XIDefinitionen.
XI.Definitionen.
Es mag dem Leser vielleicht überflüssig erscheinen, wenn ich ein besonderes Kapitel über Begriffsdefinitionen dem Texte meiner Untersuchung anfüge. Ich habe aber reichlich die Erfahrung gemacht, dass gerade in psychologischen Arbeiten man gar nicht sorgfältig genug mit Begriffen und Ausdrücken verfahren kann, indem gerade im Gebiete der Psychologie, wie sonst nirgends, die allergrössten Variationen der Begriffe vorkommen, welche häufig zu den hartnäckigsten Missverständnissen Anlass geben. Dieser Übelstand scheint nicht allein daher zu rühren, dass die Psychologie eine junge Wissenschaft ist, sondern auch daher, dass der Erfahrungsstoff, das Material der wissenschaftlichen Betrachtung, sozusagen nicht concret unter die Augen des Lesers gelegt werden kann. Der psychologische Forscher sieht sich immer wieder gezwungen, die von ihm beobachtete Wirklichkeit durch weitläufige und sozusagen indirekte Beschreibung darzustellen. Nur soweit mit Zahl und Mass zugängliche Elementartatsachen mitgeteilt werden, kann auch von einer direkten Darstellung die Rede sein. Aber wieviel von der wirklichen Psychologie des Menschen wird als durch Mass und Zahl erfassbare Tatsache erlebt und beobachtet? Es giebt solche Tatbestände, und ich glaube gerade durch meine Associationsstudien[306]nachgewiesen zu haben, dass noch recht komplizierte Tatbestände einer messenden Methode zugänglich sind.Aber wer tiefer in das Wesen der Psychologie eingedrungen ist und die höhere Anforderung an die Psychologie als Wissenschaft stellt, nämlich, dass sie nicht bloss eine durch die Grenzen der naturwissenschaftlichen Methodik beschränkte kümmerliche Existenz fristen darf, der wird auch erkannt haben, dass es nie und nimmer einer experimentellen Methodik gelingen wird, dem Wesen der menschlichen Seele gerecht zu werden, ja auch nur ein annähernd getreues Bild der komplizierten seelischen Erscheinungen zu entwerfen.
Wenn wir aber das Gebiet der durch Mass und Zahl erfassbaren Tatbestände verlassen, so sind wir aufBegriffeangewiesen, welche uns Mass und Zahl ersetzen müssen. Die Bestimmtheit, die Mass und Zahl der beobachteten Tatsache verleihen, kann nur ersetzt werden durch dieBestimmtheit des Begriffes. Nun leiden aber, wie es jedem Forscher und Arbeiter auf diesem Gebiet nur zu gut bekannt ist, die derzeit geläufigen psychologischen Begriffe an so grosser Unbestimmtheit und Vieldeutigkeit, dass man sich gegenseitig kaum verständigen kann. Man nehme nur einmal den Begriff „Gefühl“ und suche sich zu vergegenwärtigen, was alles unter diesem Begriff geht, um eine Vorstellung von der Variabilität und Vieldeutigkeit psychologischer Begriffe zu bekommen. Und doch ist irgend etwas Charakteristisches damit ausgedrückt, das zwar für Mass und Zahl unzugänglich und doch fassbar existierend ist. Man kann nicht einfach darauf verzichten, wie esWundtsphysiologische Psychologie tut, diese Tatbestände als wesentliche Grundphänomene zu leugnen und sie durch Elementarfacta zu ersetzen oder sie in solche aufzulösen. Damit geht ein hauptsächliches Stück Psychologie geradezu verloren.
Um diesem durch die Überschätzung der naturwissenschaftlichen Methodik erzeugten Übelstand zu entgehen, ist man genötigt, zu festen Begriffen seineZuflucht zu nehmen. Um solche Begriffe zu erlangen, bedarf es allerdings der Arbeit Vieler, gewissermassen des consensus gentium. Da dies aber nicht ohne weiteres und namentlich nicht sofort möglich ist, so muss der einzelne Forscher wenigstens sich bemühen, seinen Begriffen einige Festigkeit und Bestimmtheit zu verleihen, was wohl am besten dadurch geschieht, dass er die Bedeutung der von ihm jeweilig verwendeten Begriffe erörtert, sodass jedermann in den Stand gesetzt ist, zu sehen, was mit ihnen gemeint ist.
Diesem Bedürfnis entsprechend, möchte ich im folgenden meine hauptsächlichsten psychologischen Begriffe in alphabetischer Reihenfolge erörtern. Zugleich möchte ich den Leser bitten, im Zweifelsfalle sich dieser Erklärungen erinnern zu wollen. Es ist selbstverständlich, dass ich mit diesen Erklärungen und Definitionen mich nur darüber ausweisen will, in welchem Sinne ich mich der Begriffe bediene, womit ich aber keineswegs sagen möchte, dass dieser Gebrauch unter allen Umständen der einzig mögliche, oder unbedingt richtige wäre.
1.Abstraktion. Abstraktion ist, wie das Wort schon andeutet, ein Heraus- oder Wegziehen eines Inhaltes (einer Bedeutung, eines allgemeinen Merkmals etc.) aus einem Zusammenhang, der noch andere Elemente enthält, deren Kombination als Ganzes etwas Einmaliges oder Individuelles und darum etwas Unvergleichbares ist. Die Einmaligkeit, Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit hindern die Erkenntnis, weshalb dem Erkennenwollen die mit dem als wesentlich empfundenen Inhalt verbundenen übrigen Elemente als unzugehörig erscheinen müssen.
Die Abstraktion ist daher diejenige Geistestätigkeit, welche den als wesentlich empfundenen Inhalt oder Tatbestand aus seiner Verknüpfung mit den als unzugehörig empfundenen Elementen befreit, indem sie ihndavon unterscheidet, mit andern Wortendifferenziert(s. d.).Abstraktim weitern Sinne ist alles, was aus seiner Verknüpfung mit in Hinsicht auf seine Bedeutung als unzugehörig Empfundenem herausgezogen ist.
Die Abstraktion ist eine Tätigkeit, welche den psychologischen Funktionen überhaupt eignet. Es gibt ein abstrahierendesDenken, ein ebensolchesFühlen,EmpfindenundIntuieren(s. diese Begriffe). Das abstrahierende Denken hebt einen durch denkgemässe, logische Eigenschaften gekennzeichneten Inhalt aus dem Nichtzugehörigen heraus. Das abstrahierende Fühlen tut dasselbe mit einem gefühlsmässig charakterisierten Inhalt, ebenso Empfindung und Intuition. Es gibt daher ebensowohl abstrakte Gedanken, wie abstrakte Gefühle, welch letztere vonSullyals intellektuelle, ästhetische und moralische bezeichnet werden.[307]Nahlowskyfügt das religiöse Gefühl noch dazu. Die abstrakten Gefühle würden den „höhern“ oder „ideellen“ GefühlenNahlowskys[308]in meiner Auffassung entsprechen. Die abstrakten Gefühle setze ich auf gleiche Linie mit den abstrakten Gedanken. Die abstrakte Empfindung wäre als ästhetische Empfindung zu bezeichnen, im Gegensatz zur sinnlichen Empfindung (s.Empf.). Die abstrakte Intuition als symbolische Intuition im Gegensatz zur phantastischen Intuition (s.PhantasieundIntuition).
