Kapitel IV.

Pnihing.Pnihing.

Pnihing.

Pnihing.

Treten jedoch aussergewöhnliche Ereignisse ein, wie z.B. meine Expedition zum Mahakam, so fühlt sich auch eine Persönlichkeit wieAkam Igauauf unsicherem Boden; denn sobald das Gewohnheitsrecht, keine Bestimmungen getroffen hat, ist der Häuptling seinen Untergebenen gegenüber machtlos. Zwar wagen diese ohne des Häuptlings Hilfe nichts zu beginnen, aber er hat kein Mittel, seine Leute zu zwingen, sich an einem besonderen Unternehmen zu beteiligen, sondern jeder beschliesst selbst, ob er mithält oder nicht. In Anbetracht, dass sein Ansehen zum grossen Teil von der Wohlgesinntheit seiner Untergebenen abhängt, zieht sich ein Häuptling, sobald es darauf ankommt, etwas Aussergewöhnliches durchzusetzen, gern zurück und schiebt die Entscheidung am liebsten einem anderen zu:

Pnihing.Pnihing.

Pnihing.

Pnihing.

Der freie Kajan (panjin) hat dem Häuptling gegenüber keine andere Verpflichtung, als ihm bei jedem neuen Verfahren, das der Reisbau erfordert, einen Arbeitstag zu leisten, ferner ihm bei der Ausführung grösserer Arbeiten, wie bei der Herstellung und beim Transport von Böten durch den Wald, sowie beim Bau seiner Wohnung behilflich zu sein.

Wird für den ganzen Stamm ein neues Haus gebaut, so liefert jede Familie, ausser dem Material für die eigene Wohnung, noch einen Pfahl, einige Planken und 100 Schindeln zum Bau der Häuptlingswohnung (amin aja). Der Häuptling wiederum ist verpflichtet, mit seinen Sklaven demjenigen zu helfen, der aus irgend einem Grunde sein Feld nicht bebauen kann oder sonst der Unterstützung bedürftig ist.

Ein derartiges gegenseitiges Hilfeleisten ist bei den. Kajan sehr üblich; bei jeder besonderen Ausgabe oder Unternehmung wendet man sich um Leistung von Geld oder Arbeitskraft an die Opferwilligkeit der Verwandten und Dorfgenossen.

Heiratet z.B. ein Kind des Häuptlings, so beteiligen sich alle Stammesgenossen an den Festkosten; für öffentliche Festmahlzeiten liefert jeder etwas gewöhnlichen Reis oder Klebreis; hat ein Häuptling eine ansehnliche Busse zu bezahlen, wieAkam Igau, als er sich zu bald nach dem Tode der ersten Frau. wieder verheiratete, so trägt jeder seines. Anteil bei.

Befindet sich ein Kajan in Not, so sind in erster Linie seine Anverwandten, in zweiter der Häuptling verpflichtet ihm zu helfen.

Nicht nur bei öffentlichen, sondern auch bei privaten Festen hat der Häuptling eine besondere Rolle zu erfüllen: die Kinder, die zu Neujahr einen Namen erhalten, werden ihm zugetragen, damit er sie mit Wasser besprenge; will ein junger Mann in eine andere Niederlassung hineinheiraten, so muss ihm der Häuptling hierzu seine Bewilligung erteilen und der neue Häuptling erhält ein Geschenk; sind keine Angehörigen vorhanden, so fällt dem Häuptling die Vormundschaft und die Vermögensverwaltung der Waisen bis zu deren Volljährigkeit zu.

Was die Verpflichtungen der Leibeigenen (dipe̥n) gegenüber dem Häuptling betrifft, so liegt ihnen, wie erwähnt, alle Arbeit in Wald, Feld und Haus ob. Oft tritt auch Arbeitsteilung ein, so dass Männer und Frauen ohne kleine Kinder mehr ausserhalb des Hauses arbeiten, die anderen dagegen das Reisstampfen, Kochen, Reinigen der Wohnung und dergleichen übernehmen. Die Sklaven arbeiten unter Aufsicht der Häuptlingsfamilie oder unter der bestimmter, von dem Häuptling erwählter Personen. Das Verhältnis von Herr und Knecht ist jedoch derart, dass man lange unter den Kajan gelebt haben muss, um zu wissen, wer eigentlich Leibeigener ist.

Besonders fähige Sklaven schickt der Häuptling oft für Monate auf Reisen, um unter verwandten Stämmen am Mahakam oder Batang-Rèdjang Handel zu treiben. Da den Sklaven hierbei ein Teil des Gewinnstes zufällt, bringen sie es oft zu grösserer Wohlhabenheit als die freien Kajan.

Die Leibeigenen dürfen ausserdem noch für ihren unmittelbaren Vorteil arbeiten; früher scheint der Häuptling regelmässig einen bestimmten Prozentsatz ihres Gewinnes für sich beansprucht zu haben, gegenwärtig machtAkam Igaunur selten von diesem Recht Gebrauch. Anders verhält es sich in Tandjong Kuda, wo der Häuptling arm ist.

Für 100 Dollar kann sich ein Leibeigener am Mendalam loskaufen; ich habe aber nie von einem solchen Fall gehört. Ebenso ungewöhnlich sind Fluchtversuche Leibeigener aus Unzufriedenheit über ihr Los. Die meisten der gegenwärtigen Sklaven sind im Stamme geboren und können sich nirgends anders niederlassen, wenn ein anderer Häuptling sie nicht unter seinen Schutz nimmt.

Wie die freien Kajan, haben auch die Leibeigenen mannigfach Gelegenheit,sich durch persönliche Eigenschaften eine einflussreiche Stellung zu verschaffen; sie können sogar in die Priesterschaft aufgenommen werden und sich durch ihr Amt ein bedeutendes Einkommen erwerben; auch können sie es im Kriege bis zum Anführer bringen.

In der Häuptlingswohnung essen die Leibeigenen gesondert, auch schlafen sie in besonderen Abteilungen.

Die Sklaven heiraten meist unter einander, aber eine Verbindung mit freien Kajan gehört nicht zu den Seltenheiten. Die Freien übernehmen durch eine Heirat mit Sklaven deren Verpflichtungen, sie “heiraten in die grosse Wohnung” = “ngahawa halam amin aja,” wie der offizielle Ausdruck lautet. In Wirklichkeit aber zieht das junge Paar nur selten in die Häuptlingswohnung, meist erhält es eine selbständige Wohnung im grossen Hause.

Erfolgt Scheidung, so tritt der Freie in seinen früheren Stand zurück und die Kinder folgen teils dem Vater teils der Mutter; eine besondere Bestimmung hierüber habe ich nicht ausfindig machen können.

Als allgemeines Eigentum des Stammes dürfen die Sklaven nie verkauft, bei Erbschaft verteilt oder bei der Heirat eines Häuptlings von ihm in eine andere Niederlassung mitgeführt werden. Den Sklaven wird nur selten gestattet, in ein anderes Dorf zu heiraten.

Man sollte nicht erwarten, dass in einem Staate, in welchem, dank seiner freien Organisation, der niederste Sklave durch persönliche Eigenschaften zu Einfuss und Ansehen gelangen kann, das Gefühl für Standesunterschiede sehr ausgeprägt ist—und doch ist dies bei den Kajan in hohem Masse der Fall. Sie unterscheiden in ihrem Gemeinwesen nicht nur Häuptlinge, Freie und Sklaven, sondern zwischen diesen noch verschiedene Übergangsstufen und zwar in der Art, dass eine bestimmte Stellung ihren Familien zwar rechtlich, aber nicht gesellschaftlich, zukommt. Dem Häuptling wird z.B. nachgerechnet, ob unter seinen Vorfahren Freie vorkommen und wie viele, ob Fremde oder nur Glieder verwandter Stämme in seine Familie hineingeheiratet haben; von allen diesen Verhältnissen ist sein Ansehen abhängig. Unter denpanjinwiederum giebt es Familien, die seit alters zum Stamme gehören, in die womöglich Glieder der Häuptlingsfamilie durch Heirat aufgenommen worden sind, die sich nicht mit Fremden oder Sklaven vermischten und die überdies reich sind; man nennt siePanjin saju= schöne Freie. Ihre ältesten Glieder üben einen besonderen Einfluss im Staate. Dagegen giebt es anderepanjin, denen allediese günstigen Umstände fehlen und die daher eine viel tiefere gesellschaftliche Stufe einnehmen. Sind diese Familien lange arm gewesen oder haben sie öfters Sklaven oder Glieder fremder Stämme durch Heirat aufgenommen, so geniessen sie unter ihren Dorfgenossen oft viel weniger Ansehen als wohlhabende Sklavenfamilien, die kluge und einflussreiche Glieder zu den Ihrigen zählen.

Die Kajan dichten ihren Häuptlingen gern eine besonders hohe Herkunft an, so lassen sieAkam Igau, dessen Vater vom Mahakam gebürtig war, von den guten Geistern des Apu Lagan abstammen. Die Legende lautet folgendermassen

In alten Zeiten feierte das Haus der Uma-Aging am oberen Kajan einst das Saatfest (tugal). Nachdem der HäuptlingLĕdjo Agingmit den Priesterinnen auf dem heiligen Reisfelde (luma lali) alle Zeremonien ausgeführt und einenpe̥lale̱(Opfergerüst mit Opferspeisen) errichtet hatte, bemerkte er beim Nachhausekommen, dass er sein Messer, das er bei der Arbeit gebraucht hatte, auf dem Opferplatze hatte liegen lassen. AlsLĕdjoallein auf das Feld zurückkehrte, fand er dort zu seinem Erstaunen eine Schar weiblicher Geister aus demApu Lagan(Aufenthaltsort der guten Geister), die die Aufforderungen der Priesterinnen er hört hatten und sich an den auf dempe̥lale̱niedergelegten Opferspeisen gütlich taten. BeiLĕdjosKommen entflohen die Jungfrauen bis auf eine, die mit ihrem langen, prachtvollen Haar am Opfergerüst hängen blieb und so dem Häuptling in die Hände fiel.Lĕdjonahm das schöne Mädchen mit der heller Hautfarbe nach Hause und überredete es, als seine Gattin bei ihm zu bleiben. In damaliger Zeit war es aber im Kajanlande immer hell, daher schämte sich JungfrauMangvor innigeren Beziehungen und stieg zu ihrem Himmel hinauf, um von dort den Schutz des nächtlichen Dunkels in ihre neue irdische Heimat herniederzubringen.Mangbrachte die Finsternis in einemsamit(Palmblattsack) mit, den sie, zu Hause angekommen, im Gemache niederlegte, worauf sie sich nach der langen Reise etwas Erholung und Erfrischung gönnte. Ein neugieriges Kind, das wissen wollte, was sich in dem Sacke befand, schnitt ein Loch hinein; da entfloh die Finsternis und breitete sich zum Schrecken des Stammes über das ganze Land aus. Die Kajan wussten in ihrer Angst nicht, was sie beginnen sollten und entwarfen allerhand Pläne, um dem Unglück zu wehren, als die Hähne zu krähen anfingen und es wieder Licht wurde. Seit der Zeit kehren Nacht und Tag regelmässig zu den Menschen zurück.

