Viertes Kapitel.
Mühlfels saß einsam und unmuthig in seinem Zimmer, ohne den milden, sonnigen Tag zu beachten, der trotz der winterlichen Zeit hinauslockte. Seine Gedanken waren viel zu trüber Art, um neben ihnen etwa noch Raum für dergleichen Eindrücke zu gestatten.
Sein Unmuth und Grübeln waren nicht nur durch die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen, sich Sidoniens ihm früher geschenkte Gunst wieder erwerben zu können, hervorgerufen, sondern noch mehr durch das niederbeugende Bewußtsein, statt derselben nur noch durch eine kühle Beachtung abgefunden worden zu sein. Er sah sie nur noch in der Gesellschaft bei ihr, oder einer zufälligen Begegnung, ohne jedoch durch vermehrte Freundlichkeit beglückt zu werden.
Ebenso waren seine weiteren Bemühungen, sich Gewißheit über eine etwaige Neigung Sidoniens zu verschaffen, gleichfalls fruchtlos geblieben; denn weder in ihren Gesellschaften noch auf ihren Ausfahrten oder anderenGelegenheiten hatte er in dieser Beziehung irgend etwas Wichtiges entdeckt.
Nicht anders war es seiner Mutter ergangen, und so befand er sich nach Ablauf von mehren Monaten noch eben so rathlos, als bei der früheren Unterredung mit seiner Mutter. Alle diese Umstände hatten sein Herz mit den bittersten Gefühlen erfüllt, und er erwog soeben, ob er an dem heutigen Abend, an welchem wie gewöhnlich bei Sidonien Gesellschaft war, hingehen sollte, oder nicht. Und dennoch sah er sich dazu genöthigt, da der von Sidonien erwartete Künstler angelangt war und sich bei ihr zum ersten Mal hören lassen wollte. Es würde aufgefallen sein, hätte er denselben der Prinzessin nicht persönlich vorgestellt, da er den Mann auf ihren Wunsch zum Besuch des Hofes veranlaßt hatte. Er durfte daher nicht fortbleiben und tröstete sich deshalb in der angenehmen Erwartung, wenigstens durch Sidoniens Dank erfreut zu werden und so Gelegenheit zu finden, sich ihr zu nähern.
Er wurde in seinem Grübeln durch das Glockengeläute eines vorüberfahrenden Schlittens gestört; ihm war dasselbe nicht unbekannt, und rasch erhob er sich und trat an das Fenster.
Er sah sich in seiner Voraussetzung nicht getäuscht; wie schon so oft, fuhr auch heute Sidoniens Equipage vorüber, in welcher die Prinzessin und Aurelie saßen. Sie machten bei der milden Witterung und schönen Eisbahn fast täglich eine Ausfahrt. Wie schön däuchte ihm Sidonie! Die Wangen von der frischen Luft ein weniggeröthet, Augen und Züge angenehm belebt, die schlanke Gestalt von kostbaren Pelzen umhüllt, erschien sie ihm schöner denn je, und sein Unmuth steigerte sich bei dem Gedanken, auf das Glück ihrer Zuneigung verzichten zu müssen, nur noch mehr. Der frohe, behagliche Ausdruck in ihrem Antlitz, der ihm nicht entgangen war, hatte ihn heute ganz besonders überrascht und führte ihn zu der Erwägung der auffälligen Veränderung, die seit kurzer Zeit sowol mit der Person als mit dem Wesen der Prinzessin vorgegangen war. Die frühere kränkliche Blässe ihres Antlitzes und der so lange darin bemerkbare kummervolle Zug waren verschwunden und an ihre Stelle größere Lebensfrische getreten. Eine angenehme Heiterkeit belebte ihre Züge und selbst ein Lächeln umspielte jetzt öfter ihren Mund und wies den früheren Ernst zurück. Mit einem Wort, ihm erschien Sidonie wie neubelebt und eben so sehr verjüngt als verschönt. Solche wesentliche Veränderungen konnten seiner Ansicht nach jedoch nur durch ganz besondere Umstände hervorgerufen werden, namentlich im Hinblick des eigenthümlichen Charakters und der übeln Lebensverhältnisse der Prinzessin.
Denn war es nicht eine auffällige Erscheinung, daß Sidonie, die früher durch des Prinzen Verhalten so sehr gelitten, jetzt, obwol dieser sie über seine neue Liaison gänzlich vernachlässigte, fast gar nicht zu leiden, sondern vielmehr von der besten Stimmung erfüllt zu sein schien. Man durfte das nicht bezweifeln.
Nach weiterem Erwägen gelangte Mühlfels zu derUeberzeugung, daß dieser Widerspruch sich nur durch die Annahme eines geheimen Glücks, das Sidoniens Herz ganz erfüllte und sie alles Unangenehme übersehen ließ, gelöst werden konnte. Und so stimmte er der Ansicht seiner Mutter bei. Trotz dieser so richtigen Schlüsse muß es befremden, daß Mühlfels nicht den geringsten Argwohn hinsichts des Grafen hegte, sondern den Gegenstand von Sidoniens Neigung unter viel ferner stehenden Personen suchte.
