Siebentes Kapitel.
Während sich an dem fürstlichen Hofe ein bedeutsames Drama vorbereitete, dessen Entwicklung nicht bestimmt werden konnte, sah Graf Römer die Tage unter einer eintönigen, jedoch vermehrten Thätigkeit schwinden.
Die Regelung der äußeren Verhältnisse war ihm durch den Tod seines Vaters zugefallen und er unterzog sich derselben mit der an ihm gewöhnten Umsicht und Genauigkeit. Hatte er auch anfangs erwartet, daß diese Angelegenheiten eine rasche Erledigung finden müßten, so war dies dennoch nicht der Fall, und er sah sich zu einem verlängerten Aufenthalt in der Heimath genöthigt.
Ein anderer Umstand übte hierauf noch einen weiteren Einfluß aus.
Wie wir erfahren haben, hegte seine Mutter, die auf der Besitzung lebte, den Wunsch, Römer möchte sich endlich vermählen, und sie dadurch Gelegenheit finden, in seiner Familie ihre Tage zu beschließen. Einige Wochen nach ihres Gemahls Tode hatte sie ihm ihren Wunsch und ihre Hoffnung angedeutet, jedoch zu ihrem Schmerz erkannt, daß sie dem Grafen damit nicht gelegen zu kommen schien. Er war darauf nicht eingegangen und hatte wie gewöhnlich eine Vermählung bestimmt abgelehnt. Dieser Umstand veranlaßte sie, darauf nicht wieder zurück zu kommen und es ihm zu überlassen, ihr seine Entschlüsse freiwillig mitzutheilen. So gütig dies auch war, litt Römer dennoch unter diesen Verhältnissen. Zu wohl erkannte er den Wunsch seiner Mutter, und nicht minder tief fühlte er die Pflicht, ihr denselben zu erfüllen; dennoch vermochte er das nicht. Zu tief war seine Liebe für die Prinzessin, um sie auf ein anderes weibliches Wesen übertragen zu können, ganz abgesehen, daß ein solcher Schritt die ohnehin Unglücklichenur noch tiefer verletzen und dem Untergange zuführen würde.
Von einer Vermählung durfte also nicht die Rede sein; doch eine Frage war es, ob er die Pflicht für die geliebte Mutter nicht über diejenige für die Prinzessin zu stellen hätte, und sein edles Herz bejahte dieselbe nach kurzem Kampf. Und so war er entschlossen, fortan auf seiner Besitzung zu leben und seiner Mutter die letzten Lebenstage durch seine Anwesenheit zu verschönen.
Ging ihm dabei auch die Hoffnung verloren, Sidonie wieder zu sehen und ihr Schicksal durch seinen längeren Besuch zu erleichtern, so ergab er sich dennoch der ihm heiligen Pflichterfüllung, wenngleich mit dem schmerzlichen Bedauern, nicht anders handeln und beide Interessen vereinen zu können.
Dieses Bedauern war um so lebhafter, da ihn sein Herz zu der so heiß Geliebten zog, die ihn, wie er wußte, mit Sehnsucht erwartete und aus seiner Nähe Trost und Muth schöpfte. Wenngleich Aureliens Briefe diesen Umstand nicht berührten, so bedurfte es dessen auch für ihn nicht, um Sidoniens Lage lebhaft mit zu fühlen und sein Verlangen nach ihrem baldigen Wiedersehen zu steigern. Doch verschloß er alle diese Empfindungen tief in seiner Seele und verrieth dieselben weder seiner Mutter, noch seiner Umgebung. Er kam Allen mit Milde und Güte entgegen und war stets bemüht, sie dadurch zu täuschen und den Glauben in ihnen zu befestigen, daß er sich in ihrer Mitte behaglich und befriedigt fühlte.
In der That, er täuschteViele, jedoch nichtAlle. Wer vermöchte auch das Mutterauge in Beurtheilung ihres Kindes zu täuschen! Und so war es auch hier.
Die Gräfin hatte längst erkannt, daß die Liebe ihres Sohnes zu ihr durch eine geheime Sehnsucht getheilt wurde und seine scheinbare Zufriedenheit lediglich die Folge seines edeln Herzens war. Ebenso wußte sie, daß nicht der Ehrgeiz oder die Neigung für ein geräuschvolles Hofleben diese Sehnsucht erzeugten; ihr Sohn huldigte beiden nicht und fühlte sich in dem abgezogenen Leben wohl, das ihm Muße bot, seinen wissenschaftlichen Beschäftigungen nachzugehen. Es konnte also nur die Liebe die Ursache seiner Sehnsucht sein, und sie hielt diese Annahme um so begründeter, da ihr seine große Vorliebe für Sidonie schon seit Jahren bekannt war und überdies sein ganzes Verhalten darauf hindeutete. Hatte er ihr doch schon vor der Prinzessin Vermählung seine Zuneigung für diese verrathen, welche überdies die uns bereits bekannten Umstände und seine späteren Besuche des Hofes durchaus bestätigten. Ihn durch ihre Wünsche und Vorstellungen von dieser unglücklichen Leidenschaft abzuziehen, fruchtete, wie sie leider wiederholt erfahren, nichts, und so sah sie sich genöthigt, seinem Belieben alles Weitere anheim zu geben.
Wie manche im Geheimen geweinte Thräne zeugte von dem tiefen Schmerz, den sie über des so heiß geliebten Sohnes unglückliches Geschick empfand, eines Sohnes, der ihr ganzer Stolz und der Quell innigster Freuden war. Uebertraf er doch ihre anderen Kinder an Stattlichkeitder Gestalt, an Adel des Herzens und Fülle des Geistes, und war so reich mit Allem ausgestattet, um zu beglücken, wie seine Vorzüge ihn selbst zum schönsten Glück des Lebens berechtigten.
Sie kannte und liebte Sidonie, sie wußte, wie sehr dieselbe unter den Verhältnissen litt, und um so schmerzvoller war daher ihr Bedauern, zwei Herzen durch das Schicksal getrennt zu sehen, die für einander geschaffen zu sein schienen und deren Neigung, statt die Quelle des Glücks zu werden, ihnen die schmerzvollen Kämpfe der Entsagung auferlegte. Ihr Kummer darüber wurde überdies noch durch die Besorgniß vermehrt, es könnte diese Liebe ihrem Sohn Unheil bringen. Zwar von der Ueberzeugung erfüllt, daß der Graf wie die Prinzessin viel zu sittlich-edel waren, um sich irgend einer Schwäche hinzugeben, quälte sie dennoch die Furcht, die leider nur zu bekannten Hofintriguen könnten vielleicht früher oder später sich dieses Geheimnisses bemächtigen und in ihrem Sinn zum Schaden der Betheiligten ausbeuten. Diese Sorge lag, wie wir bereits erfahren haben, näher, als die Gräfin ahnte, und jene war es auch, die sie seine Rückkehr in die Heimath mit Freuden begrüßen und wünschen ließ, er möchte die Besuche an dem Hof für immer aufgeben. Darauf zielte auch die Andeutung einer Vermählung hin, und darum war sie unablässig bedacht, ihn an die Heimath trotz der Ablehnung ihres Wunsches zu fesseln. Das sorgende Mutterherz wollte den geliebten Sohn für immer gesichert wissen, und wenn sie auch erkannte, daß er unterdem Fernhalten von der Prinzessin litt, so erschien ihr dieses doch viel zu vortheilhaft für sein Interesse, um es nicht geduldig hinzunehmen.
Römer erachtete es für eine Pflicht gegen Sidonie und sich selbst, Aurelien seinen Entschluß, in der Heimath zu bleiben, und die Gründe dazu ausführlich mitzutheilen und sie zu bitten, die Prinzessin damit bekannt zu machen. Er schloß dabei die Hoffnung nicht aus, daß es ihm trotzdem später wol gestattet sein würde, wenngleich stets nur für kurze Zeit, die Residenz ab und zu zu besuchen, und verhehlte ihr den Schmerz nicht, den dieser Entschluß in ihm hervorrief. Er deutete jedoch auch auf die seiner Mutter schuldende Rücksicht hin und knüpfte daran die Ueberzeugung, daß Sidonie in seinem Fernhalten nicht einen Mangel an Liebe erblicken würde.
Aurelie hatte der Prinzessin seinen Entschluß in der guten Absicht vorläufig noch verschwiegen, sie nur allmälig darauf vorzubereiten, und so hoffte Sidonie von einem Tage zum andern auf Römer’s Rückkehr.
Wie schmerzlich sie seine Nähe in einem Augenblick vermißte, in welchem sie so tief litt, haben wir bereits erfahren, doch bemühte sie sich, ihre Empfindungen zu beherrschen, um den beabsichtigten Schritt mit der erforderlichen Ruhe thun zu können. Ihre Hoffnung, der Fürst oder der Prinz würde ihr durch ein Entgegenkommen den letzteren ersparen, erfüllte sich nicht, und so war sie genöthigt, den Fürsten um eine Audienz bitten zu lassen.
Obwol sie sich darauf vorbereitet hatte, bestieg siedennoch mit Beklommenheit den auf sie harrenden Wagen, der sie nach dem Palais bringen sollte.
Der Fürst kam ihr mit Freundlichkeit entgegen, führte sie nach einem Fauteuil und fragte alsdann, nachdem auch er sich ihr gegenüber niedergelassen hatte:
»Nun, liebste Prinzessin, was verschafft mir die seltene Ehre Ihres Besuchs?«
»Sollte Ihnen die Veranlassung dazu nicht bereits bekannt sein, mein Fürst?« entgegnete Sidonie mit etwas bewegter Stimme.
»In der That, Prinzessin, ich errathe nicht,« bemerkte der Fürst ziemlich unbefangen und blickte sie fragend an.
»Es betrifft die Anwesenheit einer Person bei dem neulichen Carroussel-Reiten, durch welche nicht nur ich, sondern auch der Hof beleidigt worden ist. Ich bin überzeugt, daß Ihnen dieser Vorfall nicht verborgen geblieben ist,« sprach Sidonie mit vermehrter Bewegung.
