Kapitel II.

Der mittlere Mahakam und seine Bewohner—Auswanderungen aus dem Stammland—Degeneration der Stämme im Tieflande—Verhältnis der Niederlassungen zu einander—Einfluss des Sultans von Kutei auf die Dajakhäuptlinge—Die Niederlassung Long Dĕho und ihr OberhäuptlingBang Jok—Die Punan als Kopfjäger—Verhältnis zwischen den Kĕnja und Bahau—Der degenerierende Einfluss der Malaien auf die Dajak—Erhaltung der ursprünglichen Sitten und des Kultus der Dajak am mittleren Mahakam—Tundjung- und Kĕnjastämme—Verhältnis der Bewohner des oberen zu denen des mittleren Mahakam.

Der mittlere Mahakam und seine Bewohner—Auswanderungen aus dem Stammland—Degeneration der Stämme im Tieflande—Verhältnis der Niederlassungen zu einander—Einfluss des Sultans von Kutei auf die Dajakhäuptlinge—Die Niederlassung Long Dĕho und ihr OberhäuptlingBang Jok—Die Punan als Kopfjäger—Verhältnis zwischen den Kĕnja und Bahau—Der degenerierende Einfluss der Malaien auf die Dajak—Erhaltung der ursprünglichen Sitten und des Kultus der Dajak am mittleren Mahakam—Tundjung- und Kĕnjastämme—Verhältnis der Bewohner des oberen zu denen des mittleren Mahakam.

Nicht nur zum besseren Verständnis des ferneren Verlaufs unserer Reise, sondern auch an und für sich verdienen die geographischen und ethnologischen Verhältnisse am mittleren Mahakam eine eigene und ausführlichere Besprechung, als sie bis jetzt in der Reiseerzählung hatte gegeben werden können.

Der Mittel-Mahakam befasst den Teil des Stromes, der zwischen den westlichen Wasserfällen und Udju Tĕpu liegt und schliesst die östlichen Fälle in sich ein. Er wird gänzlich von zahlreichen, aber kleinen Stämmen bewohnt, die sich beinahe alle noch an ihre Auswanderung aus dem hochgelegenen Stammlande Apu Kajan in dieses Tiefland erinnern. Weitaus die meisten derselben haben sich am Hauptstrom niedergelassen, nur wenige wohnen an seinen Nebenflüssen. Die wichtigsten von diesen sind: der Alān, Mĕrah, Mĕdang und Pari am linken, der Bunut und Rata am rechten Ufer. Der Mĕrah ist insofern von Bedeutung, als man von seinem Oberlauf in einem halben Tage über Land an einen befahrbaren linken Seitenfluss des Lèn oder Tatyang gelangt, eines sehr grossen Flusses, der in den Unterlauf des Mahakam mündet und an dem sich der Kĕnjastamm der Uma-Timé und andere Stämme der Bahau, wie die Long-Bila, angesiedelt haben. Der Bunut und der Rata bilden zwei viel benützte Verbindungen zwischen dem Gebiet des Mahakam und dem des Barito. Längs des Bumst erreicht man in einem Tage den Murung; vom Rata führen Landwege nach dem Murung und dem Maruwi.

Was die Bevölkerung am mittleren Mahakam betrifft, so bilden am Hauptfluss selbst Mujub und Udju Tĕpu, wo der Stamm der Tring-Dajak lebt, ihre ersten Siedelungen; weiter aufwärts, in Ana, wohnen die Hwang-Ana, in Long Tram die Hwang-Dāli, in Udju Halang die Uma-Luhat, in Lirung Kĕdawang die Uma-Mĕhak, in Sirau die Hwang-Sirau, in Long Way und Long Howong die Long-Way, in Boh die Long-Boh, in Laham die Uma-Laham, in Uma-Wak und Long Asa die gleichnamigen Stämme, in Uma-Mĕhak ein anderer Teil der Uma-Mĕhak und ein Teil der Uma-Tuwan. Die jetzt in Long Dĕho angesiedelten Stämme: die Long-Glat, ein Teil der Uma-Tuwan, Batu-Pála und Uma-Wak lebten bis vor kurzem unterhalb der Wasserfälle in Lirung Tika. In Long Bagung wohnten früher Malaien, die durch den Bumst mit dem Flussgebiet des oberen Murung (im Baritogebiet) Handelsbeziehungen unterhielten, aber gegenwärtig ist diese Niederlassung verlassen.

An den Nebenflüssen des Mahakam finden sich die Bewohner folgendermassen verteilt: am Rata haben sich die Stämme der Uma-Tĕmha, Mahakam und Djinawang beieinander niedergelassen, am Pari die Uma-Lutan und Uma-Tĕliba; am Mĕdang leben verschiedene Stämme im gleichen Dorfe vereinigt, was auch in den meisten anderen Niederlassungen der Fall ist. Der Grund für dieses Zusammenleben liegt hier, wie auch oberhalb der Wasserfälle, in dem Streben der stärkeren Stämme, ihre Seelenzahl und somit ihre Macht durch Einverleibung kleinerer, unterworfener Stämme zu vergrössern. Die Gesamtseelenzahl aller dieser Bahaustämme ist auf etwa 5000 Personen zu schätzen.

Neben diesen sesshaften Stämmen der ackerbautreibenden Bahau nomadisieren in den Quellgebieten der Nebenflüsse noch die Jägerstämme der Punan. An den linken Nebenflüssen sind es die Punanstämme der Lisum, Kohi, Lugat und Haput; die Namen der Stämme an den rechten Nebenflüssen sind mir unbekannt.

Die Bahaustämme bilden bereits seit Jahrhunderten die Bevölkerung des Mahakamgebiets, in welches sie, wie schon gesagt, ihren Traditionen zufolge, aus dem Apu Kajan eingewandert sind. Einige derselben tragen übrigens auch jetzt noch die Namen von Flüssen oder Bergen im Bohgebiet, das sie während ihrer Auswanderung passierten und in dem sie sich, ebenso wie die Uma-Timé bei ihrem Durchzug zum Tawang, zeitweise an verschiedenen Orten niederliessen. Die Uma-Boh, Kong-Glat, Long-Way und Tĕmha führen ihre Namen nach demBoh und seinen Nebenflüssen Glat, Way und Tĕmha, während die Tring nach dem Berg Tring oberhalb der Ogamündung genannt wurden. Die Long-Glat scheinen als die letzten am Ende des 18. Jahrhunderts im Mahakamgebiet angelangt zu sein, wonach ein Teil von ihnen sich, nach einem vorübergehenden Aufenthalt oberhalb der Wasserfälle unter dem berühmten HäuptlingBo Lĕdjü Aja, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts unterhalb derselben niederliess.

