Aussichten für die Reise nach Apu Kajan—Beziehungen der Bahau zu ihrem Stammland Die Kĕnja als Kopfjäger—Alte Fehden zwischen den Kĕnjastämmen—Bedrohungen seitens des Sultans von Kutei—Vergebliches warten auf die Einsetzung eines Kontrolleurs—Beratung in Long Tĕpai—Reisehindernisse seitens der Bahau—Beunruhigende Gerüchte von der Küste und Apu Kajan—Abschied von Long Blu-u—Über Long Tĕpai nach Long Dĕho.
Aussichten für die Reise nach Apu Kajan—Beziehungen der Bahau zu ihrem Stammland Die Kĕnja als Kopfjäger—Alte Fehden zwischen den Kĕnjastämmen—Bedrohungen seitens des Sultans von Kutei—Vergebliches warten auf die Einsetzung eines Kontrolleurs—Beratung in Long Tĕpai—Reisehindernisse seitens der Bahau—Beunruhigende Gerüchte von der Küste und Apu Kajan—Abschied von Long Blu-u—Über Long Tĕpai nach Long Dĕho.
Gleich nach meiner Rückkehr aus dem Quellgebiet des Mahakam begann ich Erkundigungen über die Aussichten für unsere Reise zu den Kĕnja nach Apu Kajan einzuziehen. Wenn ich damals gewusst hätte, dass es noch fast ein ganzes Jahr dauern würde, bevor ich die Bevölkerung am Mahakam zur Verwirklichung meines Planes brachte, so hätte meine Geduld vielleicht nicht stand gehalten und ich wäre unverrichteter Sache zur Küste zurückgekehrt. So aber hielt mich die Hoffnung, die stets neu auftauchenden Schwierigkeiten doch noch überwinden zu können, vom September 1899 bis zum August 1900 am Mahakam fest, eine Wartezeit, die mit Verhandlungen und Beratungen, Vorbereitungen, Hoffnungen und Enttäuschungen ausgefüllt wurde. Da die Schwierigkeiten, mit denen ich zu kämpfen hatte, nicht nur durch die Unentschlossenheit und Energielosigkeit der Dajak bedingt wurden, sondern vor allem auch durch die Verhältnisse zwischen den Bahau- und Kĕnjastämmen vor und während meiner Anwesenheit am Mahakam und durch die Drohungen des malaiischen Fürsten in Kutei, der die Ausbreitung der niederländischen Macht im Herzen Borneos mit allen redlichen und unredlichen Mitteln zu bekämpfen suchte, mögen diese Hindernisse dem Leser zur Orientierung in diesem Kapitel genauer ausgeführt werden, als es im vorhergehenden geschehen konnte. Die Überzeugung, dass die Zustände im Innern Borneos einer Regelung durch eine europäische Autorität dringend bedurften und dass diese nur stattfinden konnte, nachdem auch das für Borneo berüchtigte und gefürchtete Gebiet Apu Kajan von einemEuropäer besucht worden war, stärkte meine Geduld und meine Ausdauer bei der Verfolgung meines Planes.
Sowohl die Bahau- als die Kĕnjastämme bewohnten ursprünglich ihr gemeinsames Stammland Apu Kajan oder Hochland vom Kajan im Nordosten der Insel. Die starke Zunahme der dortigen Bevölkerung zwang jedoch immer wieder einige Stämme, ihr Heimatland zu verlassen und in den Gebieten der Flüsse, welche von den Gebirgen um Apu Kajan nach allen Richtungen fortströmen, neue Wohnplätze zu suchen. Die letzte Auswanderung hat vor etwa 38 Jahren stattgefunden, als die Kĕnja vom Stamme der Uma-Timé nach dem Tawang zogen.
