Chapter 44

II. Die unbewusste Einstellung.

Die überlegene Stellung des subjektiven Faktors im Bewusstsein bedeutet eine Minderwertung des objektiven Faktors. Das Objekt hat nicht jene Bedeutung, die ihm eigentlich zukommen sollte. Wie es in der extravertierten Einstellung eine zu grosse Rolle spielt, so hat es in der introvertierten Einstellung zu wenig zu sagen. In dem Masse, als das Bewusstsein des Introvertierten sich subjektiviert und dem Ich eine ungehörige Bedeutung zuerteilt, wird dem Objekt eine Position gegenüber gestellt, die auf die Dauer ganz unhaltbar ist. Das Objekt ist eine Grösse von unzweifelhafter Macht, während das Ich etwas sehr Beschränktes und Hinfälliges ist. Ein anderes wäre es, wenn das Selbst dem Objekt gegenüber träte. Selbst und Welt sind commensurable Grössen, daher eine normale introvertierte Einstellung ebenso viel Daseinsberechtigung und Gültigkeit hat, wie eine normale extravertierte Einstellung. Hat aber das Ich den Anspruch des Subjektes auf sich übernommen, so entsteht naturgemäss, zur Compensierung, eine unbewusste Verstärkung des Objekteinflusses. Diese Veränderung macht sich dadurch bemerkbar, dass trotz einer manchmal geradezu krampfhaften Anstrengung, dem Ich die Überlegenheit zu sichern, das Objekt und das objektiv Gegebene übermächtige Einflüsse entfalten, die umso unüberwindlicher sind, als sie das Individuum unbewusst erfassen und sich dadurch dem Bewusstsein unwiderstehlich aufdrängen. Infolge der mangelhaften Beziehung des Ich zum Objekt — Beherrschenwollen ist nämlich keine Anpassung — entsteht im Unbewussten eine compensatorische Beziehung zum Objekt, die sich im Bewusstsein als eine unbedingte und nicht zu unterdrückende Bindung an das Objekt geltend macht. Je mehr sich das Ich alle möglichen Freiheiten, Unabhängigkeiten, Verpflichtungslosigkeiten und Überlegenheiten zu sichern sucht, desto mehr gerät es in die Sklaverei des objektiv Gegebenen. Die Freiheit des Geistes wird an die Kette einer schmählichen, finanziellen Abhängigkeit gelegt, die Unbekümmertheit des Handelns erleidet eins ums andere Mal ein ängstliches Zusammenknicken vor der öffentlichen Meinung, die moralische Überlegenheit gerät in den Sumpf minderwertiger Beziehungen, die Herrscherlust endet mit einer kläglichen Sehnsucht nach dem Geliebtwerden. Das Unbewusste besorgt in erster Linie die Beziehung zum Objekt und zwar in einer Art und Weise, welche geeignet ist, die Machtillusion und die Überlegenheitsphantasie des Bewusstseins aufs Gründlichste zu zerstören. Das Objekt nimmt angsterregende Dimensionen an, trotz bewusster Heruntersetzung. Infolgedessen wird die Abtrennung und die Beherrschung des Objektes vom Ich noch heftiger betrieben. Schliesslich umgibt sich das Ich mit einem förmlichen System von Sicherungen (wie diesAdlerzutreffend geschildert hat), welche wenigstens den Wahn der Überlegenheit zu wahren suchen. Damit aber trennt sich der Introvertierte vom Objekte gänzlich ab und reibt sich völlig auf in Verteidigungsmassnahmen einerseits und in fruchtlosen Versuchen andererseits, dem Objekt zu imponieren und sich durchzusetzen. Diese Bemühungen werden aber beständig durchkreuzt durch die überwältigenden Eindrücke, die er vom Objekt erhält. Wider seinen Willen imponiert ihm das Objekt anhaltend, es verursacht ihm die unangenehmsten und nachhaltigsten Affekte und verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Er bedarf beständig einer ungeheuren, innern Arbeit, um „sich halten“ zu können. Daher ist seine typische Neurosenform diePsychasthenie, eine Krankheit, die einerseits durch eine grosse Sensitivität, andererseits durch grosse Erschöpfbarkeit und chronische Ermüdung gekennzeichnet ist.

Eine Analyse des persönlichen Unbewussten ergibt eine Menge von Machtphantasien gepaart mit Angst vor gewaltig belebten Objekten, denen der Introvertierte in der Tat auch leicht zum Opfer fällt. Es entwickelt sich nämlich aus der Objektangst eine eigentümliche Feigheit, sich oder seine Meinung geltend zu machen, denn er fürchtet einen verstärkten Objekteinfluss. Er fürchtet eindrucksvolle Affekte der andern und kann sich kaum der Angst erwehren, unter einen fremden Einfluss zu geraten. Die Objekte nämlich haben für ihn furchterregende, machtvolle Qualitäten, die er ihnen zwar bewusst nicht ansehen kann, die er aber durch sein Unbewusstes wahrzunehmen glaubt. Da seine bewusste Beziehung zum Objekt relativ verdrängt ist, so geht sie durch das Unbewusste, wo sie mit den Qualitäten des Unbewussten beladen wird. Diese Qualitäten sind in erster Linie infantil-archaïsche. Infolgedessen wird seine Objektbeziehung primitiv und nimmt alle jene Eigentümlichkeiten an, welche die primitive Objektbeziehung kennzeichnen. Es ist dann, wie wenn das Objekt magische Gewalt besässe. Fremde, neue Objekte erregen Furcht und Misstrauen, wie wenn sie unbekannte Gefahren bärgen, althergebrachte Objekte sind wie mit unsichtbaren Fäden an seine Seele gehängt, jede Veränderung erscheint störend, wenn nicht geradezu gefährlich, denn sie scheint eine magische Belebtheit des Objektes zu bedeuten. Eine einsame Insel, wo sich nur das bewegt, dem man sich zu bewegen erlaubt, wird zum Ideal. Der Roman vonF. Th. Vischer: „Auch Einer“, gibt einen trefflichen Einblick in diese Seite des introvertierten Seelenzustandes, zugleich auch in die dahinterliegende Symbolik des collektiven Unbewussten, die ich in dieser Typenbeschreibung bei Seite lasse, weil sie nicht bloss dem Typus angehört, sondern allgemein ist.


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