»Ah so! Jetzt erst verstehe ich Sie,« fiel der Fürst ziemlich gleichmüthig ein und fügte hinzu: »Man hat mir davon erzählt; denn ich selbst habe nichts bemerkt. Ich will nicht fürchten, daß Sie sich dadurch irgendwie haben alteriren lassen.« —
»Wie, mein Fürst?!« fragte Sidonie und schaute ihn mit Befremden an.
»Sie müssen dieser Sache keine Bedeutung beilegen, da sie in der That durchaus unbedeutend ist. Sie stehen zu hoch, um ein solches Mädchen einer Beachtung zu würdigen. So etwas übersieht man gewöhnlich. Wiemir der Prinz gesagt, ist der Besuch ohne seinen Willen und sein Wissen gemacht worden,« bemerkte der Fürst leichthin.
Ueber das Vernommene nicht wenig erstaunt, blickte ihn die Prinzessin einen Augenblick an, alsdann entgegnete sie mit sichtlicher Erregung.
»Es steht mir nicht zu, zu ergründen, in wie weit Sie, mein Fürst, und Ihre Gemahlin davon berührt worden sind, das muß ich Ihrem Belieben anheim geben; ich bin gekommen, um Ihnen zu erkennen zu geben, daß ich mich in meiner Ehre durch diesen Besuch der — Geliebten meines Gemahls tief gekränkt fühle und es mir und meiner Familie schuldig zu sein glaube, mir dafür eine entsprechende Genugthuung von Ihnen zu erbitten.«
»Ja, ich kann die Sache doch nicht mehr ungeschehen machen, meine liebste Prinzessin, und welche Genugthuung läßt sich in einem solchen Fall geben? — Darum lassen Sie diese Angelegenheit fallen und erwägen Sie, daß wir ja gern geneigt sind, auch Ihren Passionen alle Rücksicht zu schenken,« entgegnete der Fürst und schaute sie mit einem zweideutigen Lächeln an.
»Meinen Passionen? Wie soll ich das verstehen, mein Fürst?« fragte Sidonie mit Ueberraschung.
»Ich denke, wir sprechen nicht darüber; denn dergleichen Erörterungen dürften Ihnen nicht eben angenehm sein,« — bemerkte der Fürst leichthin.
»Doch, doch, mein Fürst, und ich bitte darum!« fiel Sidonie in bestimmtem Ton ein.
»Und ich will Ihnen dagegen mit der Frage entgegen kommen, ob die Ernennung des Baron Mühlfels zu Ihrem Kammerherrn Ihnen erwünscht wäre?« entgegnete der Fürst und forschte in ihren Mienen, um, wie es schien, die Wirkung seiner Worte zu beobachten.
»Keineswegs, mein Fürst, ja ich habe sogar triftige Gründe, mir dieses Belieben zu verbitten,« wandte Sidonie ein, durch das Vernommene überrascht.
»Keine Koketterie, liebste Prinzessin! Wir sind unter uns und dürfen uns also nicht geniren. Ich weiß, daß Sie den Baron durch Ihre Gunst beehren,« fiel der Fürst ein.
»Ihre Behauptung setzt mich in Erstaunen! Wer durfte Sie also täuschen?!« fragte die Prinzessin voll Entrüstung.
»Lassen Sie das Spiel, Liebste! Ich versichere Sie, ich weiß um Ihre Liaison mit dem Baron und gestehe Ihnen zugleich zu Ihrer Beruhigung, ich billige dieselbe nicht nur, sondern sehe sie auch aus manchen Gründen gern. Sie werden mich verstehen.«
»Nein, mein Fürst, ich verstehe Sie nicht; aber ich erkenne, daß Sie wie ich das Opfer einer schändlichen Intrigue sind!« rief die Prinzessin, vor Unwillen hoch erröthend und in der ganzen Würde ihrer Unschuld.
Ihr Verhalten verfehlte seine Wirkung auf den Fürsten nicht; er wurde unsicher und blickte sie verlegen an, indem er entgegnete:
»Wie, man sollte es gewagt haben, Sie ohne jeglichen Grund in solcher Weise zu compromittiren?!«
»Sie fragen das noch, mein Fürst? Giebt Ihnen mein Leben hierauf nicht die deutlichste Antwort?«
»Eine bloße Erfindung ist in diesem Fall fast undenkbar. Sie müssen irgend einen Anlaß dazu geboten haben.«
»Ich schwöre Ihnen, mein Fürst, daß dies nicht der Fall ist! Wer beleidigte Sie und mich durch eine so freche Lüge?«
»Der Baron selbst hat sich Ihrer Gunst gerühmt!«
»Allmächtiger Gott!« rief Sidonie in tiefer Bewegung, während Thränen ihren Augen entquollen.
Der Fürst mißdeutete sich ihr Verhalten, indem er darin einen Beweis ihrer Schuld zu finden meinte, so wie er den sich darin aussprechenden Unmuth auch als ein Zeichen der tiefen Verletzung betrachtete, welche der Verrath ihres Günstlings ihr bereitet hatte. Diese Entdeckung kam ihm sehr gelegen und er beeilte sich, sie mit den Worten zu beruhigen:
»Rechnen Sie ihm das nicht zu hoch an, denn ich kann Ihnen zu seiner Entschuldigung sagen, daß er sich nur einem meiner zuverlässigen Leute anvertraute.«
»Wie tief muß ich in Ihrer Achtung stehen, daß Sie seinen Worten Glauben schenken konnten!« rief Sidonie, die sich wieder gesammelt hatte, und fügte hinzu: »Kennen Sie nicht mein Leben? Liegt es nicht offen vor Ihnen? Oder hat Ihnen mein Benehmen jemals Anlaß gegeben, so übel von mir zu denken?!«
»Ihre Trennung von dem Prinzen, — die Verhältnisse« — wandte der Fürst entschuldigend ein.
»Alsodasist es! Weil Ihr Neffe durch seine Ausschweifungen mir das Leben vergiftete, weil sein Beispiel am Hofe als Vorbild dient, weil die Tugend und Reinheit der Gesinnungen hier nur noch ein Schall sind, darum beliebt es Ihnen, mein Fürst, mich dem großen Haufen zuzuzählen und mir Vergehen anzudichten, die, so fern sie auch meinem Charakter liegen, von Ihnen dennoch als selbstverständlich betrachtet werden?! Wie bedaure ich Sie, daß Sie so allen Glauben an Menschenwerth verloren haben! Doch die Pflicht gegen mich selbst gebietet mir, Ihnen mitzutheilen, daß es der Baron gewagt, sich um meine Gunst zu bewerben, und ich mich in Folge dessen veranlaßt sah, ihn fern von mir zu halten. Ich würde mich dieserhalb bereits bei Ihnen beklagt haben, wenn er seine Neigung nicht unter dem Deckmantel der Ergebenheit verborgen hätte. Jetzt aber, nachdem er es trotz alledem wagte, Sie in solcher groben Weise zu täuschen und mich dadurch nicht minder zu beschimpfen, jetzt, mein Fürst, erwarte ich, daß er der gerechten Strafe nicht entgehen wird. Sie sind es sich selbst, Sie sind es mir, der Gemahlin Ihres Neffen, schuldig!«
Mit edler Würde und gesteigerter Wärme hatte Sidonie diese Worte gesprochen, und es schien ihr gelungen zu sein, den Fürsten zu überzeugen. Wir sagen, esschienihr das; denn in der That machte sich trotz alledem der Argwohn in ihm geltend, daß Sidonie vielleicht nur bedacht war, sich, indem sie ihren Günstling, der sie verrathen hatte, opferte, in seinen Augen über den ihr gemachtenVorwurf zu rechtfertigen. Denn leider hegte der Fürst mehr Vertrauen zu Boisière, als zu der Prinzessin, die er überdies mit einer vorgefaßten Meinung beurtheilte, von den eigenen Ansichten über Menschenwerth befangen.
Dennoch übte ihre Vorstellung und ihr Verhalten eine gute Wirkung auf ihn aus, indem er sich durch dieselben zur Anerkennung ihrer Unschuld wenigstens vorläufig gezwungen sah. Eine nähere Untersuchung dieser Angelegenheit sollte ihm eine feste Ueberzeugung verschaffen. In diesem Vornehmen entgegnete er in mildem Ton:
»Ihr Verlangen soll erfüllt werden; ich werde selbst mit dem Baron sprechen. Sie sehen mich tief betrübt, in solcher Weise getäuscht zu sein. Doch, Sie wissen, das ist einmal das Loos aller Fürsten, und Sie dürfen es mir nicht verargen, wenn ich den Worten erprobter Diener Glauben schenkte. Sie sollen Genugthuung erhalten.«
»Ich danke Ihnen, mein gnädiger Fürst, und hoffe mit Bestimmtheit, daß dies auch in Bezug auf den bekannten Vorfall geschehen wird,« entgegnete Sidonie.
»Das ist in der That eine sehr üble Sache, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen darin dienen soll,« wandte der Fürst ein. »Was verlangen Sie?«
»Die Entfernung des Mädchens aus meiner Nähe,« sprach Sidonie bestimmt.
»Das wird den Prinzen aufbringen! — Wie ich höre, hängt er sehr an dem Geschöpf.«
»Ich dächte, mein Fürst, meine Forderung ist im Hinblick auf den erduldeten Schimpf sehr gering?«
»Gewiß, gewiß. Nun, wir wollen sehen. Das Beste wird es jedenfalls sein.«
Es trat ein kurzes Schweigen ein, während dessen der Fürst unmuthig und bedenklich vor sich hin schaute und die Prinzessin dasjenige erwog, was sie dem Fürsten noch zu sagen beabsichtigte. Als sie sich genügend gesammelt glaubte, sprach sie:
»Mein Besuch ist hiermit noch nicht erledigt, mein Fürst, und bezweckt noch eine andere, sehr ernste Angelegenheit, die ich Ihnen vorzutragen wünsche.«
»Haben Sie etwa noch andere Unannehmlichkeiten erfahren?« fragte der Fürst.
