Wenn nun durch die alltägliche Erfahrung die finale Orientierung der Bewusstseinsinhalte über allen Zweifel hinaus feststeht, so ist zunächst gar kein Anlass vorhanden, anzunehmen, dass dies nicht auch bei den Inhalten des Unbewussten der Fall wäre, gegenteilige Erfahrung vorbehalten. Nach meiner Erfahrung bestehtnun keineswegs ein Anlass, die finale Orientierung unbewusster Inhalte zu bestreiten, im Gegenteil; die Fälle, in denen eine befriedigende Erklärung nur durch die Einführung des finalen Gesichtspunktes erreicht wird, sind recht zahlreich. Wenn wir also z. B. die Vision des Saulus in Ansehung der paulinischen Weltmission betrachten, und darum zum Schlusse kommen, dass Saulus zwar bewusst ein Christenverfolger war, unbewusst aber den christlichen Standpunkt adoptiert hatte und durch Überwiegen und Irruption des Unbewussten zum Christen gemacht wurde, weil seine unbewusste Persönlichkeit nach diesem Ziele strebte in instinktiver Erfassung der Notwendigkeit und Bedeutsamkeit dieser Tat, so erscheint mir diese Erklärung der Bedeutung dieses Tatbestandes adäquater zu sein, als eine reduktive Erklärung durch persönliche Momente, obschon letztere zweifellos in dieser oder jener Form mitbeteiligt waren, denn das „Allzumenschliche“ fehlt nirgends. Ebenso ist die in der Apostelgeschichte gegebene Andeutung einer finalen Erklärung der Petrusvision weit befriedigender als eine physiologisch-persönliche Mutmassung.

Zusammenfassend können wir also sagen, dass die P. sowohl kausal wie final zu verstehen ist. Der kausalen Erklärung erscheint sie als einSymptomeines physiologischen oder persönlichen Zustandes, welcher das Resultat vorausgegangener Geschehnisse ist. Der finalen Erklärung dagegen erscheint die P. als einSymbol, welches mit Hilfe der vorhandenen Materialien ein bestimmtes Ziel oder vielmehr eine gewisse zukünftige psychologische Entwicklungslinie zu kennzeichnen oder zu erfassen sucht. Weil die aktive P. das hauptsächliche Merkmal der künstlerischen Geistestätigkeit ist, so ist der Künstler nicht bloss einDarsteller, sondern einSchöpferund darum einErzieher, denn seine Werke haben den Wert von Symbolen, welche künftige Entwicklungslinien vorzeichnen. Die beschränktere oder allgemeinere soziale Gültigkeit der Symbole hängt ab von der beschränkteren oder allgemeineren Lebensfähigkeit der schöpferischen Individualität. Je abnormer, d. h. je lebensunfähiger die Individualität ist, desto beschränktere soziale Gültigkeit haben die durch sie hervorgebrachten Symbole, wenn schon die Symbole für die betreffende Individualität von absoluter Bedeutung sind. Man kann die Existenz des latenten Sinnes der P. nur dann bestreiten, wenn man auch der Ansicht ist, dass ein Naturvorgang überhaupt eines befriedigenden Sinnes entbehre. Die Naturwissenschaft hat indes den Sinn des Naturvorganges in Form der Naturgesetze herausgehoben. Die Naturgesetze sind zugestandenermassen menschliche Hypothesen, aufgestellt zur Erklärung des Naturvorganges. In dem Masse aber, als es sicher gestellt ist, dass das aufgestellte Gesetz mit dem objektiven Vorgang übereinstimmt, sind wir berechtigt von einem Sinn des Naturgeschehens zu reden. In dem Masse nun, indem es uns gelingt, eine Gesetzmässigkeit der P. aufzuweisen, sind wir auch berechtigt, von einem Sinn derselben zu reden. Der aufgefundene Sinn ist aber nur dann befriedigend, oder mit andern Worten: die nachgewiesene Gesetzmässigkeit verdient nur dann diesen Namen, wenn sie das Wesen der P. adäquat wiedergibt. Es gibt eine Gesetzmässigkeit am Naturvorgang und eine Gesetzmässigkeit des Naturvorganges. Es ist zwar gesetzmässig, dass man träumt, wenn man schläft; das ist aber keine Gesetzmässigkeit, welche etwas über das Wesen des Traumes aussagt. Es ist eine blosse Bedingung des Traumes. Der Nachweis einer physiologischen Quelle der P. ist eine blosse Bedingung ihres Vorhandenseins, aber kein Gesetz ihres Wesens. Das Gesetz der P. als eines psychologischen Phänomens kann nur ein psychologisches sein.

Wir gelangen nun zum zweiten Punkte unserer Erklärung des Begriffes der P., nämlich zum Begriffderimaginativen Tätigkeit. Die Imagination ist die reproduktive oder schöpferische Tätigkeit des Geistes überhaupt, ohne ein besonderes Vermögen zu sein, denn sie kann sich in allen Grundformen des psychischen Geschehens abspielen, im Denken, Fühlen, Empfinden und Intuieren. Die P. als imaginative Tätigkeit ist für mich einfach der unmittelbare Ausdruck der psychischen Lebenstätigkeit, der psychischen Energie, die dem Bewusstsein nicht anders als in Form von Bildern oder Inhalten gegeben ist, wie auch die physische Energie nicht anders in Erscheinung tritt, denn als physischer Zustand, der die Sinnesorgane auf physischem Wege reizt. Wie jeder physische Zustand — energetisch betrachtet — nichts anderes ist als ein Kräftesystem, so ist auch ein psychischer Inhalt nichts anderes — wenn energetisch betrachtet — als ein dem Bewusstsein erscheinendes Kräftesystem. Man kann daher von diesem Standpunkt aus sagen, dass die P. als Phantasma nichts anderes sei als ein bestimmter Libidobetrag, der dem Bewusstsein niemals anders erscheinen kann, als eben in der Form eines Bildes. Das Phantasma ist eine „idée-force“. Das Phantasieren als imaginative Tätigkeit ist identisch mit dem Ablauf des psychischen Energieprozesses.

45.Projektion.P. bedeutet die Hinauslegung eines subjektiven Vorganges in ein Objekt. (Dies im Gegensatz zurIntrojektion(s. d.).) Die P. ist demnach ein Dissimilationsvorgang, indem ein subjektiver Inhalt dem Subjekt entfremdet und gewissermassen dem Objekt einverleibt wird. Es sind ebenso wohl peinliche, inkompatible Inhalte, deren sich das Subjekt durch P. entledigt, wie auch positive Werte, die dem Subjekt aus irgend welchen Gründen, z. B. infolge Selbstunterschätzung, unzugänglich sind. Die P. beruht auf der archaïschenIdentität(s. d.) von Subjekt und Objekt, ist aber erst dann als P. zu bezeichnen, wenn die Notwendigkeit der Auflösung der Identität mitdem Objekt eingetreten ist. Diese Notwendigkeit tritt ein, wenn die Identität störend wird, d. h. wenn durch die Abwesenheit des projizierten Inhaltes die Anpassung wesentlich beeinträchtigt und deshalb die Zurückbringung des projizierten Inhaltes ins Subjekt wünschenswert wird. Von diesem Moment an erhält die bisherige partielle Identität den Charakter der P. Der Ausdruck P. bezeichnet daher einen Identitätszustand, der merkbar und dadurch Gegenstand der Kritik geworden ist, sei es der eigenen Kritik des Subjektes, sei es der Kritik eines andern.

Man kann einepassiveund eineaktiveP. unterscheiden. Erstere Form ist die gewöhnliche Form aller pathologischen und vieler normalen P., welche keiner Absicht entspringen, sondern lediglich automatisches Geschehen sind. Letztere Form findet sich als wesentlicher Bestandteil desEinfühlungsaktes. DieEinfühlung(s. d.) ist zwar als Ganzes ein Introjektionsprozess, indem sie dazu dient, das Objekt in eine intime Beziehung zum Subjekt zu bringen. Um diese Beziehung herzustellen, trennt das Subjekt einen Inhalt, z. B. ein Gefühl, von sich ab, versetzt es ins Objekt, es damit belebend, und bezieht auf diese Weise das Objekt in die subjektive Sphäre ein. Die aktive Form der P. findet sich aber auch als Urteilsakt, der eine Trennung von Subjekt und Objekt bezweckt. In diesem Fall wird ein subjektives Urteil als gültiger Sachverhalt vom Subjekt abgetrennt und ins Objekt versetzt, wodurch das Subjekt sich vom Objekt absetzt. Die P. ist demnach ein Introversionsvorgang, indem sie im Gegensatz zur Introjektion keine Einbeziehung und Angleichung, sondern eine Unterscheidung und Abtrennung des Subjektes vom Objekt herbeiführt. Sie spielt daher eine Hauptrolle bei der Paranoia, welche in der Regel zu einer totalen Isolierung des Subjektes führt.