Eine Stunde etwa war seit der Vorüberfahrt Sidoniens dahin gegangen, als Mühlfels durch das Eintreten eines einfachen Mannes in seinen Grübeleien gestört wurde. Das erhitzte Gesicht und der lebhafte Blick desselben verriethen die körperliche Anstrengung, der er ausgesetzt gewesen. Dieser Mann war ein ehemaliger Diener des Barons, den Mühlfels mit dem geheimen Auftrag betraut hatte, die Ausfahrten der Prinzessin zu beobachten, da er selbst dies nicht zu thun vermochte.
»Nun, was bringst Du für Nachrichten?« fragte der Baron, durch das unerwartete Erscheinen seines Spions überrascht. »Solltest Du endlich irgend etwas von Belang entdeckt haben?«
»Ich denke, gnädiger Baron,« entgegnete der Diener selbstgefällig und mit den schlauen Augen zwinkernd.
»Es wird wol nichts Besseres sein, als was ich bereits schon oft von Dir gehört habe,« warf der Baron geringschätzig hin, und es muß bemerkt werden, daß sein Diener ihm schon öfter Berichte über seine Bemühungengebracht hatte, ohne daß dieselben für Mühlfels irgend welchen Werth gewannen.
»Das werden Euer Gnaden am besten selbst beurtheilen,« bemerkte der Spion.
»So rede denn!« befahl Mühlfels, und der Letztere theilte ihm darauf mit, daß, nachdem Sidonie das Freie erreicht hatte, ihr ein Reiter auf einem prächtigen Pferde gefolgt wäre.
Sie mußte denselben wahrscheinlich erwartet haben; denn in einem Gehölz angelangt, fuhr sie langsamer, so daß der Reiter bequem zu ihr gelangen konnte. Dieser hatte sie begrüßt und alsdann eine Strecke begleitet, während dessen sie sich unterhielten. An einzelnen Stellen hielt alsdann der Schlitten und sie erfreuten sich an der schönen Aussicht. Unter Begleitung des Reiters sei die Prinzessin später nach der Stadt zurückgekehrt. Der Herr habe sich jedoch, bevor sie die letztere erreichten, nach einem freundlichen Abschied von ihr getrennt und sei auf einem Nebenwege fortgeritten.
Mit gesteigerter Ueberraschung hatte Mühlfels dieser Mittheilung gelauscht, und als der Diener endete, preßte er in großer Bewegung die Frage hervor:
»Und ist Dir der Reiter bekannt?«
»Nein, Euer Gnaden. Wie Sie wissen, kenne ich so ziemlich viele der vornehmen Herren hier; diesen habe ich jedoch noch nie gesehen und es muß wol ein Fremder sein.«
»Und verrieth Dir nicht vielleicht seine Kleidung seinen Stand?«
»Durchaus nicht. Er war in bürgerlicher Tracht, ohne jedes Abzeichen, doch schien mir sein Pelz von feinem Tuch und sein Pferd nicht gewöhnlicher Art.«
»Ihm folgte kein Diener?«
»Er war allein.«
»Er begleitete die Prinzessin also nicht nach der Stadt?«
»So war es.«
Mühlfels hatte sich erhoben und ging nachdenkend und bewegt durch das Zimmer. Es war nach langem fruchtlosen Forschen und Spähen die erste wichtige Nachricht, die seine Vermuthung zu bestätigen schien, derselben wenigstens einen Anhalt gewährte.
Wie reich hätte er den Diener belohnt, würde dieser den Reiter erkannt haben.
Daß in diesem Fall ein Einverständniß zwischen diesem und der Prinzessin stattfand, glaubte er nicht bezweifeln zu dürfen, und es kam jetzt vor allen Dingen darauf an, die Beobachtungen auf das sorgsamste fortzusetzen, um bei einer etwa wiederholten Zusammenkunft der Bezeichneten Gewißheit über den Reiter zu erhalten. Um diesen Zweck jedoch zu erreichen, blieb nichts Anderes übrig, als dem Letztern bis zu seiner Wohnung zu folgen; gelang dies dem Diener, so war Mühlfels auch des gewünschten Erfolges gewiß. Er unterwies diesen daher über seine künftige Thätigkeit und entließ ihn alsdann.
Die verschiedensten Gefühle bestürmten ihn bei dem Gedanken, sich in seiner Voraussetzung hinsichts Sidoniens wirklich nicht getäuscht zu haben. Unter anderen Umständen würde er der durchaus nicht ungewöhnlichen Begegnung mit dem Reiter wol kaum irgend welche Bedeutung beigelegt haben; jetzt jedoch, den Qualen gekränkter Eigenliebe, unerwiderter Zuneigung und der Besorgniß preisgegeben, sich vor dem Fürsten bloßgestellt zu haben, griff er gleich dem vom Tode Bedrohten nach dem Geringsten, das ihm Hilfe und Rettung verschaffen konnte. Er that dies zugleich in der beruhigenden Gewißheit, durch seine Maßnahmen seinen Zweck sicher zu erreichen.
Er erachtete die gemachte Entdeckung für zu wichtig, um sie nicht sogleich seiner Mutter mitzutheilen, und begab sich daher zu ihr.