Diese Stämme hat das Schicksal aller ihrer Verwandten getroffen, die aus dem hohen Gebirge in die Tiefländer ausgewandert sind; sie wurden hier mehr als in ihrem hohen, isolierten Bergland von der Malaria und von Infektionskrankheiten, wie Cholera und Pocken, die von der Küste bei ihnen eingeschleppt wurden, heimgesucht, so dass ihre Anzahl und Wohlfahrt abnahm. Unter den vielen Stämmen am Mittel-Mahakam ist dieser Degenerationsprozess bereits weit vorgeschritten, denn ihre Kopfzahl ist sehr gering und ihre Dörfer machen einen viel verfalleneren Eindruck als diejenigen im höher gelegenen Lande oberhalb der Wasserfälle oder in Apu Kajan. Während die Bewohner in den Gebirgsgegenden dank ihrer Arbeitsamkeit nur selten Hunger leiden, ist dies unterhalb des Kiham Halo häufig der Fall, so dass gegenwärtig viel fremder Reis auf dem Mahakam angeführt werden muss.

Die Anwesenheit der vielen Fremden in diesen Gegenden trägt, wie aus der Reisebeschreibung selbst schon hervorging, das ihrige zum Rückgang der Bevölkerung bei. Vom unteren Mahakam aus drangen, nachdem die Buschprodukte dort erschöpft waren, Buginesen und Kuteinesen, vom Barito aus Bakumpai, Ot-Danum und Liang in die noch unberührten Wälder am mittleren Mahakam, um diese auszubeuten. Diese Einwanderung der Fremden fand erst statt, nachdem die Häuptlinge der Bahau mehr und mehr unter den Einfluss des Kuteischen Sultanats geraten waren und die Händler, die diese Stämme besuchten, nicht mehr so grosse Gefahr wie in früheren Zeiten bei ihnen liefen. Etwa um 1892 oder 93 zogen die ersten Truppen von Buschproduktensuchern vom Barito unter Anführung des MaleienRaden Djaja Kusumain dieses Mahakamgebiet und gleichzeitig liess sich eine ähnliche Kolonie aus Kutei unter einem Abkömmling des Kuteischen Fürstenhauses an der Mündung des Pari nieder. Durch den grossen Einfluss, den die Lebensweise dieser Fremden auf die ursprüngliche Bevölkerung ausübte, haben deren Verhältnisse wesentliche Änderungen erfahren.

Die Niederlassungen unterhalb der Wasserfälle sind gleich wie die oberhalb derselben von einander unabhängig, nur hat bei jenen länger als bei diesen eine vonBo Lĕdjü Ajaabstammende Häuptlingsfamilie auf die vielen kleinen, schwachen Stämme einen grossen Einfluss geübt. Übrigens waren die Nachkommen dieser Familie infolge der auch hier herrschenden Vielweiberei unter den Häuptlingen so zahlreich, dass sie unter den Fürstenhäusern der meisten Dörfer Glieder zählte. Als im Beginn des 19. Jahrhunderts der genannteLĕdjü Ajamit einem grossen Teil der Long-Glat und den von diesen abhängigen Stämmen die Wasserfälle hinunterzog, gingen zugleich eine Menge Sklavenfamilien mit, die zu den ursprünglichen Mahakambewohnern, wahrscheinlich Ot-Danum gehörten, wodurch sich die Bahau hier, wie oberhalb der Wasserfälle, mit dieser Stammgruppe stark vermischten. Von diesen Sklavenfamilien sind gegenwärtig beinahe keine mehr übrig geblieben, weil sie durch Heirat in den anderen aufgingen. Im Jahre 1825 begegnete, wie an anderer Stelle bereits gesagt,Georg Müller Lĕdjü Aja, der damals als einer der grössten Häuptlinge dieses Gebietes galt. Am Ende der 40 er Jahre hatte sich einer seiner Söhne,Kerta, bereits als Häuptling in Udju Tĕpu festgesetzt. Mit diesem als dem einflussreichsten Manne hattenVon DewallundSchwanerbei ihren Reisen am mittleren Mahakam zu unterhandeln.Kertawar damals vom Sultan gänzlich unabhängig. Der jüngste SohnLĕdjü Ajaswar der 90 jährigeBo Adjang Lĕdjüin Long Dĕho, der sich noch anGeorg Müllererinnerte. Im folgenden wird noch öfters von ihm die Rede sein.

Der SohnKertas,Lĕdjü, trat unter dem Einfluss des Sultans von Kutei, der ihn viele Jahre in Tengaron festhielt, unter dem NamenRaden Temenggungzum Islam über. Er diente dem Sultan einerseits als Handlanger, um dessen Ansehen in den Gebieten oberhalb Udju Tĕpu zu verstärken, indem er die Macht des Kuteischen Fürsten, als seines Bundesgenossen, den anderen Bahauhäuptlingen gegenüber ausspielte, anderseits wusste er doch dafür zu sorgen, dass diese Macht sich nicht zu weit erstreckte.

WährendRaden Temenggungjahrelang in Tengaron gefangen lebte, breitete die Familie seines HalbbrudersJok, der in Lirong Tika als Häuptling der Long-Glat ansässig war, ihren Einfluss im Gebiet des Mittel-Mahakam immer mehr aus; die Eifersucht zwischen den Nachkommen dieser beiden Brüder hat sich bis jetzt noch erhalten. Um 1890wurden alle grossen Häuptlinge dieses Gebiets ein Opfer der Cholera, die gerade zu einer Zeit in Tengaron ausbrach, als der Sultan die Bahaufürsten widerrechtlich jahrelang bei sich zurückhielt. Der junge HäuptlingBand Jokfloh damals mit der Leiche seines Vaters aus Tengaron nach Lirong Tika und zog dann aus Furcht vor Kutei mit der ganzen Niederlassung nach Long Dĕho, oberhalb des Kiham Halo und Udang, wo dieser Teil der Long-Glat jetzt noch wohnt. AuchRaden Temenggungstarb an den Folgen derselben Krankheit in Udju Tĕpu. Auf ihn folgte sein SohnDing, der, als viel weniger kräftige Persönlichkeit, seinen Einfluss in diesem Bahaugebiet gegenüber seinem VetterBang Jokstark abnehmen sah, trotzdem aber bis zu seinem 1897 erfolgten Tode niemals aufhörte, der Macht der Kuteischen Malaien entgegenzuarbeiten. Aus Eifersucht gegen ihn intrigierte sein BruderBrit, späterRaden Mas, fortwährend zum Vorteil von Kutei, doch lehnte auch er sich, nachDingsTode, gegen die zu anmassenden Forderungen von Kutei auf. Beide Brüder hatten jedoch nicht die Macht gehabt, den Strom von Buschproduktensuchern der Küste von ihrem Lande abzuwehren.

