Letztes Kapitel.

Letztes Kapitel.

Um die so gütige Maßnahme des Fürsten hinsichts der Prinzessin zu erklären, müssen wir an den Hof und in eine frühere Zeit zurückkehren.

Wir haben bereits erfahren, daß des Fürsten Wünsche in Bezug auf die Wiedervermählung des Prinzen und die Thronfolge sich in der besten Weise erfüllt hatten.

Die Gemahlin des Prinzen entsprach in jeder Weise seinen Ansprüchen.

Einfach in ihrem Wesen, ohne besondere Geistesbildung, von sehr ruhiger Gemüthsart, fühlte sie sich in ihrer neuen Stellung durchaus wohl und war weit entfernt, irgend welche besondere Ansprüche an den Prinzen zu erheben.

Diese Umstände waren aber sehr geeignet, den Prinzen mit der getroffenen Wahl zufrieden zu stellen; eines solchen Charakters bedurfte er gerade, einer Natur, die ihm nicht wie Sidonie geistig überlegen, und obenein fern von allen moralischen Bedenken war. Seine Ehe genirte ihn in keiner Beziehung, und das hatte er ja eben gewollt. Sie lebten einförmig neben einander, ohne sichgegenseitig durch irgend welche Prätensionen zu belästigen, und dieser Umstand führte die gute Folge herbei, daß das erforderliche Interesse für seine Gattin in dem Prinzen erhalten wurde und man seine Ehe als eine überaus glückliche pries.

Der Erbprinz gedieh vortrefflich, und ebenso waren bereits neue Hoffnungen für den Zuwachs der fürstlichen Familie vorhanden, das Verhältniß der Gatten auch ein so gutes, daß man mit Sicherheit auf eine reiche Nachkommenschaft hoffen durfte.

Diese angenehme Aussicht war dem Fürsten um so bedeutungsvoller, da er seither sehr viel gekränkelt hatte und seine Kräfte rasch schwinden fühlte. Die Gicht, an welcher er schon seit mehren Jahren litt, hatte die Brust ergriffen, führte Schlaflosigkeit und allerlei andere bedenkliche Beschwerden herbei, so daß die Aerzte seine Genesung als unmöglich bezeichneten.

Diese Voraussage bestätigte sich; denn von Tage zu Tage verschlimmerte sich sein Zustand, so daß man seinem Ende entgegen sah.

Es war Spätherbst; die welken Blätter fielen; kalt und feucht zog der Nordwind über die Gewässer und durch die zum Theil schon entlaubten Baumkronen des Parks, der des Fürsten einfaches Palais umgab, in welchem er, getrennt von seiner Gemahlin, seit einer langen Reihe von Jahren einsam gelebt hatte. Und einsam, wie er gelebt, schien er auch einsam sterben zu wollen; denn außer seiner gewöhnlichen Bedienung befand sich weder seine Gemahlin,noch irgend eine andere ihm verwandte Person in seiner Nähe. Er wollte das Sterben mit sich allein abmachen und keinen Andern damit belästigen, auch hätte es ihn verdrossen, seine Leiden Anderen zeigen zu müssen. Es wäre ihm das selbst in Gegenwart Verwandter oder Befreundeter peinigend gewesen, und so begnügte er sich mit der Theilnahme seiner Windspiele und ließ die ihm gemeldeten Besuche gewöhnlich zurückweisen. Nur in Bezug auf einige von ihm bevorzugte gelehrte Männer machte er eine Ausnahme, mit welchen er sich, wenn es ihm sein Leiden gestattete, ein wenig unterhielt oder sich unterhalten ließ. Trotzdem erlitten die Staatsgeschäfte keine Unterbrechung, obgleich ihm die Erledigung derselben oft sehr große Anstrengungen und Beschwerden verursachten.

