Chapter 2

Der Prinz von Homburg.Nicht? Nicht der Herr?

Natalie. O Jubel!

(Sie steht auf und stellt sich an die Seite der Kurfürstin.)

Der Prinz von Homburg. Sprich! Erzähle!Dein Wort fällt schwer wie Gold in meine Brust!

Graf Sparren.O laßt die rührendste Begebenheit,Die je ein Ohr vernommen, Euch berichten!Der Landesherr, der, jeder Warnung taub,Den Schimmel wieder ritt, den strahlendweißen,Den Froben jüngst in England ihm erstand,War wieder, wie bis heut noch stets geschah,Das Ziel der feindlichen Kanonenkugeln.Kaum konnte, wer zu seinem Troß gehörte,Auf einen Kreis von hundert Schritt ihm nahn;Granaten wälzten, Kugeln und Kartätschen,Sich wie ein breiter Todesstrom daher,Und alles, was da lebte, wich ans Ufer:Nur er, der kühne Schwimmer, wankte nicht,Und, stets den Freunden winkend, rudert' erGetrost den Höhn zu, wo die Quelle sprang.

Der Prinz von Homburg.Beim Himmel, ja! Ein Grausen wars, zu sehn.

Graf Sparren.Stallmeister Froben, der, beim Troß der Suite,Zunächst ihm folgt, ruft dieses Wort mir zu:"Verwünscht sei heut mir dieses Schimmels Glanz,Mit schwerem Gold in London jüngst erkauft!Wollt ich doch funfzig Stück Dukaten geben,Könnt ich ihn mit dem Grau der Mäuse decken."Er naht, voll heißer Sorge, ihm und spricht:"Hoheit, dein Pferd ist scheu, du mußt verstatten,Daß ichs noch einmal in die Schule nehme!"Mit diesem Wort entsitzt er seinem Fuchs,Und fällt dem Tier des Herren in den Zaum.Der Herr steigt ab, still lächelnd, und versetzt:"Die Kunst, die du ihn, Alter, lehren willst,Wird er, solang es Tag ist, schwerlich lernen.Nimm, bitt ich, fern ihn, hinter jenen Hügeln,Wo seines Fehls der Feind nicht achtet, vor."Dem Fuchs drauf sitzt er auf, den Froben reitet,Und kehrt zurück, wohin sein Amt ihn ruft.Doch Froben hat den Schimmel kaum bestiegen,So reißt, entsendet aus der Feldredoute,Ihn schon ein Mordblei, Roß und Reuter, nieder.In Staub sinkt er, ein Opfer seiner Treue,Und keinen Laut vernahm man mehr von ihm.

(Kurze Pause.)

Der Prinz von Homburg.Er ist bezahlt!—Wenn ich zehn Leben hätte,Könnt ich sie besser brauchen nicht, als so!

Natalie.Der wackre Froben!

Kurfürstin. Der Vortreffliche!

Natalie.Ein Schlechtrer wäre noch der Tränen wert!

(Sie weinen.)

Der Prinz von Homburg.Genug! Zur Sache jetzt. Wo ist der Kurfürst?Nahm er in Hackelwitz sein Hauptquartier?

Graf Sparren.Vergib! der Herr ist nach Berlin gegangen,Und die gesamte GeneralitätIst aufgefordert, ihm dahin zu folgen.

Der Prinz von Homburg.Wie? Nach Berlin?—Ist denn der Feldzug aus?

Graf Sparren.Fürwahr, ich staune, daß dir alles fremd!Graf Horn, der schwedsche General, traf ein;Es ist im Lager, gleich nach seiner Ankunft,Ein Waffenstillstand ausgerufen worden.Wenn ich den Marschall Dörfling recht verstanden,Ward eine Unterhandlung angeknüpft:Leicht, daß der Frieden selbst erfolgen kann.

Kurfürstin.O Gott, wie herrlich klärt sich alles auf!

(Sie steht auf.)

Der Prinz von Homburg.Kommt, laßt sogleich uns nach Berlin ihm folgen!—Räumst du, zu rascherer Beförderung, wohlMir einen Platz in deinem Wagen ein?—Zwei Zeilen nur an Kottwitz schreib ich noch,Und steige augenblicklich mit dir ein.

(Er setzt sich nieder und schreibt.)

Kurfürstin.Von ganzem Herzen gern!

Der Prinz von Homburg (legt den Brief zusammen und übergibt ihn dem Wachtmeister; indem er sich wieder zur Kurfürstin wendet, und den Arm sanft um Nataliens Leib legt). Ich habe so Dir einen Wunsch noch schüchtern zu vertraun, Des ich mich auf der Reis entlasten will.

Natalie (macht sich von ihm los).Bork! Rasch! Mein Halstuch, bitt ich!

Kurfürstin. Du? Einen Wunsch mir?

Erste Hofdame.Ihr tragt das Tuch, Prinzessin, um den Hals!

Der Prinz von Homburg (zur Kurfürstin).Was? Rätst du nichts?

Kurfürstin. Nein, nichts!

Der Prinz von Homburg. Was? Keine Silbe?

Kurfürstin (abbrechend).Gleichviel!—Heut keinem Flehenden auf ErdenAntwort ich: nein! was es auch immer sei;Und dir, du Sieger in der Schlacht, zuletzt!—Hinweg!

Der Prinz von Homburg.O Mutter! Welch ein Wort sprachst du?Darf ichs mir deuten, wie es mir gefällt?

Kurfürstin.Hinweg, sag ich! Im Wagen mehr davon!

Der Prinz von Homburg.Kommt, gebt mir Euren Arm!—O Cäsar Divus!Die Leiter setz ich an, an deinen Stern!

(Er führt die Damen ab; alle folgen.)

Szene: Berlin. Lustgarten vor dem alten Schloß. Im Hintergrunde die Schloßkirche, mit einer Treppe. Glockenklang; die Kirche ist stark erleuchtet; man sieht die Leiche Frobens vorübertragen, und auf einen prächtigen Katafalk niedersetzen.

Neunter Auftritt

Der Kurfürst, Feldmarschall Dörfling, Obrist Hennings, GrafTruchß, und mehrere andere Obristen und Offiziere treten auf.Ihm gegenüber zeigen sich einige Offiziere mit Depeschen.—In der Kirche sowohl als auf dem Platz Volk jeden Alters undGeschlechts.

Der Kurfürst.Wer immer auch die Reuterei geführt,Am Tag der Schlacht, und, eh der Obrist HenningsDes Feindes Brücken hat zerstören können,Damit ist aufgebrochen, eigenmächtig,Zur Flucht, bevor ich Order gab, ihn zwingend,Der ist des Todes schuldig, das erklär ich,Und vor ein Kriegsgericht bestell ich ihn.—Der Prinz von Homburg hat sie nicht geführt?

Graf Truchß.Nein, mein erlauchter Herr!

Der Kurfürst. Wer sagt mir das?

Graf Truchß.Das können Reuter dir bekräftigen,Die mirs versichert, vor Beginn der Schlacht.Der Prinz hat mit dem Pferd sich überschlagen,Man hat verwundet schwer, an Haupt und Schenkeln,In einer Kirche ihn verbinden sehn.

Der Kurfürst.Gleichviel. Der Sieg ist glänzend dieses Tages,Und vor dem Altar morgen dank ich Gott.Doch wär er zehnmal größer, das entschuldigtDen nicht, durch den der Zufall mir ihn schenkt:Mehr Schlachten noch, als die, hab ich zu kämpfen,Und will, daß dem Gesetz Gehorsam sei.Wers immer war, der sie zur Schlacht geführt,Ich wiederhols, hat seinen Kopf verwirkt,Und vor ein Kriegsrecht hiemit lad ich ihn.—Folgt, meine Freunde, in die Kirche mir!