Die Bahau am oberen Mahakam haben in den Wasserfällen einen natürlichen Schutz gegen den Einfluss der Küstenmalaien gefunden; bei denen am mittleren Mahakam dagegen haben bereits seit Jahrzehnten zahlreiche Händler aus den tiefer gelegenen Gebieten verkehrt und die Dajak selbst sind auf den grossen, schiffbaren Flüssen öfters hinuntergefahren, um sich auf den Küstenmärkten mit verschiedenen Gebrauchsartikeln zu versehen. Ihre dajakischen Sitten und Gebräuche litten durch diese Berührung mit der Küste jedoch weniger als ihr Wohlstand, der bereits durch die mit den schlechteren klimatischen und hygienischen Verhältnissen verbundene Verminderung der Arbeitskräfte geschädigt, durch die Einführung von Spiel, Hahnenkämpfen und Wetten ernstlich untergraben wurde. In ihrer Kleidertracht behielten diese Stämme insofern ihre vorväterlichen Gewohnheiten, als sie den eingeführten Kattun und andere Stoffe auf altdajakische Weise verarbeiteten. Baumbastkleidung ist bei ihnen beinahe gänzlich ausser Gebrauch geraten, sogar bei Trauer wird statt dieser häufig weisser oder hellbrauner Kattun getragen. Kleiderverzierungen in Form ausgeschnittener Figuren kommen nicht mehr vor, und auch das Besticken der Frauenröcke, eine besonders bei den Long-Glat oberhalb der Wasserfälle sehr verbreiteteMode, ist bei diesen tiefer wohnenden Stämmen in Abgang gekommen. Die zum Islam übergetretenen Häuptlingsfamilien kleiden sich gern nach malaiischer Art, und auch die noch heidnisch gebliebenen Häuptlinge wieBang Jokfinden ein malaiisches Kostüm ihrem Rang viel entsprechender als ihre alte Dajaktracht. Infolgedessen nehmen auch viele niedrigeren Häuptlinge und gewöhnliche Bahau, besonders die Männer, die malaiische Kleidung, hauptsächlich die Hose, an.

Das Tragen von Ringen in den weit ausgereckten Ohrläppchen ist unter Männern und Frauen noch allgemein gebräuchlich, auch ist die Tätowierung bei diesen noch sehr in Schwang. Trotzdem fiel es mir auf, dass die Frauen in Udju Halang z.B. sehr leicht zum Verkauf ihrer Tätowierpatronen zu bewegen waren, während ich mir diese bei den Stämmen oberhalb der Wasserfälle meist nur gegen sehr hohe Preise verschaffen konnte. Auch alte Schmuckstücke, wie Perlenarbeiten, waren hier leicht käuflich, wozu natürlich auch die Armut der Bevölkerung und ihre Kenntnis des Geldwertes beitrugen. Bezeichnend für letztere war, dass wir bei diesen Stämmen bereits viel mit Kupfergeld ausrichten konnten, während oberhalb der Fälle nur grosses Silbergeld Wert besass. Doch nahm man auch am mittleren Mahakam noch Tauschartikel, wie Lebensmittel, sehr gerne an.

Für den Ackerbau, der auch am mittleren Mahakam noch das Hauptexistenzmittel der Bewohner bildet, wird nur wenig Urwald mehr gefällt; dieser ist in der Nähe der Dörfer übrigens auch selten geworden. Die hier lebenden Bahau begnügen sich, wie die Malaien, mit dem Fällen von Gestrüpp und jungem Wald, weil diese Arbeit viel müheloser ist; später allerdings kostet das Jäten des in solchen Feldern massenhaft auftretenden Unkrauts viel mehr Anstrengung und Zeit, als anfangs erspart worden ist. Beachtenswert ist, dassalang-alangin diesem Teil des Mahakamgebietes noch sehr wenig vorkommt und auf den abgeernteten Feldern junger Wald noch sehr schnell aufschiesst. Besonders bei den tiefer am Fluss wohnenden Stämmen leidet der Landbau sehr stark durch Überschwemmungen der flachen Ufer, auf denen ihre Felder häufig liegen; überdies übt die seit Alters häufig wiederkehrende grosse Trockenheit einen sehr nachteiligen Einfluss auf die Ernten. Die oberhalb der Fälle lebenden Stämme, deren Felder zwischen hohen Bergen in 150–250 m Höhe liegen und daher viel regelmässiger Regen erhalten, versahen die unteren Gebiete während vieler Jahre mit ihren Landbauerzeugnissen. Seitdem von der Seeküsteaus am mittleren Mahakam Reis eingeführt wird und der Preis für diesen sehr gefallen ist, hat die höher wohnende Bevölkerung eine wichtige Einnahmequelle verloren. Dasselbe gilt für die selbstverfertigten Stoffe und Kleider; auch diese erreichen seit der Einfuhr europäischer und japanischer Ware in dieser Gegend nicht mehr den früheren Wert.

Unter allen Niederlassungen am Mittel-Mahakam ist die der Long-Glat in Long Dĕho eine der wichtigsten. Sie dankt ihr Ansehen teils der Persönlichkeit ihres OberhäuptlingsBang Jok, teils der Zuflut von Fremden, die ihr Brot direkt oder indirekt durch Buschproduktesuchen in der Umgegend verdienen. Das Dorf selbst setzt sich aus verschiedenen kleinen Stämmen zusammen, wie dies auch bei den Long-Glat am oberen Mahakam der Fall ist. Bei einander wohnen die eigentlichen Long-Glat und die Ma-Tuwan, beide in ihren eigenen langen Häusern und unter eigenen Häuptlingen, während ein grosses Dorf der Batu-Pala und ein anderes der Uma-Wak, die beide unter direkter Abhängigkeit vonBang Jok, aber unter eigenen Häuptlingen stehen, etwas tiefer am Fluss gelegen sind. NebenBang Jokwohnte die schon erwähnte Familie seines GrossonkelsBo Adjang Lĕdjü, der keine bestimmte Funktion ausübte, durch seine Abstammung als Sohn des bereits genannten KriegsheldenBo Lĕdjü Ajajedoch grosses Ansehen genoss. Seinen Stammesgenossen bereitete er durch seinen Charakter und seinen Lebenswandel viel Ärgernis, denn er war stets unzuverlässig und den Frauen allzusehr ergeben. Infolge der von den Malaien übernommenen Sitte der Vielweiberei unter den Bahauhäuptlingen erlaubte er sich, nacheinander nicht weniger als 15 Frauen zu heiraten, ein Familienverhältnis, das seine Landsleute trotz seines langen Lebens unerhört fanden. Die Frauen waren teils gestorben, teils zu ihren früheren Wohnplätzen zurückgekehrt, nur 5 von ihnen lebten noch zu meiner Zeit mit ihren Kindern bei ihm. Die jüngste war bei seinem Tode etwa 25 Jahre alt.Adjang LĕdjüsFrauen stellten die Arbeitskräfte in der Familie dar, indem sie sich mit einigen erwachsenen Söhnen und Töchtern hauptsächlich dem Feldbau widmeten. Obgleich der Vater trotz seines Alters und seiner Kränklichkeit sich immer noch als pater familias behauptete, hatte sein ältester SohnIbau Adjang, der verheiratet aber kinderlos bei ihm wohnte, doch die eigentliche Leitung in Händen und vertrat die Familie nach aussen.

