Viertes Kapitel.
Am Vormittage nach dem Ball saß die Oberhofmeisterin voller Behaglichkeit im bequemen Negligé vor dem wärmenden Kamin und beschäftigte sich mit einem Brief, dessen Inhalt ihr nicht nur sehr angenehm zu sein, sondern ihre Freude darüber beim weiteren Lesen noch wesentlich zu steigern schien. Sie deutete dies durch allerlei Ausrufe der Ueberraschung und des Behagens an, durch welche sie das letztere unterbrach.
»Sieh, sieh, das kluge Kind! Ich hatte so etwas vorausgesehen, und es freut mich, in meinen Erwartungen über sie nicht getäuscht worden zu sein,« sprach sie vor sich hin, nachdem sie den Brief zu Ende gelesen hatte.
Sie befand sich allein in dem Gemach und konnte sich daher ganz ungestört in den Betrachtungen ergehen, wozu sie das Schreiben veranlaßte. Sie hatte das letztere soeben erhalten und war dadurch um so mehr überrascht worden, da die Absenderin niemand Anders als Mariane war, von der sie und zwar eine derartige Mittheilung zu erhalten, nicht erwartet hatte. Zwar versäumte das Mädchen nicht, nachdem sie die Villa bezogen, der Baronin ihren Dank für die in ihrem Interesse gehabten Bemühungen auszusprechen, und ebenso nahm sie die ihr von der Letzteren später gemachten heimlichen Besuche stets mit Ehrerbietung und Freude an und verabschiedete sich auch vor ihrer Abreise nach Paris bei ihr; siehatte jedoch dabei nicht den Wunsch ausgesprochen, ihr schreiben zu dürfen.
In der nahe liegenden Voraussetzung, daß Mariane sich dazu auch nicht aufgefordert fühlen würde, hatte die Baronin eben so wenig an dergleichen gedacht, überzeugt, daß die neuen Verhältnisse das Mädchen vollständig in Anspruch nehmen würden. Um so größer war daher ihre Ueberraschung, als nach so langer Zeit das soeben erhaltene Schreiben bei ihr einlief, welche der Inhalt desselben noch wesentlich steigerte.
Mariane wandte sich nämlich mit der Bitte an sie, sie durch ihren Rath in einer ihr so wichtigen, sich auf den Prinzen beziehenden Angelegenheit zu unterstützen. Sie hatte das Leben in Paris genossen und fand kein Vergnügen mehr an dem vereinsamten Aufenthalt daselbst; zugleich peinigte sie die Ungewißheit über ihre Zukunft. Der Prinz hatte ihr seit längerer Zeit nicht geschrieben, sein Interesse für sie schien sich verringert zu haben; auch gab er ihr auf ihre Frage, wie lange sie nun noch in ihrem Exil verweilen sollte, keine bestimmte Antwort, so daß sie von der Furcht erfüllt war, er würde sie vergessen und ihrem Schicksal an dem fremden Ort überlassen.
Darum hatte sie sich auf die Baronin besonnen und sich entschlossen, dieser ihre Besorgnisse mitzutheilen und sie zugleich zu bitten, mit dem Prinzen ihretwegen zu sprechen und dessen Bestimmungen über sie zu erfahren.
Die Fassung des Briefes verrieth die Bildung, welche sich Mariane während ihres Aufenthaltes in Paris anzueignengewußt hatte, und die zugleich den Beweis lieferte, daß sie ihre Lehrer nicht erfolglos bemüht hatte.
Die Baronin erstaunte darüber; denn nicht nur war die Ausdrucksweise gewählt, sondern es sprach daraus auch Geist; vor Allem jedoch machte sich darin ein verborgener Ehrgeiz geltend. Und so war es in der That. Mariane hatte des Prinzen Versprechen, sie dereinst zu einer Gräfin zu machen, nicht vergessen; dasselbe war zugleich der Sporn zu ihrem Fleiß, sich die einer vornehmen Dame nothwendigen Kenntnisse anzueignen, um des versprochenen Vorzugs auch würdig zu werden.
Mariane hatte das Alles der Baronin mitgetheilt, und diese erkannte mit ihrem geübten Scharfblick sofort, daß es sich in diesem Fall nicht nur um eine gewöhnliche Liaison, sondern um viel wichtigere Dinge handelte, die unter geeigneten Umständen zur Geltung gelangen könnten.
Und so war es ihr in hohem Grade angenehm, zur Vermittlerin dieser Angelegenheit beansprucht zu werden. Sie kannte Marianens großen Einfluß auf den Prinzen nur zu wohl und war überdies überzeugt, daß sich derselbe für die Folge nicht nur erhalten, sondern im Hinblick auf des Mädchens Klugheit sogar noch steigern würde. Denn daß der Prinz wirklich noch mit vieler Zuneigung an dem Mädchen hing, ging daraus hervor, daß er eine neue Liaison nicht angeknüpft hatte und zu dieser auch keine Neigung zeigte. Ueberdies hatte ihr Sohn dies auch in den Briefen an sie wiederholt angedeutet und auf Marianens künftigen Einfluß hingewiesen.
