4. So spricht der Meister Eckehart das schöne Wort: „Wenn man mich fragt: „Warum beten wir,warum fasten wir, warum tun wir alle guten Werke, warum sind wir getauft, warum ist Gott Mensch geworden?“ — ich antworte: Darum, damit Gott in der Seele geboren werde und die Seele wiederum in Gott. Darum ist die ganze Schrift geschrieben. Darum hat Gott die ganze Welt geschaffen: damit Gott in der Seele geboren werde und die Seele wiederum in Gott.Alles Kornes innerste Natur meinet Weizen, und alles Metall Gold, und alle Geburt den Menschen!“
Hier spricht es Eckehart deutlich aus, dass Gott in einer unzweifelhaften Abhängigkeit von der Seele steht, und zugleich, dass die Seele die Geburtstätte Gottes ist. Dieser letztere Satz ist nach unsern obigen Überlegungen leicht verständlich. Die Wahrnehmungsfunktion (Seele) erfasst die Inhalte des Unbewussten und als schöpferische Funktion gebiert sie die Dynamis in symbolischer Form.[211]Was die Seele gebiert, sind, psychologisch genommen, Bilder, von denen die allgemeine rationale Voraussetzung annimmt, dass sie wertlos seien. Solche Bilder sind auch in dem Sinne wertlos, als sie sich nicht unmittelbar mit Erfolg in der objektiven Welt verwerten lassen. Die nächste Verwendungsmöglichkeit ist diekünstlerische,insofern einer über künstlerische Ausdrucksfähigkeit verfügt[212], eine zweite Verwendungsmöglichkeit ist diephilosophische Spekulation[213], eine dritte die quasireligiöse, welche zur Häresie und Sektengründung führt; eine vierte Möglichkeit ist die Verwendung der in den Bildern liegenden Kräfte zur Ausschweifung in jeglicher Form. (Die beiden letzternVerwendungen haben sich besonders deutlich verkörpert in der enkratitischen (enthaltsamen, asketischen) und der antitaktischen (anarchistischen) Richtung der Gnostik. Die Bewusstmachung der Bilder hat aber indirekt insofern auch einen Wert für die Anpassung an die Wirklichkeit, als dadurch die Beziehung zur realen Umwelt von phantastischer Beimischung befreit wird. Ihren Hauptwert aber haben die Bilder für das subjektive Glück und Wohlbefinden, abgesehen von Gunst und Ungunst äusserer Bedingungen. Angepasst sein ist gewiss ein Ideal. Aber nicht immer ist Anpassung möglich, indem es Lagen gibt, in denen die einzige Anpassung geduldiges Erleiden ist. Diese Form der passiven Anpassung wird ermöglicht und erleichtert durch die Entwicklung der Phantasiebilder. Ich sage: „Entwicklung“, weil die Phantasien zunächst blosser Rohstoff von zweifelhaftem Werte sind. Sie müssen daher einer Behandlung unterworfen werden, um diejenige Gestalt zu gewinnen, welche geeignet ist, das Maximum an Förderung zu gewähren. Diese Behandlung ist eine Frage der Technik, die ich in diesem Zusammenhang nicht erörtern kann. Ich kann nur soviel erwähnen, der Klarheit halber, dass es zwei Behandlungsmöglichkeiten gibt: 1. die reduktive und 2. die synthetische Methode. Erstere Methode führt alles auf die primitiven Triebe zurück, letztere entwickelt aus dem gegebenen Material einen Differenzierungsprozess der Persönlichkeit. Die reduktive und die synthetische Methode ergänzen einander, denn die Reduktion auf den Trieb führt zur Realität, zur Überbewertung der Realität und damit zur Notwendigkeit des Opfers. Die synthetische Methode entwickelt die symbolischen Phantasien, die sich aus der durch das Opfer introvertierten Libido ergeben. Aus dieser Entwicklung entsteht eine neue Einstellung der Welt gegenüber, die um ihrer Differenz willen ein neues Gefälle gewährleistet. Diesen Übergang in die neue Einstellung habe ich alstransscendente Funktionbezeichnet.[214]In der erneuerten Einstellung tritt die vorher ins Unbewusste versunkene Libido als positive Leistung wieder zu Tage. Sie entspricht einem wiedergewonnenen sichtbaren Leben. Das heisst das Symbol der Gottesgeburt. Umgekehrt, wenn die Libido sich vom äussern Objekt zurückzieht und ins Unbewusste versinkt, dann wird die „Seele in Gott geboren“. Dieser Zustand ist aber nicht glücklich (wie Eckehart richtig bemerkt), weil es sich um einen in Hinsicht des Taglebens negativen Akt, um einen Abstieg zum deus absconditus handelt, welch letzterer Eigenschaften besitzt, die von denen des am Tage leuchtenden Gottes sehr verschieden sind.[215]