Die Bahau wissen durch ihre Überlieferung noch sehr wohl, dass sie aus Apu Kajan herstammen, auch haben sie die Verbindung mit ihrem Stammland noch sehr lange unterhalten. Die ältesten Männer der Kajan und Long-Glat erzählten noch von ihren Reisen nach Apu Kajan, die sie noch zur Zeit, wo die Uma-Timé dort die Oberherrschaft führten, unternommen hatten. Nach der Auswanderung dieses mächtigsten Stammes brachen im Kajanlande unter den übrigen Stämmen heftige Kämpfe um den Vorrang aus, so dass die Bahau aus Furcht ihre Besuche dort einstellten. Auch nachdem die Kĕnja Uma-Tow unterPa Sorangund später unterBui Djalongdie anderen Stämme besiegt hatten, vergrösserte sich die Reiselust bei den Bahau nicht. Nur ein einziger Mann, der öfters erwähnteBo Ului, der bei den Long-Glat in Long Tĕpai lebte und mit den Kĕnja in Apu Kajan nahe verwandt war, hatte sich einige Male dort hin gewagt und war somit der einzige, der uns als Führer dienen konnte. Doch wurde die Abenteuerlust der Bahauhäuptlinge und ihrer jungen Untertanen stark durch die Vorstellung geweckt, das Land ihrer Abstammung und ihrer Sagen und nicht zum wenigsten das Gebiet, in dem sie vorteilhaften Handel in alten Perlen, und anderen Artikeln treiben konnten, kennen zu lernen. Aus diesen Gründen hatte mirKwing Irangim Jahre 1897 das Versprechen gegeben, unter meiner Leitung die Reise nach Apu Kajan unternehmen zu wollen, und auf dieses Versprechen hatte ich meine Pläne gebaut.
Seit 1897 waren die Umstände für einen derartigen Zug jedoch viel ungünstiger geworden, hauptsächlich weil allerhand wahre und unwahre Gerüchte über Mordtaten, welche die Kĕnja begangen haben sollten, die Runde machten. Das damals bereits verbreitete Gerücht, die Kĕnjahätten fünf vom Mahakam aus bei ihnen Handel treibende Malaien ermordet, hatte sich inzwischen allerdings bestätigt. Es wurde aber auch noch erzählt, 7 Malaien, die sich aus Sĕrawak ebenfalls zu Handelszwecken zu den Kĕnja begeben hätten, wären bei diesen umgekommen. In jüngster Zeit sollte auch ein malaiischer Kupfergiesser, der sich eine Zeitlang in Apu Kajan zu halten verstanden hatte, von den Kĕnja ermordet worden sein. Diese Ereignisse hatten nicht gerade dazu gedient, die ohnedies ängstlichen Bahau zur Reise zu ermuntern. Das gewaltsame Vorgehen der Kĕnja bildete im Grunde jedoch nur eine scheinbare Bestätigung für ihre wilde Natur, in Wirklichkeit bedeutete es nur ein energisches, mutiges Auftreten gegen Übergriffe, welche die Malaien sich schwächeren Eingeborenen gegenüber ungestraft erlauben dürfen. Die gleichen 7 Malaien aus Sĕrawak waren nämlich früher auch am oberen Mahakam gewesen und hatten sich dort so viele Betrügereien zu Schulden kommen lassen, dassKwing Irangsie aus Besorgnis für ihre persönliche Sicherheit unter seinen Kajan und aus Angst vor Konflikten mit Sĕrawak unter einem Geleite in ihr Land hatte zurückbringen lassen. Jeder, der das Leben und Treiben des malaiischen Gesindels unter den Bahau kannte, hätte für diese Handlungsweise der Kĕnja Sympathie empfunden. Der Tod der fünf anderen Malaien, die unterHadji UmarsAnführung Jahre lang bei den Bahau gelebt hatten und nachher von diesen zu den Kĕnja gezogen waren, machte auf die Mahakambewohner einen besonders starken Eindruck, obgleich der Anlass zu diesem Morde schon längst zur Genüge bekannt war. Da er für das Verhältnis zwischen Malaien und Eingeborenen charakteristisch ist, mag er hier erwähnt werden. Die fünf Malaien waren mit einer grossen Menge Handelsware in Gesellschaft einer vom Mahakam heimkehrenden Kĕnjatruppe nach Apu Kajan gereist, wo sie 3 Jahre lang Handel trieben, ohne von den Stämmen belästigt zu werden. Als einer dieser Malaien sich einmal mit einigen Kĕnja zu den benachbarten Punan-Lisum begab, um mit diesen Handel zu treiben, kaufte er von dem Häuptling für ein Stück roten, golddurchwirkten Zeuges eineguliga(Intestinalstein). Sobald er aber merkte, dass der Häuptling noch mehrguligahatte, wollte er für dasselbe Stück Zeug noch 4 dieser Steine haben. Nach der Weigerung des Häuptlings packte der Malaie dessen kleinen Sohn und drohte, ihn mitzunehmen, falls er seine Steine nicht erhalte. Im Augenblick aber, wo er das Kind binden wollte,durchbohrte ihn der Häuptling mit seinem Speer. Trotzdem der Malaie bereits am Mahakam als frecher Betrüger bekannt war, fühlten sich doch die Kĕnja, die den Mann halb als ihren Gast betrachteten, für sein Leben verantwortlich und töteten aus Rache einige Punan. Diese übten Wiedervergeltung und das Köpfejagen hörte auf beiden Seiten nicht eher auf, bis auch der letzte Malaie, einen ausgenommen, der an Krankheit starb, getötet worden war. Die ohnehin ängstlichen Bahau wurden nun auch noch von dem Gedanken beunruhigt, die Kĕnja könnten fürchten, ihrer allzu energischen Handlungsweise wegen von mir zur Rechenschaft gezogen zu werden.