Nun warMangsEheglück vollkommen und bald darauf wurde sie schwanger. Als sie nach etlichen Monaten mit vielen anderen ihres Stammes auf einer Geröllbank mit Fischen beschäftigt war, fühlte sie, dass ihre Stunde gekommen sei. Sie zog sich daher zurück und hockte in der Ferne nieder, um ihr Kind zur Welt zu bringen.Lĕdjound die Seinen dachten aber, dass sie nur einem Bedürfnis nachkommen wolle; denn bis dahin war es bei den Kajan üblich gewesen, wenn ein Kind geboren werden sollte, der schwangeren Frau den Leib aufzuschneiden. Von Mang lernten die Kajan nun ein besseres Verfahren; denn bald brachte sie ihrem Gatten ein Töchterchen,Do Neha(ne̥ha= Geröllbank).

Bewaffnete Ma-Suling vom Mĕrasè mit ihrem Häuptling Ibau Li.Bewaffnete Ma-Suling vom Mĕrasè mit ihrem Häuptling Ibau Li.

Bewaffnete Ma-Suling vom Mĕrasè mit ihrem Häuptling Ibau Li.

Bewaffnete Ma-Suling vom Mĕrasè mit ihrem Häuptling Ibau Li.

AlsDo Nehaerwachsen war, konnte Mang ihre Sehnsucht nicht länger bezwingen und kehrte zumApu Laganzurück. Ihre Tochter vermählte sich mitTigang Aging, dem sie einen Sohn,Batang Huwang, schenkte. Bald nach der Geburt schnitt sich die junge Mutter, um ihr Söhnchen zu trocknen, einen Teil ihres langen Haares ab. Kaum hatte sie diese weggeworfen, als sie aus ihren Haaren so stark zu bluten begann, dass sie starb. Seither dürfen die Häuptlinge von dem Stamme Aging ihre Haare nicht schneiden lassen.

Da das Kind den Tod der Mutter veranlasst hatte, brachten es die Dorfbewohner in den Wald, um es dort umkommen zu lassen. Niemand wagte das Kind aufzunehmen. Endlich kam eine gute Frau, die das Kind aufhob und mit ihm an den Fluss Kaso zog. Dort liess sichBatang Huwang, der keine Lust mehr verspürte, nach seinem Stamm zurückzukehren, nieder. Seine Nachkommen blieben ebenfalls im Mahakamgebiet wohnen, nurAkam IgausVater zog an den Mendalam und heiratete in den Stamm der Ma-Aging (= Uma-Aging).

Durch diese Erzählung erhältAkam Igaueine Abstammung von den Himmelsgeistern und wird gleichzeitig zu einem Glied der Häuptlingsfamilie der Uma-Aging gemacht.

1Dr.G.A.F. Molengraaff: Geologische Verkenningstochten in Centraal-Borneo (1893–94).

1Dr.G.A.F. Molengraaff: Geologische Verkenningstochten in Centraal-Borneo (1893–94).

2Anthropometrische Untersuchungen von Dr.J.H.F. Kohlbrügge. Mittheilungen aus dem Niederl. Reichsmuseum f. Ethn.

2Anthropometrische Untersuchungen von Dr.J.H.F. Kohlbrügge. Mittheilungen aus dem Niederl. Reichsmuseum f. Ethn.

Lebenslauf eines Bahau bzw. eines Kajan—Geburt—Behandlung des Neugeborenen—Kindertragbrett (hăwăt)—Verpflegung des Kindes—Erste Namengebung—Zweite Namengebung—Namenänderungen—Das Kind bis zur Pubertät—Junge Männer und Mädchen—Tätowierung—utang—Künstliche Verunstaltungen—Beschäftigungen und Verkehr der jungen Leute—Mahlzeiten—Beirat—Stellung von Mann und Frau—Erbschaft—Tod—Trauer—Kopfjagden.

Lebenslauf eines Bahau bzw. eines Kajan—Geburt—Behandlung des Neugeborenen—Kindertragbrett (hăwăt)—Verpflegung des Kindes—Erste Namengebung—Zweite Namengebung—Namenänderungen—Das Kind bis zur Pubertät—Junge Männer und Mädchen—Tätowierung—utang—Künstliche Verunstaltungen—Beschäftigungen und Verkehr der jungen Leute—Mahlzeiten—Beirat—Stellung von Mann und Frau—Erbschaft—Tod—Trauer—Kopfjagden.

Bevor ein junger Kajan das Licht der Welt erblickt, haben sich seine künftigen Eltern zahlreichen Vorschriften deradatzu unterwerfen. Die Mutter darf keine Tiere töten und keine zu jungen Fische essen. Auch einige ausgewachsene Fische, das Fleisch des Schuppentieres (Manis javanica) und verschiedene Arten von Früchten und Gemüsen sind ihr verboten. Ferner muss sie sich hüten, während des Regens zu schlafen, geschieht dies doch, so wird sie geweckt.

Der Gatte darf vor und nach der Entbindung seiner Frau nicht auf die Jagd gehen, keine Pfähle einrammen und keine jungen Fische essen. Um die Geburt zu erleichtern, legt ein sorgsamer Ehemann während der Schwangerschaft seiner Frau seine Schnitzarbeit in Hirschhorn bei Seite; auch reisst er keinen Kattun, um sich ein Kleidungsstück herzustellen.

In der ersten Zeit ihrer Schwangerschaft geht die Kajanfrau ihrer gewohnten Arbeit im Hause und auf dem Felde nach. Sobald ihre Körperform im dritten oder vierten Monat auffallend wird, bedeckt sie zuerst den Leib und dann auch die Brust mit einem Tuche (djat butit).

Bei der Entbindung dürfen nur Frauen zugegen sein. Die Männer werden schon beim Beginn der Wehen aus dem Gemache entfernt und mit ihnen auch alle eisernen und schneidenden Gegenstände—wahrscheinlich um die Kindesseele nicht zu erschrecken. Die Mutter gebiert in hockender Stellung. Ist das Kind zur Welt gekommen, so schneidet ihm eine der Hilfe leistenden Alten mit einem Schwerte den Nabelstrang durch, nachdem er in einer Entfermung von 4 cmvom Kinde unterbunden worden ist. Dieses Schwert, das nie verkauft werden darf, wird als altes Familienstück pietätvoll bewahrt. Die Nachgeburt wird in den Wald geworfen und dort in der Regel von Schweinen und Hunden aufgefressen.

Da die Kajanfrauen alle gut gebaut sind und Rhachitis nicht vorkommt, verläuft eine Entbindung gewöhnlich normal. Die Geburtshelferinnen sind auch nicht im stande, bei anormaler Kindeslage öder bei Blutungen Hilfe zu leisten; nur das Reiben des Leibes ist gebräuchlich. Als grosse Merkwürdigkeit wurde mir erzählt, dass eine Frau aus Pagong einst den prolabierten Uterus einer Wöchnerin mit gutem Erfolge zurückgestülpt hatte.

Einige bei den Kajan verbreitete Krankheiten, gonorrhoeische Endometritides und Lises, können jedoch dem Verlauf der Geburt eine ernste Wendung geben. Hilft sich die Natur nicht selbst, so hat jede Abweichung Tod oder schweres Leiden zur Folge. Berücksichtigt man, dass die Kajan den bei der Geburt sterbenden Frauen kein ehrenvolles Begräbniss und glückliches Leben im Jenseits zugestehen, so ist die Angst, mit welcher diese ihrer Entbindung entgegensehen, begreiflich. (Näheres f. Kap.).

Tot- und Frühgeburten sind so häufig, dass die Frauen nicht wissen, wie lange eine normale Schwangerschaft eigentlich dauert. Nach dem siebente und achten Monat sah ich besonders viele unausgetragenen Kinder zur Welt kommen. Abortus ist ebenfalls eine häufige Erscheinung, aber nur als Folge von Krankheit. Für künstliche Fruchtabtreibung besitzen die Kajan und, wie es scheint, auch die übrigen Dajak, im Gegensatz zu den Malaien, absolut kein Mittel.

Wenn die Mutter bei der Geburt stirbt oder schwer erkrankt oder böse Träume die Eltern erschrecken, setzt der Vater das Kind im Walde aus; es wird aber häufig von anderen Kajan oder Malaien aufgenommen und erzogen.

Unmittelbar nachdem das Kind gewaschen ist, werden seine Ohrläppchen von einer alten Frau mittelst scharf zugespitzter Bambusstäbchen durchstochen. Die Hölzchen bleiben bis zur Heilung der Wunde in der Öffnung, werden dann aber durch einen Zinnring, dessen Schwere das junge Gewebe ausrecken soll, ersetzt. Je grösser die Öffnung wird, desto mehr Ringe werden angebracht, so dass fünf- bis sechsmonatliche Kinder bereits 200 g Zinn an jedem Ohre tragen. Um ein Durchreissen der Ohrläppchen zu verhindern, ist den Mütternin der ersten Zeit verboten, Fische zu essen, die mit einem Angelhaken gefangen worden sind.

Weitere Verbildungen werden mit den Neugeborenen nicht vorgenommen.