»Ich kann dies glücklicher Weise verneinen. Ich bin genöthigt, einen Entschluß auszusprechen, der durch die unheilvollen Verhältnisse, in welchen ich mich befinde, erzeugt worden ist, und der, wie ich glaube, Ihren und des Prinzen Wünschen entgegen kommen wird.«
»Und was belieben Sie, Prinzessin?« fragte der Fürst gespannt.
»Ich bitte Sie, gnädiger Fürst, meiner unglücklichen Lage ein Ende zu machen und meine Ehe zu trennen.«
»Wie, Prinzessin?!« rief der Fürst überrascht.
»Sie werden erkennen, daß mir unter den obwaltenden Umständen keine Wahl bleibt.«
»Bedenken Sie, liebste Prinzessin, die Wichtigkeit eines solchen Schrittes!«
»Ich habe ihn bedacht und bitte Sie, denselben gleichfalls in Erwägung zu ziehen.«
»Nein, nein! Nehmen Sie Ihr Wort zurück! Es kann Alles noch besser werden.«
»Wenn dies auch wirklich der Fall sein sollte, würde es dennoch meinen Entschluß nicht ändern. Des Prinzen Verhalten hat meine Geduld erschöpft,« entgegnete Sidonie voll Würde.
»Ueberlegen Sie nochmals die Angelegenheit, und ich gebe es Ihnen anheim, was Sie alsdann thun. Sie sind die Gemahlin des künftigen Regenten, Sie haben daher Rücksicht auf diesen Umstand zu nehmen,« bemerkte der Fürst.
»Ich glaube das bereits lange genug gethan zu haben, vielleicht schon zu lange für mein Interesse, ohne daß der Prinz sich veranlaßt gesehen, dies anzuerkennen. Seine Mißachtung länger zu ertragen vermag ich nicht, und so wiederhole ich meine Bitte,« entgegnete Sidonie.
»Sei es denn!« fiel der Fürst gereizt ein. »Doch lassen Sie uns nichts übereilen, denn dergleichen will reiflich erwogen sein. Bedenken Sie, welches Aufsehen ein so bedeutsamer und unerhörter Schritt erregen muß, und es thut nicht gut, den Leuten einen Einblick in das Familienleben der Fürsten zu gewähren. Vielleicht können wir dies noch vermeiden. Ich werde mit dem Prinzen sprechen und Ihnen seiner Zeit das Resultat mittheilen. Warten Sie also das Weitere ab. Wollen Sie?«
»Ich will es, mein Fürst,« entgegnete Sidonie nachkurzem Ueberlegen und fügte alsdann hinzu: »Zwar erkenne ich, daß die Verhältnisse allerdings Berücksichtigung verlangen; sollte diese jedoch so weit ausgedehnt werden können, ein ganzes langes unglückliches Leben zu beanspruchen? Ich glaube nicht, mein Fürst; denn auch das Herz hat seine Rechte.«
»Sie dürfen bei Beurtheilung fürstlicher Ehen nicht den gewöhnlichen bürgerlichen Maßstab anlegen, noch dergleichen Ansprüche erheben, und ich wünschte, Sie gelängen zu der Einsicht, daß bei der ersteren mehr die Interessen des Staats als das Herz maßgebend sind,« bemerkte der Fürst.
»Und warum sollten sich beide nicht vereinigen lassen? Sollte dem Fürsten, eben weil er Fürst ist, das Glück des gewöhnlichen Menschen, das Glück der Liebe, versagt sein? Ich kann mich davon nicht überzeugen, und das um so weniger, da der Stand unmöglich die Ansprüche unseres Herzens ändert. Und wenn dem so wäre, so müßte ich die Fürsten beklagen, da sie zu entbehren gezwungen sind, was der einfachste Mensch für den höchsten Schatz des Lebens anerkennt.«
»Diese Ansichten begründen eben ihren beklagenswerthen Irrthum, in welchem Sie sich befinden und durch welchen Sie sich von dem Hofleben geschieden haben. Sie wollen die Macht des Zeitgeistes nicht anerkennen, stellen sich über denselben und stoßen dadurch überall an, wie Sie das bereits erfahren haben müssen. Der Welt zu verrathen, daß man sich besser dünkt als sie, daß manihre Sitten und Gebräuche verachtet, ist unklug und ein großer Fehler, namentlich bei einer Frau, die nicht die Gewalt und den Geist besitzt, die Welt nach ihrem Sinn zu leiten. Fügten Sie sich in den Zeitgeist, so würden Sie behaglicher leben und Ihr gegen mich ausgesprochenes Verlangen würde unterblieben sein.« —
»Ich glaube Ihnen, mein Fürst; indessen scheinen Sie zu übersehen, daß, wenn mir auch die Macht fehlt, die Welt nach meinen Ansichten zu bessern, ich dennoch die Berechtigung besitze, nach den Forderungen meiner sittlichen Natur zu leben und darnach meine Ansprüche an die Menschen zu erheben. Das Gute und Wahre gilt für alle Zeiten und darf dem herrschenden Zeitgeist nicht weichen, wenn der Mensch sich nicht selbst aufgeben will. Warum wollen Sie mir also mein Streben zum Vorwurf machen, da es gute Zwecke in sich trägt? Daß man über mich spöttelt, weil ich jene Dinge verachte, welche die bessere Natur des Menschen verunzieren, weiß ich; ich besitze jedoch so viel Kraft der Ueberzeugung, um mich darüber hinweg zu setzen. Mit den Schlechten schlecht zu werden, zeigt von einem gehaltlosen Charakter, von dem Mangel wirklich sittlicher Grundsätze. Und sollte nicht einst die Zeit kommen, in welcher das Bessere wieder allgemeinere Geltung erhält, und sollten wir diese nicht herbei zu führen bemüht sein? Ist das Leben der Menschen nicht wandelbar wie ihre Neigungen und Wünsche?« —
»Wer möchte daran zweifeln?! Aber wenn man denZeitgeist nicht zu ändern vermag, ist es klug, nicht offen gegen ihn zu verstoßen,« bemerkte der Fürst.
»Und warum sollten Diejenigen, denen die Macht dazu gegeben ist, warum sollten die Fürsten sich eine solche Aufgabe nicht stellen wollen? Warum thun sie es nicht, wenn sie die Nothwendigkeit dazu fühlen? Ihr Beispiel, ihr Verhalten, ja ihr Wunsch schon genügt, auf das Volk zu wirken. Dieses schaut stets nach oben, und wenn es schlecht wird, sind es stets die Folgen eines übeln Beispiels, das sie vor Augen haben. Man ahmt das Schlimme viel leichter nach als das Gute, aber auch dieses, wenn es sich beharrlich zeigt. Und bedingen die Höfe nicht so eigentlich den Zeitgeist? Kennen wir die Einwirkung des französischen Hofes auf die Höfe in Deutschland nicht zur Genüge, und sind seine Gebrechen nicht auf uns nur darum übergegangen, weil sie von unseren Höfen beifällig aufgenommen wurden? Man äfft nicht nur die Trachten, man äfft noch leichter leichtfertige Gebräuche nach, und die Sünde wird keine Sünde mehr, weil sie Mode geworden ist und jedes moralische Bedenken unterdrückt. Ein Verbrechen hört jedoch darum nicht auf, ein solches zu sein, weil sich ein Jeder in der Gesellschaft daran betheiligt. Sie achten und lieben die Menschen wenig, mein Fürst; würde dies nicht sein, so bin ich überzeugt, Sie würden die Ihnen zu Gebote stehende Macht auch zu deren Besserung und Veredlung benutzen.« —
»Chimären, Chimären!« fiel der Fürst mit Ironie ein. »Sie kennen die Menschen nicht, und darum hegen Sie dergleichen Wünsche. Ich sage Ihnen, besäßen Sie meine Kenntniß von der Menschennatur, Sie würden Ihr Ich zum Mittelpunkt des Lebens machen, und damit Basta. Gelingt es selbst dem Schöpfer dieser Menschen nicht, sie zu Engeln zu machen, wie sollte diese Aufgabe einem Menschen zugefallen sein? Hätte die Urkraft es anders haben wollen, so würden Sie sich heute nicht über Diejenigen beklagen, welche dem lieben Gott nicht in das Handwerk pfuschen wollen. Nur die Geister regieren, und ihrer sind wenige; der Haufe besteht aus Sklaven oder Unvernünftigen, und es lohnt wahrlich nicht der Mühe, sie zur Erkenntniß ihrer Niedrigkeit zu leiten; sie würden es Ihnen nicht danken, denn sie würden sich darin unglücklich fühlen. Die Materie, der Stoff, das Sinnliche ist im Leben das Gesuchteste; in ihnen fühlt sich der Haufe wohl; Moral und Geist hinken nach, sobald die Sinne Befriedigung finden; denn die Welt vermag auch ohne Moral zu bestehen, und an diese hat der liebe Gott wahrlich nicht gedacht, als er unsern Planeten in den Weltenraum setzte. Diese Ansichten mögen Ihnen zwar sehr materiell erscheinen, sie sind darum jedoch nicht minder gerechtfertigt, und Sie würden dieselben theilen, besäßen Sie meine Erfahrungen. Ueberlegen Sie sich meine Worte, Prinzessin, vielleicht gelangen Sie alsdann zu anderen Ansichten über das Leben, über sich selbst und Ihre Verhältnisse.Ich sage Ihnen, das Leben ist es nicht werth, die Moral über ein behagliches Dasein zu stellen. Sein Ton verklingt rasch, oft so rasch, ehe man sich darin kaum zurecht gefunden hat, und auch den bedeutendsten Menschen gelingt es kaum, daß dieser Ton noch ein wenig nach ihrem Sterben nachklingt, und geschieht es, so wird sein Widerhall dennoch rasch von dem Getöse des fortrauschenden Lebens aufgesogen. Doch genug dieser Dinge, die Ihnen vielleicht nicht zusagen. Aber sie sind gesprochen und Sie mögen daraus erkennen, daß man zu ganz anderen Ansichten gelangt, wenn man das Leben und die Menschen nicht aus der Vogelperspective betrachtet.«
Er schwieg und schaute durch das Fenster. Sidoniens Auge hing mit Ueberraschung an den erregten Zügen des Fürsten. Noch niemals hatte sich sein Cynismus in solcher Weise zu erkennen gegeben, und sie bebte davor zurück, indem derselbe ihre Seele verletzte.