Bang Jok, der sich mit Vorliebe als Malaie aufspielte und kleidete und während seines langen gezwungenen Aufenthaltes in Tengaron eine starke Leidenschaft für Hazardspiel und Hahnenkämpfe entwickelt hatte, wurde von seiner einzigen Frau daran verhindert, auch der malaiischen Sitte der Vielweiberei zu fröhnen. Man redete im Dorfe zwar davon, dass er eine Tochter des Sultans von Kutei heiraten und zum Islam übertreten sollte, wodurch die Kuteinesen ihren Einfluss im Binnenland sehr zu verstärken hofften, aber die schnelle Einsetzung einer niederländischen Verwaltung1unter diesen Bahau und das MisstrauenBang Joksselbst vereitelten diesen Plan.

Angeborener Verstand, politische Einsicht und der Aufenthalt in Tengaron hattenBang Jokeinen grossen Einfluss auf die übrigen Stämme verschafft, und nachdem er sich einmal oberhalb des Kiham Halo und Udang angesiedelt hatte, durfte er den Kuteinesen gegenüber leichter eine feindliche Haltung annehmen als die tiefer wohnenden Häuptlinge, wieDing Lĕdjüin Ana. Mehrere Morde an reichen Kaufleuten und Buschproduktensuchern, dieBang Jokdurch seine Sklaven und Punan ausführen liess, waren in den ersten Jahren die Folge seines Aufenthaltes im entlegeneren Long Dĕho. Er besass nämlich eine gewisse Anzahl Sklaven, nicht solche, die in seiner Familie von früheren Kriegsgefangenen geboren worden waren, denn diese waren auch bei den Long-Glat beinahe vollständig in die Stämme aufgenommen worden, sondern Schuldsklaven, die er ihrer Schulden wegen nach malaiischem und buginesischem Brauch bei sich zurückhielt. Dies waren daher auch keine Bahau, sondern Küstenbewohner, vor allem Buginesen. Sie liessen sich denn auch leichter zu dergleichen Schandtaten bewegen als die Bahau selbst, die weniger Mut besitzen und Morde aus Raubsucht selten begehen.

Noch ein anderer Grund, weswegenBang JoksName bis ins Murunggebiet mit Schrecken genannt wurde, war die Macht, die er über die Punan am Boh ausübte. Wie die anderen Punanstämme lebten auch diese in starker Abhängigkeit von den in der Nähe ansässigen Bahauhäuptlingen, hier vonBang Jok, der auf dasjenige Gebiet der Nebenflüsse des Mahakam Anspruch machte, zu dem auch das ausgebreitete Land am Boh gehörte. Obgleich diese Abhängigkeit: in vieler Hinsicht äusserst schwach war, zeigten sich die Punan doch gern bereit,Kriegszüge für den Häuptling zu unternehmen, eine ihren Neigungen sehr entsprechende Aufgabe, der sie sich auch im Auftrag anderer Bahauhäuptlinge stets bereitwillig unterzogen. So ermordeten sie aufBang JoksAnstiften 1896 im Ogagebiet 5 Batang-Lupar, die hier aus Sĕrawak eingedrungen waren, um Buschprodukte zu stehlen. Ein anderes Mal sandte er einige Punanmänner ins Launggebiet an den Murung, wo sie einem feindlichen malaiischen Häuptling und einer Frau die Köpfe abschlugen und mit diesen nach Long-Dĕho zurückkehrten. Dass diese geheimnisvollen Urwaldkrieger sich selbst nicht straflos misshandeln liessen, bewiesen sie, als sie um 1897 einen Mantri vonBang Joktöteten. Dieser Mann, der die Punan zu Handelszwecken aufsuchte, musste die ungerechten Handlungen seines Häuptlings diesen gegenüber mit dem Leben büssen;Bang Jokhatte ihnen nämlich einen auf seinen Befehl geraubten Sklaven abgenommen, ihnen denselben aber nicht vergütet. Ähnliche Dinge hatte er wohl schon öfters ausgeführt. Die Punan flohen nach dem Morde zwar aus dem Bohgebiet, aber dieses wurde nun sogar von den Bewohnern von Long Dĕho selbst als eine äusserst gefährliche Gegend angesehen, in der sie fortan weder zu jagen noch zu fischen Nagten.

Die Lage seines Dorfes dicht an der Mündung des Boh, des Hinund Rückweges nach Apu Kajan, verschaffteBang Jokauch viel Einfluss auf die Kĕnja, die den Mahakam besuchten und froh waren, diesen Fluss nicht zu weit hinunterfahren zu müssen, um allerhand Produkte kaufen und verkaufen zu können, wenn dies auch in Long Dĕho unter für sie äusserst ungünstigen Bedingungen geschah. DaBang JoksGrossmutter eine Kĕnjafrau war, fühlten deren Stammesgenossen sich noch mit dem Häuptling verwandt. Ohne dessen Zustimmung wagten sie denn auch keine Kopfjagd im Mahakamgebiet zu unternehmen, obgleich esBang Jokan Macht gefehlt hätte, um solch einen Zug mit Waffengewalt zu verhindern. Als ich 1899 den Mahakam bis über die Wasserfälle wieder hinauffuhr, lag eine Kĕnjabande unter Anführung von Punan am Nebenfluss Alān und wartete auf den ebenfalls von Tengaron aus flussaufwärts reisendenBang Jok, um seine Zustimmung zur Fortsetzung ihrer Kopfjagd zu erhalten. Nach Erlangung derselben schlugen sie am Rata einigen Personen die Köpfe ab und flohen mit diesen eiligst nach Apu Kajan zurück. In Long Dĕho und den Nachbardörfern sah man die grossen Banden Kĕnja stets nur mit Angst den Boh hinunterfahren und in der Niederlassung Halt machen,weil die Bahau nicht stark genug sind, um tätlich gegen die Kĕnja aufzutreten, und sich daher alles mögliche von ihnen gefallen lassen müssen. Nach ihrer Gewohnheit nahmen die Bewohner von Apu Kajan im Vorüberfahren von den ärmlichen Feldern der Bahau, was sie an Zuckerrohr, Tabak u.s.w. brauchten, und bisweilen wurde wohl auch in Long Dĕho einem der Dorfinsassen von einem Kĕnja der Kopf abgeschlagen. Begreiflicherweise kamen die Bahau den Kĕnja nicht freundlich entgegen, doch kauften sie ihnen immerhin gern die Buschprodukte ab, die diese auf der Durchreise am Boh gesammelt hatten, um Marktgeld für ihre Handelszüge zur Küste zu gewinnen. Waren die Bahau ihren Besuchern auch nicht an Mut und Kraft überlegen, so verstanden sie doch, ihnen ihre Ware für die Hälfte oder weniger des Wertes abzunehmen.