Gleich nach der Geburt erhält das Kind ein Armband (le̥ku lali =geweihtes Armband) ausbua dje̥le̱, den hellbraunen und schwarzen Früchten von Coix-Arten, welche auf die bösen Geister abschreckend wirken sollen. Beim Abfallen des Nabelstranges wird dieses Armband durch ein zweites ersetzt und dieses wiederum nach Ablauf eines Monats bei der ersten Namengebung durch ein drittes. Die abgelegten Armbänder des Kindes werden von der Mutter bis zur ersten und zweiten Namengebung an einer Halskette getragen, nach Schluss der betreffenden Verbotszeiten aber in einem Säckchen aus Kattun an das Kindertragbrett gebunden (pag. 72).

Die Kinder werden nicht gewickelt, sondern liegen völlig nackt auf einer mit Tüchern oder einer kleinen Matratze bedeckten Matte. Ein langes schmales Tuch, dessen Enden über einem Balken geknüpft werden, dient als Wiege, indem man das Kind in dem Bausch, welchen das Tuch bildet, schlafen legt.

Zum Herumtragen der Kinder besitzen die Kajan die sehr praktischehăwăt, die am Mendalam aus einem Liegebrett in Form eines beinahe völlig aufgeschlagenen Buches und eines senkrecht dazu angebrachten Sitzbrettes besteht. Solange das Kind sehr klein ist, trägt es die Mutter mittelst zweier um die Schultern gehängter Schnüre liegend vor sich auf derhăwăt;ist das Kind grösser, so trägt es die Mutter sitzend auf dem Rücken. Als weiche Unterlage für das Kind werden auf den Boden derhăwăteinige Tücher gelegt.

In Anbetracht, dass das Kind einen grossen Teil des ersten Lebensjahres auf derhăwătverbringt, nehmen die Bahau an, dass auch dessen Seele (bruwā) mit dem Tragbrett eng verbunden ist und dieses ötters als Aufenthaltsort wählt. Um nun eine ständige Verbindung mit dem Kinde und dessen Seele zu unterhalten, versäumen die Mütter niemals, ihre Kleinen morgens und abends in innige Berührung mit derhăwătzu bringen. Sie tun dies, indem sie einen Finger des Kindes in eine Schlinge aus Lianenfasern, welche an derhăwătbefestigt ist, stecken, ihn hin- und herbewegen und einige Worte dazu murmeln. Die Kindesseele wird durch diese Handlung aufgefordert, in ihren eigentlichen Wohnsitz zurückzukehren; eine längere Abwesenheit oderein gänzliches Fortbleiben der Seele hat nämlich Krankheit bzw. Tod des Kindes zur Folge. Der Vorgang wird mitnjinabezeichnet. An jederhăwăthängen drei bis vier derartiger Schlingen und zwar sind sie alle an Häkchen aus dem Holz von Fruchtbäumen befestigt, für die die Seelen und Geister eine grosse Vorliebe haben sollen.

Kindertragbrett (hăwăt) der Kajan am Mendalam.Kindertragbrett (hăwăt) der Kajan am Mendalam.

Kindertragbrett (hăwăt) der Kajan am Mendalam.

Kindertragbrett (hăwăt) der Kajan am Mendalam.

Verschiedene andere Gegenstände, welche ebenfalls an derhăwătangebracht werden, haben den Zweck, die guten Geister für das Kind günstig zu stimmen und die bösen zu vertreiben.

Wie an derhăwătauf nebenstehender Tafel zu sehen, hängt an ihrer Aussenseite eine Schnur mit vielen, kleinen, runden Päckchen; sie werdenkawit(Kap. VI) genannt und enthalten allerhand Esswaren zur Anlockung der guten Geister. Bei jeder wichtigen religiösen Zeremonie, die im Laufe des Jahres stattfindet, wird ein derartiges Opferpäckchen an derhăwătbefestigt und hängen gelassen.

Neben diesenkawitbefinden sich fünf verschiedene Schalen von Schnecken und Seetieren, die alle an Schnüren mit Perlenverzierungen hängen und ein beliebtes Mittel zur Vertreibung böser Geister bilden. Dem gleichen Zweck dient auch ein Bündelble̥hiding, der Bast einer beim Verbrennen entsetzlich riechenden Anonacee.

Die zwei in der Mitte an derhăwăthängenden Läppchen stellen die ersten Kleidungsstücke des Kindes vor.

An der zweiten, über der ersten hängenden Schnur sind, als Lockmittel sowohl für die Seele des Kindes als für die guten Geister, an Perlenschnüren zwei aus Muschelschalen geschliffene Knöpfe und ein europäischer weisser Porzellanknopf befestigt, ausserdem eine Reihe kleiner Geschenke (usut), bestehend aus kleinen Schnüren aus Lianenfasern mit Perlen von verschiedenem Werte; letztere sollen besonders zur Beruhigung der Kindesseele dienen.

Kindertragbrett (hăwăt) der Kajan am Mendalam.Kindertragbrett (hăwăt) der Kajan am Mendalam.

Kindertragbrett (hăwăt) der Kajan am Mendalam.

Kindertragbrett (hăwăt) der Kajan am Mendalam.

An der gleichen Schnur hängen ferner: ein Hundezahn zur Abwehr böser Geister; das erste Armband des Kindes und zwei aus Pandanusblättern (tika) geflochtene Streifchen (pag. 74).

Endlich werden an diehăwătauch noch die vorhin erwähnten geweihten Armbänder des Kindes und die Halsketten, welche die Mutter nach Ablauf der Verbotszeiten, gelegentlich der ersten und zweiten Namengebung, ablegt, gebunden.

Die Kajan freuen sich über die Geburt von Mädchen mehr als über die von Knaben; denn diese verlassen die Eltern, wenn sie heiraten oder weite Reisen unternehmen, jene dagegen helfen häufigwährend ihres ganzen Lebens bei der Arbeit und bringen ausserdem einen Schwiegersohn ins Haus.

Die Neugeborenen werden in den ersten Monaten ausschliesslich mit Muttermilch genährt; kann die Mutter diese nicht geben, so hilft eine andere Frau. Aus Gesundheitsrücksichten ist der Stillenden nur weich gekochter Reis als Nahrung erlaubt; scharfe Speisen darf sie nicht geniessen und im ersten Jahr auch nicht rauchen oder Betel kauen.

Die ersten zehn Tage ist der Wöchnerin jede Arbeit verboten; dann beginnt sie sich innerhalb des Hauses mit dem Haushalt und der Pflege des Kleinen zu beschäftigen.

Wöchnerin und Kind werden in den ersten Tagen zum Schutz gegen Krankheit mit dem Russ von Damaraharz eingerieben. Ausserdem darf, solange der Nabelstrang noch nicht abgefallen ist, ausser den Hausbewohnern niemand das Gemach betreten, da das Kind sonst krank werden könnte; als Warnungszeichen hängen zwei gekreuzte Holzstückchen vor der Tür. Der abgefallene Nabelstrang wird sorgfältig in ein Tuch gewickelt und in einem Bambusbehälter aufbewahrt; er bildet mit den Gerätschaften, die zum Durchstechen der Ohrläppchen und Durchschneiden der Nabelschnur dienten, den Grundbestandteil desle̥gén, einer Sammlung aller Gegenstände, die im Leben des Kajan eine Rolle gespielt haben. Dasle̥génwird nach dem Tode des Besitzers unter dem Wohnungsdache verborgen und alslālí(geweiht) seinem Schicksal überlassen. (Siehe Kap. VI).

In den ersten Monaten dürfen die neugeborenen Kinder nicht aus dem Hause gebracht oder im Fluss gebadet werden, eine Sitte, die für die unbekleideten Wichte nur zuträglich sein kann.

Vor Ablauf des ersten Jahres geht die Mutter nicht aufs Reisfeld; während dieser Zeit setzt sie das Stillen fort, bis die Milchabscheidung von selbst oder infolge einer neuen Schwangerschaft aufhört. Im dritten oder vierten Monat beginnt die Mutter dem Kinde etwas Bananen und dann weich gekochten Reis zu essen zu geben.

Die Mutter muss sich, hauptsächlich während des ersten Monats, solange das Kind noch keinen Namen erhalten hat, einer langen Reihe von Verbotsbestimmungen unterwerfen, welche sich vor allem auf Essen und Trinken, Arbeiten u.s.w. beziehen. Auch dürfen Mutter und Kind keinen Putz und besonders nichts Rotes tragen. Für die Ausstattung der Kleinen wird vorzugsweise gebrauchtes Material benutzt, selbst die hängende Decke aus Palmblättern über dem Schlafplatz muss bereitsgedient haben. Weiter verlangt dieadat, dass bei jeder Mahlzeit dem Kinde etwas Speise auf demuwit lāli(geweihten Teller) gespendet werde; auch muss die Mutter sich nach dem Essen stets für kurze Zeit entfernen.

Auch die Väter haben nach der Geburt ihres Kindes verschiedene Vorschriften zu befolgen, sie dürfen sich in der ersten Zeit z.B. nicht weit vom Hause entfernen.

Um ihr Kind vor bösen Geistern zu schützen, trägt die Mutter verschiedene Amulette: um den Kopf ein schlichtes Band aus den Blättern einer Pandanusart, an denenlong, Stückchen des Wurzelstockes vondaun long(Aroïdeae spec.) befestigt sind; letztere Pflanze gilt als sicherstes Schreckmittel gegen böse Geister. Um den Hals trägt sie eine Kette aus den Früchten von drei Pflanzen (Coix-Arten) und aus verschiedenen Muschelarten. Begiebt sich die Mutter mit dem Kinde auf die Galerie oder in den folgenden Monaten ausserhalb des Hauses, so nimmt sie stets ein brennendes Bündelple̥hidingmit, dessen unangenehmer Geruch die bösen Geister in die Flucht schlägt.

Nach Ablauf des ersten Monats findet die erste Namengebung des Kindes statt; sie ist nur provisorisch, denn den eigentlichen Namen erhält das Kind erst bei dem nächstendangei(Neujahrsfeste). Ein namenloses Kind heissthăpăng;stirbt es, so wird ihm nicht öffentlich nachgetrauert.