Sie fühlte sich der Dialektik des Fürsten nicht gewachsen, und so wäre es klug gewesen, seine Worte schweigend hinzunehmen. Sie vermochte dies jedoch nicht; ihr Gefühl trieb sie an, die eigenen Grundsätze zu vertheidigen und dem Fürsten zu erkennen zu geben, wie weit sie entfernt war, seine trostlosen Anschauungen zu theilen, und darum entgegnete sie:
»Sie mögen in vieler Hinsicht Recht haben, mein Fürst; ich darf mir darüber kein Urtheil erlauben. Ein Jeder beurtheilt das Leben von seinem Standpunkt aus, und derjenige der Frauen ist ein anderer als der derMänner, und so will ich Ihnen nicht verhehlen, daß mich Ihre Worte nur noch mehr in der Erkenntniß befestigt haben, daß es in der Menschenbrust ein Gefühl giebt, das ihn über die Trostlosigkeit Ihrer Anschauungen erheben dürfte.« —
»O, ich merke, wo Sie hinaus wollen!« fiel der Fürst ein. »Sie sind eine Frau und wollen darum von Liebe und Tugend sprechen. Ist es nicht so?«
»Ja, mein Fürst,« entgegnete Sidonie ruhig. »Wer diese beiden Elemente im Menschenleben nicht kennt, mag sich leicht mit den Resultaten der Speculation des Verstandes zufrieden geben, doch nicht derjenige, der in ihnen die Schöpfer eines höheren Daseins schätzt und sich durch sie über die Materie des Lebens erhebt.«
»So machen Sie nur rasch den Dreiklang voll und fügen Sie auch den Glauben hinzu, der ja so eigentlich den Frauen angehört und von ihnen ganz besonders protegirt wird. Ich sage absichtlich: Dreiklang, denn meiner Ansicht nach ist die Liebe, wie die Tugend und der Glaube nur ein flüchtiger Ton, der sich nicht fassen läßt und lediglich in der Idee, vielleicht im Temperament, in der Constitution des Menschen beruht, ja vielleicht sogar auch in der Mode, im Zeitgeist. Denn es hat, wie Sie wissen, Tugend-, Liebes- und Glaubenszeiten gegeben, in denen man für diese eine besondere Vorliebe zeigte; ob aus Neigung, Ueberzeugung oder in Folge von Nachahmung und weil es einmal Sitte war, müßte leicht zu entscheiden sein, ganz abgesehen, daß dabei die Schauspielkunstgewiß ganz besonders cultivirt wurde. Sie sehen, daß die von Ihnen gepriesenen Elemente die denselben beigelegte Bedeutung nicht verdienen. Alles Ideale im Leben weicht früher oder später der Materie, und diejenigen, welche dies nicht anerkennen wollen, stempeln sich zu Narren oder Märtyrern.Chacun à son goût!Oder ist es etwa nicht so? Strebt nicht Alles der Materie zu, die sich für den Menschen im Tode gipfelt, was der unverständige Glaube nicht zu ändern vermag? Wenn ich der Bibel eine Wahrheit zugestehe, so ist es diese, daß der Mensch wieder zu Erde werden muß, aus welcher er geschaffen wurde. — Und die Liebe! — Ist sie mehr, als das Mittel sehr realistischer Zwecke? Erwägen Sie, Prinzessin. Ich stelle die Freundschaft als edler über sie, vorausgesetzt, daß die Selbstsucht keinen Theil daran hat. Die Freundschaft entspringt nicht einem Naturgesetz, die Liebe jedoch lediglich aus diesem, und die Natur ist nur belebte Materie. So wären wir mit dem von Ihnen so geschätzten Dreiklang fertig, dessen Harmonie sich vielleicht ganz gut anhört, der uns jedoch betrügt, da er nicht hält, was er verspricht.« —
»Wenn es mir auch gelänge, Ihren Ansichten beizustimmen, so machte sich dennoch die Frage in mir geltend, was aus unserm Leben würde, wenn Sie ihm die wichtigsten Stützen nehmen wollen?« fragte Sidonie und schaute den Fürsten mit Spannung an.
»Es würde nicht anders werden, als es ist, vielleicht ändert sich seine Physiognomie ein wenig; mehraber auch nicht. Das Naturgesetz würde sich alle Zeit erfüllen, und das ist eben das Leben,« fiel der Fürst ein.
Sidonie schüttelte bedenklich das Haupt. Es widerstrebte ihrer sittlichen Natur, dem Fürsten auf einem Gebiet zu folgen, das ihrer innersten Ueberzeugung nach zu einer trostlosen Oede führen mußte. Auch fühlte sie sich nicht befähigt genug, die ausgesprochenen Ansichten zu widerlegen, und so schwieg sie.
Der Fürst bemerkte das und errieth ihre Gedanken; denn er wandte sich sogleich an sie mit der Bemerkung:
»Ich erkenne, daß unsere Unterredung weiter gegangen ist, als ich beabsichtigte. Dergleichen ist nicht für Frauen; ich hätte das bedenken sollen. Um der Wahrheit dreist in’s Antlitz zu schauen, gehört ein stärkerer Geist, als ihn Frauen besitzen. Sie mögen sich durch eine sichere Erkenntniß nicht ihre Illusionen rauben lassen, selbst wenn sie fühlen, daß diese eben nichts Anderes sind. Das ist einmal ihre Natur, und ich berücksichtige das. Doch würde es mich freuen, sollte unsere Unterredung in dem bekannten Interesse für Sie und mich von Vortheil sein und dies durch die Folgezeit begründet werden.« Er reichte ihr die Hand. »Halten Sie mir Ihr Versprechen und überlegen Sie sich reiflich die bewußte Angelegenheit; ich werde Ihr Interesse nach allen Richtungen wahrnehmen, hoffe dagegen auch, daß Sie meinen Wünschen entgegen kommen werden.« —
Es war Sidonien angenehm, daß der Fürst in solcherWeise die ihr wenig behagliche Unterredung endete, die sie weder zur Aenderung ihrer Ansichten bewegen, noch überhaupt ihren Interessen dienen konnte. Mit einem stillen Bedauern über des Fürsten leeres und kaltes Herz und die geringen wahrhaften Freuden, die er genießen durfte, erhob sie sich und bemerkte:
»Ich danke Ihnen, mein gnädiger Fürst, für die mir geschenkte Theilnahme und bin überzeugt, meine Wünsche werden erfüllt werden. Ich beuge mich gern und anerkennend vor dem forschenden Geist, fühle ich mich auch nicht befähigt, ihm zu folgen; doch wenn ich dies auch thue, halte ich dennoch an der Ueberzeugung fest, daß aller Reichthum des Geistes den Werth des Herzens nicht zu ersetzen vermag. Verzeihung, mein Fürst, wenn ich Ihnen dies nicht verhehle; aber ich würde Ihren Geist zu unterschätzen fürchten, wollte ich die Besorgniß hegen, derselbe ertrüge den Widerspruch nicht. Sie haben mir meinen Standpunkt angewiesen; ob ich denselben durch den Widerspruch überschreite, weiß ich nicht, da ich die ihm von Ihnen bestimmte Grenze nicht kenne; that ich dies jedoch, mein Fürst, so gewann ich dadurch vielleicht den Vortheil, Sie auf einen Irrthum in Ihren Voraussetzungen aufmerksam gemacht zu haben.« —
»Oder sagen Sie richtiger, sich als eine Ausnahme von der Regel zu bezeichnen,« fiel der Fürst ein und fügte in höflichem Ton hinzu: »Ich habe Sie längst als eine solche Ausnahme Ihres Geschlechts betrachtet, und der Beweis dafür ist unsere heutige Unterredung, zu welcherich mich unter anderen Verhältnissen vielleicht nicht verstanden haben würde.«
»Ich danke Ihnen für dieses Compliment und hoffe, daraus die besten Hoffnungen für meine Wünsche schöpfen zu dürfen.«
Mit diesen Worten verabschiedete sich die Prinzessin.
Der Fürst schaute ihr mit einem fast ironischen Blick nach. Trotz seiner Versicherung, in ihr eine Ausnahme ihres Geschlechts zu erkennen, war er dennoch von Sidoniens Unfähigkeit, ihn vollkommen zu verstehen, überzeugt. Sie war ein Weib und darum auch in die engen Grenzen ihrer Natur gebannt, aus welcher sie nicht heraus zu treten vermochte. Darum mußten auch seine Bemühungen fruchtlos bleiben.
Diese Voraussetzung verdroß ihn in hohem Grade, mehr jedoch noch die Erkenntniß der ihm gespielten Täuschung, wodurch alle seine so sicheren Hoffnungen zerstört wurden. Denn er glaubte an Sidoniens Schuldlosigkeit nicht zweifeln zu dürfen; ihr festes Benehmen, vor Allem jedoch ihr Entschluß, sich von dem Prinzen zu trennen, dienten ihm als gewichtige Beweise dafür. Zwar hatte er, wie wir wissen, bereits selbst an eine Trennung der Ehe gedacht; des Prinzen Abneigung jedoch, sich wieder zu vermählen, so wie sein Widerwille vor einem solchen Aufsehen erregenden Schritt ließen ihn diesen Gedanken wieder aufgeben. Damit blieb aber auch sein Wunsch unerfüllt und die Erbfolge nicht gesichert, und die stattgefundene Unterredung mit Sidonien ließ ihm keine Hoffnung,mit seinen Arrangements irgend zu reüssiren. Unter solchen Umständen blieb ihm nur noch der letzte Versuch übrig, durch Eingehen auf der Prinzessin gerechte Forderungen wieder ein gutes Verhältniß zwischen ihr und dem Prinzen zu ermöglichen. Ihm war die gute Wirkung seiner Erinnerung der ihr obliegenden Mutterpflichten nicht entgangen, und er schloß daraus, daß Sidonie, sobald der Prinz sich ihr in der entsprechenden Weise näherte, eine Versöhnung mit ihm nicht ablehnen würde.
