Junger Sklave der Kajan am oberen Mahakam.Junger Sklave der Kajan am oberen Mahakam.
Junger Sklave der Kajan am oberen Mahakam.
Junger Sklave der Kajan am oberen Mahakam.
Zur Kontrolle für die Höhenbestimmung durch direkte Messung mittelst des Theodolits war ich mit zwei guten Aneroidbarometern und einem Hypsometer ausgerüstet, an denen an allen wichtigen Punkten Ablesungen gemacht wurden.
Einer der Aneroidbarometer von der FirmaKipp en Zonenin Delft stimmte mit dem Hypsometer auf jeder Höhe überein; er hatte bereits die Reise 1896–1897 mitgemacht und war damals in der Sternwarte zu Leiden verifiziert worden.
Während der Reise wurde eine Abweichung des Kompasses desTheodolits nur ein einziges Mal am Blu-u festgestellt, was teilweise auch dem Umstand zugeschrieben werden muss, dass der Himmel selten unbewölkt genug war, um während ẹines grossen Teils des Tages den Stand der Sonne mit genügender Schärfe mittelst des Fernrohres bestimmen zu können. Diesem Umstand muss vielleicht zugeschrieben werden; dass bei der Zeichnung der Karte im Massstab von 1 : 20000 die Länge des Mahakam bis zum astronomisch bestimmten Punkte Ana sich als richtig erwies, die Richtung jedoch um einen Grad nach Süden abwich.
Die Aufnahme des Landweges bereitete unserem Topographen, der jahrelang in dem waldbedeckten Gebirge Mittel-Sumatras gearbeitet hatte, keine Schwierigkeiten. Einer der ursprünglich 3 m langen Massstäbe wurde auf die Hälfte verkürzt, um auf den Waldpfaden seiner Länge wegen nicht hinderlich zu sein, ferner wurde etwas mehr Zeit darauf gewendet, um die gewundenen, steigenden und fallenden Pfade in kleinen Abständen messen zu können. Anders verhielt es sich mit dem Messen des Mahakam selbst, da die langen, schmalen Böte der Bahau zum Aufstellen des Theodolits nicht stabil genug sind. Auch das Aneinanderbinden mehrerer Böte war wegen der zahlreichen Verengungen und Stromschnellen im Fahrwasser sehr beschwerlich. Daher musste der Topograph auch bei der Flussmessung zum Aufstellen seines Instrumentes das feste Ufer wählen. Die Gehilfen, die in gesonderten Böten die Massstäbe hielten, lernten es bald, sich entweder mit ihren Böten zwischen Felsblöcken und Geröllbänken festzusetzen oder am Lande eine passende Stelle zu finden. In der Regel waren drei Böte erforderlich: eines für den Topographen und zwei für die Gehilfen. IndemBiereinen Massstab oberhalb und einen unterhalb seines eigenen Standplatzes aufstellen liess, konnte er von einem Punkte aus zwei Abstände im Flusse messen. Der stromaufwärts befindliche Gehilfe suchte sich, während der Topograph den stromabwärts befindlichen Massstab visierte, mit seinem Bote einen passenden Punkt weiter unten im Fluss aus, worauf der Topograph wiederum zwischen beiden Stand fasste und erst den jetzt flussaufwärts befindlichen Massstab visierte dann den flussabwärts befindlichen u.s.f.
Dadurch, dassBierseine Messungen stets von dem am weitesten flussaufwärts gelegenen Punkt aus begann, lief er am wenigsten Gefahr, durch plötzliches Hochwasser aufgehalten zu werden, auch konnten sich die Böte mit dem Strome schnell abwärts bewegen.
Dank der langen Zeit von beinahe zwei Jahren, die wir am oberen Mahakam zu verbringen gezwungen waren, und der Sicherheit, mit der wir uns bewegen konnten, gelang es dem Topographen, den Mahakam stückweise, von seinem Ursprung an der Grenze von Sĕrawak an bis zu dem astronomisch bestimmten Punkt Ana am mittleren Mahakam, zu messen. Indem er den Kaso bis zum Pĕnaneh, dem Endpunkt der Messung des TopographenWerbata, hinauffuhr, konnte er später seine Messung des Mahakamgebietes nochmals mit derjenigen des Kapuas in Verbindung bringen.
In Anbetracht, dass der Kapuas, von Pontianak aus, seiner ganzen Länge nach bereits gemessen war, wurde mit einer Messung des Mahakam diejenige Borneos von West nach Ost vollendet.
Im Zusammenhang mit dieser Aufnahme wurde die Wasserscheide zwischen Mahakam und Barito vier Mal erstiegen: im Januar 1899 längs des Blu-u der Batu Lĕsong; im Juni 1899, bei der Messung des Bunut, der Batu Ajo; im Juli 1899 von Long Deho aus das gleiche Gebirge, nördlicher; und im April 1900, dem Mobong entlang, wiederum der Batu-Ajo, an einer dazwischen liegenden Stelle.
Auch bei der Messung des Pahngè, eines der gebräuchlichsten Verbindungswege mit dem Baritogebiet, gelangte der Topograph bis dicht an die Wasserscheide. Ausser den genannten Nebenflüssen wurden auch noch der Tjĕhan, Mĕrasè und der Tĕpai so weit als möglich gemessen. An Bergen wurden der Aufnahme wegen bestiegen: der Liang Tibab am oberen Kapuas; der Lasan Tojang im Quellgebiet des Mahakam; der Batu Balo Baun am oberen Mahakam; der Lĕkudjan auf der Kapuas-Wasserscheide; der Liang Karing am Tjĕhan; zwei Berge am Kaso; der Batu Lĕsong auf der Barito-Wasserscheide; der Batu Karang und Batu Situn am Mĕrasè, der Batu Mili am Blu-u und der Batu Ajo an drei verschiedenen Stellen.
Zwar suchten wir, um eine möglichst vollständige Übersicht über die Umgebung zu erlangen, zur Besteigung freiliegende Berge zu wählen, doch mussten wir oft auf besondere Umstände Rücksicht nehmen.