Die Baronin lächelte geringschätzig über seinen Bericht, indem sie entgegnete:
»Deine Eifersucht läßt Dich übersehen, wie wenig auf dergleichen zu geben ist. Glaubst Du, Sidoniens Verehrer würde so unklug sein, ihr in solcher offenen Weise zu begegnen? Das thut man bei einer wirklichen Liaison nicht, und um so weniger, wenn sich bequemere und sicherere Gelegenheiten dazu darbieten. Warum sollte, was Du als vorbedacht hältst, nicht die Folge eines ganz gewöhnlichen Zufalls sein, und ein Bekannter der Prinzessin an einem Ritt in’s Freie nicht Gefallen gefunden und dadurch dieses Zusammentreffen herbeigeführt haben? Wie bedaure ich, daß Dein Diener den Reiter nicht erkannthat; er würde wahrscheinlich einen Officier oder den Stallmeister des Fürsten entdeckt haben. Die einfache Wintertracht hat ihm gewiß einen Streich gespielt, und in dem Fremden hat vielleicht ein guter Bekannter gesteckt. Alles Uebrige ist ohne Bedeutung.«
Mühlfels wurde durch die geringschätzige Aufnahme seines Berichts verstimmt; wir haben erfahren, mit welchem Interesse er sich an denselben klammerte, und so wird uns sein Verdruß natürlich erscheinen, sich des einzigen Mittels zur Erreichung seiner Absicht in solcher Weise beraubt zu sehen. Freilich glaubte er die von seiner Mutter ausgesprochene Vermuthung nicht ganz verwerfen zu dürfen; es galt jedoch, einen Beweis für die Begründung derselben zu erhalten.
Er gab ihr dies zu erkennen, und sie versprach dagegen, ihm denselben hoffentlich in kurzer Zeit zu verschaffen.
In wenig behaglicher Stimmung trennte sich Mühlfels von seiner Mutter; er wußte nur zu wohl, wie vielen Werth ihre Worte verdienten. Blieb sie jedoch mit ihrer Voraussetzung im Recht, so verlor die gemachte Entdeckung auch jede Bedeutung und alle seine bisherigen Bemühungen wären fruchtlos gewesen.
Die Baronin begab sich an dem heutigen Abend zeitiger als gewöhnlich nach dem Palais der Prinzessin. Sie gedachte nämlich noch bei einer ihr befreundeten und daselbst wohnenden ehemaligen Hofdame vor dem Besuch der Gesellschaft bei Sidonien anzusprechen und mitihr ein Weilchen zu plaudern, wie sie das nicht eben selten that.
Diese Hofdame besaß für sie einen ganz besondern Werth. Dieselbe stand in dem Ruf, über alle Vorkommnisse am Hofe und in den adligen Familien, namentlich jedoch in dem Palais der Prinzessin, stets auf das genaueste unterrichtet zu sein, und wurde wegen dieses Vorzugs von Gleichgesinnten sehr verehrt.
Selten gelang ihr die Ergründung irgend eines Geheimnisses nicht, und sie war um so gefährlicher, da sie mit der beharrlichsten Ausdauer und großer Geschicklichkeit ihre Absichten zu verfolgen pflegte.
Die Unterhaltung der beiden Damen war eben so vertraulich als lebhaft, worauf die Hofdame eine Dienerin zu sich kommen ließ, mit welcher sie sich heimlich besprach und sie alsdann entließ.
Nach einiger Zeit erschien die Dienerin wieder und machte ihr allerlei heimliche Mittheilungen; neue Berathungen fanden dann statt; die Dienerin ging und kam, bis die Hofdame endlich ihren Auftrag erfüllt sah. Diese besprach sich darauf wieder mit der Baronin, und ihre Nachrichten mußten wol erwünschter Art sein, denn diese schied von ihrer Freundin in der befriedigtsten Stimmung, um sich zu der Prinzessin zu begeben.
Die Gesellschaft bei der Letzteren war heute zahlreicher als gewöhnlich. Der Wunsch, Vielen den Genuß eines berühmten Künstlers zu verschaffen, der an dem heutigen Abend spielen sollte, hatte Sidonie veranlaßt,außer den gewöhnlichen Gästen noch mehre andere Personen einladen zu lassen.
Mühlfels erschien eine kurze Zeit nach seiner Mutter, die ihn bereits mit Ungeduld erwartete, und kaum hatte er sich ihr genähert, so benutzte sie einen geeigneten Augenblick zu der heimlichen Frage:
»Hast Du etwa erfahren, wer der Reiter gewesen ist?«
Mühlfels verneinte.
»So will ich Dir seinen Namen sagen.« —
»Wie, Sie haben denselben erfahren?« fragte Mühlfels mit Ueberraschung.
Die Baronin bejahte mit einem selbstgefälligen Lächeln.
»Wer ist es?!« fiel Mühlfels erregt ein.
In diesem Augenblick traten zwei Herren in den Salon, die Baronin wandte sich nach ihnen, und kaum hatte sie dieselben erblickt, so entgegnete sie, mit den Blicken auf einen derselben deutend:
»Dieser!« —
»Wie, der Graf?!« fragte Mühlfels.