In dieser Arbeit verknüpfe ich mit dem Begriff der Abstraktion auch zugleich die Anschauung eines damit verbundenen psychoenergetischen Vorganges: Wenn ich mich zum Objekt abstrahierend einstelle, so lasse ich das Objekt nicht als Ganzes auf mich wirken, sondern ich hebe einen Teil desselben aus seinen Verknüpfungen heraus, indem ich die nichtzugehörigen Teileausschliesse. Meine Absicht ist, mich des Objektes als eines einmaligen und einzigartigen Ganzen zu entledigen und nur einen Teil desselben herauszuziehen. Die Anschauung des Ganzen ist mir zwar gegeben, aber ich vertiefe mich in diese Anschauung nicht, mein Interesse fliesst nicht in das Ganze ein, sondern zieht sich vom Objekt als Ganzem mit dem herausgehobenen Teil auf mich zurück, d. h. in meine Begriffswelt, welche zum Behufe der Abstraktion eines Teiles des Objektes bereit gestellt oder konstelliert ist. (Anders als vermöge einer subjektiven Begriffskonstellation kann ich vom Objekt nicht abstrahieren.) Das „Interesse“ fasse ich als Energie =Libido(s. d.), welche ich dem Objekt als Wert erteile, oder welche das Objekt auch eventuell gegen meinen Willen oder mir unbewusst auf sich zieht. Ich veranschauliche mir daher den Abstraktionsvorgang als eine Zurückziehung der Libido vom Objekt, als ein Rückströmen des Wertes vom Objekt zum subjektiven abstrakten Inhalt. Die Abstraktion bedeutet mir also eine energetischeObjektentwertung. Die Abstraktion ist, m. a. W. ausgedrückt, eine introvertierende Libidobewegung.
Abstrahierendnenne ich eineEinstellung(s. d.), wenn sie einerseits introvertierend ist und andererseits zugleich einen als wesentlich empfundenen Teil des Objektes den im Subjekt bereit gestellten abstrakten Inhalten assimiliert. Je abstrakter ein Inhalt ist, destounvorstellbarerist er. Ich schliesse michKantsAuffassung an, nach welcher ein Begriff umso abstrakter ist, „je mehr Unterschiede der Dinge aus ihm weggelassen sind“[309], in dem Sinne, dass die Abstraktion in ihrem höchsten Grade sich vom Objekt absolut entfernt und damit zur äussersten Unvorstellbarkeit gelangt, welches Abstraktum ich alsIdeebezeichne (s.Idee). Umgekehrt ist ein Abstraktum, das noch Vorstellbarkeit oder Anschaulichkeit besitzt, ein concreter Begriff (s.Concretismus).
2.Affektivität.Affektivität ist ein Begriff, denBleulergeprägt hat. Affektivität bezeichnet und fasst zusammen „nicht nur die Affekte im eigentlichen Sinne, sondern auch die leichten Gefühle oder Gefühlstöne der Lust und Unlust“.[310]Bleulerunterscheidet von der Affektivität einerseits die Sinnesempfindungen und die sonstigen Körperempfindungen, andererseits die „Gefühle“, insofern sie innere Wahrnehmungsvorgänge (z. B. Gefühl der Gewissheit, der Wahrscheinlichkeit) und insofern sie unklare Gedanken oder Erkenntnisse sind.[311]
3.Affekt.Unter Affekt ist ein Gefühlszustand zu verstehen, der einerseits durch merkbare Körperinnervation, andererseits durch eine eigentümliche Störung des Vorstellungsablaufes gekennzeichnet ist.[312]Mit Affekt als synonym gebrauche ichEmotion. Ich unterscheide — im Gegensatz zuBleuler(s.Affektivität) — dasGefühlvom Affekt, obschon sein Übergang zum Affekt fliessend ist, indem jedes Gefühl, wenn es eine gewisse Stärke erlangt, Körperinnervationen auslöst und damit zum Affekt wird. Aus praktischen Gründen aber wird man gut daran tun, Affekt von Gefühl zu unterscheiden, indem das Gefühl eine willkürlich disponible Funktion sein kann, während der Affekt dies in der Regel nicht zu sein pflegt. Ebenso zeichnet sich der Affekt vor dem Gefühl deutlich durch die merkbare Körperinnervation aus, während dem Gefühl diese Innervationen grösstenteils fehlen oder von solch geringer Intensität sind, dass sie bloss mit sehr feinen Instrumenten nachzuweisensind, z. B. durch das psychogalvanische Phänomen.[313]Der Affekt kumuliert sich durch die Empfindung der von ihm ausgelösten Körperinnervationen. Diese Wahrnehmung gab Anlass zurJames-Langeschen Affekttheorie, welche den Affekt überhaupt aus den Körperinnervationen ursächlich ableitet. Dieser extremen Auffassung gegenüber fasse ich den Affekt einerseits als einen psychischen Gefühlszustand, andererseits als einen physiologischen Innervationszustand auf, welche beide wechselseitig kumulierend aufeinanderwirken, d. h. dem verstärkten Gefühl gesellt sich eine Empfindungskomponente, durch welche der Affekt mehr denEmpfindungen(s. d.) angenähert und vom Gefühlszustand wesentlich unterschieden wird. Ich rechne ausgesprochene, d. h. durch heftige Körperinnervationen begleitete Affekte nicht dem Gebiete der Fühlfunktion, sondern dem Gebiete der Empfindungsfunktion zu (s.Funktion).
4.Apperception.Apperception ist ein psychischer Vorgang, durch den ein neuer Inhalt ähnlichen, schon vorhandenen Inhalten dermassen angegliedert wird, dass man ihn als verstanden, aufgefasst oder als klar bezeichnet.[314]Man unterscheidet eineaktiveund einepassiveApperception; erstere ist ein Vorgang, bei welchem das Subjekt von sich aus, aus eigenen Motiven bewusst einen neuen Inhalt mit Aufmerksamkeit erfasst und an andere Inhalte, die in Bereitschaft stehen, assimiliert; letztere ist ein Vorgang, bei dem ein neuer Inhalt von aussen (durch die Sinne) odervon innen (aus dem Unbewussten) sich dem Bewusstsein aufdrängt und die Aufmerksamkeit und Auffassung sich gewissermassen erzwingt. In ersterm Fall liegt der Akzent der Tätigkeit beim Ich, in letzterm bei dem sich andrängenden neuen Inhalt.
5.Archaïsmus.Mit A. bezeichne ich denaltertümlichenCharakter psychischer Inhalte und Funktionen. Es handelt sich dabei nicht um archaïstische, d. h. nachgeahmte Altertümlichkeit, wie sie z. B. spätrömische Bildwerke oder die „Gothik“ des XIX. Jahrhunderts aufweisen, sondern um Eigenschaften, die den Charakter desRelikteshaben. Als solche Eigenschaften sind alle diejenigen psychologischen Züge zu bezeichnen, welche im wesentlichen mit den Eigenschaften der primitiven Mentalität übereinstimmen. Es ist klar, dass der A. in erster Linie den Phantasien des Unbewussten anhaftet, d. h. den das Bewusstsein erreichenden Produkten der unbewussten Phantasietätigkeit. Die Qualität des Bildes ist dann archaïsch, wenn es unverkennbare mythologische Parallelen hat.[315]Archaïsch sind die Analogieassociationen der unbewussten Phantasie, ebenso ihr Symbolismus (s.Symbol.). A. ist die Identitätsbeziehung zum Objekt, (s.Identität) die „participation mystique“ (s. d.). A. ist der Concretismus des Denkens und des Fühlens. A. ist ferner der Zwang und die Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung (das Hingerissensein). A. ist das Verschmolzensein der psychologischen Funktionen (s.Differenzierung) miteinander, z. B. Denken und Fühlen, Fühlen und Empfinden, Fühlen und Intuition, auch das Verschmolzensein der Teile einer Funktion (Audition coloriée), Ambitendenz und Ambivalenz (Bleuler), d. h. Verschmolzensein mit dem Gegenteil, z. B. Gefühl und Gegengefühl.