Mit der ersten Namengebung endet die erste, strengste Verbotszeit; die Mutter darf jetzt ihre früheren Tätigkeiten, wie z.B. das Mattenflechten, wieder aufnehmen; als symbolisches Zeichen hierfür flicht sie einen Streifen, der an diehăwătgebunden wird.

Man findet bei allen Stämmen von Mittel-Borneo die Eigentümlichkeit, dass sie Fremde nur mit Angst in die Nähe kleiner Kinder kommen sehen; bei den Punan darf niemand, der die Sprache des Stammes nicht kennt, ein Kind anrühren, da dieses sonst dumm werden muss. Bei den Kajan bringt jeder Fremde bei seinem ersten Eintritt in eine Wohnung, in der sich ein kleines Kind befindet, ein Geschenk (usut) von Perlen oder etwas Zeug mit; augenscheinlich liegt dieser Sitte die Überzeugung zu Grunde, dass die Seele des Kindes, die durch die neue Erscheinung erschreckt worden ist, durch etwas Schönes wiederum beruhigt werden muss; geschieht dies nicht, so entflieht die Seele und das Kind wird krank.

Bei der zweiten Namengebung wird den Geistern durch die Priesterein Opfer von Schweinen und Hühnern gebracht; das Fleisch der Tiere wird bei fröhlichem Festmahl mit Freunden und Bekannten verzehrt. Darauf bringt man den jungen Weltbürger in die Wohnung des Häuptlings. Die sehr schlicht gekleidete Mutter trägt auf dem Kopfe einen schmucklosen und mitkāwitversehenen Hut,haung lāli(geweihter Hut); in der Hand hält sie eine Bambusklapper und ein Bambusgefäss mit Wasser, in dem von dem Häuptling die Füsse des Kindes gebadet werden. Das Kind erhält hierbei den Namen, mit dem es weiter genannt werden soll.

Bei der Wahl der Namen vermeidet man diejenigen kürzlich verstorbener Familienglieder, wahrscheinlich um deren Seelen nicht zu beunruhigen und auf das Kind abzulenken, was diesem schaden könnte. Gewöhnlich nennt man das Kind nach sehr alten oder bereits vor langer Zeit verstorbenen Verwandten.

Leidet ein Kind öfters an Krankheit, so verändert man seinen Namen, sobald es ihm wieder besser geht, um die bösen Geister, die es so häufig besuchen und dadurch krank machen, irre zu leiten.

Einige allgemeine Bemerkungen über Namengebung und Namenänderung bei den Bahau mögen hier eingeflochten werden.

Familiennamen existieren bei den Bahau nicht. Will man eine bestimmte Person bezeichnen, so fügt man ihrem eigenen Namen denjenigen von Vater oder Mutter bei; eine besondere Bestimmung hierüber ist mir nicht bekannt. Tipong Igau z.B. bedeutet: Tipong, die Tochter des Igau (Name des Vaters); Adjang Song bedeutet: Adjang, der Sohn der Song (Name der Mutter). Die Kinder behalten die Namen der Eltern auch nach deren Tode.

Wird bei den Bahau ein Mann Vater eines Sohnes, der Bang oder einer Tochter, die Kehad genannt wird, so verliert er meistens seinen eigenen Namen und man bezeichnet ihn fortan als: Vater des Bang bzw. Vater der Kĕhad. Bei den Mendalam Kajan z.B.: Amei (Vater) Bang oder Amei Kĕhad. Die Mutter wird dementsprechend Inei (Mutter) Bang bzw. Inei Kĕhad genannt. Bei den Pnihing heissen die Eltern in diesem Fall: Amun (Vater) Bang bzw. Kĕhad und Hinan (Mutter) Bang bzw. Kĕhad; am Mahakam in der Busang Sprache: Taman (Vater) Bang bzw. Kĕhad.

Sobald jedoch das erstgeborene Kind stirbt, nehmen die Eltern wieder ihren früheren Namen an; so wurde der Kĕnjahäuptling Taman Kuling (= Vater der Kuling) nach dem Tode seiner TochterKuling wieder Djalong genannt und zwar mit dem Beinamen “Bui”, der die gleiche Bedeutung wie “Ujung” (siehe unten) bei den Mendalam Kajan hat.

Gewisse Familienereignisse werden bei den Bahau durch bestimmte Beiworte, welche den Eigennamen der Personen vorangesetzt werden, angedeutet. Bei den Mendalam Kajan sind die folgenden gebräuchlich:

Balo, wenn der Mann gestorben ist, z.B. Balo Paja = Wittwe Paja; Hawal, wenn die Frau gestorben ist, z.B. Hawal Igau = Wittwer Igau; Akam, wenn ein kleines Kind gestorben ist, z.B. Akam Igau; Ujung, wenn ein fast erwachsenes Kind gestorben ist, z.B. Ujung Igau; Hiat, wenn ein jüngerer Bruder oder eine jüngere Schwester gestorben ist, z.B. Hiat Bang; Abel, wenn ein älterer Bruder oder eine ältere Schwester gestorben ist, z.B. Abel Imu.

Für die gleichen Familienverhältnisse findet man bei den verschiedenen Stämmen verschiedene Bezeichnungen.

Sobald Männer und Frauen alt und grau werden, erhalten sie vor ihrem eigentlichen Namen die Bezeichnung “Bo”, z.B. Bo Bĕlarè, Bo Uniang.

Eigentümlicher Weise erhalten besonders vornehme Häuptlinge nach ihrem Tode ganz andere Namen, als sie zu Lebzeiten getragen. Man bezeichnet diese Namenänderungen mit “ge̥lo̤̱n”. So nannte man am Mahakam den Long-Glathäuptling Ding nach seinem Tode Bo Kulè und seinen Sohn Ngau nach dem Tode Bo Langit. Die Kajan am Mahakam sprechen jetzt von dem Häuptling Kwing Irang, unter dessen Anführung sie vor 150 Jahren an den Mahakam zogen, stets nur als von Singa Mĕlön.

Nach der zweiten Namengebung dürfen die Kinder schön gekleidet werden, auch geniessen sie bis zur Pubertät das Vorrecht, den zahlreichen Verbotsbestimmungen, welche für Erwachsene bestehen, nicht unterworfen zu sein. Sie dürfen z.B. Hirsche, graue Affen, Schlangen und Nashornvögel essen; auch werden ihnen bei religiösen Festen keine Beschränkungen auferlegt. Sie brauchen sich auch nicht die Wimpern und Augenbrauen zur Verschönerung ausziehen zu lassen, kurz, sie geniessen in jeder Beziehung einer grossen Freiheit.

Vater und Mutter widmen sich der Erziehung ihrer Kinder mit viel Liebe. Sobald die Sprösslinge einmal zur Welt gekommen sind, machen sie sich zum Mittelpunkt des ganzen Kajanhaushaltes. Die elterliche Zuneigung wird von den Kindern übrigens erwidert und es ist auffallend, wie selten sie zu Züchtigungen Anlass geben; man hörtsie eigentlich nur bei Krankheit schreien. Treibt die Jugend es gar zu arg, so halten die Eltern eine Bestrafung der Schuldigen mit ein paar Schlägen oder einer Strafrede wohl auch für angebracht. In einigen Fällen, die ich miterlebte, kam es jedoch nicht bis zum Weinen; die Wirkung der Strafe zeigte sich nur in einem etwas erschreckten Gesichtsausdruck der Kleinen.

Schon die 1½–2 jährigen Kinder gehen, wenn sie im Freien spielen, gewöhnlich bekleidet umher: die Knaben tragen das Lendentuch, die Mädchen das Röckchen; die meisten halten jedoch Kleidungsstücke fair unnützen Ballast und ziehen im Hause und nach dem Bade Adams Kostüm vor.

Die Hauptbeschäftigung der Knaben bilden Spiele im Freien und im Wasser; Ringkampf, Wettlauf und Schwimmen sind am beliebtesten; den Kampf in zwei Parteien üben sie nur in der Art, dass sie sich gegenseitig mit Lanzen aus Grashalmen bewerfen. Dem Kreiselspiel, Blasrohrschiessen und ähnlichen Vergnügungen widmen sich die Knaben, im Gegensatz zu den erwachsenen Männern, auch ausserhalb der Zeit der Ackerbaufeste. Ein beliebtes Spiel ist auch das Zielen mit platten Flusssteinen nach Erdgruben.

Bei keinem dieser Spiele macht sich Ehrgeiz oder Neid geltend; die Knaben spielen um zu spielen, nicht um als Sieger aus dem Spiel hervorzugehen.

In den ersten Jahren spielen Knaben und Mädchen zusammen; später unterhalten sich die Mädchen mehr innerhalb des Hauses, wo sie schon früh der Mutter an die Hand gehen. Puppen scheinen nur zum Stillhalten sehr kleiner Kinder benutzt zu werden.

Weder Knaben noch Mädchen erhalten einen systematischen Unterricht in irgend einem Fache. Während diese allmählich den Haushalt besorgen lernen, ziehen jene vom zehnten Lebensjahr an mit aufs Feld, helfen beim Bau von Böten, beim Fischen und bei allen sonstigen Arbeiten, mit denen sich die Männer beschäftigen.

Je nach ihrer eigenen Anlage und nach der Haupttätigkeit ihrer Eltern, beginnen die Kinder in der einen oder anderen Richtung allmählich eine gewisse Fertigkeit zu erlangen.

Da bei den Kajan keine erblichen Berufe bestehen, kann sich jeder nach eigener Wahl ausbilden, wenn nicht besondere Umstände, wie Krankheit, gezwungene Arbeit zum Unterhalt der Familie u.s.w., ein Hindernis bilden.

Die Pubertät tritt bei den Mädchen ungefähr mit zwölf Jahren, bei den Knaben etwas später ein und bringt in ihre Lebensverhältnisse wichtige Veränderungen. Vor allem sind sie nun den Vorschriften, welche dieadatden Erwachsenen auferlegt, hauptsächlich Verbotsbestimmungen bezüglich des Essens verschiedener Speisen, unterworfen. Ferner beginnen sie sich in diesem Lebensalter mit eigenartigen Verzierungen und Verbildungen des Körpers zu schmücken.

