Schlusswort.

Schlusswort.

In unserer Zeit, in der aus den Errungenschaften der französischen Revolution, der Liberté, Egalité, Fraternité, sich eine weit verbreitete soziale Geistesströmung entwickelt hat, welche nicht etwa nur die politischen Rechte auf ein allgemeines und gleiches Niveau herunterdrückt oder heraufhebt, sondern auch das Unglück durch äussere Regulierungen und Gleichmachungen beheben zu können meint, in einer solchen Zeit, ist es wohl eine undankbare Aufgabe, von der völligen Ungleichartigkeit der Elemente, welche die Nation zusammensetzen, zu reden. Trotzdem es gewiss eine schöne Sache ist, dass jeder vor dem Gesetze gleich sei, dass jeder seine politische Stimme habe, und dass keiner durch ererbte Standesvorrechte ungerechterweise seinen Bruder überrage, so wird dieselbe Sache weniger schön, wenn man diesen Gleichheitsgedanken noch auf andere Gebiete des Lebens ausdehnt. Es muss jemand schon einen sehr getrübten Blick haben oder aus einer sehr nebelhaften Distanz die menschliche Gesellschaft anschauen, wenn er meinen sollte, dass durch gleichmässige Regulierungen des Lebens eine gleichmässigere Verteilung des Glückes erzielt werden könne. Er müsste schon etwa im Wahne befangen sein, dass z. B. der gleiche Betrag an Einkommen, resp. an äusserer Lebensmöglichkeit für alle ungefähr dieselbe Bedeutung besitzen müsse. Was tut ein solcher Gesetzgeber aber mit allen jenen, deren grössere Lebensmöglichkeit innen liegt, anstatt aussen? Er müsste, wenn er gerecht wäre, dem einen etwa doppelt soviel geben wie dem andern, denn dem einenbedeutet es viel und dem andern wenig. Über die psychologische Verschiedenheit der Menschen, diesen notwendigsten Faktor der Lebensenergie einer menschlichen Gesellschaft, wird keine soziale Gesetzgebung hinwegkommen. Darum ist es wohl nützlich, von der Verschiedenartigkeit der Menschen zu reden. Diese Unterschiede bedingen derartig verschiedene Glücksansprüche, dass keine auch noch so vollkommene Gesetzgebung ihnen jemals auch nur annähernd genügen könnte. Es wäre auch keine noch so billig und gerecht erscheinende allgemeine äussere Lebensform zu erdenken, welche nicht für den einen oder andern Typus Mensch eine Ungerechtigkeit bedeuten würde. Dass trotzdem allerhand Schwärmer politischer, sozialer, philosophischer und religiöser Natur am Werke sind, jene allgemeinen und gleichartigen äussern Bedingungen, welche eine allgemeine grössere Glücksmöglichkeit bedeuten sollen, ausfindig zu machen, scheint mir auf der zu sehr am Äussern orientierten allgemeinen Einstellung zu liegen. Wir können diese ins Weite gehenden Fragen hier nur streifen, da wir uns ja nicht zur Aufgabe gesetzt haben, sie zu behandeln. Wir haben uns hier nur mit dem psychologischen Problem zu beschäftigen. Und die Tatsache der verschiedenen typischen Einstellungen ist ein Problem erster Ordnung, nicht nur für die Psychologie, sondern auch für alle jene Gebiete der Wissenschaft und des Lebens, wo die menschliche Psychologie eine ausschlaggebende Rolle spielt. Es ist z. B. eine dem gewöhnlichen Menschenverstande ohne weiteres einleuchtende Tatsache, dass jede Philosophie, die nicht gerade nur Geschichte der Philosophie ist, auf einer persönlichen psychologischen Vorbedingung beruht. Diese Vorbedingung kann rein individueller Natur sein, und gewöhnlich wurde sie auch als solche aufgefasst, wenn überhaupt eine psychologische Kritik stattfand. Man hielt damit den Fall für erledigt. Man übersah aber dabei, dass das, was manals individuelles Präjudicium betrachtete, keineswegs unter allen Umständen ein solches war, indem nämlich der Standpunkt jenes Philosophen eine oft ansehnliche Gefolgschaft aufwies. Ihr sagte dieser Standpunkt zu und zwar nicht bloss, weil sie ihn gedankenlos nachgebetet hätte, sondern weil sie ihn völlig verstehen und anerkennen konnte. Ein solches Verständnis wäre unmöglich, wenn der Standpunkt des Philosophen bloss individuell bedingt wäre, denn dann könnte er gar nicht völlig verstanden oder auch nur gebilligt werden. Die von der Gefolgschaft verstandene und anerkannte Eigenart des Standpunktes muss also vielmehr einertypischen, persönlichen Einstellung, welche noch mehrere Vertreter in der Gesellschaft in gleicher oder ähnlicher Form besitzt, entsprechen. In der Regel bekämpfen sich die Parteien rein äusserlich, indem sie auf Lücken in der individuellen Rüstung des Gegners zielen. Ein solcher Streit ist in der Regel von geringer Fruchtbarkeit. Von erheblich höherm Werte wäre es, wenn der Gegensatz auf das psychologische Gebiet verschoben würde, woher er auch ursprünglich stammt. Die Verschiebung liesse bald erkennen, dass es verschiedenartige psychologische Einstellungen gibt, die jede ein Anrecht auf Existenz besitzt, obschon ihre Existenz zur Aufstellung inkompatibler Theorien führt. Solange man versucht den Streit zu schlichten durch äusserliche Kompromissbildungen, genügt man nur den bescheidenen Ansprüchen seichter Köpfe, die sich noch nie an Prinzipien zu erhitzen vermochten. Eine wirkliche Verständigung aber kann meines Erachtens nur dann erreicht werden, wenn die Verschiedenheit der psychologischen Vorbedingung anerkannt wird.