Eckehart spricht von der Gottesgeburt als von einem öfters sich wiederholenden Vorgang. Tatsächlich ist nun der Vorgang, von dem wir hier handeln, ein psychologischer Prozess, der sich unbewusst fast beständig wiederholt, der uns aber nur in seinen ganz grossen Schwankungen relativ bewusst wird. Goethes Begriff der Systole und Diastole hat intuitiv wohl das Richtige getroffen. Es dürfte sich um einen Rhythmus der Lebenserscheinung, um Schwingungen der Lebenskräfte handeln, die in der Regel unbewusst ablaufen. Dies dürfte auch der Grund sein, dass die dafür bereits existierende Terminologie eine vorwiegend religiöse oder mythologische ist, denn solche Ausdrücke oder Formeln beziehen sich immer in erster Linie auf unbewusste psychologische Tatbestände und nicht auf die Mondphasen oder andere planetare Vorgänge, wie die wissenschaftliche Mythenerklärung öfters meint. Da essich um vorwiegend unbewusste Vorgänge handelt, so haben wir wissenschaftlich auch die grösste Mühe aus der Bildersprache wenigstens soweit herauszukommen, dass wir das Niveau der Bildersprache anderer Wissenschaften erreichen. Die Ehrfurcht vor den grossen natürlichen Geheimnissen, welche die religiöse Sprache in durch Alter, Bedeutungsschwere und Schönheit geheiligten Symbolen auszudrücken sich bemüht, wird nicht gekränkt durch die Ausdehnung der Psychologie auf diese Gebiete, zu denen bisherige Wissenschaft keinen Zugang fand. Wir schieben die Symbole nur etwas weiter zurück und ziehen ein Stück ihrer Domäne ans Tageslicht, ohne aber dem Irrtum zu verfallen, wir hätten damit mehr geschaffen als bloss ein neues Symbol für dasselbe Rätsel, das allen Zeiten vor uns Rätsel war. Unsere Wissenschaft ist auch Bildersprache, sie passt aber in praktischer Hinsicht besser als die alte mythologische Hypothese, die sich mit concreten Vorstellungen ausdrückte, statt wie wir, mit Begriffen.
5. Die Seele hat „erst mit ihrem Geschöpfsein Gott gemacht, so dass es den nicht eher gab, als bis die Seele zu etwas Erschaffenem wurde. Ich habe vor einiger Zeit geäussert: „Dass Gott Gott ist, dessen bin ich eine Ursache!“ Gott hat sich von der Seele: dass er Gottheit ist, hat er von sich selber.“[216]
6. „Aber auch Gott wird und vergeht.“[217]
7. „Da alle Kreaturen ihn aussprechen, da wird Gott. Als ich noch im Grunde und Boden der Gottheit weilte, in ihrem Strome und Quell, da fragte mich niemand, wohin ich wollte oder was ich täte: da war niemand, der mich hätte fragen können. Erst indem ich ausströmte, kündeten alle Kreaturen Gott. — Und warum reden sie nicht von der Gottheit? — Alles, was in der Gottheit ist, istEines,und von dem kann man nichts reden.Nur Gott tut etwas; die Gottheit tut nichts, sie hat nichts zu tun, und umgeschaut darnach hat sie sich auch nie. Gott und Gottheit sind unterschieden als Tun und Nichtstun.“ — Wenn ich wieder heim komme in Gott, erbilde ich da nichts mehr in mir, so ist dieser mein Durchbruch viel herrlicher als mein erster Hervorgang. Denn ich — der Eine — bringe ja alle Kreaturen,aus ihrem eigenen in mein Empfinden erhoben, auf dass in mir auch sie das Eine werden! Wenn ich dann zurückkomme in den Grund und Boden der Gottheit, in ihren Strom und Quell, so fragt mich niemand, woher ich komme, oder wo ich gewesen sei: es hat mich niemand vermisst. — Das heisst es: „Gott vergeht.“[218]