Da viele dieser Berge von den Kajan noch nie erstiegen waren, mussten wir, von anderen Erhebungen aus, häufig selbst eine Seite aussuchen, von der aus man den Gipfel wahrscheinlich erreichen konnte. Auf dem Gipfel angekommen befanden wir uns in einem dichten Walde, so dass zur Erlangung einer Aussicht erst Durchhaue ausgeführtwerden mussten. War der Gipfel sehr klein oder nur mit Gestrüpp bewachsen, wie wir es jedoch nur einmal trafen, so wurden auf das Fällen der Bäume einige Tage verwandt. Für gewöhnlich war dieses Verfahren aber wegen der grossen Oberfläche des Gipfels und wegen der grossen Härte der Gebirgsbäume nicht möglich. Wir wählten dann den höchsten Baum aus, liessen die meisten Äste entfernen und auf den übriggebliebenen eine feste Plattform bauen, auf der man mit Sicherheit visieren konnte. Der Auf- und Abstieg auf der primitiven Leiter war aber sowohl fürBierals für mich ein Wagstück. In unmittelbarer Nähe unseres Beobachtungspostens musste ausserdem stets eine grössere Anzahl Bäume gefällt werden, weil deren Kronen die Aussicht zu sehr beeinträchtigten.
Wegen der Abreise des TopographenBiervor dem Beginn unserer Expedition ins Quellgebiet des Kajan konnte von einer sorgfältigen Aufnahme dieser Gegend keine Rede sein. Dafür übernahm es der PhotographDemmeni, den Weg mittelst Handbussole und Schätzung des Abstandes zu messen, wie er es bereits während der ersten Reise 1896–1897 am Mahakam mit gutem Erfolg getan hatte.
Auch für unsere topographischen Arbeiten hatten die Eingeborenen bald eine Erklärung gefunden oder von den Malaien übernommen, sie glaubten nämlich, dass es uns darum zu tun sei, ihre Schlupfwinkel zu Kriegszwecken kennen zu lernen. Wir konnten sie von ihrer Überzeugung nicht abbringen, trotzdem wir darauf hinwiesen, dass wir uns doch nur an die Häuptflüsse und wichtigsten Berge hielten und dassBierseine Karte ausarbeitete, ohne ihre nächste Umgebung viel zu beachten. Trotzdem sind wir am oberen und mittleren Mahakam nie auf Widerstand seitens der Bahau gestossen; diese unternahmen unserer Arbeit wegen häufig weite Reisen in ihnen selbst unbekannte Gegenden.
Anfangs hatte es allerdings den Anschein, als arbeite man uns entgegen; denn nur selten erhielten wir über die Namen kleinerer Flüsse oder etwas abgelegenerer Berge richtige Auskunft. Entweder behauptete man, nichts zu wissen, oder man gab falsche Namen an. Zu unserem Erstaunen stellte es sich aber später heraus, dass mit geringen Ausnahmen wirkliche Unwissenheit in bezug auf alles, was sich nicht in unmittelbarer Nähe des Stammesgebietes befand, vorlag. Selbst hohe, die ganze Landschaft beherrschende Berge trugen nur bei den in nächster Nähe wohnenden Stämmen einen Namen. Nur diejenigen,die zu wiederholten Malen längs des gleichen Flusses gereist waren, konnten mit einiger Sicherheit dessen Namen angeben.
Die meisten kamen übrigens ihr Leben lang nicht aus ihrer Umgebung heraus und hatten für alles, was im Gebiet des benachbarten Stammes lag, kein Interesse. Da wir uns mit Hilfe eines Bahau von einer Bergspitze aus absolut nicht orientieren konnten, lernten wir bald, unsere eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zu Rate zu ziehen, sowohl wenn es galt, die Identität eines Berges festzustellen, als auch wenn ein Plan zur Erreichung eines bestimmten Punktes als Beobachtungspunkt gefasst werden musste.
Sollten unbekannte oder gefürchtete Gegenden besucht werden, so bildete für die Bahau nicht nur Unwissenheit, sondern auch Angst um ihre eigene und unsere Sicherheit einen Hinderungsgrund. Unserer topographischen Arbeit wegen mussten wir immer wieder Bergspitzen zu erklimmen suchen und gerade vor diesen fürchten sich die Eingeborenen so sehr, weil die Berghöhlen von bösen Geistern, hauptsächlich von den Donnergeistern, bewohnt werden. Um die gefürchteten Unternehmungen zu verhindern, nahmen die Bahau häufig zu falscher oder entsetzlich übertriebener Auskunft ihre Zuflucht; den Kern von Wahrheit mussten wir selbst herauszufinden suchen. Sobald ich aber den Zug mit einigen ihrer Männer wirklich antrat, taten sie alles, um ihm einen guten Erfolg zu sichern.
Wenige Hilfsmittel für Untersuchungen aller Art gewähren einem auf der Reise so viel Befriedigung als die Photographie; sie erfordert jedoch, je nach dem Ziel, das man verfolgt, und dem Land, das man bereisen will, eine besondere und sorgfältig gewählte Ausrüstung. Für ein sehr feuchtes Tropenklima, wie dasjenige von Borneo, sind Apparate von besonderer Widerstandsfähigkeit erforderlich. Obgleich wir bei der Zusammenstellung der Ausrüstung die verschiedensten Punkte eingehend berücksichtigten, wäre es uns ohne die besondere GeschicklichkeitDemmenisals Mechaniker, der im stande war, bald dieses, bald jenes an der Kamera und vor allem an den Wechselkassetten zu reparieren, nicht geglückt, länger als einige Monate zu photographieren. Hauptsächlich erforderten die neu aus Europa empfangenen Gegenstände, obgleich sie aus sehr gutem Material verfertigt waren, eine ständige Ausbesserung; bald krümmten sie sich vor Feuchtigkeit und Hitze, bald löste sich der Leim und musste durch Schrauben ersetzt werden.
Auch in bezug auf die photographische Ausrüstung galt unser Grundsatz: so vollständig und so leicht transportierbar als möglich. Hierbei kamen hauptsächlich die Platten in Betracht. Als besonders geeignet erwiesen sich die Extra-Rapid-Films 13 × 18 der FirmaPerutzin München; sie hatten den grossen Vorzug, leicht und unzerbrechlich zu sein und ein kleines Volumen einzunehmen. Der Apparat selbst bestand aus einer für die Tropen gearbeiteten Reisekamera aus Mahagoniholz, Format 13 × 18, auf sehr festem Stativ, versehen mit einem Anastigmat vonZeissmit einem Momentverschluss vonLinhof.