Alle diese Umstände waren wichtig genug, den empfangenen Brief mit hoher Freude zu begrüßen und die Baronin zu veranlassen, die so willkommene Angelegenheit der eingehendsten Erwägung zu unterwerfen, um sich die daraus für sie ergebenden wichtigen Vortheile zu sichern. Gelang es ihr, Marianens Wünsche zu erfüllen, so hoffte sie auch deren ganzes Vertrauen für jetzt und in der Zukunft zu gewinnen, und das genügte ihr; denn dieses Vertrauen sicherte ihr einen nicht geringen Einfluß nicht nur auf das Mädchen, sondern auch auf den künftigen Regenten, und das waren entzückende Aussichten für die stets speculirende und intriguirende Frau. Sie ging daher auch sogleich mit sich zu Rathe, in welcher besten Weise sie sich die nöthigen Erklärungen von dem Prinzen verschaffen und die gewünschte Vermittlung anbahnen könnte. Noch damit beschäftigt, wurde ihr ein Besuch gemeldet, der ihr Interesse in hohem Grade beanspruchte. Aus einer hingeworfenen Bemerkung konnte man überdies entnehmen, daß sie denselben bereits und mit Ungeduld erwartet hatte.
Es trat ein Officier ein, in welchem wir den Kapitän von Bieberstein erkennen. Seine Begrüßung verrieth, daß er mit der Baronin in vertraulichen Beziehungen stehen müßte.
»Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet,« bemerkte die Baronin etwas erregt. »Ich hoffe, es ist Alles zur Zufriedenheit abgelaufen?«
»Ich freue mich, meine Gnädigste, dies bejahen zu können,« entgegnete Bieberstein selbstgefällig und sicher.
»O, mein Sohn kennt seine Freunde!« rief die Baronin und fügte hinzu: »Er wußte, daß er Ihrer Klugheit unbedingt vertrauen durfte. Hat man nicht für gut gefunden, Ihnen nachzuforschen?«
»Auf des Fürsten Befehl ist das geschehen; ich sorgte natürlich dafür, daß dies ohne Erfolg sein mußte,« bemerkte Bieberstein.
»Und die Wirkung war, so viel ich bemerken konnte, eine durchaus gute.«
»Wenigstens ist der Wunsch Ihres Sohnes erfüllt; das Weitere müssen wir dem Fürsten anheim geben, und wie dieses sein wird, dürfte leicht zu errathen sein. Der Prinz wurde von der zornigsten Aufwallung übermannt; wie der Fürst darüber geurtheilt haben mag, vermag ich nicht zu bestimmen. Als ich nach Ablegung der Maske wieder in dem Saal erschien, war ich ein wenig überrascht, Oheim und Neffen in der besten Laune zu finden. Doch das mag ein abgekartetes Spiel gewesen sein, um sich nicht zu verrathen. Der Fürst ist klug, und der Prinz wird sich seinen Anweisungen gefügt haben. Sie kennen das, meine Gnädige.«
»Sie wissen, von welcher großen Wichtigkeit meinem Sohn die bekannte Angelegenheit ist; es gilt die Rechtfertigung seiner Ehre, und Sie können daher von seinem tiefsten Dank überzeugt sein,« sprach die Baronin mit großem Wohlgefallen.
»Ich weiß es, meine gnädigste Frau, und bin überzeugt,mein Freund wird, sobald er wieder zu Einfluß am Hofe gelangt ist, mir sein Wort gern halten.«
»Zweifeln Sie nicht daran und möchten seine so eifrigen Bemühungen einen recht baldigen und zugleich erwünschten Erfolg herbei führen!«
»Der Prinz ist sein Freund, und so wird daher der Lohn nicht ausbleiben, ganz abgesehen, daß Ihr Sohn auch zugleich dem Fürsten einen wichtigen Dienst leistet.«
»Es ist so, und ich gestehe Ihnen, ich sehe der Entwicklung dieser Angelegenheit mit großer Spannung entgegen,« erwiderte die Baronin, wurde jedoch in der Fortsetzung ihrer Rede unterbrochen, da ein Diener den Chevalier Boisière meldete.
»Wie, der Chevalier?!« fragte sie mit Ueberraschung. »Welche Gründe können ihn veranlaßt haben, mich aufzusuchen? Er hat mich seit dem Zerwürfniß mit meinem Sohn gemieden, wahrscheinlich, weil er keine gute Aufnahme bei mir erwartete. Es muß ihn also ein ganz besonderer Anlaß zu mir führen. Bitten Sie ihn, einzutreten.«
Der Diener entfernte sich, und die Baronin fuhr fort: »Vielleicht will er sich nach meinem Befinden erkundigen und auf diese Weise den abgebrochenen Umgang wieder anknüpfen.«
»So will ich nicht stören,« bemerkte der Kapitän und erhob sich.
»Behalten Sie nur Ihren Platz, lieber Kapitän!« fiel die Baronin ein und fügte hinzu: »Ich gedenke nochspäter ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen; überdies ist mir Ihre Gegenwart gerade jetzt sehr angenehm.«
Der Chevalier trat ein und begrüßte die Baronin mit der höchsten Ehrerbietung, und es schien ihm große Freude zu bereiten, in dem Kapitän einen Freund des Barons kennen zu lernen.
