Stalaktiten am Liang Bubuk.Stalaktiten am Liang Bubuk.
Stalaktiten am Liang Bubuk.
Stalaktiten am Liang Bubuk.
Die Bungan besassen keine guten Böte und baten mich daher um eines der unseren, von denen wir ohnehin einige zurücklassen mussten; denn meine Kajan hatten für ihre Rückkehr nicht so viele nötig. Ich sagte ihnen ein Boot zu unter der Bedingung, dass sie beim Transport unserer Güter längs des Bulit bis zum Bungan behilflich sein sollten, worauf sie hauptsächlich wegen der zu erwartenden guten Reismahlzeiten eingingen.
Wir befanden uns hier inmitten einer interessanten Bergformation. Bereits an der Mündung des Bulit bemerkte ich einen weissen Kalkstein, weiter aufwärts wurden die Kalksteine immer zahlreicher, bis wir, nach einer Fahrt von einigen Stunden, zu beiden Seiten des Bulittales steile, 150–250 m hohe Kalkberge auftauchen sahen. Beim ersten Blick erinnerten ihre überhängenden Wände im unteren Teil an die Tufflager im Mandaigebiet, aber die unregelmässigen Höhlen und tiefen Klüfte hoch oben benahmen mir bald den Irrtum. Über eine Geröllbank klimmend, auf der einige Felsstücke anderer Formation mit ausgesprochener Schichtung hervorragten, gelangten wir bald an den Fuss eines der Berge. An der Seite, wo wir standen, hing eine 60 m hohe Felswand über uns, die an den Stellen, wo nicht Moose und Algen eine rote, braune oder graue Farbe hervorgerufen hatten, bräunlich weiss war. Zahlreiche, bis ein Meter lange Bienennester, deren Bewohner auf diese Entfernung kaum sichtbar waren, hingen von den Wänden wie von Gewölben herab.
Der untere Teil der überhängenden Wand war, infolge der Erosion des durch die poröse Kalkmasse dringenden Wassers, in tiefe, breite Gruben und Spalten zerklüftet, die ganz unten zu Höhlen anwuchsen, an deren Eingang wir prachtvolle Stalaktiten bewunderten. Aussen waren diese bewachsen und dunkel gefärbt, an der inneren Seite waren sie aber schön weiss geblieben.
Ausser zahlreichen Schmetterlingen und Bienen, die das an vielen Stellen durchsickernde Wasser aufsaugen, beobachteten wir als Hauptbewohner dieser Höhlen nur Fledermäuse und Schwalben, von denen letztere essbare Nester bauen, die am Mahakam einen wichtigen Ausfuhrartikel bilden. Auf dem Boden hatte sich im Laufe der Zeit eine dicke Guanolage gebildet, deren durchdringender Geruch sich weit in der Umgegend verbreitete.
Die Höhlen dienen den nomadisierenden Familien der Punan und der ihnen ähnlichen Bungan Dajak als Schatz- und Totenkammern.
Unser Geleite zeigte für die Kalkbildungen viel weniger Interesse als wir und nur einzelne wagten es, sich den Höhlen, welche ihre Phantasie mit einem Heer von Geistern bevölkert, zu nähern. Keiner war auch dazu zu bewegen, irgend etwas in der Umgebung anzurühren, und so begannen wir denn selbst mit einem Hammer einen Teil eines Stalaktiten abzuschlagen, um seine Bestandteile später untersuchen zu können. Er erwies sich als sehr porös; trotzdem kostete es viel Mühe, ein Stück abzutrennen. Der lange Stab tönte dabei wie eine Glocke, wir hörten aber aus Furcht, das ganze Stück auf unsere Köpfe zu bekommen, bald mit diesem gefährlichen Glockenspiel auf.
Um eine gute photographische Aufnahme machen zu können, musste ein Baum gefällt werden. Während wir mit dem Aufsuchen eines geeigneten Standplatzes beschäftigt waren, verschwand, aus abergläubischer Furcht, einer der Kajan nach dem anderen, und von den drei übriggebliebenen wagte keiner, den Baum zu fällen. Ich ergriff daher ein Dajakbeil und machte mich selbst an die Arbeit. Einem danebenstehenden Pnihing wurde die Situation allmählich doch peinlich und, nachdem er sich überzeugt hatte, dass ich immer noch lebend auf meinen Beinen stand, überwand er seine Angst und nahm mir die Arbeit ab, die er sicher in einem Zehntel der Zeit vollführte.
Ankunft ampangkalanHowong—Unterhaltung im Lager—Akam Igauzieht zum Mahakam voraus—Aufbruch eines Teils der Kuli zur Wasserscheide—Erscheinen von Bungan Dajak Besuch im Lagerplatz der Bungan—Rückkehr der Träger—verschwinden des leises—Landzug in Eilmärschen—Passieren des Bungan—Nahrungsnot—Lager unterhalb der Wasserscheide.
Ankunft ampangkalanHowong—Unterhaltung im Lager—Akam Igauzieht zum Mahakam voraus—Aufbruch eines Teils der Kuli zur Wasserscheide—Erscheinen von Bungan Dajak Besuch im Lagerplatz der Bungan—Rückkehr der Träger—verschwinden des leises—Landzug in Eilmärschen—Passieren des Bungan—Nahrungsnot—Lager unterhalb der Wasserscheide.
Bereits früh am folgenden Tage erreichten wir denpangkalanHowong. Ida wir hier voraussichtlich einige Tage warten mussten, bis all unser Gepäck beisammen war, wurde ein festeres Lager als gewöhnlich aufgeschlagen. In kurzer Zeit wurden für uns und die verschiedenen Gruppen unserer Ruderer gute Hütten und für unsere Vorräte ein paar feste Schutzdächer aufgestellt.
Es zeigte sich, dass wir alles ohne Unglücksfälle und wenig beschädigt, in kürzerer Zeit als die vorigen Male, zu Wasser befördert hatten. Leider liessen die ungeschickten Punan noch im letzten Augenblick ein Boot, als es zwischen zwei Felsblöcken eingeklemmt sass, voll Wasser laufen. Die mit Harz verklebten eisernen Kisten trieben anfangs auf dem Wasser und konnten aufgefischt werden; sie mussten aber, da trotzdem Wasser eingedrungen war, doch ausgepackt werden. Unglücklicher Weise regnete es den ganzen Tag, so dass in der ohnehin feuchten Umgebung ein Trocknen kaum möglich war.
Unsere ganze Gesellschaft genoss übrigens die erzwungene Ruhe in dem angenehmen Gefühl, dass ein wichtiger und gefährlicher Teil der Reise bereits zurückgelegt war. Wie gewöhnlich verstanden die Kajan, die freie Zeit am besten zu benützen; sie hatten in ihren Tragkörben allerhand Arbeit mitgenommen, mit der sie sich während der langen Abende angenehm beschäftigten. Beim Schein einer kleinen Blechlampe schnitzte der eine ein neues Ruder, der andere einen Teller, ein dritter, Liebhaber feiner Arbeit, stellte einen Mandau-Schwertgriff her. Viele lagen auch neben einander und plauderten über die Tagesereignisse; trotz aller Anstrengungen der verflossenen Tageschien keiner ruhebedürftig zu sein. Wurde die Stimmung besonders heiter, so begann einer der älteren Männer, Couplets, welche die Stammesgeschichte behandelten, vorzutragen; in den Kehrreim stimmte die ganze Gesellschaft mit ein. Der Gesang wirkte auf die Dauer etwas eintönig, klang in dieser Umgebung aber doch anziehend und legte ein gutes Zeugnis für die Stimmung meiner Kuli ab; daher horchte ich mit Vergnügen, wenn mir nicht vor Müdigkeit die Augen zufielen. Wir Europäer hatten nämlich trotz unserer guten Lampen keine Lust gehabt, irgend etwas vorzunehmen und hatten uns früh schlafen gelegt.
Am anderen Morgen sandte ich einen Teil unserer Leute an die Mündung des Bulit zurück, um die dort mit dem Reisvorrat Zurückgebliebenen abzuholen. Abends langten alle und alles wohlbehalten bei uns an.
Hatten an dem einen Abend die Männer aus Tandjong Karang etwas vorgetragen, so begannen am folgenden die Leute aus Pagong sich hören zu lassen und zwar wieder auf ganz verschiedene Weise.
Da wir nun einmal unsere Reise so weit gefördert hatten, durfte ich mit Ruhetagen auch nicht mehr allzusehr geizen und liess daher meine Kajan nach ihrer Art geniessen.