»Es ist so,« fiel die Baronin ein und fuhr alsdann flüsternd fort: »Und es kann nichts schaden, wenn wir die Beiden heute ein wenig schärfer als bisher beobachten; ich habe meine Gründe dafür.«
Das Eintreten Sidoniens verhinderte eine verlängerte Unterredung; die Baronin trennte sich von ihrem Sohn und ging der Ersteren entgegen. Ihr Wort hatte auf diesen viel tiefer gewirkt, als sie vielleicht erwartete;denn die Eifersucht machte sich in ihm mit ganzer Gewalt geltend. Sein Unmuth steigerte sich noch wesentlich bei Sidoniens Anblick, deren Wesen und Erscheinung ihm heute ganz besonders reizend erschien, indem er zugleich in ihrem erheiterten Auge einen neuen Beweis ihres geheimen Glücks zu sehen glaubte.
Daß diese Heiterkeit lediglich durch die Anwesenheit des Grafen bedingt wurde und keiner andern Ursache entsprungen war, glaubte er mit Gewißheit annehmen zu müssen, obgleich er dazu keine genügenden Gründe besaß. Die Andeutungen seiner Mutter genügten ihm in dieser Beziehung. Die ihn stachelnde Eifersucht veranlaßte ihn daher, dem Wink seiner Mutter zu folgen und Sidonie und Römer fortan mit geschärften Blicken zu beobachten.
Die Prinzessin begrüßte ihre Gäste in der gewöhnten freundlichen Weise und wandte sich alsdann sogleich an ihren Bruder und den Grafen, und es däuchte dem von Eifersucht erfüllten Baron, daß sie den Letzteren mit ganz besonders gütigen Blicken anschaute, wie dies auch in der That der Fall und schon öfter geschehen war, ohne daß Mühlfels dies bisher beobachtet hatte.
Nachdem sich Sidonie noch mit einigen anderen von ihr bevorzugten Personen unterhalten hatte, war der Augenblick genaht, in welchem der Musiker seinen Vortrag halten sollte und die so lange geführte Unterhaltung verstummte.
Die Leistung des Künstlers befriedigte Sidonie sehr,und sie ließ Mühlfels ersuchen, ihr den Ersteren vorzustellen.
Dies geschah, und nachdem sie dem Musiker einige schmeichelhafte Worte gesagt und dieser sich entfernt hatte, sprach sie dem Baron ihren Dank für seine Bemühungen in dieser Beziehung aus und that dies in der ihr eigenthümlichen freundlichen Weise.
Diese Umstände waren sehr geeignet, ihn in seinen Voraussetzungen wieder wankend zu machen, indem dieselben zugleich seine Eigenliebe wach riefen und ihn zu dem Bedenken leiteten, ob er sich nicht über Sidoniens Empfindungen für ihn vielleicht dennoch getäuscht hätte.
Seine Leidenschaft für die Prinzessin hatte sich in der Besorgniß, ein Anderer erfreue sich ihrer Gunst, so sehr gesteigert, daß ihm jede ruhige Ueberlegung mangelte, und er daher von seinen wechselnden Gefühlen vollständig beherrscht wurde und fortwährend zwischen Hoffen und Entsagen schwebte.
Dem Vortrage des Musikers folgte ein kleines Concert von einzelnen Mitgliedern der Hofkapelle, nach dessen Beendigung die gewöhnliche zwanglose Unterhaltung wieder aufgenommen wurde, an welcher sich auch Sidonie lebhaft betheiligte.
Sie hatte einige Damen und Herren, darunter auch den Grafen, um sich versammelt und besprach mit ihnen ein von dem Adel zu veranstaltendes Carrousselreiten, das in nächster Zeit stattfinden sollte und das Interesse, namentlich in den höheren Gesellschaftskreisen, ganz besondersin Anspruch nahm, als sich ein Diener nahte und dem Grafen ein Zeichen gab, daß er ihn zu sprechen wünschte. In der nahe liegenden Voraussetzung, daß nur ein wichtiger Anlaß die Ursache dazu gegeben haben könnte, zögerte der Graf nicht, sich dem Diener zu nähern. Zu seiner Ueberraschung vernahm er, daß soeben ein Bote aus der Heimath des Grafen angelangt sei, der ihn sogleich zu sprechen wünschte, da die Botschaft nicht den geringsten Verzug gestatte.
In der Besorgniß, eine üble Nachricht zu vernehmen, begab sich der Graf sofort zu dem Harrenden, und seine Besorgniß steigerte sich rasch, als er in dem Boten einen Jäger seines Vaters erkannte, dessen Aussehen die Eile und Anstrengung verriethen, mit welcher er den ziemlich weiten Weg bis zu der Residenz zurückgelegt haben mußte.
»Ihr bringt mir keine gute Nachricht!« rief Römer ihm entgegen, und der Diener bejahte mit ernster Miene. »Was ist geschehen?« fragte der Graf rasch.
»Euer Gnaden Vater ist plötzlich erkrankt und wünscht Ihre schleunige Rückkehr.«
»So ist sein Zustand bedenklich?«
»Der Arzt meint es.«
Der Graf bekämpfte seine Bestürzung und beauftragte den Jäger alsdann, sich sofort in seine Wohnung zu begeben und seinen Diener anzuweisen, ohne Verzug Alles zur Abreise vorzubereiten. In kurzer Zeit würde er zurückkehren und alsdann sogleich aufbrechen.