Die Kamera hatte mir bereits auf den beiden vorigen Reisen gedient und war somit klimabeständig. Der lederne Balg war gegen Insekten und Schimmel mit einer starken Lösung von arsenigsaurem Natron eingerieben und verursachte uns während der ganzen Reise keine Schwierigkeiten. In Verband mit der Benützung von Films gebrauchte ich auf der Reise 1896–97 eine Wechselkassette, welche in der Tat grosse Dienste geleistet hat, aber, wie erwähnt, nicht ohne ständige Ausbesserung seitens des Photographen. Nachdem wir sie mit einem neuen Sack ausgerüstet hatten, wurde sie gelegentlich auch auf der letzten Reise gebraucht, hauptsächlich wurde aber mit einer Wechselkassette vonGrundmann Zaspelgearbeitet, sie erwies sich aber, bevor wichtige hölzerne Teile durch metallene ersetzt worden waren, als vollständig ungeeignet für die Tropen. Für diese Wechselkassetten mussten Filmsträger aus Aluminium gebraucht werden, in welche die Films seitlich eingeschoben wurden. Häufig standen die Films verbogen darin, so dass die Bilder in der Mitte oder an den Seiten weniger scharf wurden als an anderen Stellen; hiervon abgesehen, erfüllten sie ihren Zweck sehr gut.
Eine metallene Kamera mitzunehmen, ist sehr ratsam; jedenfalls aber sollte man sich mit metallenen Chassis versehen; ihrer sechs werden sich stets als genügend erweisen.
Die Extra-Rapid-Films vonPerutzhaben mir auch, was Haltbarkeit der Films und Deutlichkeit der Bilder betrifft, stets gut gefallen. Sobald man nicht in der Lage ist, einen neuen Vorrat Films anzugreifen, lernt man deren grosse Haltbarkeit schätzen; sie hatten auch nach zwei Jahren nichts an Empfindlichkeit eingebüsst und lieferten ebenso deutliche Bilder als zuvor. Vorsichtshalber hatte ich bereits in der Fabrik jedes Dutzend gesondert in Zinkkästchen verlöten lassen, so dass wenigstens der Einfluss der Feuchtigkeit ausgeschlossen war; vor zu grosser Erhitzung suchten wir sie ebenfalls so viel als möglich zu schützen.
Chemikalien und Gerätschaften, um die belichteten Films schon auf der Reise entwickeln zu können, wurden in genügender Menge mitgenommen. Das Entwickeln wurde denn auch stets, sobald Aussicht vorhanden war, das Negativ vollständig abarbeiten zu können, baldmöglichst vorgenommen. Als Entwickler diente fast ausschliesslich Hydrochinon; für Momentaufnahmen diente zuletzt auch Methol.
Da ohne Dunkelkammer gearbeitet werden musste, wurde immer abends entwickelt und es zeigte sich, dass bei einer Entwicklung im Walde auch eventueller Mondschein den Prozess wenig benachteiligte.
Positive wurden während der Reise nicht verfertigt. Auf allen Reisen hatten wir ausser dieser Ausrüstung noch Detektivkameras für Momentaufnahmen von kleinerem Format mitgenommen. Obgleich wir kostbare Apparate angeschafft hatten, waren sie für die Tropen doch ungeeignet und lieferten selten gute Resultate. Teilweise trugen hieran die eigenartigen Umstände, unter denen wir photographieren mussten, und die Gegenstände, welche wir photographieren wollten, die Schuld. Bei unserem Reiseleben musste eine Aufnahme oft in einem bestimmten Augenblick, bei schlechter Beleuchtung, bei Regen u.s.f. gemacht werden. Handelte es sich um Personen, so waren fast stets nur Momentaufnahmen möglich, da die Bahau vom Stillestehen keine Ahnung haben; erst viel später konnten wir bei einigen von ihnen eine Zeitaufnahme ausführen.
Innerhalb der Häuser konnte nur bei sehr langer Exposition photographiert werden, weil die Beleuchtung in den Wohnungen eine sehr schlechte ist und die Wände noch dazu so dunkel sind, dass auch Momentaufnahmen bei Magnesiumlicht wegen der starken Absorption des Lichtes durch die Wände missglückten. Nur da, wo wir Zeitaufnahmen bei Magnesiumlicht machen konnten, hatten wir guten Erfolg. Festlichkeiten, Versammlungen und allerhand Szenen, bei denen viele Menschen anwesend waren, konnten wir innerhalb des Hauses daher nicht photographieren.
Ausser durch ihre Unfähigkeit stillzusitzen bereitete die Bahaubevölkerung den photographischen Aufnahmen auch sonst noch so grosse Schwierigkeiten, dass wir häufig von einer Aufnahme ganz absehen oder sie auf Monate, auf eine günstigere Gelegenheit, verschieben mussten. Die Abneigung der Eingeborenen gegen die Photographie hatte ihre eigenen Gründe. Der unbekannte Zweck und das Geheimnisvolle der einen, augenartigen Linse erschreckte die Leute.Man hätte eine derartige Angst durch angemessene Belohnung überwinden können, wenn die Bahau nicht überzeugt gewesen wären, dass ihre Seele (bruwa) vor Schreck den Körper verlassen könnte, was Krankheit und Tod zur Folge gehabt hätte.
Noch eine andere Eigenschaft der Bahauseele schreckte die Leute von der Photographie ab: die Seele konnte nämlich Bild und Original verwechseln und ersterem, somit auch uns, folgen, was natürlich grenzenloses Elend veranlasst hätte; denn nicht nur, dass der Körper dadurch erkrankt wäre, sondern ich hätte dadurch auch auf weite Entfernung auf die abgebildete Person Einfluss ausüben können.
Einige Male hörte ich auch einige alte Männer erklären, dass sie sich nicht photographieren lassen wollten, weil ihre Bilder später in ein Buch aufgenommen und von jedem besehen werden würden. Von der Aufnahme in ein Buch hatten sie natürlich durch unsere Malaien gehört, die sich übrigens auch selbst nur zögernd und ängstlich zu einer Aufnahme hergaben.