Wie aus diesen Zitaten hervorgeht, unterscheidet Eckehart zwischen Gott und Gottheit, wobei Gottheit das sich selbst nicht wissende und nicht habende All ist, währendGott als eine Funktion der Seeleerscheint, wie letztere als eine Funktion der Gottheit. Die Gottheit ist offenbar die allverbreitete Schöpfermacht, psychologisch: der zeugende, schaffende Trieb, der sich selbst nicht weiss und nicht hat, vergleichbar derSchopenhauerschen Konzeption desWillens. Gott aber erscheint als das aus Gottheit und Seele Gewordene. Die Seele als Kreatur „spricht“ ihn aus. Er ist, insofern die Seele vom Unbewussten unterschieden ist und insofern sie die Kräfte und Inhalte des Unbewussten wahrnimmt, und er vergeht, sobald die Seele in dem „Strom und Quell“ der unbewussten Kraft untertaucht. So sagt Eckehart an anderer Stelle: „Als ich aus Gott heraustrat, da sprachen alle Dinge: „Es gibt einen Gott!“ Nun kann mich das nicht selig machen, denn hierbei fasse ich mich als Kreatur. Aber in dem Durchbruche, da ich ledig stehen will im Willen Gottes, und ledig auch von diesem Gotteswillen, und aller seiner Werke,und Gottesselber— da bin ich mehr als alle Kreaturen, da bin ich weder Gott noch Kreatur: ich bin, was ich war und was ich bleiben werde, jetzt und immerdar! Da erhalte ich einen Ruck, dass er mich emporbringt über alle Engel. In dem Ruck werd’ ich so reich, dass Gott mir nicht genug sein kann, nach allem, was er als Gott ist, nach allen seinen göttlichen Werken: denn ich empfahe in diesem Durchbruche, was ich und Gott gemeinsam sind. Da bin ich, was ich war, da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da ein Unbewegliches, welches alle Dinge bewegt. Hier findet Gott keine Stätte mehr im Menschen, denn hier hat der Mensch durch seine Armut wieder errungen, was er ewiglich gewesen ist und immer bleiben wird. Hier ist Gott in den Geist hineingenommen.“
Das „Hervorgehen“ bedeutet eine Bewusstmachung des unbewussten Inhaltes und der unbewussten Kraft in der Form einer aus der Seele geborenenIdee. Dieser Akt ist eine bewusste Unterscheidung von der unbewussten Dynamis, eine Trennung von Ich als Subjekt von Gott (d. h. der unbewussten Dynamis) als Objekt. Dadurch „wird“ Gott. Wenn diese Trennung durch den „Durchbruch“, d. h. durch eine „Abscheidung“ des Ich von der Welt und durch eine Identifikation des Ich mit der treibenden Dynamis des Unbewussten wieder aufgehoben wird, dann verschwindet Gott als Objekt und wird zu dem vom Ich nicht mehr unterschiedenen Subjekt, d. h. das Ich als relativ spätes Differenzierungsprodukt wird wieder vereinigt mit der mystischen, dynamischen Allbezogenheit („participation mystique“ der Primitiven). Dies ist das Eintauchen in den „Strom und Quell“. Die zahlreichen Analogien mit den Vorstellungen des Ostens sind ohne weiteres einleuchtend. Berufenere als ich haben sie in ausführlicher Bearbeitung hervorgehoben. Dieser Parallelismus ohne direkte Beeinflussung aber beweist, dass Eckehart aus einer Tiefe des collektiven Geistesdenkt, die dem Osten und dem Westen gemeinsam ist. Dieser gemeinsame Grund, für den keine gemeinsame Geschichte verantwortlich gemacht werden kann, ist der Urgrund der primitiven Geistesveranlagung mit seinem primitiven energetischen Gottesbegriff, wo die treibende Dynamis noch nicht im Kristall der abstrakten Gottesidee erstarrt ist. Dieser Rückgriff auf ursprüngliche Natur, diese religiös organisierte Regression zu psychischen Bedingungen der Vorzeit, ist allen im tiefsten Sinne lebendigen Religionen gemeinsam, angefangen mit den Rückidentifikationen bei den Totemzeremonien der Australneger[219]bis zu den Ekstasen christlicher Mystiker unserer Zeit und unserer Kultur. Durch diesen Rückgriff wird wieder ein Anfangszustand hergestellt, die Unwahrscheinlichkeit der Identität mit Gott und vermöge dieser Unwahrscheinlichkeit, die doch zum eindrucksvollsten Erlebnis geworden ist, ergibt sich ein neues Gefälle; die Welt wird wieder geschaffen, indem die Einstellung des Menschen zum Objekt sich erneuert hat.