Der Wald, in dem wir uns eben befanden, war von der Regierung, aus Furcht vor Zusammenstössen mit den Köpfe jagenden und Buschprodukte raubenden Stämmen aus Sĕrawak, den Dajak noch nicht zur Ausbeutung frei gegeben worden und daher in seiner Unberührtheit besonders reizvoll. Die Gipfel der Bäume erhielten durch die wehenden, meterlangen Blätter der Rotangpalmen einen eigenen Schmuck; auch zeigten die Baumfarne hier zum ersten Mal ihr helles, spitzenartiges Laubwerk. Ein überall vorkommender Baum, dessen weisse Blüten die Geröllbänke bedeckten und das ganze Flusstal mit ihrem herrlichen Duft erfüllten, schien auch auf eine grosse Menge Insekten sehr anziehend zu wirken: Zahllose Arten Fliegen, Bienen und Wespen umschwärmten die Blüten und da, wo die Sonnenstrahlen einen Durchgang fanden, schwebten Gruppen eigenartig schöner Schmetterlinge. Es fiel uns aber auf, dass sich unter diesen im Ganzen wenig neue Arten befanden, während die Nachtschmetterlinge und die übrige Insektenwelt uns abends durch ihren Reichtum in Erstaunen versetzte. Der Schein unserer Lampen lockte aus der dunklen Umgebung zahllose kleine Nachtfalter herbei, die sich an der hellen Innenseite unsererDachbedeckung niederliessen und uns durch ihre unbeschreibliche Mannigfaltigkeit in Formen und Farben erfreuten. Fingen wir die sitzenden Tierchen mit dem weiten Hals einer Flasche mit Cyankalium auf, so fielen sie von selbst hinein und wir konnten sie nach Belieben bewundern. Matte und metallglänzende Farben auf dem verschiedensten Grunde und in den schönsten Zeichnungen erfreuten das Auge; unser Entzücken erregte aber ein sehr grosser Falter mit weissen Atlasflügeln, deren Ränder mit den zierlichsten Arabesken aus Gold geschmückt waren. Leider liess sich gerade dieser Falter nicht fangen, er war, wie auch die anderen grossen Arten, sehr scheu und zeigte sich nur auf Augenblicke. Auch das Aufstellen von Lampen im Walde führte zu keinem befriedigenden Ergebnis.
Die Kajan hatten für dergleichen weder Auge noch Zeit und zogen beinahe alle in den Wald hinein. Die Punan gingen mit ihren Hunden auf die Jagd; einige Kajan suchtenaka klẹa, eine Liane, um mit ihren Fasern unsere Fischnetze auszubessern, die beim Auswerfen auf dem mit totem Holz und Steinen bedeckten Grunde des Flusses stark gelitten hatten; wieder andere begaben sich auf den Fischfang.
Inneres einer Kuli-Hütte.Inneres einer Kuli-Hütte.
Inneres einer Kuli-Hütte.
Inneres einer Kuli-Hütte.
Dank dem Fischreichtum dieser Flüsse stand unserem Geleite stets reichlich Fischfleisch als Zukost bei seinen Reismahlzeiten zur Verfügung. Das brachte mich auf den Gedanken, von allen Arten kleine Exemplare zu konservieren; eine derartige Sammlung, verglichen mit einer zweiten aus dem Mahakamgebiet jenseits der Wasserscheide, musste von Interesse sein. Ich suchte daher, wenn die Fischer abends ins Lager zurückkehrten, kleine, unverletzte Fische aus und legte sie in die hiefür mitgenommenen Flaschen in 20 % ige Formalinlösung. Auch sorgte ich dafür, dass meine Sammlung durch die besonderen, kleinen Arten der Fische der kleinen auf 500–600 m Höhe gelegenen Bergbächen bereichert wurde. Ich hatte bereits auf meiner vorigen Reise eine grosse Anzahl Fischarten sammeln lassen, aber aus Mangel an gut schliessenden Flaschen verdarb ein grosser Teil auf der weiteren Reise.
Unser schön tätowierter Bĕkĕtan, namensGanilang, benützte die Musse, um sich an Stelle seines baumwollenen Lendentuches, das durch das ständige Nasswerden in Wasserfällen und Strudeln stark gelitten hatte, eines aus Baumbast herzustellen. Er suchte zu diesem Zwecke einen ihm bekannten Baum aus, entkleidete ihn auf 4 m Länge seiner Rinde und begann mit seinem Mandau-Messer, die Rinden- und Bastteile voneinander zu trennen. Den ungefähr 4 m langen, 3 dm breiten und 1 bis 1½ cm dicken, weissen Baststreifen, den er erhielt, rollte er von beiden Enden aus so fest als möglich zusammen und klopfte ihn darauf mittelst eines mit Einkerbungen versehenen Holzstückes mürbe. Indem er das Bündel immer steifer aufrollte, gelang es ihm, die Fasern aus einander zu pressen und den Streifen dadurch zu verbreitern. Nach mehrstündiger Arbeit erhielt er einen 4 m langen und 8 dm breiten, dünnen, biegsamen Lappen, aus dem durch Klopfen beinahe alle weicheren Teile entfernt worden waren. Zur Nacht band ihnGanilangan einen Baumstamm in stark strömendem Wasser, wodurch vollends der Rest der weichen Teile ausgespült wurde; nach dem Trocknen bildete der Bastlappen ein hellbraunes, praktisches Lendentuch. Kleidungsstücke aus guten Bastarten können monatelang getragen werden.
Die jüngsten unserer Männer verfolgten inzwischen ganz andere Interessen. Im Gegensatz zu meiner vorigen Reise, woAkam Igaudafür gesorgt hatte, dass sich hauptsächlich kräftige, kriegstüchtige Männer an unserer Expedition beteiligten, befanden sich diesmal viel jüngere Personen, welche das achtzehnte Jahr kaum erreicht hatten, unter unserem Geleite. Ich betrachtete ihre Gegenwart als ein Zeichen von Vertrauen, das man dem Wohlgelingen unserer Unternehmung entgegen brachte, und, da sie sich unterwegs in den Böten gut gehalten hatten, sah ich die fröhlichen, geschmeidigen jungen Männer gern um mich. Für viele bildete dieser Zug, gleichwie fürAdjangundDjawè, das erste grössere Unternehmen, das sie mitmachten, daher sollten sie bei ihrer Rückkehr unter die erwachsenen Männer des Stammes aufgenommen werden. Vorher mussten sie sich aber, der Sitte gemäss, denutang, das Stäbchen, anlegen lassen, welches als Zeichen erreichter Männlichkeit durch die glans penis getrieben und während des ganzen Lebens nicht abgelegt wird. Zu Hause schämen sich die jungen Leute zu sehr vor den Frauen, um dergleichen Manipulationen mit sich vornehmen zu lassen, daher benützen sie lieber eine Reisegelegenheit dazu. In der Besorgnis, dass uns am Ende ein Aufenthalt verursacht werden könnte, war ich über die Nachricht, dass einige bereits den Ruhetag an der Mündung des Bulit und andere den Abend zuvor zur Ausführung der Operation benützt hatten, nichts weniger als erfreut. Obgleich die Operation sehr wenig aseptisch vorgenommen wurde, zeigte sich doch nur in einem Fall eine unangenehme Entzündung; heftige Blutung kam überhauptnicht vor, auch wurden die jungen Leute dadurch nicht an der Arbeit gehindert; nur ab und zu sah ich einen von ihnen mit schmerzhaft verzogenem Gesicht in einer kühlen Bergquelle sitzen, was ihm augenscheinlich Linderung verschaffte.
Wohl aus Rücksicht auf diese Verhältnisse zeigtenAkam IgauundTigangam folgenden Morgen wenig Lust, den Landzug zu beginnen: da ich aber nicht wusste, wie lange wir noch von unserem Reisvorrat zu leben hatten, hielt ich Eile für geraten und begann, als die Kajan zögerten, mit den Malaien den Reis- und Salzproviant, der vorausgetragen werden sollte, unter die verschiedenen Häuptlinge, je nach der Anzahl ihrer Leute, zu verteilen. Als uns darauf einige der Bungan Dajak, die wir, wie früher mitgeteilt, als Träger und Wegweiser zum Bungan in Dienst genommen hatten, zu Hilfe kamen, rafften sich schliesslich auch die Kajan auf. Zwar blieben hie und da einige in den Hütten zurück und andere begannen mit dem Transport ihrer eigenen Sachen, aber die meisten machten sich doch auf den Weg.
Tags zuvor hatte ich einige Bungan Dajak als Kundschafter und Träger an den Bungan vorausgeschickt; sie kamen jetzt mit der Meldung zurück, der Wasserstand im Bungan sei so hoch, dass man diesen nur mittelst über den Fluss gespannter Rotangseile habe passieren können, auch habe man das Gepäck noch vor der Mündung des Bĕtjai unterbringen müssen; erst am folgenden Tage sollten sie bis an den Betjai geschafft werden.