Zehnter Auftritt

Der Prinz von Homburg, drei schwedische Fahnen in der Hand,Obrist Kottwitz, mit deren zwei, Graf Hohenzollern, RittmeisterGolz, Graf Reuß, jeder mit einer Fahne, mehrere andereOffiziere, Korporale und Reuter, mit Fahnen, Pauken undStandarten, treten auf.

Feldmarschall Dörfling (so wie er den Prinzen erblickt).Der Prinz von Homburg!—Truchß! Was machtet Ihr?

Der Kurfürst (stutzt).Wo kommt Ihr her, Prinz?

Der Prinz von Homburg (einige Schritte vorschreitend).Von Fehrbellin, mein Kurfürst,Und bringe diese Siegstrophäen dir.

(Er legt die drei Fahnen vor ihm nieder; die Offiziere,Korporale und Reuter folgen, jeder mit der ihrigen.)

Der Kurfürst (betroffen).Du bist verwundet, hör ich, und gefährlich?—Graf Truchß!

Der Prinz von Homburg (heiter).Vergib!

Graf Truchß. Beim Himmel, ich erstaune!

Der Prinz von Homburg.Mein Goldfuchs fiel, vor Anbeginn der Schlacht;Die Hand hier, die ein Feldarzt mir verband,Verdient nicht, daß du sie verwundet taufst.

Der Kurfürst.Mithin hast du die Reuterei geführt?

Der Prinz von Homburg (sieht ihn an).Ich? Allerdings! Mußt du von mir dies hören?—Hier legt ich den Beweis zu Füßen dir.

Der Kurfürst.—Nehmt ihm den Degen ab. Er ist gefangen.

Feldmarschall (erschrocken).Wem?

Der Kurfürst (tritt unter die Fahnen).Kottwitz! Sei gegrüßt mir!

Graf Truchß (für sich). O verflucht!

Obrist Kottwitz.Bei Gott, ich bin aufs äußerste—!

Der Kurfürst (er sieht ihn an). Was sagst du?Schau, welche Saat für unsern Ruhm gemäht!—Die Fahn ist von der schwedischen Leibwacht! Nicht?(Er nimmt eine Fahne auf, entwickelt und betrachtet sie.)

Obrist Kottwitz.Mein Kurfürst?

Feldmarschall. Mein Gebieter?

Der Kurfürst. Allerdings!Und zwar aus König Gustav Adolfs Zeiten!—Wie heißt die Inschrift?

Obrist Kottwitz. Ich glaube—

Feldmarschall.—Per aspera ad astra.

Der Kurfürst.Das hat sie nicht bei Fehrbellin gehalten.

(Pause.)

Obrist Kottwitz (schüchtern).Mein Fürst, vergönn ein Wort mir—!

Der Kurfürst. Was beliebt?—Nehmt alles, Fahnen, Pauken und Standarten,Und hängt sie an der Kirche Pfeiler auf;Beim Siegsfest morgen denk ich sie zu brauchen!

(Der Kurfürst wendet sich zu den Kurieren, nimmt ihnen dieDepeschen ab, erbricht, und liest sie.)

Obrist Kottwitz (für sich).Das, beim lebendigen Gott, ist mir zu stark!

(Der Obrist nimmt, nach einigem Zaudern, seine zwei Fahnen auf; die übrigen Offiziere und Reuter folgen; zuletzt, da die drei Fahnen des Prinzen liegen bleiben, hebt Kottwitz auch diese auf, so daß er nun fünf trägt.)

Ein Offizier (tritt vor den Prinzen).Prinz, Euren Degen, bitt ich.

Hohenzollern (mit seiner Fahne, ihm zur Seite tretend).Ruhig, Freund!

Der Prinz von Homburg.Träum ich? Wach ich? Leb ich? Bin ich bei Sinnen?

Golz.Prinz, gib den Degen, rat ich, hin, und schweig!

Der Prinz von Homburg.Ich, ein Gefangener?

Hohenzollern. So ists!

Golz. Ihr hörts!

Der Prinz von Homburg.Darf man die Ursach wissen?

Hohenzollern (mit Nachdruck). Jetzo nicht!—Du hast zu zeitig, wie wir gleich gesagt,Dich in die Schlacht gedrängt; die Order war,Nicht von dem Platz zu weichen, ungerufen!

Der Prinz von Homburg.Helft Freunde, helft! Ich bin verrückt.

Golz (unterbrechend). Still! Still!

Der Prinz von Homburg.Sind denn die Märkischen geschlagen worden?

Hohenzollern (stampft mit dem Fuß auf die Erde).Gleichviel!—Der Satzung soll Gehorsam sein.

Der Prinz von Homburg (mit Bitterkeit).So—so, so, so!

Hohenzollern (entfernt sich von ihm).Es wird den Hals nicht kosten.

Golz (ebenso).Vielleicht, daß du schon morgen wieder los.

(Der Kurfürst legt die Briefe zusammen, und kehrt sich wieder in den Kreis der Offiziere zurück.)

Der Prinz von Homburg (nachdem er sich den Degen abgeschnallt).Mein Vetter Friedrich will den Brutus spielen,Und sieht, mit Kreid auf Leinewand verzeichnet,Sich schon auf dem kurulschen Stuhle sitzen:Die schwedschen Fahnen in dem Vordergrund,Und auf dem Tisch die märkschen Kriegsartikel.Bei Gott, in mir nicht findet er den Sohn,Der, unterm Beil des Henkers, ihn bewundre.Ein deutsches Herz, von altem Schrot und Korn,Bin ich gewohnt an Edelmut und Liebe,Und wenn er mir, in diesem Augenblick,Wie die Antike starr entgegenkommt,Tut er mir leid, und ich muß ihn bedauren!

(Er gibt den Degen an den Offizier und geht ab.)

Der Kurfürst.Bringt ihn nach Fehrbellin, ins Hauptquartier,Und dort bestellt das Kriegsrecht, das ihn richte.

(Ab in die Kirche. Die Fahnen folgen ihm, und werden, während er mit seinem Gefolge an dem Sarge Frobens niederkniet und betet, an den Pfeilern derselben aufgehängt. Trauermusik.)

Dritter Akt

Szene: Fehrbellin. Ein Gefängnis.

Erster Auftritt

Der Prinz von Homburg.—Im Hintergrunde zwei Reuter, alsWache.—Der Graf von Hohenzollern tritt auf.

Der Prinz von Homburg.Sieh da! Freund Heinrich! Sei willkommen mir!—Nun, des Arrestes bin ich wieder los?

Hohenzollern (erstaunt).Gott sei Lob, in der Höh!

Der Prinz von Homburg. Was sagst du?

Hohenzollern. Los?Hat er den Degen dir zurück geschickt?

Der Prinz von Homburg.Mir? Nein.

Hohenzollern.Nicht?

Der Prinz von Homburg.Nein!

Hohenzollern.—Woher denn also los?

Der Prinz von Homburg (nach einer Pause).Ich glaubte, du, du bringst es mir.—Gleichviel!

Hohenzollern.—Ich weiß von nichts.

Der Prinz von Homburg. Gleichviel, du hörst; gleichviel!So schickt er einen andern, der mirs melde.

(Er wendet sich und holt Stühle.)

Setz dich!—Nun, sag mir an, was gibt es Neues?—Der Kurfürst kehrte von Berlin zurück?

Hohenzollern (zerstreut).Ja. Gestern abend.

Der Prinz von Homburg.Ward, beschloßnermaßen,Das Siegsfest dort gefeiert?—Allerdings!—Der Kurfürst war zugegen in der Kirche?

Hohenzollern.Er und die Fürstin und Natalie.—Die Kirche war, auf würdge Art, erleuchtet;Battrieen ließen sich, vom Schloßplatz her,Mit ernster Pracht bei dem Tedeum hören.Die schwedschen Fahnen wehten und Standarten,Trophäenartig, von den Pfeilern nieder,Und auf des Herrn ausdrücklichem Befehl,Ward deines, als des Siegers Namen—Erwähnung von der Kanzel her getan.

