Chapter 34

2. Der extravertierte Denktypus.

Wie die Erfahrung zeigt, haben die psychologischen Grundfunktionen in einem und demselben Individuum selten oder so gut wie nie alle dieselbe Stärke oder denselben Entwicklungsgrad. In der Regel überwiegt die eine oder andere Funktion sowohl an Stärke wie an Entwicklung. Wenn nun dem Denken dasPrimatunter den psychologischen Funktionen zufällt, d. h. wenn das Individuum seine Lebensleistung hauptsächlich unter der Führung denkender Überlegung vollbringt, sodass alle irgendwie wichtigen Handlungen aus intellektuell gedachten Motiven hervorgehen oder doch wenigstens der Tendenz gemäss hervorgehen sollten, so handelt es sich um einenDenktypus. Ein solcher Typus kann introvertiert oder extravertiert sein: Wir beschäftigen uns hier zunächst mit demextravertierten Denktypus. Dieser wird also, der Definition gemäss, ein Mensch sein, der das Bestreben hat — natürlich nur, insofern er ein reiner Typus ist — seine gesammte Lebensäusserung in die Abhängigkeit von intellektuellen Schlüssen zu bringen, die sich in letzter Linie stets am objektiv Gegebenen, entweder an objektiven Tatsachen oder allgemein gültigen Ideen orientieren. Dieser Typus Mensch verleiht nicht nur sich selber, sondern auch seiner Umgebung gegenüber der objektiven Tatsächlichkeit, resp. ihrer objektiv orientierten intellektuellen Formel die ausschlaggebende Macht. An dieser Formel wird Gut und Böse gemessen, wird schön und hässlich bestimmt. Richtig ist alles, was dieser Formel entspricht, unrichtig, was ihr widerspricht, und zufällig, was indifferent neben ihr herläuft. Weil diese Formel dem Weltsinn entsprechend erscheint, so wird sie auch zum Weltgesetz, das immer und überall zur Verwirklichung gelangen muss im einzelnen sowohl wie im allgemeinen. Wie der extravertierte Denktypus sich seiner Formel unterordnet, somuss es auch seine Umgebung tun zu ihrem eigenen Heile, denn wer es nicht tut, ist unrichtig, er widerstrebt dem Weltgesetz, ist daher unvernünftig, unmoralisch und gewissenlos. Seine Moral verbietet dem extravertierten Denktypus Ausnahmen zu dulden, denn sein Ideal muss unter allen Umständen Wirklichkeit werden, denn es ist, wie es ihm erscheint, reinste Formulierung objektiver Tatsächlichkeit und muss daher auch allgemein gültige Wahrheit sein, unerlässlich zum Heile der Menschheit. Dies nicht etwa aus Nächstenliebe, sondern vom höhern Gesichtspunkt der Gerechtigkeit und Wahrheit aus. Alles, was in seiner eigenen Natur dieser Formel als widersprechend empfunden wird, ist bloss Unvollkommenheit, ein zufälliges Versagen, das bei nächster Gelegenheit ausgemerzt sein wird, oder wenn dies nicht gelingt, so ist es krankhaft. Wenn die Toleranz mit dem Kranken, Leidenden und Abnormen einen Bestandteil der Formel bilden sollte, so wird dafür eine spezielle Einrichtung getroffen, z. B. Rettungsanstalten, Spitäler, Gefängnisse, Kolonien etc. resp. Pläne und Entwürfe dazu. Zur wirklichen Ausführung reicht das Motiv der Gerechtigkeit und Wahrheit in der Regel nicht aus, es bedarf dazu noch der wirklichen Nächstenliebe, die mehr mit dem Gefühl zu tun hat, als mit einer intellektuellen Formel. Das „man sollte eigentlich“ oder „man müsste“ spielt eine grosse Rolle. Ist die Formel aber weit genug, so kann dieser Typus als Reformator, als öffentlicher Ankläger und Gewissensreiniger oder als Propagator wichtiger Neuerungen eine dem sozialen Leben äusserst nützliche Rolle spielen. Je enger aber die Formel ist, desto mehr wird dieser Typus zum Nörgler, Vernünftler und selbstgerechten Kritiker, der sich und andere in ein Schema pressen möchte. Damit sind zwei Endpunkte angegeben, zwischen denen sich die Mehrzahl dieser Typen bewegt.