46.Rational.Das R. ist das Vernünftige, derVernunft entsprechende. Ich fasse die Vernunft als eine Einstellung auf, deren Prinzip es ist, das Denken, Fühlen und Handeln gemäss objektiven Werten zu gestalten. Die objektiven Werte stellen sich her durch die durchschnittliche Erfahrung einerseits äusserer, andererseits innerer psychologischer Tatsachen. Diese Erfahrungen könnten allerdings keine objektiven „Werte“ darstellen, wenn sie vom Subjekt als solche „bewertet“ würden, was allbereits ein Akt der Vernunft ist. Die vernünftige Einstellung, welche uns erlaubt, objektive Werte überhaupt als gültig zu erklären, ist nun aber nicht das Werk des einzelnen Subjektes, sondern der Menschheitsgeschichte. Die meisten objektiven Werte — und eben damit die Vernunft — sind seit Alters überkommene, festgefügte Vorstellungskomplexe, an deren Organisation ungezählte Jahrtausende gearbeitet haben mit derselben Notwendigkeit, mit der die Natur des lebenden Organismus überhaupt auf die durchschnittlichen und stets sich wiederholenden Bedingungen der Umwelt reagiert und ihnen entsprechende Funktionskomplexe gegenüberstellt, wie z. B. das der Natur des Lichtes vollkommen entsprechende Auge. Man könnte daher von einer präexistierenden, metaphysischen Weltvernunft sprechen, wenn nicht das der durchschnittlichen äussern Einwirkung entsprechende Reagieren des lebendigen Organismus die unerlässliche Bedingung seiner Existenz überhaupt wäre, welchen Gedanken schonSchopenhauergeäussert hat. Die menschliche Vernunft ist daher nichts anderes als der Ausdruck der Angepasstheit an das durchschnittlich Vorkommende, das sich in allmählich festorganisierten Vorstellungskomplexen, welche die objektiven Werte ausmachen, niedergeschlagen hat. Die Gesetze der Vernunft sind also diejenigen Gesetze, welche die durchschnittliche „richtige“, die angepasste Einstellung bezeichnen und regulieren. R. ist alles, was mit diesen Gesetzen übereinstimmt,irrational(s. d.) dagegen alles, was sich mit diesen Gesetzen nicht deckt.

R.-Funktionen sind Denken und Fühlen, insofern sie durch das Moment der Überlegung ausschlaggebend beeinflusst sind. Sie erreichen ihre Bestimmung am völligsten in einer möglichst vollkommenen Übereinstimmung mit den Vernunftgesetzen. Irrationale Funktionen dagegen sind solche, die eine reine Wahrnehmung bezwecken, wie Intuieren und Empfinden, denn sie müssen des R., welches die Ausschliessung alles Ausservernünftigen voraussetzt, so viel wie möglich entbehren, um zu einer vollständigen Wahrnehmung alles Vorkommenden gelangen zu können.

47.Reduktiv.R. bedeutet „zurückführend“. Ich gebrauche diesen Ausdruck zur Bezeichnung jener psychologischen Deutungsmethode, welche das unbewusste Produkt nicht unter dem Gesichtswinkel des symbolischen Ausdrucks, sondern alssemiotisch, als Zeichen oder als Symptom eines grundliegenden Vorganges auffasst. Dementsprechend behandelt die r. Methode das unbewusste Produkt im Sinne einer Zurückführung auf die Elemente, auf die Grundvorgänge, seien sie nun Reminiszenzen an wirklich stattgehabte Ereignisse oder seien sie elementare, die Psyche affizierende Vorgänge. Die r. Methode ist daher rückwärts orientiert (im Gegensatz zurconstruktiven Methode(s. d.)), entweder im historischen Sinne oder im übertragenen Sinne einer Rückführung einer komplexen und differenzierten Grösse auf Allgemeineres und Elementareres. DieFreudsche, sowie dieAdlersche Deutungsmethode ist r., indem beide auf elementare Wunsch- oder Strebungsvorgänge, in letzter Linie infantiler oder physiologischer Natur reduzieren. Dem unbewussten Produkt kommt dabei notwendigerweise nur der Wert eines uneigentlichen Ausdrucks zu, wofür der Terminus „Symbol“ (s. d.) eigentlich nicht verwendet werden sollte. Die Wirkung der Reduktionist in Bezug auf die Bedeutung des unbewussten Produktes eine auflösende, indem es entweder auf seine historischen Vorstufen zurückgeführt und dadurch vernichtet wird, oder indem es wieder demjenigen Elementarvorgang integriert wird, aus dem es hervorgegangen ist.

48.Seele.Ich habe mich im Verlaufe meiner Untersuchungen der Struktur des Unbewussten veranlasst gesehen, eine begriffliche Unterscheidung durchzuführen zwischen S. undPsyche. Unter Psyche verstehe ich die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge, der bewussten sowohl wie der unbewussten. Unter S. dagegen verstehe ich einen bestimmten, abgegrenzten Funktionskomplex, den man am besten als eine „Persönlichkeit“ charakterisieren könnte. Um zu beschreiben, was ich des Nähern damit meine, muss ich noch einige fernerliegende Gesichtspunkte herbeiziehen. Es sind besonders die Erscheinungen des Somnambulismus, der Charakterverdoppelung, der Persönlichkeitsspaltung, um deren Erforschung sich in erster Linie französische Forscher verdient gemacht haben, welche uns den Gesichtspunkt einer möglichen Mehrheit von Persönlichkeiten in einem und demselben Individuum nahegelegt haben.[372]Es ist ohne weiteres klar, dass bei einem normalen Individuum eine solche Mehrheit von Persönlichkeiten niemals in Erscheinung treten kann; aber die durch diese Fälle dargetane Möglichkeit einer Persönlichkeitsdissociation dürfte wenigstens als Andeutung auch in der normalen Breite existieren. Tatsächlich gelingt es auch einer etwasgeschärften psychologischen Beobachtung unter nicht allzu grossen Schwierigkeiten bei normalen Individuen wenigstens andeutungsweise Spuren einer Charakterspaltung nachzuweisen. Man muss z. B. nur jemand unter verschiedenen Umständen genau beobachten, dann wird man entdecken, wie auffallend seine Persönlichkeit beim Übergang von einem Milieu ins andere sich verändert, wobei jedesmal ein scharfumrissener und von dem frühern deutlich verschiedener Charakter herauskommt. Der sprichwörtliche Ausdruck „Gassenengel-Hausteufel“ ist eine der alltäglichen Erfahrung entsprungene Formulierung des Phänomens der Persönlichkeitsspaltung. Ein bestimmtes Milieu erfordert eine bestimmte Einstellung. Je länger oder je öfter diese dem Milieu entsprechende Einstellung erfordert ist, desto eher wird sie habituell. Sehr viele Menschen von der gebildeten Klasse müssen sich meistens in zwei total verschiedenen Milieus bewegen, im häuslichen Kreise, in der Familie und im Geschäftsleben. Die beiden total verschiedenen Umgebungen erfordern zwei total verschiedene Einstellungen, die je nach dem Grade derIdentifikation(s. d.) des Ich mit der jeweiligen Einstellung eine Verdoppelung des Charakters bedingen. Den sozialen Bedingungen und Notwendigkeiten entsprechend orientiert sich der soziale Charakter einerseits nach den Erwartungen oder den Anforderungen des geschäftlichen Milieus, andererseits nach den sozialen Absichten und Bestrebungen des Subjekts. Der häusliche Charakter dürfte sich in der Regel mehr nach den gemütlichen und den Bequemlichkeitsansprüchen des Subjekts gestalten, woher es kommt, dass Leute, die im öffentlichen Leben äusserst energisch, mutig, hartnäckig, eigensinnig und rücksichtslos sind, zu Hause und in der Familie als gutmütig, weich, nachgiebig und schwach erscheinen. Welches ist nun der wahre Charakter, die wirkliche Persönlichkeit? Diese Frage ist oft unmöglich zubeantworten. Diese kurze Überlegung zeigt, dass auch beim normalen Individuum die Charakterspaltung keineswegs zu den Unmöglichkeiten gehört. Man ist darum wohl berechtigt, die Frage der Persönlichkeitsdissociation auch als ein Problem der normalen Psychologie zu behandeln. Nach meiner Ansicht wäre — um die Erörterung fortzusetzen — die obige Frage dahin zu beantworten, dass ein solcher Mensch überhaupt keinen wirklichen Charakter hat, d. h. überhaupt nichtindividuell(s. d.) ist, sonderncollektiv(s. d.), d. h. den allgemeinen Umständen, den allgemeinen Erwartungen entsprechend. Wäre er individuell, so hätte er nur einen und denselben Charakter bei aller Verschiedenheit der Einstellung. Er wäre nicht identisch mit der jeweiligen Einstellung und könnte und wollte es nicht hindern, dass seine Individualität im einen wie im andern Zustand irgendwie zum Ausdruck käme. Tatsächlich ist er individuell, wie jedes Wesen, aber unbewusst. Durch seine mehr oder weniger vollständige Identifikation mit der jeweiligen Einstellung täuscht er mindestens die andern, oft auch sich selbst, über seinen wirklichen Charakter; er nimmt eineMaskevor, von der er weiss, dass sie einerseits seinen Absichten, andererseits den Ansprüchen und Meinungen seiner Umgebung entspricht, wobei bald das eine, bald das andere Moment überwiegt. Diese Maske, nämlich die ad hoc vorgenommene Einstellung, nannte ichPersona[373], was die Bezeichnung der Maske des antiken Schauspielers war. Wer sich mit der Maske identifiziert, den nenne ich „persönlich“ (im Gegensatz zu „individuell“).