Beide Geschlechter lassen sich die Schneidezähne vorn hohl ausfeilen; einige treiben sich ausserdem, nach Sitte einiger Punan, goldene Stifte durch die Zähne. Die meisten fangen jetzt auch mit dem Schwärzen der Zähne und dem Betelkauen an.

Mit eintretender Geschlechtsreife wird an Knaben und Mädchen die eigentliche Tätowierung vorgenommen; jene lassen sich anfangs nur einen Stern auf der Schulter oder eine einfache Figur auf dem Arm ausführen; die übrigen Verzierungen erhalten sie erst, wenn sie durch weite Reisen oder durch Teilnahme an einer Kopfjagd Beweise ihrer Tapferkeit geliefert haben.

Für die Frauen bildet die Tätowiersitte eine wahre Marter, der sie sich aber mit staunenswerter Opferwilligkeit unterwerfen. Die Kajanfrauen am Mendalam lassen sich den unteren Teil des Unterarms, die Hand, den ganzen Schenkel bis unterhalb des Knies und den Fussrücken mit prachtvollen Tätowiermustern bedecken. Die tätowierten Teile erscheinen wie mit einem dichten, dunkel blauen Netz überzogen.

In der Entfernung verschwinden die Einzelheiten der oft künstlerisch schönen Muster, man erhält dann den. Eindruck, als trügen die Frauen blaue Trikots. Bei Frauen mit lichtgelber Hautfarbe treten die Figuren auf den der Sonne weniger ausgesetzten und daher helleren Schenkeln besonders schön hervor.

Die jungen Männer haben zwar durch die Tätowierung; weil sie bei ihnen nur in beschränktem Masse ausgeführt wird, viel weniger als die Frauen zu leiden, dafür müssen sie sich aber, um ihre volle Männlichkeit zu erlangen, einer anderen Prüfung unterwerfen, nämlich der Durchbohrung der glans penis. Bei dieser Operation wird folgendermassen verfahren: Zuerst wird die glans durch Pressen zwischen den beiden Armen eines umgeknickten Bambusstreifens blutleer gemacht. An jedem dieser Arme befinden sich einander gegenüber an den erforderlichen Stellen Öffnungen, durch welche man, nachdem die glans weniger empfindlich geworden, einen spitzen kapfernen Stifthindurchpresst; früher benutzte man hierfür ein zugespitztes Bambushölzchen. Die Bambusklemme wird entfernt und der mittelst einer Schnur befestigte Stift in der Öffnung gelassen, bis der Kanal verheilt ist. Später wird der kupferne Stift (utang) durch einen anderen, meist durch einen zinnernen, ersetzt, der ständig getragen wird, nur in schwerer Arbeitszeit oder bei anstrengenden Unternehmungen macht der metallene Stift einem hölzernen Platz.

Besonders tapfere Männer geniessen mit dem Häuptling das Vorrecht, um den penis einen Ring tragen zu dürfen, der aus den Schuppen des Schuppentieres geschnitten und mit stumpfen Zacken besetzt ist; bisweilen lassen sie sich auch, gekreuzt mit dem ersten Kanal, einen zweiten durch die glans bohren.

Ausser den Kajan selbst, üben auch viele Malaien vom oberen Kapuas diese Kunst aus. Die Schmerzen bei der Operation scheinen keine sehr heftigen zu sein, auch hat sie nur selten schlimme Folgen, obgleich bis zur Genesung oft ein Monat vergeht.

Mit den Genitalien der Frauen werden keine Veränderungen vorgenommen.

Die jungen Männer lassen sich ferner, um ihre Unempfindlichkeit gegen Schmerz zu beweisen, Stückchen Damaraharz auf der Haut verbrennen. Diese Feuerproben hinterlassen eigentümliche runde Narben; sie werden in der Regel in einer Reihe angebracht und betragen im Durchmesser bis zu 1 cm.

Die jungen Leute beginnen zu dieser Zeit auch mehr Sorgfalt auf ihre Kleidung und auf ihr sonstiges Äussere zu verwenden; die jungen Mädchen ziehen sich bis auf das Kopfhaar alle Haare am Körper aus; die jungen Männer entfernen Wimpern, Augenbrauen und Bart (Siehe Kap. VII).

Auch mit dem Erlernen der Künste fangen Männer und Frauen erst nach der Pubertät an; diese legen sich auf das Flechten von Matten und das Ausführen von Perlenarbeiten; jene erlernen die Holz- und Knochenschnitzerei, das Entwerfen von Mustern für Verzierungen aller Art u.s.w.

Gleichzeitig mit den körperlichen Veränderungen, welche mit beiden heranwachsenden Geschlechtern vor sich gehen, wächst auch ihr Streben, das gegenseitige Wohlgefallen zu erregen. Das Verfertigen von Geschenken nimmt einen grossen Teil der freien Zeit der jungen Leuten in Anspruch; die Mädchen arbeiten aus Perlen Halsketten, Schwertgürtelund Zierate für die Schwertscheiden und führen auf Palmblättern Stickereien für Hüte und kleine Gegenstände aus; die Männer erwidern die Geschenke mit schön geschnitzten Bambusgefässen, Flöten, Rudern und Messergriffen, oder sie schneiden den Mädchen aus Zeug hübsche Figuren als Belege für Hüte und Kleider aus. So haben beide Teile Gelegenheit, bei ihren Liebesbestrebungen in Kunstfertigkeit zu glänzen. Geld oder Wertgegenstände schenken sie sich nur selten.

Die erwachsenen jungen Mädchen verlassen die elterliche Wohnung nur, um aufs Reisfeld zu gehen oder Verwandte in benachbarten Niederlassungen zu besuchen; weitere Reisen unternehmen sie nicht. Für die erwachsenen jungen Männer dagegen beginnt jetzt die Zeit, wo sie ihre Eltern verlassen, um lange Reisen zu Handelszwecken, zum Buschproduktesammeln oder zum Besuch von Familiengliedern bei verwandten Stämmen zu unternehmen.

Die Kajan sind im Gegensatz zu den Malaien und benachbarten Stämmen von einem lebhaften Arbeitsdrang erfüllt. Ihre Arbeitsamkeit fiel nicht nur mir, sondern auchAkam Igauauf, denn er bemerkte mir gegenüber, dass die Lebhaftigkeit und der Tatendrang der Kajan zum Unterschied von den benachbarten Taman die Aufmerksamkeit der Geister zu sehr auf sich zögen und dass sie deshalb von Krankheit mehr heimgesucht würden als jene. Der Unterschied zwischen den beiden Stämmen ist allerdings auffallend.

Für die Frauen bildet das Reisstampfen (te̥pă) die wichtigste der häuslichen Arbeiten; Männer nehmen nur selten an ihr Teil. Gewöhnlich stampfen zwei Frauen gleichzeitig in dieselbe Vertiefung des Reisblockes (le̥so̱ng), welcher deren zwei bis sechs besitzt. Bei den Mendalam Kajan stehen die Frauen beim Stampfen auf dem Block selbst und schieben den bespelzten Reis mit den Füssen allmählich in das Loch; bei anderen Stämmen, wie den Pnihing, stehen die Frauen neben dem Block und gebrauchen die zweite Hand, um den Reis in das Loch zu schieben. Der Reis wird öfters zweimal gestampft; die Körner bleiben dabei heil und werden mittelst einer Art Schwinge von den Spelzen befreit.

Ausgenommen vor grösseren Unternehmungen, wird des Reis nur in kleinen Mengen für einige Tage gestampft, damit er nicht verderbe. Am beliebtesten sind die feinen Reisarten mit langem schmalem Korn; die groben Arten werden an die Händler verkauft. Es werden viele verschiedene Arten und Varietäten des Reises gebaut. Ichselbstbeobachtete 18 Arten des gewöhnlichen Reises,pārei(Oryza sativa) und 12 Arten von Klebreis,púlut(Oryza sativa var. glutinosa).

Die Zubereitung der Speisen ist ebenfalls ausschliesslich Arbeit der Frauen, doch verstehen auf Reisen auch die Männer sehr gut mit dem Kochtopf umzugehen.

Kăne̥n, in Wasser ohne Salz gekochter Reis, bildet bei jeder Mahlzeit das Hauptgericht und wird jedem gesondert auf einem Bananenblatt gereicht.

Bei Festmahlzeiten geniessen die Kajan statt des gewöhnlichen Reises Klebreis, den sie auf verschiedene Weise zubereiten. Entweder wickeln sie ihn in bestimmte Bananen- oder Palmblätter und kochen ihn in Wasser oder sie rösten ihn. Der geröstete und nachher zu grobem Mehl gestampfte Klebreis wirdke̥rtapgenannt und bildet, besonders in Verbindung mit rohem oder eingedampftem Zuckerrohrsaft, einen geschätzten Leckerbissen. Am Mendalam, wo grosser Fischreichtum herrscht, wird Fischfleisch stets als Zuspeise zum Reis genossen. Meist werden die Fische in Wasser gekocht; die Suppe wird in besondere Schälchen oder hölzerne Teller (uwit) gegossen und mit einem gefalteten Bananenblatt als Löffel gegessen. Falls ein Kessel nicht vorhanden ist, werden die Fische geröstet.

Alle Fleischarten werden auf die gleiche Weise wie der Fisch zubereitet; der Bratprozess ist gänzlich unbekannt, obgleich das hierfür geeignete Tengkawang Fett vielfach vorkommt und auch als Zuspeise verwendet wird. Zahme Schweine und Hühner werden nur bei religiösen Festmahlzeiten genossen, während Wild auch an gewöhnlichen Tagen als Zuspeise gegessen wird. Salz wird niemals beim Kochen hinzugefügt, sondern stets nur als Leckerbissen in kleinen Stückchen nebenbei gereicht.

Als Würze für die Speisen dienen verschiedene essbare Blätter; am beliebtesten sind die Blätter der Bataten (Ipomoea Batatas) und die jungen Farnspitzen von Polypodium nigrescens Bl.

Für lange Reisen, oder wenn Zeit und Gelegenheit zum Kochen fehlen, nimmt man in Bambusgefässen oder in Palmblättern gerösteten Klebreis, unverändert oder in Form von grobem Mehl, mit; er kann wochenlang aufbewahrt werden, ohne zu verderben.