6.Assimilation.A. ist die Angleichung eines neuen Bewusstseininhaltes an das in Bereitschaftstehende subjektive Material[316], wobei besonders die Ähnlichkeit des neuen Inhaltes mit dem bereitstehenden subjektiven Material hervorgehoben wird, event. zu Ungunsten der selbständigen Qualität des neuen Inhaltes[317]. Die A. ist, im Grunde genommen, ein Apperceptionsvorgang (s.Apperception), der sich aber von der reinen Apperception durch das Element der Angleichung an das subjektive Material, unterscheidet. In diesem Sinne sagtWundt[318]: „Am augenfälligsten tritt diese Bildungsweise (nämlich die A.) bei den Vorstellungen dann hervor, wenn die assimilierenden Elemente durch Reproduktion, die assimilierten durch einen unmittelbaren Sinneseindruck entstehen. Es werden dann die Elemente von Erinnerungsbildern gewissermassen in das äussere Objekt hineinverlegt, sodass, namentlich wenn das Objekt und die reproduzierten Elemente erheblich voneinander abweichen, die vollzogene Sinneswahrnehmung als eine Illusion erscheint, die uns über die wirkliche Beschaffenheit der Dinge täuscht.“
Ich gebrauche A. in einem etwas erweiterten Sinne, nämlich als Angleichung des Objektes an das Subjekt überhaupt und setze ihr gegenüber dieDissimilationals Angleichung des Subjektes an das Objekt, und als Entfremdung des Subjektes von sich selber zu Gunsten des Objektes, sei es ein äusseres Objekt oder ein „psychologisches“ Objekt, z. B. eine Idee.
7.Bewusstsein.Unter B. verstehe ich die Bezogenheit psychischer Inhalte auf das Ich (s.Ich), soweit sie als solche vom Ich empfunden wird[319]. Beziehungen zum Ich, soweit sie von diesem nicht als solche empfunden werden, sindunbewusst(s. d.).Das Bewusstsein ist die Funktion oder Tätigkeit[320], welche die Beziehung psychischer Inhalte zum Ich unterhält. B. ist für mich nicht identisch mitPsyche, indem Psyche mir die Gesamtheit aller psychischen Inhalte darstellt, welche nicht notwendigerweise alle mit dem Ich direkt verbunden, d. h. dermassen auf das Ich bezogen sind, dass ihnen die Qualität der Bewusstheit zukäme. Es gibt eine Vielheit von psychischen Komplexen, die nicht alle notwendigerweise mit dem Ich verbunden sind.[321]
8.Bild.Wenn ich in dieser Arbeit von Bild spreche, so meine ich damit nicht das psychische Abbild des äussern Objektes, sondern vielmehr eine Anschauung, die dem poetischen Sprachgebrauch entstammt, nämlich dasPhantasiebild, welches sich nur indirekt auf Wahrnehmung des äussern Objektes bezieht. Dieses Bild beruht vielmehr auf unbewusster Phantasietätigkeit, als deren Produkt es dem Bewusstsein mehr oder weniger abrupt erscheint, etwa in der Art einer Vision oder Hallucination, ohne aber den pathologischen Charakter einer solchen, d. h. die Zugehörigkeit zu einem klinischen Krankheitsbilde zu besitzen. Das Bild hat den psychologischen Charakter einer Phantasievorstellung und niemals den quasi Realcharakter der Hallucination, d. h. es steht nie an Stelle der Wirklichkeit und wird von sinnlicher Wirklichkeit als „inneres“ Bild stets unterschieden. In der Regel ermangelt es auch jeder Projektion in den Raum, obschon in Ausnahmefällen es auch gewissermassen von aussen erscheinen kann. Diese Erscheinungsweise ist alsarchaïsch(s. d.) zu bezeichnen, wenn sie nicht in erster Linie pathologisch ist, was aber den archaischen Charakter keineswegs aufhebt. Auf primitiver Stufe, d. h. in der Mentalität des Primitivenverlegt sich das innere Bild leicht als Vision oder Gehörshallucination in den Raum, ohne pathologisch zu sein.
Wenn schon in der Regel dem Bild kein Wirklichkeitswert zukommt, so kann ihm doch unter Umständen eine umso grössere Bedeutung für das seelische Erleben anhaften, d. h. ein grosserpsychologischerWert, welcher eine innere „Wirklichkeit“ darstellt, die gegebenenfalls die psychologische Bedeutung der „äussern“ Wirklichkeit überwiegt. In diesem Fall ist das Individuum nicht nach Anpassung an die Wirklichkeit, sondern nach Anpassung an die innere Forderung orientiert.
Das innere Bild ist eine komplexe Grösse, die sich aus den verschiedensten Materialien von verschiedenster Herkunft zusammensetzt. Es ist aber kein Konglomerat, sondern ein in sich einheitliches Produkt, das seinen eigenen selbständigen Sinn hat. Das Bild ist ein konzentrierterAusdruck der psychischen Gesamtsituation, nicht etwa bloss oder vorwiegend der unbewussten Inhalte schlechthin. Es ist zwar ein Ausdruck unbewusster Inhalte, aber nicht aller Inhalte überhaupt, sondern bloss der momentan konstellierten. Diese Konstellation erfolgt einerseits durch die Eigentätigkeit des Unbewussten, andererseits durch die momentane Bewusstseinslage, welche immer zugleich auch die Aktivität zugehöriger subliminaler Materialien anregt und die nicht zugehörigen hemmt. Dementsprechend ist das Bild ein Ausdruck sowohl der unbewussten wie der bewussten momentanen Situation. Die Deutung seines Sinnes kann also weder vom Bewusstsein allein noch vom Unbewussten allein ausgehen, sondern nur von ihrer wechselseitigen Beziehung.
Ich bezeichne das Bild alsurtümlich[322], wennes einen archaischen Charakter hat. Von archaischem Charakter spreche ich dann, wenn das Bild eine auffallende Übereinstimmung mit bekannten mythologischen Motiven hat. In diesem Fall drückt es einerseits überwiegendcollektiv-unbewusste(s. d.) Materialien aus und andererseits weist es darauf hin, dass die momentane Bewusstseinslage weniger persönlich, als vielmehr collektiv beeinflusst ist.
EinpersönlichesB. hat weder archaïschen Charakter noch collektive Bedeutung, sondern drückt persönlich-unbewusste Inhalte und eine persönlich-bedingte Bewusstseinslage aus.
Das urtümliche B., das ich andernorts auch als „Archetypus“[323]bezeichnet habe, ist immer collektiv, d. h. es ist mindestens ganzen Völkern, oder Zeiten gemeinsam. Wahrscheinlich sind die hauptsächlichsten mythologischen Motive allen Rassen und Zeiten gemeinsam; so konnte ich eine Reihe von Motiven der griechischen Mythologie in den Träumen und Phantasien von geisteskranken reinrassigen Negern nachweisen.[324]
Das urtümliche Bild ist ein mnemischer Niederschlag, einEngramm(Semon), das durch Verdichtung unzähliger, einander ähnlicher Vorgänge entstanden ist. Es ist in erster Linie und zunächst ein Niederschlag und damit eine typische Grundform eines gewissen immer wiederkehrenden seelischen Erlebens. Darum ist es als mythologisches Motiv auch ein stets wirksamer und immer wieder auftretender Ausdruck, welcher das gewisse seelische Erleben entweder wachruft oder in passender Weise formuliert. Das urtümliche Bild ist wohl ein psychischer Ausdruck einer physiologisch-anatomisch bestimmten Anlage. Stelltman sich auf den Standpunkt, dass eine bestimmte anatomische Struktur entstanden sei aus der Einwirkung der Umweltsbedingungen auf den lebenden Stoff, so entspricht das urtümliche Bild in seinem stetigen und allverbreiteten Vorkommen einer ebenso allgemeinen und beständigen äussern Einwirkung, welche daher den Charakter eines Naturgesetzes haben muss. Man könnte auf diese Weise den Mythus auf die Natur beziehen (z. B. die Sonnenmythen auf das tägliche Auf- und Untergehen der Sonne oder den ebenso sinnenfälligen Wechsel der Jahreszeiten). Dabei bliebe aber die Frage übrig, warum dann nicht einfach z. B. die Sonne und ihre scheinbaren Veränderungen direkt und unverhüllt als Inhalt des Mythus aufträten. Die Tatsache, dass die Sonne oder der Mond oder die meteorologischen Vorgänge zum mindesten allegorisiert auftreten, weist uns aber auf eine selbständige Mitarbeit der Psyche hin, welche also in diesem Falle keineswegs bloss ein Produkt oder Abklatsch der Umweltsbedingungen sein kann. Denn woher bezöge sie dann überhaupt die Fähigkeit zu einem Standpunkt ausserhalb der Sinneswahrnehmung? Woher käme ihr dann überhaupt die Fähigkeit zu, ein Mehreres oder Anderes zu leisten, als die Bestätigung des Zeugnisses der Sinne? Wir müssen daher notgedrungen annehmen, dass die gegebene Hirnstruktur ihr Sosein nicht bloss der Einwirkung der Umweltsbedingungen verdankt, sondern ebensowohl auch der eigentümlichen und selbständigen Beschaffenheit des lebenden Stoffes, d. h. also einem mit dem Leben gegebenen Gesetze. Die gegebene Beschaffenheit des Organismus ist daher ein Produkt einerseits der äussern Bedingungen und andererseits der dem Lebendigen inhärenten Bestimmungen. Demgemäss ist auch das urtümliche Bild einerseits unzweifelhaft auf gewisse sinnenfällige und stets sich erneuernde und daher immer wirksame Naturvorgänge zu beziehen, andererseits aber ebenso unzweifelhaft auf gewisseinnere Bestimmungen des geistigen Lebens und des Lebens überhaupt. Dem Licht setzt der Organismus ein neues Gebilde, das Auge, entgegen, und dem Naturvorgang setzt der Geist ein symbolisches Bild entgegen, das den Naturvorgang ebenso erfasst, wie das Auge das Licht. Und ebenso wie das Auge ein Zeugnis ist für die eigentümliche und selbständige schöpferische Tätigkeit des lebenden Stoffes, so ist auch das urtümliche Bild ein Ausdruck der eigenen und unbedingten, erschaffenden Kraft des Geistes.