Die beiden Einstellungen des obgedachten Falles sind zwei collektive Persönlichkeiten, die wir schlechthin unter dem Namen Persona oder Personae zusammenfassen wollen. Ich habe oben bereitsangedeutet, dass die wirkliche Individualität von beiden verschieden ist. Die Persona ist also ein Funktionskomplex, der aus Gründen der Anpassung oder der notwendigen Bequemlichkeit zustande gekommen, aber nicht identisch ist mit der Individualität. Der Funktionskomplex der Persona bezieht sich ausschliesslich auf das Verhältnis zu den Objekten.

Von der Beziehung des Individuums zum äussern Objekt ist nun die Beziehung zum Subjekt scharf zu unterscheiden. Mit dem Subjekt meine ich zunächst jene vagen oder dunklen Regungen, Gefühle, Gedanken und Empfindungen, die nicht nachweisbar aus der Kontinuität des bewussten Erlebens am Objekt zufliessen, sondern eher störend und hemmend, bisweilen auch fördernd aus dem dunklen Innern, aus den Unter- und Hintergründen des Bewusstseins auftauchen und in ihrer Gesamtheit die Wahrnehmung vom Leben des Unbewussten ausmachen. Das Subjekt, als „inneres“ Objekt aufgefasst, ist das Unbewusste. Wie es ein Verhältnis zum äussern Objekt, eine äussere Einstellung gibt, so gibt es auch ein Verhältnis zum innern Objekt, eine innere Einstellung. Es ist verständlich, dass diese innere Einstellung wegen ihres äusserst intimen und schwer zugänglichen Wesens eine bei weitem unbekanntere Sache ist, als die äussere Einstellung, die jedermann ohne weiteres sehen kann. Jedoch scheint es mir nicht zu schwierig, sich von dieser innern Einstellung einen Begriff zu machen. Alle jene sogenannten zufälligen Hemmungen, Launen, Stimmungen, vagen Gefühle und Phantasiefragmente, welche bisweilen die konzentrierte Arbeitsleistung, bisweilen auch die Ruhe des normalsten Menschen stören und bald auf körperliche Ursachen, bald auf sonstige Anlässe zurückrationalisiert werden, haben fast in der Regel ihren Grund nicht in den ihnen vom Bewusstsein zugedachten Ursachen, sondern sind Wahrnehmungen von unbewussten Vorgängen. Zu diesen Erscheinungengehören natürlich auch die Träume, die man ja, wie bekannt, gerne auf solche äussere und oberflächliche Ursachen, wie Indigestionen, Rückenlage und dergl. m. zurückführt, obschon eine solche Erklärung einer strengern Kritik niemals standhält. Die Einstellung der einzelnen Menschen ist diesen Dingen gegenüber eine ganz verschiedene. Der eine lässt sich von seinen innern Vorgängen nicht im geringsten anfechten, er kann darüber sozusagen gänzlich hinwegsehen, der andere aber ist ihnen im höchsten Mass unterworfen; schon beim Aufstehen verdirbt ihm irgend eine Phantasie oder ein widerwärtiges Gefühl die Laune für den ganzen Tag, eine vage, unangenehme Empfindung suggeriert ihm den Gedanken an eine heimliche Krankheit, ein Traum hinterlässt ihm eine düstere Ahnung, obschon er sonst nicht abergläubisch ist. Andere wiederum sind nur episodisch diesen unbewussten Regungen zugänglich oder nur einer gewissen Kategorie derselben. Dem einen sind sie vielleicht überhaupt noch nie zum Bewusstsein gekommen als etwas, worüber man denken könnte, dem andern aber sind sie ein Problem täglichen Grübelns. Der eine bewertet sie physiologisch, oder schreibt sie dem Verhalten des Nächsten zu, der andere findet in ihnen eine religiöse Offenbarung.

Diese gänzlich verschiedenen Arten, mit den Regungen des Unbewussten umzugehen, sind ebenso habituell wie die Einstellungen zum äussern Objekt. Die innere Einstellung entspricht daher einem ebenso bestimmten Funktionskomplex, wie die äussere Einstellung. Jene Fälle, in denen die innern psychischen Vorgänge anscheinend gänzlich übersehen werden, ermangeln ebenso wenig einer typischen innern Einstellung, wie jene, welche konstant das äussere Objekt, die Realität der Tatsachen übersehen, einer typischen äussern Einstellung ermangeln. Die Persona dieser letzteren, nicht allzu seltenen Fälle hat den Charakterder Beziehungslosigkeit, bisweilen sogar einer blinden Rücksichtslosigkeit, die sich oft erst harten Schicksalsschlägen beugt. Es ist nicht selten, dass oft gerade solche Individuen, deren Persona durch eine starre Rücksichtslosigkeit und Beziehungslosigkeit gekennzeichnet ist, den Vorgängen des Unbewussten gegenüber eine Einstellung besitzen, deren Charakter eine äusserste Beeinflussbarkeit ist. So unbeeinflussbar und unzugänglich sie aussen sind, so weich, schlaff und bestimmbar sind sie gegenüber ihren innern Vorgängen. In diesen Fällen entspricht daher die innere Einstellung einer von der äussern diametral verschiedenen innern Persönlichkeit. Ich kenne z. B. einen Menschen, der schonungslos und blind das Lebensglück seiner Nächsten zerstört hat, der aber wichtige Geschäftsreisen unterbricht, um die Schönheit eines Waldrandes, den er von der Eisenbahn aus erspäht hat, geniessen zu können. Solche oder ähnliche Fälle sind gewiss jedem bekannt, sodass ich die Beispiele nicht zu häufen brauche. Ebenso gut, wie uns die alltägliche Erfahrung berechtigt, von einer äussern Persönlichkeit zu sprechen, berechtigt sie uns auch, die Existenz einer innern Persönlichkeit anzunehmen. Die innere Persönlichkeit ist die Art und Weise, wie sich einer zu den innern psychischen Vorgängen verhält, sie ist die innere Einstellung, der Charakter, den er dem Unbewussten zukehrt. Ich bezeichne die äussere Einstellung, den äussern Charakter als Persona, die innere Einstellung bezeichne ich alsAnima, alsSeele. In demselben Masse als eine Einstellung habituell ist, ist sie ein mehr oder weniger festgefügter Funktionskomplex, mit dem sich das Ich mehr oder weniger identifizieren kann. Die Sprache drückt es plastisch aus: wenn jemand eine habituelle Einstellung gewissen Situationen gegenüber hat, so pflegt man zu sagen: Er ist ein ganzanderer, wenn er dieses oder jenes tut. Damit ist die Selbständigkeit des Funktionskomplexes einerhabituellen Einstellung dargetan: es ist, wie wenn eine andere Persönlichkeit vom Individuum Besitz ergriffe, wie wenn „ein anderer Geist in ihn gefahren wäre“. Dieselbe Selbständigkeit, wie sie der äussern Einstellung sehr oft zukommt, beansprucht auch die innere Einstellung, die Seele. Es gehört zu den allerschwierigsten Kunststücken der Erziehung, die Persona, die äussere Einstellung zu ändern. Ebenso schwierig ist es, die Seele zu ändern, denn ihre Struktur pflegt genau so fest gefügt zu sein, wie die der Persona. Wie die Persona ein Wesen ist, das oft den ganzen anscheinenden Charakter eines Menschen ausmacht und ihn gegebenen Falls durch sein ganzes Leben unveränderlich begleitet, so ist auch seine Seele ein bestimmt umrissenes Wesen von einem bisweilen unveränderlich festen und selbständigen Charakter. Sie lässt sich darum öfters sehr wohl charakterisieren und beschreiben.

Was den Charakter der Seele anbetrifft, so gilt nach meiner Erfahrung der allgemeine Grundsatz, dass sie sich im grossen und ganzen zum äussern Charaktercomplementärverhält. Die Seele pflegt erfahrungsgemäss alle diejenigen allgemein menschlichen Eigenschaften zu enthalten, welche der bewussten Einstellung fehlen. Der von bösen Träumen, düstern Ahnungen und innerlichen Ängsten geplagte Tyrann ist eine typische Figur. Äusserlich rücksichtslos, hart und unzugänglich, ist er innerlich jedem Schatten zugänglich, jeder Laune unterworfen, wie wenn er das unselbständigste, bestimmbarste Wesen wäre. Seine Seele enthält also jene allgemein menschlichen Eigenschaften der Bestimmbarkeit und der Schwäche, die seiner äussern Einstellung, seiner Persona gänzlich fehlen. Ist die Persona intellektuell, so ist die Seele ganz sicher sentimental. Der Complementärcharakter der Seele betrifft aber auch den Geschlechtscharakter, wie ich vielfach unzweifelhaft gesehen habe. Eine sehrweibliche Frau hat eine männliche Seele, ein sehr männlicher Mann eine weibliche Seele. Dieser Gegensatz rührt daher, dass z. B. der Mann nicht durchaus und in allen Dingen männlich ist, sondern er hat normalerweise auch gewisse weibliche Züge. Je männlicher seine äussere Einstellung ist, desto mehr sind darin die weiblichen Züge ausgemerzt; sie treten daher an der Seele auf. Dieser Umstand erklärt, warum gerade sehr männliche Männer charakteristischen Schwächen unterworfen sind: sie verhalten sich zu den Regungen des Unbewussten weiblich-bestimmbar und beeinflussbar. Umgekehrt sind oft gerade die weiblichsten Frauen gewissen innern Dingen gegenüber von einer Unbelehrbarkeit, Hartnäckigkeit und Eigensinnigkeit, welche Eigenschaften in solcher Intensität nur beim Manne als äussere Einstellung zu finden sind. Es sind Züge männlicher Art, die, von der weiblichen äussern Einstellung ausgeschlossen, zu Eigenschaften der Seele geworden sind. Wenn wir daher beim Manne von einerAnimasprechen, so müssten wir folgerichtigerweise bei der Frau von einemAnimusreden, um der Seele der Frau den richtigen Namen zu geben. Wie beim Manne im allgemeinen in der äussern Einstellung Logik und Sachlichkeit überwiegen oder wenigstens als Ideale betrachtet werden, so bei der Frau das Gefühl. In der Seele aber kehrt sich das Verhältnis um, der Mann fühlt nach Innen, die Frau aber überlegt. Deshalb ist der Mann leichter total verzweifelt, wo die Frau immer noch trösten und hoffen kann, darum bringt er sich eher um als die Frau. So sehr die Frau den sozialen Umständen z. B. als Prostituierte zum Opfer fallen kann, so sehr verfällt der Mann den Impulsen des Unbewussten, dem Alkoholismus und andern Lastern.