In den letzten Jahren standen die Kĕnja übrigens auch mit unserer Bevölkerung am Mahakam auf gespanntem Fuss, nicht nur weil sie nach Landessitte von den Produkten der Felder, an denen sie vorüberfuhren, lebten, sondern weil sie bei dieser Gelegenheit auch Köpfe jagten. Ein Jahr vor meiner Ankunft am Mahakam hatte noch ein Häuptling der Kĕnja Uma-Bom, während er auf der Galerie der Bahau Uma-Wak einen Schwerttanz aufführte, einem der vornehmsten Zuschauer plötzlich den Kopf abgeschlagen und mit diesem ungestraft die Flucht ergriffen.
Durch Vermittelung ihres OberhäuptlingsBui Djalonghatten die Kĕnja für diese Tat zwar eine bedeutende Busse bezahlt, doch wurden sie trotzdem am Mahakam mit sehr begreiflichem Misstrauen begrüsst. Die Bahau, die mich auf meinen Fahrten auf dem Mahakam begleiteten, waren auch stets, besonders an den Wasserfällen beim Boh, sehr auf ihrer Hut. Als wir 1897 beim Hinabfahren auf dem Mahakam an einer Flussbiegung plötzlich einem Boot begegneten, griffen alle Männer sogleich zu den Waffen, bis es sich herausstellte, dass wir es mit befreundeten Ma-Suling und nicht mit Kĕnja zu tun hatten.
Auch zwischen den Bahau und Kĕnja am Tawang war die alte Feindschaft nicht vergessen, wenn die Uma-Timé auch ihre frühere Niederlage aus Angst vor dem Sultan nicht öffentlich an den Long-Bila zu rächen wagten. Kleinere Fehden wiederholten sich aber immer wieder zwischen ihnen. So hatten die Long-BilaBrit Adjang, den jüngsten Sohn des bekannten Uma-Timé HäuptlingsBo Adjang Hipui, ermordet. Der Mann war mit einer Frau der Long-Bila verheiratet und lebte bei diesem Stamme. Sein Tod hatte auf den Verlauf unserer Reise zu den Kĕnja grossen Einfluss, weil er neue Racheakte veranlasste, welche die Beziehungen zwischen dem Mahakamund dem Kajangebiet immer mehr verschlechterten.Ibau Adjang, der Bruder des Ermordeten, sann natürlich auf Blutrache. Da er diese nicht selbst auszuüben wagte, brachte er einen Häuptling der Kĕnja Uma-Bom,Taman Dau, der die Uma-Timé am Tawang 1897 besuchte, dazu, statt seiner den Tod seines Bruders an den Long-Bila zu rächen.Taman Dauzeigte sich hierzu denn auch gleich bereit, fuhr mit einigen Stammesgenossen den Tawang hinunter und tötete einen einsam fischenden Mann der Long-Bila. Mit dem erbeuteten Kopf floh er eiligst den Fluss wieder aufwärts, schlug dann den kürzesten Landweg zum Mĕrah ein und erreichte von dort den Mahakam, den Boh und schliesslich Apu Kajan. Sobald es sich herausgestellt hatte, dass die Kĕnja am Tawang die eigentliche Veranlassung zu dem Morde gegeben hatten, drohte ihnen ein europäischer Ingenieur, der unter einem Schutzgeleite des Sultans in dieser Gegend Gold suchte, mit der Rache von Kutei.Ibau Adjangbeschloss darauf sehr erschreckt, die erste Gelegenheit wahrzunehmen, um nach der in Borneo üblichen Weise dem Sultan seine untertänige Gesinnung zu bezeugen. Als bald darauf eine Gesellschaft Kĕnja vom Stamme Uma-Djalan von einem Besuch beim Sultan in Tengaron zurückkehrte und in mehreren Böten am Dorfe der Uma-Timé vorüberfuhr, überfielen diese eines der Böte, das von den anderen getrennt war, weil seine Insassen sich mit Fischen beschäftigten. Die ganze Bemannung wurde ermordet, unter dieser auch der Enkel des Uma-Tow HäuptlingsBui Djalong. wahrscheinlich hatte nicht nur der Wunsch, an Stelle des Sultans an den Kĕnja Rache zu üben, sondern auch eine alte Fehde zwischen den Uma-Timé und Uma-Djalan aus der Zeit, wo sie gemeinsam das Stammland bewohnten,Ibau Adjangzu diesem Morde getrieben. Die übrigen Kĕnja waren nach der Ermordung ihrer Reisegefährten über den Mĕrah zum Mahakam und Boh geflohen; sie waren es, die dem KontrolleurBarthin Long Bagung begegneten und die ich den Kiham Halo hinauffahren gesehen hatte (Teil I pag. 487).