Es ist eine Tatsache, die mir in meiner praktischen Arbeit immer wieder überwältigend entgegentritt, dass der Mensch nahezu unfähig ist, einen andern Standpunkt als seinen eigenen zu begreifen und gelten zu lassen. In kleinern Dingen hilft die allgemeine Oberflächlichkeit, eine nicht gerade häufige Nachsicht und Toleranz und ein seltenes Wohlwollen eine Brücke über den Abgrund der Verständnislosigkeit zu schlagen. In wichtigern Dingen aber und besonders in solchen, wo die Ideale des Typus in Frage kommen, scheint eine Verständigung meist zu den Unmöglichkeiten zu gehören. Gewiss wird Streit und Unfrieden immer zu den Requisiten der menschlichen Tragikomödie gehören, aber es ist doch nicht zu leugnen, dass der Fortschritt der Gesittung vom Faustrecht zur Gesetzesbildung geführt hat und somit zur Bildung einer Instanz und eines Masstabes, die den streitenden Parteien übergeordnet sind. Eine Basis zur Schlichtung des Streites der Auffassung könnte nach meiner Überzeugung die Anerkennung von Typen der Einstellung sein, aber nicht nur der Existenz solcher Typen, sondern auch der Tatsache, dass jeder in seinem Typus bis zu dem Grade befangen ist, dass er des völligen Verständnisses eines andern Standpunktes unfähig ist. Ohne Anerkennung dieser weitgehenden Forderung ist eine Vergewaltigung des andern Standpunktes so gut wie sicher. Ebenso, wie die streitenden Parteien, die sich vor Gericht zusammenfinden, auf direkte Gewalttat am andern verzichten und ihre Ansprüche der Gerechtigkeit des Gesetzes und des Richters anvertrauen, so muss sich der Typus der Beschimpfung, Verdächtigung und Herunterreissung des Gegners enthalten im Bewusstsein seiner eigenen Befangenheit. Durch die Auffassung des Problems typischer Einstellungen und durch ihre Darstellung im Umriss bestrebe ich mich, den Blick meines Lesers auf dieses Gemälde vielfacher Möglichkeiten der Auffassungsbildung zu lenken, in der Hoffnung, dadurch wenigstens ein Kleines beizutragen zur Kenntnis der fast unendlichen Variationen und Abstufungen der Individualpsychologie. Ich hoffe, dass aus meinen Typenbeschreibungen niemand den Schluss ziehen wird, dass ich meine, die 4 oder 8 Typen, die ich beschreibe,seien alle, die überhaupt vorkämen. Das wäre ein Missverständnis. Ich zweifle nämlich keineswegs an der Möglichkeit, die vorkommenden Einstellungen auch unter andern Gesichtspunkten zu betrachten und zu klassifizieren. Es gibt in dieser Untersuchung einige Andeutungen von andern Möglichkeiten, wie z. B. eine Einteilung sub specie der Aktivität. Was aber immer auch als Criterium einer Aufstellung von Typen dienen möge, so wird eine Vergleichung der verschiedenen Formen habitueller Einstellungen zur Aufstellung von ebenso vielen psychologischen Typen führen.

