10. Zusammenfassung der irrationalen Typen.
Ich bezeichne die beiden vorangegangenen Typen alsirrationalaus dem schon erörterten Grunde,dass sie ihr Tun und Lassen nicht auf Vernunfturteile gründen, sondern auf die absolute Stärke der Wahrnehmung. Ihre Wahrnehmung richtet sich auf das schlechthin Vorkommende, das keiner Auswahl durch Urteil unterliegt. In dieser Hinsicht haben die beiden letztern Typen eine bedeutende Überlegenheit über die beiden erstern, urteilenden Typen. Das objektiv Vorkommende ist gesetzmässig und zufällig. Insofern es gesetzmässig ist, ist es der Vernunft zugänglich, insofern es zufällig ist, ist es der Vernunft unzugänglich. Man könnte auch umgekehrt sagen, dass wir das am Vorkommenden als gesetzmässig bezeichnen, was unserer Vernunft so erscheint, und das als zufällig, worin wir keine Gesetzmässigkeit entdecken können. Das Postulat einer universalen Gesetzmässigkeit bleibt Postulat unserer Vernunft allein, ist aber keineswegs ein Postulat unserer Wahrnehmungsfunktionen. Da sie sich in keinerlei Weise auf das Prinzip der Vernunft und ihres Postulates gründen, so sind sie irrational ihrem Wesen nach. Daher ich auch die Wahrnehmungstypen als ihrem Wesen nach als irrational bezeichne. Es wäre aber ganz unrichtig, darum nun etwa diese Typen als „unvernünftig“ aufzufassen, weil sie das Urteil unter die Wahrnehmung stellen. Sie sind bloss in hohem Masseempirisch; sie gründen sich ausschliesslich auf Erfahrung, sogar dermassen ausschliesslich, dass ihr Urteil mit ihrer Erfahrung meistens nicht Schritt halten kann. Aber die Urteilsfunktionen sind trotzdem vorhanden, nur fristen sie ein zum grossen Teil unbewusstes Dasein. Insofern das Unbewusste trotz seiner Abtrennung vom bewussten Subjekt doch immer wieder in die Erscheinung tritt, so machen sich auch im Leben der irrationalen Typen auffallende Urteile und auffallende Wahlakte bemerkbar in Form von anscheinender Vernünftelei, kaltherziger Urteilerei und anscheinend absichtsvoller Auswahl von Personen und Situationen. Diese Züge tragen ein infantiles oder auchprimitives Gepräge; bisweilen sind sie auffallend naiv, bisweilen auch rücksichtslos, schroff und gewalttätig. Dem rational Eingestellten könnte es leicht erscheinen, als ob diese Leute ihrem wirklichen Charakter nach rationalistisch und absichtsvoll im schlimmen Sinne wären. Dieses Urteil würde aber bloss für ihr Unbewusstes gelten und keineswegs für ihre bewusste Psychologie, die ganz auf Wahrnehmung eingestellt ist und infolge ihres irrationalen Wesens dem vernünftigen Urteil ganz unfassbar ist. Einem rational Eingestellten kann es schliesslich vorkommen, als ob eine solche Zusammenhäufung von Zufälligkeiten überhaupt den Namen „Psychologie“ nicht verdiene. Der Irrationale macht dies abschätzige Urteil wett durch den Eindruck, den ihm der Rationale macht: er sieht ihn als etwas nur Halblebendiges an, dessen einziger Lebenszweck darin besteht, allem Lebendigen Vernunftfesseln anzulegen und ihm mit Urteilen den Hals zuzuschnüren. Das sind natürlich krasse Extreme, aber sie kommen vor. Vom Urteil des Rationalen könnte der Irrationale leicht als ein Rationaler minderer Güte dargestellt werden, wenn er nämlich aus dem erfasst wird, was ihm passiert. Ihm passiert nämlich nicht das Zufällige — darin ist er der Meister —, sondern das vernünftige Urteil und die vernünftige Absicht sind die Dinge, die ihm zustossen. Dies ist eine dem Rationalen kaum fassbare Tatsache, deren Unausdenkbarkeit bloss noch dem Erstaunen des Irrationalen gleichkommt, welcher jemanden entdeckt hat, der Vernunftideen höher stellt als das lebendige und wirkliche Vorkommen. Etwas dergleichen erscheint ihm kaum glaubhaft. In der Regel ist es schon hoffnungslos, ihm überhaupt etwas Prinzipielles in dieser Richtung vorsetzen zu wollen, denn eine rationale Verständigung ist ihm genau so unbekannt und sogar widerwärtig, wie dem Rationalen es unausdenkbar erschiene, einen Kontrakt ohne gegenseitige Aussprache und Verpflichtung herzustellen.