Die Kajan essen in gewöhnlichen Zeiten zweimal täglich und zwar, je nach Umständen, vor oder nach dem Gang zum Reisfeld und mittags nach der Heimkehr um vier oder fünf Uhr. Bei Nahrungsmangeloder wenn sie still zu Hause sitzen, begnügen sie sich bisweilen mit einer einzigen Mahlzeit gegen zwölf Uhr; bei Überfluss an Reis oder schwerer Arbeit dagegen wird ihr Magen anspruchsvoller und verlangt dreimal täglich Zufuhr.

Bei den Mahlzeiten sitzen alle Familienglieder im Kreise neben einander; eine Rangordnung wird nicht beobachtet.

Die Kajan sind, wie alle Bahau und Kĕnja, sehr mässig im Essen und Trinken. Das tägliche Getränk besteht in Wasser und nur bei grossen Versammlungen und Festen wirdtuwak, gegohrener Reiswein, getrunken. Die Stämme am Mendalam geniessen den Branntwein überhaupt nur an einem Tage des Jahres, beim Neujahrsfest; sie stellen ihn aus gekochtem Klebreis her, den sie zwei bis drei Tage in grossen Töpfen gähren lassen.

Am oberen Mahakam machte ich kein Neujahrsfest mit und sah daher auch keinentuwaktrinken, ich vermute jedoch, dass auch diese Bahau das Getränk kennen, da ich bei ihren Verwandten, den Kĕnja Uma-Tow, zur Begrüssung bei öffentlichen Zusammenkünften öfters grosse Töpfetuwakleeren sah.

Die Kĕnja bereiten auch aus Zuckerrohrsaft ein alkoholisches Getränk; ausserdem trinken sie den Honig von wilden Bienen. Der häufigere oder seltenere Gebrauch derartiger Getränke scheint mit dem grösseren oder geringeren Überfluss an Lebensmitteln, dessen sich die verschiedenen Stämme erfreuen, im Zusammenhang zu stehen. Jedenfalls aber werden alkoholische Getränke weder bei den Bahau noch bei den Kĕnja regelmässig genossen und Missbrauch wird mit ihnen nie getrieben, auch scheinen ihnen die Alkoholika, nach den verzerrten Mienen zu urteilen, die ich beim Trinken beobachtete, nicht einmal sonderlich zu munden.

Eigentümlicher Weise ist das Tabakrauchen der Bevölkerung von Mittel-Borneo schon längst bekannt, während das Betelkauen erst vor kurzem durch die Malaien bei einigen Bahaustämmen eingeführt worden ist. Die Erscheinung ist um so auffallender, als das Betelkauen bei der Küstenbevölkerung das grösste Genussmittel bildet.

Bei den Mendalam Kajan wird die Sitte des Tabakrauchens immer mehr durch die des Betelkauens verdrängt. Der Tabak, den sie hierzu gebrauchen, stammt aus Java; zwar pflanzt die Bevölkerung auch eigenen Tabak, sie versteht ihn aber nur durch Trocknen und Schneiden zuzubereiten und verwendet ihn nur zum Rauchen in Zigaretten.

Unter den Mahakamstämmen kaut bei den Long-Glat jung und alt Betel und raucht Tabak; bei den Kajan rauchen alte Männer und Frauen noch ausschliesslich, während die jüngeren auch Betel kauen; die Pnihing, bei denen nur das Rauchen gebräuchlich ist, bauen den Tabak selbst und lassen ihn, indem sie ihn feingeschnitten lange Zeit in Bambusgefässen fest zusammengepresst aufbewahren, gähren. Auch bei den Kĕnja, die nur das Rauchen kennen, legen sich Männer und Frauen von früher Jugend an auf die feinere Zubereitung des selbst gebauten Tabaks.

Erwähnenswert ist wohl auch noch die Tatsache, dass es auch die Eingeborenen Mittel-Borneos bisweilen nach einem besonderen Genussmittel gelüstet; so beobachtete ich, dass Männer und Frauen, hauptsächlich aber Schwangere, bisweilen im Uferboden nach einem gelblichen oder rötlichen Lehm suchten, der aus verwittertem Schiefer bestand; sie nannten ihnbatu ke̥ro̤̱podertana ke̥ro̤̱p.

Die jungen Männer und Mädchen geniessen bei den Kajan im Verkehr mit einander die grösste Freiheit. Bemerkenswerter Weise stellt ihre gesellschaftliche Sitte an den männlichen Teil in moralischer Hinsicht die gleichen Anforderungen, wie an den weiblichen; dieses Verhalten stimmt mit der hohen Stellung, welche die Frau auch sonst im Gemeinwesen der Kajan einnimmt, überein. Die jungen Leute haben daher vor der Ehe alle Gelegenheit, einander kennen zu lernen und sich selbst zu prüfen; sie tun dies um so mehr, als eine Heirat bei ihnen als ernsthafte Verbindung aufgefasst wird, die von beiden Seiten Treue heischt. Vor der Heirat dagegen haben beide Geschlechter volle Freiheit, in ihrem Verkehr so weit zu gehen, als ihnen beliebt. Die Eltern versuchen wohl ab und zu ihren Einfluss geltend zu machen, aber meist mit schlechtem Erfolge.

Fassen zwei junge Leute eine Zuneigung zu einander, so bietet ihnen die Sitte für ein ungestörtes Beisammensein zahlreiche Gelegenheiten.

Am beliebtesten sind gemeinsame Fischpartieen. Vor Anbruch der milden Tropennacht, wenn das Mondlicht die Landschaft gerade genügend erhellt, um ihr das Unheimliche der Dunkelheit zu nehmen, schmückt sich der junge Mann mit seiner besten Kleidung, einem breiten blauen Lendentuch und einem bunten, bisweilen seidenen Kopftuch; eine besondere Zierde bilden schwarze Armbänder und Büschel Riechgras, welche er am Kopf und an den Armen befestigt.Sein schönstes, oft mit Geschenken seiner Angebeteten verziertes Schwert an der Seite, mit Ruder und Wurfnetz bewaffnet, eilt der Jüngling zum Flusse, wo er mit kräftigen Ruderschlägen den Kahn bald in die Nähe der Harrenden bringt. Die gleichfalls schön gekleidete Geliebte steigt mit wohlgefüllter Beteldose ins Fahrzeug und setzt sich an das Hinterende des Bootes, um es mit ihrem Ruder zu steuern. Der junge Mann steht mit dem Wurfnetz (djālă) vorn im Kahn und schleudert es da, wo er Fische vermutet, mit kräftigem Schwunge ins Wasser. Ein grosses Netz misst im Durchschnitt 8 m und da es am Rande mit einer Zinn- oder Eisenkette beschwert ist, bedarf es ausser grosser Kraft auch grosser Gewandtheit, wenn das Netz gut ausgebreitet gleichmässig auf die Wasserfläche niederfallen soll. Gar mancher Wurf wird unter den aufmerksamen Blicken der Schönen mit besonderer Anspannung ausgeführt und, beim Fischreichtum dieser Gewässer, selten ohne Erfolg. So treibt das Pärchen den Fluss hinunter; liefert der Fang genügend Fische für eine Mahlzeit, so wird gelandet. In der Regel bildet eine leerstehende Hütte auf dem Reisfeld oder ein trautes Plätzchen unter den hohen Uferbäumen das Endziel der Bootfahrt. Dort stört niemand die Liebenden im Genuss aller Herrlichkeiten, welche die Kunstfertigkeit des Mädchens auf kulinarischem und musikalischem Gebiet zu liefern im stande ist. Die weichen Töne der Nasenflöte geben dem Ganzen einen besonderen Reiz; denn in der Stille der Nacht erwecken diese klagenden, aber lieblichen Laute Empfindungen, für die das sanfte Gemüt der Kajan sehr empfänglich ist.

In Zeiten, wo es am Mendalam unsicher ist, wie z.B. bei meinem Besuche im Jahre 1894, als die Bukat von der Serawakschen Grenze um die Niederlassungen der Kajan herumschwärmten, halten Freunde nachts in der Nähe des Pärchens Wacht. Die Freunde helfen auch später beim Aufrichten eines treppenartig behauenen Pfahls, den der glückliche Jüngling zur Erinnerung an die schöne Nacht beim Häuschen zurücklässt. Einer meiner gewandtesten, aber leichtsinnigsten jungen Leute zeigte mir einst seinen Schlupfwinkel für derartige Liebesfeste mit grossem Selbstbewusstsein; denn er hatte vier solcher Gedenkpfähle aufrichten können. Eine derartige Unbeständigkeit der Gefühle wird aber bei den Kajan, trotz aller Freiheit, welche die jungen Leute geniessen, von der öffentlichen Meinung streng gerügt.

Bisweilen vereinigen sich auch mehrere Pärchen, lassen sich fischendund kosend den Fluss abwärts treiben und kehren nicht vor dem folgenden Mittag zurück.

Auch die gemeinsame Arbeit auf dem Felde bietet den jungen Leuten günstige Gelegenheit, sich kennen zu lernen, besonders wenn die Eltern mit dem Verkehr ihrer Kinder einverstanden sind. Wenn dies nicht der Fall ist, wird die Standhaftigkeit der Liebenden oft auf harte Probe gestellt.

So erlebte ich einst, dass ein jungen Mädchen, mit ebenso schönem Äusseren als kräftig entwickeltem Willen, ihren Eltern einen Verlobten ins Haus brachte, der diesen nichts weniger als willkommen war, weil er für schwere Feldarbeit und den Bau von Böten noch keine genügende Leistungsfähigkeit besass. Auch nach der mit viel Aufwand von Energie durchgesetzten Heirat, hatte der junge Ehemann alle Mühe, im Hause der Schwiegereltern seinen Platz zu behaupten.

Bei allen Bahau herrscht nämlich die Sitte, dass der junge Gatte zuerst in die Wohnung seiner Schwiegereltern zieht und erst nach drei bis vier Jahren mit der Frau in sein eigenes Haus oder das seiner Eltern übersiedelt. Ist die Frau jedoch im Hause ihrer Eltern einmal entbunden worden, so darf sie dem Manne schon vor Ablauf dieses Termins folgen. Eine Übertretung dieser Sitte gestattet dieadatdem jungen Paar nur gegen Bezahlung einer recht bedeutenden Busse. Nur wenn der einzige Sohn des Hauses ein Mädchen aus einer zahlreichen Familie heiratet, kommen die Eltern oft überein, dass die Schwiegertochter von Anfang = an in das Haus des jungen Mannes zieht.