Von dieser Ueberzeugung erfüllt, gedachte er nach des Prinzen Genesung mit diesem die Angelegenheit eingehend zu besprechen und sein ganzes Ansehen geltend zu machen, um das gewünschte Resultat zu erreichen. Nachdem er in dieser Beziehung seinen Entschluß gefaßt hatte, war er bedacht, sich Gewißheit über die ihm gespielte Täuschung zu verschaffen, und ließ darum sogleich Boisière zu sich rufen, dem er das Erfahrene mittheilte. Dieser war nicht wenig bestürzt, so durchaus Ungeahntes vernehmen zu müssen, und entschuldigte sich mit der Versicherung, lediglich durch Mühlfels’ Mittheilungen zu der Ueberzeugung einer Liaison verleitet worden zu sein.
Der Fürst schüttelte unmuthig das Haupt; doch kannte er den Chevalier zu gut, um nicht zu wissen, daß dieser in einer so wichtigen Angelegenheit nur durch die sichersten Beweise zu dem ihm gemachten Bericht bestimmt werden konnte. So trug also lediglich Mühlfels die Schuld, und er befahl dem Chevalier, ihm denselben sogleich zuzuführen.
Der Baron vernahm mit nicht geringer Bestürzung den Befehl des Fürsten und den Anlaß dazu, und wurde dadurch um so mehr betroffen, da, wie wir erfahren haben, er den Verrath seiner Täuschung einmal für unmöglich gehalten und derselbe überdies jetzt eben so plötzlich als ungeahnt über ihn gekommen war. Derselbe vernichtete zugleich alle seine so angenehmen Hoffnungen und erfüllte ihn mit der Besorgniß, nicht straflos davon zu kommen und obenein den ganzen Schimpf gekränkter Eigenliebe tragen zu müssen.
Trotz alledem verlor er die Fassung nur für wenige Augenblicke; alsdann gewann er dieselbe wieder in so weit, um sich für die Audienz bei dem Fürsten vorzubereiten. Er ließ sich nochmals die dem Chevalier von dem Fürsten gemachten anklagenden Mittheilungen wiederholen, erwog dieselben in allen Einzelnheiten und gelangte dabei zu der Ueberzeugung, sich mit einigem Geschick aus der so gefährlichen Lage ziehen zu können.
Dadurch ermuthigt, erklärte er sich bereit, dem Chevalier zu folgen.
Dieser beschwor ihn, sich und ihn selbst in einer Weise vor dem entrüsteten Fürsten zu entschuldigen, daß dessen Unmuth beschwichtigt wurde und er ihnen Gnade angedeihen ließ. Denn geschah dies nicht, so war seine so ehrenvolle Stellung gefährdet. Mühlfels, dessen Kaltblütigkeit wieder vollkommen zurückgekehrt war, beruhigte ihn mit der Versicherung, daß es ihm voraussichtlich gelingen müßte, den Fürsten von seiner Schuldlosigkeit zuüberzeugen, und dadurch in etwas getröstet, führte ihn der Chevalier zu der Audienz.
Er wurde von dem Fürsten mit Strenge und Kälte empfangen.
»Sie haben sich erlaubt,« sprach dieser, »Boisière und durch ihn auch mich in der unverantwortlichsten Weise zu täuschen. Sie kannten die Wichtigkeit eines solchen Handelns, was haben Sie darauf zu sagen?«
Trotz dieser strengen Anrede verlor Mühlfels die Fassung nicht, sondern entgegnete ruhig:
»Ich vermag, mein gnädiger Fürst, nicht zu beurtheilen, welcher Worte sich der Chevalier bedient hat, um mein Verhältniß zu der Prinzessin Hoheit zu bezeichnen; eben so wenig weiß ich, wie er die ihm von mir anvertrauten Worte zu deuten für gut befunden. Ich habe nicht mehr gesagt, als ich zu verantworten hoffe, mein Fürst.« —
»Sie weichen einer bestimmten Antwort aus. Lassen Sie alle Umschweife und sagen Sie, ob Ihnen die Prinzessin wirkliche Gunstbezeigungen geschenkt hat,« sprach der Fürst hart und befehlend, wobei er den Baron mit scharfen Blicken fixirte. Dieser wurde dadurch ein wenig verlegen, faßte sich jedoch und entgegnete:
»Ich darf darauf unbedingt bejahend antworten.«
»Das heißt?« fiel der Fürst ein.
»Hoheit haben meine Dienste wohlwollend aufgenommen,« entgegnete Mühlfels zögernd.
»Wie soll ich das verstehen? Es ist hier nicht vonDiensten die Rede, sondern von einer Intimität zwischen der Hoheit und Ihnen, deren Sie sich gegen den Chevalier gerühmt haben.«
»Der Chevalier irrte sich, wenn er meiner Mittheilung eine solche Deutung untergelegt hat. Ich habe ihm nur das Wohlwollen bezeichnet, womit mich die Prinzessin beglückt und meine Huldigungen anzunehmen geruhte. Denn ich läugne nicht, mein gnädiger Fürst, daß ich die Prinzessin hoch verehre und mich um Ihre Gunst beworben habe; ich würde jedoch deren Ansehen zu beflecken fürchten, wollte ich die von dem Chevalier mitgetheilten Worte zugeben. Niemals hat mich die Prinzessin durch eine Gunst erfreut, welche ihrer Stellung und der guten Sitte zuwider gewesen wäre.«
»Nun, Boisière, was sagen Sie dazu?« fragte der Fürst und schaute diesen, der bestürzt dastand, fragend an. »Sollte,« fuhr er fort, »etwa Ihr Eifer, mir zu dienen, Sie zu weit geführt haben?«
»Halten zu Gnaden, mein Fürst, die Andeutungen des Barons und selbst sein Wunsch, der Prinzessin statt meiner aufzuwarten, berechtigten mich zu dem abgestatteten Bericht, mehr noch sein Entgegenkommen, als ich ihm früher den Wunsch des gnädigsten Fürsten mittheilte,« entschuldigte sich Boisière.
»Es ist gut, Boisière,« brach der Fürst kurz ab und schritt nachdenkend durch das Gemach. Sein Scharfblick und seine Menschenkenntniß hatten ihn leicht errathen lassen, welcher der eigentliche Urheber der Täuschungwar; überdies kannte er den Charakter des Barons genügend.
Er sah aber auch ein, daß er selbst mehr oder weniger die Veranlassung dieser Täuschung war, indem er den Wunsch betreffs einer Liaison mit der Prinzessin ausgesprochen und so des Barons Eitelkeit geweckt hatte. Dieser Umstand stimmte ihn milder gegen diesen, ohne ihn jedoch zu entschuldigen. Nach einigen Augenblicken wandte er sich an Mühlfels und bemerkte in verweisendem Ton:
»Ob Ihre Eitelkeit Sie hinsichts der Erfolge bei der Prinzessin täuschte, will ich dahin gestellt sein lassen; Sie haben jedoch leichtsinnig gehandelt und nicht bedacht, welche Folgen dergleichen zweideutige Bemerkungen, wie Sie sie gegen Boisière zu machen sich erlaubt, nach sich ziehen können. In solchen Angelegenheiten und mir gegenüber gilt nur die strengste Wahrheit. Das mußten Sie wissen. Sie sind schuld, daß ich mich compromittirt habe. Sie werden sich morgen zu der Garnison nach Bergen begeben und daselbst zum Dienst stellen. Ich hoffe, die dortige Abgeschiedenheit wird Sie zur Erkenntniß Ihres Leichtsinns gelangen lassen und Sie werden sich der Besserung befleißigen.«
»Mein gnädigster Fürst!« fiel Mühlfels, durch diesen strengen und nicht geahnten Urtheilsspruch in der tiefsten Seele getroffen, ein und blickte flehend zu dem Fürsten auf.
»Kein Wort, Baron! Ich weiß, daß ich viel zumilde mit Ihnen verfahre; Sie verdienen eine härtere Strafe und verdanken meine gnädige Rücksicht lediglich Ihrer Stellung zu dem Prinzen und Ihrer Familie,« entgegnete der Fürst in strengem Ton und winkte mit der Hand; Mühlfels entfernte sich schweigend, ohne daß er seine Bitte um Milderung der Strafe zu wiederholen wagte.
Der Fürst befand sich in der übelsten Stimmung. Es war ihm unangenehm, gezwungen zu sein, des Prinzen Günstling von dem Hof zu verweisen; denn er wußte, daß dieser Befehl den Letzteren verletzen würde. Vielleicht wäre er milder gegen Mühlfels gewesen, hätte er nicht die Nothwendigkeit erkannt, Sidonien dadurch die gewünschte Genugthuung zu verschaffen und so seiner Absicht, eine Versöhnung zwischen den Getrennten herbei zu führen, zu dienen.
Ueberdies war er willens, in dieser Angelegenheit mit aller Strenge zu verfahren und den Prinzen dadurch zum Eingehen auf seine Wünsche zu zwingen.
Mit welchen Gefühlen Sidonie nach ihrem Palais zurückkehrte, darf kaum näher bezeichnet werden. Die Unterredung mit dem Fürsten, in welcher sie Mühlfels’ Täuschung kennen gelernt hatte, beugte sie tief; mehr als Alles jedoch war es der schmerzliche Gedanke, der süßen Hoffnung, frei zu werden, wahrscheinlich entsagen zu müssen.
Des Fürsten Vorstellungen und Abneigung, auf eine Trennung ihrer Ehe einzugehen, hatten sie mit der Ueberzeugungerfüllt, daß man ihr kaum zu überwindende Schwierigkeiten entgegen stellen würde, um sie zum Aufgeben ihres Verlangens zu veranlassen. Eben so wenig durfte sie auf die Hilfe und Zustimmung ihres Bruders zu ihrem beabsichtigten Schritt rechnen, sobald sich der Fürst dazu nicht geneigt zeigte, da der Herzog sich stets des Letzteren Willen unterzuordnen für seine Pflicht erachtete.