Der Bericht klang zwar nicht ermutigend, ich hatte aber ohnehin eingesehen, dass wir nicht sogleich weiter konnten, weil sich beiDemmeni, der seit dem ersten Tage unserer Ankunft an Malaria litt, noch immer keine Besserung zeigte; gegen Abend kehrte das Fieber stets zurück und liess sich auch nicht durch 2 g murias chinini, die er 8 Stunden vor dem Anfall, innerhalb einer halben Stunde, einnahm, niederschlagen. Da man den Patienten unmöglich über Land transportieren konnte und auch eine Rückreise für ihn nichts Gutes versprach, in Anbetracht, dass es mindestens acht Tage dauern musste, bevor er in Sintang ärztliche Hilfe finden konnte, musste ich versuchen, ihn an Ort und Stelle zu kurieren. Ich brachte daher den Patienten zu Bett und erhöhte die Chinindosis von 2 auf 3 Gramm mit dem Erfolge, dass sich der Kranke zwar schwindelig fühlte, die Temperatur aber nicht mehr stieg. Als am folgenden Tage 2 g Chinin wiederumkein genügendes Resultat ergaben, beschloss ich, noch einige Tage mit strenger Bettruhe und 3 g Chinin fortzufahren. Obgleich diese BehandlungDemmenidurchaus nicht angenehm war, überstand er sie doch mutig, überzeugt, dass er nur auf diese Weise wieder marschfähig werden konnte.
Wir benützten die Wartezeit, um unser Hab und Gut, das während der Reise doch mehr oder weniger feucht geworden war, auf hoch gelegenen Geröllbänken zu trocknen. Einige Packen Seidenstoffe waren durch die Feuchtigkeit gänzlich entfärbt worden, obgleich sie sich in eisernen, mit Harz verklebten Kisten befunden hatten; derartige kostbare Artikel hätten in besonderen, verlöteten Blechkisten aufbewahrt werden müssen.
Den im Lager zurückgebliebenen Malaien hatte ich aufgetragen, auf verschiedene Weise Fische zu fangen; der Erfolg war aber, da die Träger das feinmaschige Wurfnetz mitgenommen hatten, gering.
Mittags kehrte die Trägergesellschaft zurück und bestätigte die Meldung der Bungan Dajak, dass der Weg längs dem Bungan sehr beschwerlich sei. Ferner hatten sie die in diesem Gebiete liegenden Niederlassungen einiger Bungan Dajak erreicht. Deren HäuptlingLakauwar mir von der vorigen Reise her bekannt und trug die unmittelbare Schuld an dem Tode des MalaienAdam. Diese Bungan hatten meinen Kajan beim fragen nicht helfen wollen, trotzdem sie ihre Reisfelder bereits besät hatten. Ihre Weigerung erklärte sich aus der bei ihnen herrschenden Hungersnot, die sie dazu trieb, ihre Reisfelder zu verlassen und irgendwo am Bulit Waldfrüchte zu sammeln; sie zogen daher mit Frauen und Kindern aus, ihre Felder der Sorge der Natur überlassend.
Nachdem ich mit einigen in diesen Gegenden gut bekannten Punan,DjĕléwanundUdjan, darüber beraten hatte, ob wir diesen wenig verlockenden Landweg überhaupt einschlagen sollten, wurde beschlossen, ihm dennoch zu folgen. Davon, dass wir Europäer aufbrechen konnten, bevorDemmeniwieder zu gehen im stande war, konnte aber nicht die Rede sein; denn in dieser Umgebung mussten wir so lange als möglich beieinander zu bleiben trachten. Ich war daher gezwungen, den Gütertransport gänzlich den Trägern zu überlassen, was ich aus verschiedenen Gründen nur sehr ungern tat. Auch mussten wir überlegen, auf welche Weise wir die Häuptlinge am oberen Mahakam, deren Hilfe wir nötig hatten, am besten von unserer Ankunft benachrichtigensollten. DaAkam Igausich bereits auf meiner Reise im Jahr 1896 trotz schwieriger Umstände seines Auftrages trefflich entledigt und uns bei seinen Verwandten eine gute Aufnahme erwirkt hatte, schien er mir auch jetzt wieder die gegebene Persönlichkeit dafür zu sein. Meine Wahl bereitete jedochTigang Aging, der sich selbst für am besten geeignet hielt, Haupt einer so wichtigen Gesandtschaft zu sein, viel Verdruss; auch erschien ihm der Transport des Gepäcks und die Aufsicht über seine eigenen Stammesgenossen viel weniger angenehm. AusserAkam Igaubeauftragte ich noch vier andere ältere Männer aus verschiedenen Häusern am Mendalam, an den oberen Mahakam vorauszuziehen undKwing Irang, dem mächtigsten Häuptling der dort lebenden Bahaustämme, zu melden, dass unsere Expedition im Anzuge sei und wir ihn um seinen Beistand ersuchten.
Tigang Agingbehielt ich, damit er unterwegs keine Händel mitAkam Igauanfing, bei mir zurück, auch sollte er mir bei den Bungan Dajak als Dolmetscher dienen.
Am nächsten Morgen wurden wiederum hauptsächlich Reis und Blechkisten mit Salz unter die Träger verteilt, die in der Voraussicht, längere Zeit allein reisen zu können, sehr vergnügt waren. Es schien mir am besten, dass sie ohne Aufenthalt bis an den oberen Bĕtjai zogen. Sie befanden sich dort auf einem Bergrücken nur einige Hundert Meter unterhalb der Wasserscheide zwischen den Quellen des Bĕtjai und Howong, also an der Scheide des Kapuas- und Mahakamgebietes. Bis zu diesem Punkte sollteAkam Igaudie Träger beaufsichtigen und Sorge tragen, dass alles Gepäck dort gut aufbewahrt wurde; dann sollte er mit seinen Begleitern allein weiter zum Mahakam hinunterziehen. Der KorporalSukaund zwei andere Malaien, die unser Hab und Gut bereits am Bulit so gut bewacht hatten, sollten auch jetzt bei den Sachen zurückbleiben und dafür sorgen, dass alle Träger so schnell als möglich zu uns ins Lager zurückkehrten, um uns abzuholen.
Nachdem die ganze Gesellschaft fortgezogen war, blieben wir Europäer mit einigen hier gänzlich unbekannten Javanern, zwei Kapuas Malaien und drei Kajan, von denen zwei krank waren, einsam am Bulit zurück.
Wir konnten uns, da nur ein einziger, von den vielen Trägern ausgetretener und durch den Regen aufgeweichter Pfad in den Wald führte und es überdies viel regnete, nur auf dem kleinen Platz, den ich vor unserem Lager hatte abholzen lassen, einige Bewegung verschaffen.
Um meine Leute die einsame Umgebung, die durch den ständigen Regen noch trostloser wurde, in der Arbeit vergessen zu lassen, liess ich sie Reusen für den Fischfang herstellen; der Bulit führte aber gerade jetzt nicht so viel Wasser, als für das Fischen mit Reusen erforderlich war, und so erhielt ich nur wenige neue Fischarten.
Zum Glück warDemmeninach dreitägiger sehr strenger Behandlung fieberfrei geworden, und wir konnten ihn, um einen grösseren Ausflug auszuführen, für längere Zeit allein lassen.
Es war nämlich Zeit, dass wir Vorbereitungen für eine topographische Aufnahme des Mahakamgebietes trafen. Diese Aufnahme sollte sich an diejenige anschliessen, welche das topographische Institut in Batavia im Auftrage der Regierung in den Jahren 1885–1896 von dem Flussgebiet des Kapuas hatte ausführen lassen.
Der TopographWerbatahatte damals den Weg über die Wasserscheide bis Pĕnanéh aufgenommen, hatte aber seine Absicht, von hier aus den Mahakam zu erreichen, aufgeben müssen.
Da wir nun nicht, wie es anfänglich unser Plan gewesen, den Weg über Pĕnanéh einschlugen, sondern längs des nur oberflächlich aus der Ferne von ihm aufgenommenen Bĕtjai zogen, mussten wir versuchen, auf der Wasserscheide einen Punkt zu fixieren, indem wir von dort aus mit dem Theodoliten die Azimute einiger hoher, bekannter Berge bestimmten. War der Fixpunkt gefunden, so konnte von ihm aus, mit Hilfe von Theodolit und Massstab, das ganze Mahakamgebiet aufgenommen werden.