Der Jäger entfernte sich, und der Graf verharrteeinige Augenblicke in dem Vorzimmer. Die erhaltene Nachricht hatte ihn tief gebeugt; er mußte sich sammeln, um der Prinzessin mit der erforderlichen Ruhe wieder nahen und ihr Lebewohl sagen zu können.
Eine schmerzliche Ahnung hatte ihn ergriffen.
Sein Vater war bejahrt und daher ein übler Ausgang der Krankheit um so mehr zu fürchten, da der Arzt dieselbe bereits als bedenklich bezeichnet hatte.
Er durfte daher mit der Abreise nicht säumen, und so begab er sich bald darauf zu der Prinzessin, um ihr die traurige Botschaft zu bringen. Er wußte, wie sehr sie dadurch erschreckt werden würde, und war daher bedacht, ihr dieselbe in der schonendsten Weise mitzutheilen.
Mit dem ganzen Aufwand seiner Beherrschungskraft nahte er sich ihr; seine Erschütterung war jedoch viel zu tief, als daß er dieselbe hinreichend zu verbergen vermochte, die sein bleiches Antlitz und seine besorgten Mienen überdies verriethen.
Sidonien war die Veranlassung seiner Entfernung nicht entgangen und, gleich ihm von einer übeln Ahnung ergriffen, sah sie seiner Rückkehr mit Unruhe entgegen. Bei seinem Eintreten hatte ihr Auge sogleich in seinem Antlitz geforscht und seine tiefe Bewegung errathen, die sie mit der Gewißheit erfüllte, daß Römer irgend ein besonders wichtiges Ereigniß betroffen haben müßte. Ihre Liebe ließ sie die nothwendige Vorsicht vergessen. Als er nahte, ging sie ihm ein paarSchritte entgegen und erkundigte sich mit der sorglichsten Theilnahme nach dem Geschehenen.
Der Graf theilte ihr mit wenigen Worten die traurige Botschaft und seine Absicht, sogleich abzureisen, mit, und obgleich er dies in ziemlich ruhiger Weise that, wurde Sidonie dadurch dennoch so sehr bewegt, daß sie ihre warmen Empfindungen für ihn nicht zu verbergen vermochte. Der zärtliche Blick, mit welchem sie sein Auge suchte, hätte dazu schon hingereicht, wenn sich nicht in ihrem erbleichten Antlitz ihr großes Interesse für ihn zu erkennen gegeben hätte. Zwar kehrte ihre Besonnenheit rasch zurück, und sie bemühte sich, so viel als möglich unbefangen zu scheinen; leider zu spät, denn das Geschehene hatte ihre Empfindungen den sie Beobachtenden leider bereits verrathen.
Die gegenwärtigen Verhältnisse gestatteten ihr nicht, ihrem Herzen zu folgen und den Grafen allein zu sprechen und ihm ein Lebewohl zu sagen; gewaltsam mußte sie ihre Empfindungen in sich verschließen und sich von ihm in förmlicher Weise trennen, um dann noch eine kurze Zeit der Gesellschaft anzugehören.
Wir kennen Sidoniens heiße Liebe und werden daher die große Selbstverläugnung ermessen, zu der sie sich, um jedem Argwohn vorzubeugen, gezwungen sah. In dem Bewußtsein jedoch, sich, wenn auch nur für Augenblicke, verrathen zu haben, bot sie alle Kraft auf, den etwa erregten Verdacht über sich zu zerstören. Daher bemühte sie sich, so viel als möglich unbefangen und theilnehmendzu erscheinen, verharrte nach der Entfernung des Grafen noch eine längere Zeit in der Gesellschaft, und zog sich erst zurück, als sie ihre Kräfte gänzlich erschöpft fühlte.
In ihrem Gemach angelangt, brach der so lange verhaltene Schmerz über Römer’s Leid und seine ungeahnte Abreise mit ganzer Gewalt hervor.
»So mußte denn das Geschick meinem Hoffen und Glück ein so jähes, schreckliches Ende bereiten! O, der arme Bernhard! Wie sehr wird er leiden, und wer kann voraussehen, ob sein Leid nicht noch durch den Verlust seines Vaters erhöht wird!«
Also rief sie, in den Sessel sinkend, indem sich ihre Augen zugleich mit Thränen füllten.
»Wahrscheinlich erhalte ich in kurzer Zeit Nachricht von Römer; wir wollen hoffen, daß dieselbe tröstlich lautet,« beruhigte Aurelie, die sich bei Sidonien befand.
