Chapter 32

II. Die Einstellung des Unbewussten.

Es erscheint vielleicht befremdlich, wenn ich von einer „Einstellung des Unbewussten“ spreche. Wie ich hinlänglich auseinandergesetzt habe, denke ich mir die Beziehung des Unbewussten zum Bewusstsein als compensatorisch. Nach dieser Ansicht käme dem Unbewussten ebensowohl eine Einstellung zu wie dem Bewusstsein.

Ich habe im vorangehenden Abschnitt die Tendenz der extravertierten Einstellung zu einer gewissen Einseitigkeit hervorgehoben, nämlich die Vormachtstellung des objektiven Faktors im Ablauf des psychischen Geschehens. Der extravertierte Typus ist stets versucht, sich (anscheinend) zu Gunsten des Objektes wegzugeben und sein Subjekt dem Objekt zu assimilieren. Ich habe ausführlich auf die Konsequenzen, die sich ausder Übertreibung der extravertierten Einstellung ergeben können, hingewiesen, nämlich auf die schädliche Unterdrückung des subjektiven Faktors. Es steht demnach zu erwarten, dass eine psychische Compensation der bewussten extravertierten Einstellung das subjektive Moment besonders betonen wird, d. h. wir werden im Unbewussten eine stark egozentrische Tendenz nachzuweisen haben. Dieser Nachweis glückt der praktischen Erfahrung tatsächlich. Ich gehe hier auf das Casuistische nicht ein, sondern verweise auf die folgenden Abschnitte, wo ich bei jedem Funktionstypus die charakteristische Einstellung des Unbewussten darzustellen versuche. Insofern es in diesem Abschnitt bloss um die Compensation einer allgemeinen extravertierten Einstellung sich handelt, beschränke ich mich auf eine ebenso allgemeine Charakteristik der compensierenden Einstellung des Unbewussten. Die Einstellung des Unbewussten hat zu einer wirksamen Ergänzung der bewussten extravertierten Einstellung eine Art von introvertierendem Charakter. Es konzentriert die Energie auf das subjektive Moment, d. h. auf alle Bedürfnisse und Ansprüche, welche durch eine zu extravertierte bewusste Einstellung unterdrückt oder verdrängt sind. Es ist, wie schon aus dem vorangehenden Abschnitt einleuchten dürfte, leicht verständlich, dass eine Orientierung nach dem Objekt und dem objektiv Gegebenen eine Menge subjektiver Regungen, Meinungen, Wünsche und Notwendigkeiten vergewaltigt und jener Energie beraubt, die ihnen natürlicherweise zukommen sollte. Der Mensch ist ja keine Maschine, die man gegebenenfalls für ganz andere Zwecke umbauen kann und die dann in ganz anderer Weise ebenso regelmässig funktioniert wie vorher. Der Mensch trägt immer seine ganze Geschichte und die Geschichte der Menschheit mit sich. Der historische Faktor aber stellt ein vitales Bedürfnis dar, dem eine weise Ökonomie entgegenkommen muss. Das Bisherige muss im Neuenirgendwie zu Worte kommen und mitleben. Die gänzliche Assimilation an das Objekt stösst daher auf den Protest der unterdrückten Minorität des Bisherigen und des von Anfang an Gewesenen. Aus dieser ganz allgemeinen Überlegung ist es leicht verständlich, weshalb die unbewussten Ansprüche des extravertierten Typus einen eigentlich primitiven und infantilen, selbstischen Charakter haben. WennFreudvom Unbewussten sagt, dass es „nur wünschen“ könne, so gilt dies in hohem Masse für das Unbewusste des extravertierten Typus. Die Einpassung in und die Assimilation an das objektiv Gegebene verhindert die Bewusstmachung unzulänglicher subjektiver Regungen. Diese Tendenzen (Gedanken, Wünsche, Affekte, Bedürfnisse, Gefühle, usw.) nehmen entsprechend dem Grade ihrer Verdrängung regressiven Charakter an, d. h. sie werden, je weniger sie anerkannt sind, desto infantiler und archaïscher. Die bewusste Einstellung beraubt sie ihrer relativ disponiblen Energiebesetzungen und belässt ihnen nur das an Energie, was sie ihnen nicht nehmen kann. Dieser Rest, der immerhin noch von nicht zu unterschätzender Stärke ist, ist das, was man als ursprünglichen Instinkt bezeichnen muss. Der Instinkt kann durch willkürliche Massnahmen eines einzelnen Individuums nicht ausgerottet werden, dazu bedürfte es vielmehr der langsamen organischen Umwandlung vieler Generationen, denn der Instinkt ist der energetische Ausdruck einer bestimmten organischen Anlage. So bleibt schliesslich bei jeder unterdrückten Tendenz ein erheblicher Energiebeitrag, der der Instinktstärke entspricht, stehen und bewahrt seine Wirksamkeit, obgleich er durch Energieberaubung unbewusst wurde. Je vollkommener die bewusste extravertierte Einstellung ist, desto infantiler und archaïscher ist die unbewusste Einstellung. Es ist bisweilen ein das Kindische weit überschreitender und an das Ruchlose streifender brutaler Egoismus, welcher die unbewusste Einstellung charakterisiert. Hierfinden wir jene Inzestwünsche, die Freud beschreibt, in vollster Blüte. Es ist selbstverständlich, dass diese Dinge gänzlich unbewusst sind und auch dem Auge des laienhaften Beobachters verborgen bleiben, solange die extravertierte bewusste Einstellung keinen höhern Grad erreicht. Kommt es aber zu einer Übertreibung des bewussten Standpunktes, so tritt auch das Unbewusste symptomatisch zu Tage, d. h. der unbewusste Egoismus, Infantilismus und Archaïsmus verliert seinen ursprünglichen compensatorischen Charakter, indem er in mehr oder weniger offene Opposition gegen die bewusste Einstellung tritt. Dies geschieht zunächst in einer absurden Übertreibung des bewussten Standpunktes, welche zu einer Unterdrückung des Unbewussten dienen soll, die aber in der Regel mit einer reductio ad absurdum der bewussten Einstellung endet, d. h. mit einem Zusammenbruch. Die Katastrophe kann eine objektive sein, indem die objektiven Zwecke allmählich in subjektive verfälscht werden. So hatte sich z. B. ein Buchdrucker in zwei Jahrzehnte langer harter Arbeit vom blossen Angestellten zum selbständigen Besitzer eines sehr ansehnlichen Geschäftes emporgearbeitet. Das Geschäft dehnte sich mehr und mehr aus und er geriet mehr und mehr hinein, indem er allmählich alle seine Nebeninteressen darin aufgehen liess. Dadurch wurde er aufgeschluckt, und dies gereichte ihm in folgender Weise zum Verderben: Unbewusst wurden zur Compensation seiner ausschliesslichen Geschäftsinteressen gewisse Erinnerungen aus seiner Kindheit lebendig. Damals hatte er nämlich eine grosse Freude am Malen und Zeichnen. Anstatt dass er nun diese Fähigkeit als balancierende Nebenbeschäftigung an und für sich aufgenommen hätte, kanalisierte er sie in sein Geschäft und begann von einer „künstlerischen“ Ausgestaltung seiner Produkte zu phantasieren. Unglücklicherweise wurden die Phantasien Wirklichkeit: er begann tatsächlich nach seinem eigenen primitiven undinfantilen Geschmack zu produzieren, mit dem Erfolg, dass nach wenigen Jahren sein Geschäft zugrunde gerichtet war. Er hat nach einem unserer „Kulturideale“ gehandelt, wonach der tatkräftige Mann alles auf den einen Endzweck konzentrieren muss. Er ging aber zu weit und verfiel der Macht subjektiver, infantiler Ansprüche.