Das urtümliche Bild ist somit ein zusammenfassender Ausdruck des lebendigen Prozesses. Es gibt den sinnlichen und innern geistigen Wahrnehmungen, die zunächst ungeordnet und unzusammenhängend erscheinen, einen ordnenden und verbindenden Sinn und befreit dadurch die psychische Energie von der Bindung an die blosse und unverstandene Wahrnehmung. Es bindet aber auch die durch Wahrnehmung der Reize entfesselten Energien an einen bestimmten Sinn, der das Handeln in die dem Sinn entsprechenden Bahnen leitet. Es löst unverwendbare, aufgestaute Energie, indem es den Geist auf die Natur verweist, und blossen Naturtrieb in geistige Formen überführt.
Das urtümliche Bild ist Vorstufe derIdee(s. d.), es ist ihr Mutterboden. Aus ihm entwickelt die Vernunft durch Ausscheidung des dem urtümlichen Bild eigentümlichen und notwendigenConcretismus(s. d.), einen Begriff — eben die Idee — der aber von allen andern Begriffen sich dadurch unterscheidet, dass er der Erfahrung nicht gegeben ist, und dass er sogar als aller Erfahrung zu Grunde liegend erschlossen wird. Diese Eigenschaft hat die Idee vom urtümlichen Bild, das als Ausdruck der spezifischen Hirnstruktur auch aller Erfahrung die bestimmte Form erteilt.
Der Grad der psychologischen Wirksamkeit des urtümlichen Bildes wird bestimmt durch die Einstellungdes Individuums. Ist die Einstellung überhaupt introvertiert, so ergibt sich natürlicherweise infolge der Abziehung der Libido vom äussern Objekt eine erhöhte Betonung des innern Objektes, des Gedankens. Daraus erfolgt eine besonders intensive Entwicklung der Gedanken auf der durch das urtümliche Bild unbewusst vorgezeichneten Linie. Auf diese Weise tritt das urtümliche Bild zunächst indirekt in die Erscheinung. Die Weiterführung der gedanklichen Entwicklung führt zur Idee, welche nichts anderes ist, als das zur gedanklichen Formulierung gelangte urtümliche Bild. Über die Idee hinaus führt nur die Entwicklung der Gegenfunktion, d. h. ist die Idee intellektuell erfasst, so will sie auf das Leben wirken. Sie zieht darum das Fühlen an, welches aber in diesem Falle weit weniger differenziert und daher concretistischer ist als das Denken. Das Fühlen ist daher unrein, und, weil undifferenziert, noch mit dem Unbewussten verschmolzen. Das Individuum ist dann unfähig, dieses so beschaffene Fühlen mit der Idee zu vereinigen. In diesem Falle tritt nun das urtümliche Bild alsSymbolin das innere Blickfeld, erfasst vermöge seiner concreten Natur einerseits das in undifferenziertem concreten Zustand befindliche Fühlen, ergreift aber auch vermöge seiner Bedeutung die Idee, deren Mutter es ja ist, und vereinigt so die Idee mit dem Fühlen. Das urtümliche Bild tritt solchergestalt als Mittler ein und beweist damit wiederum seine erlösende Wirksamkeit, die es in den Religionen stets gehabt hat. Ich möchte daher das, wasSchopenhauervon der Idee sagt, eher auf das urtümliche Bild beziehen, indem, wie ich unter „Idee“ erläutert habe, die Idee nicht ganz und durchaus als etwas Apriorisches, sondern eben auch als etwas Abgeleitetes und Herausentwickeltes aufgefasst werden muss. Wenn ich daher im, folgenden die WorteSchopenhauersanführe, so bitte ich den Leser, das Wort „Idee“ im Text jeweils durch „urtümlichesBild“ ersetzen zu wollen, um zum Verständnis dessen zu gelangen, was ich hier meine:
„Vom Individuo als solchem wird — die Idee — nie erkannt, sondern nur von dem, der sich über alles Wollen und über alle Individualität zum reinen Subjekt des Erkennens erhoben hat: also ist sie nur dem Genius und sodann dem, welcher durch, meistens von den Werken des Genius veranlasste, Erhöhung seiner reinen Erkenntniskraft, in einer genialen Stimmung ist, erreichbar: daher ist sie nicht schlechthin, sondern nur bedingt mitteilbar, indem die aufgefasste und (z. B.) im Kunstwerk wiederholte Idee jedem nur nach Massgabe seines eigenen intellektualen Wertes anspricht“, etc.
„Die Idee ist die, vermöge der Zeit- und Raumform unserer intuitiven Apprehension in die Vielheit zerfallene Einheit.“
„Der Begriff gleicht einem toten Behältnis, in welchem, was man hineingelegt hat, wirklich nebeneinander liegt, aus welchem sich aber auch nicht mehr herausnehmen lässt, als man hineingelegt hat: die Idee hingegen entwickelt in dem, welcher sie gefasst hat, Vorstellungen, die in Hinsicht auf den ihr gleichnamigen Begriff neu sind: sie gleicht einem lebendigen, sich entwickelnden, mit Zeugungskraft begabten Organismus, welcher hervorbringt, was nicht in ihm eingeschachtelt lag.“[325]
Schopenhauerhat es klar erkannt, dass die „Idee“, d. h. das urtümliche Bild nach meiner Definition, nicht erreicht werden kann auf dem Wege, auf dem ein Begriff oder eine „Idee“ hergestellt wird („Idee“ nachKantein „Begriff aus Notionen“[326]), sondern dass dazu ein Element jenseits des formulierenden Verstandes gehört, etwa, wieSchopenhauersagt, die „geniale Stimmung“, womit nichts anderes als ein Gefühlszustand gemeint ist. Denn von der Idee gelangt man zum urtümlichen Bild nur dadurch, dass der Weg, der zur Idee führte, über den Höhepunkt der Idee hinaus in die Gegenfunktion fortgesetzt wird.
Das urtümliche Bild hat vor der Klarheit der Idee die Lebendigkeit voraus. Es ist ein eigener lebender Organismus, „mit Zeugungskraft begabt“, denn das urtümliche Bild ist eine vererbte Organisation der psychischen Energie, ein festes System, welches nicht nur Ausdruck, sondern auch Möglichkeit des Ablaufes des energetischen Prozesses ist. Es charakterisiert einerseits die Art, wie der energetische Prozess seit Urzeit immer wieder in derselben Weise abgelaufen ist und ermöglicht zugleich auch immer wieder den gesetzmässigen Ablauf, indem es eine Apprehension oder psychische Erfassung von Situationen in solcher Art ermöglicht, dass dem Leben immer wieder eine weitere Fortsetzung gegeben werden kann. Es ist somit das notwendige Gegenstück zumInstinkt, der ein zweckmässiges Handeln ist, aber auch ein ebenso sinnentsprechendes wie zweckmässiges Erfassen der jeweiligen Situation voraussetzt. Diese Apprehension der gegebenen Situation wird durch das a priori vorhandene Bild gewährleistet. Es stellt die anwendbare Formel dar, ohne welche die Apprehension eines neuen Tatbestandes unmöglich wäre.