Entsprechend dem Wesen der extravertierten Einstellung sind die Wirkungen und Äusserungen dieser Persönlichkeiten umso günstiger oder besser, je weiter aussen sie liegen. Ihr bester Aspekt findet sich an der Peripherie ihrer Wirkungssphäre. Je tiefer man in ihren Machtbereich eindringt, desto mehr machen sich ungünstige Folgen ihrer Tyrannei bemerkbar. An der Peripherie pulsiert noch anderes Leben, das die Wahrheit der Formel als schätzenswerte Zugabe zum übrigen empfindet. Je tiefer man aber in den Machtbereich der Formel eintritt, desto mehr stirbt alles Leben ab, das der Formel nicht entspricht. Am meisten bekommen die eigenen Angehörigen die übeln Folgen einer extravertierten Formel zu kosten, denn sie sind die ersten, die unerbittlich damit beglückt werden. Am allermeisten aber leidet darunter das Subjekt selber, und damit kommen wir nun zur andern Seite der Psychologie dieses Typus.

Der Umstand, dass es keine intellektuelle Formel je gegeben hat, noch je geben wird, welche die Fülle des Lebens und seiner Möglichkeiten in sich fassen und passend ausdrücken könnte, bewirkt eine Hemmung, resp. Ausschliessung anderer wichtiger Lebensformen und Lebensbetätigungen. In erster Linie werden es bei diesem Typus Mensch alle vom Gefühl abhängigen Lebensformen sein, welche der Unterdrückung verfallen, also z. B. ästhetische Betätigungen, der Geschmack, der Kunstsinn, die Pflege der Freundschaft usw. Irrationale Formen, wie religiöse Erfahrungen, Leidenschaften und dergleichen sind oft bis zur völligen Unbewusstheit ausgetilgt. Diese unter Umständen ausserordentlich wichtigen Lebensformen fristen ein zum grössten Teil unbewusstes Dasein. Obschon es Ausnahmemenschen gibt, die ihr ganzes Leben einer bestimmten Formel zum Opfer bringen können, so sind doch die meisten nicht imstande, eine solche Ausschliesslichkeit auf die Dauer zu leben. Früher oder später — je nach äussern Umständen und innerer Veranlagung — werden sich die durch die intellektuelle Einstellung verdrängten Lebensformen indirekt bemerkbar machen, indem sie die bewusste Lebensführung stören. Erreicht diese Störung einen erheblichen Grad, so spricht man von einer Neurose. In den meisten Fällen kommt es allerdings nicht so weit, indem das Individuum instinktiv einige präventive Milderungen der Formel sich gestattet, allerdings mittels einer passenden vernünftigen Einkleidung. Damit ist ein Sicherheitsventil geschaffen.

Infolge der relativen oder gänzlichen Unbewusstheit der von der bewussten Einstellung ausgeschlossenen Tendenzen und Funktionen bleiben diese in einem relativ unentwickelten Zustand stecken. Sie sind gegenüber der bewussten Funktion minderwertig. Insoweit sie unbewusst sind, sind sie mit den übrigen Inhalten des Unbewussten verschmolzen, wodurch sie einen bizarren Charakter annehmen. Insoweit sie bewusst sind, spielen sie eine sekundäre Rolle, wenn schon sie für das psychologische Gesamtbild von beträchtlicher Bedeutung sind. Von der vom Bewusstsein ausgehenden Hemmung sind in erster Linie die Gefühle betroffen, denn sie widersprechen am ehesten einer starren intellektuellen Formel, daher sie auch am intensivsten verdrängt werden. Ganz ausgeschaltet kann keine Funktion werden, sondern bloss erheblich entstellt. Soweit sich die Gefühle willkürlich formen und unterordnen lassen, müssen sie die intellektuelle Bewusstseinseinstellung unterstützen und ihren Absichten sich anpassen. Dies ist aber nur bis zu einem gewissen Grade möglich; ein Teil des Gefühles bleibt unbotmässig und muss deshalb verdrängt werden. Gelingt die Verdrängung, so entschwindet es dem Bewusstsein und entfaltet dann unter der Schwelle des Bewusstseins eine den bewussten Absichten zuwiderlaufende Tätigkeit, welche unter Umständen Effekte erzielt, deren Zustandekommen dem Individuum ein völliges Rätselist. So wird z. B. der bewusste oft außerordentliche Altruismus durchkreuzt von einer heimlichen, dem Individuum selber verborgenen Selbstsucht, welche im Grunde genommen uneigennützigen Handlungen den Stempel der Eigennützigkeit aufdrückt. Reine ethische Absichten können das Individuum in kritische Situationen führen, wo es bisweilen mehr als bloss den Anschein hat, als ob ganz andere als ethische Motive ausschlaggebend wären. Es sind freiwillige Retter oder Sittenwächter, welche plötzlich selber als rettungsbedürftig oder als compromittiert erscheinen. Ihre Rettungsabsicht führt sie gerne zum Gebrauche von Mitteln, die geeignet sind, eben das herbeizuführen, was man vermeiden wollte. Es gibt extravertierte Idealisten, welche ihrem Ideal dermassen zur Verwirklichung zum Heile der Menschen verhelfen wollen, dass sie selbst vor Lügen und sonstigen unredlichen Mitteln nicht zurückschrecken. Es gibt in der Wissenschaft mehrere peinliche Beispiele, wo hochverdiente Forscher aus tiefster Überzeugung von der Wahrheit und Allgemeingültigkeit ihrer Formel Fälschungen von Belegen zu Gunsten ihres Ideales begangen haben. Dies nach der Formel: Der Zweck heiligt die Mittel. Nur eine minderwertige Gefühlsfunktion, die unbewusst verführend am Werke ist, kann solche Verirrungen bei sonst hochstehenden Menschen bewirken.