Dieser Punkt führt mich auf das Problem der psychischen Beziehung unter den Repräsentanten verschiedener Typen. Die psychische Beziehung wird in der neuern Psychiatrie in Anlehnung an die Sprache der französischen Hypnotistenschule als „Rapport“ bezeichnet. Der Rapport besteht in erster Linie in einemGefühl von bestehender Übereinstimmung, trotz anerkannter Verschiedenheit. Sogar die Anerkennung von bestehenden Verschiedenheiten, ist, insofern sie nur gemeinsam ist, allbereits ein Rapport, ein Übereinstimmungsgefühl. Wenn wir dieses Gefühl vorkommenden Falles in höherm Masse bewusst machen, so entdecken wir, dass es nicht bloss schlechthin ein Gefühl von nicht weiter zu analysierender Beschaffenheit ist, sondern zugleich eine Einsicht oder ein Erkenntnisinhalt, welcher den Punkt der Übereinstimmung in gedanklicher Form darstellt. Diese rationale Darstellung gilt nun ausschliesslich für den Rationalen, keineswegs aber für den Irrationalen, denn sein Rapport basiert nicht im Geringsten auf dem Urteil, sondern auf der Parallelität des Geschehenden, des lebendigen Vorkommens überhaupt. Sein Übereinstimmungsgefühl ist die gemeinsame Wahrnehmung einer Empfindung oder Intuition. Der Rationale würde sagen, der Rapport mit dem Irrationalen beruhe auf reiner Zufälligkeit. Wenn die objektiven Situationen zufälligerweise gerade stimmen, dann komme etwas wie eine menschliche Beziehung zustande, aber niemand wisse, von welcher Gültigkeit oder welcher Dauer diese Beziehung sei. Es ist dem Rationalen ein oft geradezu peinlicher Gedanke, dass die Beziehung genau solange dauert, als die äussern Umstände zufälligerweise eine Gemeinsamkeit aufweisen. Dies kommt ihm als nicht besonders menschlich vor, während der Irrationale gerade darin eine besonders schöne Menschlichkeit sieht. Das Resultat ist, dass der eine den andern als beziehungslos ansieht, als einen Menschen, auf den keinVerlass sei, und mit dem man nie richtig auskommen könne. Zu einem solchen Resultat gelangt man allerdings nur dann, wenn man sich bewusst Rechenschaft abzulegen versucht über die Art der Beziehung zum Mitmenschen. Da eine solche psychologische Gewissenhaftigkeit nicht allzu gewöhnlich ist, so ergibt es sich häufig, dass trotz einer absoluten Standpunktverschiedenheit eine Art Rapport zustande kommt und zwar in folgender Weise: Der eine setzt mit stillschweigender Projektion voraus, dass der andere in wesentlichen Punkten dieselbe Meinung habe, der andere aber ahnt oder empfindet eine objektive Gemeinsamkeit, von welcher aber der erstere keine bewusste Ahnung hat und deren Vorhandensein er auch sofort bestreiten würde, genau so, wie letzterer nie auf den Gedanken verfallen würde, dass seine Beziehung auf einer gemeinsamen Meinung beruhen sollte. Ein solcher Rapport ist das Allerhäufigste; er beruht auf Projektion, welche später zur Quelle von Missverständnissen wird. Die psychische Beziehung in der extravertierten Einstellung reguliert sich immer nach objektiven Faktoren, nach äussern Bedingungen. Das, was einer ist nach innen, ist niemals von ausschlaggebender Bedeutung. Für unsere gegenwärtige Kultur ist die extravertierte Einstellung zum Problem der menschlichen Beziehung im Prinzip massgebend; das introvertierte Prinzip kommt natürlich vor, gilt aber als Ausnahme und appelliert an die Toleranz der Mitwelt.