Unser TopographBierhatte aber bis jetzt nur in Sumatra gearbeitet und auch meine Reisegenossen hatten bis jetzt nichts von dem Lande gesehen, weil wir von Nanga Era an in der Tiefe eines schmalen, von den bis 600 m hohen, steilen Abhängen des Kapuas-Kettengebirges begrenzten Tales gefahren waren.
Um uns von dem, was die Wasserscheide am Howong nördlich des Berges Lĕkudjang an Aussicht liefern konnte, eine Vorstellung zu machen, mussten wir eine Bergspitze besteigen und den Wald dort niederschlagen.
Etwas weiter oberhalb unseres Lagerplatzes am Bulit, bei dempangkalanMahakam, führte auf den Gipfel des Liang Tibab ein Pfad, den der TopographWerbatahatte durchhauen lassen, um von diesem Berge aus seine Beobachtungen anzustellen; er hatte daher auch auf dem Gipfel den Wald fällen lassen. Ich hatte den LiangTibab bereits im Jahre 1894 mit ProfessorMolengraaffbestiegen, um von hier aus einen Überblick über das durchreiste Gebiet und das Kapuas-Kettengebirge nördlich des Bungan zu erhalten. Zwei Jahre später hatte ich mitDemmenidort einige photographische Aufnahmen gemacht.
Auch der KontrolleurBarthwollte das interessante Panorama des Liang Tibab sehen, und so machte er sich denn am 14. September bei herrlichem Wetter mit uns auf den Weg. Ein Bungan Dajak führte uns durch den Wald bis an den Fuss des Berges, von wo aus wir nach einer kleinen Kletterei bald auf den bekannten Pfad gelangten. Dieser war inzwischen so stark mit jungen Bäumen und Sträuchen bewachsen, dass man ihn kaum wieder erkennen konnte. Der Pfad war übrigens leicht zu verfolgen, denn er führte bereits auf 100 m Höhe über einen längs dem Bulit verlaufenden Kamm. Ein Verirren war nicht möglich, da der Bergrücken nur wenige Meter breit war; eher riskierte man einen Absturz von seinen sehr steilen Wänden. Glücklicher Weise verhinderte die dichte Vegetation ein Schwindeligwerden und ermöglichte zugleich auch den Gebrauch der Hände beim Klettern. Der ganze Weg bestand aus Lehmboden und war durch die vielen Regengüsse sehr schlüpfrig geworden.
Ich habe mich immer wieder darüber gewundert, dass so scharfe, steil abfallende Rücken, die ganz aus Lehm und sehr verwittertem Gestein bestehen, den vielen Sturzregen im Gebirgsland von Borneo Widerstand zu leisten vermögen. Eine der Hauptursachen hierfür ist zweifellos in der dichten Waldbedeckung zu suchen, da die tief eindringenden Wurzeln die kleinen Erdteilchen vor Wegspülung und Absturz beschützen und das dicke Blätterdach die Kraft der niederfallenden Regen bricht.
Trotzdem die Bäume und Sträucher uns den Marsch erleichterten, dauerte es doch beinahe zwei Stunden, bis ich mitBierden Punkt erreichte, von dem aus der TopographWerbataseine Beobachtungen angestellt hatte. Der Rücken war hier nur 1 m breit, bestand aus ganz losem, nur durch Wurzeln zusammengehaltenem Gestein und gestattete längs seiner im Winkel von fast 60° ansteigenden Seitenwände hinunterzuschauen. Um Aussicht zu gewinnen, mussten wir erst die seit dem letzten Besuch auf dem Gipfel aufgeschossenen Sträucher forträumen lassen und begannen unterdessen unsere verschiedenen Höhenbarometer nach dieser bekannten Höhe zu regulieren. Von denbeiden Aneroïden schien der eine auf der Reise gelitten zu haben, wenigstens wich er stark von dein Hypsometer ab, mit dem er, wie auch der andere, noch in Putus Sibau gut übereingestimmt hatte. Die beiden anderen Barometer gaben, mit Berücksichtigung der Temperatur, die Höhe von 740 m richtig an.
Kaum hatten wir unsere Arbeit beendet, als auch der Kontrolleur mit seinen Begleitern eintraf. Der steile und mühevolle Pfad hatte ihn bis zum Erbrechen angestrengt, aber doch hatte er seinen Zug nicht aufgeben wollen. Das prachtvolle Panorama des Kapuasgebirges, das sich weithin ausdehnte, entschädigte ihn übrigens reichlich für die ausgestandenen Strapazen.
Nach Norden traf der Blick das Ober-Kapuas-Kettengebirge, das, von dichten, ernsten Wäldern gänzlich überdeckt, mit seinen in Wolken gehüllten Gipfeln einen beklemmenden, schwermütigen Eindruck auf den Beschauer machte. Zu Füssen des Gebirges strömte mit allen seinen Nebenflüssen der Bungan, auf dem wir uns so lange mühsam fortbewegt hatten. Aus diesem Tal erhoben sich wie Kulissen die Ketten hinter einander und stiegen erst schnell, dann immer allmählicher nach Norden hin auf, bis ihre höchsten Spitzen, der Kaju Tutung und Kĕrihum, in den Wolken verschwanden. Das eintönige dunkelgrüne Gewand, welches das ganze Kettengebirge bis auf seine höchsten Erhebungen hinauf umhüllte, machte in seiner stolzen Einfachheit, die weder durch Abwechslung der Farbentöne noch durch eigenartige Felsformationen belebt wurde, einen imposanten Eindruck. Tief unter uns schlängelten sich die Täler des Bulit und Bungan als schmale Streifen nach Westen; zwar waren auch sie mit dunklem Grün überdeckt, aber die steilen Wände der sie einschliessenden Kalkberge hoben sich leuchtend weiss von der Umgebung ab. Als einziges Zeichen menschlichen Lebens sahen wir ganz in der Tiefe zwischen zwei Querkämmen eines hohen Bergrückens eine feine Rauchwolke zwischen den Bäumen aufsteigen. Die Flüsse selbst blieben unserem Auge gänzlich verborgen.
Südlich des Bungan Tales erhoben sich nur zwei höhere Bergrücken, der Tanah Kuban, dicht bei den “Gurung Dĕlapan”, und der Rücken, von dem der Liang Tibab einen der höheren Gipfel bildet; dieser stieg weiter nach Süden bis zu einer Höhe von 1100 m an. Zwischen diesen beiden Bergrücken zog sich in leichten Windungen, nach Süden immer breiter werdend, das Flusstal des Langau hin. Obgleich Punan und Buschproduktensucher in diesem Gebiete umherstreiften, liess die ununterbrocheneWaldbedeckung deren Anwesenheit doch nicht ahnen. Im Süden und Westen begrenzten zwei spitze Berge, der Sara und der Hariwun, das Langau Gebiet, während im Hintergrunde zwischen diesen beiden der Mĕnakut aus dem Stromgebiet des Kréhau zum Vorschein kam. Am südlichen Ufer des Kréhau, fern am Horizont, wurde das eigenartige Müllergebirge mit seinen langgestreckten Tuff-Hochflächen sichtbar.
Nach Süden hin benahm uns der ansteigende Rücken des Liang Tibab die Aussicht; dagegen bot uns der freie Osten einen interessanten Anblick. In der Mitte zahlreicher, waldbedeckter Kämme von viel geringerer Höhe erhob sich im Süd-Osten der obeliskenförmige Pĕmĕluan bis zu 1300 m Höhe, während etwas östlicher der riesige Tĕrata die Landschaft beherrschte. Die Wände beider Berge waren viel zu steil, um von der Vegetation bedeckt sein zu können, und bildeten daher mit ihren weissen, grauen und braunen Farben einen schönen Gegensatz zu dem schlichten Grün um ihren Fuss und Gipfel. Im Nord-Osten lag der Lĕkudjang, längs welchem wir zum Mahakam ziehen mussten. Von unserem Standpunkt aus hob sich der westliche, abgestürzte Teil der Kraterwand dieses alten Vulkans von dem übrigen waldbedeckten Teil schön ab. Wegen der vorgelagerten Gebirgskämme und des schmalen Raumes zwischen ihr und dem nördlich gelegenen Kettengebirge, kam die Wasserscheide mit dem Howong nicht klar zum Vorschein, aber doch schien es möglich, auf ihr einen passenden Punkt zu finden, von dem aus man auf den Sara, den Hariwung und irgend welche anderen Gipfel visieren und dadurch Fixpunkte für unsere topographische Aufnahme des oberen Mahakamgebietes gewinnen konnte. Der nördliche Abhang des Lĕkudjang war allerdings steil, aber wir beschlossen doch, zu versuchen, den Berg von dieser Seite aus zu besteigen, weil wir hierdurch eine Aussicht auf das Gebiet des Howong und Mahakam gewinnen konnten.