Anfangs gaben sich die Menschen von dem allem nicht Rechenschaft. Als wir daher zum ersten Mal im Jahre 1896 am Mahakam zur Zeit des Saatfestes eintrafen, waren uns die Kajan bei der Aufnahme der interessanten Maskentänze, die zum Glück im Freien stattfanden, noch selbst behilflich. Nachdem alle Zweifel einmal entstanden waren, dauerte es aber vier Monate, bevor wir jemand dazu bringen konnten, sich vor unsere Kamera zu stellen. Zuerst überwanden einige junge Männer ihre Skrupel, dann zeigte sich auch ein leichtsinniges, fröhliches junges Mädchen,Anja Song, zur Aufnahme bereit. Das Mädchen verkehrte so häufig in unserer Hütte, dass sie einerseits die Angst vor allem Ungewöhnlichen verlor, anderseits der Verlockung, mit Perlen und hübschem Zeug belohnt zu werden, nicht länger widerstehen konnte.Anja SongsHeldenhaftigkeit hatte übrigens auch noch einen tieferen Grund; das Mädchen, eine halbe Sklavin, liebteSawang Jok, einen der vornehmsten jungen Leute des Stammes, und, da dieser sich hatte photographieren lassen, wollte ihmAnja Songan Mut nicht nachstehen. Als sie von den Eltern ihres leichtsinnigen Benehmens wegen streng bestraft wurde, überredete sie zur eigenen Entschuldigung einige Freundinnen, sich ebenfalls zur Photographie herzugeben. Nachdem die Bresche einmal geschlagen war, erhielten unsere Aufnahmen einen grossen Zulauf, besonders war dies bei unserem zweiten Besuch bei den Kajan am Blu-u der Fall, aber erst nachdem wir wiederum einigeMonate bei ihnen gelebt hatten. Diesem Zulauf haben die Bilder, welche die verschiedenen Industrieen der Bahau darstellen, ihr Dasein zu verdanken.
Bei den Mendalam Kajan war das Vorurteil vor der Photographie viel schwerer zu überwinden als bei denen am Mahakam; das Gleiche galt auch in bezug auf die anthropometrischen Messungen. Da mir bei meinem ersten Aufenthalt unter ihnen, im Jahre 1894, hauptsächlich an letzteren gelegen war, liess ich die Photographie ruhen. Im Jahre 1896, als ich meine Expedition zum Mahakam bei ihnen vorbereitete, vermied ich alles, was irgendwie ungünstig auf den Verlauf unserer Unterhandlungen hätte einwirken können; als man sich daher zur Aufnahme nicht willig zeigte, suchte ich nichts durchzusetzen. Nur meine alte FreundinUsunüberwand sich selbst, um mir eine Freude zu machen, und kam nach meiner Abreise von Tandjong Karang nach Putus Sibau, um sich photographieren zu lassen. Bei ihrem hohen Alter spielte wohl auch die Überlegung, dass der Photograph ihrer Ehrbarkeit Abbruch tun könnte, wenn er an ihrem umgekehrten Bilde auf der Mattscheibe unerlaubte Dinge sehen würde, keine grosse Rolle. Die vielen Malaien, die am Mendalam verkehrten, hatten nämlich erzählt, dass beim Photographieren sowohl die Personen als deren Kleider sich umkehrten. AufUsunPhotographie ist daher zu sehen, dass sie über die gewöhnlichetă-ānoch ein besonderes Tuch geschlungen hat und dass sie beide Arme krampfhaft an ihre Beine presst, um den Röck festzuhalten. Obgleich wir den Kajan häufig das Bild auf dem Mattglas zeigten, konnten wir ihnen doch die von den Malaien übernommene Überzeugung nicht nehmen.
Verhältnisse bei den Mahakam Kajan.—Zeitrechnung—Beschäftigungen während der Verbotszeit—Besteigung des Batu Mili—Saatfest—Maskenspiel—Kreiselspiel—Abschied vonAdam IgauundJung—Fahrt zum Mĕrasè—Tod des HäuptlingsBo Li—Begegnung mit malaiischen Rebellen—Beginn mit der Mahakamaufnahme—Zweite Besteigung des Batu Mili—Sage vom Batu Mili—Hahnenkämpfe.
Verhältnisse bei den Mahakam Kajan.—Zeitrechnung—Beschäftigungen während der Verbotszeit—Besteigung des Batu Mili—Saatfest—Maskenspiel—Kreiselspiel—Abschied vonAdam IgauundJung—Fahrt zum Mĕrasè—Tod des HäuptlingsBo Li—Begegnung mit malaiischen Rebellen—Beginn mit der Mahakamaufnahme—Zweite Besteigung des Batu Mili—Sage vom Batu Mili—Hahnenkämpfe.
Der Stamm der Kajan befand sich bei unserer Ankunft in einer Übergangsperiode. Nach der letzten günstigen Ernte im Frühling waren zwar die meisten Familien, die seit dem Niederbrennen ihres langen Hauses, 13 Jahre lang, zerstreut auf ihren Reisfeldern gewohnt hatten, an die Mündung des Blu-u gezogen, aber der Hausbau schritt doch nur sehr langsam vorwärts; auch waren viele Familien durch die jahrelange Trennung einander völlig entfremdet und so scheu geworden, dass sie es nicht wagten, mit den eigenen Stammesgenossen am Blu-u zusammenzuziehen. Aus Besorgnis, dass diese Entfremdung den Stammverband und somit die innere Macht des Stammes lockern könnte, wünschteKwing Irang, dass sich alle Familien baldmöglichst in der neuen Niederlassung vereinigten.
Die Familien der Sklaven zur Rückkehr zu bewegen, war für den Häuptling eine besonders schwierige Aufgabe; denn diese hatten in oft weit entlegenen Flusstälern jahrelang die grösste Freiheit genossen und fürchteten nun mit Recht, dass sie nach ihrer Rückkehr zum Stamme gezwungen sein würden, mehr für den Häuptling zu arbeiten. Nur 10 Sklavenfamilien hatteKwing Irang, dem wenigstens 150dipe̥ngehörten, bei sich zurückbehalten und einige andere bebauten unter Aufsicht einer ihm befreundeten, freien Kajanfamilie seine weiter abgelegenen Felder.
Steine zur Bestimmung des Sonnestandes während der Saatzeit.Steine zur Bestimmung des Sonnestandes während der Saatzeit.
Steine zur Bestimmung des Sonnestandes während der Saatzeit.
Steine zur Bestimmung des Sonnestandes während der Saatzeit.
Die gute Ernte, der sich die Kajan in diesem Jahre erfreuten, spürte ich sogleich an der Schnelligkeit, mit der sich die vom Häuptling geliehenen grossen Fässer aus Baumrinde mit gewöhnlichem Reis und Klebreis füllten. Der reichen Ernte wegen hatte der Stamm auch noch nicht mit Säen begonnen, obgleich es bereits Oktober war. Bei meinerAnkunft 1896 hatte man bereits Anfang September gesät; damals war aber eine Missernte vorangegangen, auch wurden diesmal viele durch den Umzug an der Feldarbeit verhindert.
Die meisten Familien legten in diesem Jahre, des Überflusses an Reis und des Häuserbaues wegen, nur kleine Reisfelder an.