9.Collektiv.Als collektiv bezeichne ich alle diejenigen psychischen Inhalte, die nicht einem, sondern vielen Individuen zugleich, d. h. also einer Gesellschaft, einem Volke oder der Menschheit eigentümlich sind. Solche Inhalte sind die vonLévy-Bruhl[327]beschriebenen „mystischen Collektivvorstellungen“ (représentations collectives) der Primitiven, ebenso die dem Kulturmenschen geläufigenallgemeinen Begriffevon Recht, Staat, Religion, Wissenschaft usw. Aber es sind nicht nur Begriffe und Anschauungen, die als collektiv zu bezeichnen sind, sondern auchGefühle. Lévy-Bruhl zeigt für die Primitiven, wie ihre Collektivvorstellungen auch zugleich Collektivgefühle darstellen. Um dieses collektiven Gefühlswertes willen bezeichnet er die „représentations collectives“ auch als „mystiques“, weil diese Vorstellungen nicht bloss intellektuell, sondern auch emotional sind.[328]Beim Kulturmenschen verknüpfen sich mit gewissen collektiven Begriffen auch collektive Gefühle, z. B. mit der collektiven Idee Gottes oder des Rechtes oder des Vaterlandes etc. Der collektive Charakter kommt nun nicht nur einzelnen psychischen Elementen oder Inhalten zu, sondern auch ganzenFunktionen(s. d.). So kann z. B. das Denken überhaupt als ganze Funktion collektiven Charakter haben, insofern es nämlich ein allgemeingültiges, z. B. den Gesetzen der Logik entsprechendes Denken ist. Ebenso kann das Fühlen als ganze Funktion collektiv sein, insofern es z. B. mit dem allgemeinen Fühlen identisch ist, m. a. W. den allgemeinen Erwartungen, z. B. dem allgemeinen moralischen Bewusstsein usw. entspricht. Ebenso ist diejenige Empfindung oder Empfindungsart und diejenige Intuition collektiv, welche zugleich einer grössern Gruppe von Menschen eigentümlich ist. Der Gegensatz zu collektiv istindividuell(s. d.).
10.CompensationbedeutetAusgleichung oder Ersetzung. Der Begriff der Compensation wurde eigentlich vonAdler[329]in die Neurosenpsychologie eingeführt.[330]Er versteht unter Compensation die funktionelle Ausgleichung des Minderwertigkeitsgefühles durch ein compensierendes psychologisches System, vergleichbar den compensierenden Organentwicklungen bei Organminderwertigkeit[331]. So sagtAdler: „Mit der Loslösung vom mütterlichen Organismus beginnt für diese minderwertigen Organe und Organsysteme der Kampf mit der Aussenwelt, der notwendigerweise entbrennen muss und mit grösserer Heftigkeit einsetzt als bei normal entwickeltem Apparat. — Doch verleiht der fötale Charakter zugleich die erhöhte Möglichkeit der Compensation und Übercompensation, steigert die Anpassungsfähigkeit an gewöhnliche und ungewöhnliche Widerstände und sichert die Bildung von neuen und höhern Formen, von neuen und höhern Leistungen.“ Das Minderwertigkeitsgefühl des Neurotikers, das nach Adler ätiologisch einer Organminderwertigkeit entspricht, gibt Anlass zu einer „Hilfskonstruktion“[332], eben einer Compensation, welche in der Herstellung einer die Minderwertigkeit ausgleichenden Fiktion besteht. Die Fiktion oder „fiktive Leitlinie“ ist ein psychologisches System, welches die Minderwertigkeit in eine Mehrwertigkeit umzuwandeln sucht. Bedeutsam an dieser Auffassung ist die erfahrungsgemäss nicht zu leugnende Existenz einer compensierenden Funktion im Gebiete der psychologischen Vorgänge. Sie entspricht einer ähnlichen Funktion auf physiologischem Gebiet, der Selbststeuerung oder Selbstregulierung des Organismus. Während Adler seinen Begriff der Compensation auf die Ausgleichung des Minderwertigkeitsgefühles einschränkt, fasse ich den Begriff der Compensation allgemein als funktionelle Ausgleichung, als Selbstregulierung des psychischen Apparates[333]. In diesemSinne fasse ich die Tätigkeit desUnbewussten(s. d.) als Ausgleichung der durch die Bewusstseinsfunktion erzeugten Einseitigkeit der allgemeinen Einstellung. Das Bewusstsein wird von den Psychologen gerne dem Auge verglichen, man spricht von einem Blickfeld und Blickpunkt des Bewusstseins. Mit diesem Vergleich ist das Wesen der Bewusstseinsfunktion treffend charakterisiert: nur wenige Inhalte können zugleich den höchsten Bewusstseinsgrad erreichen, und nur eine beschränkte Anzahl von Inhalten kann sich zugleich im Bewusstseinsfelde aufhalten. Die Tätigkeit des Bewusstseins istauswählend. Die Auswahl erfordertRichtung. Richtung aber erfordertAusschliessung alles Nichtzugehörigen. Daraus muss jeweils eine gewisse Einseitigkeit der Bewusstseinsorientierung entstehen. Die von der gewählten Richtung ausgeschlossenen und gehemmten Inhalte verfallen zunächst dem Unbewussten, bilden aber wegen ihrer effektiven Existenz doch ein Gegengewicht gegen die bewusste Orientierung, das sich durch Vermehrung der bewussten Einseitigkeit ebenfalls vermehrt und schliesslich zu einer merklichen Spannung führt. Diese Spannung bedeutet eine gewisse Hemmung der bewussten Tätigkeit, welche zwar zunächst durch vermehrte bewusste Anstrengung durchbrochen werden kann. Aber auf die Dauer erhöht sich die Spannung derart, dass die gehemmten unbewussten Inhalte sich dem Bewusstsein doch mitteilen und zwar vermittelst der Träume und freisteigender Bilder. Je grösser die Einseitigkeit der bewussten Einstellung ist, desto gegensätzlicher sind die dem Unbewussten entstammenden Inhalte, sodass man von einem eigentlichen Kontraste zwischen Bewusstsein und Unbewusstem sprechen kann. In diesem Falle tritt die Compensation in Form einer kontrastierenden Funktion auf. Dieser Fall ist extrem. In der Regel ist die Compensation durch das Unbewusste kein Kontrast, sondern eine Ausgleichung oderErgänzung der bewussten Orientierung. Das Unbewusste gibt z. B. im Traume alle diejenigen zur bewussten Situation konstellierten, aber durch die bewusste Wahl gehemmten Inhalte, deren Kenntnis dem Bewusstsein zu einer völligen Anpassung unerlässlich wäre.
Im Normalzustande ist die Compensation unbewusst, d. h. sie wirkt unbewusst regulierend auf die bewusste Tätigkeit. In der Neurose tritt das Unbewusste in so starken Kontrast zum Bewusstsein, dass die Compensation gestört wird. Die analytische Therapie zielt daher auf eine Bewusstmachung der unbewussten Inhalte, um auf diese Weise die Compensation wieder herzustellen.
11.Concretismus.Unter dem Begriff des Concretismus verstehe ich eine bestimmte Eigentümlichkeit desDenkensundFühlens, welche den Gegensatz zur Abstraktion darstellt. Concret heisst eigentlich „zusammengewachsen“. Ein concret gedachter Begriff ist ein Begriff, der mit andern Begriffen verwachsen oder verschmolzen vorgestellt wird. Ein solcher Begriff ist nicht abstrakt, nicht abgesondert und an sich gedacht, sondern bezogen und vermischt. Er ist kein differenzierter Begriff, sondern er steckt noch im sinnlich vermittelten Anschauungsmaterial drin. Das concretistische Denken bewegt sich in ausschliesslich concreten Begriffen und Anschauungen, es ist stets auf die Sinnlichkeit bezogen. Ebenso ist das concretistische Fühlen niemals von sinnlicher Bezogenheit abgesondert.