Der Wind wehte heftig auf unserem hohen Punkt und wir konnten uns auf dem schmalen Platze nicht bewegen; ein längerer Aufenthalt auf der Höhe erschien uns somit nicht verlockend und wir beeilten uns, trotz der genussreichen Aussicht, wieder in die Tiefe zu gelangen. An den steilen Abhängen des Kammes ging der Abstieg schnell von statten und im Lager angekommen suchten wir, müde aber befriedigt, unsere Klambu auf.
In den letzten Tagen hatten wir in unserer Nähe öfters Hundebellen gehört; augenscheinlich zogen ihre Eigentümer, die Bungan Dajak, unterLakauum unser Lager herum und wagten nicht, sich bei uns zu zeigen. Als sie sich endlich davon überzeugt hatten, dass wir nicht kamen, um den an dem MalaienAdamverübten Mord zu rächen, wagten sich erst einige Männer heran und, als diesen nichts geschah, auch mein BekannterLakaumit seinen Töchtern, an die ich auf den früheren Reisen bereits Arzneien verabreicht hatte. Die armen Leute litten sehr an Nahrungsmangel, ich konnte ihnen aber keinen Reis, nur Salz mitgeben. Nachdem sie ihren Hunger bei uns gestillt hatten, baten sie um Arzneien. Die Häuptlingstöchter hatten wiederum dringend Jodkali nötig; der Vorrat, den ich ihnen 1896 gegeben, hatte sie völlig hergestellt, seit einigen Monaten waren die alten Leiden aber wiederum zum Vorschein gekommen. Ich versprach einen neuen Vorrat Jodkali, falls sie mir Flaschen bringen würden. Das versprachen sie für den folgenden Tag, wo der ganze Stamm an uns vorüber ziehen sollte, um im Gebiete des unteren Bulit nach Waldfrüchten zu suchen. Ein Malaie, der mit den Bungan Dajak zusammenwohnte, schien den Reis minder gut entbehren zu können, wenigstens brachte er ein uns sehr willkommenes Huhn, um es gegen Reis auszutauschen.
In der Tat zogen am anderen Morgen Männer, Frauen und Kinder, alle beladen, am jenseitigen Ufer vorüber und warfen auf uns und unsere Umgebung neugierige, scheue Blicke. Nur einige Männer wateten zu uns herüber und erzählten, dass sie sich fürs erste in unserer Nähe niederlassen wollten, um in der Umgegend Früchte zu suchen. Unsere Malaien hatten bereits einige Male herrliche Früchte gefunden, die Bungan kannten aber die Fruchtbäume dieser Wildnis, wie wir die unserer Gärten kennen. Aus dem Bericht der Bungan ersahen wir, dass man unsere Gegenwart nicht allzusehr fürchtete, und beschlossen daher, unseren augenblicklichen Nachbarn einen Besuch abzustatten. Um ihnen eine Freude zu machen, nahmen wir Glasperlen und Angelhaken als kleine Geschenke mit. UnterTigangs Führung gelangten wir nach einer halben Stunde auf einem für uns Europäer nicht erkennbaren Pfade zu einer mit wenig Gestrüpp bedeckten Lichtung im Walde. Einige sehr primitive nach Art der Punan und Bukat gebaute Hütten standen hier neben einander.
Eine schräge Wand, die aus ineinander geflochtenen Zweigen bestand und mit Blättern gedeckt war, ruhte mit einem Ende untereinem Winkel von 60° auf dem Erdboden, während das andere von Pfählen gestützt wurde. Aus den gleichen, grossen, runden Baumblättern, mit denen dieses Dach gedeckt war, bestanden auch die Seitenwände, welche gegen Regen und allzu heftigen Wind Schutz bieten sollten. Die grösste Hütte in der Mitte wurde von der Häuptlingsfamilie bewohnt. Sowohl in dieser Hütte als auch in den übrigen hatte man den Boden mit dünnen, neben einander ruhenden Baumstämmen belegt. Der Herd befand sich dem Eingang gegenüber unter der schrägen Wand; er bestand nur aus einigen Steinen, auf denen eiserne Kochtöpfe standen. Unter dem Herde hatte man etwas Erde auf den Boden gestreut und über demselben ein Gestell für Brennholz angebracht.
Nach den Britschen zu urteilen, die je zu zweien an den Seitenwänden standen, schliefen der Häuptling und seine Frau auf der einen und ihre beiden Töchter auf der anderen Seite. Wo der Erdboden etwas abschüssig war, ruhten die vorderen Enden der Balken des Fussbodens auf einem starken Querbalken, so dass der Fussboden ein Stück weit vor dem Dache hervorragte und eine kleine Plattform bildete, von der aus ein frisch gefällter Baumstamm als Pfad zum Boden führte. Alle Hütten waren nach dem gleichen Plan gebaut.
Wir fanden nur wenige Bewohner im Lager; die meisten suchten in der Umgegend nach Waldfrüchten; nur Kranke und sehr kleine Kinder hatte man in den Hütten zurückgelassen. Die anwesenden Frauen litten entweder an Malaria oder an luëtischen Ulcerationen und bereiteten uns aus Scheu einen sehr kühlen Empfang, der auch, als wir unsere kleinen Geschenke austeilten, nicht wärmer wurde. Während wir einige Zeit zwischen den Hütten umhergingen, in der Hoffnung, dass man sich an unsere Anwesenheit gewöhnen würde, traten einige ältere Frauen und Kinder am jenseitigen Ufer aus dem Walde hervor; kaum merkten sie aber, dass Besuch im Lager war, als sie schleunigst die hohe Ufermauer wieder hinauf flüchteten.
Da es durchaus nicht in unserer Absicht lag, diesen scheuen Waldmenschen Schreck einzuflössen und ihnen unangenehm zu sein, machten wir uns sogleich auf den Heimweg. Abends suchte ich den ungünstigen Eindruck unseres Besuches zu verwischen, indem ich dem HäuptlingLakauein Boot schenkte, das er sich für eine Fahrt nach Putus Sibau sehnlichst gewünscht hatte.
Die Bungan Dajak nehmen unter der Bevölkerung von Mittel-Borneo eine eigenartige Stellung ein; sie bilden im Bungan Gebieteeinen Übergang von den echten Nomadenstämmen, wie den Punan und Bukat, zu den sesshaften, Ackerbau treibenden Stämmen. Sie bauen hauptsächlich Reis und süsse Erdäpfel, aber da der Ernteertrag infolge ihrer primitiven Bearbeitung der Felder gering ist, sind sie gezwungen, diese nach der Saat sich selbst zu überlassen, wodurch ein grosser Teil der Ernte den Vögeln, Hirschen, Affen und Wildschweinen zum Opfer fällt. Sie selbst müssen für ihren Unterhalt den Wald durchstreifen, nach Früchten, wildem Sago und Wild suchend. Bei ihren Feldern bauen sich die Bungan Häuser nach Art der ackerbauenden Stämme, nur weniger dauerhaft, während ihres Nomadenlebens begnügen sie sich aber mit den primitiven Hütten der im gleichen Gebiet lebenden Bukat. In ihrer Kleidung, Tätowierung und Bewaffnung ähneln sie sowohl den Bahau als den Punan.
Es fiel mir auf, dass ihre Männer besonders kräftig gebaut und gross von Wuchs waren, einige erreichten eine Höhe von 1.75 bis 1.80 m; die Frauen dagegen waren eher klein von Gestalt. Auch in Hautfarbe, Haaren u.s.w. zeigen sie Verwandtschaft mit den Bahau und Punan.
Am Abend des 15. September kehrten von unseren Trägern zuerst die Ma-Suling mit dem Bericht zurück, man habe das Gepäck bis an den Fuss des Bergrückens, der auf die Wasserscheide führte, gebracht und dort die drei Malaien und zwei Bukat als Bewachung zurückgelassen; ferner,Akam Igauund die Seinen seien weiter an den Mahakam gezogen. DaDemmeninun auch so weit war, dass er, mit einigen Vorsichtsmassregeln gegen neue Strapazen, weiter ziehen konnte, legten wir uns in der angenehmen Voraussicht, dass die langen, eintönigen Tage nun ein Ende erreicht hatten, schlafen. Zwar regnete es viel und der Bungan musste schwer zu passieren sein, aber dass dies doch möglich war, bewies die Ankunft der übrigen Träger am folgenden Morgen.
