Chapter 20

„Der du mit dem FlammenspeereMeiner Seele Eis zerteilt,Dass sie brausend nun zum MeereIhrer höchsten Hoffnung eilt.“

„Der du mit dem FlammenspeereMeiner Seele Eis zerteilt,Dass sie brausend nun zum MeereIhrer höchsten Hoffnung eilt.“

„Der du mit dem FlammenspeereMeiner Seele Eis zerteilt,Dass sie brausend nun zum MeereIhrer höchsten Hoffnung eilt.“

„Der du mit dem Flammenspeere

Meiner Seele Eis zerteilt,

Dass sie brausend nun zum Meere

Ihrer höchsten Hoffnung eilt.“

10. Damit stimmen überein die folgenden Anrufungen: „Mögen die göttlichen Tore sich öffnen, die Vermehrer des rita — die vielerwünschten Tore, dass die Götter hervorkommen mögen. Mögen Nacht und Morgenröte, — die jungen Mütter des rita zusammen auf dem Opfergrase sich niedersetzen, etc.“[191]

Die Analogie mit dem Sonnenaufgang ist unverkennbar. Rita erscheint als die Sonne, denn aus Nacht und Dämmerung wird die junge Sonne geboren.

11. „O göttliche, leicht durchschreitbare Tore, öffnet euch zu unserm Schutze. Füllt das Opfer mit Seligkeit mehr und mehr: Wir nahen uns (mit Gebeten) der Nacht und dem Morgen —den Vermehrern der Lebenskraft, den zwei jungen Müttern des rita.“