Aurelie, die sie bei der Rückkehr von dem Fürsten erwartete, wurde durch Sidoniens so ungeahnte Mittheilungen in hohem Grade überrascht; nichts von allem Vernommenen verletzte sie jedoch so tief, als die Voraussetzung des Fürsten von Sidoniens Einverständniß mit Mühlfels, und ihr Schmerz darüber war um so tiefer, da sie nur zu gut wußte, wie sehr ihre Freundin darunter litt.
Und dennoch mußten sie dem Zufall danken, der das Gewebe einer so schimpflichen Intrigue enthüllt und die Prinzessin von der sie bedrohenden Gefahr befreit hatte. Wohin hätte es führen müssen, würde ein so übler Verdacht auf Sidonien geruht haben. —
Eine sehr bedeutungsvolle Frage war es, ob der Fürst nach mit dem Prinzen genommener Rücksprache über Sidoniens Entschluß die Zustimmung des Letzteren erhielt und dadurch etwa veranlaßt wurde, früher oder später auf ihr Verlangen einzugehen. Man war genöthigt, das Weitere abzuwarten; aber es konnte nicht fehlen, daß diese Angelegenheiten in der Folgezeit das Interesse derFreundinnen unablässig in Anspruch nahm, und eben so wenig, daß Sidonie unter denselben sichtlich litt und, des Trostes des Geliebten beraubt, täglich düsterer wurde und sich mehr und mehr von allen Zerstreuungen zurückzog. —
Die Urheberin dieser so bedauerlichen Ereignisse ahnte von dem durch ihren Besuch des Schauspiels angerichteten Unheil nicht das Geringste und würde darüber auch nichts erfahren haben, wäre dem Prinzen nicht durch Boisière ihr Ungehorsam und dessen Folgen verrathen worden.
Der Prinz, im höchsten Grade unangenehm überrascht, ließ den Fürsten durch dessen Abgesandten vorläufig mit seiner gänzlichen Unkenntniß dieser Angelegenheit bekannt machen und zugleich bitten, ihm, sobald er sich wohl genug fühlte, eine Unterredung zu gestatten, um sich bei ihm noch persönlich entschuldigen zu können.
Dies wurde ihm von dem Fürsten gern bewilligt, da, wie wir wissen, dieser einen ähnlichen Wunsch hegte.
Es verstand sich von selbst, daß der Prinz bei Marianens nächstem Besuch ihr seinen Unwillen über ihr leichtsinniges und ungehorsames Benehmen zu erkennen gab und sie zugleich mit den daraus entstandenen übeln Folgen bekannt machte.
»Nun, was ist dabei?« fragte sie unbefangen, nachdem der Prinz seine Vorwürfe ausgesprochen hatte, und bemerkte alsdann in schnippischem Ton: »Wäre ich eine von den vornehmen Damen, die ich im Schauspiel gesehen habe, so würde man mich gern geduldet und meinen Besuchnicht unstatthaft gefunden haben; jetzt aber, da ich nur ein ganz gewöhnliches Waldfräulein bin, spotten sie über mich und wollen mich unter sich nicht dulden, und doch weiß ich, daß mich eine Jede von ihnen um Deine Gunst beneidet, mein schöner Prinz. Warum machst Du mich nicht zu einer solchen vornehmen Dame, damit ich mich überall zeigen kann? Du bist doch ein Prinz und wirst bald Landesherr sein; hast Du denn nicht so viel Macht, mich zu einer Gräfin oder wenigstens Baronin zu machen?«
»Sei nicht thöricht und zufrieden mit dem, was Du hast!« fiel der Prinz unmuthig ein und fügte verweisend hinzu: »Dein Leichtsinn und Ungehorsam wird Alles verderben und bringt mich in fatale Ungelegenheiten. Noch weiß ich nicht, wie ich den Fürsten und meine Gemahlin beruhigen werde, und fürchte, Deine Keckheit wird nicht ungestraft hingenommen werden. Das Uebelste dabei ist jedoch, daß Deine Unvorsichtigkeit das Geheimniß meines Umganges mit Dir zerstört und mich dadurch des Vergnügens beraubt hat, das mir dasselbe gewährte!«
»Wäre das nicht auch ohne mein Thun früher oder später geschehen?« fragte sie, mit einem in ihrer Hand befindlichen Stöckchen tändelnd, und schaute den Prinzen treuherzig an. »Glaubst Du denn, mein schöner Prinz,« fuhr sie fort, »daß man von Deinen Besuchen bei mir nichts weiß? Da würdest Du Dich schön irren! Ich denke, die ganze Welt weiß schon darum. Du solltest also nicht böse sein und Dich vielmehr herzlich freuen, daßmich die Leute gesehen haben; denn nun haben sie mich doch von Angesicht schauen und sich mit ihren eigenen Augen überzeugen können, daß die Mariane wol hübsch genug ist, um Dir zu gefallen. Du hättest nur sehen sollen, mein Prinz, wie sie mich begafften, als ob ich ein Wunderthier wäre. O, wie hat mich das belustigt und wie bin ich bemüht gewesen, die vornehme Dame zu spielen und meinem Prinzen Ehre zu machen. Auch die blasse junge Dame in der großen Loge, die sie Deine Frau nannten, hat mich mit ihren sanften Augen angeschaut; ach, sie war die Schönste von Allen und hat mir am besten gefallen.«
»Schweig mir damit!« herrschte der Prinz. »Du bist eine Närrin, und ich erkenne, daß mir Dein Leichtsinn nur üble Streiche spielen wird. Meine zu große Nachsicht hat Dich verwöhnt und ich bin vor ähnlichen Thorheiten nicht sicher!«
»O glaub’ das nicht, mein Prinz! Du weißt, ich thue gern Deinen Willen. Sei nur nicht böse! Sieh, ich bin ein unerfahrenes, dummes Waldkind, dem darfst Du so etwas nicht übel nehmen. Jetzt bin ich schon klüger geworden, und ich schwöre Dir, ich werde Deine Befehle stets befolgen.«
Sie hätschelte ihn dabei und wußte ihre Rolle so gut zu spielen, daß der Prinz unter anderen Umständen sich jedenfalls hätte versöhnen lassen; dieses Mal gelang ihr das jedoch nicht. Denn durch Boisière über Sidoniens Forderungen unterrichtet, sah er irgend eine folgenreicheMaßnahme von Seiten des Fürsten voraus, die nicht mehr ausbleiben konnte, und das verstimmte ihn in hohem Grade und machte sein Herz ihren Schmeicheleien unzugänglich. Ueberdies erkannte er die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen, sie zur Einsicht der Bedeutsamkeit der besprochenen Verhältnisse zu leiten. Ihre Befangenheit in dergleichen Dingen war zu groß. Darum entgegnete er in strengem Ton:
»Lass’ Deine Zärtlichkeiten und erwarte mich morgen! Ich werde eine Unterredung mit dem Fürsten haben und bin auf Schlimmes gefaßt. Du sollst es erfahren und wirst dann erkennen, wie schwer sich Dein Ungehorsam bestraft!«
Mit diesen Worten verabschiedete er sie zugleich. Mariane schaute ihn überrascht und fragend an. In solcher Weise hatte der Prinz noch niemals mit ihr gesprochen, und dieser Umstand erfüllte sie mit der Vermuthung, daß ihr Besuch doch wol etwas Schlimmes angerichtet haben mußte. Sie ließ den Kopf hängen, blickte traurig vor sich hin und bemerkte schmollend:
»Prinz, Du gehst sehr hart mit mir um und hast mich gewiß nicht mehr lieb. — Vergieb mir!«
»Wir wollen sehen, was der Fürst bestimmt. Jetzt geh’ nur, denn ich möchte ruhen. Morgen erfährst Du das Weitere,« sprach der Prinz, dessen Unmuth sie nicht zu beschwichtigen vermochte.
Mariane kannte das, setzte ihr Hütchen auf, blickteden Prinzen noch einmal traurig an, und als er ihr nicht wie sonst die Arme öffnete, schied sie still von ihm.
Ihr war ganz wunderlich zu Muthe. Sie hatte zum ersten Mal erfahren, daß der Prinz auch rauh und lieblos sein konnte.
Sie mußte also wol einen großen Fehler mit ihrem Besuch gemacht haben. Sie vermochte denselben freilich noch immer nicht einzusehen; denn am Ende war ihrer Ansicht nach doch nur der Prinz selbst an Allem schuld. Warum machte er sie nicht zu einer vornehmen Dame? Eignete sich ihre Schönheit denn nicht dazu und hatte man sie nicht im Schauspiel für eine solche gehalten? O, sie hatte ganz Recht; wäre sie eine Gräfin oder Baronin gewesen, so würde man ihre Liebschaft mit dem Prinzen ganz natürlich gefunden haben; jetzt hielt man sie für viel zu gering dazu.
Als sie nach Hause zurückgekehrt war und Madame Voisin mit Allem bekannt gemacht und deren Bedauern vernommen hatte, begab sie sich zu ihren Vögeln und Affen, mit denen sie sich häufig und gern zu unterhalten pflegte.
Der Papagei und die Affen begrüßten sie mit freudigem Geschrei, da sie die Herrin sehr gut kannten und manch’ süßen Brocken aus ihrer Hand empfingen, wie dies auch jetzt der Fall war. Sie unterhielt sich während dessen mit ihnen.
»O, ihr wißt nicht, wie böse der Prinz mit mir war!« sprach sie mit einem ernsten Gesicht. »Er hat mich ausgescholten und hieß mich gehen. Das hättet ihr nichtgethan. Wärst Du, mein Joko,« — wandte sie sich an ihren Lieblingsaffen, — »der Prinz, Du würdest mich nicht fortgeschickt und so böse behandelt haben. O Joko, Joko, wie sind die Menschen doch so schlimm und gönnen Einem nicht den Bissen Freude, den man hat! Nun, wenn es damit zu Ende sein sollte, reisen wir wieder nach dem Walde, dort will ich mit euch leben herrlich und in Freuden.«
Joko ließ ein zustimmendes Schnurren vernehmen und schmeichelte sich an ihre Brust.