Unsere freudige Stimmung wurde leider bald gründlich gedämpft. Auf meine Frage, wie viel Reis man bis an den oberen Bĕtjai gebracht hatte, erfuhr ich zu meinem grossen Schrecken, dass von dem ganzen grossen Vorrat, den sie mitgenommen hatten, nur sechs Säcke übrig geblieben waren und dass wir uns somit gänzlich auf den kleinen Rest, den wir bei uns zurückbehalten hatten, angewiesen sahen. Eine Stunde lang kämpfte ich mit mir selbst, um meine Entrüstung nicht zum Ausbruch kommen zu lassen, denn in dieser kritischen Lage bedeutete eineschlechte Stimmung der Kajan ein Missglücken des Zuges zum Mahakam. Trotz all meiner ernsten Fürsorge vom Beginne an hatte ich nun doch nicht genügend Proviant für mein Personal.
Wie solche Mengen Reis hatten verschwinden können, darüber konnte oder wagte man mir keinen Aufschluss zu geben. Die älteren Männer schoben die Schuld auf die vielende̥ha njām(= jungen Leute), welche, der langen Reisen und der Sorge für die Zukunft nicht gewöhnt, unterwegs so viel Reis verzehrt hätten; die anderen wiederum behaupteten, sie hätten viel nass gewordenen Reis wegwerfen müssen. Trotz dieser Erklärungen blieb mir die Sache rätselhaft, da ich nicht voraussetzen wollte, dass sie den Reis für ihre Rückreise im Walde verborgen hatten. Eine Erklärung der Tatsache konnte den Reis übrigens auch nicht wieder herbeischaffen, und so rief ich denn die Häuptlinge zusammen, um mit ihnen zu überlegen, was weiter zu tun sei. Durch die Sorglosigkeit ihrer Untergebenen hatten wir nun nicht einmal für die Reise bis zum Howong genügenden Proviant, trotzdem erhob keiner seine Stimme gegen eine Fortsetzung des Zuges. Das war schon viel, denn die Häuptlinge wussten sehr wohl, dass wir nun in Eilmärschen den Landweg zurücklegen mussten, dass von Ruhetagen keine Rede sein konnte und vom Gepäck auch nichts zurückbleiben durfte. Die Vertrautheit der Häuptlinge mit der Umgegend eröffnete eine Aussicht, aus der schwierigen Lage herauszukommen. Sie schlugen mir zuerst vor, den Bungan Dajak ein Batatenfeld, das doch von Wildschweinen abgeerntet wurde, abzukaufen; auch sollte ich ihnen an der Wasserscheide einen Tag frei geben, da sie in der Umgegend einige Stellen kannten, an denen man wilden Sago sammeln konnte; ausserdem wusste ich, dass meine Leute für den äussersten Notfall alleke̥rtăp, den fein gestossenen Klebreis, in ihren Tragkörben mitgenommen hatten.
Eine andere Schwierigkeit bestand darin, dass wir uns auf der Wasserscheide längere Zeit aufhalten mussten, um den zurückgelegten Weg am Mahakam messen zu können. Das war unbedingt nötig, da sonst die ganze topographische Aufnahme des Mahakamgebietes in Verbindung mit derjenigen des Kapuasgebietes überhaupt nicht stattfinden konnte.
Um so schnell als möglich von den Pnihing am Howong Hilfe zu erlangen, erschien es mir am geratenster, das Prinzip des Zusammenbleibens der Europäer und der meisten Malaien zunächst aufzugeben. Nach allgemeiner Beratung wurde daher beschlossen, am folgendenMorgen gemeinschaftlich aufzubrechen und an diesem Tage noch beisammen zu bleiben, um zu sehen, ob alles gut ging, und vor allem, obDemmenifolgen konnte; war dies der Fall, so sollte ich mitBierund einigen tüchtigen Männern in Eilmärschen vorausziehen, während der KontrolleurBarthmitDemmenidafür sorgen sollte, dass der Nachschub alles Gepäck bis zur Wasserscheide brachte. Hierdurch hoffte ich zu erreichen, dass, bis alle an die Wasserscheide gelangten, sowohl der Lĕkudjan erstiegen als mit der Messung des Weges begonnen worden war.
Trotz ihres guten Willens zur Weiterreise nahmen die Träger am anderen Morgen nur zögernd unser Gepäck auf den Rücken; kindischer Weise sahen sie sich um, ob die Leute des einen Dorfes nicht am Ende etwas weniger zu tragen bekamen, als die eines anderen, auch kamen sie mit den eigenen Dorfgenossen aneinander. Da unsere Malaien wenig Einfluss auf die Kajan hatten, mussten der Kontrolleur und ich schliesslich selbst alle Kisten, Reispacken, unsere Matratzen und Zeltdecken unter sie verteilen und am Ende noch hier einen Kochtopf und dort eine Lampe in den verschiedenen Tragkörben unterbringen lassen. Nachdem alle gegessen hatten, begannen sie doch eifrigst ihre Tragkörbe in Ordnung zu bringen.
Alle Stämme im Innern von Borneo gebrauchen beim Tragen von Lasten auf ungebahnten Wegen dentakin, einen aus starkem, gespaltenem Rotang geflochtenen und daher biegsamen Tragsack von viereckiger Form. Die hintere Wand des Sackes besteht aus zwei Teilen und ist mit Rotangschnüren versehen, so dass auch umfangreiche Gegenstände in den Korb aufgenommen werden können, indem man die Klappen öffnet und die Fracht an beiden Seitenwänden mittelst der Schnüre festbindet. Auf diese Weise wurden auch die eisernen Köfferchen, in welchen ich die meisten Tauschartikel und meine Kleider bewahrte, transportiert. Ein grosser Vorteil bestand darin, dass die Koffer nicht wegen zu grosser Länge oder Breite aus dem Korbe hervorragten, daher wurde ein Klettern zwischen und unter Felsen und umgefallenen Baumstämmen nicht allzu beschwerlich. Viel Mühe und Überredungskunst war stets erforderlich, um lange, wenn auch leichte Gegenstände, wie Stative und Massstäbe den Trägern aufzubürden. Um g Uhr war das Gepäck verteilt. Die Kajan packten alles so praktisch als möglich zusammen und banden schliesslich noch ihre eigenen Sachen an den Korb. Dietakinwerden mittelst zweier Rotangseile über der Schulterauf dem Rücken getragen. Ist die Haut nicht ganz gesund, so leiden die Schultern bei längeren Märschen stark und die Tragseile werden daher oft mit Zeug umwunden. Diejenigen, die ihre dicken Kriegsjacken mitgenommen hatten, zogen sie öfters an und setzten dann auch ihre schweren Kriegsmützen aus Rotang auf. Das Schwert hängen alle an die Seite, und in den freien Händen halten einige ihre Schilde, alle aber ihre Speere, die ihnen auf beschwerlichen Pfaden einen ausgezeichneten Halt bieten.
Das Abbrechen des Lagers bestand nur darin, dass die Kajan ihre Schlafmatten zusammenfalteten und vorsichtig aufrollten, die Hütten selbst blieben unversehrt zurück und werden wohl noch ein Jahr lang Zeugnis von unserem Aufenthalt am Ufer des Bulit abgelegt haben.
Ein Träger nach dem anderen verschwand auf dem ausgetretenen Pfade im Walde, und nun wurde es auch für uns Zeit, an den Aufbruch zu denken.Demmeniwar mitBierbereits vorausgegangen, um den Weg langsam zurücklegen zu können; wir hatten bis zuletzt gewartet, um uns davon zu überzeugen, dass nichts im Lager zurückgelassen wurde.
Der Weg bis zum Bungan war nur 5 km lang und nicht steil und wurde daher ohne Schwierigkeiten zurückgelegt. Von Bergen und Gestein sahen wir, bis wir an das Ufer des Bungan gelangten, nichts. Hier fand ich alle vereinigt. Der 60 m breite Fluss war seit dem vorigen Tage stark angewachsen und man fürchtete, dass das Rotangkabel, das früher beim Durchqueren des Flusses als Stütze gedient hatte, die schwer beladenen Träger jetzt nicht würde halten können. Daher waren bereits einige Männer in den Wald gegangen, um neuen Rotang zur Verstärkung zu suchen; gleichzeitig befestigte man das eine Ende des Kabels doppelt stark an den kräftigen Wurzeln der Uferbäume und sandte einen unbeladenen jungen Mann an die andere Uferseite, um dort das Gleiche vorzunehmen.
Einer nach dem anderen stieg darauf vorsichtig längs der steinigen Uferwand zum Flussbett hinab, das gänzlich aus glatten, rundgeschliffenen Felsblöcken von ¼ bis zu 1 m Durchmesser bestand.
