wie man das nennen soll, wohin uns die Worte eines Weisen treffen und die Bisse einer wilderen Natter beißen, wenn sie in die Seele eines nicht unedlen Jünglings greifen und ihn zu allem fähig machen. Ich sehe euch hier um mich, wie immer ihr heißen mögt, dich, Phaidros, dich, Agathon, Eryximachos, Pausanias, Aristodemos und Aristophanes, wozu soll ich noch Sokrates selbst nennen oder die vielen anderen? Ihr alle seid gebissen worden und voll gewesen der Wut und des Taumels der Philosophie! Und darum sollt ihr mich jetzt hören, ihr allein werdet verzeihen, was ich damals alles tat und jetzt ausspreche. Ihr Diener aber, und wer sonst noch hier ungeweiht und roh geblieben ist, legt euch große Tore vor die Ohren!
Da also die Knaben fortgegangen waren und ich das Licht ausgelöscht hatte, war ich entschlossen, nichts mehr zu beschönigen, sondern frei zu sagen, was ichsagen mußte. Ich stieß also Sokrates ein wenig und sprach: ‚Sokrates, schläfst du?‘ ‚Nein, noch nicht!‘ gab er zur Antwort. ‚Weißt du, was ich glaube?‘ ‚Was denn?‘ ‚Ich glaube, du liebst mich und bist allein mir der Freund, den ich brauche, nur zögerst du noch, mir es zu gestehen. Ich denke aber so: Ich würde mir töricht vorkommen, wenn ich mich dir nicht so ganz hingäbe, wie ich dir oder einem meiner Kameraden von meinem Vermögen geben wollte, wenn ihr davon verlangtet. Ich weiß nichts Heiligeres, als so gut wie möglich zu werden, und wenn du mir dazu helfen willst, werde ich niemand demütiger gehorchen. Wenn ich mich einem solchen Menschen wie dir nicht hingäbe, so würde ich mich vor den Wissenden viel mehr schämen, als ich mich vor der Menge und den Toren schämen müßte, wenn ich mich dir hingäbe.‘ Da Sokrates mich also gehört hatte, erwiderte er ganz in seiner bekannten Art spöttisch: ‚Mein geliebter Alkibiades, du bist wirklich nicht dumm, wenn das, was du von mir behauptest, wahr ist und in mir eine Kraft wohnt, die dich besser zu machen vermag. Du mußt doch wohl eine große Schönheit in mir sehen, eine Schönheit, die sich bedeutend von deiner schönen Gestalt unterscheidet. Wenn du sie mit mir teilen und so Schönheit gegen Schönheit tauschen willst, so mußt du im Sinne haben, mich ein wenig zu übervorteilen: du willst da für deine schöne Meinung meine Wahrheit erwerben und recht eigentlich für Erz Gold haben. Aber, Glücklicher, sieh genau hin: ich bin vielleicht ganz ohne Wert! DerBlick der Vernunft wird schärfer sehen, wenn deine beiden Augen an Schärfe verlieren, noch bist du weit davon entfernt.‘ Ich hörte ihm zu und sagte nur: ‚Was ich zu sagen hatte und wie ich denke, habe ich gesagt; denkedujetzt darüber nach, was dich für uns beide am besten dünkt!‘ ‚Ja, da hast du recht,‘ erwiderte Sokrates, ‚von nun an werden wir beide darüber nachdenken und nur das tun, was uns hier und in anderen Dingen am besten dünkt!‘ Das hatte ich nun von Sokrates gehört, und so hatte ich zu ihm gesprochen; ich meinte, der Pfeil sei abgeschossen und Sokrates verwundet. Ich stand also auf, und ohne ein Wort mehr zu verlieren, legte ich meinen Mantel um Sokrates – es war Winter – und kroch selbst unter den Mantel, schloß meine Arme um den Leib dieses wahrhaft herrlichen Dämons und lag so neben ihm die ganze Nacht. Sokrates, du wirst nicht sagen, daß auch nur ein Wort davon nicht wahr sei. Nach allem aber, was ich da für ihn getan hatte, wurde er ganz anders zu mir und verachtete und verlachte meine Schönheit und nahm sich alles gegen mich heraus! Ihr Richter – und ihr, die ihr hier sitzt, seid die Richter seiner Überhebung – bei den Göttern, bei den Göttinnen schwöre ich euch: ich erwachte nicht anders neben ihm, als wenn ich mit meinem Vater oder einem Bruder geschlafen hätte.