Eine Erzählung über den Ursprung der Feindschaft zwischen den Uma-Timé und Uma-Djalan verdient ihrer Eigenartigkeit wegen hier erwähnt zu werden, doch kann ich für die Wahrheit derselben nicht einstehen.
Junger Mann der Mahakam-Kajan.Junger Mann der Mahakam-Kajan.
Junger Mann der Mahakam-Kajan.
Junger Mann der Mahakam-Kajan.
Als beide Stämme noch gemeinsam in Apu Kajan wohnten, heiratete ein Häuptling der Uma-Djalan eine Tochter aus der Fürstenfamilie der Uma-Timé. Beim Fest gelegentlich der Namengebung desersten Kindes kämen die Uma-Djalan als Gäste zu den Uma-Timé, bei denen ihr Häuptling der Sitte gemäss im Hause seiner Schwiegereltern lebte. Nach dem Fest behauptete der Häuptling der Uma-Timé, seine kostbaren Halsketten seien ihm gestohlen. Trotzdem die Uma-Djalan versicherten, die Diebe befänden sich unter den Uma-Timé selbst, überfielen diese ihre Gäste, die, nichts Böses vermutend, in ihr Dorf heimkehrten und töteten viele von ihnen. Nach diesem Begebnis verkehrten die Uma-Djalan aber wieder mit dem inzwischen, zur Vorherrschaft gelangten Stamm der Uma-Timé, als ob nichts vorgefallen wäre, bis das Kind, dessen Namensfest den Überfall veranlasst hatte, gross geworden war. Erst dann sann der Häuptling der Uma-Djalan auf Rache für die einst verübte Bluttat. Er lud die Uma-Timé zum Fest des Früchtepflückens ein, und als sowohl die Gäste als deren Gastherren auf die Bäume geklettert waren, stiegen die Uma-Djalan unter allerhand Vorwänden wieder herunter und zerbrachen die Leitern, so dass die Uma-Timé oben bleiben mussten. Darauf ermordeten die Uma-Djalan zuerst die Frauen und Kinder ihrer Gäste und fällten dann die Bäume, wobei viele Männer umkamen. Die Uma-Timé, die bald nach diesem Ereignis unterIbau AdjangundLi Adjangnach dem Tawang ausgewandert waren, hatten erst in dem oben erwähnten Morde Gelegenheit zur Ausübung der Blutrache gefunden.
Die ganze Bevölkerung am Mahakam lebte infolge dieser Geschehnisse begreiflicherweise in ständiger Angst vor Rachezügen seitens der ohnehin so gefürchteten Kĕnja von Apu Kajan, und wie gewöhnlich machten immer wieder schreckenerregende Gerüchte von geplanten Einfällen in das Mahakamgebiet die Runde. In der Tat hatten die Kĕnja bereits von sich hören lassen. Eine Bande Uma-Bom, mit einigen Punan als Führern, hatte eine Kopfjagd nach dem Mahakam unternommen und hielt sich im Alān unterhalb der Wasserfälle auf, gerade, als ich mitKwing Irangahnungslos den Fluss hinauffuhr. Mit Zustimmung vonBang Jok, der damals von Tengaron nach Uma-Mĕhak reiste, hatte sich die Gesellschaft zum Rata begeben und bei der ersten besten Gelegenheit zwei buginesische Büschproduktensucher und einen Bahau, während diese in einer Stromschnelle wehrlos standen, ermordet.