»O, möchte das der Himmel geben, um ihm und Allen das Herz zu erfreuen! Leider vermag ich eine solche Hoffnung nicht zu hegen; trübe Ahnungen eines schweren Unglücks, das ihn treffen wird, erfüllen mich.«
»Diese Besorgniß liegt allerdings nahe, denn des Grafen Vater ist bejahrt, und man muß daher auf Uebles gefaßt sein.«
»O, wie wenig darf der Mensch auf die Beständigkeit des Glücks hoffen! Und wie unbarmherzig ist das Geschick, ihm dasselbe gerade in einem Augenblick zu entreißen, in welchem ihn der Vollgenuß reinster Freude beseligt!« rief Sidonie in schmerzlicher Bewegung ausund fügte nach kurzer Pause hinzu: »Da ist der Sturmwind plötzlich über mein Paradies herein gebrochen und hat daraus alles Licht und Leben verscheucht, und nach kurzer Freude stehe ich wieder trauernd an den vernichteten Herrlichkeiten, die zu genießen ich mir so schön gedacht! Wann, wann wird die Zeit wieder kommen, die das Grab meines Glücks mit neuen Freudenkränzen schmückt und neues, frohes Leben daraus erstehen läßt?! Ach, ich wage nicht mehr Gutes zu hoffen! Wer so viel geduldet und so viel entbehrte, wie ich, dem scheint selbst die Hoffnung nicht mehr gestattet. Und mein Schmerz ist doppelt, da ich nun auch den Geliebten dem Leid preisgegeben sehe, einem Leid, das ihn mir nun wol für lange, lange Zeit, vielleicht für immer, fern halten wird!«
Sidoniens Klage war leider nur zu sehr begründet. Denn selbst bei einem glücklichen Ausgang der Krankheit war Römer genöthigt, in der Heimath vorläufig zu verweilen; starb sein Vater jedoch, so mußte sich sein Aufenthalt auf eine noch viel längere Zeit dort ausdehnen, da das Ordnen der Verhältnisse seine Gegenwart daselbst erforderte. Der Graf hatte die Pflichten eines Sohnes gegen seine Mutter zu erfüllen, die durch den Tod ihres Gemahls mehr denn bisher auf seine Pflege und seinen Beistand angewiesen wurde.
Sidonie erwog mit ihrer Freundin alle diese Umstände, auf welche sie Rücksicht zu nehmen hatten und die leider zu sehr geeignet waren, ihnen jede Hoffnung auf die baldige Rückkehr des Grafen zu nehmen.
Sidonie war überaus betrübt, und nur der Freundin Erinnerung, daß des Grafen innige Liebe sie nicht vergessen und bedacht sein würde, selbst die wichtigsten Hindernisse zu besiegen, um zu ihr zurückkehren zu können, tröstete sie ein wenig. Und mehr noch als die Freundin beruhigte sie die geheime Stimme ihres eigenen Herzens, die ihr sagte, wie innig der Graf sie liebte und wie sie seinem leuchtenden Auge das Glück abgelauscht, das er in ihrer Nähe empfand. Wieerihrem Leben Reiz und Bedeutung verlieh, so warsiees auch, deren Liebe sein edles Herz mit süßer Freude erfüllte.
Und gewiß, so war es auch. Sie ahnte freilich nicht, daß noch andere Gründe den Grafen veranlaßten in ihrer Nähe zu weilen, und eben so wenig, daß er seinen Aufenthalt bei ihr nicht ohne Opfer erkaufte. Seine Familie und seine näheren Verwandten billigten nämlich seinen Besuch der fürstlichen Residenz nicht und wünschten überdies, er möchte sich endlich vermählen. Daß er dies trotz aller Erinnerungen dennoch nicht that, so wie seine früheren Reisen und noch andere Umstände hatten den Verdacht einer geheimen Liebe für die Prinzessin erweckt. Denn es muß hier bemerkt werden, daß trotz des Grafen großer Vorsicht, seine Neigung zu verhehlen, sich dennoch allerlei dunkle Gerüchte darüber in seiner Familie und unter seinen Bekannten schon seit langer Zeit geltend machten.
Sein wiederholter und längerer Besuch der Residenz und vor Allem sein näherer Umgang mit Sidonien schienendieses Gerücht wesentlich zu bestätigen. Man hegte jedoch eine zu aufrichtige Theilnahme für den Grafen, um nicht zu bedauern, daß er sich einer Neigung opferte, die ihm weder ein wirkliches Glück verhieß, noch auch ganz gefahrlos genannt werden konnte.
Darum würde man es gern gesehen haben, hätte er den Hof, namentlich jedoch Sidoniens Umgang gemieden; denn nur so glaubte man ihn vor einem verfehlten Leben zu retten. Das Alles wußte der Graf sehr wohl; mancherlei Andeutungen hatten ihm das verrathen; seine Liebe für Sidonie war jedoch viel zu selbstsuchtslos, um sich dadurch in seinen edeln Absichten und Handlungen beirren zu lassen. Schweigend duldete er manches mahnende Wort, das er von seiner Familie hinnehmen mußte, und fand es mit einem Lächeln ab, und wenn sich auch der Unmuth bisweilen in ihm erhob, so kämpfte er denselben doch schnell in dem Gedanken an Sidonie nieder.
Ohne eine Ahnung der unheilvollen Folgen, welche sich an seine Abreise knüpften, eilte der Graf in der dunkeln Winternacht auf dem Weg nach der Heimath dahin. So groß auch seine Bangigkeit war, kehrten seine Gedanken dennoch oft in den Gesellschaftssaal der Prinzessin zurück und vergegenwärtigten sich ihre Lage, die sie zwang, ihren Gästen ein unbefangenes Antlitz zu zeigen, obgleich ihre Seele so tief betrübt war. Und er seufzte still vor sich hin, daß es so sein mußte. Er hätte freilich auch ein Bedauern seiner selbst aussprechen können, denn die Gründe dazu waren genügend vorhanden; seineLiebe war jedoch viel zu groß, um selbst unter so bedeutsamen Verhältnissen an sich zu denken.