»So darf ich mich offen zu Ihnen aussprechen meine Gnädigste, und das ist mir außerordentlich lieb, denn ich habe an Ihrem von mir so hoch verehrten Sohne ein Unrecht gut zu machen und hoffe mir dadurch auch zugleich Ihre so schätzenswerthe Gunst wieder zu erwerben, die Sie mir in der letzten Zeit, und leider mit Grund! ein wenig entzogen haben,« bemerkte der Chevalier und küßte die Hand der Baronin.
»Das klingt ja in der That sehr erfreulich!« fiel die Baronin überrascht und geschmeichelt ein, und fügte hinzu: »So erklären Sie mir, mein verehrter Freund, welchem glücklichen Umstande ich einen so schönen Erfolg verdanke.«
»Lediglich der Gnade unseres Fürsten,« bemerkte Boisière mit Betonung.
»Wie, dem Fürsten?!« fragte die Baronin erstaunt und meinte dann: »Ich verstehe nicht, mein Freund.«
»Ich glaube es; denn auch ich vermag die Ursachen nicht zu ergründen, welche den Fürsten so plötzlich bestimmt haben, Ihrem Sohn zu verzeihen und ihn wieder an den Hof zurück zu rufen.«
»Das hat der Fürst gethan?!« fragte die Baronin in der freudigsten Ueberraschung.
»Ja, meine Gnädigste, es ist so, und Serenissimus haben mich aus guten Gründen ganz besonders ausersehen, Ihnen dieses Handbillet zu übergeben und dabei mitzutheilen, daß dasselbe die Begnadigung Ihres Sohnes enthält.«
»O, mein Gott, welche große Güte!« rief die Baronin, indem sie das offene Schreiben empfing und die darin enthaltenen gnädigen Worte mit gesteigerter Freude überflog. »Nun sagen Sie, wie das Alles zugegangen ist,« sprach sie darauf.
»Es war etwa die zehnte Stunde,« erörterte der Chevalier, »als mich Serenissimus zu sich befehlen ließen. Als ich eintrat, kam er mir mit einem eigenthümlichen Ausdruck in seinem Antlitz entgegen, jedoch nicht unfreundlich, und bemerkte: »»Hören Sie, Boisière, besondere Umstände haben mich überzeugt, daß wir dem Baron ein Unrecht gethan, und da habe ich mich denn kurz entschlossen, dasselbe wieder gut zu machen. Bringen Sie dieses Schreiben der Baronin; denn es wird ihr Freude bereiten, wenn ihr Sohn durch sie die Begnadigung erhält. Ich habe absichtlich Sie zum Ueberbringer derselben erwählt, weil ich voraussetze, daß es Ihnen lieb sein wird, dadurch zugleich die Gelegenheit zu finden, sich mit Mutter und Sohn wieder auszusöhnen, die Ihnen wie mir ein wenig grollen werden.«« Also sprach Serenissimus in leutseligem Ton, und ich drückte ihm meine Ueberraschung und meinen tiefsten Dank aus, mir diese Gelegenheit zu gewähren, Ihre und Ihres Sohnes mir so unschätzbareFreundschaft wieder zu erwerben. Und so bitte ich, vergessen Sie das Vorgefallene und schenken Sie Ihrem alten Freunde Ihr Wohlwollen auf's Neue.« Mit diesen Worten ergriff er ihre Hand und drückte zärtliche Küsse darauf.
»Von Herzen, mein theurer Freund! Wie könnte ich Ihnen grollen, da Sie wie auch der Fürst lediglich das Opfer einer Täuschung waren. Die Gnade unseres Gebieters macht Alles wieder gut.«
Also rief die über die Maßen glückliche Baronin, während sie zugleich im Geheimen einen vertraulichen Blick mit dem Kapitän austauschte.
»Doch, mein Freund, sind Ihnen etwa die Umstände bekannt geworden, welche diese Sinnesänderung in dem Fürsten erzeugt haben?« fragte die Baronin forschend.