Da ihm das Liegen üble Zufälle verursachte, so brachte er die meiste Zeit in einem bequemen Lehnsessel zu, woselbst er sich noch am behaglichsten fühlte. Die spärlichen Sonnenblicke, welche ihm der Herbst in das stille Gemach sandte, und seine Lieblinge, die Hündchen, die ihn harmlos umspielten, sich neben seinen geschwollenen Füßen lagerten, seine Hände leckten, oder es sich in seinem Schooß behaglich machten, waren die einzigen Gesellschafter in den einförmig und einsam dahin schleichenden Stunden, die vielleicht außerdem nur noch eine kurze Lectüre, ein leichter, oft wenig erquickender Schlummer unterbrachen. Und wenn der Fürst in der Nacht schlaflos in seinem Sessel ruhte, das laute Rauschen der dürren Baumwipfel zu seinem Ohr drang, gedachte er des Augenblicks, inwelchem sein letzter Lebenshauch in diesem Rauschen vertönen würde, um in dem unendlichen All aufzugehen. Dieser Moment mußte bald eintreten; er fühlte es immer deutlicher, und so traf er mit der ihm eigenen Klarheit und Ruhe alle jene Anordnungen, welche seine Verhältnisse bedingten.

Es war etwa elf Uhr Vormittags; er erwartete den Prinzen, den er um diese Zeit zu sich hatte bitten lassen. Die Aerzte waren soeben bei ihm gewesen und hatten auf sein ausdrückliches Verlangen ihm die Frist genau bezeichnen müssen, welche seinem Leben noch gestattet wäre, die sie auf höchstens vierundzwanzig Stunden schätzten.

Er hatte das mit Ruhe vernommen und sie alsdann entlassen, da er die letzten Stunden allein zu sein wünschte. So fand ihn denn auch der Prinz allein und eingeschlummert.

Leise näherte er sich seinem Sessel; die Windspiele blieben ruhig, da sie mit des Prinzen Erscheinung bekannt waren, und dieser ließ sich in der Nähe seines Oheims nieder, das Auge auf das bleiche, eingefallene Antlitz gerichtet, in welches der nahende Tod bereits seine charakteristischen Linien gezeichnet hatte.

Der Schlummer des Fürsten war wie gewöhnlich unruhig, oft unterbrochen durch wenige unverständliche, leise gemurmelte Worte, oder eine matte Armbewegung.

Dergleichen Momente pflegen auf den Beobachtenden selten ihre eigenthümliche Wirkung zu verfehlen, und dies fand auch in Bezug auf den Prinzen statt, der aufmerksamlauschte, um den Sinn der gesprochenen Worte zu verstehen. Dies gelang ihm jedoch anfangs nicht, bis der Fürst allmälig vernehmlicher und hastiger sprach und endlich mit dem Wort: »Sidonie« ängstlich auffuhr und die Augen aufschlug. Sein glanzloser Blick erkannte den Prinzen nicht sogleich; als dies jedoch erfolgte, bemerkte er mit schwacher Stimme:

»Da bist Du ja!« und deutete auf einen kühlenden Trank, der in seiner Nähe stand. Der Prinz beeilte sich, ihm denselben zu reichen, und der Fürst trank mit kurzen Zügen, da ihm die Kurzathmigkeit, an welcher er litt, es nicht anders gestattete. Alsdann überwand er einen kurzen Husten, sammelte Kräfte und begann darauf mit schwacher Stimme:

»Die Aerzte haben mir nur noch wenige Stunden Leben zugesprochen, und so will ich Dir noch einen Wunsch mittheilen, den Du sogleich nach meinem erfolgten Tode erfüllen sollst. Er betrifft Sidonie und den Grafen Römer; gieb sie sofort frei.«

»Wie, mein Fürst?!« fragte der Prinz, durch das Vernommene, das er nicht erwartet hatte, in hohem Grade überrascht.

»Du möchtest Dich dazu vielleicht nicht bequemen wollen?«

»Wenn Sie befehlen, soll es geschehen,« entgegnete der Prinz kalt.

Der Fürst sann einige Augenblicke nach und bemerkte alsdann:

»Es ist besser, ich bringe diese Angelegenheit selbst in Ordnung. Geh' dort an den Tisch und fertige die Befehle aus.«

Schweigend that der Prinz das Gebotene.

»Gieb die Blätter her und auch die Feder, ich will unterzeichnen; es wird mein letzter Namenszug sein,« sprach der Fürst darauf.