So leicht es wohl sein wird, die vorkommenden Einstellungen unter andern Gesichtswinkeln zu betrachten, als es hier geschehen ist, so schwer dürfte es sein, Beweise gegen die Existenz von psychologischen Typen beizubringen. Ich zweifle zwar nicht daran, dass meine Gegner sich bemühen werden, die Typenfrage aus der wissenschaftlichen Traktandenliste zu streichen, denn für jede, Allgemeingültigkeit prätendierende Theorie komplexer psychischer Vorgänge muss das Typenproblem ein zum mindesten sehr unwillkommenes Hindernis sein. Jede Theorie komplexer psychischer Vorgänge setzt eine gleichartige menschliche Psychologie voraus, nach Analogie jeder naturwissenschaftlichen Theorie, welche als Grundlage auch ein und dieselbe Natur voraussetzt. Mit der Psychologie aber hat es die eigenartige Bewandtnis, dass bei ihrer Begriffsbildung der psychische Vorgang nicht bloss Objekt, sondern zugleich auch Subjekt ist. Wenn nun angenommen wird, dass das Subjekt in allen individuellen Fällen eins und dasselbe sei, so kann man auch annehmen, dass der subjektive Prozess der Begriffsbildung auch überall einer und derselbe sei. Dass dem aber nicht so ist, erweist sich am eindrücklichsten aus der Existenz der verschiedenartigsten Auffassungen vom Wesen komplexer psychischer Vorgänge. Natürlich setzt eine neue Theorie gewöhnlich voraus, dass alle andern Ansichtenunrichtig gewesen seien, und zwar meistens nur aus dem Grunde, weil der Autor subjektiv anders sieht, als seine Vorgänger. Er berücksichtigt nicht, dass die Psychologie, die er sieht, seine Psychologie und höchstens noch die Psychologie seines Typus ist. Er erwartet daher, dass es für den psychischen Vorgang, der ihm Objekt des Erkennens und Erklärens ist, nur eine wahre Erklärung geben könne, nämlich eben die, die seinem Typus zusagt. Alle andern Auffassungen — ich möchte fast sagen, alle sieben andern Auffassungen, die in ihrer Art ebenso wahr sind, wie die seine, gelten ihm als Irrtum. Im Interesse der Gültigkeit seiner eigenen Theorie wird er also einen lebhaften und menschlich verstehbaren Widerwillen gegen eine Aufstellung von Typen menschlicher Psychologie empfinden, denn damit verlöre seine Auffassung beispielsweise ⅞ ihres Wahrheitswertes; es müsste denn sein, dass er neben seiner eigenen Theorie noch 7 andere Theorien desselben Vorganges als gleich wahr denken könnte — oder sagen wir: wenigstens noch eine zweite Theorie als vollwertig neben der seinigen.