»Ich vermag Ihnen nichts Gewisses zu sagen und habe darüber nur Vermuthungen.«
»Und welche, mein bester Chevalier?«
Dieser zögerte mit einer Antwort, wodurch die Baronin veranlaßt wurde zu bemerken:
»Kapitän Bieberstein ist ein intimer Freund meines Sohnes und verläßt schon heute die Residenz, um in die Garnison zu dem Letzteren zurückzukehren; er wird ihm die erfreuliche Botschaft des Fürsten überbringen und ihm unsere Unterredung mittheilen, und sie erkennen aus diesen Umständen, daß jede Zurückhaltung in dieser Angelegenheit von meinem Sohn herzlich bedauert werden würde.«
»Das ist freilich etwas Anderes, und so will ichdenn meine Meinung aussprechen, obwohl Ihnen dieselbe auch nur wenig Aufklärung gewähren dürfte,« entgegnete Boisière. »Ich meine,« fuhr er vertraulich fort, »der gestrige räthselhafte Vorfall mit der Maske dürfte mit des Fürsten Intentionen in irgend einer Verbindung stehen.«
»Woher glauben Sie das?«
»Wie ich aus guter Hand erfuhr, hat der Fürst bereits eine längere vertrauliche Unterredung mit dem Prinzen am Vormittage gehabt und es soll dabei auch der Maske gedacht worden sein. Noch kann ich Ihnen sagen, daß der Fürst den Befehl ertheilt hat, im Geheimen nach der Maske unausgesetzt forschen zu lassen; ein Zeichen, wie wichtig ihm deren nähere Kenntniß sein muß; ein ebenso sicheres Zeichen jedoch auch, welche große Bedeutsamkeit der Fürst dieser Sache beilegt.«
»So scheint es,« bemerkte die Baronin nachdenkend und fragte alsdann: »Der Fürst befindet sich also in guter Stimmung?«
»Ich glaube dies bejahen zu dürfen, wenngleich ich auch hinzufügen muß, daß er ungewöhnlich nachdenklich zu sein scheint und dies stets ein Zeichen zu sein pflegt, daß ihn eine Sache von großer Wichtigkeit beschäftigt.«
»Ich hoffe, mein theurer, wiedergewonnener Freund, Sie werden mir Ihre später gemachten Beobachtungen betreffs dieser Angelegenheit nicht vorenthalten,« bemerkte die Baronin, ihn mit koketten Blicken herausfordernd anschauend.
»Da Sie mich auf's Neue Ihrer Freundschaft und Ihres gütigen Vertrauens zu würdigen so gütig sind, wird mir die Erfüllung Ihres Wunsches ein ganz besonderes Vergnügen gewähren,« entgegnete der Chevalier in der artigsten Weise.
»Und wie steht esdort? Ist nichts im Gange?« fragte die Baronin darauf vertraulich und deutete mit dem Finger über ihre Schulter in die Gegend, woselbst sich des Prinzen Palais befand.
»Es hat mit dem bekannten Antrag seine Richtigkeit. Ich setzte voraus, Sie kennen denselben.«
»Sie meinen die gewünschte Trennung?«
»So ist's.«
»Ist vielleicht schon von dem Fürsten ein Beschluß gefaßt worden?«
»Ich glaube dies verneinen zu müssen. Serenissimus, der, wie Sie wissen, mich seines gnädigen Vertrauens bisweilen würdigt, scheint es für angemessen zu halten, sich nicht zu übereilen, vielleicht auch nicht geneigt zu sein, sich über seine Intentionen in dieser Beziehung auszusprechen.«
»Seine Weisheit wird einen ersprießlichen Entscheid herbei zu führen wissen, um diese traurige Angelegenheit seiner und des Prinzen Ehre gemäß zu erledigen.«
»Ja, ja, das ist es, das hat den Fürsten auch in der letzten Zeit sehr lebhaft beschäftigt! Sie wissen, er ist im Punkt seines Ansehens äußerst difficil. Alle Welt weiß, daßerdiese Ehe gestiftet, und darum verdrießt es ihn in hohemGrade, sich in solcher Weise offen compromittiren zu müssen. Ich bin überzeugt, er gäbe viel darum, fände er ein geeignetes Mittel, welches ihm einen solchen Eclat ersparte.«
Die Baronin wechselte, während er sprach, bisweilen einen verständigenden Blick mit dem Kapitän, der ein aufmerksamer Zuhörer des Mitgetheilten war, ohne sich jedoch durch irgend eine Bemerkung in das Gespräch zu mischen. Als der Chevalier endete und aufbrach, entgegnete sie mit großer Freundlichkeit:
»Der heutige Tag ist ein doppelt und dreifach beglückender für mich, da er mir nicht nur meinen Sohn, sondern auch einen so sehr geschätzten Freund wieder giebt. Ich hoffe, mein bester Chevalier, es soll unsere Intimität fortan durch keinen Mißklang mehr beeinträchtigt werden, und versichere Sie nochmals, welche große Freude mir Ihr heutiger Besuch bereitet hat, dem hoffentlich, und wie ich herzlich bitte, noch recht, recht viele in Bälde folgen mögen!«
Sie reichte ihm die Hand, die der Chevalier an die Lippen führte, indem er bemerkte:
»Sie sind die Güte selbst, meine theure Baronin, und ich scheide mit eben so viel Verehrung als Bewunderung von meiner überaus liebenswürdigen Freundin.«
Er verabschiedete sich alsdann auch von dem Kapitän und ersuchte ihn, Mühlfels in seinem Namen um Vergebung und um seine Freundschaft zu bitten.
»Nun, lieber Bieberstein, wie gefällt Ihnen dasAlles?« fragte die Baronin, nachdem sich der Chevalier entfernt hatte und sie sich mit Ersterem allein befanden. »Ich denke, Sie sind mit diesen Erfolgen sehr zufrieden gestellt.«
»Ich gestehe, mich von meinem Erstaunen noch nicht erholen zu können. In der That, die Mittel, welche Ihr Sohn in diesem Fall angewandt hat, scheinen sehr wirksamer Natur zu sein,« fiel der Kapitän ein.