Der Prinz von Homburg.Das hört ich!—Nun, was gibt es sonst; was bringst du?—Dein Antlitz, dünkt mich, sieht nicht heiter, Freund!

Hohenzollern.—Sprachst du schon wen?

Der Prinz von Homburg. Golz, eben, auf dem Schlosse,Wo ich, du weißt es, im Verhöre war.

(Pause.)

Hohenzollern (sieht ihn bedenklich an).Was denkst du, Arthur, denn von deiner Lage,Seit sie so seltsam sich verändert hat?

Der Prinz von Homburg.Ich? Nun, was du und Golz—die Richter selbst!Der Kurfürst hat getan, was Pflicht erheischte,Und nun wird er dem Herzen auch gehorchen.Gefehlt hast du, so wird er ernst mir sagen,Vielleicht ein Wort von Tod und Festung sprechen:Ich aber schenke dir die Freiheit wieder—Und um das Schwert, das ihm den Sieg errang,Schlingt sich vielleicht ein Schmuck der Gnade noch;—Wenn der nicht, gut; denn den verdient ich nicht!

Hohenzollern.O Arthur! (Er hält inne.)

Der Prinz von Homburg.Nun?

Hohenzollern.—Des bist du so gewiß?

Der Prinz von Homburg.Ich denks mir so! Ich bin ihm wert, das weiß ich,Wert wie ein Sohn; das hat seit früher Kindheit,Sein Herz in tausend Proben mir bewiesen.Was für ein Zweifel ists, der dich bewegt?Schien er am Wachstum meines jungen RuhmsNicht mehr fast, als ich selbst, sich zu erfreun?Bin ich nicht alles, was ich bin, durch ihn?Und er, er sollte lieblos jetzt die Pflanze,Die er selbst zog, bloß, weil sie sich ein wenigZu rasch und üppig in die Blume warf,Mißgünstig in den Staub daniedertreten?Das glaubt ich seinem schlimmsten Feinde nicht,Vielwen'ger dir, der du ihn kennst und liebst.

Hohenzollern (bedeutend).Du standst dem Kriegsrecht, Arthur, im Verhör,Und bist des Glaubens noch?

Der Prinz von Homburg. Weil ich ihm stand!Bei dem lebendigen Gott, so weit geht keiner,Der nicht gesonnen wäre, zu begnadgen!Dort eben, vor der Schranke des Gerichts,Dort wars, wo mein Vertraun sich wiederfand.Wars denn ein todeswürdiges Verbrechen,Zwei Augenblicke früher, als befohlen,Die schwedsche Macht in Staub gelegt zu haben?Und welch ein Frevel sonst drückt meine Brust?Wie könnt er doch vor diesen Tisch mich laden,Von Richtern, herzlos, die den Eulen gleich,Stets von der Kugel mir das Grablied singen,Dächt er, mit einem heitern Herrscherspruch,Nicht, als ein Gott in ihren Kreis zu treten?Nein, Freund, er sammelt diese Nacht von WolkenNur um mein Haupt, um wie die Sonne mir,Durch ihren Dunstkreis strahlend aufzugehn:Und diese Lust, fürwahr, kann ich ihm gönnen!

Hohenzollern.Das Kriegsrecht gleichwohl, sagt man, hat gesprochen?

Der Prinz von Homburg.Ich höre, ja; auf Tod.

Hohenzollern (erstaunt). Du weißt es schon?

Der Prinz von Homburg.Golz, der dem Spruch des Kriegsrechts beigewohnt,Hat mir gemeldet, wie er ausgefallen.

Hohenzollern.Nun denn, bei Gott!—Der Umstand rührt dich nicht?

Der Prinz von Homburg.Mich? Nicht im mindesten.

Hohenzollern. Du Rasender!Und worauf stützt sich deine Sicherheit?

Der Prinz von Homburg.Auf mein Gefühl von ihm! (Er steht auf.) Ich bitte, laß mich!Was soll ich mich mit falschen Zweifeln quälen?

(Er besinnt sich und läßt sich wieder nieder.—Pause.)

Das Kriegsrecht mußte auf den Tod erkennen;So lautet das Gesetz, nach dem es richtet.Doch eh er solch ein Urteil läßt vollstrecken,Eh er dies Herz hier, das getreu ihn liebt,Auf eines Tuches Wink, der Kugel preis gibt,Eh sieh, eh öffnet er die eigne Brust sich,Und sprützt sein Blut selbst tropfenweis in Staub.

Hohenzollern.Nun, Arthur, ich versichre dich—

Der Prinz von Homburg (unwillig). O Lieber!

Hohenzollern.Der Marschall—

Der Prinz von Homburg (ebenso).Laß mich, Freund!

Hohenzollern. Zwei Worte hör noch!Wenn die dir auch nichts gelten, schweig ich still.

Der Prinz von Homburg (wendet sich wieder zu ihm).Du hörst, ich weiß von allem.—Nun? Was ists?

Hohenzollern.Der Marschall hat, höchst seltsam ists, soebenDas Todesurteil im Schloß ihm überreicht;Und er, statt wie das Urteil frei ihm stellt,Dich zu begnadigen, er hat befohlen,Daß es zur Unterschrift ihm kommen soll.

Der Prinz von Homburg.Gleichviel. Du hörst.

Hohenzollern. Gleichviel?

Der Prinz von Homburg. Zur Unterschrift?

Hohenzollern.Bei meiner Ehr! Ich kann es dir versichern.

Der Prinz von Homburg.Das Urteil?—Nein! die Schrift—?

Hohenzollern. Das Todesurteil.

Der Prinz von Homburg.—Wer hat dir das gesagt?

Hohenzollern. Er selbst, der Marschall!

Der Prinz von Homburg.Wann?

Hohenzollern.Eben jetzt.

Der Prinz von Homburg. Als er vom Herrn zurück kam?

Hohenzollern.Als er vom Herrn die Treppe niederstieg!—Er fügt' hinzu, da er bestürzt mich sah,Verloren sei noch nichts, und morgen seiAuch noch ein Tag, dich zu begnadigen;Doch seine bleiche Lippe widerlegteIhr eignes Wort, und sprach: ich fürchte, nein!

Der Prinz von Homburg (steht auf).Er könnte—nein! so ungeheuereEntschließungen in seinem Busen wälzen?Um eines Fehls, der Brille kaum bemerkbar,In dem Demanten, den er jüngst empfing,In Staub den Geber treten? Eine Tat,Die weiß den Dei von Algier brennt, mit Flügeln,Nach Art der Cherubinen, silberglänzig,Den Sardanapel ziert, und die gesamteAltrömische Tyrannenreihe, schuldlos,Wie Kinder, die am Mutterbusen sterben,Auf Gottes rechter Seit hinüberwirft?

Hohenzollern (der gleichfalls aufgestanden).Du mußt, mein Freund, dich davon überzeugen.

Der Prinz von Homburg.Und der Feldmarschall schwieg und sagte nichts?

Hohenzollern.Was sollt er sagen?

Der Prinz von Homburg. O Himmel! Meine Hoffnung!

Hohenzollern.Hast du vielleicht je einen Schritt getan,Seis wissentlich, seis unbewußt,Der seinem stolzen Geist zu nah getreten?

Der Prinz von Homburg.Niemals!

Hohenzollern.Besinne dich!

Der Prinz von Homburg. Niemals, beim Himmel!Mir war der Schatten seines Hauptes heilig.

Hohenzollern.Arthur, sei mir nicht böse, wenn ich zweifle.Graf Horn traf, der Gesandte Schwedens, ein,Und sein Geschäft geht, wie man mir versichert,An die Prinzessin von Oranien.Ein Wort, das die Kurfürstin Tante sprach,Hat aufs empfindlichste den Herrn getroffen;Man sagt, das Fräulein habe schon gewählt.Bist du auf keine Weise hier im Spiele?