Der Prinz legte die Mappe mit dem Schreiben vor ihm auf die Knie; der Fürst ließ sich alsdann die Stelle bezeichnen, woselbst er seinen Namen hinzusetzen hatte; — denn sein Auge war bereits ganz schwach; — und als dies geschehen war, unterzeichnete er mit zitternder Hand. »Mein Tod soll ihnen eine Freude bereiten, die ich ihnen — — schuldig bin,« bemerkte er, die Schriftstücke dem Prinzen hinreichend.

»Ich verstehe Sie nicht, mein Fürst,« sprach der Prinz überrascht und indem er ihn fragend anschaute.

»Gut für Dich, wenn Du mich nicht verstehst,« fiel der Fürst matt ein und fügte dann hinzu: »Doch lassen wir das! Ich habe die Prinzessin soeben im Traum gesehen; sie erschien mir nicht traurig, sondern ernst und ruhig und fragte mich etwas.« — —

Er brach kurz ab und blickte sinnend vor sich hin.

»Und welche Frage richtete sie an meinen Oheim?« fragte der Prinz nach kurzer Pause.

»Eine Frage, die mein letzter Namenszug beantwortet hat,« entgegnete der Fürst mit sichtlicher Erregung.

Der Prinz trat erstaunt einen Schritt von ihm zurück.

»Ist die Begnadigung etwa ein Zeichen, daß Sie sie nicht für so schuldig erachten, um eine verlängerte Verbannung zu rechtfertigen?« fragte der Prinz.

Der Fürst verrieth eine ungewöhnliche Bewegung und schien hinsichts der zu gebenden Antwort unentschlossen; nach kurzer Ueberlegung entgegnete er alsdann mit Betonung und einem flüchtigen Aufblick zu dem Prinzen:

»Die Prinzessin warniemalsschuldig.«

»Wie, mein Fürst?!« fiel der Prinz überrascht und betroffen ein und fügte hinzu: »Die vorhandenen Beweise zeugen doch gegen sie!«

»Still davon! Möglich, daß Du an ihre Schuld glaubst; ich habe mich davon niemals überzeugen können; doch opferte ich sie der Nothwendigkeit und dem Staatsinteresse. Sie weiß es, denn sie hat mir in's Herz gesehen.«

»Sie überraschen mich, mein Fürst!«

»Lass' das! Dergleichen paßt nicht zu der gegenwärtigen Situation! Der beabsichtigte Erfolg ist erzielt; Geschehenes läßt sich nicht ungeschehen machen; mein Tod ist jedoch der beste Moment, dieser Angelegenheit für immer einen guten, den Adel versöhnenden Abschluß zu geben. Der letzte Funken Leben in mir ist daher nicht verloren.«

Der Fürst hatte mit Anstrengung und schwacher Stimme gesprochen, lehnte sich darauf erschöpft in den Sessel zurück und schloß die Augen.

Der Prinz erwiderte nichts darauf; denn er sah sichzur Anerkenntniß des Vernommenen genöthigt, wenn er auch hinsichts Sidoniens Schuldlosigkeit trotz des Fürsten Meinung in Zweifel war. Er würde sich daher zu der Begnadigung selbst gegen sein gegebenes Versprechen vielleicht nicht veranlaßt gefühlt haben, und das eben erkannte des sterbenden Fürsten Scharfblick und darum wandte er seine letzten Kräfte zur Unterzeichnung des Befehls an.

»Du wirst weder der Prinzessin noch dem Grafen in ihren künftigen Maßnahmen irgend welchen Widerstand bieten,« bemerkte der Fürst darauf. »Sie werden sich vermählen, vermuthe ich; sie haben auf diesen Moment lange harren müssen; ihre Zuneigung ist viel geprüft; so hoffe ich, sie werden einen Ersatz dafür in der Ehe finden. Sidonie paßte zur Fürstin nicht; denn sie besitzt zu viel von dem, was Fürstinnen nicht gebrauchen, wenn sie auf dem Thron eine Figur machen wollen. Aber sie ist ein seltenes Weib und darum selten, weil sie Charakter besitzt und weiß, was sie will. Ihr Benehmen hat mich trotz meiner Abneigung gegen die Frauen dennoch zur Bewunderung gezwungen; diesen Stolz und dieses klare, ruhige Auge hat nur das Selbstbewußtsein der Unschuld und ein edler, fester Sinn. — Sie wußte sich trotz Allem zu behaupten, und das ist viel.«