»Sie haben aus des Chevaliers Worten entnommen, welchen Werth dieselben unter den obwaltenden Umständen bei Hofe besitzen. Ich kenne meinen Sohn zu genau, um nicht überzeugt zu sein, daß er durchaus sicher gegangen ist. Doch die Folge wird es uns ja noch deutlicher zeigen. Jetzt, lieber Bieberstein, gestatten Sie mir, meinem Sohn zu schreiben, damit er durch Sie die ihm so willkommene Botschaft erhält. Ich erwarte Sie zum Diner und dann plaudern wir noch ein Stündchen.«
Sie reichte ihm die Hand, wobei sie nicht unterließ, den ziemlich hübschen Kapitän gleichfalls mit einem koketten Lächeln zu beglücken, das nach Belieben gedeutet werden konnte, ohne den Beglückten irgend welcher Gefahr einer Täuschung auszusetzen.
Als die Baronin allein war, athmete sie froh auf; ihr Auge leuchtete freudig; welch' ein überaus glücklicher Tag war der heutige! Derselbe hatte sie gleichsam mit Freuden überschüttet. Nochmals las sie des Fürsten Billet und Marianens Schreiben, und dieselben alsdann hoch haltend, sprach sie vor sich hin: »DieseSchätze sichern uns eine große Zukunft!«
Wir kehren jetzt zu dem Grafen zurück. Seinem Vornehmen getreu, änderte er nichts in seiner bisher beobachteten Lebensweise. Er ließ sich an einzelnen öffentlichen Orten sehen, besuchte seine Freunde und besprach mit ihnen in der unbefangensten Weise das Fest und den bereits ziemlich allgemein bekannten Vorfall mit der mysteriösen Maske. Allerlei Vermuthungen wurden dabei ausgesprochen, ohne daß man jedoch die eigentliche Bedeutung desselben ergründet zu haben schien; denn auch nicht die leiseste Anspielung verrieth dies, welche jedenfalls erfolgt wäre, würde man mit dem Sachverhalt bekannt gewesen sein. Eben so fruchtlos war des Grafen absichtliches Bemühen, Aufklärung zu erhalten oder den unbekannten Warner zu entdecken. Niemand verrieth sich ihm als derselbe, noch auch fand sich dieser veranlaßt, sich dem Grafen zu nahen und ihm die Dringlichkeit seines Rathes an's Herz zu legen, wozu die beharrliche Anwesenheit des Grafen herausforderte. Wäre, so sagte sich dieser, der unbekannte Freund ein wahrer gewesen, so würde er seine Warnung wiederholt und zugleich durch Erklärungen unterstützt haben. Da dies im Lauf des Tages jedoch nicht erfolgte, so hielt sich der Graf auch zu der Annahme berechtigt, vielleicht getäuscht, vielleicht sogar auf die Probe gestellt worden zu sein. Diese Ueberzeugung, die sich immer mehr bei ihm befestigte, beunruhigte ihn; denn er glaubte darin den Beweis zu finden, daß die gegen ihn und Sidonie gesponnene Intrigue mit großem Vorbedacht angelegt und erwogen sei. Er mußtedaher auf Alles gefaßt sein. Denn daß es in diesem Fall nicht ihm allein galt, konnte für ihn kein Zweifel mehr sein. Er war gewöhnt, nach Tisch einen Ritt in's Freie zu machen, und that dies auch heute, obgleich das Wetter dazu wenig einladend war; so sehr war er bedacht, seine Unbefangenheit zu zeigen.
In der Erwartung, vielleicht bei seiner Rückkehr durch irgend eine Maßnahme überrascht zu werden, fand er sich dennoch beim Betreten seiner Wohnung getäuscht. Weder hatte ihn Jemand aufgesucht, noch war ein Schreiben oder eine Bestellung eingelaufen.
Ueberraschte ihn dieser Umstand auch, da die erhaltene Warnung dergleichen erwarten ließ, so beruhigte ihn derselbe doch auch zugleich, indem er daraus die Ueberzeugung schöpfte, daß man Gründe hatte, die vorausgesetzte Angelegenheit nicht zu übereilen.
So nahte der Abend und er begab sich zu der gewöhnten Stunde zu Sidonien. Er befand sich in großer Spannung, welche die Ungewißheit erzeugte, in wie weit die Geliebte von dem Allen betroffen und ob sie überhaupt mit dem Vorfall bereits bekannt gemacht worden war. Ehe er das Palais betrat, bemühte er sich, die erforderliche Ruhe zu gewinnen, und nachdem ihm dies in einem gewissen Grade gelungen war, ließ er sich bei der Prinzessin melden.
Er wurde angenommen und dieser Umstand beruhigte ihn, mehr noch jedoch die Unbefangenheit, mit welcher ihn Aurelie wie gewöhnlich empfing.
Rasch that er einige Fragen an sie, ob irgend etwas Besonderes vorgefallen sei oder Sidonie betroffen hätte; als dies Aurelie mit Ueberraschung über sein Verhalten verneinte, theilte er ihr alsdann mit wenigen Worten das Vorgefallene mit.