»Siehst Du, Joko,« fuhr sie fort, »ich bin eigentlich auch nur so eine Art hübscher Affe wie Du, an dem der Prinz Gefallen findet und mit dem er sich die Zeit vertreibt, und mache ich nun einmal einen dummen Sprung, dann wird er gleich böse und die anderen Alle auch, als ob ich Wunder was gethan hätte. Aber pass’ nur auf, Joko, ich werde den Prinzen schon wieder lustig machen, wie Du mich, und er wird mich zur Gräfin erheben, wie sie sagen, und dann können wir Sprünge und Zoten nach Belieben anstellen, dann schadet das nichts; dann ist Alles in der Ordnung, und man wird mich dann nicht verspotten, sondern bewundern und allgemein großen Respect vor mir haben. Das wirst Du Alles hören, wenn er morgen hierher kommt; denn er wird morgen zum Fürsten gehen und von dem will er zu mir kommen. Schreie nicht so, Pepi!« befahl sie dem Papagei, der, neidisch über die dem Affen geschenkte Zärtlichkeit, sich auf der Stange unruhig hin und her bewegte und ein auffallendes Gekrächzeausstieß. »Sei still,« fuhr sie fort, »Du kommst mir wie eine jener vornehmen Damen vor, die eben so neidisch wie Du sind. Zwar haben sie mich nicht mit dem Munde, doch desto mehr mit den scharfen Augen angekrächzt, als ob sie mich am liebsten gebissen hätten. O,« lachte sie hell auf, »sie hätten es schon gethan, wenn sie es nur durften! Aber siehst Du, Pepi, sie durften es nicht! Sie wagten es nicht, da ich der Leibaffe des Prinzen bin, was sie so gern sein möchten.« Und sie belachte ihren Witz, und während sie sich in solcher Weise unterhielt, vergaß sie bald die erfahrene Unannehmlichkeit; ihr froher und leichter Sinn half ihr über alles Grübeln und Trauern schnell fort. Warum sollte sie sich auch grämen? Wußte sie denn nicht, daß sie den Prinzen bald beruhigen und er wieder nach ihrem Willen sein würde? Er mußtedochthun, was sie wünschte, ob er sich auch noch so hart anstellte. Und mit diesen Betrachtungen hatte ihr Kummer sein Ende erreicht. —
Wir kehren nun zu Mühlfels zurück, der nach der Unterredung mit dem Fürsten in der übelsten Stimmung nach Hause zurückgekehrt war und hier überlegte, was ihm zur Abwendung der über ihn verhängten Strafe zu thun übrig blieb.
Daß seine Versetzung nach der kleinen, von allem Verkehr entfernten Garnison Aufsehen erregen und die Leute veranlassen würde, nach der Ursache der erfahrenen Ungnade zu forschen, verstand sich von selbst, und eben so selbstverständlich war es, daß man dieselbe entdeckte. Boisièrewar nicht zuverlässig, überdies hatte er ihn durch die abgegebene Erklärung bei dem Fürsten gereizt und kannte die Hofverhältnisse zu gut, um nicht überzeugt zu sein, der eitle Hofmann würde sich durch vertrauliche Mittheilungen darüber zu rächen bedacht sein.
So konnte ihn nur des Prinzen Fürsprache bei dem Fürsten retten; um sich diese jedoch zu verschaffen, mußte er diesen von der Berechtigung seines Vorhabens gegen den Fürsten überzeugen. Und sein böser Charakter ersann sich dazu ein übles Mittel. Es galt seine Rettung und er bebte vor demselben nicht zurück, unbekümmert um die sich daran knüpfenden verletzenden Folgen für die Prinzessin. Nachdem er sich in solcher Weise genügend vorbereitet hatte, begab er sich zu dem Prinzen. Dieser hatte bereits durch Boisière das Nähere über die Versetzung erfahren und empfing ihn mit einem Vorwurf über seine Unvorsichtigkeit.
»Ich hoffe, Hoheit werden diesen Vorwurf zurücknehmen, wenn ich Ihnen Alles vertraut habe,« entgegnete Mühlfels ruhig und resignirt.
»Was haben Sie mir noch zu sagen?« fragte der Prinz.
»Vielleicht etwas, was Sie nicht erwarteten, mein Prinz,« sprach Mühlfels und fügte hinzu: »Vor allen Dingen habe ich es für meine Pflicht gegen Eure Hoheit gehalten, Sie über den Fall aufzuklären und Ihnen die Kenntniß von meiner Schuldlosigkeit zu verschaffen. So empfindlich mich auch die Ungnade des Fürsten getroffen,würde mir doch diejenige meines theuern Prinzen noch vielfach schmerzlicher sein, da ich dieselbe überdies nicht zu verdienen glaube.«
»So reden Sie, reden Sie!« fiel der Prinz ungeduldig ein.
»Der Fürst, mein Prinz, hat mich, ohne Beweise für meine Schuld zu besitzen, lediglich nach seinem Belieben verurtheilt.«
»Boisière hat ihm doch aber mitgetheilt —« wandte der Prinz ein.
»Und der Chevalier sprach die Wahrheit —« fiel Mühlfels mit Nachdruck ein.
»Wie soll ich das verstehen?«
»Sie werden mich verstehen, mein Prinz, wenn ich Ihnen bekenne, daß ich die Prinzessin nicht compromittiren wollte.« —
»Was sagen Sie?« rief der Prinz überrascht aus.
»Mißdeuten Sie meine Worte nicht, mein gnädiger Prinz. Wenn mir die Prinzessin auch ein besonderes Wohlwollen schenkte, das mich zu beglückenden Hoffnungen berechtigte, so trifft sie dennoch nur in sofern ein Vorwurf, indem sie mich dadurch zu demselben verleitete. Ob diese Hoffnungen jemals erfüllt worden wären, wage ich nicht zu bestimmen, obwol ihr Interesse für mich eine solche Annahme nicht gerade abweist.«
»Und dem ist wirklich so?« fragte der Prinz erregt und blickte Mühlfels an.
»Ich schwöre es, mein Prinz!«»Warum verschwiegen Sie das dem Fürsten?« —
»Weil, wie ich schon früher bemerkte, ich es für meine Pflicht erachtete, die Prinzessin nicht bloszustellen.« —
»Sie thaten nicht recht daran, und ich gestehe Ihnen, es würde mich gerade in diesem Augenblick gefreut haben, hätten Sie dem Fürsten die Schwäche der Prinzessin enthüllt, die er noch immer für tugendhaft hält. Doch, er soll das von mir erfahren; ich spreche ihn morgen und will ihm Ihr Bekenntniß mittheilen. Wagte Sidonie sich über Mariane zu beschweren, so bietet mir dies ein erwünschtes Mittel, sie in dem rechten Licht zu zeigen. Ich sage Ihnen, Ihre Mittheilung kommt mir sehr gelegen.« —
»Und wollen Hoheit so gnädig sein, mir zu verzeihen, wenn ich das Entgegenkommen der Prinzessin annahm?« fragte Mühlfels demüthig.
»Ach, lassen Sie die Bagatelle!« fiel der Prinz geringschätzig ein. »Ich würde die Prinzessin in keiner Weise in ihren Passionen belästigt haben, hätte sie mich nicht durch die Anklage beim Fürsten heraus gefordert. Ich will doch sehen, wer mehr bei dem Fürsten gilt,sieoderich. Die Tugend an sich ist lächerlich; die geheuchelte jedoch mehr als das. Sie sollen nicht fort, Mühlfels; Sie sollen und müssen bleiben; denn ich bedarf Ihrer gerade jetzt am nöthigsten. Die Prinzessin soll sich in ihren Erwartungen arg getäuscht sehen. Wie konnte sie es wagen, unter solchen Umständen meinenFreund anzuklagen und mich seiner zu berauben, lediglich um sich den guten Schein zu retten. Ich merke, sie hat dabei auf Ihre Gutmüthigkeit gerechnet; es soll ihr jedoch nichts helfen. Ihre gute Absicht muß von dem Fürsten anerkannt werden; ich werde dafür sorgen. Im Uebrigen, Mühlfels, bleiben wir die alten Freunde. — Ich hoffe, auch die Angelegenheit mit Marianen wird sich nach Wunsch erledigen lassen. Ich habe keine Lust, der Prinzessin zu weichen; ich ahne, was sie verlangt; aber wahrlich, Sie soll ihren Willen nicht haben!«
In solcher Weise sprach der Prinz, und wir erkennen daraus, wie leicht seine Abneigung gegen die Prinzessin ihn verleitete, den Einflüsterungen seines Günstlings Gehör zu schenken. Ueberdies kam ihm, wie wir erfahren haben, Mühlfels’ Geständniß sehr gelegen, da er dasselbe in seinem eigenen Interesse benutzen konnte. Ob dasselbe begründet war, ob ihn der Baron absichtlich täuschte, wie es der Fall war, um der Ungnade des Fürsten zu entgehen, fiel ihm nicht ein zu untersuchen. Eben so wenig sah er sich veranlaßt, zu überlegen, daß bei dem fleckenlosen Charakter der Prinzessin die Aussage des Barons wenig Glauben verdiente. An sittliche Tugend glaubte er nicht, jedoch an die Schwäche und Sittenlosigkeit der Frauen, und dieser Glaube behielt auch in diesem Fall um so mehr die Oberhand, da er die Prinzessin schuldig wissenwollte.
Mühlfels mußte ihm den Abend über Gesellschaft leisten, und er fand dabei hinreichende Gelegenheit, diebekannten Angelegenheiten vielfach zu besprechen und sich durch seinen Günstling in seinen Vorsätzen noch mehr befestigen zu lassen.
