4. Der introvertierte Fühltypus.
Das Primat des introvertierten Fühlens habe ich hauptsächlich bei Frauen angetroffen. Das Sprichwort„Stille Wasser gründen tief“, gilt von diesen Frauen. Sie sind meist still, schwer zugänglich, unverständlich, öfters hinter einer kindlichen oder banalen Maske verborgen, öfters auch von melancholischem Temperament. Sie scheinen nicht und treten nicht auf. Da sie sich überwiegend von ihrem subjektiv orientierten Gefühl leiten lassen, so bleiben ihre wahren Motive meistens verborgen. Nach aussen zeigen sie eine harmonische Unauffälligkeit, eine angenehme Ruhe, einen sympathischen Parallelismus, der den andern nicht veranlassen, beeindrucken oder gar bearbeiten und verändern will. Ist diese Aussenseite etwas ausgeprägter, so drängt sich ein leiser Verdacht von Indifferenz und Kühle auf, der sich bis zu dem der Gleichgültigkeit für das Wohl und Wehe der andern verstärken kann. Man fühlt dann deutlich die vom Objekt sich abwendende Gefühlsbewegung. Beim normalen Typus tritt dieser Fall allerdings nur dann ein, wenn das Objekt in irgend einer Weise zu stark einwirkt. Die harmonische Gefühlsbegleitung findet darum nur solange statt, als das Objekt in mittlerer Gefühlslage sich auf seinem eigenen Wege bewegt und den Weg des andern nicht zu durchkreuzen sucht. Eigentliche Emotionen des Objektes werden nicht begleitet, sondern gedämpft und abgewehrt oder besser gesagt „abgekühlt“ mit einem negativen Gefühlsurteil. Obschon stets eine Bereitschaft zu einem ruhigen und harmonischen Nebeneinandergehen vorhanden ist, so zeigt sich dem fremden Objekt gegenüber keine Liebenswürdigkeit, kein warmes Entgegenkommen, sondern eine indifferent erscheinende, kühle bis abweisende Art. Man bekommt gelegentlich die Überflüssigkeit der eigenen Existenz zu fühlen. Gegen etwas Mitreissendes, Enthusiastisches beobachtet dieser Typus zunächst eine wohlwollende Neutralität, bisweilen mit einem leisen Zug von Überlegenheit und Kritik, der einem empfindsamen Objekt leicht den Wind aus den Segeln nimmt. Eine anstürmende Emotion aber kann mit mörderischer Kälte schroff abgeschlagen werden, wenn sie nicht zufälligerweise das Individuum vom Unbewussten her erfasst, d. h. mit andern Worten irgend ein urtümliches Gefühlsbild belebt und damit das Fühlen dieses Typus gefangen nimmt. Wenn dieser Fall eintritt, so empfindet eine solche Frau einfach eine momentane Lähmung, gegen die sich später unfehlbar ein umso heftigerer Widerstand erhebt, welcher das Objekt an der verwundbarsten Stelle erreichen wird. Die Beziehung zum Objekt wird möglichst in einer ruhigen und sichern Mittellage des Gefühls gehalten unter hartnäckiger Verpönung der Leidenschaft und ihrer Ungemessenheit. Der Gefühlsausdruck bleibt daher spärlich und das Objekt fühlt dauernd seine Minderbewertung, wenn es deren bewusst wird. Dies ist allerdings nicht immer der Fall, indem der Fehlbetrag sehr oft unbewusst bleibt, dafür aber mit der Zeit infolge unbewussten Gefühlsanspruches Symptome entwickelt, welche eine vermehrte Aufmerksamkeit erzwingen sollen. Da dieser Typus meist kühl und reserviert erscheint, so spricht ihm ein oberflächliches Urteil leicht jedes Gefühl ab. Das ist aber grundfalsch, indem die Gefühle zwar nicht extensiv, sondern intensiv sind. Sie entwickeln sich in die Tiefe. Während z. B. ein extensives Mitleidsgefühl sich an passender Stelle mit Worten und Taten äussert und sich bald von diesem Eindruck wieder befreien kann, verschliesst sich ein intensives Mitleid vor jedem Ausdruck und gewinnt eine leidenschaftliche Tiefe, welche das Elend einer Welt in sich begreift und daran erstarrt. Es mag vielleicht im Übermass herausbrechen und zu einer verblüffenden Tat sozusagen heroischen Charakters führen, zu der aber weder das Objekt noch das Subjekt ein richtiges Verhältnis finden können. Nach aussen und dem blinden Auge des Extravertierten erscheint dieses Mitleid als Kälte, denn es tut nichts Sichtbares, und an unsichtbare Kräfte vermag ein extravertiertes Bewusstsein nicht zu glauben. Dieses Missverständnis ist ein charakteristisches Vorkommnis im Leben dieses Typus und wird in der Regel registriert als ein wichtigstes Argument gegen jede tiefere Gefühlsbeziehung zum Objekte. Was aber der wirkliche Gegenstand dieses Fühlens ist, ist dem Normaltypus selbst nur ahnungsweise gegeben. Er drückt sein Ziel und seinen Inhalt vielleicht in einer verborgenen und vor profanen Augen ängstlich gehüteten Religiosität, oder in ebenso vor Überraschung gesicherten poetischen Formen vor sich selber aus, nicht ohne den geheimen Ehrgeiz, damit eine Überlegenheit über das Objekt zustande zu bringen. Frauen, die Kinder haben, legen vieles davon in diese, indem sie ihnen heimlich ihre Leidenschaftlichkeit einflössen.