Aurelie erschrak in hohem Grade; doch die Verhältnisse gestatteten keine Erörterung, und so begaben sie sich schweigend zu der Prinzessin.
Diese empfing ihn in einer gewissen Erregung. Sein Besuch war ungewöhnlich und hatte sie in hohem Grade überrascht, indem sich ihr die Vermuthung zugleich aufdrängte, daß irgend ein wichtiger Vorfall ihn dazu veranlaßt haben müßte. Ueberdies war sie von allerlei trüben Ahnungen schon seit längerer Zeit erfüllt, die sie auf Uebles vorbereitet hatten. Kaum hatte sie daher des Grafen und Aureliens besorgte Mienen erkannt, als auch sie erschrak und bemerkte:
»Meine Ahnung scheint mich nicht getäuscht zu haben; es ist etwas von Bedeutung vorgefallen.« Sie heftete zugleich ihr Auge forschend an das seine.
»Es ist so, meine theure Freundin, und ich bitte Sie, sich auf schlimme Dinge gefaßt zu machen,« entgegnete Römer und erkundigte sich alsdann nochmals, ob irgend etwas Besonderes sie betroffen hätte.
»Durchaus nicht. Der Tag ist mir in der gewöhnten Einförmigkeit dahin gegangen; nur beunruhigte es mich, daß Aurelie keine Nachricht von Ihnen erhielt,« entgegnete Sidonie.
»So vernehmen Sie denn, was geschehen ist und wie weit wir davon betroffen worden sind,« fiel der Graf ein und theilte ihr alsdann das Bekannte mit, indem er ihr zugleich das erhaltene Billet zeigte.
Sidonie hatte seine Worte mit tiefer Erschütterung vernommen; als er endete, entgegnete sie in schmerzvoller Bewegung:
»O, wäre mirdaserspart worden! Ein namenloses Weh ergreift mich bei dem Gedanken, mein heiligstes Gut vondiesenMenschen angetastet, bespöttelt und verurtheilt zu sehen! Denn sie werden es thun, wenn sie nicht noch Aergeres im Sinn haben.«
»Das Letztere fürchte ich, und muß das um so mehr besorgen, da das erhaltene Billet darauf hindeutet. Jedenfalls, meine theure Freundin, steht uns irgend ein Kampf mit noch ungekannten, vielleicht auch bekannten Feinden bevor, auf welchen wir gefaßt sein müssen.«
»So wird es sein, und ich denke, mein Freund, wir kennen diejenigen, die es sich angelegen sein ließen, das Geheimniß unserer Liebe zu erforschen. Dies, ich bin überzeugt, werden sie als ein Mittel für ihre niederen Zwecke gebrauchen, obwol ich nicht einsehe, wie sie das könnten und — zu welchem Zweck sie das thun sollten.«
»Wenn ich auch Ihre Ansicht theile, so erinnere ich Sie doch, daß man gewiß mit Vorbedacht zu Werke gegangen ist und die Rachsucht überdies vor keinem Mittel zurückschreckt, um ihre Ziele zu erreichen.«
»Und wenn dem auch wirklich so wäre, mein Freund,wer darf es wagen, unsere Liebe als ein Vergehen zu bezeichnen!«
»Die Falschheit, die Tücke und vielleicht die — — Staatspolitik« — — bemerkte Römer.
»Sie haben Recht, die Staatspolitik!« fiel Sidonie, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, ein und fuhr alsdann mit Erregung und Unmuth fort: »Nun, mögen sie denn versuchen, was sie über mich vermögen; ich will in dem Gefühl meiner Schuldlosigkeit und in dem erhebenden Bewußtsein meiner Liebe vor einem mir angebotenen Kampf mit ihnen nicht zurück schrecken. O, mein theurer Freund, die Arglist übersieht, daß sie dem schuldlos Leidenden dadurch eine Waffe in die Hand giebt, indem sie ihm das Uebelste zumuthet und vor ihm ihre ganze Schamlosigkeit enthüllt. Das, fürchte ich, wird geschehen, das aber wird mir auch den Muth geben, den ich diesen Menschen gegenüber gebrauche. Darum fürchten Sie nicht für mich. Was, mein Freund, hätten wir auch zu fürchten? Ich wüßte nicht.«
Sie reichte ihm die Hand und blickte ihm liebevoll in die Augen, indem sie fortfuhr: »Und wir kämpfengemeinschaftlichund haben nureinZiel; das wird uns Kraft verleihen.«
»Wie sehr beruhigen und beglücken mich Ihre Worte! Mein Schmerz über den Verrath war nur darum so groß, weil ich wußte, wie tief Sie davon getroffen werden würden. Jetzt bin ich ruhiger, da ich Sie so gefaßt sehe. Denn nachdem Erfahrenen unterliegt es wol keinem Zweifel mehr, daß uns eine trübe Zukunft erwartet.«
»Ja, mein Freund, so wird es sein; aber ich denke auch, um Liebe leiden sei nicht schwer,« entgegnete Sidonie in zärtlichem Ton.