Ich bin ganz überzeugt, dass ein Naturvorgang, der in hohem Masse von der menschlichen Psychologie unabhängig ist und ihr daher nur Objekt sein kann, nur einerlei wahre Erklärung haben kann. Ebenso bin ich auch überzeugt, dass ein komplexer psychischer Vorgang, der in keine objektiv registrierenden Apparate eingespannt werden kann, notwendigerweise nur diejenige Erklärung erhalten kann, die er als Subjekt selber erzeugt, d. h. der Autor des Begriffes kann nur einen solchen Begriff erzeugen, welcher zu dem psychischen Vorgang, den er zu erklären trachtet, stimmt. Der Begriff wird aber nur dann stimmen, wenn er mit dem zu erklärenden Vorgang im denkenden Subjekt selbst übereinstimmt. Wenn der zu erklärende Vorgang beim Autor selber gar nicht vorkäme und auch keine Analogie davon, so stünde der Autor vor einem, völligen Rätsel, welches zu erklären er dem überlassen müsste, der den Vorgang selber erlebt. Wie eine Vision zustande kommt, kann ich durch objektive Apparate niemals in Erfahrung bringen; ich kann ihr Zustandekommen also nur erklären, wie ich es mir denke. In diesem „wie ich es mir denke“ steckt aber die Befangenheit, denn bestenfalls geht meine Erklärung daraus hervor, wie der Vorgang einer Vision sich in mir darstellt. Wer aber gibt mir das Recht, anzunehmen, dass in jedem andern der Vorgang der Vision sich gleich oder auch nur ähnlich darstelle?

Man wird mit einem Anschein von Recht die universelle Gleichartigkeit der menschlichen Psychologie in allen Zeiten und Zonen als Argument zu Gunsten dieser Verallgemeinerung des subjektiv bedingten Urteils anführen. Ich bin von dieser Gleichartigkeit der menschlichen Psyche so tief überzeugt, dass ich sie sogar in den Begriff des collektiven Unbewussten gefasst habe, als eines universellen und gleichartigen Substratums, dessen Gleichartigkeit so weit geht, dass man dieselben Mythen- und Märchenmotive in allen Winkeln der weiten Erde findet, dass ein Neger der amerikanischen Südstaaten in Motiven der griechischen Mythologie träumt und ein schweizerischer Handelslehrling in seiner Psychose die Vision eines ägyptischen Gnostikers wiederholt. Von dieser fundamentalen Gleichartigkeit hebt sich aber eine ebenso grosse Ungleichartigkeit der bewussten Psyche ab. Welche ungemessenen Distanzen liegen zwischen dem Bewusstsein eines Primitiven, eines Themistocleïschen Atheners und eines heutigen Europäers! Welcher Unterschied besteht zwischen dem Bewusstsein des Herrn Professors und dem seiner Gattin! Wie sähe überhaupt unsere heutige Welt aus, wenn eine Gleichartigkeit der Bewusstseine bestünde? Nein, der Gedanke einer Gleichartigkeit der bewussten Psychen ist eine akademische Chimäre, welche die Aufgabe eines Dozenten vor seinen Schülernvereinfacht, die aber vor der Wirklichkeit in nichts zusammenfällt. Ganz abgesehen von der Verschiedenheit der Individuen, deren innerstes Wesen durch Gestirnsweite geschieden ist vom Nachbarn, sind schon die Typen als Klassen von Individuen in sehr hohem Masse von einander verschieden, und ihrer Existenz sind die Verschiedenheiten allgemeiner Auffassungen zuzuschreiben. Um die Gleichartigkeit der menschlichen Psychen aufzufinden, muss ich schon in die Fundamente des Bewusstseins hinuntersteigen. Dort finde ich das, worin alle einander gleichen. Gründe ich eine Theorie auf das, was alle verbindet, so erkläre ich die Psyche aus dem, was an ihr Fundament und Ursprung ist. Damit aber erkläre ich nichts von dem, was an ihr historische oder individuelle Differenzierung ist. Mit einer solchen Theorie übergehe ich die Psychologie der bewussten Psyche. Ich leugne damit eigentlich die ganze andere Seite der Psyche, nämlich ihre Differenzierung von der ursprünglichen Keimanlage. Ich reduziere gewissermassen den Menschen auf seine phylogenetische Vorlage, oder ich zerlege ihn in seine Elementarvorgänge, und wenn ich ihn aus dieser Reduktion rekonstruieren wollte, so käme im erstem Fall ein Affe heraus und in letzterm eine Anhäufung von Elementarvorgängen, deren Zusammenspiel eine sinn- und zwecklose Wechselwirkung ergäbe. Zweifellos ist die Erklärung des Psychischen auf der Grundlage der Gleichartigkeit nicht nur möglich, sondern auch völlig berechtigt. Will ich aber das Bild der Psyche zu seiner Vollständigkeit ergänzen, so muss ich mir die Tatsache der Verschiedenartigkeit der Psychen vor Augen halten, denn die bewusste individuelle Psyche gehört ebensowohl in ein allgemeines Gemälde der Psychologie wie ihre unbewussten Fundamente. Ich kann daher mit demselben Recht in meiner Begriffsbildung von der Tatsache differenzierter Psychen ausgehen und denselben Vorgang, den ich vorhin unter dem Gesichtswinkel seiner Gleichartigkeit betrachtete, nunmehr vom Standpunkt der Differenzierung aus betrachten. Dies führt mich natürlicherweise zu einer der frühern gerade entgegengesetzten Auffassung. Alles was für jene Auffassung als individuelle Variante ausser Betracht fiel, wird hier bedeutsam als Ansatz zu weitern Differenzierungen und alles, was dort als gleichartig einen besondern Wert erhielt, erscheint mir jetzt als wertlos, weil bloss collektiv. Ich werde in dieser Ansicht immer darauf sehen, worauf etwas zielt und niemals darauf, woher es kommt, während ich in der vorherigen Ansicht mich nie um ein Ziel, sondern bloss um den Ursprung kümmerte. Ich kann daher einen und denselben psychischen Vorgang durch zwei gegensätzliche Theorien, die sich gegenseitig ausschliessen, erklären, wobei ich weder von der einen noch von der andern Theorie behaupten kann, sie sei unrichtig, denn die Richtigkeit der einen ist bewiesen durch die Gleichartigkeit und die der anderen durch die Ungleichartigkeit der Psychen.