Die Minderwertigkeit des Gefühls bei diesem Typus äussert sich auch noch in anderer Weise. Die bewusste Einstellung ist, wie es der vorherrschenden sachlichen Formel entspricht, mehr oder weniger unpersönlich, oft in dem Masse, dass die persönlichen Interessen erheblich darunter leiden. Ist die bewusste Einstellung extrem, so fallen alle persönlichen Rücksichten fort, auch solche gegen die eigene Person. Die eigene Gesundheit wird vernachlässigt, die soziale Position gerät in Verfall, die eigene Familie wird oft in ihren vitalsten Interessen vergewaltigt, gesundheitlich,finanziell und moralisch geschädigt, alles im Dienste des Ideals. Auf alle Fälle leidet die persönliche Anteilnahme am andern, insofern dieser nicht zufällig ein Förderer derselben Formel ist. Es kommt daher nicht selten vor, dass die engere Familie, z. B. gerade die eigenen Kinder einen solchen Vater nur als grausamen Tyrannen kennen, während die weitere Umgebung vom Ruhme seiner Menschlichkeit widerhallt. Nicht etwa trotz, sondern gerade wegen der hohen Unpersönlichkeit der bewussten Einstellung sind die Gefühle unbewusst ausserordentlich persönlich empfindlich und verursachen gewisse heimliche Vorurteile, namentlich eine gewisse Bereitschaft, z. B. eine objektive Opposition gegen die Formel als ein persönliches Übelwollen zu missverstehen, oder stets eine negative Voraussetzung von den Qualitäten anderer zu machen, um deren Argumente im voraus zu entkräften, natürlich zum Schutz der eigenen Empfindlichkeit. Durch die unbewusste Empfindlichkeit wird sehr oft der Ton der Sprache verschärft, zugespitzt, aggressiv. Insinuationen kommen häufig vor. Die Gefühle haben den Charakter des Nachträglichen und Nachhinkenden, wie es einer minderwertigen Funktion entspricht. Daher besteht eine ausgesprochene Anlage zum Ressentiment. So grosszügig die individuelle Aufopferung für das intellektuelle Ziel auch sein mag, so kleinlich misstrauisch, launisch und konservativ sind die Gefühle. Alles Neue, das nicht in der Formel schon enthalten ist, wird durch einen Schleier von unbewusstem Hass angesehen und dementsprechend beurteilt. Es ist um die Mitte des vorigen Jahrhunderts vorgekommen, dass ein wegen seiner Menschenfreundlichkeit berühmter Mediziner einen Assistenten fortzuschicken drohte, weil dieser ein Thermometer gebrauchte; denn die Formel lautet: das Fieber erkennt man am Pulse. Ähnliche Fälle gibt es bekanntlich eine Menge. Je stärker die Gefühle verdrängt sind, desto schlimmer und heimlicher beeinflussen sie das Denken, das sonst in tadelloser Verfassung sein kann. Der intellektuelle Standpunkt, der vielleicht um seines ihm tatsächlich zukommenden Wertes willen auf eine allgemeine Anerkennung Anspruch erheben dürfte, erfährt durch den Einfluss der unbewussten persönlichen Empfindlichkeit eine charakteristische Veränderung: er wird dogmatisch-starr. Die Selbstbehauptung der Persönlichkeit wird auf ihn übertragen. Die Wahrheit wird ihrer natürlichen Wirkung nicht mehr überlassen, sondern durch die Identifikation des Subjektes mit ihr wird sie behandelt wie ein empfindsames Püppchen, dem ein böser Kritiker ein Leid angetan hat. Der Kritiker wird heruntergerissen, womöglich noch mit persönlichen Invektiven, und kein Argument ist unter Umständen schlecht genug, um nicht verwendet zu werden. Die Wahrheit muss vorgeführt werden, bis es dem Publikum anfängt klar zu werden, dass es sich offenbar weniger um die Wahrheit, als um ihren persönlichen Erzeuger handelt.