Der offizielle Saattag fiel diesmal, wie auch sonst öfters, nicht mit dem wirklichen Saattag zusammen. Den ersteren bestimmt der alte PriesterBo Jok, nach dem Stand der Sonne, indem er neben dem Hause zwei längliche Steine, einen grösseren und einen kleineren, aufrichtet und dann den Zeitpunkt beobachtet, in dem die Sonne in der Verlängerung der Verbindungslinie dieser beiden Steine hinter den gegenüberliegenden Hügeln untergeht. Der Saattag ist der einzige, denBo Jokauf astronomischem Wege bestimmt. Im übrigen ist die Zeitrechnung bei den Kajan eine mehr oder weniger willkürliche und vom Ackerbau abhängige (SieheKap. VIII).
Der Monat oder, wie sie sagen, der Mond (bulăn) spielt bei den Kajan eine grössere Rolle als das Jahr (dumān), von dem kaum jemand recht weiss, aus wievielen Monden es besteht. Für gewöhnlich rechnen sie ein bis zwei Monde auf die Saat, 5 Monde auf die Zeit, die der Reis zum Reifen nötig hat, zwei bis drei Monde auf die Ernte und drei Monde bis zur folgenden Saat.
Die verschiedenen Monde besitzen bei den Bahau keine besonderen Namen.
Bei den Mendalam Kajan besitzen die verschiedenen Tage in der Zeit des sichtbaren Mondes folgende Namen in der Busang Sprache:njinā(sehen)dang(genügend);matan(Auge)dang; lĕkurdang; butit(Bauch)halab(Tetradon, ein Kofferfisch)ok(klein);butit halab aja(gross);kĕlĕong(Körper)paja ok; kĕlĕong paja aja; bĕliling(Rand)dijaundkamat(voller Mond). Die folgenden Tage tragen die gleichen Namen, aber in umgekehrter Reihenfolge und mit der Hinzufügung vonuli= nach Hause gehen. Die Tage des unsichtbaren Mondes werden nicht bezeichnet.
Die verschiedenen Tageszeiten heissen im Busang der Mendalam Kajan:dow(Tag)bĕkang(offen, gespalten), um 6 Uhr morgens;dow njirang(scheinen)mahing(kräftig), um 9 Uhr ungefähr;dow nĕgrang(aufrecht)marong(wirklich), um 12 Uhr;dow njaja(gross), um 4 Uhr;dow lĕbi(klein), um 6 Uhr abends.
Die Mahakam Kajan besitzen für die Tageszeiten andere Bezeichnungen:bĕluwa(halb)dow, um 12 Uhr mittags;dow uli(von der Feldarbeit heimkehren), ungefähr 4 Uhr;tiling(ein Heimchen, das sich nur bei Sonnenuntergang hören lässt)duan(tönen), um 6 Uhr.
Während die übrigen Stämme mit den Saatfesten und Verbotszeiten bereits begonnen hatten, trafen die Kajan erst ihre Vorbereitungen. Am 13. Oktober liess auchKwing Irangendlich für seinen Stamm die Verbotszeit eintreten, die auch für uns eine Zeit grosser und sehr erwünschter Ruhe wurde, denn weitaus die meisten arbeitsfähigen Familienglieder zogen bereits morgens früh nach ihren Reisfeldern, um dort die erforderlichen Zeremonien zu verrichten und mit dem Säen zu beginnen. Da die Bahau bei dieser Gelegenheit intim mit ihren Geistern verkehren und die Gegenwart der schreckenerregenden Fremden hierbei von nachteiligem Einfluss ist, überwand ich, um mit allen Leuten auf gutem Fuss zu stehen, meine Neugier und blieb mit den Meinen ruhig zu Hause. Übrigens hatte ich ja auch schon am Mendalam das Saatfest miterlebt. Die Verbotszeit erstreckte sich auch auf uns, und so genossen wir, da ausser Kajan niemand zur Niederlassung Zutritt hatte, auch von aussen her der Ruhe.
AlsTigangmit den Seinen bereits am 16. Oktober bei uns eintraf, durfte er unser Dorf nicht betreten. Er hatte den Mĕrasè hinauffahren wollen, um die Ma-Suling zu besuchen, hatte aber seinen Plan aufgeben müssen, da bei diesen am Tage zuvor die Verbotszeit eingetreten war.
Die Ma-Suling vom Mendalam waren dort noch rechtzeitig, zwei Tage zuvor, angekommen, durften nun aber vor Ablauf deslāli nugalnicht von dort weg.Tiganghatte auch die Niederlassung Lulu Njiwung wegen deslāligesperrt gefunden und war dann flussabwärts bis nach Long Tĕpai gefahren, wo er Reis für seine Rückreise hatte einkaufen können. Er hatte die Absicht, beiBĕlarèeinen günstigen Wasserstand abzuwarten und dann schnell nach dem Mendalam zurückzukehren; daher beendeten wir eiligst unsere Briefe und Berichte für die Aussenwelt und reichten sie ihm unterKwing IrangsZustimmung in sein Boot. Reis, Tabak und andere Dinge durften wir ihm jedoch nicht mitgeben.
Glücklicher Weise war es meinen Jägern und Pflanzensuchern, falls sie nicht die Nacht fortblieben, gestattet, täglich in der Umgegend umherzuschweifen. Abends waren wir wohl ein bis zwei Stunden damit beschäftigt, den Kajan die vom Felde mitgebrachten Insekten und anderen Tiere abzukaufen;Demmeniund zwei der geschicktesten Malaien,MurcharundAbdul, übernahmen die Verpackung der Tiere. Gleichzeitig suchteDemmeniauch den Schaden, den die photographischen Apparate während der Reise durch Feuchtigkeit erlitten hatten, wieder gut zu machen, was ihm auch, dank der praktischen Ausrüstung an Werkzeugen aller Art, die er mitgenommen hatte, glückte.
Der Kontrolleur, der bisher jeden TagAdjāng, Akam IgausSohn, unterrichtet und gleichzeitig auch von ihm gelernt hatte, gab sich alle Mühe, diese Quelle des Busang noch nach Möglichkeit auszunützen; denn so gern wir diesen allgemein beliebten Reisegesellen auch bei uns behalten hätten, mussten wir ihn jetzt doch mit seinem Vater, der sich zu den Kĕnja am Tawang begab, weiter ziehen lassen, daAkam Igauaus Furcht vor seiner TochterTipongnicht wagte,Adjāngzurückzulassen, obgleich dieser selbst gern bei uns geblieben wäre.