Das primitive Denken und Fühlen ist ausschliesslich concretistisch, es ist immer auf die Sinnlichkeit bezogen. Der Gedanke des Primitiven hat keine abgesonderte Selbständigkeit, sondern klebt an der materiellen Erscheinung. Er erhebt sich höchstens zur Stufe derAnalogie. Ebenso ist das primitive Fühlen immer auf die materielle Erscheinung bezogen. Denken und Fühlen beruhen auf der Empfindung und unterscheiden sich nur wenig von ihr. Der Concretismus ist daher einArchaïsmus(s. d.). Der magische Einfluss des Fetisch wird nicht als subjektiver Gefühlszustand erlebt, sondern als magische Wirkung empfunden. Das ist Concretismus des Gefühls. Der Primitive erfährt nicht den Gedanken der Gottheit als subjektiven Inhalt, sondern der heilige Baum ist der Wohnsitz, ja der Gott selber. Das ist Concretismus des Denkens. Beim Kulturmenschen besteht der Concretismus des Denkens z. B. in der Unfähigkeit, etwas anderes zu denken, als sinnlich vermittelte Tatsachen von unmittelbarer Anschaulichkeit, oder in der Unfähigkeit, das subjektive Fühlen vom sinnlich gegebenen Objekt des Fühlens zu unterscheiden.
Der Concretismus ist ein Begriff, der unter den allgemeinern Begriff der „participation mystique“ (s. d.) fällt. Wie die „participation mystique“ eine Vermischung des Individuums mit äussern Objekten darstellt, so stellt der Concretismus eine Vermischung des Denkens und Fühlens mit der Empfindung dar. Der Concretismus bedingt, dass der Gegenstand des Denkens und Fühlens allemal zugleich auch ein Gegenstand des Empfindens ist. Diese Vermischung verhindert eine Differenzierung des Denkens und Fühlens und hält beide Funktionen in der Sphäre der Empfindung, d. h. der sinnlichen Bezogenheit fest, wodurch sie sich nie zu reinen Funktionen entwickeln können, sondern stets im Gefolge der Empfindung bleiben. Dadurch entsteht ein Vorwiegen des Empfindungsfaktors in der psychologischen Orientierung. (Über die Bedeutung des Empfindungsfaktors siehe „Empfindung“ und „Typen“.)
Der Nachteil des Concretismus ist die Gebundenheit der Funktion an die Empfindung. Da die Empfindung Wahrnehmung physiologischer Reize ist, so hält der Concretismus die Funktion entweder in der sinnlichen Sphäre fest oder führt sie immer wiederdahin zurück. Damit ist eine sinnliche Gebundenheit der psychologischen Funktionen bewirkt, welche die psychische Selbständigkeit des Individuums verhindert zu Gunsten der sinnlich gegebenen Tatsachen. In Ansehung der Anerkennung von Tatsachen ist diese Orientierung natürlich wertvoll, nicht aber in Ansehung derDeutungder Tatsachen und ihres Verhältnisses zum Individuum. Der Concretismus schafft ein Überwiegen der Tatsachenbedeutung und damit eine Unterdrückung der Individualität und ihrer Freiheit zu Gunsten des objektiven Vorganges. Da das Individuum aber nicht nur durch physiologische Reize bestimmt ist, sondern auch durch Faktoren, welche gegebenenfalls der äussern Tatsache entgegengesetzt sind, so bewirkt der Concretismus eine Projektion dieser innern Faktoren in die äussere Tatsache und damit eine sozusagen abergläubische Überbewertung der blossen Tatsachen, genau wie beim Primitiven. Ein gutes Beispiel hiefür ist der Concretismus des Fühlens beiNietzscheund die dadurch bewirkte Überbewertung der Diät, ebenso der MaterialismusMoleschotts(„Der Mensch ist, was er isst“). Ein Beispiel für die abergläubische Überbewertung der Tatsachen ist die Hypostasierung des Energiebegriffes imOstwaldschen Monismus.
12.Construktiv.Dieser Begriff wird von mir in ähnlicher Weise gebraucht, wiesynthetisch, gewissermassen zur Erläuterung des letztern Begriffes. Construktiv bedeutet „aufbauend“. Ich gebrauche „construktiv“ und „synthetisch“ zur Bezeichnung einer Methode, die der reduktiven Methode entgegengesetzt ist.[334]Die construktive Methode betrifft die Bearbeitung unbewusster Produkte (Träume, Phantasien). Sie geht vom unbewussten Produkt aus als von einemsymbolischen(s. d.) Ausdruck, welcher vorausgreifend ein Stück psychologischer Entwicklung darstellt.[335]Maederspricht in dieser Hinsicht von einer eigentlichenprospektiven Funktiondes Unbewussten, welches quasi spielend die zukünftige psychologische Entwicklung antecipiert.[336]AuchAdleranerkennt eine vorausgreifende Funktion des Unbewussten.[337]Sicher ist, dass das Produkt des Unbewussten nicht einseitig als Gewordenes, gewissermassen als Endprodukt betrachtet werden darf, sonst müsste ihm jeder zweckmässige Sinn abgesprochen werden. SelbstFreudweist dem Traum die teleologische Rolle wenigstens als „Hüter des Schlafes“ zu[338], während sich die prospektive Funktion für ihn wesentlich auf „Wünsche“ beschränkt. Der Zweckmässigkeitscharakter der unbewussten Tendenzen kann aber nach Analogie mit andern psychologischen oder physiologischen Funktionen nicht a priori bestritten werden. Wir fassen darum das Produkt des Unbewussten als einen nach einem Ziel oder einem Zweck orientierten Ausdruck auf, der aber den Richtpunkt in symbolischer Sprache charakterisiert.[339]Dieser Auffassung entsprechend beschäftigt sich die c. Methode der Deutung nicht mit den dem unbewussten Produkt zu Grunde liegenden Quellen oder Ausgangsmaterialien, sondern sie sucht das symbolische Produkt auf einen allgemeinen und verständlichen Ausdruck zu bringen.[340]Die freien Einfälle zum unbewussten Produkt werden also in Hinsicht einer Zielrichtung und nicht in Hinsicht der Herkunft betrachtet. Sie werden unter dem Gesichtswinkel zukünftigen Tuns oder Lassens betrachtet; ihr Verhältnis zur Bewusstseinslage wird dabei sorgfältig berücksichtigt, denn nach der compensatorischen Auffassung des Unbewussten hat die Tätigkeit des Unbewussten eine hauptsächlich ausgleichende oder ergänzende Bedeutung für die Bewusstseinslage. Da es sich um eine Vorausorientierung handelt, so kommt die wirkliche Beziehung zum Objekt viel weniger in Frage als beim reduktiven Verfahren, welches sich mit wirklich stattgehabten Beziehungen zum Objekt beschäftigt. Es handelt sich vielmehr um die subjektive Einstellung, in der das Objekt zunächst nur ein Zeichen für Tendenzen des Subjektes bedeutet. Die Absicht der c. Methode ist daher die Herstellung eines auf die zukünftige Einstellung des Subjektes bezüglichen Sinnes des unbewussten Produktes. Da das Unbewusste in der Regel nur symbolische Ausdrücke zu schaffen vermag, so dient die c. Methode dazu, den symbolisch ausgedrückten Sinn dermassen zu verdeutlichen, dass ein die bewusste Orientierung richtig stellender Hinweis dabei herauskommt, womit dem Subjekt das für sein Handeln notwendige Einssein mit dem Unbewussten vermittelt wird.