Junger Mann der Mahakam-Kajan.Junger Mann der Mahakam-Kajan.

Junger Mann der Mahakam-Kajan.

Junger Mann der Mahakam-Kajan.

In diesem vorteilhaften Handel mit den Kĕnja tratBang Jokjedoch seine früher bereits erwähnte SchwesterBuaals Konkurrentin entgegen, die in Long Bagung wohnte und dort mitRaup, dem Sohn des BakumpaihäuptlingsRaden Djaja Kusumaverheiratet war. Dieser schlaue Malaie verdiente hauptsächlich viel im Handel mit den Buschproduktensuchern, die aus dem Baritogebiet nach Long Bagung kamen, um sich hier mit Reis, Salz, Tabak, Leinwaren u.s.w. zu versehen. Wenn die Kĕnja daher von Apu Kajan den Kiham Udang und Halo hinabfuhren, fanden sie beiRaufeinen grossen Vorrat von allerlei Waren, derBang JoksBetrügereien eine gewisse Grenze setzte. In diesem vorteilhaften Handel mit seinem Schwager gemeinsame Sache zu machen, dazu hatte er sich noch nicht aufgeschwungen; gegenseitiges Misstrauen bildete wohl den Hinderungsgrund. Ein wirksames Mittel, die Kĕnja anzulocken, wandten beide an, indem sie diese auf ihrem eigenen Gebiet Buschprodukte sammeln und so etwas verdienen liessen. FürBang Joksammelten die Kĕnja Rotang, hauptsächlich im Gebiet des Boh, für seine Schwester in dem des Alān. Guttapercha war in der Nähe des Mahakam nicht mehr zu finden, Rotang dagegen noch in grosser Menge. Die Dajak des Inneren haben überdies vor dem Besuch der näher zur Küste gelegenen malaiischen Niederlassungen am Mahakam eine gewisse Abneigung, auch wurden sie dort, z.B. in Udju Tĕpu, nur durch die stärkere Konkurrenz der Händler vor einer ebenso grossen oder noch grösseren Prellerei geschützt. Die Kĕnja mussten den gesammelten Rotang diesen Häuptlingen für 1 fl. pro gulung von 40 Stück bei einer Länge von 2–2½dĕpaabliefern;hierfür mussten sie ihn in Long Dĕho und Long Bagung auch noch trocknen und unter den Häusern aufstapeln; der Marktpreis betrug in Udju Tĕpu zur selben Zeit mindestens 3 fl progulung; ausserdem mussten die Kĕnja an Ort und Stelle für das verdiente Geld zu sehr hohem Preise Salz, Tabak, Zeuge etc. wieder einkaufen. Kein Wunder, dass die Kĕnja, die sich an der Küste bisweilen nach dem Preis der Handelswaren erkundigten, das betrügerische Vorgehen dieser Häuptlinge wohl durchschauten; doch wussten sie kein Mittel, um sich dagegen zu wehren. Nach der im letzten Jahr meiner Reise erfolgten Einsetzung eines niederländischen Kontrolleurs in Long Iram, der, in gleicher Weise wie es in Sĕrawak üblich ist, den Handel mit den Stämmen des Inneren beaufsichtigt, fahren die Bewohner vom Ober-Mahakam und Apu Kajan begreiflicherweise lieber bis zu dieser Handelsniederlassung hinunter. Die Entdeckung eines Schmuggelhandels in Waffen mit den aufständischen malaiischen Stämmen im Baritogebiet veranlasste übrigens einige Jahre später (1902) die indische Regierung zur Aufhebung der Niederlassung Long Bagung.

Junger Mann der Mahakam-Kajan.Junger Mann der Mahakam-Kajan.

Junger Mann der Mahakam-Kajan.

Junger Mann der Mahakam-Kajan.

MitBang Jokim selben Hause wohnte auch dessen jüngerer BruderLawing Jok, der viel weniger Energie und Verstand besass als er und sich hauptsächlich mit Ackerbau, Jagd und Fischfang beschäftigte, mit denenBang Joksich, gegen alle Bahausitte, überhaupt nicht abgab. AuchLawingbesass nur eine Frau, von der er mehrere Kinder hatte.

Trotz der grossen Einkünfte, dieBang Joksich auf alle mögliche Weise zu verschaffen wusste, lebte er doch, wie das ganze Dorf, in einem schlecht gebauten, baufälligen Hause und dürftigen Verhältnissen, da, in einem für Europäer unbegreiflichen Masse, sein ganzer Tag von Spiel und Hahnenkämpfen eingenommen wurde. An diesen beteiligten sich die fremden Händler und Buschproduktensucher, die sich in Geschäften oder zur Erholung ständig in Long Dĕho aufhielten, mehr als die Bahau.

Obgleich die Wohnung des Häuptlings nur aus einem einzigen grossen Raum bestand, in dem alle Familienglieder lebten und ihre Matratzen mit den darüber gehängten Moskitonetzen sich befanden, hielten sich doch den grössten Teil des Tages über die Fremden dort auf, um sich dem Karten- und Würfelspiel zu sehr hohen Einsätzen hinzugeben. Noch mehr Geld wurde bei den ständigen Hahnenkämpfen gewonnen und verloren, die hier völlig den Charakter einesHazard- und Wettspiels angenommen hatten. Hier wurden nicht mehr vor der Bestimmung des Einsatzes nach allerhand abergläubischen Regeln die Kämpfer stundenlang miteinander verglichen, wie es bei den Bahau oberhalb der Wasserfälle Sitte ist, sondern nach kurzer Besprechung waren die Vorbereitungen getroffen, die Einsätze bestimmt, die eisernen Sporen angebunden, und das Wetten begann. TrotzdemBang Jokzu den entschlossensten Charakteren unter den Bahauhäuptlingen gehörte, war er in vieler Hinsicht doch von den Malaien abhängig, die ihm mit ihrem Rat zur Seite standen. Er selbst sprach zwar fliessend und gern Malaiisch, da er aber weder lesen noch schreiben konnte, hatte er für diese Fertigkeiten die Hilfe der malaiischen Küstenbewohner nötig, von denen der eine oder andere sich als Schreiber bei ihm aufhielt und wieder verschwand, sobald seine Betrügereien dem Häuptling zu arg wurden. Unter den Leuten, die zu schreiben und zu lesen verstanden, befanden sich viele Bandjaresen, die in den Missionsschulen der Zuider-Afdeeling diese Kenntnis erworben hatten; wenn derartige, auch in der eingeborenen malaiischen Gesellschaft ihrer Kenntnisse wegen sehr gesuchte Personen ihre zivilisiertere Heimat gegen das unwirtsame Binnenland eintauschen, so darf man wohl sicher annehmen, dass ihnen der Boden ihres Landes zu heiss geworden ist, weil sie sich irgend eines Verbrechens schuldig gemacht haben. Kein Wunder, dass auchBang Jokständig von den Malaien in seiner Umgebung betrogen wurde und nicht minder als seine weniger weltklugen Ranggenossen einen lebhaften Abscheu vor ihnen empfand. Er konnte sie jedoch wegen seiner Spielwut nicht missen, und sein jahrelanger Aufenthalt in Tengaron hatte ihn zu viel mit malaiischem Wesen in Berührung gebracht, um ihn an der Gesellschaft seiner rohen Bahaubrüder noch Gefallen finden zu lassen.