Inzwischen überlegte ich mitBier, was mit Rücksicht auf die Überzeugungen unserer Gastherren im Augenblick für die Aufnahme des Mahakamgebietes getan werden konnte. Ein systematisches Zuwerkegehen, wie in einem Lande, in dem man sich jederzeit frei bewegen kann, war hier unmöglich. Am wünschenswertesten wäre es gewesen, mit der Messung des Mahakam vom Howong an zu beginnen, aber in dieser Zeit deslāli nugaldurften wir nicht von Hause fort, ich musste sogar 6 Tage warten, bevor ichBiervon einem hoch gelegenen Reisfelde aus eine Übersicht über die Umgegend geben durfte. Die Reisfelder liegen hier nämlich nicht, wie in dem flachen Lande am Mendalam, tief, sondern an den Abhängen oder auf den Gipfeln der Hügelreihen, welche die Kajan zu diesem Zweck entwaldet haben. Da sich die Felder oft bis 200 m oberhalb des Mahakam befinden, bieten sie prachtvolle Aussichtspunkte auf die mit dichtem Walde bedeckte Umgebung.
Ein viel verlockenderer Aussichtspunkt lag jedoch gegenüber, am anderen Ufer des Mahakam, nämlich ein ganz freistehender, oben beinahe kahler, 800 m hoher Andesitkegel, der Batu Mili, der ein prachtvolles Panorama des oberen Mahakamgebietes liefern und daher auch für unseren weiteren Plan der Aufnahme von grösster Wichtigkeit sein musste. Dieses ins Auge fallende Ungeheuer, das seinen 100 m hohen zylinderförmigen Gipfel so unheilverkündend grau aus dem mit dunkelgrünem Urwald bedeckten Kegel erhob, hatte natürlich auf die Gemüter der Kajan tiefen Eindruck gemacht.
Über den Ursprung des Batu Mili und über seine Rolle als Wohnplatzvieler Donnergeister bestehen zahlreiche Erzählungen und sowohl sein Gipfel als auch die Wälder auf seinen Abhängen flössen Schrecken ein; selbst die am anderen Ufer oberhalb am Fluss wohnenden Malaien vermeiden den Berg. Nur in grosser Entfernung darf man Wald zur Anlage von Reisfeldern fällen und dem in diesen unberührten Wäldern zahlreichen Wild Fallen stellen.
Der Batu Mili bei Long Blu-u.Der Batu Mili bei Long Blu-u.
Der Batu Mili bei Long Blu-u.
Der Batu Mili bei Long Blu-u.
Die Angst der Kajan vor dem Batu Mili erscheint um so unverständlicher, als sie sehr wohl wissen, dass ein Mann einst einen Monat lang unbeschadet auf seinem Gipfel zugebracht hat. Wie mir nämlichLirung, Kwing Irangs Nichte, erzählte, hatte in ihrer Jugend, vor zwanzig Jahren, in dem damals weiter oben gelegenen Hause ihres Vaters ein Mann gewohnt, für den das Leben nach dem Tode seiner Frau keinen Reiz mehr hatte. Um mit der geliebten Gattin inApu Ke̥siọbald wieder vereinigt zu werden, beschloss der Mann, sich das Leben zu nehmen. Er hielt es jedoch für des Gedächtnisses seiner Frau unwürdig, sich auf die übliche Weise, durch Ertränken, Halsabschneiden oder Pfeilgiftessen umzubringen, und bestieg daher den Batu Mili, in der Hoffnung, von den auf dem Gipfel hausenden Geistern getötet zu werden. Länge hörte man nichts von dem Manne, bis er eines Tages entsetzlich abgemagert, sonst aber unversehrt, zurückkehrte—die Geister hatten ihn nicht töten wollen. Er lebte noch mehrere Jahre im Stamme, heiratete aber nicht wieder. Einige meiner Leute hatten ihn noch gekannt.
In der letzten Zeit, wo die Kajan in nächster Nähe ihres Dorfes nach Grundstücken suchten, hatten sich einzelne doch viel näher an den gefürchteten Berg herangewagt als früher. So hatte einer der angesehensten Männer des Stammes,Bo Kwai, dessen SohnMaringuns bei unserem vorigen Besuch oft als Führer gedient hatte, sogar auf dem westlichen Rücken des Batu Mili sein Reisfeld anzulegen gewagt. Nach diesem hochgelegenen Punkte wollte ichBierzur Orientierung führen, zugleich aber auch versuchen, längs dieses Rückens, der, nach den Gipfeln der Bäume zu urteilen, am höchsten auf die nach allen anderen Seiten senkrecht abfallende Spitze hinaufführte, zu einem noch günstigeren Aussichtspunkte zu gelangen.Kwing Irangschüttelte das Haupt und erklärte bestimmt, dass wenigstens der Gipfel des Berges nicht zu besteigen sei. Keiner der Kajan wollte uns weiter als bis zum Reisfeld desBo Kwaiführen und auch dahin wollten nur zwei mit; die anderen fürchteten, dass man sie am Ende doch nochzwingen würde, in diese schreckenerregenden Wälder einzudringen. Meine eigenen Leute waren, als Fremde in dieser Gegend, weniger bang vor den Geistern des Batu Mili und drei der besten, der KorporalSuka, der dajakisches Blut mit malaiischer Energie vereinigte, und zwei Pinau Malaien erklärten sich zum Mitgehen bereit. Unter dem fremden Gesindel, das sich am Mahakam auf hielt, befand sich auch der bereits erwähnte ChineseMi-Au-Tong, der wegen Schulden aus Pontianak erst nach Sintang, dann an den oberen Kapuas und schliesslich an den oberen Mahakam geflüchtet war; da der Mann die Umgegend kannte und auf einen guten Taglohn erpicht war, nahm ich ihn mit.
Am Morgen des 22. Oktober machten wir uns auf den Weg. Über die neu angelegten Reisfelder am Fusse des Berges gelangten wir an einen bewaldeten Abhang, den wir hinaufstiegen, bis wir endlich nach einigen Stunden auf 650 m Höhe vor einer senkrechten Felswand standen, die ein Erklimmen des Gipfels unmöglich zu machen schien. Die Vegetation kam uns aber auch diesmal zu Hilfe, denn die Malaien entdeckten bald hinter ein paar Felsblöcken eine 2–3 m breite Felsspalte, an welcher einige mächtige Lianen wie dicke Kabel herabhingen und eine vorzügliche Gelegenheit zum Klettern boten. Meine barfüssigen Begleiter kletterten denn auch sogleich an den Lianen hinauf und schwangen sich dann auf eine durch Baumwurzeln zusammengehaltene Felsmasse an der rechten Seite der Spalte. Von dort aus fanden sie augenscheinlich eine Möglichkeit zum Weiterkommen; denn ihre Stimmen verklangen mehr und mehr. Da ich mit meinen beschuhten Füssen das Kletterkunststück meiner Leute nicht nachmachen konnte, rief ich sie mit meiner Pfeife zurück, um ein Mittel zu ersinnen, das auch mich über die Felswand brächte. Dünne, gerade Stämmchen und Rotang, um sie zu verbinden, waren in nächster Nähe im Überfluss vorhanden; so war denn bald eine Art Leiter hergestellt, auf der ich unter Zurücklassung meines Hundes und Stockes gut folgen konnte. Der Hund erhob allerdings ein Jammergeheul, das erst endete, als ich mich später wohlbehalten wieder bei ihm einfand.