Junger Mann der Mahakam-Kajan.Junger Mann der Mahakam-Kajan.
Junger Mann der Mahakam-Kajan.
Junger Mann der Mahakam-Kajan.
Alle diese Ereignisse und Gerüchte, wie beunruhigend sie auch wirkten, hätten die Bahau oberhalb der Wasserfälle doch nicht von einerReise mit mir nach Apu Kajan zurückgehalten, wenn nicht zugleich der Sultan von Kutei jetzt ebenso stark gegen unser Unternehmen gearbeitet hätte, wie früher gegen unseren Aufenthalt bei den Bahau am Mahakam.
Die Fürstenfamilie fürchtete mit Recht, dass eine Ausbreitung des niederländischen Einflusses auf die Kĕnjastämme auch auf die Mahakambewohner einen grossen Eindruck machen würde, der ihrer eigenen Macht in hohem Masse nachteilig sein musste. Die Kuteinesen verbreiteten daher das Gerücht, der Sultan werde der niederländischen Regierung niemals gestatten, einen Kontrolleur unter den Bahau einzusetzen, auch würde er sich an allen Stämmen, die mir nach Apu Kajan hülfen, später rächen.Bang Jok, als einflussreichster Häuptling, unterstützte, in seiner erzwungenen Untertanenschaft, jetzt den Sultan bei seinen Drohungen. Durch seinen persönlichen Einfluss unter den Bahau gewannenBang JoksBehauptungen überdies viel an Bedeutung. Zu meinem grossen Bedauern fand die Einsetzung eines niederländischen Regierungsbeamten erst im Juli 1900 statt, so dass ich ein volles Jahr vergebens auf eine Unterstützung seitens der niederländisch-indischen Regierung wartete und die Bevölkerung am Mahakam in ständiger Angst vor den Drohungen des gefürchteten Sultans und seines HandlangersBang Joklebte.
Schreckten mich diese Zustände der zu überwindenden Schwierigkeiten wegen einerseits von der geplanten Reise nach Apu Kajan ab, so überzeugten sie mich andererseits wieder davon, von welcher politischen Wichtigkeit diese Expedition für die Einsetzung einer niederländischen Verwaltung am Mahakam sein musste. Falls, wie ich sicher erwartete, ein Kontrolleur unter den Bahau eingesetzt wurde, musste dieser das ausgedehnte, schwer zugängliche und schwach bevölkerte Gebiet sicherlich nicht durch europäische Machtentfaltung sondern durch freundschaftliche Beziehung zu der Bevölkerung zu verwalten suchen. Er hätte auch unmöglich Kopfjagden und ähnliche Anlässe zu Fehden und Racheakten verhindern können, besonders wenn es sich um entlegene, so gut wie unzugängliche Gebiete wie Apu Kajan handelte, wo sogar schwere Vergehen nicht gestraft werden konnten, wenn nicht schon vor seiner Ankunft mit den betreffenden Stämmen ein gutes Verhältnis angebahnt worden wäre.
Die gespannten Verhältnisse zwischen Bahau und Kĕnja liessen daher eine Reise nach Apu Kajan sehr wünschenswert erscheinen, was einigeHäuptlinge der Bahau, wieKwing Irang, der auch für das allgemeine Wohl Verständnis besass, auch einsahen. In wie weit dieses Motiv ihn dazu trieb, mich ständig, wenn auch oft für andere unmerklich, in meinem Plan zu unterstützen, war ich nicht zu beurteilen imstande.
Fürchteten die Bahau für sich selbst die zahlreichen Gefahren der Reise, so waren sie in nicht minderem Masse auch um mein Leben und das meiner Mitreisenden besorgt.Kwing Irangund sein Stamm beunruhigte auch der Gedanke, dass die niederländische Regierung für ein eventuelles Unglück, das uns zustiess, sich an ihnen rächen könnte.Kwingwar daher auch von Anfang an dafür, dass nicht nur seine Kajan, sondern alle Stämme am oberen Mahakam Vertreter mit mir sandten, damit das Ganze Gebiet gemeinschaftlich die Verantwortung für unsere Sicherheit auf sich nehme. Da die jungen Männer der verschiedenen Stämme alle Lust zum Unternehmen zeigten, hätte dieser Punkt keine Schwierigkeiten verursacht, wenn die anderen Umstände nur günstig gewesen wären. Selbst der malaiische HäuptlingTĕmĕnggung Itjotaus dem Mĕrasègebiet hatte sich mit seinem Gefolge und dem jungen HäuptlingIbau Lizur Teilnahme an unserer Expedition vorbereitet. Sie wollten nämlich bei dieser Gelegenheit die Trauer für ihre Verstorbenen ablegen,Tĕmĕnggung Itjotfür seinen kleinen Sohn,Ibau Lifür seinen VaterBo Li. Beide waren, wahrscheinlich aus Furcht vor mir, nicht dazu gekommen, die Trauerperiode nach der am Murung herrschenden Sitte durch ein Menschenopfer abzulegen und wollten der adert daher nach Bahauweise durch die Unternehmung einer grossen Reise und den Kauf eines alten Kopfes Genüge leisten.