Was die allgemein menschlichen Eigenschaften betrifft, so lässt sich der Charakter der Seele aus dem Charakter der Persona deduzieren. Alles, was normalerweise in der äussern Einstellung sein sollte, dort aber auffallenderweise fehlt, findet sich unzweifelhaft in der innern Einstellung. Dies ist eine Grundregel, die sich mir immer wieder bestätigte. Was aber die individuellen Eigenschaften anbetrifft, so lässt sich in dieser Hinsicht nichts deduzieren. Man kann nur gewiss sein, dass, wenn jemand mit seiner Persona identisch ist, die individuellen Eigenschaften mit der Seele associiert sind. Aus dieser Association geht das in Träumen häufige Symbol der Seelenschwangerschaft hervor, das sich an das urtümliche Bild der Heldengeburt anlehnt. Das zu gebärende Kind bedeutet dann die noch nicht bewusst vorhandene Individualität. So wie die Persona als Ausdruck der Anpassung an das Milieu in der Regel stark vom Milieu beeinflusst und geformt ist, so ist auch die Seele stark vom Unbewussten und dessen Qualitäten geformt. Wie die Persona in einem primitiven Milieu fast notwendigerweise primitive Züge annimmt, so übernimmt die Seele einerseits die archaïschen Züge des Unbewussten, andererseits den symbolisch-prospektiven Charakter des Unbewussten. Daher stammt das „Ahnungsreiche“ und „Schöpferische“ der innern Einstellung. Die Identität mit der Persona bedingt automatisch eine unbewusste Identität mit der Seele, denn, wenn das Subjekt, das Ich, ununterschieden ist von der Persona, so hat es keine bewusste Beziehung zu den Vorgängen des Unbewussten. Es ist daher diese Vorgänge selber, es ist identisch damit. Wer seine äussere Rolle unbedingt selber ist, der ist auch unweigerlich den innern Vorgängen verfallen, d. h. er wird gegebenenfalls seine äussere Rolle mit unbedingter Notwendigkeit durchkreuzen oder sie ad absurdum führen (Enantiodromia, s. d.). Eine Behauptung der individuellen Linie ist dadurch ausgeschlossen, und das Leben verläuft in den unausweichlichen Gegensätzen. In diesem Falle ist die Seele auch immer projiziert in ein entsprechendes, reales Objekt, zu welchem dann ein fast unbedingtes Abhängigkeitsverhältnis existiert. Alle Reaktionen, die von diesem Objekt ausgehen, haben eine unmittelbare, von Innen angreifende Wirkung auf das Subjekt. Es handelt sich oft um tragische Bindungen. (SieheSeelenbild.)

49.Seelenbild.Das S. ist ein bestimmter Fall unter den psychischenBildern(s. d.), die das Unbewusste produziert. Wie die Persona, die äussere Einstellung, in den Träumen durch die Bilder gewisser Personen, welche die betreffenden Eigenschaften in besonders ausgeprägter Form besitzen, dargestellt wird, so wird auch die Seele, die innere Einstellung vom Unbewussten durch bestimmte Personen, welche die der Seele entsprechenden Eigenschaften besitzen, dargestellt. Ein solches Bild heisst S. Gelegentlich sind es auch ganz unbekannte oder mythologische Personen. Bei Männern wird die Seele vom Unbewussten in der Regel als weibliche Person dargestellt, bei Frauen als männliche Person. In jenen Fällen, wo die Individualität unbewusst und darum mit der Seele associiert ist, hat das S. gleichgeschlechtlichen Charakter. In allen jenen Fällen, wo eine Identität mit der Persona (sieheSeele) vorliegt, und daher die Seele unbewusst ist, ist das Seelenbild in eine reale Person verlegt. Diese Person ist der Gegenstand einer intensiven Liebe oder eines ebenso intensiven Hasses (oder auch der Furcht). Die Einflüsse dieser Person haben den Charakter der Unmittelbarkeit und des unbedingt Zwingenden, indem sie stets affektiv beantwortet werden. Der Affekt rührt daher, dass eine wirkliche bewusste Anpassung an das das S. vorstellende Objekt unmöglich ist. Wegen der Unmöglichkeit und Nichtexistenz einer objektiven Beziehung staut sich die Libido auf und explodiert in einer Affektentladung. Affekte finden sich stets an Stelle missglückter Anpassungen. Eine bewusste Anpassung andas das S. darstellende Objekt ist eben darum unmöglich, weil dem Subjekt die Seele unbewusst ist. Wäre sie ihm bewusst, so könnte es sie vom Objekt unterscheiden und damit auch die unmittelbaren Wirkungen des Objektes aufheben, denn diese Wirkungen rühren von der Projektion des S. auf das Objekt her.

Als realer Träger des S. eignet sich für den Mann am besten eine Frau, wegen der weiblichen Qualität seiner Seele, für die Frau am ehesten ein Mann. Wo immer eine unbedingte, sozusagen magisch wirkende Beziehung zwischen den Geschlechtern besteht, handelt es sich um eine Projektion des S. Da nun diese Beziehungen häufig sind, so muss auch die Seele häufig unbewusst sein, d. h. es muss vielen Menschen unbewusst sein, wie sie sich zu den innern psychischen Vorgängen verhalten. Weil diese Unbewusstheit immer zusammengeht mit einer entsprechend vollständigen Identifikation mit der Persona (s.Seele), so muss diese letztere offenbar häufig sein. Dies trifft nun insofern mit der Wirklichkeit zusammen, als tatsächlich sehr viele Menschen sich mit ihrer äussern Einstellung völlig identifizieren und daher kein bewusstes Verhältnis zu den innern Vorgängen haben. Immerhin kommt auch der umgekehrte Fall vor, dass das S. nicht projiziert wird, sondern beim Subjekt bleibt, woraus insofern eine Identifikation mit der Seele hervorgeht, als das betreffende Subjekt dann überzeugt ist, dass die Art und Weise, wie es sich zu den innern Vorgängen verhält, auch sein einziger und wirklicher Charakter sei. In diesem Fall wird die Persona infolge ihres Unbewusstseins projiziert und zwar auf ein gleichgeschlechtliches Objekt, eine Grundlage für viele Fälle von offener oder mehr latenter Homosexualität oder von Vaterübertragungen bei Männern und Mutterübertragungen bei Frauen. Solche Fälle betreffen immer Menschen mit defekter äusserer Anpassung und relativer Beziehungslosigkeit, denn die Identifikation mit der Seele schafft eine Einstellung, die sich vorwiegend an der Wahrnehmung innerer Vorgänge orientiert, wodurch dem Objekt der bedingende Einfluss weggenommen wird.

Wird das S. projiziert, so tritt eine unbedingte affektive Bindung an das Objekt ein. Wird es nicht projiziert, so entsteht ein relativ unangepasster Zustand, denFreudalsNarzissmuszum Teil beschrieben hat. Die Projektion des S. entbindet von der Beschäftigung mit den innern Vorgängen, so lange das Verhalten des Objektes mit dem S. übereinstimmt. Dadurch ist das Subjekt in den Stand gesetzt, seine Persona zu leben und weiter zu entwickeln. Auf die Dauer wird allerdings das Objekt kaum imstande sein, den Anforderungen des S. stets zu entsprechen, obschon es Frauen gibt, die unter Hintansetzung des eigenen Lebens es fertig bringen, ihren Ehemännern die längste Zeit hindurch das S. darzustellen. Dazu hilft ihnen der biologische weibliche Instinkt. Dasselbe kann ein Mann unbewusst für seine Frau tun, nur wird er dadurch zu Taten veranlasst, die im Guten und im Schlechten schliesslich seine Fähigkeiten übersteigen. Auch dazu hilft ihm der biologische männliche Instinkt. Wird das S. nicht projiziert, so entsteht mit der Zeit eine geradezu krankhafte Differenzierung der Beziehung zum Unbewussten. Das Subjekt wird in zunehmendem Masse von unbewussten Inhalten überschwemmt, die es wegen der mangelnden Beziehung zum Objekt weder verwerten noch irgendwie sonst verarbeiten kann. Es ist selbstverständlich, dass solche Inhalte das Verhältnis zum Objekt in hohem Masse beeinträchtigen. Diese beiden Einstellungen sind natürlich äusserste Grenzfälle, zwischen denen die normalen Einstellungen liegen. Wie bekannt, zeichnet sich der Normale keineswegs durch eine besondere Klarheit, Reinheit oder Tiefe seiner psychologischen Phänomene aus, sondern vielmehr durch deren allgemeine Dämpfung und Verwischtheit. Bei Menschen mit einer gutmütigen und nicht aggressiven äussern Einstellung hat das S. in der Regel einen bösartigen Charakter. Ein literarisches Beispiel hiefür ist das dämonische Weib, das den Zeus begleitet inSpittelersOlympischem Frühling. Der verkommene Mann ist für idealistische Frauen öfters ein Träger des S., daher die in solchen Fällen häufige „Rettungsphantasie“, dasselbe bei Männern, wo die Prostituierte mit dem Glorienschein der zu rettenden Seele umgeben ist.