Ich glaube, ich darf mir weitere Belege dafür ersparen, dass der Begriff des rita ein Libidosymbol ist, wie die Sonne, der Wind, etc. Nur ist der ritabegriff weniger concretistisch und enthält das abstrakte Element der bestimmten Richtung und der Gesetzmässigkeit, d. h. des bestimmten, ordnungsgemässenPfades oder Ablaufes. Es ist also ein bereits philosophisches Libidosymbol, das direkt dem stoischen Begriff der εἱμαρμένη verglichen werden kann. Bei den Stoikern hat die εἱμαρμένη bekanntlich die Bedeutung einer schöpferischen Urwärme und zugleich eines bestimmten gesetzmässigen Ablaufes (daher auch ihre Bedeutung als „Zwang der Gestirne“). Der Libido als psychologischem Energiebegriff kommen diese Attribute als selbstverständlich zu: der Energiebegriff schliesst die Idee eines bestimmt gerichteten Ablaufes eo ipso ein, denn der Ablauf erfolgt immer von der höhern zur niedereren Spannung. So auch der Libidobegriff, der nichts anderes bedeuten will, als die Energie des Lebensablaufes. Seine Gesetze sind die Gesetze der Lebensenergie. Die Libido als Energiebegriff ist eine quantitative Formel für die Lebenserscheinungen, die bekanntlich von verschiedener Intensität sind. Die Libido durchläuft, wie die physische Energie alle möglichen Verwandlungen, von denen uns die Phantasien des Unbewussten und die Mythen Kunde geben. Diese Phantasien sind wohl zunächst Selbstabbildungen der energetischen Wandlungsprozesse, welche natürlich ihre bestimmten Gesetze, einen bestimmten „Weg“ des Ablaufens haben. Dieser Weg bedeutet die Linie oder Kurve des Optimums der energetischen Auslösung sowohl wie der entsprechenden Arbeitsleistung. Dieser Weg ist daher der Ausdruck für die strömende und sich manifestierende Energie schlechthin. Der Weg ist rita, der „rechte Weg“, der Strom der Lebensenergie, der Libido, die bestimmteBahn, in der ein immer wieder sich erneuernder Ablauf möglich ist. Dieser Weg ist auch das Schicksal, insofern das Schicksal von unserer Psychologie abhängt. Es ist der Weg unserer Bestimmung und unseres Gesetzes. Es wäre grundfalsch zu behaupten, dass eine solche Richtung nichts alsNaturalismussei, womit man die Meinung ausdrückt, dass sich der Mensch seinen Triebenüberlässt. Dabei wird vorausgesetzt, dass die Triebe immer nach „Unten“ gehen, und dass der Naturalismus ein unethisches Hinuntergleiten auf einer schiefen Ebene sei. Ich habe nichts dagegen, wenn man den Naturalismus so versteht, muss aber bemerken, dass der Mensch, der sich selber überlassen ist, also alle Gelegenheit zum Hinuntergleiten hätte, wie z. B. der Primitive, Moral und Gesetzgebung hat, die an Strenge der Forderung gelegentlich unsere Kulturmoral beträchtlich überragen. Es tut dabei nichts zur Sache, wenn dem Primitiven etwas anderes als gut oder böse gilt als uns. Die Hauptsache ist, dass sein „Naturalismus“ zur Gesetzgebung führt. Die Moralität ist kein Missverständnis, das ein ehrgeiziger Moses auf dem Sinai erfand, sondern gehört mit zu den Lebensgesetzen und wird im normalen Ablauf des Lebens erzeugt wie ein Haus oder ein Schiff oder ein anderes Kulturinstrument. Die natürliche Strömung der Libido, eben dieser mittlere Pfad, bedeutet einen völligen Gehorsam gegen die Grundgesetze menschlicher Natur, und es lässt sich schlechterdings kein höheres Moralprinzip aufstellen, als jene Übereinstimmung mit den natürlichen Gesetzen, deren Einklang der Libido die Richtung gibt, in der das Lebensoptimum liegt. Das Lebensoptimum ist nicht auf der Seite des rohen Egoismus, denn der Mensch erreicht niemals sein Lebensoptimum auf der Linie des Egoismus, denn im Grunde genommen ist er so beschaffen, dass ihm die Freude des Nächsten, deren Verursacher er ist, etwas Unerlässliches bedeutet. Ebenso wenig ist das Lebensoptimum zu erreichen auf dem Wege eines ungezügelten individualistischen Überordnungsdranges, denn das collektive Element im Menschen ist so stark, dass seine Sehnsucht nach Gemeinschaft ihm die Freude am nackten Egoismus verdürbe. Das Lebensoptimum lässt sich nur erreichen durch den Gehorsam gegen die Strömungsgesetze der Libido, welche Systole und Diastole einander folgen lassen, diedie Freude geben und die notwendige Beschränkung, welche auch die Lebensaufgaben individueller Natur stellen, ohne deren Erfüllung das Lebensoptimum nie erreicht werden kann.

Wenn nun die Erreichung dieses Weges bloss in einem Sichtreibenlassen bestünde, wie der meint, der über „Naturalismus“ jammert, so hätte die tiefste philosophische Spekulation, welche die Geistesgeschichte überhaupt kennt, keine raison d’être. Beim Anblick der Upanishadphilosophie gewinnt man den Eindruck, als ob die Erreichung des Pfades nicht gerade zu den einfachsten Aufgaben gehöre. Unser occidentales Vornehmtun gegenüber den indischen Einsichten gehört zu unserm barbarischen Wesen, das noch weit davon entfernt ist, die ganz ausserordentliche Tiefe jener Gedanken und ihre erstaunliche psychologische Richtigkeit überhaupt zu ahnen. Wir sind eben immer noch so unerzogen, dass wir Gesetze von aussen brauchen und einen Zuchtmeister, resp. Vater drüber, damit wir wissen, was gut ist, und das Rechte tun können. Und weil wir noch so barbarisch sind, so kommt uns das Vertrauen in die Gesetze der menschlichen Natur und des menschlichen Pfades als ein gefährlicher und unethischer Naturalismus vor. Warum? Weil bei dem Barbaren unter der dünnen Kulturhaut gleich die Bestie kommt, und davor hat er mit Recht Angst. Aber das Tier wird nicht überwunden dadurch, dass es in einen Käfig gesperrt wird.Es gibt keine Sittlichkeit ohne Freiheit.Wenn ein Barbar seine Bestie loslässt, so ist das keine Freiheit, sondern eine Unfreiheit. Um frei sein zu können, muss zuvor die Barbarei überwunden werden. Dies geschieht im Prinzip dadurch, dass Grund und Motivkraft der Sittlichkeit vom Individuum als Bestandteile seiner eigenen Natur empfunden und wahrgenommen werden, und nicht als äussere Beschränkungen. Wie aber kann derMensch anders zu dieser Empfindung und Einsicht gelangen als durch den Konflikt der Gegensätze?