Bereits bei stillstehendem Wasser musste das Gehen auf ihnen beschwerlich sein. Jetzt wateten die Träger bis zur Brust in dem brausenden Strom, erreichten aber doch, mit der einen Hand auf den Speer gestützt, mit der anderen das Rotangseil festhaltend, wohlbehalten das andere Ufer. Da nie mehr als zwei bis drei Träger gleichzeitigsich am Seil festhalten durften, dauerte der Übergang sehr lange, hatte aber den Vorteil, dass keiner der Männer fiel und unser Gepäck auch nicht nass wurde.Demmeni, für den ein kaltes Bad durchaus nicht wünschenswert war, nahm der kräftigeJungsogleich bereitwilligst auf den Rücken und brachte ihn glücklich, nur mit nassen Füssen, an das andere Ufer. Jetzt kam die Reihe an uns andere Europäer. Ich übergab meinen Revolver und mein Gewehr einem Kajan und begann dann mutig den Kampf mit dem Wasser. Kaum war ich 20 m vom Ufer entfernt, als ich mich mit Erstaunen fragte, wie die Kajan in diesem Chaos runder Blöcke unter Wasser einen Stützpunkt für ihre Füsse hatten finden können. Augenscheinlich boten meine Kleider der heftigen Strömung besonders viele Angriffspunkte, denn ich musste mich mit beiden Händen am Rotang festklammern, um Stand zu halten. Sehr bedächtig suchte ich für jeden Fuss einen Stützpunkt und war bisweilen froh, wenn sich der Fuss zwischen zwei Steinen festklemmte, obwohl ich ihn beim nächsten Schritt oft nur mit Mühe wieder befreien konnte. Vorsichtshalber gingen ein Kajan vor und einer hinter mir, ich kam aber doch noch ohne ihre Hilfe hinüber. Drüben tröstete ich mich an dem Anblick, denBarthundBierbei ihrem Durchzug boten.
Nachdem alles heil herübergebracht worden, konnten wir endlich weiter ziehen, waren aber doch froh, als wir nach einer Stunde eine Gruppe Hütten erreichten, in welchen unsere Leute früher übernachtet hatten. Ich beschloss, es für den ersten Tag genug sein zu lassen und sah mit Vergnügen, dassDemmenisich gut gehalten und auch kein Fieber bekommen hatte.
Am folgenden Morgen wollte ich mitBierund den notwendigsten Trägern vorausgehen, um noch den Lagerplatz mit unserem Gepäck an der Wasserscheide zu erreichen; die Kajan meinten jedoch, dies sei unmöglich. Erst regnete es und, als es etwas trockener wurde, schienen nur wenige Lust zu einem Eilmarsch zu verspüren. Ich hatte aberJungals Oberhaupt der Träger und als Führer gewählt und mit seiner Hilfe brachte ich die Leute in Bewegung. So machte ich mich denn mitBier, 4 Malaien, unter denen auch mein DienerMidanwar, und 6 Kajan auf den Weg.
Auf einem abscheulichen Pfade begegneten wir einigen unserer Träger, die sich auf eigene Hand aufgemacht hatten. Sie gaben uns eine Vorstellung davon, auf welche Weise schwer beladene EingeboreneWegstellen überwinden, die dem Europäer, auch unbelastet, der Schwierigkeiten genug bieten. Vor unserer letzten Lagerstätte hatte der Weg über einen Bergrücken geführt und war nicht besonders mühsam gewesen, jetzt aber lief er einen steilen Abhang aufwärts, mit dem sich ein Bergrücken, den wir seiner Höhe wegen nicht überschreiten konnten, zum Bungantal hin abdachte. Wäre der Abhang nicht bewachsen gewesen, wodurch der Ausblick auf den brausenden Strom in der Tiefe verdeckt wurde und man unwillkürlich ein Gefühl der Sicherheit erhielt, so hätten wir dem Pfade nicht folgen können. Man musste ständig auf und nieder klettern, unter überhängenden Felsen hindurch, um abgestürzte Baumstämme herum kriechen und hatte über dem gähnenden Abgrund nie mehr als ein paar Fuss Raum zur Verfügung. Auf derartigen Pfaden kommen den Eingeborenen ihre beweglichen, kräftigen Zehen, mit denen sie sich in dem weichen Boden festklammern, und ihr geschmeidiger Körper zu Gute. Sie legten auch nur bei solchen Spalten ihre Last ab, die entschieden zu schmal waren, um mitsamt der Packung hindurchzuschlüpfen. Nach kurzer Zeit sahen wir sämmtliche Träger hinter uns und hatten jetzt nur selbst darauf bedacht zu sein, uns durchzuschlagen. Den ganzen Morgen über behielt der Weg den gleichen Charakter und erst an der Mündung des Léja veränderte sich das Bild.
Hier lagen die verlassenen Hütten der Bungan Dajak unterhalb eines prachtvollen Wasserfalles, über den sie als Brücke einen Baumriesen hatten fallen lassen. Die zwei Felsen, die den Fall senkrecht zu beiden Seiten einschlossen, waren 25 m von einander entfernt und obwohl der hellgraue, glatte Stamm gewiss 40 in über dem brausenden Wasser lag, hatte man es für überflüssig gehalten, den Stamm mit einem Geländer zu versehen.
Die verlassenen Hütten machten die Wildheit und Einsamkeit der Umgebung doppelt fühlbar, und so eilten wir nach kurzer Rast von hier fort, den neuen Reisfeldern der Bungan zu, die nachJungnicht mehr weit entfernt waren und uns eine freie Fläche bieten sollten.
Die Steilheit der Bergwand nahm allmählich ab und der Pfad längs dem Fluss wurde gangbarer. Wir passierten noch einen der mächtigen Wasserfälle, von denen wir bereits fünf an diesem Morgen begegnet waren, und dann lag plötzlich an der Mündung des Léja eine fast ebene Fläche vor uns, auf welcher die Bungan den Wald gefällt und Reisfelder angelegt hatten.
Die freie Fläche und der warme, heitere Sonnenschein machten nach den vielen Tagen, die wir in den feuchtkalten Wäldern in der Tiefe der Talgründe zugebracht hatten, einen wahrhaft erquickenden Eindruck. Wie verlockend war es, sich am Waldesrande niederzulegen und sich in den Anblick des lieblichen Bildes zu versenken. Wir hatten aber einen noch zu weiten Weg zurückzulegen, um uns diesen Genuss gönnen zu können, und so wartete ich denn mitJung, der allein meinem schnellen Schritt zu folgen im stande gewesen war, die Ankunft vonBierund den Trägern ab, um uns nach dem besten Pfad über diese Felder zu erkundigen.
Nach einigem Zögern behauptete einer der Kajan, dass wir längs des Flussufers am bequemsten weiter kommen würden, und sogleich machte ich mich auf den Weg. Der Mann hatte sicher nicht gewusst, was er sagen sollte; denn gerade dieser Teil der Felder war kaum zu überschreiten. Wie die Bahaustämme im allgemeinen, hatten auch die Bungan nur einen kleinen Teil des gefällten Holzes verbrennen können, aber, entweder aus Nachlässigkeit oder wegen zu grosser Feuchtigkeit, war auch viel kleines Holz, Zweige und niedere Sträucher, unverbrannt geblieben. Viele der gefallenen Baumriesen versperrten mit einem Wald halb verkohlter Äste den Weg, was bei anderen Stämmen nie vorkommt. Alle Bäume waren längs des Abhanges mit ihren Kronen zum Ufer hin gefallen, so dass wir über jene hinweg oder unter ihnen hindurch klettern mussten; die verkohlte Baumrinde erleichterte uns einigermassen die Arbeit. Lagen zu viel Bäume über einander oder waren die Stämme zu dick, so mussten wir uns durch ihr dichtes Gezweige hindurcharbeiten und noch dazu auf freiem Felde in der heissen Mittagssonne, nachdem wir wochen lang im kühlen Walde gelebt hatten. Der etwas vollblütigeBierkam daher ziemlich erschöpft auf der anderen Seite der Felder an und sehnte sich nach Ruhe und Erfrischung in einer Kajanhütte.
Leider fanden wir hier nichts anderes als Wasser und einen Baumstamm, um darauf zu sitzen, bis unsere Träger ankamen und einen verborgenen Vorrat Bataten hervorholten. Sogleich machten sie sich daran, die Bataten in einem Topf gar zu kochen, aber vor Hunger ass jeder von uns eine Knolle roh auf. Die Träger waren nicht minder ermüdet als wir, sie waren aber von den Hütten der Bungan an über dem Bergrücken hoch über der Ladang einem viel besseren Wege gefolgt.