Er hatte hastig und in Absätzen gesprochen und deutete nun auf das Glas mit dem Getränk, das ihm der Prinz reichte. Als er getrunken hatte, fuhr er fort:

»Sie, Sidonie, hatte in vieler Hinsicht Recht; aber auch Unrecht, da sie die wirkliche Welt mit ihren größerenAnsprüchen nicht anerkennen und sich derselben nicht unterordnen wollte. Doch Du wirst mich nicht verstehen, denn Deiner Natur liegt dieser Charakter zu fern, da Du in dem Weibe nichts als Fleisch und Bein siehst. Du hast nun, was Du brauchst, und ich wünschte, schon anfangs in meiner Wahl auf eine solche Frau gestoßen zu sein; es wäre Alles besser gewesen.«

Wieder schwieg er und nahm erst nach kurzer Ruhe das Gespräch wieder auf.

»Du hast viele Schurken unter Deinen Freunden; so lange Du Prinz bist, erträgt sich das; der Regent muß sich von ihnen frei zu machen bedacht sein. Es ist das nicht eben leicht; aber es muß geschehen, soll er nicht endlich ihr Sklave werden. Ich lasse Dir gute Räthe; achte sie und folge ihren Vorschlägen. — — Lass' die Weiber! Sie entnerven Dich, machen Dich feig und ziehen Dich in ihre sinnliche Tiefe, darin Du untergehst. Man muß durchaus ganzer Mann sein, um etwas Tüchtiges zu leisten; abernurMann im Sinne des Geschlechts ist der Verderb aller wahren Mannheit. Du bist bisher nur dies eine gewesen; sei bedacht, Dich mit dem Ernst Deiner Stellung von Deinen sinnlichen Neigungen zu befreien, wenigstens diese zu beschränken, um nicht gleich einem weibischen Sardanapal unterzugehen. —

Du wirst die Begnadigung noch heute abgehen lassen, damit die Prinzessin sie während des Glockengeläutes empfängt, das ihr meinen Tod verkündet.«

Der Fürst schwieg, sammelte sich ein wenig, reichte dem Prinzen die Hand und bemerkte:

»So lebe wohl! Geh', ich will ein wenig schlummern, denn das viele Sprechen hat mich angegriffen.«

Durch die einfache, aber um so wirkungsvollere Mahnung des Sterbenden in hohem Grade erschüttert, wagte der Prinz keine Erwiderung auszusprechen, wozu er sich überdies auch nicht fähig fühlte, sondern ergriff schweigend die ihm dargereichte welke Hand, drückte sie leicht an die Lippen und verließ alsdann das Gemach.

So trennten sich Oheim und Neffe für immer.

Der Fürst schloß die Augen und sank in den Sessel zurück.

»Er wird wie Sardanapal in den Armen seiner Buhlerinnen untergehen,« murmelte er vor sich hin und fiel alsdann bald in einen ohnmachtähnlichen Schlummer. Sein Aussehen änderte sich rasch.

Niemand erschien; überall ängstliche Stille und Einsamkeit. Nur das Picken eines Spechtes an einem morschen Baume im Park tönte herein und klang, als klopfte man Nägel in einen Sarg.

Die Aerzte hatten sich nicht geirrt; des Fürsten Lebenskraft schwand rasch hin. Als die Sonne niederging und ihre feurigen Strahlen über den Park ausgoß, schlug er zum letzten Mal die Augen auf und schaute mit erweiterten Blicken in die heller und heller auflodernde Abendgluth, und als sie verblaßte und in die dunkle Nacht versank, seufzte er auf und verschied. Erstarb, wie er es gewünscht; nur mit dem Tod allein. Denn Niemand war bei ihm; nur seine Lieblinge blickten in sein brechendes Auge und legten sich alsdann zu den erkalteten Füßen ihres Gebieters.

