4. Der extravertierte Fühltypus.
Insofern das Gefühl unbestreitbar eine sichtbarere Eigentümlichkeit der weiblichen Psychologie ist, als das Denken, so finden sich auch die ausgesprochensten Fühltypen beim weiblichen Geschlecht. Wenn das extravertierte Fühlen das Primat besitzt, so sprechen wir von einem extravertierten Fühltypus. Die Beispiele, die mir bei diesem Typus vorschweben, betreffen fast ohne Ausnahme Frauen. Diese Art Frau lebt nach der Richtschnur ihres Gefühls. Ihr Gefühl hat sich infolge derErziehung zu einer eingepassten und der Bewusstseinskontrolle unterworfenen Funktion entwickelt. In Fällen, die nicht extrem liegen, hat das Gefühl persönlichen Charakter, obschon das Subjektive bereits in höherm Masse unterdrückt wurde. Die Persönlichkeit erscheint daher als in die objektiven Verhältnisse eingepasst. Die Gefühle entsprechen den objektiven Situationen, und den allgemein gültigen Werten. Dies zeigt sich nirgends deutlicher als in der sog. Liebeswahl: Der „passende“ Mann wird geliebt, nicht irgend ein anderer; er ist passend, nicht etwa, weil er dem subjektiven verborgenen Wesen der Frau durchaus zusagte — das weiss sie meistens gar nicht —, sondern weil er in punkto Stand, Alter, Vermögen, Grösse und Respektabilität seiner Familie allen vernünftigen Anforderungen entspricht. Man könnte natürlich eine solche Formulierung leicht als ironisch und entwertend ablehnen, wenn ich nicht der vollen Überzeugung wäre, dass das Liebesgefühl dieser Frau ihrer Wahl auch vollkommen entspricht. Es ist ächt und nicht etwa vernünftige Mache. Solcher „vernünftigen“ Ehen gibt es unzählige, und es sind keineswegs die schlechtesten. Solche Frauen sind gute Gefährtinnen ihrer Männer und gute Mütter, solange ihre Männer oder Kinder die landesübliche psychische Konstitution besitzen. „Richtig“ fühlen kann man nur dann, wenn nichts anderes das Gefühl stört. Nichts stört aber das Fühlen so sehr wie das Denken. Es ist daher ohne weiteres begreiflich, dass das Denken bei diesem Typus möglichst unterdrückt wird. Damit soll nun keineswegs gesagt sein, dass eine solche Frau überhaupt nicht denke; im Gegenteil, sie denkt vielleicht sehr viel und sehr klug, aber ihr Denken ist niemals sui generis, sondern ein epimetheisches Anhängsel ihres Fühlens. Was sie nicht fühlen kann, kann sie auch bewusst nicht denken. „Ich kann doch nicht denken, was ich nicht fühle“, sagte mir einmal ein solcher Fall in entrüstetem Tone. Soweit es das Gefühlerlaubt, kann sie sehr gut denken, aber jeder noch so logische Schluss, der zu einem das Gefühl störenden Ergebnis führen könnte, wird a limine abgelehnt. Er wird einfach nicht gedacht. Und so wird alles, was objektiver Bewertung entsprechend gut ist, geschätzt oder geliebt; übriges scheint bloss ausserhalb ihrer selbst zu existieren. Dieses Bild ändert sich aber, wenn die Bedeutung des Objektes einen noch höhern Grad erreicht. Wie ich bereits oben erläuterte, erfolgt dann eine solche Assimilation des Subjektes an das Objekt, dass das Subjekt des Fühlens mehr oder weniger untergeht. Das Fühlen verliert den persönlichen Charakter, es wird Fühlen an sich, und man gewinnt den Eindruck, als ob sich die Persönlichkeit gänzlich in das jeweilige Gefühl auflöse. Da nun im Leben beständig Situationen miteinander abwechseln, welche verschiedene oder sogar miteinander kontrastierende Gefühlstöne auslösen, so löst sich die Persönlichkeit in ebenso viele verschiedene Gefühle auf. Man ist das eine Mal dies, das andere Mal etwas ganz anderes — anscheinend; denn in Wirklichkeit ist eine derartige Mannigfaltigkeit der Persönlichkeit etwas Unmögliches. Die Basis des Ich bleibt doch immerhin sich selber identisch und tritt deshalb in eine deutliche Opposition zu den wechselnden Gefühlszuständen. Infolgedessen fühlt der Beobachter das zur Schau getragene Gefühl nicht mehr als einen persönlichen Ausdruck des Fühlenden, sondern vielmehr als eine Alteration seines Ich, also eine Laune. Je nach dem Grade der Dissociation zwischen dem Ich und dem jeweiligen Gefühlszustand treten mehr oder weniger Zeichen des Uneinsseins mit sich selber auf, d. h. die ursprünglich compensierende Einstellung des Unbewussten wird zur manifesten Opposition. Dies zeigt sich zunächst in einer übertriebenen Gefühlsäusserung, z. B. in lauten und aufdringlichen Gefühlsprädikaten, die aber eine gewisse Glaubwürdigkeit vermissen lassen. Sie klingen hohl und überzeugen nicht. Sielassen im Gegenteil bereits die Möglichkeit erkennen, dass damit ein Widerstand übercompensiert wird, und dass darum ein solches Gefühlsurteil auch ganz anders lauten könnte. Und wenig später lautet es auch anders. Die Situation braucht sich nur um ein weniges zu ändern, um sofort eine ganz entgegengesetzte Bewertung desselben Objektes auf den Plan zu rufen. Das Ergebnis einer solchen Erfahrung ist, dass der Beobachter weder das eine noch das andere Urteil ernst nehmen kann. Er fängt an, sich sein eigenes Urteil zu reservieren. Da es nun aber diesem Typus vor allem darauf ankommt, einen intensiven Gefühlsrapport mit der Umgebung herzustellen, so werden verdoppelte Anstrengungen nötig sein, um die Reserve der Umgebung zu überwinden. Dies verschlimmert die Situation auf dem Wege des Circulus vitiosus. Je stärker die Gefühlsbeziehung zum Objekt betont wird, desto mehr nähert sich die unbewusste Opposition der Oberfläche.