d)Das vereinigende Symbol in der chinesischen Philosophie.Den Begriff eines mittlern, zwischen den Gegensätzen liegenden Pfades finden wir auch in China in der Form desTao. Der Begriff des Tao tritt uns meistens entgegen in Verbindung mit dem Namen eines Philosophen,Lao-tsze, geb. 604 a. Chr. n. Dieser Begriff ist aber älter als die Philosophie des Lao-tsze. Er hängt zusammen mit gewissen Vorstellungen der alten Volksreligion vom Tao, dem „Wege“ des Himmels. Dieser Begriff entspricht dem vedischen rita. Folgende sind die Bedeutungen von Tao: 1. Weg, 2. Methode, 3. Prinzip, 4. Naturkraft oder Lebenskraft, 5. gesetzmässige Naturvorgänge, 6. Idee der Welt, 7. Ursache aller Erscheinungen, 8. das Rechte, 9. das Gute, 10. die sittliche Weltordnung. Einige Übersetzer übersetzten Tao sogar mit Gott, nicht ohne eine gewisse Berechtigung, denn Tao hat denselben Anflug concreter Substanzialität wie rita.

Ich will zunächst einige Belege aus dem Tao-te-king, dem klassischen Buche des Lao-tsze geben:

1. „Ich weiss nicht, wessen Sohn es (Tao) ist; man kann es als vor der Gottheit existierend ansehen.“[192]

2. „Es hat ein Unbestimmbares, Vollkommenes gegeben, das wirkte vor Himmel und Erde. Wie still war es und wie formlos, für sich allein, unveränderlich, alles umfassend und unerschöpflich! Es kann als dieMutter aller Dingebetrachtet werden. Ich kenne seinen Namen nicht, aber ich bezeichne es als Tao.“[193]

3. Lao-tsze vergleicht das Tao dem Wasser, um sein Wesen zu kennzeichnen: „Der Segen des Wasserszeigt sich darin, dass es allen gut tut und dabei doch ohne Widerstreben immer den niedrigsten Ort aufsucht, den alle Menschen meiden. So hat es etwas vom Tao an sich.“ — Der Gedanke des „Gefälles“ könnte wohl nicht besser ausgedrückt sein.

4.

„Wer stets begierdelos, der schaut seine Wesenheit,Wer stets begierdehaft, der schaut seine Aussenheit.“[194]

„Wer stets begierdelos, der schaut seine Wesenheit,Wer stets begierdehaft, der schaut seine Aussenheit.“[194]

„Wer stets begierdelos, der schaut seine Wesenheit,Wer stets begierdehaft, der schaut seine Aussenheit.“[194]

„Wer stets begierdelos, der schaut seine Wesenheit,

Wer stets begierdehaft, der schaut seine Aussenheit.“[194]

Die Verwandtschaft mit dem brahmanischen Grundgedanken ist unverkennbar, ohne dass eine direkte Berührung braucht stattgefunden zu haben. Lao-tsze ist ein durchaus origineller Denker, und das urtümliche Bild, das dem rita-Brahman-Atman und Taobegriff zu Grunde liegt, ist allgemein menschlich und findet sich als primitiver Energiebegriff, als „Seelenkraft“ oder wie es sonst bezeichnet werden mag, überall wieder.