Während er in der kalten, unheimlichen Nacht Strecke um Strecke zurück legte, sehen wir die Baronin mit ihrem Sohn in großer Behaglichkeit in dem warmen Gemach sitzen und in vertraulichem Gespräch begriffen.
Mühlfels war wie gewöhnlich mit seiner Mutter nach Hause gefahren; Beide beobachteten während der Fahrt ein unheimliches Schweigen, das die Baronin erst unterbrach, als sie ihr Hôtel erreicht und vor dem Kamin Platz genommen hatten.
»Nun, mein Sohn,« begann sie, »ich meine, der heutige Abend ist für uns von großer Bedeutung gewesen, indem er uns eine eben so wichtige als erwünschte Entdeckung machen ließ.«
»Leider!« seufzte der Baron unmuthig.
»Du sagst, leider? Wie soll ich das verstehen? Ich erwartete Deine Freude zu vernehmen und höre statt dessen ein Bedauern!« bemerkte die Baronin mit Ueberraschung.
»Finden Sie dasselbe nicht natürlich? Ich bin überzeugt, Sie haben eben so viel, als ich selbst, gesehen und daher erkannt, daß —«
»Daß ich mit meiner Voraussage durchaus Recht habe!« fiel die Baronin ein und fügte alsdann hinzu: »Es ist so, mein Sohn. Aber ich dächte, dieser Umstand sollte Dir eher Freude als Unmuth bereiten.«
»Wie kann das sein, da er mir die letzte Hoffnungraubte, das Ziel meiner Wünsche jemals erreichen zu können und dem Spott des Fürsten zu entgehen.«
»Deine Eifersucht raubt Dir alle Ueberlegung.«
»Dashätte ich nie und nimmer erwartet!« rief Mühlfels, ohne den Vorwurf seiner Mutter zu beachten.
»Beruhige Dich deshalb. Täuschungen der Art sind namentlich bei vorgefaßten Meinungen sehr natürlich. Doch übersieh in Deinem Unmuth die Vortheile nicht, welche uns die heutige, so willkommene Entdeckung gewährt. Ich denke, mein Sohn, wir sind Deinem Ziel mit großen Schritten näher getreten, indem wir nicht nur der Prinzessin Neigung, sondern auch den Gegenstand derselben kennen gelernt haben.«
»Dieser ernste, kalte Graf!« warf Mühlfels geringschätzig und unmuthig hin.
»Du weißt, mein Sohn, es suchen sich die Gegensätze; doch, davon abgesehen, frägt es sich, ob des Grafen Wesen und Benehmen nicht eine Maske ist, durch welche er zu täuschen bedacht war. Er ist vielleicht eben so wenig kalt als ernst.«
»Daß sie ihn liebt, ist kein Zweifel mehr!« rief Mühlfels erregt.
»Und eben so wenig, daß ein Einverständniß zwischen ihnen besteht,« fiel die Baronin ein und fügte mit Bestimmtheit hinzu: »Ich täusche mich in dergleichen Angelegenheiten nicht so leicht.«
»Wie ihr Auge ihn ängstlich suchte, wie sie bei seinemAnblick erbleichte, als gelte es ihr eigenes Unglück! Sie muß ihn heftig lieben!«
»Ich denke, weiteres Forschen wird diese Voraussetzungen noch mehr bestätigen.«
»Bei Gott, er soll sich ihrer Liebe nicht erfreuen!« rief Mühlfels zornig und streckte die Hand drohend aus.