Der Prinz von Homburg.O Gott! Was sagst du mir?

Hohenzollern. Bist dus? Bist dus?

Der Prinz von Homburg.Ich bins, mein Freund; jetzt ist mir alles klar;Es stürzt der Antrag ins Verderben mich:An ihrer Weigrung, wisse, bin ich schuld,Weil mir sich die Prinzessin anverlobt!

Hohenzollern.Du unbesonnener Tor! Was machtest du?Wie oft hat dich mein treuer Mund gewarnt?

Der Prinz von Homburg.O Freund! Hilf, rette mich! Ich bin verloren.

Hohenzollern.Ja, welch ein Ausweg führt aus dieser Not?Willst du vielleicht die Fürstin Tante sprechen?

Der Prinz von Homburg (wendet sich).—He, Wache!

Reuter (im Hintergrunde).Hier!

Der Prinz von Homburg. Ruft euren Offizier! (Er nimmt eilig einen Mantel um von der Wand, setzt einen Federhut auf, der auf dem Tisch liegt.)

Hohenzollern (indem er ihm behülflich ist).Der Schritt kann, klug gewandt, dir Rettung bringen.—Denn kann der Kurfürst nur mit König Karl,Um den bewußten Preis, den Frieden schließen,So sollst du sehn, sein Herz versöhnt sich dir,Und gleich, in wenig Stunden, bist du frei.

Zweiter Auftritt

Der Offizier tritt auf.—Die Vorigen.

Der Prinz von Homburg (zu dem Offizier).Stranz, übergeben bin ich deiner Wache!Erlaub, in einem dringenden Geschäft,Daß ich auf eine Stunde mich entferne.

Der Offizier.Mein Prinz, mir übergeben bist du nicht.Die Order, die man mir erteilt hat, lautet,Dich gehn zu lassen frei, wohin du willst.

Der Prinz von Homburg.Seltsam!—So bin ich kein Gefangener?

Der Offizier.Vergib!—Dein Wort ist eine Fessel auch.

Hohenzollern (bricht auf).Auch gut! Gleichviel!—

Der Prinz von Homburg. Wohlan! So leb denn wohl!

Hohenzollern.Die Fessel folgt dem Prinzen auf dem Fuße!

Der Prinz von Homburg.Ich geh aufs Schloß zu meiner Tante nur,Und bin in zwei Minuten wieder hier.

(Alle ab.)

Szene: Zimmer der Kurfürstin.

Dritter Auftritt

Die Kurfürstin und Natalie treten auf.

Die Kurfürstin.Komm, meine Tochter; komm! Dir schlägt die Stunde!Graf Gustav Horn, der schwedische Gesandte,Und die Gesellschaft, hat das Schloß verlassen;Im Kabinett des Onkels seh ich Licht:Komm, leg das Tuch dir um und schleich dich zu ihm,Und sieh, ob du den Freund dir retten kannst.

(Sie wollen gehen.)

Vierter Auftritt

Eine Hofdame tritt auf.—Die Vorigen.

Die Hofdame.Prinz Homburg, gnädge Frau, ist vor der Türe!—Kaum weiß ich wahrlich, ob ich recht gesehn?

Kurfürstin (betroffen).O Gott!

Natalie. Er selbst?

Kurfürstin. Hat er denn nicht Arrest?

Die Hofdame.Er steht in Federhut und Mantel draußen,Und fleht, bestürzt und dringend um Gehör

Kurfürstin (unwillig).Der Unbesonnene! Sein Wort zu brechen!

Natalie.Wer weiß, was ihn bedrängt.

Kurfürstin (nach einigem Bedenken).Laßt ihn herein!

(Sie selbst setzt sich auf einen Stuhl.)

Fünfter Auftritt

Der Prinz von Homburg tritt auf.—Die Vorigen.

Der Prinz von Homburg.O meine Mutter!

(Er läßt sich auf Knieen vor ihr nieder.)

Kurfürstin. Prinz! Was wollt Ihr hier?

Der Prinz von Homburg.O laß mich deine Knie umfassen, Mutter!

Kurfürstin (mit unterdrückter Rührung).Gefangen seid Ihr, Prinz, und kommt hieher!Was häuft Ihr neue Schuld zu Euren alten?

Der Prinz von Homburg (dringend).Weißt du, was mir geschehn?

Kurfürstin. Ich weiß um alles!Was aber kann ich, Ärmste, für Euch tun?

Der Prinz von Homburg.O meine Mutter, also sprachst du nicht,Wenn dich der Tod umschauerte, wie mich!Du scheinst mit Himmelskräften, rettenden,Du mir, das Fräulein, deine Fraun, begabt,Mir alles rings umher, dem Troßknecht könnt ich,Dem schlechtesten, der deiner Pferde pflegt,Gehängt am Halse flehen: rette mich!Nur ich allein, auf Gottes weiter Erde,Bin hülflos, ein Verlaßner, und kann nichts!

Kurfürstin.Du bist ganz außer dir! Was ist geschehn?

Der Prinz von Homburg.Ach! Auf dem Wege, der mich zu dir führte,Sah ich das Grab, beim Schein der Fackeln, öffnen,Das morgen mein Gebein empfangen soll.Sieh, diese Augen, Tante, die dich anschaun,Will man mit Nacht umschatten, diesen BusenMit mörderischen Kugeln mir durchbohren.Bestellt sind auf dem Markte schon die Fenster,Die auf das öde Schauspiel niedergehn,Und der die Zukunft, auf des Lebens Gipfel,Heut, wie ein Feenreich, noch überschaut,Liegt in zwei engen Brettern duftend morgen,Und ein Gestein sagt dir von ihm: er war!

(Die Prinzessin, welche bisher, auf die Schulter der Hofdame gelehnt, in der Ferne gestanden hat, läßt sich, bei diesen Worten, erschüttert an einen Tisch nieder und weint.)

Kurfürstin.Mein Sohn! Wenns so des Himmels Wille ist,Wirst du mit Mut dich und mit Fassung rüsten!

Der Prinz von Homburg.O Gottes Welt, o Mutter, ist so schön!Laß mich nicht, fleh ich, eh die Stunde schlägt,Zu jenen schwarzen Schatten niedersteigen!Mag er doch sonst, wenn ich gefehlt, mich strafen,Warum die Kugel eben muß es sein?Mag er mich meiner Ämter doch entsetzen,Mit Kassation, wenns das Gesetz so will,Mich aus dem Heer entfernen: Gott des Himmels!Seit ich mein Grab sah, will ich nichts, als leben,Und frage nichts mehr, ob es rühmlich sei!

Kurfürstin.Steh auf, mein Sohn; steh auf! Was sprichst du da?Du bist zu sehr erschüttert. Fasse dich!

Der Prinz von Homburg.Nicht, Tante, ehr als bis du mir gelobt,Mit einem Fußfall, der mein Dasein rette,Flehnd seinem höchsten Angesicht zu nahn!Dir übergab zu Homburg, als sie starb,Die Hedwig mich, und sprach, die Jugendfreundin:Sei ihm die Mutter, wenn ich nicht mehr bin.Du beugtest tief gerührt, am Bette knieend,Auf ihre Hand dich und erwidertest:Er soll mir sein, als hätt ich ihn erzeugt.Nun, jetzt erinnr' ich dich an solch ein Wort!Geh hin, als hättst du mich erzeugt, und sprich:Um Gnade fleh ich, Gnade! Laß ihn frei!Ach, und komm mir zurück und sprich: du bists!

Kurfürstin (weint).Mein teurer Sohn! Es ist bereits geschehn!Doch alles, was ich flehte, war umsonst!