Mit den besten Hoffnungen erfüllt, schied der Baron von ihm, in hohem Grade beglückt, daß sein kühnes Mittel so gute Wirkungen ausgeübt hatte. Er freute sich, auf den glücklichen Gedanken gerathen zu sein, sich als das Opfer zu bezeichnen, das er der Ehre der Prinzessin gebracht hatte. Die sowol von dem Prinzen als dem Fürsten gehegten Vorurtheile kamen ihm dabei sehr zu statten, denn sie ließen ihn hoffen, daß man seinen Worten Glauben schenken würde. Und den Prinzen zu überzeugen, war ihm bereits gelungen. Ueberdies hatte er dem Fürsten ähnliche Andeutungen gemacht und ebenso gegen Boisière nichts Bestimmtes ausgesprochen; wenn er nun die Kühnheit besaß, dem Gemahl der Prinzessin selbst deren Schwächen und seine dadurch erregten Hoffnungen zu gestehen, so lag in diesem bedeutsamen Umstande ein gewichtiger Beweis für seine Schuldlosigkeit, indem zugleich alle Schuld auf Sidonie zurück fiel. Gelang ihm das Letztere, so war er auch von der Zurücknahme des fürstlichen Befehls überzeugt.
Wie gewöhnlich vertraute er seine Besorgnisse und Hoffnungen seiner Mutter an, die nicht wenig überrascht war, den lieben Sohn in einer so übeln Lage zu wissen. Sie stimmte jedoch seinen Voraussetzungen bei und tröstete sich mit ihm in der Gewißheit von dem großen Einfluß des Prinzen auf den Fürsten.
Sie sollten bald erfahren, wie sehr sie sich in dieser Beziehung täuschten.
Der Prinz begab sich an dem nächsten Tage zu dem Fürsten, um die bekannten Angelegenheiten zu besprechen, und unterließ nicht, das Interesse seines Günstlings mit aller Wärme zu vertreten.
Mit großer Aufmerksamkeit hörte ihn der Fürst an und schritt, nachdem der Prinz seine Mittheilung geendet hatte, einigemal schweigend und gedankenvoll durch das Gemach.
»Und Du glaubst den Worten des Barons?« fragte er, indem er vor dem Prinzen stehen blieb und ihn fragend anschaute.
»Ich habe keinen Grund zum Gegentheil, und kenne den Baron überdies zu genau, um an der Wahrheit seiner Mittheilung zu zweifeln.« —
»Du hegst eine natürliche Vorliebe für ihn, da er Dein besonderes Vertrauen besitzt; diese Vorliebe täuscht Dich jedoch dieses Mal und Du übersiehst, daß die Prinzessin, fühlte sie sich schuldig, anders gehandelt haben würde. Ich sage Dir, ein solch’ stolzes, freies Wesen, wie sie, zeigt keine Schuldige, und der Baron hat das Aeußerste gewagt, um sich von der Strafe zu befreien. Ich kenne die Menschen genügend, um nicht zu wissen, daß ein Mann, wie der Baron, in einem Fall, in welchem seine Ehre auf dem Spiel steht, sich nicht in solcher Weise opfert. Das ist lediglich ein Kunstgriff von ihm, der ihm jedoch nichts helfen soll. Ihn verleitete seineEitelkeit zu der Täuschung; ich bin davon durchaus überzeugt. Er wollte sich mir gefällig zeigen, um Nutzen daraus zu schöpfen. Ich gebe zu, daß ihm die Prinzessin ein gewisses Wohlwollen schenkte; das ist jedoch nichts Besonderes. Sollte er darin eine Berechtigung zu so bedeutsamen Hoffnungen gefunden haben, so ist das seine Schuld, und darum muß er büßen. Ich wie Du sind es der Prinzessin schuldig, und so soll die Sache ihren Gang haben.« —
Der Prinz wurde durch diesen festen Bescheid seines Oheims in hohem Grade verstimmt und bemühte sich auf das äußerste, den Baron von der Strafe zu befreien; indessen vergebens. Der Fürst beharrte auf seinem Entschluß und schnitt seine weiteren Bemühungen mit dem Bemerken ab, daß eine viel wichtigere Veranlassung ihn bestimmt habe, den Prinzen zu sich bitten zu lassen, und er daher des Barons Sache als abgethan betrachte. Alsdann fragte er ihn, durch welche Umstände Mariane veranlaßt worden sei, sich in das Schauspiel zu drängen.
Der Prinz fand es für gut, dem Fürsten das Nähere darüber zu verschweigen, indem er seinen Liebling durch die demselben beiwohnende Unerfahrenheit zu entschuldigen bedacht war und zugleich die Versicherung aussprach, nicht die geringste Kenntniß von dem Besuch gehabt zu haben.
Auch jetzt hörte ihn der Fürst ruhig und aufmerksam an und entgegnete alsdann mit Strenge:
»Nicht dasMädchen, sondernSietrifft die Schuld, wenn so etwas geschehen konnte; daß es geschah, ist einZeichen, wie wenig Respect das Mädchen für Sie hat. So weit durften Sie es jedoch nicht kommen lassen. Wir haben Ihre Liaisons, sobald sich dieselben in den erforderlichen Grenzen hielten, schweigend geduldet; wir finden uns jedoch nach dem Erfahrenen veranlaßt, Sie dem Einfluß dieses jedenfalls sehr listigen Mädchens zu entziehen, vor Allem jedoch der Prinzessin für die erfahrene Scene dadurch eine Genugthuung zu verschaffen; und so befehlen wir Ihnen, das Mädchen sofort zum Verlassen der Stadt zu veranlassen. Ich weiß, daß die Prinzessin nichts Geringeres erwartet, und eine solche Forderung kann nur billig genannt werden. Ueberdies bin ich das auch mir und dem Hofe schuldig. Sie werden sich also mit dem Mädchen arrangiren. Uebrigens dürfte diese niedrige Person zu einer Liaison mit einem Prinzen sehr wenig geeignet sein; Sie tragen daher selbst die Schuld, wenn man darüber spottet und Ihren guten Geschmack in Zweifel zieht. Des Mädchens freches Eindringen in die gute Gesellschaft hat nun den schlagendsten Beweis geliefert, daß der Spott nur gerecht war, und so werden Sie wissen, was Sie zu thun haben.« —
Der Fürst schwieg und trat an das Fenster, durch welches er auf den Garten blickte.
Bebend vor zorniger Erregung, die des Oheims Strenge und Beschluß in ihm erzeugt hatte, und zu einer Erwiderung unfähig, stand der Prinz da. Schon durch die verweigerte Gnade hinsichts des Barons erbittert, steigerte die Bestimmung über Mariane seinen Zorn inhohem Grade. Derselbe drohte ihn zu übermannen und er beherrschte ihn nur mühsam.
»Und ist das Ihr unumstößlicher Beschluß?!« preßte er endlich hervor.
»Er ist es,« fiel der Fürst ruhig ein und fügte dann mit Nachdruck hinzu: »Ich denke, Prinz, Sie sind sich das selbst schuldig, wenn Sie nicht der Lächerlichkeit verfallen sollen.«
»Wer wagte das zu behaupten?!« fuhr der Prinz auf.
»Ich, IhrFürst!« fiel dieser in gebietendem Ton ein.
»Sie können mir den Umgang mit dem Mädchen nicht verwehren!« rief der Prinz in hellem Zorn und mühsam Athem holend.
»Nicht?« fragte der Fürst ironisch und fuhr mit strenger Kälte fort: »Hören Sie, Prinz Albert, was Ihnen Ihr Fürst sagt: ist das Mädchen nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden aus dem Bereich der Stadt, so werde ich es durch Polizeibeamte hinausbringen lassen, und damit Sie nicht etwa aus zu großer Liebe für die Dirne verleitet werden, sie etwa als ihr =Cavalier servante= zu begleiten, werden Sie bis auf Weiteres Ihr Palais nicht verlassen. Und dabei bleibt’s!«
Mit diesen Worten begab sich der Fürst in das Nebengemach und ließ den Neffen in der furchtbarsten Erregung zurück. Sein Auge flammte, und ehe der Fürst noch die Thür schloß, zertrümmerte er den Stuhl, auf den er sich so lange gestützt hatte, mit einem raschen, mächtigenStoß. Alsdann taumelte er aus dem Gemach und warf sich in den auf ihn harrenden Wagen.
Es war tief in der Nacht; dennoch schimmerte in einem der Zimmer der Villa Marianens Licht und verrieth, daß die Bewohner derselben noch nicht die Ruhe gesucht hatten.
Dies war in der That der Fall; denn wenn auch die sämmtliche Dienerschaft daselbst sich der Nachtruhe erfreute, saßen doch Mariane und Madame Voisin beisammen und unterhielten sich in leisem Ton mit einander.
Neben ihnen standen gepackte, offene Reisekoffer.
»Ich sage Ihnen, Fräulein, daß das Alles Ihr Besuch des Schauspiels veranlaßt hat,« wiederholte Madame Voisin zum mehr denn zehnten Mal.
»Sie irren sich. Wie könnte solche Kleinigkeit —« wandte Mariane ein.
»Nun, Sie werden es ja bald erfahren. Ohne einen erheblichen Grund konnte der Prinz nicht auf den Gedanken gerathen, Sie reisen zu lassen. Ich wiederhole, das geschieht nicht mit seinem Willen, sondern es steckt etwas dahinter, Sie werden es erleben. Lesen Sie seinen Brief nur noch einmal durch.«
Mariane ergriff in Folge dieser Aufforderung einen neben ihr auf dem Koffer liegenden Brief, den sie vor wenigen Stunden von dem Prinzen erhalten hatte und worin er ihr anzeigte, daß besondere Umstände ihn nöthigten, sie aus der Stadt für eine kurze Zeit zu entfernen. Sie und Madame Voisin, die sie auf der Reise begleitenwürde, sollten sich dazu vorbereiten, jedoch nur mit den nothwendigsten Sachen versehen. Mariane möge ihn in der Nacht erwarten und würde alsdann alles Weitere von ihm erfahren. Sein Besuch müßte der Dienerschaft durchaus verheimlicht werden und sollten sie ganz besonders darauf bedacht sein.
»Nun, Fräulein, ist Ihnen jetzt die Sache klar?« fragte Madame Voisin.
»Wir sollen eine kleine Reise machen, vielleicht nach meiner Heimath, und das wäre schön; sonst finde ich nichts Besonderes in den Worten,« meinte Mariane ziemlich ruhig.