5. „Wer das Ewige kennt, ist umfassend; umfassend, daher gerecht; gerecht, daher König; König, daher des Himmels; des Himmels, daher Taos; Taos, daher fortdauernd: er büsst den Körper ein ohne Gefährde.“[195]

Die Kenntnis des Tao hat also dieselbe erlösende und erhöhende Wirkung, wie das Wissen des Brahman: man wird eins mit Tao, mit der unendlichen „schöpferischen Dauer“, um diesen neuesten philosophischen Begriff seinen ältern Verwandten passend anzureihen, denn Tao ist auch der Gang der Zeit.

5. Tao ist eine irrationale, daher durchaus unfassbare Grösse: „Tao ist Wesen, aber unfasslich, aber unbegreiflich.“[196]

6. Tao ist auch nicht seiend: „Alle Dinge unter dem Himmel sind entsprungen aus ihm als dem Seienden, aber das Sein dieses Seienden ist wiederum ausihm als dem Nichtseienden entsprungen.“[197]„Tao ist verborgen, namenlos.“[198]Tao ist offenbar eine irrationale Vereinigung von Gegensätzen, daher einSymbol, das ist und nicht ist.

7. „Der Talgeist ist unsterblich, er heisst das tiefe Weibliche. Des tiefen Weiblichen Pforte heisst Himmels und der Erden Wurzel.“

Tao ist das schöpferische Wesen, als Vater zeugend und als Mutter gebärend. Es ist Anfang und Ende aller Wesen.

8. „Wess’ Tun mit Tao übereinstimmt, wird eins mit Tao.“ Daher der Vollendete sich aus den Gegensätzen befreit, deren innigen Zusammenhang und alternierendes Auftreten er durchschaut. So heisst es Kapitel 9: „Sich selbst zurückziehen ist des Himmels Weg.“

9. „Darum ist er (der Vollendete) unzugänglich für Anfreundung, unzugänglich für Entfremdung, unzugänglich für Vorteil, unzugänglich für Schaden, unzugänglich für Ehre, unzugänglich für Schmach.“[199]

10. Das Einssein mit dem Tao hat Ähnlichkeit mit dem geistigen Zustand einesKindes(Kap. 10, 28, 55).

Bekanntlich gehört diese psychologische Einstellung auch zu den Bedingungen der Erwerbung des christlichen Gottesreiches, das im Grunde genommen — trotz allen rationalen Deutungen — das zentrale, irrationale Wesen, Bild und Symbol ist, von dem die erlösende Wirkung ausgeht. Das christliche Symbol hat bloss einen mehr sozialen (Staats-) Charakter als die verwandten östlichen Begriffe. Diese letztern schliessen sich unmittelbarer an die jedenfalls seit Urzeit vorhandenendynamistischenVorstellungen, nämlichan das Bild der magischen Kraft, die von Dingen und Menschen ausgeht, auf höherer Stufe von Göttern oder von einem Prinzip.

11. Nach den Vorstellungen der taoistischen Religion zerfällt das Tao in einprinzipielles Gegensatzpaar, inYangundYin. Yang ist Wärme, Licht, Männlichkeit. Yin ist Kälte, Dunkel, Weiblichkeit. Yang ist auch Himmel, Yin Erde. Aus der Yangkraft stammtSchen, der Himmelsanteil der Menschenseele, und aus der Yinkraft stammtKwei, der irdische Seelenteil. Der Mensch ist dermassen als ein Mikrokosmos auch ein Vereiniger der Gegensatzpaare. Himmel, Mensch und Erde bilden die 3 Hauptelemente der Welt, dieSan-tsai. Dieses Bild ist eine ganz ursprüngliche Vorstellung, die wir ähnlich auch an andern Orten finden, z. B. in dem westafrikanischen Mythus von Obatala und Odudua, dem Urelternpaar (Himmel und Erde), die in einer Calebasse beisammenliegen, bis ein Sohn, der Mensch, zwischen ihnen entsteht. Der Mensch als ein die Weltgegensätze in sich vereinigender Mikrokosmos entspricht also dem irrationalenSymbol, das psychologische Gegensätze vereinigt. Dieses Urbild des Menschen klang offenbar auch beiSchilleran, als er das Symbol „lebende Gestalt“ nannte.