Der Prinz von Homburg.Ich gebe jeden Anspruch auf an Glück.Nataliens, das vergiß nicht, ihm zu melden,Begehr ich gar nicht mehr, in meinem BusenIst alle Zärtlichkeit für sie verlöscht.Frei ist sie, wie das Reh auf Heiden, wieder;Mit Hand und Mund, als wär ich nie gewesen,Verschenken kann sie sich, und wenns Karl Gustav,Der Schweden König, ist, so lob ich sie.Ich will auf meine Güter gehn am Rhein,Da will ich bauen, will ich niederreißen,Daß mir der Schweiß herabtrieft, säen, ernten,Als wärs für Weib und Kind, allein genießen,Und, wenn ich erntete, von neuem säen,Und in den Kreis herum das Leben jagen,Bis es am Abend niedersinkt und stirbt.

Kurfürstin.Wohlan! Kehr jetzt nur heim in dein Gefängnis,Das ist die erste Fordrung meiner Gunst!

Der Prinz von Homburg (steht auf und wendet sich zurPrinzessin).Du armes Mädchen, weinst! Die Sonne leuchtetHeut alle deine Hoffnungen zu Grab!Entschieden hat dein erst Gefühl für mich,Und deine Miene sagt mir, treu wie Gold,Du wirst dich nimmer einem andern weihn.Ja, was erschwing ich, Ärmster, das dich tröste?Geh an den Main, rat ich, ins Stift der Jungfraun,Zu deiner Base Thurn, such in den BergenDir einen Knaben, blondgelockt wie ich,Kauf ihn mit Gold und Silber dir, drück ihnAn deine Brust und lehr ihn: Mutter! stammeln,Und wenn er größer ist, so unterweis ihn,Wie man den Sterbenden die Augen schließt.Das ist das ganze Glück, das vor dir liegt!

Natalie (mutig und erhebend, indem sie aufsteht und ihreHand in die seinige legt).Geh, junger Held, in deines Kerkers Haft,Und auf dem Rückweg, schau noch einmal ruhigDas Grab dir an, das dir geöffnet wird!Es ist nichts finstrer und um nichts breiter,Als es dir tausendmal die Schlacht gezeigt!Inzwischen werd ich, in dem Tod dir treu,Ein rettend Wort für dich dem Oheim wagen:Vielleicht gelingt es mir, sein Herz zu rühren,Und dich von allem Kummer zu befrein!

(Pause.)

Der Prinz von Homburg (faltet, in ihrem Anschaun verloren,die Hände).Hättst du zwei Flügel, Jungfrau, an den Schultern,Für einen Engel wahrlich hielt ich dich!—O Gott, hört ich auch recht? Du für mich sprechen?—Wo ruhte denn der Köcher dir der Rede,Bis heute, liebes Kind, daß du willst wagen,Den Herrn in solcher Sache anzugehn?——O Hoffnungslicht, das plötzlich mich erquickt!

Natalie.Gott wird die Pfeile mir, die treffen, reichen!Doch wenn der Kurfürst des Gesetzes SpruchNicht ändern kann, nicht kann: wohlan! so wirst duDich tapfer ihm, der Tapfre, unterwerfen:Und der im Leben tausendmal gesiegt,Er wird auch noch im Tod zu siegen wissen!

Kurfürstin.Hinweg!—Die Zeit verstreicht, die günstig ist!

Der Prinz von Homburg.Nun, alle Heilgen mögen dich beschirmen!Leb wohl! Leb wohl! Und was du auch erringst,Vergönne mir ein Zeichen vom Erfolg!

(Alle ab.)

Vierter Akt

Szene: Zimmer des Kurfürsten.

Erster Auftritt

Der Kurfürst steht mit Papieren an einem, mit Lichtern besetzten Tisch.—Natalie tritt durch die mittlere Tür auf und läßt sich in einiger Entfernung, vor ihm nieder. Pause.

Natalie (knieend).Mein edler Oheim, Friedrich von der Mark!

Der Kurfürst (legt die Papiere weg).Natalie! (Er will sie erheben.)

Natalie. Laß, laß!

Der Kurfürst. Was willst du, Liebe?

Natalie.Zu deiner Füße Staub, wies mir gebührt,Für Vetter Homburg dich um Gnade flehn!Ich will ihn nicht für mich erhalten wissen—Mein Herz begehrt sein und gesteht es dir;Ich will ihn nicht für mich erhalten wissen—Mag er sich welchem Weib er will vermählen;Ich will nur, daß er da sei, lieber Onkel,Für sich, selbständig, frei und unabhängig,Wie eine Blume, die mir wohlgefällt:Dies fleh ich dich, mein höchster Herr und Freund,Und weiß, solch Flehen wirst du mir erhören.

Der Kurfürst (erhebt sie).Mein Töchterchen! Was für ein Wort entfiel dir?—Weißt du, was Vetter Homburg jüngst verbrach?

Natalie.O lieber Onkel!

Der Kurfürst. Nun? Verbrach er nichts?

Natalie.O dieser Fehltritt, blond mit blauen Augen,Den, eh er noch gestammelt hat: ich bitte!Verzeihung schon vom Boden heben sollte:Den wirst du nicht mit Füßen von dir weisen!Den drückst du um die Mutter schon ans Herz,Die ihn gebar, und rufst: komm, weine nicht;Du bist so wert mir, wie die Treue selbst!Wars Eifer nicht, im Augenblick des Treffens,Für deines Namens Ruhm, der ihn verführt,Die Schranke des Gesetzes zu durchbrechen:Und ach! die Schranke jugendlich durchbrochen,Trat er dem Lindwurm männlich nicht aufs Haupt?Erst, weil er siegt', ihn kränzen, dann enthaupten,Das fordert die Geschichte nicht von dir;Das wäre so erhaben, lieber Onkel,Daß man es fast unmenschlich nennen könnte:Und Gott schuf noch nichts Milderes, als dich.

Der Kurfürst.Mein süßes Kind! Sieh! Wär ich ein Tyrann,Dein Wort, das fühl ich lebhaft, hätte mirDas Herz schon in der erznen Brust geschmerzt.Dich aber frag ich selbst: darf ich den SpruchDen das Gericht gefällt, wohl unterdrücken?—Was würde wohl davon die Folge sein?

Natalie.Für wen? Für dich?

Der Kurfürst. Für mich; nein!—Was? Für mich!Kennst du nichts Höhres, Jungfrau, als nur mich?Ist dir ein Heiligtum ganz unbekannt,Das in dem Lager, Vaterland sich nennt?

Natalie.O Herr! Was sorgst du doch? Dies Vaterland!Das wird, um dieser Regung deiner Gnade,Nicht gleich, zerschellt in Trümmern, untergehn.Vielmehr, was du, im Lager auferzogen,Unordnung nennst, die Tat, den Spruch der Richter,In diesem Fall, willkürlich zu zerreißen,Erscheint mir als die schönste Ordnung erst:Das Kriegsgesetz, das weiß ich wohl, soll herrschen,Jedoch die lieblichen Gefühle auch.Das Vaterland, das du uns gründetest,Steht, eine feste Burg, mein edler Ohm:Das wird ganz andre Stürme noch ertragen,Fürwahr, als diesen unberufnen Sieg;Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,Erweitern, unter Enkels Hand, verschönern,Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur WonneDer Freunde, und zum Schrecken aller Feinde:Das braucht nicht dieser Bindung, kalt und öd,Aus eines Freundes Blut, um Onkels Herbst,Den friedlich prächtigen, zu überleben.

Der Kurfürst.Denkt Vetter Homburg auch so?

Natalie. Vetter Homburg?

Der Kurfürst.Meint er, dem Vaterlande gelt es gleich,Ob Willkür drin, ob drin die Satzung herrsche?

Natalie.Ach, dieser Jüngling!

Der Kurfürst. Nun?

Natalie. Ach, lieber Onkel!Hierauf zur Antwort hab ich nichts, als Tränen.

Der Kurfürst (betroffen).Warum, mein Töchterchen? Was ist geschehn?