Der Dogmatismus des intellektuellen Standpunktes erfährt aber bisweilen durch die unbewusste Einmischung der unbewussten persönlichen Gefühle noch weitere eigentümliche Veränderungen, welche weniger auf dem Gefühl sensu strictiori beruhen, als vielmehr auf der Beimischung von andern unbewussten Faktoren, die mit dem verdrängten Gefühl im Unbewussten verschmolzen sind. Trotzdem die Vernunft selber beweist, dass jede intellektuelle Formel nur eine beschränkt gültige Wahrheit sein und deshalb niemals einen Anspruch auf Alleinherrschaft erheben kann, so nimmt die Formel praktisch doch ein solches Übergewicht an, dass alle andern Standpunkte und Möglichkeiten neben ihr in den Hintergrund treten. Sie ersetzt jede allgemeinere, unbestimmtere und daher bescheidenere und wahrere Weltanschauung. Sie tritt daher auch an die Stelle jener allgemeinen Anschauung, die man als Religion bezeichnet. Dadurch wird die Formel zur Religion, auch wenn sie es dem Wesen nach nicht im Geringsten mit etwas Religiösem zu tun hat. Damit gewinnt sie auch den der Religion wesentlichen Charakter der Unbedingtheit. Sie wird sozusagen zum intellektuellen Aberglauben. Alle jene psychologischen Tendenzen jedoch, die durch sie verdrängt werden, sammeln sich als Gegenposition im Unbewussten an und bewirken Anwandlungen von Zweifel. Zur Abwehr der Zweifel wird die bewusste Einstellung fanatisch, denn Fanatismus ist nichts anderes als übercompensierter Zweifel. Diese Entwicklung führt schliesslich zu einer übertrieben verteidigten bewussten Position und zur Ausbildung einer absolut gegensätzlichen unbewussten Position, welche z. B. im Gegensatz zum bewussten Rationalismus äusserst irrational, im Gegensatz zur modernen Wissenschaftlichkeit des bewussten Standpunktes äusserst archaïsch und abergläubisch ist. Infolgedessen passieren dann jene aus der Geschichte der Wissenschaften bekannten bornierten und lächerlichen Ansichten, über die viele hochverdiente Forscher schliesslich gestolpert sind. Manchmal verkörpert sich die unbewusste Seite bei einem solchen Mann in einer Frau.

Dieser dem Leser gewiss wohlbekannte Typus findet sich nach meiner Erfahrung hauptsächlich bei Männern, wie überhaupt das Denken eine Funktion ist, die beim Manne weit eher zur Vorherrschaft geeignet ist, als bei der Frau. Wenn bei Frauen das Denken zur Herrschaft gelangt, so handelt es sich, soweit ich sehen kann, wohl meistens um ein Denken, das im Gefolge einer überwiegendintuitivenGeistestätigkeit steht.