Die Zweiteilung der menschlichen Seele in eine Schen- oder Hwunseele und eine Kwei- oder Pohseele, ist eine grosse psychologische Wahrheit. Diese chinesische Vorstellung klingt wiederum an in der bekannten Fauststelle:

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,Die eine will sich von der andern trennen;Die eine hält, in derber Liebeslust,Sich an die Welt, mit klammernden Organen;Die andere hebt gewaltsam sich vom DustZu den Gefilden hoher Ahnen.

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,Die eine will sich von der andern trennen;Die eine hält, in derber Liebeslust,Sich an die Welt, mit klammernden Organen;Die andere hebt gewaltsam sich vom DustZu den Gefilden hoher Ahnen.

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,Die eine will sich von der andern trennen;Die eine hält, in derber Liebeslust,Sich an die Welt, mit klammernden Organen;Die andere hebt gewaltsam sich vom DustZu den Gefilden hoher Ahnen.

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,

Die eine will sich von der andern trennen;

Die eine hält, in derber Liebeslust,

Sich an die Welt, mit klammernden Organen;

Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust

Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Die Existenz der zwei auseinanderstrebenden, gegensätzlichen Tendenzen, die beide den Menschen in extreme Einstellungen hineinzureissen und ihn in die Welt — sei es in deren geistige, sei es in deren materielle Seite — zu verwickeln und dadurch mit sich selber zu veruneinigen vermögen, fordert die Existenz eines Gegengewichtes, welches eben die irrationale Grösse des Tao ist. Daher bemüht sich der Gläubige ängstlich, in Übereinstimmung mit dem Tao zu leben, damit er nicht der Gegensatzspannung verfalle. Da Tao eine irrationale Grösse ist, so kann sie nicht absichtlich gemacht werden, was Lao-tsze immer wieder betont. Diesem Umstand verdankt ein anderer spezifisch chinesischer Begriff, dasWuwei, seine besondere Bedeutung. Es bedeutet „Nichtstun“, aber wieUlartrefflich deutet: „Nicht tun, nicht Nichttun.“ Das rationale „Es schaffen wollen“, das die Grösse und das Übel unserer eigenen Epoche ist, führt nicht zum Tao.