Natalie (zaudernd).Der denkt jetzt nichts, als nur dies eine: Rettung!Den schaun die Röhren, an der Schützen Schultern,So gräßlich an, daß überrascht und schwindelnd,Ihm jeder Wunsch, als nur zu leben, schweigt:Der könnte, unter Blitz und Donnerschlag,Das ganze Reich der Mark versinken sehn,Daß er nicht fragen würde: was geschieht?—Ach, welch ein Heldenherz hast du geknickt!

(Sie wendet sich und weint.)

Der Kurfürst (im äußersten Erstaunen).Nein, meine teuerste Natalie,Unmöglich, in der Tat?!—Er fleht um Gnade?

Natalie.Ach, hättst du nimmer, nimmer ihn verdammt!

Der Kurfürst.Nein, sag: er fleht um Gnade?—Gott im Himmel,Was ist geschehn, mein liebes Kind? Was weinst du?Du sprachst ihn? Tu mir alles kund! Du sprachst ihn?

Natalie (an seine Brust gelehnt).In den Gemächern eben jetzt der Tante,Wohin, im Mantel, schau, und FederhutEr, unterm Schutz der Dämmrung, kam geschlichen:Verstört und schüchtern, heimlich, ganz unwürdig,Ein unerfreulich, jammernswürdger Anblick!Zu solchem Elend, glaubt ich, sänke keiner,Den die Geschicht als ihren Helden preist.Schau her, ein Weib bin ich, und schaudereDem Wurm zurück, der meiner Ferse naht:Doch so zermalmt, so fassungslos, so ganzUnheldenmütig träfe mich der Tod,In eines scheußlichen Leun Gestalt nicht an!—Ach, was ist Menschengröße, Menschenruhm!

Der Kurfürst (verwirrt).Nun denn, beim Gott des Himmels und der Erde,So fasse Mut, mein Kind; so ist er frei!

Natalie.Wie, mein erlauchter Herr?

Der Kurfürst. Er ist begnadigt!—Ich will sogleich das Nötg' an ihn erlassen.

Natalie.O Liebster! Ist es wirklich wahr?

Der Kurfürst. Du hörst!

Natalie.Ihm soll vergeben sein? Er stirbt jetzt nicht?

Der Kurfürst.Bei meinem Eid! Ich schwörs dir zu! Wo werd ichMich gegen solchen Kriegers Meinung setzen?Die höchste Achtung, wie dir wohl bekannt,Trag ich im Innersten für sein Gefühl:Wenn er den Spruch für ungerecht kann haltenKassier ich die Artikel: er ist frei!—

(Er bringt ihr einen Stuhl.)

Willst du, auf einen Augenblick, dich setzen?

(Er geht an den Tisch, setzt sich und schreibt.)

(Pause.)

Natalie (für sich).Ach, Herz, was klopfst du also an dein Haus?

Der Kurfürst (indem er schreibt).Der Prinz ist drüben noch im Schloß?

Natalie. Vergib!Er ist in seine Haft zurückgekehrt.—

Der Kurfürst (endigt und siegelt; hierauf kehrt er mit demBrief wieder zur Prinzessin zurück).Fürwahr, mein Töchterchen, mein Nichtchen, weinte!Und ich, dem ihre Freude anvertraut,Mußt ihrer holden Augen Himmel trüben!

(Er legt den Arm um ihren Leib.)

Willst du den Brief ihm selber überbringen?

Natalie.Ins Stadthaus! Wie?

Der Kurfürst (drückt ihr den Brief in die Hand).Warum nicht?—He! Heiducken!

(Heiducken treten auf.)

Den Wagen vorgefahren! Die PrinzessinHat ein Geschäft beim Obersten von Homburg!

(Die Heiducken treten wieder ab.)

So kann er, für sein Leben, gleich dir danken.

(Er umarmt sie.)

Mein liebes Kind! Bist du mir wieder gut?

Natalie (nach einer Pause).Was deine Huld, o Herr, so rasch erweckt,Ich weiß es nicht und untersuch es nicht.Das aber, sieh, das fühl ich in der Brust,Unedel meiner spotten wirst du nicht:Der Brief enthalte, was es immer sei,Ich glaube Rettung—und ich danke dir!

(Sie küßt ihm die Hand.)

Der Kurfürst.Gewiß, mein Töchterchen, gewiß! So sicher,Als sie in Vetter Homburgs Wünschen liegt. (Ab.)

Szene: Zimmer der Prinzessin.

Zweiter Auftritt

Prinzessin Natalie tritt auf.—Zwei Hofdamen und derRittmeister, Graf Reuß, folgen.

Natalie (eilfertig).Was bringt Ihr, Graf?—Von meinem Regiment?Ists von Bedeutung? Kann ichs morgen hören?

Graf Reuß (überreicht ihr ein Schreiben).Ein Brief vom Obrist Kottwitz, gnädge Frau!

Natalie.Geschwind! Gebt! Was enthält er?(Sie eröffnet ihn.)

Graf Reuß. Eine Bittschrift,Freimütig, wie Ihr seht, doch ehrfurchtsvoll,An die Durchlaucht des Herrn, zu unsers Führers,Des Prinz von Homburg, Gunsten aufgesetzt.

Natalie (liest)."Supplik, in Unterwerfung eingereicht,Vom Regiment, Prinzessin von Oranien."—

(Pause.)

Die Bittschrift ist von wessen Hand verfaßt?

Graf Reuß.Wie ihrer Züg unsichre Bildung schonErraten läßt, vom Obrist Kottwitz selbst.—Auch steht sein edler Name obenan.

Natalie.Die dreißig Unterschriften, welche folgen—?

Graf Reuß.Der Offiziere Namen, Gnädigste,Wie sie, dem Rang nach, Glied für Glied, sich folgen.

Natalie.Und mir, mir wird die Bittschrift zugefertigt?

Graf Reuß.Mein Fräulein, untertänigst Euch zu fragen,Ob Ihr, als Chef, den ersten Platz, der offen,Mit Eurem Namen gleichfalls füllen wollt.

(Pause.)

Natalie.Der Prinz zwar, hör ich, soll, mein edler Vetter,Vom Herrn aus eignem Trieb, begnadigt werden,Und eines solchen Schritts bedarf es nicht.

Graf Reuß (vergnügt).Wie? Wirklich?

Natalie. Gleichwohl will ich unter einem Blatte,Das, in des Herrn Entscheidung, klug gebraucht,Als ein Gewicht kann in die Waage fallen,Das ihm vielleicht, den Ausschlag einzuleiten,Sogar willkommen ist, mich nicht verweigern—Und, eurem Wunsch gemäß, mit meinem Namen,Hiemit an eure Spitze setz ich mich.

(Sie geht und will schreiben.)

Graf Reuß.Fürwahr, uns lebhaft werdet Ihr verbinden!

(Pause.)

Natalie (wendet sich wieder zu ihm).Ich finde nur mein Regiment, Graf Reuß!Warum vermiß ich Bomsdorf Kürassiere,Und die Dragoner Götz und Anhalt-Pleß?

Graf Reuß.Nicht, wie vielleicht Ihr sorgt, weil ihre HerzenIhm lauer schlügen, als die unsrigen!—Es trifft ungünstig sich für die Supplik,Daß Kottwitz fern in Arnstein kantoniert,Gesondert von den andern Regimentern,Die hier, bei dieser Stadt, im Lager stehn.Dem Blatt fehlt es an Freiheit, leicht und sicher,Die Kraft, nach jeder Richtung zu entfalten.

Natalie.Gleichwohl fällt, dünkt mich, so das Blatt nur leicht?—Seid Ihr gewiß, Herr Graf, wärt Ihr im Ort,Und sprächt die Herrn, die hier versammelt sind,Sie schlössen gleichfalls dem Gesuch sich an?

Graf Reuß.Hier in der Stadt, mein Fräulein?—Kopf für Kopf!Die ganze Reuterei verpfändeteMit ihren Namen sich; bei Gott, ich glaube,Es ließe glücklich eine Subskription,Beim ganzen Heer der Märker, sich eröffnen!