Es ist eine Pflicht des historischen Gewissens, an dieser Stelle, wo wir von der Relativität des Gottessymboles sprechen, auch jenes in seiner Zeit einsamen Mannes zu gedenken, der, wie es ein tragisches Geschick wollte, zu seiner eigenen Vision kein Verhältnis zu finden vermochte:
Angelus Silesius.Was Meister Eckehart mit grosser Anstrengung des Denkens und vielfach in schwer verständlicher Sprache sich auszudrücken bemühte, das sprichtSilesiusin kurzen, rührend innigen Versen aus, die aber, gedanklich, dieselbe Relativität Gottes schildern, die schon Meister Eckehart erfasst hat. Ich setze eine Reihe dieser Verse her. Sie mögen für sich selbst sprechen:
1.Ich weiss, dass ohne michGott nicht ein Nu kann leben,Werd’ ich zunicht, er mussVon Not den Geist aufgeben.2.Gott mag nicht ohne michEin einzigs Würmlein machenErhalt ich’s nicht mit ihm,So muss es stracks zukrachen.3.Ich bin so gross als Gott:Er ist als ich so klein;Er kann nicht über michIch unter ihm nicht sein!4.Gott ist in mir das Feuer,Und ich in ihm der Schein:Sind wir einander nichtGanz inniglich gemein?5.Gott liebt mich über sich:Lieb ich ihn über mich,So geb ich ihm soviel,Als er mir gibt aus sich!6.Gott ist mir Gott und Mensch:Ich bin ihm Mensch und Gott:Ich lösche seinen Durst,Und er hilft mir aus Not.7.Gott, der bequemt sich uns,Er ist uns, was wir wollen:Weh uns, wenn wir ihm auchNicht werden, was wir sollen.8.Gott ist das, was er ist:Ich bin das, was ich bin:Doch kennst du Einen wohl,So kennst du mich und ihn.9.Ich bin nicht ausser Gott,Und Gott nicht ausser mir,Ich bin sein Glanz und Licht,Und er ist meine Zier.10.Ich bin die Reb im Sohn,Der Vater pflanzt und speist,Die Frucht, die aus mir wächst,Ist Gott, der heil’ge Geist.11.Ich bin Gott’s Kind und Sohn,Er wieder ist mein Kind:Wie gehet es doch zu,Das beide beides sind.12.Ich selbst muss Sonne sein,Ich muss mit meinen StrahlenDas farbenlose MeerDer ganzen Gottheit malen.