Das Bestreben der taoistischen Ethik geht also darauf aus, jene aus dem Weltgrund hervorgegangene Gegensatzspannung durch Rückkehr zum Tao zu erlösen. In diesem Zusammenhang müssen wir auch des „Weisen aus Omi“,Nakae Toju[200], jenes bedeutenden japanischen Philosophen des XVII. Jahrhunderts gedenken. In Anlehnung an die Lehre der aus China eingewanderten Chu-Hi-Schule stellte er zwei Prinzipien auf, Ri und Ki. Ri ist die Weltseele, Ki der Weltstoff. Ri und Ki sind aber Eines und Dasselbe, indem sie die Attribute Gottes sind und daher nur in ihm und durch ihn sind. Gott ist ihre Vereinigung. Ebenso umfasst dieSeeleRi und Ki. Von Gott sagt Toju: „Gott als das Wesen der Welt umfasst die Welt, aber befindet sich zugleich ganz in der Nähe von uns, und zwar in unserm eigenen Leib.“ Gott ist für ihn einallgemeines Ich, während dasindividuelle Ich„Himmel“ in uns ist, etwas Übersinnliches, Göttliches, alsRyochibezeichnet. Ryochi ist „Gott in uns“ und wohnt in jedem Individuum. Es ist daswahreIch. Toju unterscheidet nämlich ein wahres und ein falsches Ich. Das falsche Ich ist eine erworbene, aus verkehrten Meinungen entstandene Persönlichkeit. Man könnte dieses falsche Ich zwanglos als „persona“ bezeichnen, nämlich als jene Gesamtvorstellung unseres Wesens, die wir aus der Erfahrung unserer Wirkungen auf die Umwelt und ihrer Wirkungen auf uns herausgebildet haben. Die Persona bezeichnet das, als was Einer sich selber und der Umwelterscheint, nicht aber das, was Einerist, um mit den WortenSchopenhauerszu reden. Was Einer ist, ist sein individuelles, nach Toju „wahres“ Ich, das Ryochi. Ryochi wird auch das „Alleinsein“, das „Alleinkennen“ genannt, offenbar weil es ein auf das Wesen des Selbst bezogener Zustand ist, jenseits von allen durch äussere Erfahrung bedingten persönlichen Urteilsbildungen. Toju fasst Ryochi als das „summum bonum“, als „Wonne“ auf (Brahman ist ananda = Wonne). Ryochi ist das Licht, das die Welt durchdringt, wasInouyeebenfalls mit Brahman parallelisiert. Ryochi ist Menschenliebe, unsterblich, allwissend, gut. Das Böse kommt vom Wollen (Schopenhauer!). Es ist die selbstregulierende Funktion, der Vermittler und Vereiniger der Gegensatzpaare, Ri und Ki: Es ist, ganz nach indischer Vorstellung, der „alte Weise, der dir im Herzen wohnet“, oder wieWang Yang-ming, der chinesische Vater der japanischen Philosophie sagt: „In jedem Herzen wohnt ein Sejin (Weiser). Nur glaubt man es nicht fest genug, deshalb ist das Ganze eingegraben geblieben.“