Natalie (nach einer Pause).Warum nicht schickt ihr Offiziere ab,Die das Geschäft im Lager hier betreiben?

Graf Reuß.Vergebt!—Dem weigerte der Obrist sich!—Er wünsche, sprach er, nichts zu tun, das manMit einem übeln Namen taufen könnte.

Natalie.Der wunderliche Herr! Bald kühn, bald zaghaft!—Zum Glück trug mir der Kurfürst, fällt mir ein,Bedrängt von anderen Geschäften, auf,An Kottwitz, dem die Stallung dort zu eng,Zum Marsch hierher die Order zu erlassen!—Ich setze gleich mich nieder es zu tun.

(Sie setzt sich und schreibt.)

Graf Reuß.Beim Himmel, trefflich, Fräulein! Ein Ereignis,Das günstger sich dem Blatt nicht treffen könnte!

Natalie (während sie schreibt).Gebrauchts Herr Graf von Reuß, so gut Ihr könnt.

(Sie schließt, und siegelt, und steht wieder auf.)

Inzwischen bleibt, versteht, dies Schreiben noch,In Eurem Portefeuille; Ihr geht nicht eherDamit nach Arnstein ab, und gebts dem Kottwitz:Bis ich bestimmtem Auftrag Euch erteilt!

(Sie gibt ihm das Schreiben.)

Ein Heiduck (tritt auf).Der Wagen, Fräulein, auf des Herrn Befehl,Steht angeschirrt im Hof und wartet Euer!

Natalie.So fahrt ihn vor! Ich komme gleich herab!

(Pause, in welcher sie gedankenvoll an den Tisch tritt, und ihre Handschuh anzieht.)

Wollt Ihr zum Prinz von Homburg mich, Herr Graf,Den ich zu sprechen willens bin, begleiten?Euch steht ein Platz in meinem Wagen offen.

Graf Reuß.Mein Fräulein, diese Ehre, in der Tat—!(Er bietet ihr den Arm.)

Natalie (zu den Hofdamen).Folgt, meine Freundinnen!—Vielleicht daß ichGleich, dort des Briefes wegen, mich entscheide!

(Alle ab.)

Szene: Gefängnis des Prinzen.

Dritter Auftritt

Der Prinz von Homburg hängt seinen Hut an die Wand, und läßt sich nachlässig auf ein, auf der Erde ausgebreitetes Kissen nieder.

Der Prinz von Homburg.Das Leben nennt der Derwisch eine Reise,Und eine kurze. Freilich! Von zwei SpannenDiesseits der Erde nach zwei Spannen drunter.Ich will auf halbem Weg mich niederlassen!Wer heut sein Haupt noch auf der Schulter trägt,Hängt es schon morgen zitternd auf den Leib,Und übermorgen liegts bei seiner Ferse.Zwar, eine Sonne, sagt man, scheint dort auch,Und über buntre Felder noch, als hier:Ich glaubs; nur schade, daß das Auge modert,Das diese Herrlichkeit erblicken soll.

Vierter Auftritt

Prinzessin Natalie tritt auf, geführt von dem Rittmeister, Graf Reuß. Hofdamen folgen. Ihnen voran tritt ein Läufer mit einer Fackel.—Der Prinz von Homburg.

Läufer.Durchlaucht, Prinzessin von Oranien!

Der Prinz von Homburg (steht auf).Natalie!

Läufer. Hier ist sie selber schon.

Natalie (verbeugt sich gegen den Grafen).Laßt uns auf einen Augenblick allein!

(Graf Reuß und der Läufer ab.)

Der Prinz von Homburg.Mein teures Fräulein!

Natalie. Lieber, guter Vetter!

Der Prinz von Homburg (führt sie vor).Nun sagt, was bringt Ihr? Sprecht! Wie stehts mit mir?

Natalie.Gut. Alles gut. Wie ich vorher Euch sagte,Begnadigt seid Ihr, frei; hier ist ein Brief,Von seiner Hand, der es bekräftiget.

Der Prinz von Homburg.Es ist nicht möglich! Nein! Es ist ein Traum!

Natalie.Lest, lest den Brief! So werdet Ihrs erfahren.

Der Prinz von Homburg (liest)."Mein Prinz von Homburg, als ich Euch gefangen setzte,Um Eures Angriffs, allzufrüh vollbracht,—Da glaubt ich nichts, als meine Pflicht zu tun;Auf Euren eignen Beifall rechnet ich.Meint Ihr, ein Unrecht sei Euch widerfahren,So bitt ich, sagts mir mit zwei Worten—Und gleich den Degen schick ich Euch zurück."

(Natalie erblaßt. Pause. Der Prinz sieht sie fragend an.)

Natalie (mit dem Ausdruck plötzlicher Freude).Nun denn, da stehts! Zwei Worte nur bedarfs—!O lieber süßer Freund! (Sie drückt seine Hand.)

Der Prinz von Homburg.Mein teures Fräulein!

Natalie.O sel'ge Stunde, die mir aufgegangen!Hier, nehmt, hier ist die Feder; nehmt, und schreibt!

Der Prinz von Homburg.Und hier die Unterschrift?

Natalie. Das F; sein Zeichen!O Bork! O freut euch doch!—O seine MildeIst uferlos, ich wußt es, wie die See.—Schafft einen Stuhl nur her, er soll gleich schreiben.

Der Prinz von Homburg.Er sagt, wenn ich der Meinung wäre—?

Natalie (unterbricht ihn). Freilich!Geschwind! Setzt Euch! Ich will es Euch diktieren.

(Sie setzt ihm einen Stuhl hin.)

Der Prinz von Homburg.—Ich will den Brief noch einmal überlesen.

Natalie (reißt ihm den Brief aus der Hand).Wozu?—Saht Ihr die Gruft nicht schon im Münster,Mit offnem Rachen, Euch entgegengähn'n?—Der Augenblick ist dringend. Sitzt und schreibt!

Der Prinz von Homburg (lächelnd).Wahrhaftig, tut Ihr doch, als würde sieMir, wie ein Panther, übern Nacken kommen.

(Er setzt sich, und nimmt eine Feder.)

Natalie (wendet sich und weint).Schreibt, wenn Ihr mich nicht böse machen wollt!

(Der Prinz klingelt einem Bedienten; der Bediente tritt auf.)

Der Prinz von Homburg.Papier und Feder, Wachs und Petschaft mir!

(Der Bediente nachdem er diese Sachen zusammengesucht, geht wieder ab. Der Prinz schreibt.—Pause.)

Der Prinz von Homburg (indem er den Brief, den er angefangen hat, zerreißt und unter den Tisch wirft). Ein dummer Anfang. (Er nimmt ein anderes Blatt.)

Natalie (hebt den Brief auf).Wie? Was sagtet Ihr?Mein Gott, das ist ja gut; das ist vortrefflich!

Der Prinz von Homburg (in den Bart).Pah!—Eines Schuftes Fassung, keines Prinzen.—Ich denk mir eine andre Wendung aus.

(Pause.—Er greift nach des Kurfürsten Brief, den die Prinzessin in der Hand hält.)

Was sagt er eigentlich im Briefe denn?

Natalie (ihn verweigernd).Nichts, gar nichts!

Der Prinz von Homburg.Gebt!

Natalie. Ihr last ihn ja!

Der Prinz von Homburg (erhascht ihn). Wenn gleich!Ich will nur sehn, wie ich mich fassen soll.

(Er entfaltet und überliest ihn.)

Natalie (für sich).O Gott der Welt! Jetzt ists um ihn geschehn!

Der Prinz von Homburg (betroffen).Sieh da! Höchst wunderbar, so wahr ich lebe!—Du übersahst die Stelle wohl?

Natalie. Nein!—Welche?

Der Prinz von Homburg.Mich selber ruft er zur Entscheidung auf!

Natalie.Nun, ja!