So, wie sich keine psychologische Deutungsmethode auf das Associationsmaterial des Analysanden allein gründet, so bedient sich auch der c. Standpunkt gewisser Vergleichsmaterialien. So, wie sich die reduktive Deutung gewisser biologischer, physiologischer, folkloristischer, literarischer und anderer Vergleichsvorstellungen bedient, so ist die c. Behandlung des Denkproblems auf philosophische, und die des Intuitionsproblems auf mythologische und religionsgeschichtliche Parallelen angewiesen.
Die c. Methode ist notgedrungenerweiseindividualistisch, denn eine zukünftige Collektiveinstellung entwickelt sich nur über das Individuum. Im Gegensatz dazu ist die reduktive Methodecollektiv,denn sie führt aus dem individuellen Fall zurück auf allgemeine Grundeinstellungen oder -tatsachen. Die c. Methode kann auch vom Subjekt direkt auf seine subjektiven Materialien angewendet werden. In diesem letztern Fall ist sie eineintuitiveMethode, verwendet zur Ausarbeitung des allgemeinen Sinnes eines Produktes des Unbewussten. Diese Ausarbeitung erfolgt durch dieassociative(also nicht aktivapperceptive, s. d.) Angliederung weitern Materials, welches den symbolischen Ausdruck des Unbewussten (z. B. den Traum) dermassen bereichert und vertieft, dass er jene Deutlichkeit erreicht, welche das bewusste Begreifen ermöglicht. Durch die Bereicherung des symbolischen Ausdruckes wird er in allgemeinere Zusammenhänge verwoben und dadurch assimiliert.
13.Denken. Ich fasse das Denken als eine der vier psychologischen Grundfunktionen auf (s.Funktion). Das Denken ist diejenige psychologische Funktion, welche, ihren eigenen Gesetzen gemäss, gegebene Vorstellungsinhalte in (begrifflichen) Zusammenhang bringt. Es ist apperceptive Tätigkeit und als solche inaktiveundpassiveDenktätigkeit zu unterscheiden. Das aktive Denken ist eine Willenshandlung, das passive Denken ein Geschehnis. Im erstem Fall unterwerfe ich die Vorstellungsinhalte einem gewollten Urteilsakt, im letztern Fall ordnen sich begriffliche Zusammenhänge an, es formen sich Urteile, welche gegebenenfalls zu meiner Absicht in Widerspruch stehen, meiner Zielrichtung nicht entsprechen und daher für mich des Gefühles der Richtung entbehren, obschon ich nachträglich zur Anerkennung ihres Gerichtetseins durch einen aktiven Apperceptionsakt gelangen kann. Das aktive Denken würde demnach meinem Begriffe des gerichteten Denkens[341]entsprechen. Das passive D. ist in meiner unten zitiertenArbeit ungenügend als „Phantasieren“ gekennzeichnet worden.[342]Ich würde es heute alsintuitivesDenken bezeichnen.
Ein einfaches Aneinanderreihen von Vorstellungen, was von gewissen Psychologen alsassociativesD.[343]bezeichnet wird, ist für mich kein Denken, sondern blossesVorstellen. Von D. sollte man m. E. nur da sprechen, wo es sich um die Verbindung von Vorstellungen durch einen Begriff handelt, wo also m. a. W. ein Urteilsakt vorliegt, gleichviel ob dieser Urteilsakt unserer Absicht entspringt oder nicht.
Das Vermögen des gerichteten D. bezeichne ich alsIntellekt, das Vermögen des passiven oder nicht gerichteten D. bezeichne ich alsintellektuelle Intuition. Ich bezeichne ferner das gerichtete Denken, den Intellekt, alsrationale(s. d.) Funktion, indem es nach der Voraussetzung der mir bewussten vernünftigen Norm die Vorstellungsinhalte unter Begriffen anordnet. Dagegen ist mir das nichtgerichtete Denken, die intellektuelle Intuition, eineirrationale(s. d.) Funktion, indem es nach mir unbewussten und darum nicht als vernunftgemäss erkannten Normen die Vorstellungsinhalte beurteilt und anordnet. Ich kann aber gegebenenfalls nachträglich erkennen, dass auch der intuitive Urteilsakt der Vernunft entspricht, obschon er auf einem mir irrational erscheinenden Wege zustande gekommen ist.
Unter gefühlsmässigem D. verstehe ich nicht das intuitive D., sondern ein Denken, das vom Fühlen abhängig ist, also ein Denken, das nicht seinem eigenen, logischen Prinzip folgt, sondern dem Prinzip des Fühlens untergeordnet ist. Im gefühlsmässigen D. sind dieGesetze der Logik nur scheinbar vorhanden, in Wirklichkeit aber aufgehoben zu Gunsten der Gefühlsabsicht.
14.Differenzierungbedeutet Entwicklung von Unterschieden, Aussonderung von Teilen aus einem Ganzen. Ich gebrauche den Begriff der D. in dieser Arbeit hauptsächlich in Hinsicht von psychologischen Funktionen. Solange eine Funktion noch dermassen mit einer oder mehreren andern Funktionen verschmolzen ist, z. B. Denken und Fühlen, oder Fühlen und Empfindung etc., dass sie für sich allein gar nicht auftreten kann, so ist sie inarchaïschem(s. d.) Zustand, sie ist nicht differenziert, d. h. nicht als ein besonderer Teil vom Ganzen ausgeschieden und als solcher für sich bestehend. Ein nicht differenziertes Denken ist unfähig, von andern Funktionen abgesondert zu denken, d. h. es mischen sich ihm beständig Empfindungen oder Gefühle oder Intuitionen bei; ein nicht differenziertes Fühlen vermischt sich z. B. mit Empfindungen und Phantasien, z. B. Sexualisierung (Freud) des Fühlens und Denkens in der Neurose. In der Regel ist die nicht differenzierte Funktion auch dadurch charakterisiert, dass sie die Eigenschaft derAmbivalenzund derAmbitendenz[344]hat, d. h. jede Position führt ihre Negation merklich mit sich, woraus kennzeichnende Hemmungen im Gebrauch der nicht differenzierten Funktion entstehen. Die nicht differenzierte Funktion ist auch in ihren einzelnen Teilen verschmolzen, so ist z. B. ein nicht differenziertes Empfindungsvermögen dadurch beeinträchtigt, dass sich die einzelnen Sinnessphären vermischen (Audition colorée), ein nicht differenziertes Fühlen z. B. durch Vermengung von Hass und Liebe. Insofern eine Funktion ganz oder grösstenteils unbewusst ist, ist sie auch nicht differenziert, sondern in ihren Teilen und mit andern Funktionen verschmolzen. Die D. besteht in der Absonderung der Funktion von andern Funktionen und in der Absonderung ihrer einzelnen Teile von einander. Ohne D. ist Richtung unmöglich, denn die Richtung einer Funktion resp. ihr Gerichtetsein beruht auf Besonderung und Ausschliessung des Nichtzugehörigen. Durch Verschmelzung mit Nichtzugehörigem ist das Gerichtetsein unmöglich gemacht; nur eine differenzierte Funktion erweist sich alsrichtungsfähig.
15.Dissimilation, s.Assimilation.
16.Einfühlung. E. ist eineIntrojektion(s. d.) des Objektes. Für die nähere Beschreibung des Begriffes der E. siehe TextKapitel VII. (Siehe auchProjektion.)