50.Selbst.(SieheIch.)

51.Subjektstufe.Unter Deutung auf der S. verstehe ich diejenige Auffassung eines Traumes oder einer Phantasie, bei der die darin auftretenden Personen oder Verhältnisse als auf subjektive, gänzlich der eigenen Psyche angehörende Faktoren bezogen werden. Bekanntlich ist das in unserer Psyche befindliche Bild eines Objektes niemals dem Objekt absolut gleich, sondern höchstens ähnlich. Es kommt zwar durch die sinnliche Perception und durch die Apperception dieser Reize zustande, aber eben durch Vorgänge, welche schon unserer Psyche angehören und vom Objekt bloss veranlasst sind. Das Zeugnis unserer Sinne deckt sich zwar erfahrungsgemäss weitgehend mit den Qualitäten des Objektes, unsere Apperception aber steht unter fast unabsehbaren subjektiven Einflüssen, welche die richtige Erkenntnis eines menschlichen Charakters ausserordentlich erschweren. Eine so komplexe psychische Grösse, wie sie ein menschlicher Charakter darstellt, bietet zudem der reinen Sinnesperception nur sehr geringe Anhaltspunkte. Seine Erkenntnis erfordert auch Einfühlung, Überlegung und Intuition. Infolge dieser Komplikationen ist natürlich das endliche Urteil immer nur von sehr zweifelhaftem Werte, sodass das Bild, das wir uns von einem menschlichen Objekte formen, unter allen Umständen äusserst subjektiv bedingt ist. Man tut darum in der praktischenPsychologie gut daran, wenn man das Bild, dieImagoeines Menschen streng unterscheidet von seiner wirklichen Existenz. Infolge des äusserst subjektiven Zustandekommens einer Imago ist sie nicht selten eher ein Bild eines subjektiven Funktionskomplexes als des Objektes selbst. Darum ist es bei der analytischen Behandlung unbewusster Produkte wesentlich, dass die Imago nicht ohne weiteres als mit dem Objekt identisch gesetzt, sondern vielmehr als ein Bild der subjektiven Beziehung zum Objekt aufgefasst wird. Dies ist die Auffassung auf der S.

Die Behandlung eines unbewussten Produktes auf der S. ergiebt das Vorhandensein subjektiver Urteile und Tendenzen, zu deren Träger das Objekt gemacht wird. Wenn nun in einem unbewussten Produkt eine Objektimago auftritt, so handelt es sich also nicht eo ipso um das reale Objekt, sondern ebensowohl, vielleicht sogar vorwiegend, um einen subjektiven Funktionskomplex (s.Seelenbild). Die Anwendung der Deutung auf der S. erlaubt uns eine umfassende psychologische Deutung nicht nur des Traumes, sondern auch literarischer Werke, in denen die einzelnen Figuren Vertreter für relativ selbständige Funktionskomplexe in der Psyche des Dichters sind.

51.Symbol.Der Begriff eines S. ist in meiner Auffassung streng unterschieden von dem Begriff eines blossenZeichens.SymbolischeundsemiotischeBedeutung sind ganz verschiedene Dinge.Ferrero[374]spricht in seinem Buche streng genommen nicht von S., sondern vonZeichen. Z. B. der alte Gebrauch, beim Verkaufe eines Grundstückes ein Stück Rasen zu überreichen, lässt sich vulgär als „symbolisch“ bezeichnen, ist aber seiner Natur nach durchaus semiotisch. Das Stück Rasen ist einZeichen, gesetzt für das ganze Grundstück. Das Flügelrad des Eisenbahnbeamten ist kein S. der Eisenbahn, sondern ein Zeichen, das die Zugehörigkeit zum Eisenbahnbetrieb kennzeichnet. Das S. dagegen setzt immer voraus, dass der gewählte Ausdruck die bestmögliche Bezeichnung oder Formel für einen relativ unbekannten, jedoch als vorhanden erkannten oder geforderten Tatbestand sei. Wenn also das Flügelrad des Eisenbahnbeamten als S. erklärt wird, so wäre damit gesagt, dass dieser Mann mit einem unbekannten Wesen zu tun habe, das sich nicht anders und besser ausdrücken liesse, als durch ein beflügeltes Rad. Jede Auffassung, welche den symbolischen Ausdruck als Analogie oder abgekürzte Bezeichnung einer bekannten Sache erklärt, istsemiotisch. Eine Auffassung, welche den symbolischen Ausdruck als bestmögliche und daher zunächst gar nicht klarer oder charakteristischer darzustellende Formulierung einer relativ unbekannten Sache erklärt, istsymbolisch. Eine Auffassung, welche den symbolischen Ausdruck als absichtliche Umschreibung oder Umgestaltung einer bekannten Sache erklärt, istallegorisch. Die Erklärung des Kreuzes als eines S. der göttlichen Liebe istsemiotisch, denn „göttliche Liebe“ bezeichnet den auszudrückenden Tatbestand treffender und besser als ein Kreuz, das noch viele andere Bedeutungen haben kann. Symbolisch hingegen ist diejenige Erklärung des Kreuzes, welche es über alle erdenkbaren Erklärungen hinaus, als einen Ausdruck eines annoch unbekannten und unverstehbaren mystischen oder transscendenten, d. h. also zunächst psychologischen Tatbestandes, der sich schlechthin am treffendsten durch das Kreuz darstellen lässt, ansieht.