Obgleich es erst Mittag war, behaupteten die Leute doch, an dem Tage nicht mehr weiter zu können; augenscheinlich hatten sie überlegt, dass die folgenden von ihnen gebauten Hütten sehr hoch am Bĕtjai lagen und dass sie diese doch nicht mehr erreichen konnten. Auch die malaiischen Schutzsoldaten und mein JungeMidan, die alle an ihrem Gepäck zu tragen hatten, erklärten, vor Ermüdung nicht weiter gehen zu können.
Bei dem herrschenden Nahrungsmangel bedeutete aber ein Aufenthalt ein Aufgeben der ganzen topographischen Aufnahme und so musste ich denn trotz allem versuchen, mitBierweiter zu kommen. Dieser war zwar sehr ermüdet, wollte aber, als erprobter Topograph und weil es sich um sein Amt handelte, doch nicht zurückbleiben.Jungwar, wie immer, zu allem bereit und nahm die topographischen Instrumente, den Theodolit und die kleinen Massstäbe auf seine Rechnung; sein Bruder belud sich mit meinem Bettzeug und einem Dreifuss, und zwei andere kräftige junge Leute trugen das Bettzeug vonBierund die notwendigsten Nahrungsmittel, und so machten wir sechs uns auf den Weg.
Als man uns im letzten Augenblick noch einige heisse Bataten zu verspeisen gab, wurden in der Ferne die ersten schwer beladenen Träger sichtbar. Ich fürchtete jedoch, sie könnten meine Getreuen wankend machen, brach daher eiligst auf und begann mit steifen Beinen weiter zu marschieren. Zum Glück wanderten wir jetzt längs des Léja durch ein Längstal, das zwar nicht so wild romantisch war wie das Quertal des Bungan, dafür aber viel breiter und ebener; auch folgten wir einem für diese Gegenden guten Pfade.
Das Strauchwerk benahm uns nicht gänzlich das Sonnenlicht, daher konnten wir uns in unseren nassen Kleidern, in denen es uns während der Rast gefröstelt hatte, etwas erwärmen. Nach 3/4 Stunden verliess der Pfad den Léja und führte uns dessen Nebenfluss, den Bĕtjai, aufwärts, der uns in östlicher Richtung direkt zur Wasserscheide bringen sollte. Der Pfad lief hier wieder durch den Wald, verursachte uns aber keine Schwierigkeiten, nur mussten wir öfters die Uferseiten wechseln und daher den nur 20 m breiten, wenig tiefen Fluss durchqueren; bisweilen wateten wir auch 100 m weit im Flussbette selbst. Das Wasser reichte zwar nur bis an die Kniee, war aber sehr kalt, so dass wir wiederum fröstelten; zudem war der Grund auch hier ganz mit glattem, rundem Geröll bedeckt und nötigte bei der heftigen Strömungauch den mit einem Stocke versehenen zu vorsichtigem Gehen. Treu blieben unsere Wachthunde uns zur Seite; war das Wasser tief, so schwammen sie, war die Strömung zu heftig, so liefen sie am Ufer entlang. Auf solchen Expeditionen waren sie stets viel zu müde, um mit einander zu kämpfen, was sie sonst mit Vorliebe taten, auch wagten sie es, aus Furcht vor der neuen Umgebung, nicht, sich von uns zu entfernen.
Eine Stunde nach der anderen verging, während welcher wir im Wasser gegen Strömung und Geröll und auf dem Lande gegen Baumwurzeln und Felsblöcke ankämpften. Jeder Schritt verlangte so viel Aufmerksamkeit, dass wir für unsere Umgebung kein Auge hatten. Begreiflicher Weise wurde auch kein Wort unnütz gesprochen. Da wir über den noch zurückzulegenden Weg unsicher waren, begann unsere Lage gegen drei Uhr, unserer grossen Ermüdung wegen, kritisch zu werden. Indem ich mitJungstets voran marschierte, schleppte ich die anderen mit; um ½ 4 Uhr musste ich jedoch Halt machen, daBiervor Erschöpfung am Flussufer niedergefallen war. Er erklärte zwar, dass etwas Ruhe und Nahrung ihn bald wieder herstellen würden; aber es war mir doch eine grosse Beruhigung, als der hinterste Träger erklärte, die gesuchten Hütten seien ganz in der Nähe.JungsBruder brachte aus seinem Tragkorbeke̥rtapzum Vorschein und reichte ihn mit Wasser dem Erschöpften als Magenstärkung. Nun merktenJungund ich, dass auch wir eine Erfrischung sehr nötig hatten, setzten uns daher auf eine Sandbank im Flusse und teilten brüderlich den übrigenke̥rtap. Die Rast gab auch mir den letzten Stoss; nur mit Mühe schleppte ich mich die 300 m bis zu den Hütten weiter und legte mich dort auf einer zum Lagerplatz für die Nacht bestimmten Bank nieder.
Auch jetzt wieder kam uns unsere Gewohnheit, zwischen unserer Matratze stets einen Reserveanzug einzupacken, sehr zu statten. Als wir unsere durch und durch nassen und von der Kletterei über halb verkohlte Baumstämme geschwärzten Kleider gegen trockene vertauschten, durchzog uns das erste Gefühl von Wohlbehagen. Die Kajan zündeten schnell ein Feuer an und kochten Wasser, das uns, mit etwas kondensierter Milch vermischt, einen herrlichen, heissen Trank lieferte. Bei unserer Übermüdung waren wir aber nicht im stande, von dem primitiv zubereiteten Reis etwas zu geniessen. So war es uns eine angenehme Überraschung, als einer der Kajan miteiner unserer Konservenkisten ankam, die er ganz in der Nähe im Walde gefunden hatte. Einer der Träger musste die Kiste dort niedergelegt haben, statt sie, wie es seine Pflicht war, bis zu dem Proviantlager weiter oben zu bringen. Durch seine Nachlässigkeit waren wir nun in den Besitz verschiedener Konservenbüchsen gelangt, deren Inhalt auch bald unseren Appetit wieder belebte. Unsere Hunde waren jedoch so müde, dass sie die Reste, für sie aussergewöhnliche Leckerbissen, nicht einmal anrührten; sie waren nicht dazu zu bewegen, ihren Platz hinter unseren Klambu zu verlassen und schliefen jetzt friedlich neben einander, während sie sich für gewöhnlich immer den besten Platz streitig machten. Wir Europäer waren übrigens auch zu nichts mehr aufgelegt, gingen bei Sonnenuntergang schlafen und erwachten erst als es heller Tag war.
Nach der Aussage unserer Kajan war es bis zum Stapelplatz unseres Gepäckes nicht mehr weit, daher eilten wir auch nicht mit dem Aufbruch.
Gleich nachdem wir gespeist hatten, erschienen zu unserer grossen Verwunderung mein DienerMidanund einige Malaien. Sie hatten es nämlich doch nicht über sich gebracht, uns gänzlich im Stich zu lassen und waren uns, nachdem sie sich etwas erholt hatten, doch noch am vorigen Tage ohne die Kajan gefolgt. Bevor sie uns aber einholen konnten, war die Dunkelheit eingebrochen und sie hatten unter höchst mangelhafter Bedeckung die Nacht im Walde zubringen müssen. Sie hatten aber trotz ihrer Ermüdung aus Verdruss darüber, dass sie uns nun doch allein gelassen hatten, und aus Angst vor Kopfjägern nicht schlafen können, waren bei Morgendämmerung bereits aufgebrochen und daher so früh bei uns eingetroffen. Nun fingen wir gemeinsam die Wanderung durch den Fluss an und bereits nach zwei Stunden begegneten wir erst einem Hund, dann einem kleinen Knaben und schliesslich unserem KorporalSukaselbst, der sich eben auf den Fischfang begab. Der kleine Knabe war ein Bukat, dessen Familie mit uns zum Howong ziehen wollte. Der pater familias war mitAkam Igaubereits vorausgegangen, um ihm als Führer zu dienen und ihn bei den Pnihing vonAmun Lirungeinzuführen.
Es stellte sich heraus, dass aller Proviant, mit Ausnahme des Reises, gut angekommen war. Von den mehr als 50 Packen Reis, die ich vorausgesandt hatte, waren zum Glück 11 statt nur 6, wie man mir früher berichtet hatte, angekommen. Wir beschlossen nun,hier auf die Ankunft unserer Träger zu warten und uns für diesen Tag Ruhe zu gönnen. Da unser Lagerplatz auf einer Höhe von 500 m lag und stark beschattet war, kam uns die Temperatur sehr niedrig vor; eine wollene Decke in unseren Klambu war daher sehr angenehm. Immerhin zeigte das Flusswasser noch eine Temperatur von + 20° C.