Das Denken des extravertierten Denktypus istpositiv, d. h. es erschafft. Es führt entweder zu neuen Tatsachen oder zu allgemeinen Auffassungen disparater Erfahrungsmaterialien. Sein Urteil ist im allgemeinensynthetisch. Auch wenn es zerlegt,so baut es auf, indem es immer über die Auflösung hinausgeht zu einer neuen Zusammensetzung, zu einer andern Auffassung, die das Zerlegte in anderer Weise wieder vereinigt, oder indem es dem gegebenen Stoff etwas weiteres hinzufügt. Man könnte diese Art des Urteils daher auch im allgemeinen alsprädikativbezeichnen. Jedenfalls ist es charakteristisch, dass es niemals absolut entwertend oder destruktiv ist, sondern immer einen zerstörten Wert durch einen andern ersetzt. Diese Eigenschaft kommt daher, dass das Denken eines Denktypus sozusagen der Kanal ist, in dem seine Lebensenergie hauptsächlich fliesst. Das stetig fortschreitende Leben manifestiert sich in seinem Denken, wodurch sein Gedanke progressiven, zeugenden Charakter erhält. Sein Denken ist nicht stagnierend oder gar regressiv. Diese letztern Eigenschaften nimmt aber das Denken an, wenn ihm das Primat im Bewusstsein nicht zukommt. Da es in diesem Fall relativ bedeutungslos ist, so mangelt ihm auch der Charakter einer positiven Lebenstätigkeit. Es folgt andern Funktionen nach; es wird epimetheisch, indem es quasi zum Treppenwitz wird, der sich stets damit begnügt, das Vorangegangene und bereits Geschehene ruminierend nachzudenken, es zu zergliedern und zu verdauen. Da in diesem Fall das Schöpferische in einer andern Funktion liegt, so ist das Denken nicht mehr progressiv, sondern stagnierend. Sein Urteil nimmt einen ausgesprochenenInhärenzcharakteran, d. h. es beschränkt sich ganz auf den Umfang seines vorliegenden Stoffes, ihn nirgends überschreitend. Es genügt sich mit mehr oder weniger abstrakter Konstatierung, ohne dem Erfahrungsstoffe einen Wert zu erteilen, der nicht bereits von vornherein in ihm läge. Das Inhärenzurteil des extravertierten Denkens ist am Objekte orientiert, d. h. seine Konstatierung erfolgt immer im Sinne einer objektiven Bedeutung der Erfahrung. Es bleibt daher nicht nur unter dem orientierenden Einfluss des objektivGegebenen, sondern es bleibt sogar im Banne der einzelnen Erfahrung und sagt über diese nichts aus, was nicht schon bereits durch sie gegeben ist. Man kann dieses Denken leicht beobachten bei Leuten, die es nicht unterlassen können, hinter einen Eindruck oder eine Erfahrung eine vernünftige und zweifellos sehr gültige Bemerkung zu setzen, die aber in nichts über den gegebenen Umfang der Erfahrung hinausgeht. Eine solche Bemerkung besagt im Grunde nur: „Ich habe es verstanden, ich kann es nachdenken.“ Aber dabei hat es auch sein Bewenden. Ein solches Urteil bedeutet höchstens die Einreihung einer Erfahrung in einen objektiven Zusammenhang, wobei aber die Erfahrung schon ohne weiteres, als in diesen Rahmen gehörig, ersichtlich ist.