1.Ich weiss, dass ohne michGott nicht ein Nu kann leben,Werd’ ich zunicht, er mussVon Not den Geist aufgeben.2.Gott mag nicht ohne michEin einzigs Würmlein machenErhalt ich’s nicht mit ihm,So muss es stracks zukrachen.3.Ich bin so gross als Gott:Er ist als ich so klein;Er kann nicht über michIch unter ihm nicht sein!4.Gott ist in mir das Feuer,Und ich in ihm der Schein:Sind wir einander nichtGanz inniglich gemein?5.Gott liebt mich über sich:Lieb ich ihn über mich,So geb ich ihm soviel,Als er mir gibt aus sich!6.Gott ist mir Gott und Mensch:Ich bin ihm Mensch und Gott:Ich lösche seinen Durst,Und er hilft mir aus Not.7.Gott, der bequemt sich uns,Er ist uns, was wir wollen:Weh uns, wenn wir ihm auchNicht werden, was wir sollen.8.Gott ist das, was er ist:Ich bin das, was ich bin:Doch kennst du Einen wohl,So kennst du mich und ihn.9.Ich bin nicht ausser Gott,Und Gott nicht ausser mir,Ich bin sein Glanz und Licht,Und er ist meine Zier.10.Ich bin die Reb im Sohn,Der Vater pflanzt und speist,Die Frucht, die aus mir wächst,Ist Gott, der heil’ge Geist.11.Ich bin Gott’s Kind und Sohn,Er wieder ist mein Kind:Wie gehet es doch zu,Das beide beides sind.12.Ich selbst muss Sonne sein,Ich muss mit meinen StrahlenDas farbenlose MeerDer ganzen Gottheit malen.
1.Ich weiss, dass ohne michGott nicht ein Nu kann leben,Werd’ ich zunicht, er mussVon Not den Geist aufgeben.
1.Ich weiss, dass ohne michGott nicht ein Nu kann leben,Werd’ ich zunicht, er mussVon Not den Geist aufgeben.
1.Ich weiss, dass ohne mich
1.
Ich weiss, dass ohne mich
Gott nicht ein Nu kann leben,
Gott nicht ein Nu kann leben,
Werd’ ich zunicht, er muss
Werd’ ich zunicht, er muss
Von Not den Geist aufgeben.
Von Not den Geist aufgeben.
2.Gott mag nicht ohne michEin einzigs Würmlein machenErhalt ich’s nicht mit ihm,So muss es stracks zukrachen.
2.Gott mag nicht ohne michEin einzigs Würmlein machenErhalt ich’s nicht mit ihm,So muss es stracks zukrachen.
2.Gott mag nicht ohne mich
2.
Gott mag nicht ohne mich
Ein einzigs Würmlein machen
Ein einzigs Würmlein machen
Erhalt ich’s nicht mit ihm,
Erhalt ich’s nicht mit ihm,
So muss es stracks zukrachen.
So muss es stracks zukrachen.
3.Ich bin so gross als Gott:Er ist als ich so klein;Er kann nicht über michIch unter ihm nicht sein!
3.Ich bin so gross als Gott:Er ist als ich so klein;Er kann nicht über michIch unter ihm nicht sein!
3.Ich bin so gross als Gott:
3.
Ich bin so gross als Gott:
Er ist als ich so klein;
Er ist als ich so klein;
Er kann nicht über mich
Er kann nicht über mich
Ich unter ihm nicht sein!
Ich unter ihm nicht sein!
4.Gott ist in mir das Feuer,Und ich in ihm der Schein:Sind wir einander nichtGanz inniglich gemein?
4.Gott ist in mir das Feuer,Und ich in ihm der Schein:Sind wir einander nichtGanz inniglich gemein?
4.Gott ist in mir das Feuer,
4.
Gott ist in mir das Feuer,
Und ich in ihm der Schein:
Und ich in ihm der Schein:
Sind wir einander nicht
Sind wir einander nicht
Ganz inniglich gemein?
Ganz inniglich gemein?
5.Gott liebt mich über sich:Lieb ich ihn über mich,So geb ich ihm soviel,Als er mir gibt aus sich!
5.Gott liebt mich über sich:Lieb ich ihn über mich,So geb ich ihm soviel,Als er mir gibt aus sich!
5.Gott liebt mich über sich:
5.
Gott liebt mich über sich:
Lieb ich ihn über mich,
Lieb ich ihn über mich,
So geb ich ihm soviel,
So geb ich ihm soviel,
Als er mir gibt aus sich!
Als er mir gibt aus sich!
6.Gott ist mir Gott und Mensch:Ich bin ihm Mensch und Gott:Ich lösche seinen Durst,Und er hilft mir aus Not.
6.Gott ist mir Gott und Mensch:Ich bin ihm Mensch und Gott:Ich lösche seinen Durst,Und er hilft mir aus Not.