Hier aber beginnt nun die grosse Schwierigkeit, welche dem Laien, sowie dem wissenschaftlichen Publikum die Lektüre meines frühern Buches über „die Wandlungen und Symbole der Libido“ so sehr erschwert hat, dass viele sonst fähige Köpfe darob in Verwirrung geraten sind (wie mir ihre bedenklichen Kritiken beweisen). Ich habe nämlich dort am concreten Material die eine wie die andere Ansicht darzustellen versucht. Da nun die Wirklichkeit bekanntlich weder aus Theorien besteht, noch nach solchen geht, so ist in ihr beides, was wir getrennt denken müssen, in einem beisammen und jedes lebendige Etwas in der Seele schillert in mehreren Farben. Jedes ist Hergekommenes und meint Zukünftiges und von keinem ist mit Sicherheit auszumachen, ob es bloss Ende und nicht auch schon ein Anfang wäre. Jemandem, der meint, für einen psychischen Vorgang könne es nureinewahre Erklärung geben, ist diese Lebendigkeit des psychischen Inhaltes, die zu zwei gegensätzlichen Theorien nötigt, eine Sache zum verzweifeln, besonders noch, wenn er ein Liebhaber einfacher und unkomplizierter Wahrheiten und etwa unfähig sein sollte, sie zugleich zu denken.