Hie und da findet ein Pärchen in dem Zustand der jungen Frau, bei der die Folgen des freien Verkehrs nicht ausgeblieben, eine etwas unerwünschte Hilfe für die Erlangung der Heiratszustimmung der Eltern. Unter solchen Umständen wird das Verhältnis der jungen Leute baldmöglichst durch eine Heirat besiegelt; denn die Schwangerschaft einer Unverheirateten wird allgemein verurteilt. Ein Mann, der ein Mädchen sitzen lässt, wird sehr schief angesehen. So etwas kommt daher nur höchst selten vor und wird, wenn besondere Umstände eine Heirat unmöglich machen, mit einer ansehnlichen Busse an die Eltern der Verlassenen und den Häuptling gestraft.

Einen derartigen Fall erlebte ich bei meinem zweiten Besuch am Mendalam, als die beiden Häuptlinge in Tandjong Karang und Tandjong Kuda aus persönlicher Feindschaft ihren jungen Untertanen nichtgestatteten, sich mit einem Gliede des anderen Dorfes zu vermählen. Eines der Opfer, ein junges Mädchen, das ich gern hatte und das früher häufig zu mir kam, um sich in meiner Hütte auszuruhen, zeigte sich zwei Monate lang nicht mehr bei mir und als sie zum ersten Mal wieder erschien, wagte sie kaum die Augen aufzuschlagen, obgleich ich mir alle Mühe gab, ihr aus der Verlegenheit zu helfen; auch später besuchte sie mich nur noch einige Male.

Da die Frauen bei der Eheschliessung eine Hauptstimme haben, gehören Verlobungen in kindlichem Alter zu den Seltenheiten.

Obwohl Unverheiratete die grösste Freiheit geniessen und Verheirateten viele Beschränkungen und Pflichten auferlegt werden, nehmen die Kajan auffallender Weise gern das Ehejoch auf sich. Daher sind junge Männer, wenn sie nicht durch weite Reisen daran verhindert werden, mit 25 Jahren beinahe alle verheiratet; Mädchen verheiraten sich meist vor dem zwanzigsten Jahr.

Bei jeder Eheschliessung finden zwischen den beiderseitigen Eltern über die Mitgift und die Summe, welche der junge Mann seinen Schwiegereltern bei der Heirat ausbezahlen muss, Unterhandlungen statt. Leben die Eltern nicht mehr, so werden sie durch Angehörige oder den Häuptling vertreten.

Der Betrag, den der junge Gatte bezahlen muss, ist meist nicht hoch, mit einem Schwert oder einem Gong sind die Schwiegereltern gewöhnlich zufrieden; reiche Häuptlinge dagegen haben bis zu 300 Dollar zu bezahlen.

Polygamie ist am Mendalam nicht Sitte, sie kommt nur bei einigen Häuptlingen am Mahakam vor, die sie kürzlich von den Malaien übernommen haben.

Man sieht es gern, dass beide Teile, die eine Heirat mit einander eingehen, dem gleichen Stande angehören. Häuptlinge verlieren viel an Ansehen, wenn sie sich mit gewöhnlichen Kajan verheiraten und ihre Kinder haben wenig Aussicht, ihre Nachfolger zu werden; dass sie sich jemals mit Leibeigenen verheirateten, hörte ich nie.

Bei den Kajan sind nicht nur Ehen zwischen nahen Blutsverwandten, sondern auch Ehen zwischen angeheirateten Verwandten, wie den gegenseitigen Geschwistern von Eheleuten, verboten. Daher müssen die wenigen Häuptlinge am Mendalam, die aus Standesrücksichten auf Heiraten unter Verwandten angewiesen sind, bei der Eheschliessung eine Busse für die Übertretung deradatbezahlen.

Heiraten zwischen benachbarten, nicht verwandten Stämmen sindzwar nicht verboten, kommen aber so selten vor, dass Taman und Kajan z.B. länger als ein Jahrhundert neben einander leben, ohne sich zu vermischen. Die meisten fremden Männer einer Niederlassung gehören verwandten Stämmen an und halten sich ihrer Heirat wegen für längere oder kürzere Zeit dort auf.

Für die Heirat, insbesondere für die Zeit von der Hochzeit bis zu dem folgenden Neujahrsfeste, bestehen so zahlreiche Verbotsbestimmungen, dass die Kajan, um diese lästige Periode abzukürzen, vorzugsweise kurz vor diesem Feste heiraten.

Bei den gewöhnlichen Kajan verläuft eine Hochzeit sehr schlicht; die Häuptlinge dagegen veranstalten bei der Heirat ihrer Kinder grosse Feste, die zwei bis drei Tage dauern und an denen sich alle angesehenen Dorfbewohner beteiligen.

Die Hochzeit wird im Hause der Braut gefeiert, in welches der Bräutigam durch seine Freunde geleitet wird. Die Wohnung, aus der aller Hausrat vorher entfernt wurde, ist mit Grün und bunten Tüchern festlich geschmückt und die Wände sind mit allem, was die Eltern der Braut dem Geleite des Schwiegersohnes schenken, behängt. Die Freunde haben denn auch das Recht, alles Schöne, das ihnen durch die Freigebigkeit des Häuptlings und die Beiträge der Dorfgenossen angeboten wird, mit sich heim zu nehmen.

Unter den Geschenken, die Braut und Bräutigam einander geben und auch unter denen der Familienglieder, spielen Perlen eine wichtige Rolle. Von dem Bräutigam erhält die Braut zuerst einentaksā hăwă(Gürtel für die Ehefrau), bestehend aus einer Schnur mit vier alten Perlen; beim Hochzeitsmahl findet sie zwei weitere Perlen im Reis; ausserdem erhält sie noch eine besonders schöne Perle, die “ko̱ho̱ gumān” (kumān = essen).

Die Verwandten und Bekannten schenken eine Perlenschnur (dje̱), die so lang als die Braut sein muss und die, je nach der Wohlhabenheit der Geber, einen höheren oder geringeren Wert besitzt.

Mann und Frau sind in der Ehe gleichberechtigt; die Leitung des Hauses gelangt aber auch bei den Kajan in die Hände der stärkeren Persönlichkeit. Wie bereits gesagt, wird von beiden Teilen vollkommene Treue verlangt, auch für den Fall, dass der Mann langdauernde Reisen unternimmt. Ein Treubruch wird schwer bestraft, scheint übrigens selten vorzukommen. Der Mann hat eine höhere Busse zu bezahlen als die Frau.

Der schuldige Teil hat die Busse an die Familie des beleidigten Teils zu entrichten; weigert er sich, der Strafe nachzukommen, so ist die öffentliche Meinung stark genug, um seine Halzstarrigkeit zu brechen. Ist er durchaus nicht im stande, die Busse aufzubringen, so helfen ihm die Verwandten und Bekannten.

Wenn sich nach dem Tode von Mann oder Frau der überlebende Teil wieder verheiraten will, muss er nach dem Gebot deradatmindestens 1½ Jahre warten; eine Übertretung erfordert Busse.

Daher hatteAkam Igau, als ihm die Trauerzeit nach denn Tode seiner ersten Frau zu lang vorgekommen war und er sich vor Ablauf derselben mitTipong, der Schwester seines SchwiegersohnesSigau, verheiratet hatte, seinen Kindern eine bedeutende Entschädigung auszubezahlen. Die Busse wurde teilweise von den verschiedenen Familien in Tandjong Karang aufgebracht. Im Ganzen waren zur Sühnung der Schuld zwanzig Gonge erforderlich gewesen; ausserdem empfing jedes Kind eine kostbare alte Perle und ein Stück schwarzen Kattuns. Dieses sollten die Kinder, wie man mir erklärte, abends als Binde vor den Augen gebrauchen, bildlich, um die Schuld des eigenen Vaters nicht zu sehen.

In der Ehe herrscht Gütertrennung. Vater und Mutter sorgen gemeinschaftlich für den Unterhalt der Kinder. Sind diese einmal erwachsen, so bleiben sie zwar im Elternhause wohnen, bebauen aber mit Hilfe von Freunden und Freundinnen ihre eigenen Reisfelder. Sie leben von dem Ertrag des Ackerbaus und von den Nebenverdiensten, die sie sich als Kunsthandwerker, Schmiede, Tätowierkünstler, Priester u.s.w. erwerben. Müssen einige Artikel, wie Salz, Tabak und Kattun, in grösseren Mengen von Händlern an Ort und Stelle gekauft oder von der Küste herbeigeschafft werden, so wird die erforderliche Kaufsumme von allen Familiengliedern gemeinsam zusammengebracht; von dem Vorrat gebraucht jeder nach Bedürfnis. In allen derartigen Angelegenheiten hat der Vater die Hauptstimme.

Kommen Eheleute überein, dass sie sich auf gutwillige Weise trennen wollen, so behält bei der Scheidung jeder Teil sein Heiratsgut. Widersetzt sich dagegen der eine Teil einer Scheidung, so muss ihm der andere als Entschädigung sein Heiratsgut überlassen. Die Kinder dürfen selbst entscheiden, mit welche Partei sie es halten wollen; die kleinen folgen gewöhnlich der Mutter, meist stehen sie aber mit beiden Eltern auf gutem Fuss.

So lange die Kinder im Elternhause leben, haben sie auf nichts anderes als die Geschenke, die sie ab und zu erhalten, und ihren eigenen Verdienst Anspruch. Auch nach dem Tode der Eltern wird, wenn die Kinder noch beisammen bleiben, das Erbe nicht geteilt. Gehen sie auseinander, so erben Söhne und Töchter gleich viel. Speziell bei den Mendalam Kajan erben die Töchter mehr als die Söhne, mit der Begründung, dass diese leichter ihren Unterhalt verdienen können.

Die Familienerbstücke (dāwăn ună) fallen gewöhnlich dein ältesten Kinde zu; die übrigen Kinder werden durch andere Wertgegenstände schadlos gehalten.