»Nur ruhig und besonnen, mein Sohn! Bedenke, daß es in diesem Fall nicht gilt, die Liaison zu stören, sondern vielmehr, Dich durch sie vor dem Spott des Fürsten zu bewahren. Darum beherrsche Deine Leidenschaft und gieb allein der Klugheit Gehör.«
»O, Sie lieben nicht, meine Mutter, und können also auch nicht den Schmerz ermessen, der mich bei dem Gedanken meiner Niederlage ergreift!«
»Doch, doch, mein Sohn! Deine Ehre steht mir jedoch eben so hoch, als Deine Liebe; die erstere wol noch höher, und darum müssen wir bedacht sein, Dir dieselbe zu sichern. Ich wiederhole Dir daher meine früheren Rathschläge und bitte Dich inständig, dieselben genau zu befolgen, damit uns der gewünschte Vortheil nicht entgeht. Beherrsche darum vor allen Dingen Deine Leidenschaft und Deinen Unmuth; bemühe Dich, durch Dein Benehmen die Prinzessin von Deiner gänzlichen Unkenntniß ihrer Liebe zu überzeugen; verdoppele Deine Aufmerksamkeit für sie, wozu Du bei der Abwesenheit des Grafen leicht Gelegenheit finden dürftest. Heuchle ihr die tiefste Ergebenheit, ohne jedoch Deine Liebe zu verrathen, um ihr Vertrauen zu gewinnen, und ist Dir das gelungen,so denke ich, wird Dir auch mehr gelingen. Der Graf wird, ich bin dessen gewiß, früher oder später bestimmt zurückkehren und sich alsdann für Dein ferneres Handeln auch der geeignete Moment finden. Aber sei und bleibe beharrlich und geduldig, denn nur so vermagst Du Dir die gewünschten Erfolge zu sichern. Im gegenwärtigen Augenblick bleibt uns nichts Anderes zu thun übrig, als die Prinzessin im Geheimen zu beobachten. Gewiß werden zwischen ihr und dem Grafen Briefe gewechselt werden; vielleicht könnte man sich in den Besitz eines solchen setzen; das wäre ein großer Erfolg, denn mit einem solchen Beweis in der Hand ist Sidonie ganz in Deine Gewalt gegeben. Das bedenke, das überlege! Uebrigens dürfen wir auch den glücklichen Zufall nicht vergessen, der ja so oft wirksamer als alle Klugheit ist.«
In solcher Weise war die Baronin bedacht, ihren entmuthigten Sohn zu beruhigen und zu einem entsprechenden Handeln zu veranlassen, und ihre Mühe war nicht vergeblich. Mühlfels sah sich genöthigt, die Zweckmäßigkeit ihrer Rathschläge anzuerkennen, da ihm überdies unter den obwaltenden Umständen nur das Befolgen derselben gestattet war. Und als er ihr dies zu erkennen gab und sie ihn deshalb lobte, ergriff sie seine Hand und bemerkte in überlegenem Ton:
»Du theiltest früher meine Ansicht über der Prinzessin Neigung zu dem Grafen nicht; jetzt kann ich Dir vertrauen, daß ich dasselbe bereits geahnt habe, und muß Dir auch sagen, daß Deine Annahme, der Gegenstand vonSidoniens Liebe sei außerhalb des Hofes zu suchen, mich veranlaßte, die Hilfe meiner Freundin in dem Palais in Anspruch zu nehmen, durch die ich erfuhr, daß jener Reiter niemand Anders als der Graf war. Wir dürfen an der Wahrheit dieser Nachricht um so weniger zweifeln, da mir das Fräulein dieselbe aus der ersten Hand, nämlich von der Dienerin der Prinzessin selbst zu verschaffen wußte. Nach dem heute Erlebten erscheint mir das Zusammentreffen der Prinzessin mit Römer nicht mehr bedeutungslos; ich erkenne darin ein abgeredetes Spiel, das auf eine größere Intimität zwischen ihnen hindeutet.«
»Ich habe das gefürchtet,« fiel Mühlfels ein. »O, könnte ich den Räuber meines Glücks verderben!« fügte er hinzu.
»Keine Rachegedanken, keine Leidenschaft, mein Sohn, ich bitte Dich, bleibe besonnen! Nicht verderben sollst Du den Grafen, sondern sein begünstigter Rival werden. Um diesen Vortheil jedoch zu erlangen, darf von einem Verrath dieser Liaison — falls eine solche bereits bestehen sollte — nicht die Rede sein. Du mußt vielmehr der Freund des Grafen zu sein scheinen; denn durch einen Verrath zerstörtest Du Dir selbst alle Vortheile, die zur Erhaltung Deiner Ehre so nothwendig sind. Gelingt es uns, die untrüglichen Beweise von Sidoniens Schuld zu erhalten, so hast Du auch ein Mittel, sie zur Erfüllung Deiner Wünsche zu zwingen, und Du kannst nicht voraussehen, ob daraus für Dich nicht der Vortheil entspringt, daß sie Dir früher oder später vordem Grafen den Vorzug giebt. Diese Voraussetzungen und Hoffnungen müssen für die Folge Dein Handeln und Benehmen bestimmen, und ich bin überzeugt, Deine Bemühungen werden nicht fruchtlos, sondern nach Deinen Wünschen sein. Ich bitte Dich, dies Alles genau zu erwägen.«
Ihre so klugen Worte verfehlten ihre Wirkung auf den Baron nicht; er gab ihr Recht und das Versprechen, nach ihrem Rath fortan zu handeln.
Aus diesem Gespräch entnehmen wir, daß es Sidonien trotz aller Mühe nicht gelungen war, ihre Liebe zu verbergen, noch auch den erweckten Verdacht zu zerstören. Ob dies nur in Bezug auf die Baronin und ihren Sohn der Fall war, die eifrig bedacht gewesen, sich nicht das Geringste in dem Benehmen und Wesen der Prinzessin an jenem Abend entgehen zu lassen, muß dahin gestellt bleiben. Jedenfalls zeigt die Sicherheit, mit welcher die Baronin ihre Schlüsse zog, wie auffällig Sidonie sich verrathen haben mußte.
In dem angenehmen Bewußtsein, für ihr künftiges Handeln nun die feste Bahn gefunden zu haben, schieden Mutter und Sohn in später Nacht von einander. Die Erstere sehr befriedigt, die Spur der wichtigen Angelegenheit entdeckt zu haben; der Letztere, zwar noch unmuthig, aber doch in so weit beruhigt, wenigstens eine Aussicht gewonnen zu haben, das heiß ersehnte Ziel, wenngleich auch auf Umwegen, vielleicht dennoch erreichen zu können.