Solange ein S. lebendig ist, ist es der Ausdruck einer sonstwie nicht besser zu kennzeichnenden Sache. Das S. ist nur lebendig, solange es bedeutungsschwanger ist. Ist aber sein Sinn aus ihm geboren,d. h. ist derjenige Ausdruck gefunden, welcher die gesuchte, erwartete oder geahnte Sache noch besser als das bisherige S. formuliert, so ist das S.tot, d. h. es hat nur noch historische Bedeutung. Man kann deshalb von ihm immer noch als von einem S. reden, unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass man von ihm spricht, als das, was es war, als es seinen bessern Ausdruck noch nicht aus sich geboren hatte. Die Art und Weise, wie Paulus und die ältere mystische Spekulation das Kreuzsymbol behandeln, zeigt, dass es für sie ein lebendiges S. war, welches Unaussprechliches inunübertrefflicher Weisedarstellte. Für jede esoterische Erklärung ist das S. tot, denn es ist durch die Esoterik auf einen (sehr oft vermeintlich) bessern Ausdruck gebracht, wodurch es zum blossen konventionellen Zeichen für anderwärts völliger und besser bekannte Zusammenhänge dient. Lebendig ist das S. immer nur für den exoterischen Standpunkt. Ein Ausdruck, der für eine bekannte Sache gesetzt wird, bleibt immer ein blosses Zeichen und ist niemals S. Es ist darum ganz unmöglich, ein lebendiges, d. h. bedeutungsschwangeres S. aus bekannten Zusammenhängen zu schaffen. Denn das so Geschaffene enthält nie mehr, als was darein gelegt wurde. Jedes psychische Produkt, insofern es der augenblicklich bestmögliche Ausdruck für einen annoch unbekannten oder bloss relativ bekannten Tatbestand ist, kann als Symbol aufgefasst werden, insofern man geneigt ist, anzunehmen, dass der Ausdruck auch das, was erst geahnt, aber noch nicht klar gewusst ist, bezeichnen wolle. Insofern jede wissenschaftliche Theorie eine Hypothese einschliesst, also eine antizipierende Bezeichnung eines im wesentlichen noch unbekannten Tatbestandes ist, ist sie ein S. Des Weitern ist jede psychologische Erscheinung ein S. unter der Annahme, dass sie noch ein Mehreres und Anderes besage oder bedeute, was sich der gegenwärtigen Erkenntnis entziehe. Diese Annahme ist schlechterdings überall möglich, wo ein Bewusstsein ist, das auf weitere Bedeutungsmöglichkeiten der Dinge eingestellt ist. Sie ist nur da nicht möglich, und zwar bloss für dieses selbe Bewusstsein, wo es selber einen Ausdruck hergestellt hat, der genau soviel besagen soll, als die Absicht seiner Herstellung wollte, also z. B. ein mathematischer Ausdruck. Für ein anderes Bewusstsein aber besteht diese Einschränkung keineswegs. Es kann auch den mathematischen Ausdruck als ein S. auffassen für einen in der Absicht seiner Herstellung verborgenen, unbekannten psychischen Tatbestand, insofern dieser Tatbestand demjenigen, der den semiotischen Ausdruck geschaffen hat, nachweisbar nicht bekannt ist und darum nicht Gegenstand einer bewussten Benützung sein konnte. Ob etwas ein S. sei oder nicht, hängt zunächst von der Einstellung des betrachtenden Bewusstseins ab, eines Verstandes z. B., der den gegebenen Tatbestand nicht bloss als solchen, sondern auch als Ausdruck von Unbekanntem ansieht. Es ist daher wohl möglich, dass jemand einen Tatbestand herstellt, der seiner Betrachtung keineswegs symbolisch erscheint, wohl aber einem andern Bewusstsein. Ebenso ist der umgekehrte Fall möglich. Es gibt nun allerdings Produkte, deren symbolischer Charakter nicht bloss von der Einstellung des betrachtenden Bewusstseins abhängt, sondern sich von sich aus in einer symbolischen Wirkung auf den Betrachtenden offenbart. Es sind dies Produkte, die so gestaltet sind, dass sie jeglichen Sinnes entbehren müssten, wenn ihnen nicht ein symbolischer Sinn zukäme. Ein Dreieck mit einem darin eingeschlossenen Auge ist als reine Tatsächlichkeit dermassen sinnlos, dass der Betrachtende es unmöglich als eine bloss zufällige Spielerei auffassen kann. Eine solche Gestaltung drängt eine symbolische Auffassung unmittelbar auf. Unterstützt wird diese Wirkung entweder durch ein öfteres und identischesVorkommen derselben Gestaltung oder durch eine besonders sorgfältige Art der Herstellung, welche nämlich der Ausdruck eines darauf verlegten besondern Wertes ist. S., die nicht in dieser eben beschriebenen Weise aus sich wirken, sind entweder tot, d. h. durch bessere Formulierung überholt, oder Produkte, deren symbolische Natur ausschliesslich von der Einstellung des betrachtenden Bewusstseins abhängt. Wir können diese Einstellung, welche die gegebene Erscheinung als symbolisch auffasst, abgekürzt alssymbolische Einstellungbezeichnen. Sie ist durch das Verhalten der Dinge nur zum Teil berechtigt, zum andern Teil ist sie Ausfluss einer bestimmten Weltanschauung, welche nämlich dem Geschehen, sei es im Grossen oder Kleinen, einen Sinn beimisst und auf diesen Sinn einen gewissen grössern Wert legt, als auf die reine Tatsächlichkeit. Dieser Anschauung steht eine andere Anschauung gegenüber, die den Akzent stets auf die reine Tatsächlichkeit legt und den Sinn den Tatsachen unterordnet. Für diese letztere Einstellung gibt es überall dort keine S., wo die Symbolik ausschliesslich auf der Art der Betrachtung beruht. Dagegen gibt es auch für sie S., nämlich eben solche, die den Betrachter zur Vermutung eines verborgenen Sinnes auffordern. Ein stierköpfiges Götterbild kann zwar als ein Menschenleib mit einem Stierkopf drauf erklärt werden. Diese Erklärung dürfte aber der symbolischen Erklärung kaum die Wage halten, denn das S. ist zu aufdringlich, als dass es übergangen werden könnte. Ein S., das seine symbolische Natur aufdringlich dartut, braucht noch keinlebendigesS. zu sein. Es kann z. B. bloss auf den historischen oder philosophischen Verstand wirken. Es erweckt intellektuelles oder ästhetisches Interesse. Lebendig heisst ein S. aber nur dann, wenn es ein best- und höchstmöglicher Ausdruck des Geahnten und noch nicht Gewussten auch für den Betrachtenden ist. Unter diesen Umständen bewirktes unbewusste Anteilnahme. Es hat lebenerzeugende und -fördernde Wirkung. Wie Faust sagt:

„Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein —“ Das lebendige S. formuliert ein wesentliches unbewusstes Stück, und je allgemeiner verbreitet dieses Stück ist, desto allgemeiner ist auch die Wirkung des S., denn es rührt in jedem die verwandte Saite an. Da das S. einerseits der bestmögliche und für die gegebene Epoche nicht zu übertreffende Ausdruck für das noch Unbekannte ist, so muss es aus dem Differenziertesten und Kompliziertesten der zeitgenössischen geistigen Atmosphäre hervorgehen. Da das lebendige S. andererseits aber das Verwandte einer grössern Menschengruppe in sich schliessen muss, um überhaupt auf eine solche wirken zu können, so muss es gerade das erfassen, was einer grössern Menschengruppe gemeinsam sein kann. Dies kann nun niemals das Höchstdifferenzierte, das Höchsterreichbare sein, denn das erreichen und verstehen nur die wenigsten, sondern es muss etwas noch so Primitives sein, dass dessen Omnipräsenz ausser allem Zweifel steht. Nur wenn das S. dieses erfasst und auf den höchstmöglichen Ausdruck bringt, hat es allgemeine Wirkung. Darin besteht die gewaltige und zugleich erlösende Wirkung eines lebendigen sozialen S.

Das Gleiche nun, was ich hier vom sozialen S. sage, gilt für das individuelle S. Es gibt individuelle psychische Produkte, die offenkundig symbolischen Charakter haben, die ohne weiteres zu einer symbolischen Auffassung drängen. Für das Individuum haben sie eine ähnliche funktionelle Bedeutung, wie das soziale S. für eine grössere Menschengruppe. Diese Produkte sind aber nie von einer ausschliesslich bewussten oder ausschliesslich unbewussten Abstammung, sondern gehen aus einer gleichmässigen Mitwirkung beider hervor. Die reinen Bewusstseinsprodukte sowohl wie die ausschliesslich unbewussten Produkte sind nichteo ipso überzeugend symbolisch, sondern es bleibt der symbolischen Einstellung des betrachtenden Bewusstseins überlassen, ihnen den Charakter des S. zuzuerkennen. Sie können aber ebensowohl auch als rein kausal bedingte Tatsachen aufgefasst werden, etwa in dem Sinne, wie man das rote Exanthem des Scharlachs als ein „Symbol“ des Scharlachs auffassen kann. Man spricht in diesem Fall allerdings mit Recht von „Symptom“ und nicht von Symbol.Freudhat m. E. darum von seinem Standpunkt aus mit Recht nicht vonsymbolischen, sondern vonSymptomhandlungen[375]gesprochen, denn für ihn sind diese Erscheinungen nicht symbolisch in dem hier definierten Sinne, sondern symptomatische Zeichen eines bestimmten und allgemein bekannten grundliegenden Prozesses. Es gibt natürlich Neurotiker, die ihre unbewussten Produkte, welche in erster Linie und hauptsächlich Krankheitssymptome sind, als höchst bedeutungsvolle S. auffassen. Aber im allgemeinen ist dies nicht der Fall. Im Gegenteil, der Neurotiker von heute ist nur zu sehr geneigt, auch das Bedeutungsvolle nur als „Symptom“ aufzufassen. Die Tatsache, dass es zwei distinkte, einander widersprechende und von hüben und drüben eifrig verfochtene Auffassungen gibt über Sinn und Nichtsinn der Dinge, belehrt uns, dass es offenbar Vorgänge gibt, die keinen besondern Sinn ausdrücken, die blosse Konsequenzen, nichts wie Symptome sind, und andere Vorgänge, welche einen verborgenen Sinn in sich tragen; die nicht bloss von etwas abstammen, sondern vielmehr zu etwas werden wollen und die darum S. sind. Es ist unserm Takt und unserer Kritik überlassen, zu entscheiden, wo wir es mit Symptomen, und wo mit S. zu tun haben.