Was alles, glaubt ihr, muß ich damals nicht empfunden haben? Er verachtete mich – ich nahm es doch so – und ich, ich liebte seine Art, seine Weisheit, seine Männlichkeit; ich hatte in ihm einen Menschen vonso hoher Vernunft und Mäßigung gefunden, wie ich ihm nie im Leben zu begegnen glaubte! Ich konnte also weder ihm zürnen und ihn meiden, noch hatte ich Mittel, ihn an mich zu fesseln. Ich wußte jetzt, daß Gold ihn noch weniger zu verwunden vermöchte, als Eisen den Aias; dort also, wo allein ich ihn fassen zu können hoffte, ging er mir durch. Ich war hilflos und irrte umher in den Fesseln, in die dieser Mensch mich geschlossen hatte.
Das alles habe ich mit ihm erlebt, bevor wir gemeinsam den Feldzug gegen Potidaia mitmachten und dort im Lager am selben Tisch aßen. Vor allem war Sokrates hier im Ertragen der Strapazen nicht nur mir, sondern überhaupt allen Soldaten überlegen. So oft wir, wie das im Kriege vorkommt, irgendwo abgeschnitten waren und nichts zu essen hatten, konnte er wie kein anderer Hunger leiden. Wenn es dagegen Überfluß gab, konnte er wieder mehr essen als andere, und freiwillig zwar nicht, aber gezwungen, trank er uns alle unter den Tisch; und was das erstaunlichste ist, noch niemand hat je Sokrates betrunken gesehen. Er wird euch gleich hier den Beweis geben. Wie er die Kälte ertrug – die Winter sind dort streng – auch das klingt wie ein Wunder. Es hatte einmal stark gefroren, die Soldaten verließen entweder überhaupt nicht die Zelte oder, wenn einer ausging, wickelte er sich wunder wie ein und hatte die Füße in Filz oder Pelz gefatscht; Sokrates aber kam im Rock, den er immer trug, heraus und spazierte barfuß leichter durch den Frost als alle, die ihreSchuhe hatten. Die Soldaten blickten ihn mißtrauisch an und mußten denken, er wolle sich über sie nur lustig machen. Doch davon genug.
Aber „wie er jenes Große vollbracht, der gewaltige Mann, und bestanden“, damals im Kriege, das müßt ihr noch hören. Eines Morgens kam er in Gedanken und blieb stehen und sann, und da er es scheinbar nicht heraus bekam, gab er nicht nach und blieb weiter stehen und suchte. Es war schon Mittag geworden; die Leute wunderten sich über ihn und einer sagte es dem anderen: Sokrates steht seit frühem Morgen auf einem Fleck, rührt sich nicht und denkt nach! Da es Abend geworden war und alle gegessen hatten, trugen einige jüngere Soldaten ihre Betten aus den Zelten – wir waren im Sommer – und wollten im Kühlen schlafen und zugleich sehen, ob denn Sokrates auch in der Nacht auf demselben Fleck stehen bleiben werde. Und wirklich, Sokrates blieb die ganze Nacht stehen, bis der Morgen kam und die Sonne aufging, dann sprach er der Sonne sein Gebet und ging fort. Und hört jetzt, wie er in der Schlacht selbst war – auch hier darf ich ihm nichts schuldig bleiben! In jener Schlacht, nach welcher mir die Feldherrn den Preis zuerkannten, hat