6.Gott ist mir Gott und Mensch:
6.
Gott ist mir Gott und Mensch:
Ich bin ihm Mensch und Gott:
Ich bin ihm Mensch und Gott:
Ich lösche seinen Durst,
Ich lösche seinen Durst,
Und er hilft mir aus Not.
Und er hilft mir aus Not.
7.Gott, der bequemt sich uns,Er ist uns, was wir wollen:Weh uns, wenn wir ihm auchNicht werden, was wir sollen.
7.Gott, der bequemt sich uns,Er ist uns, was wir wollen:Weh uns, wenn wir ihm auchNicht werden, was wir sollen.
7.Gott, der bequemt sich uns,
7.
Gott, der bequemt sich uns,
Er ist uns, was wir wollen:
Er ist uns, was wir wollen:
Weh uns, wenn wir ihm auch
Weh uns, wenn wir ihm auch
Nicht werden, was wir sollen.
Nicht werden, was wir sollen.
8.Gott ist das, was er ist:Ich bin das, was ich bin:Doch kennst du Einen wohl,So kennst du mich und ihn.
8.Gott ist das, was er ist:Ich bin das, was ich bin:Doch kennst du Einen wohl,So kennst du mich und ihn.
8.Gott ist das, was er ist:
8.
Gott ist das, was er ist:
Ich bin das, was ich bin:
Ich bin das, was ich bin:
Doch kennst du Einen wohl,
Doch kennst du Einen wohl,
So kennst du mich und ihn.
So kennst du mich und ihn.
9.Ich bin nicht ausser Gott,Und Gott nicht ausser mir,Ich bin sein Glanz und Licht,Und er ist meine Zier.
9.Ich bin nicht ausser Gott,Und Gott nicht ausser mir,Ich bin sein Glanz und Licht,Und er ist meine Zier.
9.Ich bin nicht ausser Gott,
9.
Ich bin nicht ausser Gott,
Und Gott nicht ausser mir,
Und Gott nicht ausser mir,
Ich bin sein Glanz und Licht,
Ich bin sein Glanz und Licht,
Und er ist meine Zier.
Und er ist meine Zier.
10.Ich bin die Reb im Sohn,Der Vater pflanzt und speist,Die Frucht, die aus mir wächst,Ist Gott, der heil’ge Geist.
10.Ich bin die Reb im Sohn,Der Vater pflanzt und speist,Die Frucht, die aus mir wächst,Ist Gott, der heil’ge Geist.
10.Ich bin die Reb im Sohn,
10.
Ich bin die Reb im Sohn,
Der Vater pflanzt und speist,
Der Vater pflanzt und speist,
Die Frucht, die aus mir wächst,
Die Frucht, die aus mir wächst,
Ist Gott, der heil’ge Geist.
Ist Gott, der heil’ge Geist.
11.Ich bin Gott’s Kind und Sohn,Er wieder ist mein Kind:Wie gehet es doch zu,Das beide beides sind.
11.Ich bin Gott’s Kind und Sohn,Er wieder ist mein Kind:Wie gehet es doch zu,Das beide beides sind.
11.Ich bin Gott’s Kind und Sohn,
11.
Ich bin Gott’s Kind und Sohn,
Er wieder ist mein Kind:
Er wieder ist mein Kind:
Wie gehet es doch zu,
Wie gehet es doch zu,
Das beide beides sind.
Das beide beides sind.
12.Ich selbst muss Sonne sein,Ich muss mit meinen StrahlenDas farbenlose MeerDer ganzen Gottheit malen.
12.Ich selbst muss Sonne sein,Ich muss mit meinen StrahlenDas farbenlose MeerDer ganzen Gottheit malen.
12.Ich selbst muss Sonne sein,
12.
Ich selbst muss Sonne sein,
Ich muss mit meinen Strahlen
Ich muss mit meinen Strahlen
Das farbenlose Meer
Das farbenlose Meer
Der ganzen Gottheit malen.
Der ganzen Gottheit malen.