So war denn, wie wir erfahren haben, des Fürsten wohlmeinende Absicht wirklich in Erfüllung gegangen; die Glockenklänge brachten Sidonien die beglückende Botschaft ihrer Freiheit. Dieselbe wurde anfangs allerdings durch die nahe liegende Besorgniß, es könnte der Graf vielleicht nicht in ähnlicher Weise erfreut worden sein, beeinträchtigt; jedoch nur für kurze Zeit, da schon nach wenigen Tagen von der Gräfin Römer die Nachricht von seiner Entlassung aus der Haft einlief und somit aller Sorge ein freudiges Ende machte.

Jetzt entstand für Sidonie die nahe liegende Frage, wohin sie sich begeben sollte. Sie, eine Fürstentochter, hatte nirgends eine Heimath, denn in ihre ursprüngliche zurückzukehren, fühlte sie in Hinblick auf die ihr von ihrem Bruder gezeigte Lieblosigkeit keine Neigung. Ehe sie sich jedoch darüber entschied, eilte sie zu ihrer Tochter, um die Langentbehrte an das Herz zu drücken. Aber sie verweilte daselbst nur zwei Tage und kehrte alsdann wieder in ihr einsames Schloß zurück. Die Herzogin hatte sie kalt und gemessen empfangen; denn trotz der Begnadigung vergaß man Sidoniens Vergehen nicht. Der Schein war gegen sie, sie mußte das hinnehmen.

Um so größer war daher ihre Freude, als sie beiihrer Rückkehr einen Brief der Gräfin Römer und des Geliebten fand, der, aus der Haft entlassen, sofort zu seiner Mutter geeilt war. Die Gräfin lud sie zu einem baldigen Besuch ein, indem sie ihr zugleich ihr Schloß zum künftigen Aufenthalt anbot. Römer hatte diese Einladung durch seine eigene Bitte und den Hinweis auf die besonderen Verhältnisse, welche ein passenderes Wiedersehen nicht gestatteten, unterstützt.

Sidonie erkannte das und war nach kurzer Berathung mit Aurelien entschlossen, das Schloß für immer zu verlassen, die Einladung der Gräfin, bei ihr zu wohnen, jedoch aus nahe liegenden Rücksichten abzulehnen und sich nach jenem Badeort zu begeben, den sie früher besucht hatte. Derselbe lag, wie wir wissen, in der Nähe der gräflichen Besitzung und gewährte ihr daher einen bequemen Verkehr mit der Gräfin und dem Geliebten. Auf dem Wege dahin wollte sie der Gräfin den von dem eigenen Herzen so heiß gewünschten Besuch machen, wollte sie den theuern Mann nach so langer, langer trüber Zeit endlich wieder sehen und das so schmerzlich entbehrte Glück der Wiedervereinigung genießen.

O, wie drängte ihr Herz zu ihm, und mit welcher Hast ordnete sie ihre Abreise an und führte diese trotz der rauhen Witterung mit glücklichem Herzen und ohne Zögern aus.

Die Bewohner des Schlosses und der Umgegend sahen sie mit betrübtem Herzen scheiden, und mancher Glückwunsch tönte der Forteilenden mit aufrichtigem Herzen nach; dennsie war ja so gütig und ach! auch so sehr unglücklich gewesen, wie dies oft ihre kummervollen Züge und verweinten Augen verrathen hatten.

Und Sidonie hatte Allen, Allen mit freundlichen Worten gedankt, sie beschenkt und dem See und den Wäldern, den Fluren und Gärten mit feuchtem Auge ein Lebewohl zugerufen. Alsdann rollte der Wagen dahin, und das Schloß war wieder so einsam und öde wie ehemals.

Es verfiel nach wenigen Jahren rasch und dient heute einer gewerblichen Thätigkeit. Niemand ahnt, wie viele Thränen das Unglück einst in diesen Räumen vergossen hat.

Sidonie legte die unbequeme Reise bis zu dem Schloß der Gräfin mit großer Ausdauer zurück, und sank der edeln Dame, die sie zum ersten Mal sah, mit bewegtem Herzen in die Arme.