Es ist von hier aus nicht mehr schwierig zu verstehen, welches urtümliche Bild zur Problemlösung inWagnersParzival beigetragen hat: Das Leiden besteht in der Gegensatzspannung zwischen dem Gralund Klingsors Macht, die im Besitz des heiligen Speeres besteht. In Klingsors Bann befindet sich Kundry, die instinktive noch naturhafte Lebenskraft, die dem Amfortas mangelt. Parzival erlöst die Libido aus dem Zustande des rastlosen Getriebenseins, indem er einerseits ihrer Macht nicht verfällt, andererseits aber auch vom Gral getrennt ist. Amfortas ist beim Gral und leidet daran, nämlich weil er das Andere nicht hat. Parzival hat keines von beiden, er ist „nirdvandva“, frei von den Gegensätzen, und darum ist er auch der Erlöser, der Spender der Heilung und der erneuten Lebenskraft, der Vereiniger der Gegensätze, nämlich des Hellen, Himmlischen, Weiblichen, des Grales, und des Dunkeln, Irdischen, Männlichen, des Speeres. Der Tod der Kundry erklärt sich zwanglos als die Befreiung der Libido aus der naturhaften, undomestizierten Form (aus der „Form des Stieres“, vergl. oben!), die von ihr abfällt als tote Form, während die Kraft als neues strömendes Leben im Aufleuchten des Grales hervorbricht. Durch die zum Teil unwillkürliche Enthaltung von den Gegensätzen hat Parzival die Stauung erzeugt, die ein neues „Gefälle“ und damit eine erneute Energiemanifestation ermöglichte. Die unverkennbare sexualistische Sprache könnte leicht dazu verführen, die Vereinigung von Speer und Gralsgefäss einseitig als eine Befreiung der Sexualität aufzufassen. Das Schicksal des Amfortas zeigt aber, dass es nicht an der Sexualität liegt, sondern im Gegenteil, dass es gerade sein Hinuntergleiten in eine naturhafte, tierische Einstellung war, das die Ursache seines Leidens und des Verlustes seiner Macht wurde. Die Verführung durch Kundry hat den Wert eines symbolischen Aktes, der weniger bedeuten will, dass es die Sexualität sei, welche solche Wunden schlägt, als vielmehr die Einstellung des naturhaften Getriebenseins, des willenlosen Unterliegens unter die biologische Lust. Diese Einstellung ist gleichbedeutend mit dem Überwiegen des tierischen Anteilsunserer Psyche. Wer vom Tier übermannt wird, dem wird die Opferwunde, die dem Tier bestimmt ist (um der weitern Entwicklung des Menschen willen) zugefügt. Wie ich schon früher in meinem Buche über „Wandlungen und Symbole der Libido“ hervorhob, handelt es sich im Grunde genommen nicht um das Sexualproblem, sondern um die Domestikation der Libido, und um die Sexualität nur insofern, als sie eine der wichtigsten und gefährlichsten Ausdrucksformen der Libido ist. Wenn man im Falle des Amfortas und in der Vereinigung von Speer und Gral nur das Sexualproblem sähe, so käme man in einen unlösbaren Widerspruch hinein, denn das Schädigende wäre dann auch zugleich das Heilende. Ein solches Paradoxon ist aber nur dann erlaubt und wahr, wenn man zugleich die Vereinigung der Gegensätze auf einer höhern Ebene sieht, nämlich wenn man versteht, dass es sich um Sexualität weder in dieser noch in jener Form handelt, sondern einzig und allein um die Einstellung, welcher alles Handeln, daher auch das sexuelle, unterworfen ist. Ich muss immer wieder betonen, dass das praktische Problem der analytischen Psychologie tiefer liegt, als Sexualität und ihre Verdrängung. Dieser Gesichtspunkt ist zweifellos wertvoll für die Erklärung jenes infantilen und darum krankhaftenStückesder Seele, aber er ist ungenügend als Erklärungsprinzip für das Ganze der menschlichen Seele. Das, was jenseits der Sexualität oder des Machttriebes steht, ist dieEinstellung zur Sexualitätoder zur Macht. Insofern die Einstellung nicht bloss ein intuitives, d. h. unbewusstes spontanes Phänomen ist, sondern auch eine bewusste Funktion, ist sie hauptsächlichAuffassung. Unsere Auffassung in allen problematischen Dingen wird von gewissen collektiven Ideen, welche unsere geistige Atmosphäre bilden, seltener bewusst, meist aber unbewusst in höchstem Masse beeinflusst. Diese collektiven Ideen stehen in engster Beziehung zuder Lebensauffassung oder Weltanschauung der vergangenen Jahrhunderte oder Jahrtausende. Ob diese Abhängigkeit uns nun bewusst oder unbewusst ist, tut nichts zur Sache, denn wir sind von diesen Ideen beeinflusst schon durch die Atmosphäre, die wir atmen. Diese collektiven Ideen haben immer religiösen Charakter, und eine philosophische Idee erreicht nur dann collektiven Charakter, wenn sie ein urtümliches Bild, d. h. ein collektives Urbild ausdrückt. Der religiöse Charakter dieser Ideen rührt davon her, dass sie Tatbestände des collektiven Unbewussten ausdrücken und dadurch auch latente Energien des Unbewussten auszulösen vermögen. Die grossen Lebensprobleme zu denen u. a. auch die Sexualität gehört, stehen immer in Beziehung zu den urtümlichen Bildern des collektiven Unbewussten. Diese Bilder sind sogar die je nachdem balancierenden oder compensierenden Faktoren gegenüber den Problemen, die das Leben an der Wirklichkeit aufwirft. Das ist insofern nicht erstaunlich, als die Bilder die Niederschläge der viel tausendjährigen Erfahrungen des Anpassungs- und Daseinskampfes sind. Alle grossen Erlebnisse des Lebens, alle höchsten Spannungen rühren deshalb an den Schatz dieser Bilder und bringen sie zur innern Erscheinung, die als solche bewusst wird, wenn soviel Selbstbesinnung und Fassungskraft vorhanden ist, dass das Individuum auch denkt, was es erlebt, und es nicht bloss tut, d. h. ohne es zu wissen, den Mythus und das Symbol concret lebt.


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