Chapter 7

Unrat wendete sich nach ihm um. Inzwischen entwischte die Künstlerin Fröhlich, floh kreischend ins Nebenzimmer und schloß geräuschvoll ab.EinenAugenblick sah Unrat wie betäubt aus; dann raffte er sich auf und fing an Schleichsätze um Lohmann herum zu machen. Lohmann war, um sich eine Haltung zu geben, an den Tisch zurückgetreten, nahm seine Brieftasche und strich darüber hin. Er dachte verschwommen darüber nach, was sich etwa sagen ließe. Wie diesesWesen dort aussah! Etwas zwischen Spinne und Katze, mit wahnsinnigen Augen, über die farbige Schweißtropfen rannen, und mit Schaum auf dem klappenden Kiefer. Es war keine angenehme Lage, es mit gekrümmten Fangarmen überall um sich her zu haben. Was keuchte es?

Unrat keuchte unverständlich:

»Elender – – wagen es – – Fassen – – endlich fassen – – Hergeben, alles herausgeben!«

Und da entriß er Lohmann die Brieftasche und stürzte mit ihr hinaus.

Lohmann stand noch da, voll eines großen Schreckens: denn hier wurden Verbrechen begangen. Unrat, der interessante Anarchist, beging ausgemachte Verbrechen. Nun war der Anarchist eine moralische Seltsamkeit und ein wohlverständliches Extrem; das Verbrechen eine Steigerung allgemein menschlicher Neigungen und Affekte, die nichts Auffallendes hatte. Unrat aber hatte bei Lohmanns körperlicher Gegenwart seine Frau zu erwürgen versucht, und er hatte an Lohmann selbst einen Raub begangen. Da geriet denn der Kommentator ins Stocken, dem Zuschauer versagte das wohlwollende Lächeln. Lohmanns Geist, der durch so unglaubwürdige Erlebnisse noch nie erprobt worden war, warf alle Eigenart ab und antwortete auf »Verbrechen« ganz bürgerlich mit »Polizei«. Wohl bewahrte er das Bewußtsein, dies sei kein besonders seltener Einfall, aber er sagte sich: »da hört's auf«; und schritt stramm über das Bedenken hinweg. Ja, Lohmanns Schritt ward stramm, als er sich an die Tür zum Nebenzimmerbegab, um daran zu rütteln. Er hatte deutlich gehört, wie die Künstlerin Fröhlich sich eingesperrt hatte; aber es war seine Pflicht, sich vollends zu überzeugen, daß sie nach seinem Weggang nicht in die Gewalt ihres mörderischen Gatten fallen könne ... Darauf verließ Lohmann das Haus.

Ein Stündchen verrann; dann wälzte sich ein immer noch anschwellender Haufe um die Straßenecke. Die Stadt war in Jubel, weil Unrats Verhaftung beschlossen war. Endlich! Der Druck ihres eigenen Lasters ward von ihr genommen, da die Gelegenheit dazu entfernt ward. Man warf, zu sich kommend, einen Blick auf die Leichen ringsumher und entdeckte, daß es höchste Zeit sei. Warum man eigentlich solange gewartet hatte.

Ein Bierwagen, hoch voll Fässern, versperrte schon die halbe Straße, da mußte noch eine Droschke hindurch; und darin kamen die Beamten. Die Obstfrau von der Ecke lief mit; Herr Dröge, der Krämer, schleppte den Gummischlauch herbei.

Vor Unrats Hause johlte das Gedränge. Endlich erschien er, inmitten der Beamten. Die Künstlerin Fröhlich, wirr, zerzaust, ganz in Tränen, zuckendem Jammer, Reue und unerhörter Unterworfenheit, klammerte sich an ihn, lag über ihn hingehängt, löste sich auf in ihn. Sie war mitverhaftet worden, was Lohmann nicht vorausgesehen hatte. Unrat hob sie in den geschlossenen Wagen, der ganz verfinstert war mit Gardinen; und er suchte zerfahren umher im Geheul. Einer hintermLederschurz, der Bierkutscher, reckte seinen bleichen Schlingelkopf heraus und quäkte:

»'ne Fuhre Unrat!«

Unrat warf sich herum, nach dem Wort, das nun kein Siegeskranz mehr war, sondern wieder ein ihm nachfliegendes Stück Schmutz – und erkannte Kieselack. Er schüttelte die Faust, er schnappte, den Hals vorgestreckt, in die Luft: aber Herrn Dröges Strahl prallte ihm grade in den Mund. Er sprudelte Wasser, empfing von hinten einen Stoß, stolperte das Trittbrett hinan und gelangte kopfüber auf das Polster neben der Künstlerin Fröhlich und in Dunkel.