Weiter oben ging es an einer Seitenwand des Rückens hinauf, wobei wir die Hände mindestens ebensoviel als die Füsse gebrauchten. Zwischen Gestrüpp hindurch führten mich meine Begleiter über moosbedeckte Wurzeln den Abhang aufwärts, der ohne diese gänzlich unzugänglich gewesen wäre. Vor und hinter mir achtete je ein Malaie darauf, dass die Wurzeln, denen ich mein Gewicht anvertraute, auchstark genug waren und dass ich meinen Fuss nicht auf Moos setzte, das von unten nicht genügend gestützt war oder auf einem verfaulten Baumstamm lag. So kamen wir langsam aber doch stetig vorwärts und, nachdem wir noch einen Punkt passiert hatten, von dem aus ich auf Anraten des Chinesen nicht nach rechts blicken durfte, wurde der Rücken weiter oben gangbarer, da wir einem augenscheinlich durch Tiere unterhaltenen Pfade folgen konnten. Wir mussten ihn zwar kriechend zurücklegen, standen aber bald vor der nackten Felswand dicht unter dem Gipfel. Ein Spalt in der Mauer und einige Unregelmässigkeiten im Gestein genügten, um meine Leute bei 70° Steigung über die 20 m hohe Wand zu bringen, und, da sie der Meinung waren, dass ich, einmal so weit gekommen, nun auch die Spitze besteigen müsste, entledigte ich mich meines Schuhwerks und langte mit einiger Hilfe ebenfalls oben an.
Nachdem wir die herrliche Aussicht über die weite Waldlandschaft genossen hatten, beeilten wir uns, auf dem gleichen Wege wieder nach Hause zu gelangen, und kamen in der Tat glücklich, wenn auch sehr ermüdet, heim.
Das Erstaunen der Kajan über das unerwartete Gelingen unseres Unternehmens war gross; sie hatten von unserer Anwesenheit auf dem Gipfel aber nichts gemerkt und auch unsere Schüsse nicht gehört, so dass ein an einen Stock gebundenes Stück weissen Kattuns, das wir oben als Signal zurückgelassen hatten, unserer Erzählung als Beweis dienen musste.
In Anbetracht, dass wir auf dem Gipfel für Beobachtungen keine Zeit gehabt hatten undBierauch nicht dabei gewesen war, nahm ich mir vor, bald wieder dorthin zurückzukehren.Kwing Irang, von Natur unternehmend, aber durch seine Umgebung und seinen Aberglauben eingeschüchtert, erklärte sich jetzt sogleich bereit, mich zu begleiten. Darauf meldeten sich auch einige zwanzig junge Kajan als Begleiter auf den bisher so gefürchteten Berg an; doch musste die zweite Besteigung bis nach Ablauf der Verbotszeit und der drückendsten Arbeit während der Saatzeit verschoben werden.
In allgemeinen gelten am Mahakam für die Verbotszeit die gleichen religiösen Vorschriften wie am Mendalam, doch machen sich Verschiedenheiten in der Auffassung deradatgeltend. Die Saatzeit zerfällt in drei neuntägige Perioden, von denen jede, nach Rechnung der Kajan, aus einem Opfertag und acht Nächten besteht.
Am ersten Tage der ersten Saatperiode begiebt sich der Häuptling mit den Seinigen und vielen anderen Familien auf das Reisfeld, um den Geistern zu opfern (murang). Da die Geister am Geruch merken können, wer sich am Opfer (kurang) beteiligt hat, werden auch die sehr kleinen Kinder mitgenommen, damit auch diese das Opfer berühren. Bei dieser Art des Opfers wird zweimal im Laufe des Vormittags eine Mahlzeit gehalten. Darauf müssen die Kajan acht Tageme̥lo̱.
Am ersten Tage der zweiten Periode findet das Maskenspiel statt.
Am zweiten Tage beginnt man das grosse Feld des Häuptlings zu besäen, eine Arbeit, an der sich Vertreter sämtlicher Familien sowohl der Freien als der Sklaven beteiligen. Am gleichen Tage opfern die Familien der Freien auf ihren eigenen Feldern, worauf sie an den Tagen zu säen beginnen, die sich für sie in dieser Periode als günstig erwiesen haben. Gewisse Tage sind nämlich nur für gewisse Familien günstig; der Häuptling darf nur am 1ten, 3ten und 7ten Tage säen, andere Familien haben wieder andere Saattage. Die Tage, an denen nicht gesät werden darf, leiten sich von Todes- oder grossen Unglücksfällen oder besonderen Missernten her. Alle diese Bestimmungen gelten nicht nur für diese zweite neuntägige Periode, sondern auch für die dritte, ebenfalls neuntägige Saatperiode. Während der zweiten Periode darf aber nur an sechs Tagen gesät werden, der achte und neunte sind Ruhetage.
Am folgenden Tag beginnt die dritte Periode mit Maskenspiel und verläuft in gleicher Weise.
Haben am zweiten Tage der dritten Periode Freie und Sklaven wieder für den Häuptling gesät, so dürfen letztere mit dem Besäen der eigenen Felder beginnen; sie opfern jedoch nicht selbständig, sondern mit dein Häuptling gemeinsam.
Das grosse Reisfeld des Häuptlings wirdlumā ajọgenannt.
Jede Kajanfamilie richtet am zweiten Tage der ersten Periode auf ihrem Felde ein Opfergerüst (pe̥lāle̱) auf, mit dem die Säer während des Säens in Verbindung bleiben müssen; daher ist es Fremden verboten, zwischen diesen und dempe̥lāle̱hindurchzugehen; auch dürfen die Kajan sich auf dem Felde nicht mit Fremden abgeben, vor allein nicht mit ihnen sprechen. Ist dies zufällig doch geschehen, so hört man an diesem Tage mit dem Säen auf.