Besitzt aber eine andere Funktion als das Denken das Bewusstseinsprimat in einem irgendwie höhern Grade, so nimmt das Denken, soweit es dann überhaupt bewusst ist, und soweit es sich nicht in direkter Abhängigkeit von der vorherrschenden Funktion befindet,negativenCharakter an. So weit das Denken der vorherrschenden Funktion untergeordnet ist, kann es allerdings als positiv erscheinen, aber eine nähere Untersuchung kann unschwer nachweisen, dass es einfach die vorherrschende Funktion nachspricht, sie mit Argumenten stützt, oft in unverkennbarem Widerspruch mit den dem Denken eigenen Gesetzen der Logik. Dieses Denken fällt also für unsere vorliegende Betrachtung fort. Wir beschäftigen uns vielmehr mit der Beschaffenheit jenes Denkens, das sich dem Primat einer andern Funktion nicht unterordnen kann, sondern seinem eigenen Prinzip treu bleibt. Die Beobachtung und Untersuchung dieses Denkens ist schwierig, weil es im concreten Fall stets mehr oder weniger verdrängt ist durch die Einstellung des Bewusstseins. Es muss daher meistens erst aus den Hintergründen des Bewusstseins hervorgeholt werden, wenn es nicht zufälligerweise ineinem unbewachten Moment einmal an die Oberfläche kommt. Meist muss man es mit der Frage hervorlocken: „Aber was denken Sie denn eigentlich, im Grunde genommen und so ganz bei Ihnen von der Sache?“ Oder man muss sogar zu einer List greifen und die Frage etwa so formulieren: „Was denken Sie denn, dass ich von dieser Sache denke?“ Diese letztere Form muss nämlich dann gewählt werden, wenn das eigentliche Denken unbewusst und darum projiziert ist. Das Denken, das auf diese Weise an die Oberfläche des Bewusstseins gelockt wird, hat charakteristische Eigenschaften, um derentwillen ich es eben alsnegativbezeichne. Sein Habitus ist am besten gekennzeichnet durch die beiden Worte „nichts als“.Goethehat dieses Denken in der Figur des Mephistopheles personifiziert. Vor allem zeigt es die Tendenz, den Gegenstand seines Urteilens auf irgend eine Banalität zurückzuführen und ihn einer eigenen selbständigen Bedeutung zu entkleiden. Dies geschieht dadurch, dass er als in Abhängigkeit von einer andern banalen Sache befindlich dargestellt wird. Ergibt sich zwischen zwei Männern ein Konflikt von anscheinend sachlicher Natur, so sagt das negative Denken: „Cherchez la femme.“ Verficht oder propagiert jemand eine Sache, so fragt das negative Denken nicht nach der Bedeutung der Sache, sondern: „Wieviel verdient er dabei?“ DasMoleschottzugeschriebene Wort: „Der Mensch ist, was er isst“, gehört ebenfalls in dieses Kapitel, wie noch viele andere Aussprüche und Anschauungen, die ich nicht wörtlich anzuführen brauche. Das Destruktive dieses Denkens sowohl, wie eine gegebenenfalls beschränkte Nützlichkeit bedarf wohl keiner weitern Erklärung. Es gibt nun aber noch eine andere Form des negativen Denkens, die man auf den ersten Blick wohl kaum als solche erkennen würde, und das ist dastheosophischeDenken, das sich heute rapide in allen Weltteilen ausbreitet, vielleicht als eineReaktionserscheinung auf den Materialismus der unmittelbar vorausgegangenen Epoche. Das theosophische Denken ist anscheinend keineswegs reduktiv, sondern erhöht alles zu transscendenten und weltumfassenden Ideen. Ein Traum, z. B., ist nicht mehr ein bescheidener Traum, sondern ein Erlebnis auf einer „andern Ebene“. Die vorderhand noch unerklärbare Tatsache der Telepathie erklärt sich sehr einfach durch „Vibrationen“, die von einem zum andern gehen. Eine gewöhnliche nervöse Störung ist sehr einfach dadurch erklärt, dass dem Astralkörper etwas zugestossen ist. Gewisse anthropologische Eigentümlichkeiten der atlantischen Küstenbewohner erklären sich leicht durch den Untergang der Atlantis, usw. Man braucht nur ein theosophisches Buch zu öffnen, um von der Erkenntnis erdrückt zu werden, dass alles schon erklärt ist, und dass die „Geisteswissenschaft“ überhaupt keine Rätsel mehr übrig gelassen hat. Diese Art des Denkens ist im Grunde genommen ebenso negativ wie das materialistische Denken. Wenn letzteres die Psychologie als chemische Veränderungen der Ganglienzellen oder als ein Ausstrecken und Zurückziehen der Zellfortsätze oder als innere Sekretion auffasst, so ist dies genau so abergläubisch wie die Theosophie. Der einzige Unterschied liegt darin, dass der Materialismus auf die uns geläufige Physiologie reduziert, während die Theosophie alles auf Begriffe der indischen Metaphysik bringt. Wenn man den Traum auf einen überladenen Magen zurückführt, so ist damit doch der Traum nicht erklärt, und wenn man die Telepathie als „Vibration“ erklärt, so ist damit ebenso wenig gesagt. Denn was ist „Vibration“? Beide Erklärungsmodi sind nicht nur impotent, sondern sie sind auch destruktiv, indem sie eine ernsthafte Erforschung des Problems dadurch verhindern, dass sie durch eine Scheinerklärung das Interesse von der Sache abziehen und in ersterm Fall dem Magen und in letzterm Fall den imaginären Vibrationen zuwenden. Beide Denkarten sind steril und sterilisierend. Die negative Qualität rührt davon her, dass dieses Denken so unbeschreiblich billig ist, d. h. arm an zeugender und schöpferischer Energie. Es ist ein Denken im Schlepptau anderer Funktionen.


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