Derselbe Widerspruch äusserte sich auch in seinem Verhältnis zum Sultan von Kutei: die Misshandlungen, die besonders seine Landsleute unterhalb der Wasserfälle von den Kuteischen Sultanen erdulden mussten und die ihn selbst in das Gebiet oberhalb des Kiham Halo getrieben hatten, erfüllten ihn zwar mit Hass und Widerwillen gegen die malaiische Rasse, doch war er andrerseits so geschmeichelt, wenn Abgesandte des Sultans bei ihm erschienen, dass er sich von diesen leicht als Werkzeug gebrauchen liess.

Die Bahaubevölkerung von Long Dĕho beteiligte sich, wie gesagt,nur selten am Spiel in der Häuptlingswohnung, obgleich auch jeder Dajak, der Geld hatte, in dieser gemischten Gesellschaft willkommen war. In den Häusern der übrigen Familien wurde übrigens ebenfalls viel gespielt; da sich besonders die jüngeren Männer dem Spiel hingaben, statt sich dem Landbau zu widmen, herrschte in keiner Bahauniederlassung am Mahakam eine solche chronische Nahrungsnot wie in Long Dĕho. So oft ich auch bei meinen Auf- und Abfahrten auf dem Mahakam hier Halt machte, gelang es mir doch nie, für mich und mein Personal eine genügende Menge Lebensmittel einzukaufen; auch für die Niederlassung selbst mussten stets von ober- oder unterhalb der Wasserfälle Vorräte angeführt werden. Die Bevölkerung sprach denn auch öfters von den Vorteilen, die ein Rückzug in das Land unterhalb der Wasserfälle, wo man nie derartig an Mangel gelitten hätte, bieten würde. Angst vor den Kuteinesen verhinderte jedoch die Verwirklichung dieser Idee, und für den Häuptling bildete im geheimen die Nähe seines kostbaren Bohgebiets, in dem noch so viele Buschprodukte zu sammeln waren, ein gewichtiges Motiv, um seinen jetzigen Standort, von dem aus er jene Schätze im Auge zu behalten vermochte, nicht zu schnell wieder zu verlassen. Nach meiner Rückkehr aus dem Mahakamgebiet, Ende 1900, gelang es ihm denn auch, mit einer Truppe von Buschproduktensuchern Kontrakte über die Ausbeutung der höher gelegenen Teile des Bohgebiets abzuschliessen, die ihm sicher beträchtliche Summen eintrugen. Zur Wohlfahrt seiner Stammesgenossen wird dieser Umstand wenig beigetragen haben, denn, obgleich sie das Recht besitzen, im Gebiet des Stammes, also auch im Boh, auf eignes Risiko Buschprodukte zu sammeln, ohne für diese dem Häuptling Abgaben zahlen zu müssen, so haben sie doch keinen Anteil an den 10%, die die Fremden dem Häuptling für die Ausnutzung eines bestimmten, dem Stamme gehörigen Gebietes an Steuergeld aufbringen müssen. Das Gelände, in dem die Bahau selbst sammeln könnten und das durch die zunehmende persönliche Sicherheit nach der Einsetzung einer niederländischen Verwaltung in Long Iram für sie zugänglich geworden ist, wird jetzt durch Fremde ausgebeutet.

In Long Dĕho fiel es mir mehr als bei den reicheren, höher gelegenen Dörfern auf, wie sehr diese Bahau durch ihren Glauben in ihrem Tun und Lassen geknechtet sind. So pflegte z.B.Bang Jokjedes Jahr, nachdem der Reis gesät und der Nahrungsmangel vordem Eintritt der neuen Ernte am grössten war, mit seiner ganzen Familie und der seines BrudersLawingnach Long Bagung unterhalb der Wasserfälle zu ziehen, wo die Zustände infolge der Reiseinfuhr von der Küste günstiger lagen. Zu Anfang der Ernte mussteBang Jokwieder nach Long Dĕho zurückkehren, um als Stammeshäuptling bei den Opferfeierlichkeiten für die Geister, die alslāli parei okundlāli parei ajadie Ernte einleiten, den Dorfbewohnern voranzugehen. Ich selbst erlebte mehrmals, dass der Häuptling durch Hochwasser am Passieren der Wasserfälle wochenlang verhindert wurde oder dass seine Reisevorzeichnen schlecht waren und die Bevölkerung von Long Dĕho, trotzdem sie Hunger litt und der Reis auf dem Felde überreif abfiel oder durch Regen verdarb, die Ernte in der Abwesenheit des Häuptlings, also ohne Feste, nicht vorzunehmen wagte. Dieser Beweis für das hartnäckige Festhalten der Bevölkerung an ihrem Glauben, auch trotz der ungünstigsten Umstände, ist um so bemerkenswerter, als sich seit langer Zeit so viele andersgläubige Händler und Buschproduktensucher bei ihnen aufhalten, die über ihre heidnische Dajakreligion spotten.

Was den Kultus der übrigen Dörfer am Mittel-Mahakam betrifft, so halten auch sie noch allgemein mit Zähigkeit an ihrem alten Glauben fest, obgleich die Familie ihres vornehmsten Häuptlings in der PersonRaden Temenggungszum Islam übergetreten ist und sie selbst bereits seit langem mit den Kuteinesen und Buginesen vom unteren Mahakam in Berührung gekommen sind. Natürlich hat der Einfluss, den diese in vieler Beziehung auf die Bahau geübt haben, auch das religiöse Gebiet nicht unberührt gelassen und es ist sehr wahrscheinlich, dass auch diese Stämme im Lauf der Zeit den für sie sehr leichten Übertritt zum Islam nicht werden vermeiden können; denn auch sie sehen zu den mohammedanischen Küstenbewohnern, wie zu höherstehenden Menschen auf und dieser Grund wird für sie stark genug sein, um das Schweinefleischessen aufzugeben und sich den wenigen Zeremonien, die der Übertritt zum Islam den Dajak anfangs auferlegt, zu unterziehen.