Die erste neuntägige Periode bildet die eigentliche Verbotszeit, während welcher kein Fremder die Niederlassung betreten und kein Dorfbewohnerdie Nacht ausserhalb des Hauses verbringen darf. Ferner dürfen die Kajan nicht jagen, Früchte pflücken und mit dem Wurfnetz (djala) oder Schöpfnetz (hiko̤̱p) fischen gehen. Im Gegensatz zu deradatder Mendalam Kajan dürfen die Mahakam Kajan in dieser Zeit Blut vergiessen, indem sie Schweine und Hühner schlachten, auch ist Angeln (niese) erlaubt und menstruierenden Frauen gestattet, das Reisfeld zu betreten. Dagegen dürfen die Frauen in dieser Periode einige Arten Fische nicht essen. Auch ist es bei ihnenlāli, nach Anfang der Saat zeit die Felder durch Fällen von Wald noch zu vergrössern, und erst, nachdem vier Tage der zweiten Periode verlaufen sind, darf das kleine, übriggebliebene Holz auf dem Felde verbrannt werden.
Hudo̱ Kajo̱, als Geister verkleidete Männer.Hudo̱ Kajo̱, als Geister verkleidete Männer.
Hudo̱ Kajo̱, als Geister verkleidete Männer.
Hudo̱ Kajo̱, als Geister verkleidete Männer.
In den letzten Tagen vor der Maskerade haben besonders die jungen Leute vollauf mit den Vorbereitungen zu tun. Die ursprüngliche Bedeutung dieses Maskenspiels lässt sich nur noch an dem Geistertanz, den die jungen Männer aufführen, erkennen. Das Spiel wurde, wahrscheinlich weil der Stamm nun zum ersten Mal wieder beisammen wohnte und als Ganzes das Fest feierte, gerade jetzt vollständig aufgeführt, was bei meinem vorigen Aufenthalt und auch im folgenden Jahr nicht mehr der Fall war.
Ihrer Überzeugung gemäss, dass die Geister mächtiger sind als die Menschen, nehmen die Kajan an, dass, wenn sie die Gestalt der Geister nachahmen und deren Rollen erfüllen, sie auch Übermenschliches zu leisten vermögen. Gleichwie ihre Geister also die Seelen der Menschen zurückzuholen im stande sind, glauben diese, auch die Seelen des Reises zu sich heranlocken zu können. Zu diesem Zwecke handhabt die Hauptperson beim Maskenspiel einen langen, hölzernen Haken (krawit bruwa), dessen Schaft teilweise zu langen, feinen Spänen zerschnitten und mit diesen verziert ist (Siehe Taf.:hudo̱ kājo̱). Die Darsteller treten in einem bestimmten Augenblick hinter einander in eine Reihe und reichen einander hinter der Hauptperson, die voranschreitend den langen Haken in die Höhe hebt, die Hand. Hierauf macht der Vordermann, und mit diesem zugleich auch die ganze Reihe, eine Bewegung, als wolle er mit dem langen Haken etwas zu sich heranholen, nämlich die Seelen des Reises, die sich bisweilen zum Kapuas und Barito verirren.
Holzmasken.Holzmasken.
Holzmasken.
Holzmasken.
Wie wichtig die Bahau es finden, dass sich die Reisseelen stets in ihrer Nähe aufhalten, ersieht man daraus, dassBĕlarèdie Missernten der letzten Jahre dem Umstande zuschrieb, dass beim Verbrennenseines Hauses durch die Batang-Lupar auch die Reisseelen vertrieben worden waren. Da Geister nach Auffassung der Kajan nicht sprechen können, dürfen auch deren Darsteller kein Wort äussern, da sie sonst Gefahr laufen, tot niederzufallen.
Entsprechend ihrer Vorstellung, dass die mächtigen Geister mit allem, was ihnen selbst schreckenerregend vorkommt, ausgestattet sind, verwandeln sich die jungen Männer in stark behaarte Wesen mit grossen Augen, riesigen Hauern und grossen, mit den Eckzähnen der Panther verzierten Ohren. Eine mit den schönen Schwanzfedern des Rhinozerosvogels geschmückte Kriegsmütze und ein Schwert vervollständigen das Kostüm.
Um die starke Behaarung nachzuahmen, werden grosse Bananenblätter seitlich ausgefranst und mit dem Hauptnerv um den ganzen Körper gewickelt, der auf diese Weise in eine unförmliche grüne Masse verwandelt wird.
Mehr Mühe kostet die Herstellung der grossen Masken aus leichtem, weissem Holz (hudo̱ kājo̱), die besonders bei den Kajan und Long-Glat sehr kunstgemäss und sorgfältig geschnitzt werden. Gewöhnlich stellt jeder junge Mann seine eigene Maske her, aber einige besonders Geschickte legen bisweilen an die der anderen die letzte Hand an. Obwohl die Linien und Flächen der Masken sehr grotesk sind, werden sie doch stets deutlich und symmetrisch ausgeführt; auch die später angebrachte Malerei zeugt von dem Farbensinn, der diesen Stämmen eigen ist. Das Gesicht besteht aus einem einzigen Stück, nur der Unterkiefer wird gesondert angebracht, um ihn während des Tanzes klappernd bewegen zu können. Sowohl im Ober- als im Unterkiefer werden die grossen Hauer mittelst hölzerner Stifte befestigt. Wenn möglich, stellt man die Augen durch Deckel von Spiegeldosen, sonst aber durch Deckel der runden, kupfernen Beteldosen dar.
Die grossen, oft schön geschnitzten Ohren bestehen aus Scheiben, in denen oben künstliche Pantherzähne stecken, während unten, an langen Bändern, welche die ausgereckten Ohrläppchen vorstellen, Ohrgehänge hängen. Die Ohrverzierungen werden nach den veralteten Modellen, die jetzt nur noch als Antiquitäten aufbewahrt werden, verfertigt. Als Bart benützt man, wenn möglich, das aus Celebes eingeführte weisse Ziegenhaar (bok kading), das bei den Bahau als Verzierung für Schwerter und Schwertscheiden sehr beliebt ist. Diejenigen, die Ziegenhaar nicht erschwingen können, begnügen sich mit einem Bart aus den weissenFasern der Ananasblätter, aus denen auch Zeuge hergestellt werden. An der Maske werden Nasenlöcher oder Öffnungen zwischen Nase und Augen angebracht, die dem Darsteller das Hindurchsehen gestatten.