Es wäre lächerlich, anzunehmen, dass derart kühne Gedanken, wie die des Meister Eckehart nichts als leere Erfindungen bewusster Spekulation wären. Solche Gedanken sind immer historisch bedeutsame Phänomene, welche getragen sind von unbewussten Strömungen in der Collektivpsyche: Tausende von Andern, Namenlosen, stehen dahinter mit ähnlichen Gedanken und Gefühlen unter der Schwelle des Bewusstseins, bereit die Tore einer neuen Zeit zu öffnen. In der Kühnheit dieser Gedanken spricht sich die Unbekümmertheit und unerschütterliche Sicherheit des unbewussten Geistes aus, der mit der Konsequenz eines Naturgesetzes eine geistige Wandlung und Erneuerung herbeiführen wird. Mit der Reformation erreichte die Strömung allgemein die Oberfläche des Taglebens. Die Reformation beseitigte in hohem Masse die Kirche als Vermittlerin des Heiles und stellte wieder die persönliche Beziehung zu Gott her. Damit war der Gipfel der grössten Objektivation der Gottesidee überschritten und von da an subjektiviert sich der Gottesbegriff wieder mehr und mehr. Die Aufsplitterung in Sekten ist logische Konsequenz dieses Subjektivierungsprozesses. Die äusserste Folge davon ist der Individualismus, der eine neue Form der „Abgeschiedenheit“ darstellt und dessen unmittelbare Gefahr das Untertauchen in die unbewusste Dynamis ist. Der Kult der „blonden Bestie“ stammt aus dieser Entwicklung und noch vieles andere, was unsere Zeit vor andern Zeiten auszeichnet. Sobald aber dieses Untertauchen in den Trieb stattfindet, so erhebt sich auf der andern Seite auch immer wieder der Widerstand gegen das rein Gestaltlose, Chaotische der blossen Dynamis, das Bedürfnis nach Form und Gesetz. Indem die Seele in den Strom taucht, muss sie auch das Symbol schaffen, das die Kraft in sich fasst, festhält und ausdrückt. Diesen Prozess in der Collektivpsyche fühlen oder ahnen diejenigen Dichter und Künstler, welche hauptsächlich aus den Wahrnehmungen des Unbewussten, also aus unbewussten Inhalten schaffen, und deren geistiger Horizont weit genug ist, um die Hauptprobleme der Zeit, in ihrer äussern Erscheinung wenigstens, zu fassen.
SpittelersPrometheus setzt an einem psychologischen Wendepunkt ein: er schildert das Auseinanderfallen der Gegensatzpaare, die früher noch beisammen waren. Prometheus, der Bildner, der Diener der Seele, verschwindet aus dem Kreis der Menschen; die menschliche Gesellschaft selber, seelenloser Moralroutine gehorchend, verfällt dem Behemoth, den gegensätzlichen, destruktiven Folgen eines überlebten Ideals. Zu rechter Zeit schafft Pandora (die Seele) im Unbewussten das rettende Kleinod, das die Menschheit nicht erreicht, weil letztere es nicht versteht. Die Wendung zum Bessern erfolgt erst durch das Eingreifen der prometheischen Tendenz, die vermöge der Einsicht und des Verstehens, erst wenige, dann viele Menschen zur Besinnung bringt. Es kann natürlich nicht anders sein, als dass dieses Werk seine Wurzeln im intimen Erleben des Schöpfers hat. Wenn es aber nur in einer poetischen Elaboration dieser rein persönlichen Erlebnisse bestünde, so würde ihm die Allgemeingültigkeit und Dauerhaftigkeit in hohem Masse mangeln. Weiles aber nicht nur Persönliches, sondern in der Hauptsache collektive Probleme unserer Zeit auch als persönliche erlebt, darstellt und behandelt, so kommt ihm Allgemeingültigkeit zu. Zugleich musste es aber auch bei seinem ersten Erscheinen auf die Teilnahmlosigkeit der Zeitgenossen stossen, denn die Zeitgenossen sind jeweils in der grossen Mehrzahl dazu berufen, die unmittelbare Gegenwart aufrecht zu erhalten und zu preisen und auf diese Weise jenen fatalen Ausgang herbeizuführen, dessen Verwicklung der vorausahnende schöpferische Geist schon zu lösen versucht hat.