17.Einstellung. Dieser Begriff ist eine relativ neue Erwerbung der Psychologie. Er stammt vonMüllerundSchumann[345]. WährendKülpe[346]die E. als eine Prädisposition sensorischer oder motorischer Zentren für eine bestimmte Erregung oder einen beständigen Impuls definiert, fasst sieEbbinghaus[347]in weiterm Sinne als eine Übungserscheinung, welche das Gewohnte in die vom Gewohnten abweichende Einzelleistung hineinträgt. Von demEbbinghaus’schen Begriffe der E. geht auch unser Gebrauch des Begriffes aus. E. ist für uns eine Bereitschaft der Psyche in einer gewissen Richtung zu agieren oder zu reagieren. Der Begriff ist gerade für die Psychologie der komplexen seelischen Phänomene sehr wichtig, indem er jene eigenartige psychologische Erscheinung, dass gewisse Reize zu gewissen Zeiten stark, zu andern schwach oder gar nicht wirken, aufeinen Ausdruck bringt. Eingestellt sein heisst: für etwas Bestimmtes bereit sein, auch wenn dieses Bestimmte unbewusst ist, denn Eingestelltsein ist gleichbedeutend mit apriorischer Richtung auf Bestimmtes, gleichviel ob dieses Bestimmte vorgestellt ist oder nicht. Die Bereitschaft, als welche ich die E. auffasse, besteht immer darin, dass eine gewisse subjektive Konstellation, eine bestimmte Kombination von psychischen Faktoren oder Inhalten vorhanden ist, welche entweder das Handeln in dieser oder jener bestimmten Richtung determinieren oder einen äussern Reiz in dieser oder jener bestimmten Weise auffassen wird. Ohne E. ist aktiveApperception(s. d.) unmöglich. E. hat immer einen Richtpunkt, der bewusst oder unbewusst sein kann, denn eine bereitgestellte Kombination von Inhalten wird unfehlbar im Akte der Apperception eines neuen Inhaltes jene Qualitäten oder Momente hervorheben, welche dem subjektiven Inhalt als zugehörig erscheinen. Es findet daher eine Auswahl oder ein Urteil statt, welches Nichtzugehöriges ausschliesst. Was zugehörig oder nichtzugehörig ist, wird durch die bereitgestellte Inhaltskombination oder -konstellation entschieden. Ob der Richtpunkt der E. bewusst oder unbewusst ist, hat keine Bedeutung für die auswählende Wirkung der E., indem die Auswahl durch die E. schon a priori gegeben ist und im Übrigen automatisch erfolgt. Es ist aber praktisch zwischen bewusst und unbewusst zu unterscheiden, da ungemein häufig auch zwei E. vorhanden sind, nämlich eine bewusste und eine unbewusste E. Damit soll ausgedrückt sein, dass das Bewusstsein eine Bereitstellung von andern Inhalten hat als das Unbewusste. Besonders deutlich ist die Zweiheit der E. in der Neurose.
Der Begriff der E. hat mit demWundtschen Apperceptionsbegriff eine gewisse Verwandtschaft, jedoch mit dem Unterschied, dass der Begriff der Apperception den Vorgang der Beziehung des bereitgestellten Inhaltes zum neuen, zu appercipierenden Inhalt in sich fasst, während der Begriff der E. sich ausschliesslich auf den subjektiv bereitgestellten Inhalt bezieht. Die Apperception ist gewissermassen die Brücke, die den bereits vorhandenen und bereitgestellten Inhalt mit dem neuen Inhalt verbindet, während die E. gewissermassen das Widerlager der Brücke auf dem einen Ufer, der neue Inhalt aber das Widerlager auf dem andern Ufer darstellt. E. bedeutet eineErwartung, und Erwartung wirkt immer auswählend und Richtung gebend. Ein starkbetonter, im Blickfeld des Bewusstseins befindlicher Inhalt bildet (event. mit andern Inhalten zusammen) eine gewisse Konstellation, welche gleichbedeutend mit einer bestimmten E. ist, denn ein solcher Bewusstseinsinhalt fördert die Wahrnehmung und Apperception alles Gleichartigen und hemmt die alles Ungleichartigen. Er erzeugt die ihm entsprechende E. Dieses automatische Phänomen ist ein wesentlicher Grund zur Einseitigkeit der bewussten Orientierung. Es würde zu einem völligen Gleichgewichtsverlust führen, wenn nicht eine selbstregulierende,compensatorische(s. d.) Funktion in der Psyche bestünde, welche die bewusste E. korrigiert. In diesem Sinn ist die Zweiheit der E. also ein normales Phänomen, das nur dann störend in Erscheinung tritt, wenn die bewusste Einseitigkeit excessiv ist. Die E. kann, als gewöhnlicheAufmerksamkeiteine relativ unbedeutende Teilerscheinung sein, oder auch ein die ganze Psyche bestimmendes allgemeines Prinzip. Aus Gründen der Disposition oder der Milieubeeinflussung oder der Erziehung oder der allgemeinen Lebenserfahrung oder der Überzeugung kann habituell eine Inhaltskonstellation vorhanden sein, welche beständig und oft bis ins allerkleinste eine gewisse E. erzeugt. Jemand, der das Unlustvolle des Lebens besonders tief empfindet, wird naturgemäss eine E. haben, welche stets das Unlustvolle erwartet. Diese excessive bewussteE. ist durch unbewusste Einstellung auf Lust compensiert. Der Unterdrückte hat eine bewusste E. auf Unterdrückendes, er wählt in der Erfahrung dieses Moment aus, er wittert es überall, seine unbewusste E. geht daher auf Macht und Überlegenheit.
Je nach der Art der habituellen E. ist die gesamte Psychologie des Individuums auch in den Grundzügen verschieden orientiert. Obschon die allgemeinen psychologischen Gesetze in jedem Individuum Geltung haben, so sind sie für das einzelne Individuum doch nicht charakteristisch, denn die Art ihres Wirkens ist ganz verschieden je nach der Art der allgemeinen E. Die allgemeine E. ist immer ein Resultat aller Faktoren, welche die Psyche wesentlich zu beeinflussen vermögen, also der angebornen Disposition, der Erziehung, der Milieueinflüsse, der Lebenserfahrungen, der durchDifferenzierung(s. d.) gewonnenen Einsichten und Überzeugungen, der Collektivvorstellungen etc. Ohne die durchaus fundamentale Bedeutung der E. wäre die Existenz einer individuellen Psychologie ausgeschlossen. Die allgemeine E. aber bewirkt dermassen grosse Kräfteverschiebungen und Beziehungsveränderungen der einzelnen Funktionen unter sich, dass daraus Gesamtwirkungen resultieren, welche die Gültigkeit allgemeiner psychologischer Gesetze öfters in Frage stellen. Obschon z. B. ein gewisses Mass an Betätigung der Sexualfunktion aus physiologischen und psychologischen Gründen als unerlässlich gilt, so gibt es dennoch Individuen, welche ohne Einbusse, d. h. ohne pathologische Erscheinungen und ohne irgendwie nachweisbare Einschränkung der Leistungsfähigkeit ihrer in hohem Masse entraten, während in andern Fällen schon geringfügige Störungen auf diesem Gebiet ganz beträchtliche allgemeine Folgen nach sich ziehen können. Wie gewaltig die individuellen Verschiedenheiten sind, sieht man vielleicht am besten in der Lust-Unlustfrage. Hier versagen sozusagen alle Regeln. Was gibt esschliesslich, das dem Menschen nicht gelegentlich Lust, und was, das ihm nicht gelegentlich Unlust verursachte? Jeder Trieb, jede Funktion kann der andern sich unterordnen und ihr Gefolgschaft leisten. Der Ich- oder Machttrieb kann sich die Sexualität dienstbar machen, oder die Sexualität benützt das Ich. Das Denken überwuchert alles andere, oder das Fühlen verschluckt das Denken und das Empfinden, alles je nach der E.
Im Grunde genommen ist die E. ein individuelles Phänomen und entzieht sich der wissenschaftlichen Betrachtungsweise. In der Erfahrung jedoch lassen sich gewisse E.-typen unterscheiden, insofern sich auch gewisse psychische Funktionen unterscheiden lassen. Wenn eine Funktion habituell überwiegt, so entsteht dadurch eine typische E. Je nach der Art der differenzierten Funktion ergeben sich Inhaltskonstellationen, welche eine entsprechende E. erzeugen. So gibt es eine typische E. des Denkenden, des Fühlenden, des Empfindenden und des Intuierenden. Ausser diesen rein psychologischen E.-typen, deren Zahl sich vielleicht noch vermehren lässt, gibt es auch soziale Typen, nämlich solche, denen eine Collektivvorstellung den Stempel aufdrückt. Sie sind charakterisiert durch die verschiedenen -ismen. Diese collektiv bedingten E. sind jedenfalls sehr wichtig, in gewissen Fällen den rein individuellen E. an Bedeutung sogar überlegen.