Das S. ist immer ein Gebilde höchst komplexer Natur, denn es setzt sich zusammen aus den Datenaller psychischen Funktionen. Es ist infolgedessen weder rationaler, noch irrationaler Natur. Es hat zwar eine Seite, die der Vernunft entgegenkommt, aber auch eine Seite, die der Vernunft unzugänglich ist, indem es nicht nur aus Daten rationaler Natur, sondern auch aus den irrationalen Daten der reinen innern und äussern Wahrnehmung zusammengesetzt ist. Das Ahnungsreiche und Bedeutungsschwangere des Symbols spricht ebenso wohl das Denken, wie das Fühlen an, und seine eigenartige Bildhaftigkeit, wenn zu sinnlicher Form gestaltet, erregt die Empfindung sowohl wie die Intuition. Das lebendige S. kann nicht zustande kommen in einem stumpfen und wenig entwickelten Geiste, denn ein solcher wird sich am schon vorhandenen S., wie es ihm das traditionell Bestehende darbietet, genügen lassen. Nur die Sehnsucht eines hoch entwickelten Geistes, dem das gebotene S. die höchste Vereinigung ineinemAusdruck nicht mehr vermittelt, kann ein neues S. erzeugen. Indem das S. aber eben aus seiner höchsten und letzten geistigen Errungenschaft hervorgeht, und zugleich auch die tiefsten Gründe seines Wesens einschliessen muss, so kann es nicht einseitig aus den höchst differenzierten geistigen Funktionen hervorgehen, sondern es muss auch im gleichen Masse den niedersten und primitivsten Regungen entstammen. Damit diese Zusammenwirkung gegensätzlichster Zustände überhaupt möglich wird, müssen sie beide in vollstem Gegensatz bewusst neben einander stehen. Dieser Zustand muss eine heftigste Entzweiung mit sich selbst sein und zwar in dem Masse, dass sich Thesis und Antithesis negieren, und das Ich doch seine unbedingte Anteilnahme an Thesis und Antithesis anerkennen muss. Besteht aber eine Unterlegenheit des einen Teiles, so wird das S. vorwiegend das Produkt des andern Teiles sein und eben in selbem Masse auch weniger S. als Symptom sein, nämlich Symptom einer unterdrückten Antithesis. In dem Masseaber, in welchem ein S. blosses Symptom ist, ermangelt es auch der befreienden Wirkung, denn es drückt nicht die völlige Existenzberechtigung aller Teile der Psyche aus, sondern erinnert an die Unterdrückung der Antithesis, auch wenn sich das Bewusstsein hievon nicht Rechenschaft ablegen sollte. Besteht aber eine völlige Gleichheit und Gleichberechtigung der Gegensätze, bezeugt durch die unbedingte Anteilnahme des Ich an Thesis und Antithesis, so ist damit ein Stillstand des Wollens geschaffen, denn es kann nicht mehr gewollt werden, weil jedes Motiv sein gleich starkes Gegenmotiv neben sich hat. Da das Leben niemals einen Stillstand erträgt, so entsteht eine Stauung der Lebensenergie, die zu einem unerträglichen Zustand führen würde, wenn nicht aus der Gegensatzspannung eine neue vereinigende Funktion entstünde, welche über die Gegensätze hinausführt. Sie entsteht aber natürlicherweise aus der durch die Aufstauung bewirkten Regression der Libido. Da durch die gänzliche Entzweiung des Willens ein Fortschritt unmöglich gemacht ist, so strömt die Libido nach rückwärts ab, der Strom fliesst gleichsam zur Quelle zurück, d. h. bei Stillstellung und Inaktivität des Bewusstseins entsteht eine Aktivität des Unbewussten, wo alle differenzierten Funktionen ihre gemeinsame, archaïsche Wurzel haben, wo jene Vermischtheit der Inhalte besteht, von der die primitive Mentalität noch zahlreiche Überreste aufweist. Durch die Aktivität des Unbewussten wird nun ein Inhalt zu Tage gefördert, der gleichermassen durch Thesis und Antithesis konstelliert ist und sich zu beidenkompensatorisch(s. d.) verhält. Da dieser Inhalt sowohl eine Beziehung zur Thesis wie zur Antithesis aufweist, so bildet er einen mittleren Grund, auf dem sich die Gegensätze vereinigen können. Fassen wir z. B. den Gegensatz als den von Sinnlichkeit und Geistigkeit auf, so bietet der mittlere aus dem Unbewussten geborene Inhalt vermöge seines geistigenBeziehungsreichtums der geistigen Thesis einen willkommenen Ausdruck, und vermöge seiner sinnlichen Anschaulichkeit erfasst er die sinnliche Antithesis. Das zwischen Thesis und Antithesis zerspaltene Ich aber findet in dem einen mittleren Grund sein Gegenstück, seinen einen und eigenen Ausdruck, und es wird ihn begierig ergreifen, um sich aus seiner Zerspaltung zu erlösen. Daher strömt die Spannung der Gegensätze in den mittleren Ausdruck ein und verteidigt ihn gegen den alsbald an ihm und in ihm beginnenden Kampf der Gegensätze, welche beide versuchen, den neuen Ausdruck in ihrem Sinne aufzulösen. Die Geistigkeit will aus dem Ausdruck des Unbewussten etwas Geistiges machen, die Sinnlichkeit aber etwas Sinnliches, die eine will Wissenschaft oder Kunst, die andere sinnliches Erleben daraus schaffen. Die Auflösung des unbewussten Produktes in das eine oder andere gelingt, wenn das Ich nicht völlig zerspalten war, sondern mehr auf dieser als auf jener Seite stand. Gelingt nun der einen Seite die Auflösung des unbewussten Produktes, so fällt nicht nur das unbewusste Produkt an diese Seite, sondern auch das Ich, wodurch eine Identifikation des Ich mit der meistbegünstigten Funktion (s.minderwertige Funktion) entsteht. Infolgedessen wird sich der Zerspaltungsprozess später auf einer höheren Stufe wiederholen. Gelingt es infolge der Festigkeit des Ich weder der Thesis noch der Antithesis, das unbewusste Produkt aufzulösen, so ist damit dargetan, dass der unbewusste Ausdruck sowohl der einen wie der andern Seite überlegen ist. Die Festigkeit des Ich und die Überlegenheit des mittlern Ausdruckes über Thesis und Antithesis scheinen mir Korrelate zu sein, die einander gegenseitig bedingen. Bisweilen will es scheinen, als ob die Festigkeit der angebornen Individualität das Ausschlaggebende wäre, bisweilen auch, als ob der unbewusste Ausdruck eine überlegene Kraft besässe, welche das Ich zur unbedingten Festigkeit veranlasst.In Wirklichkeit dürfte es aber vielleicht so sein, dass die Festigkeit und Bestimmtheit der Individualität einerseits und die überlegene Kraft des unbewussten Ausdruckes nichts als Zeichen eines und desselben Tatbestandes sind. Bleibt der unbewusste Ausdruck dermassen erhalten, so bildet er einen nicht aufzulösenden, sondern zu formenden Rohstoff, der zum gemeinsamen Gegenstand für Thesis und Antithesis wird. Er wird dadurch zu einem neuen, die ganze Einstellung beherrschenden Inhalt, der die Zerspaltung aufhebt und die Kraft der Gegensätze in ein gemeinsames Strombett zwingt. Damit ist der Stillstand des Lebens aufgehoben und das Leben kann weiter fliessen mit neuer Kraft und neuen Zielen.

Ich habe diesen eben beschriebenen Vorgang in seiner Totalität alstransscendente Funktionbenannt, wobei ich unter „Funktion“ nicht eine Grundfunktion, sondern eine komplexe, aus andern Funktionen zusammengesetzte Funktion verstehe, und mit „transscendent“ keine metaphysische Qualität bezeichnen will, sondern die Tatsache, dass durch diese Funktion ein Übergang von der einen Einstellung in eine andere geschaffen wird. Der von Thesis und Antithesis bearbeitete Rohstoff, der in seinem Formungsprozess die Gegensätze vereinigt, ist das lebendige S. In seinem für eine lange Epoche nicht aufzulösenden Rohstoff liegt sein Ahnungsreiches und in der Gestalt, die sein Rohstoff durch die Einwirkung der Gegensätze empfängt, liegt seine Wirkung auf alle psychischen Funktionen. Andeutungen der Grundlagen des symbolbildenden Prozesses finden sich in den spärlichen Berichten über die Initiationsperioden der Religionsstifter, z. B. Jesus und Satan, Buddha und Mara, Luther und der Teufel, Zwingli und seine weltliche Vorgeschichte, die Erneuerung des Faust durch den Kontrakt mit dem Teufel beiGoethe. In Zarathustra finden wir gegen den Schluss ein treffliches Beispiel fürdie Unterdrückung der Antithese in der Gestalt des „hässlichsten Menschen“.

53.Synthetisch.(Siehekonstruktiv.)

54.Transscendente Funktion.(SieheSymbol.)

55.Trieb.Wenn ich von T. in dieser oder andern Arbeiten spreche, so meine ich damit dasselbe, was gemeinhin unter diesem Worte verstanden ist: nämlichNötigungzu gewissen Tätigkeiten. Die Nötigung kann hervorgehen aus einem äussern oder innern Reiz, der den Mechanismus des T. psychisch auslöst oder aus organischen Gründen, die ausserhalb der Sphäre psychischer Kausalbeziehungen liegen.Triebmässigist jede psychische Erscheinung, die aus keiner durch Willensabsicht gesetzten Verursachung hervorgeht, sondern aus dynamischer Nötigung, ob nun diese Nötigung aus organischen, also ausserpsychischen Quellen direkt abstammt, oder wesentlich bedingt ist von durch Willensabsicht bloss ausgelösten Energien; in letzterm Fall mit der Einschränkung, dass das hervorgebrachte Resultat die durch die Willensabsicht bezweckte Wirkung übersteigt. Unter den Begriff des T. fallen m. E. alle diejenigen psychischen Vorgänge, über deren Energie das Bewusstsein nicht disponiert.[376]Nach dieser Auffassung gehören also dieAffekte(s. d.) ebensowohl zu den T.-Vorgängen, wie auch zu den Gefühlsvorgängen (s.Fühlen). Psychische Vorgänge, die unter gewöhnlichen Umständen Willensfunktionen sind (d. h. also gänzlich der Bewusstseinskontrolle unterstellt), können abnormerweise zu T.-Vorgängen werden, dadurch, dass sich ihnen eine unbewusste Energie zugesellt. Diese Erscheinung tritt überall da ein, wo die Sphäre des Bewusstseins entweder durch Verdrängungen inkompatibler Inhalte eingeschränkt wird, oder wo infolge von Ermüdung, Intoxikationen oder überhaupt pathologischen Gehirnvorgängen ein „abaissement du niveau mental“ (Janet) stattfindet, wo also mit einem Wort das Bewusstsein die stärkstbetonten Vorgänge nicht mehr oder noch nicht kontrolliert.

Ich möchte solche Vorgänge, die einstmals bei einem Individuum bewusst waren, sich aber mit der Zeitautomatisierthaben, nicht als T.-Vorgänge bezeichnen, sondern als automatische Vorgänge. Sie verhalten sich auch normalerweise nicht als T., indem sie niemals unter normalen Umständen als Nötigungen auftreten. Sie tun das nur, wenn ihnen eine Energie zufliesst, die ihnen fremd ist.