Zur vollständigeren Übersicht über die dajakischen Stämme am Mittel-Mahakam sind noch zwei Gruppen derselben zu nennen, nämlich

die Tundjungstämme am rechten Mahakamufer und die Kĕnjastämme am Tawang. Die Tundjung wohnen nicht am Hauptstrom, sondern in einigem Abstand von diesem im Hügelland zwischen dem unterenMahakam und dem Rata; sie betrachten sich selbst nicht als direkte Verwandte der Bahau. Sie stellen sich regelmässig, um Handel zu treiben, an denpankalandes Mahakam ein, d.h. an den Stellen, wo die Wege aus ihrem Gebiet den Hauptfluss erreichen. Der vielen Nahrungsmittel wegen, die sie auf den Markt bringen, sind sie hauptsächlich für die vielen Fremden in diesem Teil des Mahakamgebietes von grosser Bedeutung. Sie sind direkt abhängig vom Sultan von Kutei, d.h. sie sind ihm tributpflichtig und müssen sich von ihm zu willkürlichen Terminen Steuererhebungen gefallen lassen. An festen Abgaben muss jeder erwachsene Mann 3 fl und jede Frau und jedes Kind 1 fl leisten, überdies muss jedes Familienhaus,amin, noch 1katiGuttapercha im Wert von etwa 2,5 fl aufbringen. Diese letzte Bestimmung rührt aus einer Zeit her, in der im Tundjunglande noch viele Guttaperchabäume zu finden waren, aber jetzt sind sie dort bereits lange ausgerottet, und die Tundjung können die erforderliche Menge nur noch in sehr grosser Entfernung von ihrem Wohnplatz zusammenbringen. Hierdurch ist diese, im Beginn nicht schwere Steuer allmählich sehr drückend geworden. Die zu unregelmässigen Terminen vom Sultan erhobenen Abgaben bestehen hauptsächlich in Reis und Hühnern. Sehr charakteristisch für die Verhältnisse in diesen Gegenden war das Betragen dieser Tundjungstämme gegenüber Kutei, insofern es sehr stark durch Rücksichten auf die Gesinnung der Bahau beeinflusst war. Obgleich sie von diesen völlig unabhängig sind, empfinden sie doch einen grossen Respekt vor deren vornehmsten Häuptlingen, hauptsächlich denen in Udju Tĕpu; sie machten sogar die Entrichtung der Steuern an Kutei, der sie sich nur sehr widerwillig unterzogen, von der unter diesen Häuptlingen herrschenden Stimmung gegen den Sultan abhängig. UnterRaden Temenggung, der in seinen letzten Lebensjahren nur noch im geheimen gegen Kutei aufzutreten wagte, hatten sie noch regelmässig bezahlt, sobald aber nach dessen Tode sein SohnSi Ding Lĕdjüeine feindliche Haltung gegenüber den Sultan annahm, stellten sie die Zahlung ein. Da es den malaiischen Fürsten ausschliesslich um die Einkünfte von den unterworfenen Stämmen zu tun ist und sie die Ausgaben, welche Zwangsmassregeln erfordern, scheuen, schritt der Sultan nicht gegen dieses widersetzliche Betragen ein. Sobald nach dem TodeDingsdessen BruderBrit Lĕdjü, der bereits lange vom Sultan bestochen worden war, unter dem Namen vonRaden Masan Stelle des Verstorbenen trat und die Tundjung somit in den Bahau nur wenig Stützegegen Kutei mehr fanden, begannen sie aufs neue Steuern zu bezahlen.

Ebenfalls von Bedeutung für die Bevölkerungsverhältnisse am Haupt strom ist die Existenz der Kĕnjaniederlassungen der Uma-Timé am oberen Tatyang, einem linken Nebenfluss des Mahakam, den man durch den Mĕrah erreicht. Dieser etwa 2000 Seelen zählende Stamm ist als letzter vor ungefähr 30 Jahren aus Apu Kajan in das Tiefland ausgewandert. Der unmittelbare Anlass zu ihrer Auswanderung war folgender: Die Uma-Timé spielten früher in ihrem Stammland infolge ihrer Stärke die gleiche Rolle, wie jetzt die Uma-Tow, d.h. sie nahmen den übrigen Stämmen gegenüber eine herrschende Stellung ein, machten sich aber unter diesen durch ihr gewalttätiges Auftreten so viele Feinde, dass ihnen der Aufenthalt dort nicht mehr sicher erschien. Ausserdem sehnten sie sich danach, in grösserer Nähe der Küste zu leben, von der sie Salz, Tabak und Leinwaren leichter beziehen konnten; auch hofften sie im Vertrauten auf ihre grosse Anzahl, nicht zu sehr unter die Abhängigkeit vom Sultan von Kutei zugeraten. Nachdem sie mit diesem zuerst über eine Ansiedelung in seinem Reich am Tatyang unterhan delt und seine Zustimmung erhalten hatten, begannen sie unter ihrem HäuptlingBo Adjang Hipui, der damals in Apu Kajan viel Einfluss besass, nicht längs des Boh, sondern in östlicher Richtung auszuwan dern. Um die mannigfaltigen, für ein so grosses Unternehmen erfor derlichen Vorzeichen zu suchen, begann der Stamm damit, in seiner Auswanderungsrichtung einen für eine zeitweilige Siedelung passenden Ort auszuwählen. Dort blieb er eine Reisernte über wohnen, dann zog er auf die gleiche Weise weiter, so dass es drei Jahre dauerte, bevor er sich am Tatyang niedergelassen hatte. Nach dem, was sie selbst erzählten, hatten die Uma-Timé auf dieser Reise nicht all ihr Hab und Gut mitnehmen können, sondern einige wertvolle Gegenstände, wie Gonge, an verschiedenen Waldstellen verbergen müssen. Augenblicklich wohnt der Stamm noch am Tatyang in mehreren grossen Niederlassungen unter der Herrschaft vonIbau AdjangundDing Adjang, den Söhnen seines berühmten HäuptlingsBo Adjang Hipui.

Die Siedelung dieser Kĕnja-Dajak am Tatyang ist vor allem deswegen für den Mahakam von Bedeutung, weil ihre Verwandten aus Apu Kajan sie auf ihren Handelsreisen zur Küste stets wieder besuchen und dabei die Route Boh-Mahakam-Mĕrah-Tawang einschlagen. Ihre alten Fehden haben die Stämme aber trotz der ververwandtschaftlichen Besuche nicht vergessen.