Mann und Frau erben nicht von einander. Im Falle dass keine Kinder da sind, geht der Besitz des verstorbenen Teils an dessen Familie zurück.

Ein Todesfall in der Familie veranlasst so viel Arbeit, dass die Angehörigen kaum Zeit haben, sich der Trauer hinzugeben.

Wenn der Tod infolge von Krankheit eintrat, siedelt die Seele des Verstorbenen nach dem Kajanhimmel,Apu Ke̥siọ, über und jeder beeilt sich, ihr alles für die Reise Erforderliche zu beschaffen. Die Vorbereitungen für das Begräbnis gewöhnlicher Kajan dauern zwei bis drei Tage, für Häuptlinge bis zu acht Tagen.

Die Leiche wird zuerst gewaschen, dann mit Blumen eingerieben und mit schönen Kleidern geschmückt.

Die Totenkleidung besteht aus weissem Kattun und wird mit schwarzen Arabesken und Menschen- und Tiergestalten verziert. Als Kopfbedeckung erhält der Tote eine altmodische Baumbastmütze. Den Schmuck, den die Kajan im Jenseits tragen wollen, wählen sie sich schon bei Lebzeiten aus; er ist in bezug auf Material und Arbeit von der besten Qualität. (Näheres über Totenkleidung sieheKap. VII).

Zur Besänftigung der bösen Geister, die sich der Leiche des Verstorbenen bemächtigen könnten, versehen die Hinterbliebenen diese in liebevoller Sorgfalt mit Perlen. Nur die Reichen geben dem Toten alte Perlen mit, die Unbemittelteren begnügen sich mit neueren. Die Perlen haben, je nach dem Körperteil auf dem sie angebracht werden, verschiedene Namen:

kāli măta, 2 × 4 an ungedrehte Pflanzenfasern gereihte Perlen, werden auf jedes Auge gelegt.

kāli pro̱, eine Perle, die in die Kehle gesteckt wird.

kāli dje̥lă, eine Perle, die auf die Zunge gelegt wird.

kāli lo-ong, eine grössere Perle, die mitten auf den Leib gebunden wird.

usut usu, Perlen, die um die Finger gebunden werden.

te̥we̥l buwa ăwo̱ng to̱, eine Perle, die an jedem Daumen befestigt wird.

usut tudăk, 2 × 4 Perlen, die an jedes Bein gebunden werden.

aaset udjo̱ng hălo̤̱bw, Eisen, das auf die Kniee gelegt wird.

Einem Häuptling wird ausserdem als weiterer Schutz ein hölzernerrimauoderle̥djọ(Tiger) mitgegeben.

Bei allen diesen Vorbereitungen helfen Freunde und Bekannte; sie sind die Zeit über Gäste der Leidtragenden.

Nach Beendung der Ausstattung wird der aus zwei Hälften ausgehöhlter Baumstämme bestehende Sarg ins Haus gebracht und die Leiche hineingelegt; die Ritzen werden mit Guttapercha luftdicht verschlossen. In den folgenden Tagen wird die Ausrüsting, die dem Toten ausserhalb des Sarges mitgegeben wird, in Ordnung gebracht. Dann wird der Sarg von Männern auf den Begräbnisplatz getragen und, je nach dem Stande des Verstorbenen, einfach auf dem Boden niedergesetzt oder auf ein hölzernes Gerüst gestellt, das oft mit einem schön geschnitzen hölzernen Dache überdeckt wird. An die Bäume und Sträucher ringsherum werden bunte Tücher und Wimpel gehängt und neben dem Sarge werden die übrigen für den Aufenthalt inApu Ke̥siọnotwendigen Gegenstände, die im Sarge selbst keinen Platz fanden, niedergelegt; es sind dies: Waffen, Ruder, Gonge, Tempajang (grosse irdene Gefässe), Kleidungsstücke, Hausgerät und dergleichen. Die kostbaren Gegenstände werden oft zum Schutz gegen Diebstahl seitens der Malaien durch Zerbrechen wertlos gemacht.

Wenn es sich um einen vornehmen Häuptling handelt, wird der Sarg in einemsālo̱ng, einem nach allen Seiten geschlossenen Häuschen aus Eisenholz, beigesetzt. Dersālo̱ngist oft mit künstlerisch schönen Malereien und einem prachtvoll gearbeiteten Dache verziert. In demsālo̱ngwerden noch so lange andere Leichen der Familie beigesetzt, bis er gefüllt ist oder verfällt.

Leibeigene ohne Familie werden nach dem Tode einfach zum Begräbnisplatz getragen, in eine Matte gewickelt und niedergelegt. Einst sahen wir, wie die Leiche eines wenige Stunden vorher verstorbenen Sklaven von einem anderen auf dem Rücken zum Flusse getragen und in einem Boote weggeführt wurde; bereits nach einer Stunde kehrten die Männer wieder zurück. Während die Bekanntenbeim Tode eines freien Kajan die Rolle von Klageweibern übernehmen und das Weinen der Familie verstärken, hatte für den Sklaven nur eine einzige Frau kurze Zeit ihr Jammern ertönen lassen.

Alle, die auf andere Weise als durch Krankheit ums Leben kommen, geniessen weder das Vorrecht eines ehrenvollen Begräbnisses noch ist ihnen, nach der Überzeugung ihrer Hinterbliebenen, ein künftiges Leben inApu Ke̥siọbeschieden. Die Seelen der Ermordeten, Selbstmörder, Verunglückten, im Kampfe Gefallenen, bei der Entbindung Gestorbenen und Totgeborenen gelangen auf zwei verschiedenen Wegen nach zwei anderen Orten, wo sie mit ähnlichen Unglücklichen, wie sie selbst, weiterleben müssen. Die Leichen dieser Armen flössen den Kajan Abscheu ein, daher werden sie nur in eine Matte gerollt und verscharrt. Ein besonderes Grauen erregen die Leichen von Wöchnerinnen; kein Mann und keine jüngere Frau darf sie berühren; sie werden auch nicht durch die Galerie vorn aus dem Hause hinausgetragen, sondern nach Entfernung einiger Bretter aus der hinteren Wand der Wohnung hinausgeworfen, in Matten gewickelt und an Rotangseilen zur letzten Ruhestätte geschleift.

Bei Begräbnissen von Personen, die eines ehrenvollen Todes gestorben sind, geben sowohl Männer als Frauen das letzte Geleite, letztere müssen der allgemeinen Trauer durch lautes Weinen Ausdruck verleihen.

Die eigentliche Trauer beginnt erst nach der Beisetzung des Verschiedenen und dauert vierzehn bis fünfzig Tage.

Während der Trauerzeit ist es Besuchern von auswärts verboten, die Wohnung oder die Reisfelder der Leidtragenden zu betreten. Beim Tode eines Häuptlings wird der ganze Mendalam für verboten (lāli) erklärt. Das Verbot wird durch Spannen eines Rotangseiles über den Fluss angezeigt; zerreisst jemand das Seil, so muss er Busse bezahlen, aber daslāliist damit zu Ende.

Während der Trauerzeit darf nur Baumbastkleidung ohne jeden Schmuck getragen werden; die Frauen setzen sich ausserdem eine grosse Trauermütze mit hängenden Zipfeln auf. (SieheKap. VII).

Kommt ein Todesfall in der Zeit vor, wo eine Familie der Feldarbeit wegen auf dem Reisfeld wohnt, so darf sie vor Ablauf des Neujahrfestes das grosse Haus nicht wieder betreten und baut sich daher in dessen Nähe zwischen den Reisscheunen eine zeitweilige Hütte.

Am Ende der Trauerzeit feiert die Familie mit Hilfe einer Priesterineineme̥lă(siehe f. Kap.), bei der Schweine und Hühner geopfert und von den Hausgenossen und Gästen bei einem Festmahl verspeist werden. Nach derme̥lămuss sich die Familie noch einen, Tag still verhalten,me̥lo̱, dann darf sie ihr Alltagsleben wieder aufnehmen. Die Priesterin erhält für ihre Dienste ein Schwert, zwei Mass Reis und vier bis fünf mehr oder minder wertvolle Perlen.

In früheren Zeiten war zum Ablegen der Trauer ein frisch erbeuteter Schädel oder irgend ein anderer menschlicher Körperteil erforderlich gewesen, der, wenn es Häuptlinge galt, wahrscheinlich auf Kopfjagden (ajo) erlangt wurde. Gegenwärtig werden zu diesem Zwecke am Kapuas überhaupt keine Kopfjagden mehr unternommen; selbst alte Schädel werden nur noch in besonders ernsten Fällen bei benachbarten Stämmen geliehen; in der Regel begnügt man sich jetzt mit etwas Menschenhaar. Sehr wahrscheinlich ist die Bedeutung dieser Sitte die, dass man dein Verstorbenen einen Menschen opfert, damit er ihm als Diener ins Jenseits folge. Da bei den Bahau nur Häuptlinge sich Diener halten, wurden begreiflicherweise auch nur für diese Köpfe gejagt.

Dass bei anderen wichtigen Lebensereignissen, wie bei der Geburt eines Kindes und bei Hochzeiten, die Erbeutung eines Kopfes augenblicklich oder in früheren Zeiten jemals notwendig gewesen, habe ich während meines Aufenthaltes unter den Bahau und Kĕnja nie ermitteln können. Ich glaube mit Sicherheit erklären zu können, dass dieadatdiese Sitte nicht fordert. Auch herrschte bei ihnen nie der Gebrauch, das Schlachtopfer auf dem Häuptlingsgrabe langsam zu Tode zu martern, wie dies die Stämme am Barito und Kahájan und die Batang-Lupar noch jetzt zu tun scheinen. Es war selbst verboten, einen Haussklaven zu opfern und auch ein Kriegsgefangener oder eine gekaufte Person waren gerettet, sobald sie das Haus erblickt hatten. Dies geschah, beispielsweise, im Jahre 1893 am Mahakam, alsBang Jok, ein Häuptling in Long Dĕho, beim Ablegen der Trauer nach dem Tode seines VatersJok Bang, einen Menschen opfern wollte. Der Sklave hatte damals, wahrscheinlich durch Zufall, das Haus bemerkt und durfte daher nicht getötet werden.


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