Ich bin wiederum nicht der Überzeugung, dass mit den zwei Betrachtungsweisen, der reduzierenden und der construktiven — wie ich sie einmal genannt habe[379]—, die Möglichkeiten der Betrachtung erschöpft wären. Ich glaube im Gegenteil, dass für den psychischen Vorgang noch einige andere ebenso „wahre“ Erklärungen beigebracht werden können, und zwar ebenso viel als es Typen gibt. Und diese Erklärungen werden sich miteinander ebenso gut oder schlecht vertragen, wie die Typen selber in ihren persönlichen Beziehungen. Falls also die Existenz von typischen Verschiedenheiten der menschlichen Psychen zugegeben werden sollte — ich gestehe, dass ich keinen Grund sehe, warum dies nicht geschehen könnte — so sieht sich der wissenschaftliche Theoretiker vor das unangenehme Dilemma gestellt, entweder mehrere einander widersprechende Theorien desselben Vorganges nebeneinander bestehen zu lassen, oder dann den von vornherein hoffnungslosen Versuch einer Sektengründung zu machen, welche die allein richtige Methode und die allein wahre Theorie für sich beansprucht. Erstere Möglichkeit verstösst nicht nur gegen die schon erwähnte ausserordentliche Schwierigkeit einer doppelten und innerlich gegensätzlichen Denkoperation, sondern auch gegen einen der ersten Grundsätze intellektueller Moral: principia explicandi non sunt multiplicanda — praeter necessitatem. Die necessitas einer Mehrheit von Erklärungen ist aber im Falle einer psychologischen Theorie entschieden gegeben,denn zum Unterschied mit irgend einer naturwissenschaftlichen Theorie, ist das Objekt der Erklärung in der Psychologie von gleicher Natur wie das Subjekt: ein psychologischer Vorgang soll den andern erklären. Diese bedenkliche Schwierigkeit hat schon lange denkende Köpfe zu merkwürdigen Ausflüchten genötigt, wie z. B. zur Annahme eines „objektiven Geistes“, der jenseits der Psychologie stünde und darum objektiv seine ihm unterstellte Psyche denken könne oder zur ähnlichen Annahme, dass der Intellekt ein Vermögen sei, das auch noch ausserhalb sich selber sich stellen und sich denken könne. Mit diesen und ähnlichen Ausflüchten soll jener archimedische Punkt ausserhalb der Erde geschaffen werden, mittelst dessen der Intellekt sich selber aus den Angeln heben soll. Ich begreife das tiefgehende menschliche Bedürfnis nach Bequemlichkeit, aber ich begreife nicht, dass die Wahrheit sich diesem Bedürfnis beugen sollte. Ich begreife auch, dass es ästhetisch viel befriedigender wäre, wenn man, statt der Paradoxie einander widersprechender Erklärungen, den psychischen Vorgang auf irgend eine möglichst einfache Instinktgrundlage reduzieren und sich dabei beruhigen, oder wenn man ihm ein metaphysisches Erlösungsziel unterlegen und sich in dieser Hoffnung zur Ruhe begeben könnte.

Was aber immer wir mit unserm Intellekt zu ergründen streben, wird mit Paradoxie und Relativität endigen, wenn es ehrliche Arbeit und nicht eine der Bequemlichkeit dienende petitio principii ist. Dass die intellektuelle Erfassung des psychischen Vorganges zur Paradoxie und Relativität führenmuss, ist sicher, schon aus dem Grunde, dass der Intellekt nur eine unter verschiedenen psychischen Funktionen ist, welche von Natur aus dem Menschen zur Konstruktion seiner Objektbilder dient. Man gebe sich nicht den Anschein, als ob man die Welt nur aus dem Intellekt begriffe; man begreift sie ebenso sehr auch aus dem Gefühl.Darum ist das Urteil des Intellektes höchstens die Hälfte der Wahrheit, und muss, wenn es ehrlich ist, auch zum Eingeständnis seines Ungenügens gelangen.

Die Existenz von Typen zu leugnen, hilft nichts gegen die Tatsache ihres Daseins. In Ansehung ihrer Existenz muss daher jede Theorie über psychische Vorgänge es sich gefallen lassen, selber wieder als psychischer Vorgang zu gelten, und zwar als Ausdruck eines bestehenden und daseinsberechtigten Typus menschlicher Psychologie. Aus diesen typischen Darstellungen erst ergeben sich die Materialien, derenCooperationeine höhere Synthese ermöglicht.


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