Der Graf neigte seine Lippen auf ihre Hand und bemerkte alsdann:
»Lassen Sie uns diese Stunde benutzen, um uns über das zu Erwartende zu verständigen. Es könnten uns vielleicht unvorhergesehene Umstände in irgend welcher Weise herausfordern, ja, es dürfte nicht ganz unmöglich sein, daß wir nicht sobald wieder zu einander kommen und daher unsere Gedanken auch nicht austauschen können, und so ist es gut, dies schon jetzt zu thun.«
Sidonie stimmte ihm darin bei und er bat sie, falls er verhindert wäre, sie zu sprechen oder ihr Nachricht zugehen zu lassen, seine Mutter durch Aurelie mit ihren Wünschen bekannt machen zu lassen, und zu erwarten, daß dieselbe durch deren Erfüllung sehr beglückt sein würde. Zugleich theilte er ihr seine Unterredung mit seiner Mutter mit und verschwieg ihr deren Zustimmung zu seiner Liebe nicht. Diese Nachricht erfreute Sidonie in hohem Grade und sie vertraute ihm, wie tief sie unter der naheliegenden Voraussetzung, daß seine Liebe zu ihr von seiner Familie nicht gebilligt würde, bisher gelitten hätte.
Und sie besprachen alsdann noch mancherlei Dinge, die für sie von Wichtigkeit waren, und es trat mit diesen Mittheilungen, an welchen sich auch Aurelie voll Wärmebetheiligte, immer mehr Ruhe in ihre Seele. Der Graf kürzte seinen Besuch ab und schied alsdann, nachdem sie verabredet hatten, sich nur in den dringendsten Fällen Mittheilungen zukommen zu lassen und diese auch nur durch die zuverlässigsten Personen. Aurelie schlug dazu ihre Freundin, Frau von Techow, vor, durch welche sie die letzteren besorgen lassen wollte; auch gedachte sie bei derselben wie ehemals mit ihm zusammen zu kommen, falls die Umstände es erheischen sollten.
Das Scheiden wurde ihnen heute schwerer denn je. Sie sagten sich in der Furcht Lebewohl, vielleicht für lange Zeit von einander getrennt zu bleiben. Zwar gedachte Sidonie, wie sonst ihre Wochengesellschaft zu geben, und der Graf versprach, dieselbe, falls es ihm nicht unmöglich gemacht wurde, jedenfalls zu besuchen; sie zweifelten jedoch an deren Zustandekommen und schöpften die Gründe dazu aus den obschwebenden Verhältnissen; denn sie trennten sich mit der Gewißheit, daß ihnen die nahenden Tage wichtige Ereignisse bringen würden.
Der Graf verließ das Palais. Er hatte sich heute zu Fuß dahin begeben und es verabsäumt, seinen Wagen nachkommen zu lassen, wie das sonst wol unter ähnlichen Umständen zu geschehen pflegte. Der Abend war dunkel; der Himmel mit Wolken bedeckt; die Luft rauh und durch einen eisigen Zug aus Norden um so empfindlicher gemacht. Römer hüllte sich fester in seinen Mantel und trat den Heimweg an.
Nur vor dem Palais brannten mehre Lampen; dieStadt selbst war äußerst spärlich erleuchtet, und wer zu dieser Zeit nicht eine Laterne auf seinem Gange mit sich führte, mußte große Vorsicht beobachten, um nicht über das schlechte Pflaster zu stolpern, oder in eine der vielen Pfützen zu gerathen, die sich überall geltend machten.
So schritt auch Römer, durch die bezeichneten Hindernisse genöthigt, seine Aufmerksamkeit auf die Vermeidung derselben zu richten, langsam und vorsichtig weiter, in Folge dessen ihm ein Umstand entging, der im Hinblick seiner Lage für ihn von Bedeutung genannt werden mußte.
Kaum hatte er sich nämlich einige Schritte von dem Palais entfernt, so tauchten aus der Dunkelheit der neben dem letzteren befindlichen Anlagen zwei Personen auf, die den Nebenausgang, aus welchem der Graf gekommen war, bisher beobachtet hatten und ihm nun in einer gewissen Entfernung folgten. Ohne die Gegenwart und das Interesse derselben für ihn zu ahnen, schritt der Graf durch eine Straße und erreichte alsdann eine am Wasser gelegene Allee, durch welche er gehen mußte, um zu seiner Wohnung zu gelangen.
Die späte Abendstunde, das üble Wetter und die nichts weniger als einladende Dunkelheit hatten diese ohnehin einsame Promenade von jedem Menschenverkehr geleert, ganz abgesehen, daß die Stadt um diese Zeit überhaupt nur wenig belebt zu sein pflegte.
Der Graf blieb hier stehen, um einige Augenblicke zu ruhen, bevor er den Weg durch die ziemlich lange Allee antrat.
Vom Winde beunruhigt, klatschte das Wasser gegen die steinernen Ufer, knarrten die dürren Aeste der hohen Bäume und rieben sich gegen einander, und hin und her brach ein Zweig und fiel tönend zur Erde. Römer achtete auf alles das nicht, lediglich von seinen trüben Gedanken beschäftigt; denn so sehr ihn auch Sidoniens froher Muth beruhigt hatte, quälte ihn dennoch die Ueberzeugung, daß derselbe in hohem Grade herausgefordert werden und die Geliebte darunter schmerzlich zu leiden haben würde. Allerlei Entschlüsse keimten in seiner Seele, um Sidonie davor zu schützen, und in Erwägung derselben betrat er die Allee und schritt darauf weiter fort.