Römer war Sidonien bis zu dem nächsten Ort entgegen gefahren, und hier fand ihr Wiedersehen statt, das sich jeder Beschreibung entzieht. Beider Augen schimmerten von Thränen, als sie sich gegenüber standen und in das von Kummer gefurchte Antlitz schauten, bis sie sich, von ihren Empfindungen überwunden, schweigend in die Arme sanken und jetzt, von keiner Fessel mehr gehemmt, dem Glück des Augenblicks mit ganzer Seele hingaben.

Römer's einst dunkle Haare waren ergraut, seine Stirn mit Falten durchzogen, seine Gestalt gebeugt und nur noch ein Abglanz seiner einst so ritterlichen Erscheinung. Er mußte sehr schmerzlich gelitten haben.

Und wie wir wissen, hatte Sidoniens Erscheinung nicht mindere Veränderungen erfahren. Den Schmelz der Jugend hatte der Kummer längst aus ihrem Antlitz gestohlen und manche Furchen darin gegraben; aber waren sie auch körperlich gealtert: ihre Liebe war in ihren Herzen jung geblieben und hatte sich in den erlittenen Prüfungen nur noch mehr veredelt.

Tage des reinsten, süßesten Glücks folgten diesem Wiedersehen. Was Sidonie ganz besonders wohl that, war die große Güte, mit welcher ihr die bereits hoch bejahrte Gräfin entgegen kam, so wie die hohe Achtung, welche man ihr von Seiten des Adels zu Theil werden ließ. Denn es bedurfte nur eines kurzen Umganges mit ihr, um jedem vorurtheilsfreien und edeldenkenden Menschen die Ueberzeugung von ihrer Schuldlosigkeit und ihrem sittlichen Charakter aufzunöthigen.

So Mancher von ihnen bat ihr im Stillen das Unrecht ab, zu welchem ihn das Vorurtheil verleitet hatte. Von ihrem neuen Wohnort aus richtete Sidonie die Bitte an den Fürsten, ihr die Tochter wieder zu geben; jedoch fruchtlos. Er wies sie ein- für allemal ab, obgleich er den früheren Verkehr zwischen ihnen gestattete. Der verstorbene Fürst hatte, als er ihr die Freiheit schenkte, ihre Tochter vergessen, und sein Neffe erachtete es im Interesse seines Ansehens für nothwendig, die ursprüngliche Anordnung festzuhalten, und so blieb Isabelle von Sidonien für immer getrennt.

Diese Gewißheit war ein schmerzlicher Mißklang in diereinen Freudentöne ihres unendlichen Glücks, das ihr die Liebe und Freiheit gewährte. Um sich aus aller Verbindung mit dem Fürsten zu setzen, hatte sie diesem sogleich nach Aufhebung ihrer Verbannung ihren Verzicht auf die bisher bezogene Pension angezeigt. Sie wurde dadurch allerdings nur auf die Einkünfte ihres eigenen kleinen Vermögens beschränkt; dennoch fühlte sie sich in dieser Beschränkung freier und beruhigter, da damit die letzte Fessel zerbrochen wurde, welche sie mit der unheilvollen Vergangenheit noch verband. Auch wußte sie nur zu wohl, daß sie durch diese Maßnahme den geheimen Wunsch des Geliebten erfüllte.

Trotz der Winterzeit flohen ihr die Tage jetzt rasch und lieblich dahin, durch die Besuche des Geliebten und seiner Freunde verschönt, und mit jedem neuen Tage wurde ihr Auge heller, wichen die kummervollen Falten mehr und mehr aus ihrem feinen, lieblichen Antlitz, kehrte die Heiterkeit zurück. Und gleich ihr geschah es auch dem Grafen, wenngleich sein Wesen ernster als früher blieb und er trotz Sidoniens inniger Liebe die erfahrene Ehrenkränkung nicht zu vergessen vermochte.

So nahte der Lenz, und mit ihm nahte leider für die Geliebten auch ein herber Schmerz. Die Gräfin fühlte ihr Ende nahen.

In den letzten Monaten hatte ihre Körperschwäche rasch zugenommen, so daß ihr baldiger Tod mit Gewißheit erwartet werden durfte.

Einige Wochen vor demselben, als sich Sidonie beiihr befand und sie mit ihr allein war, nahm sie deren Hand, sprach in ruhigem Ton von ihrem baldigen Scheiden und bemerkte alsdann, wie sehr es sie beglücken würde, vor ihrem Heimgange Sidonie mit ihrem Sohn vereinigt zu sehen.