Der Prinz von Homburg.Recht wacker, in der Tat, recht würdig!Recht, wie ein großes Herz sich fassen muß!

Natalie.O seine Großmut, Freund, ist ohne Grenzen!—Doch nun tu auch das Deine du, und schreib,Wie ers begehrt; du siehst, es ist der Vorwand,Die äußre Form nur, deren es bedarf:Sobald er die zwei Wort in Händen hat,Flugs ist der ganze Streit vorbei!

Der Prinz von Homburg (legt den Brief weg).Nein, Liebe!Ich will die Sach bis morgen überlegen.

Natalie.Du Unbegreiflicher! Welch eine Wendung?Warum? Weshalb?

Der Prinz von Homburg (erhebt sich leidenschaftlich vom Stuhl).Ich bitte, frag mich nicht!Du hast des Briefes Inhalt nicht erwogen!Daß er mir unrecht tat, wies mir bedingt wird,Das kann ich ihm nicht schreiben; zwingst du mich,Antwort, in dieser Stimmung, ihm zu geben,Bei Gott! so setz ich hin, du tust mir recht!(Er läßt sich mit verschränkten Armen wieder an den Tisch niederund sieht in den Brief.)

Natalie (bleich).Du Rasender! Was für ein Wort sprachst du?

(Sie beugt sich gerührt über ihn.)

Der Prinz von Homburg (drückt ihr die Hand).Laß, einen Augenblick! Mir scheint—

(Er sinnt.)

Natalie. Was sagst du?

Der Prinz von Homburg.Gleich werd ich wissen, wie ich schreiben soll.

Natalie (schmerzvoll).Homburg!

Der Prinz von Homburg (nimmt die Feder).Ich hör! Was gibts?

Natalie. Mein süßer Freund!Die Regung lob ich, die dein Herz ergriff.Das aber schwör ich dir: das RegimentIst kommandiert, das dir Versenktem morgen,Aus Karabinern, überm Grabeshügel,Versöhnt die Totenfeier halten soll.Kannst du dem Rechtsspruch, edel wie du bist,Nicht widerstreben, nicht ihn aufzuheben,Tun, wie ers hier in diesem Brief verlangt:Nun so versichr' ich dich, er faßt sich dirErhaben, wie die Sache Steht, und läßtDen Spruch mitleidsvoll morgen dir vollstrecken!

Der Prinz von Homburg (schreibend).Gleichviel!

Natalie. Gleichviel?

Der Prinz von Homburg. Er handle, wie er darf;Mir ziemts hier zu verfahren, wie ich soll!

Natalie (tritt erschrocken näher).Du Ungeheuerster, ich glaub, du schriebst?

Der Prinz von Homburg (schließt)."Homburg; gegeben, Fehrbellin, am zwölften—";Ich bin schon fertig.—Franz!

(Er kuvertiert und siegelt den Brief.)

Natalie. O Gott im Himmel!

Der Prinz von Homburg (steht auf).Bring diesen Brief aufs Schloß, zu meinem Herrn!

(Der Bediente ab.)

Ich will ihm, der so würdig vor mir steht,Nicht, ein Unwürdger, gegenüber stehn!Schuld ruht, bedeutende, mir auf der Brust,Wie ich es wohl erkenne; kann er mirVergeben nur, wenn ich mit ihm drum streite,So mag ich nichts von seiner Gnade wissen.

Natalie (küßt ihn).Nimm diesen Kuß!—Und bohrten gleich zwölf KugelnDich jetzt in Staub, nicht halten könnt ich mich,Und jauchzt und weint und spräche: du gefällst mir!—Inzwischen, wenn du deinem Herzen folgst,Ists mir erlaubt, dem meinigen zu folgen.—Graf Reuß!

(Der Läufer öffnet die Tür; der Graf tritt auf.)

Graf Reuß. Hier!

Natalie. Auf, mit Eurem Brief,Nach Arnstein hin, zum Obersten von Kottwitz!Das Regiment bricht auf, der Herr befiehlts;Hier, noch vor Mitternacht, erwart ich es!

(Alle ab.)

Fünfter Akt

Szene: Saal im Schloß.

Erster Auftritt

Der Kurfürst kommt halbentkleidet aus dem Nebenkabinett, ihm folgen Graf Truchß, Graf Hohenzollern, und der Rittmeister von der Golz.—Pagen mit Lichtern.

Der Kurfürst.Kottwitz? Mit den Dragonern der Prinzessin?Hier in der Stadt?

Graf Truchß (öffnet das Fenster).Ja, mein erlauchter Herr!Hier steht er vor dem Schlosse aufmarschiert.

Der Kurfürst.Nun?—Wollt ihr mir, ihr Herrn, dies Rätsel lösen?—Wer rief ihn her?

Hohenzollern. Das weiß ich nicht, mein Kurfürst.

Der Kurfürst.Der Standort, den ich ihm bestimmt, heißt Arnstein!Geschwind! Geh einer hin, und bring ihn her!

Golz.Er wird sogleich, o Herr, vor dir erscheinen!

Der Kurfürst.Wo ist er?

Golz. Auf dem Rathaus, wie ich höre,Wo die gesamte Generalität,Die deinem Hause dient, versammelt ist.

Der Kurfürst.Weshalb? Zu welchem Zweck?

Hohenzollern.—Das weiß ich nicht.

Graf Truchß.Erlaubt mein Fürst und Herr, daß wir uns gleichfalls,Auf einen Augenblick, dorthin verfügen?

Der Kurfürst.Wohin? Aufs Rathaus?

Hohenzollern. In der Herrn Versammlung!Wir gaben unser Wort, uns einzufinden.

Der Kurfürst (nach einer kurzen Pause).—Ihr seid entlassen!

Golz. Kommt, ihr werten Herrn!

(Die Offiziere ab.)

Zweiter Auftritt

Der Kurfürst.—Späterhin zwei Bediente.

Der Kurfürst.Seltsam!—Wenn ich der Dei von Tunis wäre,Schlüg ich bei so zweideutgem Vorfall, Lärm.Die seidne Schnur, legt ich auf meinen Tisch;Und vor das Tor, verrammt mit Palisaden,Führt ich Kanonen und Haubitzen auf.Doch weils Hans Kottwitz aus der Priegnitz ist,Der sich mir naht, willkürlich, eigenmächtig,So will ich mich auf märksche Weise fassen:Von den drei Locken, die man silberglänzig,Auf seinem Schädel sieht, faß ich die eine,Und führ ihn still, mit seinen zwölf Schwadronen,Nach Arnstein, in sein Hauptquartier, zurück.Wozu die Stadt aus ihrem Schlafe wecken?

(Nachdem er wieder einen Augenblick ans Fenster getreten, geht er an den Tisch und klingelt; zwei Bediente treten auf.)

Der Kurfürst.Spring doch herab und frag, als wärs für dich,Was es im Stadthaus gibt?

Erster Bedienter. Gleich, mein Gebieter! (Ab.)

Der Kurfürst (zu dem andern).Du aber geh und bring die Kleider mir!

(Der Bediente geht und bringt sie; der Kurfürst kleidet sich an und legt seinen fürstlichen Schmuck an.)

Dritter Auftritt

Feldmarschall Dörfling tritt auf.—Die Vorigen.

Feldmarschall.Rebellion, mein Kurfürst!

Der Kurfürst (noch im Ankleiden beschäftigt).Ruhig, ruhig!—Es ist verhaßt mir, wie dir wohl bekannt,In mein Gemach zu treten, ungemeldet!—Was willst du?

Feldmarschall. Herr, ein Vorfall—du vergibst!Führt von besonderem Gewicht mich her.Der Obrist Kottwitz rückte, unbeordert,Hier in die Stadt; an hundert OffiziereSind auf dem Rittersaal um ihn versammelt;Es geht ein Blatt in ihrem Kreis herum,Bestimmt in deine Rechte einzugreifen.


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