Die katastrophale Lösung kann aber auch subjektiver Art sein, nämlich in Gestalt eines nervösen Zusammenbruches. Ein solcher kommt immer dadurch zu Stande, dass die unbewusste Gegenwirkung die bewusste Aktion schliesslich zu lähmen vermag. In diesem Fall drängen sich die Ansprüche des Unbewussten kategorisch dem Bewusstsein auf und erregen dadurch einen unheilvollen Zwiespalt, der sich meistens darin äussert, dass die Leute entweder nicht mehr wissen, was sie eigentlich wollen, zu nichts mehr Lust haben, oder zu viel auf einmal wollen und zu viel Lust haben, aber zu unmöglichen Dingen. Die aus Kulturgründen öfters notwendige Niederhaltung der infantilen und primitiven Ansprüche führt leicht zur Neurose oder zum Missbrauch von narkotischen Stoffen, wie Alkohol, Morphium, Cocain usw. In noch schwereren Fällen endet der Zwiespalt mit Selbstmord. Es ist eine hervorstechende Eigentümlichkeit der unbewussten Tendenzen, dass sie nämlich in dem Masse, als sie durchbewusste Nichtanerkennungihrer Energien beraubt werden, einen destruktiven Charakter annehmen, und das, sobald sie aufhören, compensatorisch zu sein. Sie hören aber dann auf, compensatorisch zu wirken, wenn sie jenen Tiefstand erreicht haben, der einem Kulturniveau entspricht, welches mit dem unsrigen absolut unverträglich ist. Von diesem Augenblick an bilden die unbewussten Tendenzen einen der bewussten Einstellung in jeder Hinsicht entgegengesetzten Block, dessen Existenz zum offenen Konflikt führt. Die Tatsache, dass die Einstellung des Unbewussten die desBewusstseins compensiert, kommt im allgemeinen im psychischen Gleichgewicht zum Ausdruck. Eine normale extravertierte Einstellung bedeutet natürlich niemals, dass das Individuum nun immer und überall sich nach dem extravertierten Schema benimmt. Unter allen Umständen werden bei demselben Individuum, viele psychologische Geschehnisse, wo der Mechanismus der Introversion in Frage kommt, zu beobachten sein. Extravertiert nennen wir einen Habitus ja nur, wenn der Mechanismus der Extraversion vorwiegt. In diesem Fall ist dann stets die am meisten differenzierte psychische Funktion in extravertierter Anwendung, während die minderdifferenzierten Funktionen sich in introvertierter Anwendung befinden, d. h. die höherwertige Funktion ist am meisten bewusst und unterliegt der Bewusstseinskontrolle und der bewussten Absicht am völligsten, während die minderdifferenzierten Funktionen auch weniger bewusst, resp. zum Teil unbewusst sind und in weit geringerm Masse bewusster Willkür unterworfen sind. Die höherwertige Funktion ist immer der Ausdruck der bewussten Persönlichkeit, ihre Absicht, ihr Wille und ihre Leistung, während die minder differenzierten Funktionen zu den Dingen gehören, die einem passieren. Es brauchen nicht gerade lapsus linguae oder calami oder sonstige Versehen zu sein, sondern sie können auch halben oder dreiviertels Absichten entspringen, indem die minderdifferenzierten Funktionen auch geringere Bewusstheit besitzen. Ein klassisches Beispiel hiefür ist der extravertierte Gefühlstypus, der sich eines ausgezeichneten Gefühlsrapportes mit seiner Umgebung erfreut, dem es aber passiert, gelegentlich Urteile von unübertrefflicher Taktlosigkeit zu äussern. Diese Urteile entspringen seinem minderdifferenzierten und minderbewussten Denken, das nur zum Teil unter seiner Kontrolle steht und zudem ungenügend auf das Objekt bezogen ist, daher es als in hohem Masse rücksichtslos wirken kann.