er mir das Leben gerettet; als ich verwundet am Boden lag, ist er bei mir geblieben und hat mich und meine Waffen in Sicherheit gebracht. Und schon damals forderte ich die Feldherrn auf, dir, Sokrates, den Preis zuzuerkennen – auch hierin wirst du mir nicht unrecht geben und sagen, ich lüge. Die Feldherrn aber sahenauf meinen Adel und beschlossen darum, ihn mir zu geben, und du wünschtest es noch eifriger als sie, daß ich ihn habe. Und dann, Männer, hättet ihr Sokrates sehen sollen, als das ganze Heer von Delion auf der Flucht war. Ich war damals zu Pferde und er in voller Rüstung zu Fuß. Das ganze Heer war in wilder Unordnung, er ging mit Laches. Da treffe ich sie und rufe ihnen Mut zu und meinte, ich wolle sie nicht verlassen. Und hier sah ich Sokrates noch herrlicher als in Potidaia. Da ich zu Pferde war, hatte ich weniger Furcht. Aber, wie damals Sokrates den Laches an Haltung übertraf! Ich sah ihn dort leibhaftig wie du, Aristophanes, ihn schilderst: trotzigen Blicks, mit rollenden Augen; ruhig sah er rechts und links die Freunde und Feinde, und man wußte schon von weitem, daß, wenn ihn jetzt hier einer angreifen wollte, er sich dessen erwehren würde. Und er und sein Begleiter kamen darum auch ganz sicher durch. Denn Soldaten von seiner Haltung werden im Kriege selten angegriffen, und der Feind hat es viel mehr auf die abgesehen, die kopfüber fliehen. Vieles Andere noch und Herrliches könnte ich an Sokrates rühmen; aber was er sonst noch alles tat, das könnte oft auch ein anderer getan haben: das Wunder an ihm ist, daß er keinem Menschen weder unter den Alten noch unter den Lebenden gleicht. Mit Achilleus könnte man schließlich Brasidas, mit Perikles Nestor und Antenor vergleichen, es finden sich da immer noch andere. Immer kann man da den einen mit dem anderen vergleichen. Dieser Mensch aber, er selbst undseine Worte, ist so sonderbar gewachsen, daß niemand weder unter den Alten, noch unter den Lebenden seinesgleichen finden würde, es sei denn, daß er ihn, wie ich es tat, mit Menschen überhaupt nicht, sondern mit den Silenen und Satyrn ihn und seine Worte vergliche.
Denn ich vergaß es vorhin zu sagen, daß auch seine Worte jenen geöffneten Silenen gleichen. Wenn jemand zuerst seine Redensarten hört, erscheinen sie ihm lächerlich. Sokrates hüllt sich da in Namen und Ausdrücke, wie ein wilder Satyr in sein Fell. Er spricht von Lasteseln oder Schmieden oder Schustern oder Gerbern; es sieht aus, als ob er immer mit denselben Worten dasselbe sagte, so daß der Unerfahrene und Ungebildete über diese Reden lacht. Wer sie aber erschließt und in sie hinein kann, der wird gleich finden, wie gerade seine Worte ein Sinn verbinde und daß sie göttlich seien und Bilder höchster Tugend, und daß sie überallhin reichen und vor allem dorthin, wohin der Mensch, der nach Veredlung und Besserung strebt, seinen Blick richtet.