Obschon im Normaltypus die angedeutete Tendenz, das heimlich Gefühlte dem Objekt einmal offen und sichtbar überzuordnen oder überwältigend aufzuzwingen, keine störende Rolle spielt, und niemals zu einem ernstlichen Versuch in dieser Richtung führt, so sickert davon doch etwas in die persönliche Wirkung auf das Objekt durch, in Form eines oft schwer zu definierenden, dominierenden Einflusses. Es wird etwa als ein erdrückendes oder erstickendes Gefühl empfunden, das die Umgebung in einen Bann schlägt. Dadurch gewinnt dieser Typus eine gewisse geheimnisvolle Macht, welche namentlich den extravertierten Mann in höchstem Masse faszinieren kann, weil sie sein Unbewusstes berührt. Diese Macht stammt von den erfühlten, unbewussten Bildern, wird aber vom Bewusstsein leicht auf das Ich bezogen, wodurch der Einfluss verfälscht wird im Sinne der persönlichen Tyrannei. Wenn aber das unbewusste Subjekt mit dem Ich identifiziert wird, so wandelt sich auch die geheimnisvolle Macht des intensiven Gefühls in banale und anmassende Herrschsucht, Eitelkeit und tyrannische Zwängerei. Daraus entsteht ein Typus Frau, der wegen seines skrupellosen Ehrgeizes und wegen seiner heimtückischen Grausamkeit unvorteilhaft bekannt ist. Diese Wendung führt aber in die Neurose.
Solange das Ich sich unterhalb der Höhe des unbewussten Subjektes fühlt und das Gefühl Höheres und Mächtigeres erschliesst als das Ich, ist der Typus normal. Das unbewusste Denken ist zwar archaïsch, compensiert aber hilfreich durch Reduktionen die gelegentlichen Anwandlungen, das Ich zum Subjekt zu erheben. Tritt dieser Fall aber doch ein durch völlige Unterdrückung der reduzierenden unbewussten Denkeinflüsse, dann begibt sich das unbewusste Denken in die Opposition und projiziert sich in die Objekte. Damit bekommt das egozentrisch gewordene Subjekt die Macht und Bedeutung der entwerteten Objekte zu fühlen. Das Bewusstsein beginnt zu fühlen, „was die Andern denken“. Natürlich denken die Andern alle möglichen Gemeinheiten, planen Übles, hetzen und intriguieren im Geheimen, usw. Dem muss das Subjekt zuvorkommen, indem es selber anfängt, präventiv zu intriguieren und zu verdächtigen, auszuhorchen und zu kombinieren. Es wird von Gerüchten befallen und krampfhafte Anstrengungen müssen gemacht werden, um eine drohende Unterlegenheit womöglich in eine Überlegenheit zu verwandeln. Es entstehen endlose Rivalitäten geheimer Natur und in diesen erbitterten Kämpfen wird nicht nur kein schlechtes oder gemeines Mittel gescheut, sondern auch die Tugenden werden missbraucht, nur um einen Trumpf ausspielen zu können. Eine solche Entwicklung führt zur Erschöpfung. Die Neurosenform ist weniger hysterisch als neurasthenisch, bei Frauen oft mit starker Mitbeteiligung des körperlichen Zustandes, z. B. Anämie mit Folgezuständen.