Die minderdifferenzierten Funktionen in der extravertierten Einstellung verraten stets eine ausserordentlich subjektive Bedingtheit von ausgesprochener Egozentrizität und persönlicher Voreingenommenheit, womit sie ihren nahen Zusammenhang mit dem Unbewussten erweisen. In ihnen tritt das Unbewusste beständig zu Tage. Man muss sich überhaupt nicht vorstellen, dass das Unbewusste dauernd unter so und so vielen Überlagerungen begraben liege und gewissermassen nur durch eine mühsame Tiefbohrung entdeckt werden könne. Das Unbewusste fliesst im Gegenteil beständig in das bewusste psychologische Geschehen ein, und zwar in so hohem Masse, dass es dem Beobachter bisweilen schwer fällt, zu entscheiden, welche Charaktereigenschaften der bewussten und welche der unbewussten Persönlichkeit zuzurechnen sind. Diese Schwierigkeit tritt hauptsächlich ein bei Personen, die sich in etwas reichlicherm Masse als andere ausdrücken. Es hängt natürlich auch sehr ab von der Einstellung des Beobachters, ob er mehr den bewussten oder den unbewussten Charakter einer Persönlichkeit erfasst. Im allgemeinen wird ein urteilend eingestellter Beobachter eher den bewussten Charakter erfassen, während ein wahrnehmend eingestellter Beobachter mehr durch den unbewussten Charakter beeinflusst sein wird, denn das Urteil interessiert sich mehr für die bewusste Motivierung des psychischen Geschehens, während die Wahrnehmung mehr das blosse Geschehen registriert. Insofern wir aber Wahrnehmung und Urteil in gleichem Masse verwenden, kann es uns leicht geschehen, dass uns eine Persönlichkeit zugleich als introvertiert und extravertiert vorkommt, ohne dass wir zunächst anzugeben wüssten, welcher Einstellung die höherwertige Funktion zugehört. In solchen Fällen kann nur eine gründliche Analyse der Funktionseigenschaften zu einer gültigen Auffassung verhelfen. Dabei ist zu beachten, welche Funktion der Bewusstseinskontrolle und -motivation gänzlich unterstellt ist, und welche Funktionen den Charakter des Zufälligen und Spontanen haben. Die erstere Funktion ist immer höher differenziert als die letztern, die zudem etwas infantile und primitive Eigenschaften besitzen. Gelegentlich macht die erstere Funktion den Eindruck der Normalität, während letztere etwas Abnormes oder Pathologisches an sich haben.


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