Diese Kĕnjastämme hatten nicht, wie die Bahau, ihre Unabhängigkeit Kutei gegenüber zu bewahren verstanden, obgleich sie anfangs so zahlreich waren und mit der Energie der Gebirgsbewohner ausgerüstet ihre neuen Wohnplätze bezogen hatten. Mit grosser Gewandtheit hatten die Sultane von Kutei aus dem Verhältnis der Stämme untereinander ihren Nutzen zu ziehen verstanden. Anfangs hatten die Kĕnja dieses Gebiet mit Zustimmung des Sultans besetzt, ohne von diesem in irgend einer Weise abhängig zu sein. Ihre vornehmsten HäuptlingeDing AdjangundIbau Adjanghatten sich oberhalb der Niederlassung Long Bila zwei grosse Häuser gebaut; nach kurzer Zeit entstand aber Streit zwischen den neuen Nachbarn, worauf das Köpfejagen von beiden Seiten mit Erbitterung betrieben wurde. Da die Long-Bila unter der Herrschaft des Sultans von Kutei standen, suchten sie bei diesem Hilfe. Er sandte ihnen einige Malaien und eine grosse Anzahl Gewehre mit Munition, die die Kĕnja nicht besassen und vor denen sie sich daher sehr fürchteten. Die Long-Bila erhielten hierdurch das Übergewicht über die Uma-Timé, denen sie im übrigen weder an Anzahl noch an persönlichem Mut gewachsen waren. Durch eine Beschiessung ihrer Niederlassungen zwangen sie die Kĕnja, diese zu verlassen, worauf sie die Häuser verbrannten. Dieser obdachlose Stamm musste sich darauf dem Sultan unterwerfen und ihm tributpflichtig werden, worauf dieser ihm dann neue Häuser zu bauen gestattete.

Über das Verhältnis der Uma-Timé zu den ihnen verwandten Stämmen in Apu Kajan und den Einfluss, den dieses auf den Verlauf meiner Reise zu den Kĕnja gehabt hat, wird imIV. Kapitelausführlicher die Rede sein. Zum Schluss noch einige Bemerkungen über die Beziehungen zwischen der Bahaubevölkerung ober- und unterhalb der Wasserfälle. Aus den vorhergehenden Schilderungen ging bereits hervor, dass die Bande zwischen den Mahakamstämmen sehr locker sind; da die Glieder desselben Stammes in der Regel untereinander heiraten, besteht eine Blutsverwandtschaft zwischen den Stämmen nur unter den Häuptlingsfamilien, deren Angehörige, um eine ebenbürtige Heirat schliessen zu können, sich oft mit Gliedern anderer Stämme verbinden. So sind am oberen Mahakam die Häuptlinge aller Niederlassungen mit der Familie des altenBo Ibauverwandt geworden, am mittleren Mahakam dagegen mit der seines BrudersBo Lĕdjü Aja. Ihre gemeinsame Abkunft aus Apu Kajan ist den Stämmen jedoch, wie schonerwähnt, noch wohl bekannt, wenn die Geschichte ihrer Auswanderung auch allmählich mit phantastischen Erzählungen verknüpft worden ist. Ebenso erinnern sie sich noch, wie seiner Zeit mitBo Lĕdjü AjaAngehörige zahlreicher Stämme, wahrscheinlich von dem mächtigen Häuptling gezwungen, die Wasserfälle hinunterzogen. Von vielen dieser ausgewanderten Stämme sind nur wenige Familien übrig geblieben und diese werden allmählich über die Wasserfälle zu ihrem ursprünglichen Stamm zurückgeholt. So beabsichtigten die Kajan während meines Aufenthaltes bei ihnen, einige Familien, die von dem ausgewanderten Teil ihres Stammes übrig geblieben waren und am Rata ein armseliges Leben führten, nach dem Blu-u zurückzuholen. Der vornehme KajanpriesterBo Bawanhatte, was der Entfernung wegen nur selten vorkam, eine Frau aus einer dieser Familien geheiratet; im Jahre 1891 begleitete er mich auf meiner ersten Reise den Mahakam hinunter, um mit seiner Gattin deren Angehörige am Rata zu besuchen.

Obwohl ihre Verwandtschaft unter einander ihnen bekannt ist, stehen sich die Stämme oberhalb der Wasserfälle viel weniger fremd gegenüber als denen unterhalb derselben. Die Bahau oberhalb des Kiham Halo betrachten sich noch als Leute gleicher Art und Gesinnung, unterhalb desselben beginnt für sie aber das Gebiet der Fremden. Hauptsächlich liegt dies daran, dass sie ihre Stammverwandten am Mittel-Mahakam weniger häufig besuchten und bei ihnen viele Sitten der Küstenbewohner eingeschlichen fanden.

Bezeichnend für das Verhältnis der Bewohner am oberen und mittleren Mahakam war, dass die jungen Kajan vom Blu-u auf unserem Zuge nach Udju Tĕpu in den Dörfern Long Dĕho, Batu Pala und Uma Wak mit den jungen Mädchen der Häuser, in welchen wir übernachteten, in intimen Verkehr traten und nur schwer von ihnen zu trennen waren, unterhalb der Wasserfälle jedoch derartige Vertraulichkeiten vermieden, weil sie hier weniger bekannt waren und überhaupt durch allerhand geheimnisvolle Einwirkungen der Bevölkerung auf ihre Gesundheit krank zu werden fürchteten. Die Bewohner des Binnenlandes sind überzeugt, dass die Leute unterhalb der Wasserfälle im Besitz von Giften sind, die sie einem unmerklich durch die Luft zukommen lassen können; auch sollen sie diese Gifte auf die Sitzbretter streichen. Die Gifte, die sich in das Essen mischen lassen, spielen in ihrer Vorstellung beinahe keine Rolle.

Der Glaube an eine Vergiftung unterhalb der Wasserfälle findet eine Stütze in den vielen Umständen, die dort mehr wie oberhalb der Fälle dazu beitragen, sie krank zu machen. Vor allem die grosse Hitze, dann das unreinere Flusswasser, das sie trinken, ferner die hier häufig herrschenden Infektionskrankheiten, wie Influenza, Cholera, Pocken etc. Dazu kommt, dass sie hier ständig in ihren Böten leben, ungewohnte Dinge essen, die ihnen in dentokovon den Malaien verkauft werden, u.s.w., alles Gründe, um eine Handelsreise die Wasserfälle abwärts für eine lebensgefährliche Unternehmung anzusehen. In der Tat erfordern diese Reisen häufig Opfer, und ich selbst hatte oft Mühe, meine Reisegenossen vom mittleren Mahakam oder gar von der Küste alle wieder lebend nach Hause zu bringen, trotz meiner Fürsorge, Ratschläge und Medizinen.


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