56.Typus.T. ist ein den Charakter einer Gattung oder Allgemeinheit in charakteristischer Weise wiedergebendes Beispiel oder Musterbild. In dem engern Sinne der vorliegenden Arbeit ist der T. ein charakteristisches Musterbild einer in vielen individuellen Formen vorkommenden allgemeinenEinstellung(s. d.). Von den zahlreichen vorkommenden und möglichen Einstellungen hebe ich in der vorliegenden Untersuchung im ganzenvierheraus, nämlich diejenigen, die sich hauptsächlich nach den vier psychologischen Grundfunktionen orientieren (s.Funktion), also nach Denken, Fühlen, Intuieren und Empfinden. Insofern eine solche Einstellunghabituellist und dadurch dem Charakter des Individuums ein bestimmtes Gepräge verleiht, spreche ich von einem psychologischen T. Diese auf die Grundfunktionen basierten T., die man alsDenk-,Fühl-,Intuitions-undEmpfindungs-T.bezeichnen kann, lassen sich gemäss der Qualität der Grundfunktion in zwei Klassen scheiden: in dierationalenund in dieirrationalen T.Zu den ersteren gehören der Denk- und der Fühl-T., zu den letzteren der intuitive und der Empfindungs-T. (s.rational,irrational). Eine weitere Unterscheidung in zwei Klassen erlaubt die vorzugsweise Libidobewegung, nämlich dieIntroversionundExtraversion(s. d.). Alle Grundtypen können sowohl der einen wie der andern Klasse angehören, je nach ihrer vorherrschenden mehr introvertierten oder mehr extravertierten Einstellung. Ein Denk-T. kann zur introvertierten oder zur extravertierten Klasse gehören, ebenso irgend ein anderer T. Die Unterscheidung in rationale und irrationale T. ist ein anderer Gesichtspunkt und hat mit Introversion und Extraversion nichts zu tun.

Ich habe in zwei vorläufigen Mitteilungen der Typenlehre[377]den Denk- und den Fühl-T. nicht vom introvertierten und extravertierten T. unterschieden, sondern den Denk-T. mit dem introvertierten und den Fühl-T. mit dem extravertierten T. identifiziert. Bei der völligen Durcharbeitung des Materials habe ich aber eingesehen, dass man den Introversions-T. sowohl wie den Extraversions-T. als den Funktions-T. übergeordnete Kategorien behandeln muss. Diese Trennung entspricht auch durchaus der Erfahrung, indem es unzweifelhaft z. B. zweierlei Fühl-T. gibt, von denen der eine mehr auf sein Gefühlserlebnis, der andere mehr auf das Objekt eingestellt ist.

57.Unbewusst.Der Begriff des U. ist für mich einausschliesslich psychologischer Begriff, und kein philosophischer im Sinne eines metaphysischen. Das U. ist m. E. ein psychologischer Grenzbegriff, welcher alle diejenigen psychischen Inhalte oder Vorgänge deckt, welche nicht bewusst sind, d. h. nicht auf das Ich in wahrnehmbarer Weise bezogen sind. Die Berechtigung, überhaupt von der Existenz unbewusster Vorgänge zu reden, ergibt sich mir einzig und allein aus der Erfahrung und zwar zunächst aus der psychopathologischen Erfahrung, welche unzweifelhaft dartut, dass z. B. in einem Falle von hysterischer Amnesie das Ich von der Existenz ausgedehnter psychischer Komplexe nicht weiss, dass aber eine einfache hypnotische Prozedur imstande ist, im nächsten Moment den verlorenen Inhalt vollkommen zur Reproduktion zu bringen. Aus den Tausenden von Erfahrungen dieser Art leitete man die Berechtigung ab, von der Existenz unbewusster psychischer Inhalte zu reden. Die Frage, in welchem Zustande sich ein unbewusster Inhalt befindet, solange er nicht ans Bewusstsein angeschlossen ist, entzieht sich jeder Erkenntnismöglichkeit. Es ist daher ganz überflüssig, darüber Vermutungen anstellen zu wollen. Zu solchen Phantasien gehört die Vermutung der Cerebration, des physiologischen Prozesses usw. Es ist auch ganz unmöglich anzugeben, welches der Umfang des U. sei, d. h. welche Inhalte es in sich fasse. Darüber entscheidet bloss die Erfahrung. Vermöge der Erfahrung wissen wir zunächst, dass bewusste Inhalte durch Verlust ihres energetischen Wertes unbewusst werden können. Dies ist der normale Vorgang des Vergessens. Dass diese Inhalte unter der Bewusstseinsschwelle nicht einfach verloren gehen, wissen wir durch die Erfahrung, dass sie gelegentlich noch nach Jahrzehnten aus der Versenkung auftauchen können unter geeigneten Umständen, z. B. im Traum, in der Hypnose, als Kryptomnesie[378]oder durch Auffrischung von Associationen mit dem vergessenen Inhalt.

Des fernern belehrt uns die Erfahrung, dass bewusste Inhalte ohne allzu erhebliche Werteinbusse durch intentionelles Vergessen, wasFreudalsVerdrängungeines peinlichen Inhaltes bezeichnet,unter die Bewusstseinsschwelle geraten können. Eine ähnliche Wirkung entsteht durch Dissociation der Persönlichkeit, eine Auflösung der Geschlossenheit des Bewusstseins infolge heftigen Affektes oder infolge eines nervous shock oder durch Persönlichkeitszerfall in der Schizophrenie (Bleuler).

Ebenso wissen wir aus Erfahrung, dass Sinnesperceptionen infolge ihrer geringen Intensität oder infolge Ablenkung der Aufmerksamkeit keine bewusste Apperception erreichen und doch zu psychischen Inhalten werden durch unbewusste Apperception, was wiederum z. B. durch Hypnose nachgewiesen werden kann. Das Gleiche kann der Fall sein für gewisse Schlüsse und sonstige Kombinationen, die wegen zu geringer Wertigkeit oder wegen Ablenkung der Aufmerksamkeit unbewusst bleiben. Schliesslich belehrt uns die Erfahrung auch, dass es unbewusste psychische Zusammenhänge gibt, z. B. mythologische Bilder, welche niemals Gegenstand des Bewusstseins waren, die also ganz aus unbewusster Tätigkeit hervorgehen.

Soweit gibt uns die Erfahrung Anhaltspunkte zur Annahme der Existenz unbewusster Inhalte. Sie kann aber nichts aussagen darüber, wasmöglicherweiseunbewusster Inhalt sein kann. Es ist müssig, darüber Vermutungen anzustellen, weil es ganz unabsehbar ist, was alles unbewusster Inhalt sein könnte. Wo ist die unterste Grenze einer subliminalen Sinnesperception? Gibt es irgend eine Massbestimmung für die Feinheit oder Reichweite unbewusster Kombinationen? Wann ist ein vergessener Inhalt total ausgelöscht? Auf diese Fragen gibt es keine Antwort.

Unsere bisherige Erfahrung von der Natur unbewusster Inhalte erlaubt uns aber eine gewisse allgemeine Einteilung derselben. Wir können einpersönlichesU. unterscheiden, welches alle Acquisitionen der persönlichen Existenz umfasst, also Vergessenes,Verdrängtes, unterschwellig Wahrgenommenes, Gedachtes und Gefühltes. Neben diesen persönlichen unbewussten Inhalten gibt es aber andere Inhalte, die nicht aus persönlichen Acquisitionen, sondern aus der ererbten Möglichkeit des psychischen Funktionierens überhaupt, nämlich aus der ererbten Hirnstruktur stammen. Das sind die mythologischen Zusammenhänge, die Motive und Bilder, die jederzeit und überall ohne historische Tradition oder Migration neu entstehen können. Diese Inhalte bezeichne ich alscollektiv unbewusst. So gut wie die bewussten Inhalte in einer bestimmten Tätigkeit begriffen sind, so sind es auch die unbewussten Inhalte, wie uns die Erfahrung lehrt. Wie aus der bewussten psychischen Tätigkeit gewisse Resultate oder Produkte hervorgehen, so gehen auch aus der unbewussten Tätigkeit Produkte hervor, z. B. Träume und Phantasien. Es ist müssig, darüber zu spekulieren, wie gross der Anteil des Bewusstseins z. B. an den Träumen sei. Ein Traum stellt sich uns dar, wir erschaffen ihn nicht bewusst. Gewiss verändert die bewusste Reproduktion, oder gar schon die Wahrnehmung vieles daran, ohne aber die Grundtatsache der produktiven Regung von unbewusster Provenienz aus der Welt zu schaffen.

Das funktionelle Verhältnis der unbewussten Vorgänge zum Bewusstsein dürfen wir als eincompensatorisches(s. d.) bezeichnen, indem der unbewusste Vorgang erfahrungsgemäss das subliminale Material, das durch die Bewusstseinslage konstelliert ist, zu Tage fördert, also alle diejenigen Inhalte, welche, wenn alles bewusst wäre, am bewussten Situationsbilde nicht fehlen könnten. Die compensatorische Funktion des Unbewussten tritt umso deutlicher zu Tage, je einseitiger die bewusste Einstellung ist, wofür die Pathologie reichliche Beispiele liefert.


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