Anmerkungen zur Transkription:Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.Seite 32:großen Fenster des Café Centrallichlerlohauf. Unratgroßen Fenster des Café Centrallichterlohauf. UnratSeite 60:»Vor wemdenn?«Hab' ich Gott sei Dank nicht nötig.»Vor wemdenn?Hab' ich Gott sei Dank nicht nötig.Seite 99:in einem stark ergrautenFrisirmantelund klopfte ihnin einem stark ergrautenFrisiermantelund klopfte ihnSeite 107:DasKorsetwar in Ordnung ... Auch GusteDasKorsettwar in Ordnung ... Auch GusteSeite 109:Kleidungsstückeweggsteigen, daß seine Rockschöße flogen.Kleidungsstückewegsteigen, daß seine Rockschöße flogen.Seite 112:in ihremgründseidenenKleid, mit ihrem verbogenenin ihremgrünseidenenKleid, mit ihrem verbogenenSeite 124:Ja, wenn Lohmann durch eifrigeresMemorirender aufgegebenenJa, wenn Lohmann durch eifrigeresMemorierender aufgegebenenSeite 125:und ihm die Öffnung ihres Korsage freigebigzugegewendetund ihm die Öffnung ihres Korsage freigebigzugewendetSeite 130:DieFamlienverhältnissedieses Schülers leisteten keineDieFamilienverhältnissedieses Schülers leisteten keineSeite 131:»Hoffentlich noch nicht,« erwiderte Lohmann.Ich»Hoffentlich noch nicht,« erwiderte Lohmann.»IchSeite 151:Magen bekommen, und stöhnte auf vorScherz. ErMagen bekommen, und stöhnte auf vorSchmerz. ErSeite 151:hochgestellt habe! Ich glaub' noch immer, derEkelhochgestellt habe! Ich glaub' noch immer, derEkel,Seite 152:verlangte er empört.Unratliegt ja viel zu sehr drin,verlangte er empört.»Unratliegt ja viel zu sehr drin,Seite 169:»Da du jedoch mit dem Ehepaare Kiepertzusammmen»Da du jedoch mit dem Ehepaare KiepertzusammenSeite 171:zusammen mitihrenkomischen alten Unrat, der sichzusammen mitihremkomischen alten Unrat, der sichSeite 181:»Ich hab' es ganz alleinekaputgemacht. Das»Ich hab' es ganz alleinekaputtgemacht. DasSeite 182:Eswar also sonst keiner dabei?« wiederholte der»Eswar also sonst keiner dabei?« wiederholte derSeite 190:Fröhlich sich als unglaubwürdigherausstellte,Fröhlich sich als unglaubwürdigherausstellte.Seite 197:mit demHühnengrab; eher seiner ungebührlichen Aufführungmit demHünengrab; eher seiner ungebührlichen AufführungSeite 203:unddaßbare Geld vermißte, überlegte sie,unddasbare Geld vermißte, überlegte sie,Seite 208:imStadtheater, und Unrat, an ihrer Seite, empfingimStadttheater, und Unrat, an ihrer Seite, empfingSeite 208:mehr: sie strengte sich an, ihn zuliebenmehr: sie strengte sich an, ihn zulieben.Seite 222:Und statt seiner anfänglichenHoffahrtbekamUnd statt seiner anfänglichenHoffartbekamSeite 229:XIV.XIVSeite 238:verstellter Unzufriedenheit.Dasis aber gemein, wennverstellter Unzufriedenheit.»Dasis aber gemein, wennSeite 268:bitten, und Sie haben vonIhnenmehr als Siebitten, und Sie haben vonihnenmehr als SieSeite 276:Nebenzimmer und schloß geräuschvoll ab.EinAugenblickNebenzimmer und schloß geräuschvoll ab.EinenAugenblick

Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.


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