Wir haben bereits gesehen, dass der extravertierte Fühltypus am meisten sein Denken unterdrückt, weil eben das Denken am ehesten geeignet ist, das Fühlen zu stören. Aus diesem Grunde schliesst ja auch das Denken, wenn es zu irgendwie reinen Resultaten gelangen will, am allermeisten das Fühlen aus, denn nichts ist so geeignet, das Denken zu stören und zu verfälschen, wie die Gefühlswerte. Das Denken des extravertierten Fühltypus ist daher, insofern es eine selbständige Funktion ist, verdrängt. Wie ich bereits erwähnte, ist es nicht ganz verdrängt, sondern nur insofern seine unerbittliche Logik zu Schlüssen zwingt, die dem Gefühl nicht passen. Es ist aber zugelassen als Diener des Gefühls, oder besser gesagt, als sein Sklave. Sein Rückgrat ist gebrochen, es kann sich nicht selber, seinem eigenen Gesetze gemäss, durchführen. Da es nun doch aber eine Logik und unerbittlich richtige Schlüsse gibt, so geschehen sie auch irgendwo, aber ausserhalb des Bewusstseins, nämlich im Unbewussten.Darum ist der unbewusste Inhalt dieses Typus in allererster Linie ein eigenartiges Denken. Dieses Denken ist infantil, archaïsch und negativ. Solange das bewusste Fühlen den persönlichen Charakter bewahrt, oder mit andern Worten: solange die Persönlichkeit nicht von den einzelnen Gefühlszuständen aufgeschluckt wird, verhält sich das unbewusste Denken compensierend. Wenn aber die Persönlichkeit sich dissociiert und sich in einzelne einander widersprechende Gefühlszustände auflöst, so geht die Identität des Ich verloren, das Subjekt wird unbewusst. Indem das Subjekt aber ins Unbewusste gerät, associiert es sich mit dem unbewussten Denken und verhilft dadurch dem unbewussten Denken zu gelegentlicher Bewusstheit. Je stärker die bewusste Gefühlsbeziehung ist und je mehr sie darum das Gefühl „ent-icht“, desto stärker wird auch die unbewusste Opposition. Dies äussert sich darin, dass gerade um die am höchsten bewerteten Objekte sich unbewusste Gedanken ansammeln, welche den Wert dieser Objekte erbarmungslos herunterreissen. Das Denken im Stile des „Nichts als“ ist hier durchaus am Platze, denn es zerstört die Übermacht des an Objekte geketteten Gefühls. Das unbewusste Denken erreicht die Oberfläche in Form von Einfällen, oft obsedierender Natur, deren allgemeiner Charakter immer negativ und entwertend ist. Es gibt darum bei Frauen von diesem Typus Momente, wo die schlimmsten Gedanken sich gerade an diejenigen Objekte heften, welche das Gefühl am höchsten wertet. Das negative Denken bedient sich aller infantilen Vorurteile oder Vergleiche, die geeignet sind, den Gefühlswert in Zweifel zu setzen, und es zieht alle primitiven Instinkte heran, um die Gefühle für „nichts als“ erklären zu können. Es ist mehr eine Seitenbemerkung, wenn ich hier erwähne, dass auf diese Weise auch das collektive Unbewusste, die Gesamtheit der primordialen Bilder, herangezogen wird, aus deren Bearbeitung sich dannwieder die Möglichkeit einer Regeneration der Einstellung auf einer andern Basis ergibt.
Die hauptsächlichste Neurosenform dieses Typus ist die Hysterie mit ihrer charakteristischen infantil-sexuellen unbewussten Vorstellungswelt.