Er hatte ungefähr die Mitte der letzteren erreicht, ohne irgend Jemand zu begegnen, als ein schriller Pfiff vor ihm ihn aus seinem Nachdenken unangenehm aufstörte. Rasch blickte er vor sich hin und gewahrte mehre Personen auf sich zukommen. Noch bemüht, dieselben zu erkennen, wurde er plötzlich von der Rückseite gefaßt, ihm eine Kapuze über den Kopf geworfen, der Mantel abgerissen, ihm der Degen genommen und die Hände gefesselt. Alles das geschah so überraschend schnell, daß der Graf sich nicht im geringsten zu vertheidigen vermochte. Nach Hilfe zu rufen war ihm unmöglich, so blieb ihm nichts übrig, als sich seinen Feinden zu ergeben.
Als er in solcher Weise vertheidigungslos gemacht worden war, vernahm er plötzlich eine Stimme neben sich, die in höflichem Ton die Frage an ihn richtete, ob er sein Ehrenwort geben wollte, sich in keiner Weise den weiterenMaßnahmen mit ihm zu widersetzen, alsdann sollte er von den Fesseln und der Kapuze befreit werden; doch müßte er es sich gefallen lassen, daß ihm eine Binde über die Augen gelegt würde, die er erst in einem gewissen Zeitpunkt, den man ihm später bezeichnen werde, ablegen dürfte.
In der höchsten Bestürzung und Entrüstung vernahm der Graf diese Bestimmungen und erklärte sofort, sich einer so nichtswürdigen Behandlung in keiner Weise unterwerfen zu wollen.
»So bedaure ich, die angewandten Maßregeln fortan beibehalten zu müssen,« entgegnete der Unbekannte und fügte, sich zu ihm neigend, mit leiserer Stimme hinzu: »Thun Sie, wie ich Ihnen rieth; Sie haben keine Aussicht, Ihrer Lage zu entkommen.«
»Wer durfte sich diesen Ueberfall erlauben?!« fragte der Graf.
»Ich darf Ihnen hierauf nicht antworten und vollziehe nur die erhaltenen Befehle,« entgegnete die Stimme. Diese Antwort ließ Römer erkennen, daß hier nicht von einem räuberischen Ueberfall die Rede sein könnte, sondern es lediglich auf seine geheime Haftnahme abgesehen war, darum auch ein jeder Widerstand nutzlos sein mußte, und er bemerkte:
»Ich glaube Sie zu verstehen, mein Herr, und folge Ihrem Vorschlage; doch würden Sie mich sehr verbinden, wollten Sie mir sagen, ob meine Verhaftung auf höheren Befehl geschieht und welches Vergehens ich beschuldigt bin.«
»Ich bin Officier, Herr Graf; dieser Umstand wird mich bei Ihnen entschuldigen, wenn ich Ihren Wunsch nicht erfülle.«
»Gut denn, mein Herr; thun Sie Ihre Pflicht; Sie haben von mir keinen Widerstand mehr zu besorgen,« sprach Römer, nachdem er erfahren, in welchen Händen er sich befand, und nun ein jeder Zweifel, von wem seine Verhaftung ausgegangen sein müßte, schwand.
Der Officier nahte sich ihm und bemerkte: »Ich freue mich, daß Ihre Bereitwilligkeit mir fernere Gewaltmaßregeln erspart, die mir in diesem Fall doppelt unangenehm wären. Denn ich verehre auch in dem Gefangenen den Cavalier. Erlauben Sie denn, daß ich Ihnen die Binde anlege. Ich führe Sie alsdann zu einem Wagen, der auf uns wartet, und werde die Ehre haben, Sie zu begleiten.«
»So werden Sie mich nach einem andern Ort bringen?« fragte der Graf überrascht.
»Ja, Herr Graf.«
»Wohin?«
»Ich habe den Befehl, Ihnen das zu verschweigen.«
»So werde ich Sie nicht mehr durch Fragen belästigen,« entgegnete Römer resignirt.
»So bitte ich, mir Ihren Arm zu reichen und sich von mir führen zu lassen.«
Der Graf erfüllte sein Verlangen, und nach wenigen Schritten erreichten sie einen Wagen, der sich, nachdem sie ihn bestiegen hatten, sofort in Bewegung setzte. Mitdiesem zugleich brachen auch einige Reiter auf, die neben dem Wagen aufgestellt waren und diesen jetzt umgaben.
Der Graf vernahm das Getrappel der Pferde und erkannte sofort, daß er unter einer Bedeckung reiste.
Man hatte ihm den Mantel wieder umgelegt; er hüllte sich jetzt in denselben ein, lehnte sich in eine Ecke des Wagens und verharrte in seinem Schweigen.
Und in rascher Eile jagte das Gefährt durch die dunkle Nacht auf ungeebneten und vom Regen und Schnee aufgeweichten Wegen dahin.