Das alles, Männer, ist es, was ich an Sokrates preise. Ich habe auch den Tadel in das Lob gemischt und euch gesagt, wie er mich verletzt hat. Aber nicht nur mir hat er das angetan, sondern Charmides, der Sohn des Glaukon, und Euthydemos, des Diokles Sohn, und viele andere haben ein gleiches erfahren: er hat sie alle getäuscht und ist ihnen statt eines Freundes der Geliebte geworden. Auch dir, Agathon, sage ich: laß dich nicht von ihm betrügen; lerne vonunseren Leiden und sei auf der Hut und mache es nicht wie die Toren, die, wie das Sprichwort sagt, erst durch Schaden klug werden!“
Da Alkibiades also gesprochen hatte, mußten alle über seine Offenherzigkeit lachen, denn er schien ihnen noch immer, nach wie vor, Sokrates zu lieben. Sokrates rief: „Alkibiades, ich glaube wirklich, du bist nüchtern. Denn sonst würdest du kaum so sinnreich zu verstecken versucht haben, warum du überhaupt alles das gesagt hast. Wie etwas Nebensächliches hast du es an das Ende gesetzt, als ob nicht alle deine Worte den einzigen Zweck gehabt hätten, mich und Agathon zu entzweien, denn du glaubst, ich dürfe nur dich und sonst niemand lieben und Agathon wieder dürfe nur von dir allein geliebt werden. Du hast das nicht verbergen können, dein Satyr- und Silenendrama hat uns alles verraten. Aber, mein geliebter Agathon, das soll ihm nicht helfen; sorge nur, daß er uns beide nicht entzweie.“ Agathon entgegnete: „Sokrates, du hast recht. Sieh nur, wie er sich zwischen mich und dich gelegt hat, um uns beide auseinander zu bringen! Es ist aber umsonst, denn ich werde gleich an deine Seite kommen und mich zu dir legen.“ „Ja, ja,“ meinte Sokrates, „komme nur her und lege dich zu mir hin!“ „Beim Zeus,“ rief da Alkibiades, „was muß ich von diesem Menschen nicht alles ertragen! Er glaubt mich überall ausstechen zu müssen. Aber, Herrlicher, wenn es schon nicht anders geht, so laß wenigstens Agathon zwischen uns.“ „Das ist unmöglich;“ rief Sokrates, „du hast mich gelobt, undjetzt ist an mir die Reihe, nach rechts jemanden zu loben. Wenn Agathon zwischen uns kommt, so müßte er auf mich wieder eine Lobrede halten, er soll aber umgekehrt jetzt von mir gelobt werden. Laß uns also, mein Bester, und beneide nicht einen Jüngling um das Lob, das ich ihm reden will; ich selbst habe auch das Bedürfnis, Agathon zu preisen!“ Und Agathon rief: „Armer Alkibiades, ich darf hier nicht bleiben und muß den Platz wechseln, damit Sokrates mich lobe!“ Und Alkibiades: „Da sehen wir es also: wenn Sokrates da ist, kann man nichts mehr von den schönen Jünglingen haben. Und wie klug er sich es ausgedacht hat, warum Agathon neben ihm sitzen müsse! O Sokrates, Sokrates!“
Nun ist Agathon aufgestanden und hat sich neben Sokrates gelegt. Da kam plötzlich eine Menge von Zechern an die Tür, und da diese offen stand – es war eben jemand herausgegangen – so konnten diese weiter und sich zu den anderen legen. Es herrschte dann viel Lärm, und ohne Ordnung ward jeder gezwungen, so viel wie möglich zu trinken. Eryximachos, Phaidros und andere, erzählte Aristodemos, wären weggegangen, ihn selbst hätte der Schlaf gepackt und er hätte fest geschlafen – es wäre ja sehr spät gewesen – und wäre erst gegen Morgen aufgewacht, da die Lerchen schon sangen. Da hätte er denn die einen schlafen gesehen, andere wären fortgegangen, und nur Agathon und Aristophanes und Sokrates wären noch wach gewesen und hätten aus einem großen Krug getrunken und ihn immer wiedernach rechts sich gereicht. Sokrates hätte zu ihnen gesprochen. Aristodemos konnte sich aber nicht an alles erinnern, er hätte den Anfang nicht hören können und jetzt noch etwas geduselt. In der Hauptsache aber, meinte er, hätte Sokrates beide dazu gebracht, ihm zuzugeben, daß ein und derselbe Dichter die Komödie und die Tragödie beherrschen müßte, und daß der Tragödiendichter auch ein Komödiendichter wäre. Agathon und Aristophanes hätten ihm aber nicht mehr ganz zu folgen vermocht und wären ab und zu in den Schlaf genickt. Zuerst wäre Aristophanes eingeschlafen, dann gegen Morgen Agathon. Sokrates aber sei, nachdem er sie also zur Ruhe gebracht, aufgestanden und weggegangen,Aristodemosihm nach seiner Gewohnheit gefolgt. Sokrates wäre ins Lykeion gekommen, hätte dort gebadet und den ganzen Tag zugebracht und dann erst gegen Abend zu Hause sich zur Ruhe gelegt.
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