Obgleich die Letzteren überein gekommen waren, sich in dem nächsten Frühjahr nach Italien zu begeben und daselbst zu vermählen, erklärte sich Sidonie doch sogleich zur Erfüllung des ausgesprochenen Wunsches bereit, und wenige Tage darauf wurde sie in aller Stille und nur in Gegenwart der Gräfin, Aureliens und einiger Verwandten des Grafen mit diesem vermählt. Ihre Verbindung wurde jedoch geheim gehalten, ebenso bezog Sidonie auch nicht das gräfliche Schloß, sondern blieb in ihrer Wohnung, doch verschönte sie durch längere Besuche die letzten Lebenstage der hinscheidenden Gräfin, die durch das Glück ihres Sohnes sich selbst hoch beglückt fühlte.

Ueber die anderen Personen dieser Erzählung wäre nur noch wenig zu sagen.

Mühlfels genoß die ihm von dem Fürsten geschenkten Begünstigungen nicht lange. Er blieb der Vertraute des Regenten, der seinen verwerflichen Leidenschaften, seitdem er nach Belieben schalten und walten konnte, ganz und gar die Zügel schießen ließ, zu seinem und des Landes Verderben. Wenige Jahre, nachdem der Prinz den Thron bestiegen hatte, fand Mühlfels auf einer Jagd durch den jähen Sturz mit dem Pferde den Tod, ehe er noch seineAbsicht erreicht und das Ansehen seines Hauses durch eine glänzende Vermählung erhöht hatte.

Marianens Wunsch ging in Erfüllung. Bald nach dem Tode des Fürsten wurde sie in den Grafenstand erhoben und spielte fortan eine sehr wichtige Rolle am Hofe des fürstlichen Geliebten, den sie durchaus beherrschte. Niemand erkannte in der stolzen, hoffärtigen Dame, vor welcher sich Alle beugten, jene Waldtaube, die einst aus der Verborgenheit ausgeflogen war, um mit kindischer Neugier die Herrlichkeiten der Welt zu schauen.

Sie beherrschte jedoch nicht nur den Regenten und den Hof, sondern selbst die Gemahlin des Ersteren mußte ihrem Uebergewicht weichen, das sie bis zur letzten Stunde zu behaupten verstand.

Und so regierte sie im wahren Sinn des Wortes allein und umgab sich mit Glanz und Reichthum.

Als der Fürst starb, ereilte jedoch auch sie die Vergeltung. Sie wurde verbannt und starb, von ihren Freunden verlassen, in Vergessenheit.

In Bezug auf das Ende seines Neffen traf die Voraussage des Fürsten durchaus zu.

Durch sinnliche Genüsse vollständig entnervt und nachdem er dem Lande eine ungeheure Schuldenlast durch seine Verschwendung aufgebürdet hatte, starb derselbe, kaum einige dreißig Jahre alt, in Marianens Armen, welche sich das Recht anmaßte, in Gegenwart der Fürstin und deren Kinder an seinem Sterbelager zu erscheinen. Und man duldete das. — —

Der Tod der Gräfin Römer erfolgte mit dem Beginn des Frühlings, und einige Wochen darauf und nachdem der Graf seine Verhältnisse geordnet hatte, führten die Vermählten ihre Absicht aus und begaben sich nach Italien. Eine reizend gelegene Villa am Gardasee nahm sie auf, und die durch so viele Prüfungen nur noch erhöhte Liebe verlieh ihrem Leben fortan jenes reine, ungetrübte Glück, zu welchem ihre edeln Herzen im vollsten Maß berechtigt waren.

Aurelie fand den Lohn ihrer treuen, aufopfernden Freundschaft in dem Glück ihrer Freunde, bei welchen sie in voller Hingabe und hoch geliebt und geachtet blieb.

Sidonie besuchte in jedem Jahre ihre lieblich heranblühende Tochter, deren Verlust ihr ein gütiges Geschick in der Folgezeit durch den Besitz nicht minder lieblicher Kinder weniger fühlbar machte.


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