Diese Ma-Suling, die durch den Tod des HäuptlingsObet Dĕwongverhindert gewesen waren, mit mir nach der Küste zu reisen (T. I pag. 410), begaben sich aber nach langem Warten, als mein Zug zu den Kĕnja zu missglücken schien, nach dem Murung, erhandelten dort zwei alte Sklavinnen und töteten diese auf der Rückreise an der Mĕrasèmündung, um durch Darbringung dieses Opfers die Trauerzeit abschliessen zu können. Sie hatten die Tat gewagt, nachdem ich bereits zum Boh aufgebrochen war.
Die Absicht aller Stämme am oberen Mahakam, mich zu den Kĕnja zu begleiten, war zwar ein willkommener Beweis von ihrem Bestreben, mich zu unterstützen, da aber jeder Mitreisende seine eigenen Interessen verfolgte, verursachte die Beteiligung einer so grossen Personenzahl viele Schwierigkeiten. Eine gemeinsame, wenn auch nurvorläufige Beratung über den Reiseplan erschien daher dringend nötig, und so suchte ich denn eine Versammlung, trotz des anfänglichen Widerspruchs der Kajan, zu Stande zu bringen. In einer Zusammenkunft mitKwing Irangund seinen Ältesten wurde beschlossen, dass die Beratung in Long Tĕpai beiBo Leastattfinden sollte.
Zu diesem Zwecke sollte ich flussabwärts nach Long Tĕpai fahren, währendKwing Irangvom Mĕrasè aus, wohin er mit seiner FrauHiāngund seiner PflegetochterKĕhadreiste, sich dorthin verfügen wollte. Am 12. November waren in der Tat alle in Long Tĕpai versammelt; mitKwing IrangWar auchTĕmĕnggung Itjot, als Vertreter der Ma-Suling, eingetroffen. Zuerst hielten die Häuptlinge untereinander eine Beratung, in der beschlossen wurde, dassBo Leazuerst allein nach Apu Kajan reisen sollte, umBui Djalongzu fragen, ob die Mahakambewohner unsere Expedition zu ihnen geleiten dürften. Am folgenden Tage wurde mir dieser Plan abends inBo LeasGalerie vorgelegt, wo sich alle Häuptlinge mit ihren Wortführern eingefunden hatten. In der Regel schweigen nämlich die Häuptlinge in solchen öffentlichen Versammlungen und überlassen ihrem klügsten und redegewandtesten Mantri das Wort; nur energische Häuptlinge Wie der PnihingBĕlarèsprachen oft auch persönlich ihre Ansichten aus. Hier in Long Tĕpai hatte der HäuptlingBo Tijungdie leitende Rolle zugewiesen, der, trotz seiner Abstammung von den Barito-Dajak, in Wirklichkeit das ganze Dorf regierte.
Vor Beginn der Versammlung Wurden alle Anwesenden durch das Gerücht, der Kontrolleur sei bereits in Udju Tĕpu angelangt, erfreut und beruhigt. Ein Barito-Dajak, Häuptling einer Gesellschaft Buschproduktensucher, behauptete sogar, diese Nachricht habe in einem Brief, der von der Küste gekommen sei, gestanden, ein Umstand, der alle Anwesenden zu überzeugen schien.
Im Grunde hatte ich es in der Versammlung nur mitBo Tijungzu tun, der stets wieder betonte, dass man gegen das Unternehmen sei, weil der Mord am Tawang noch nicht gesühnt wäre. Die anderen Gründe, die Angst vor den Kĕnja, den Zweifel an der Ankunft des Kontrolleurs und die Furcht vor der Ungnade des Sultans, erwähnteBo Tijungüberhaupt nicht. Zur Beseitigung der von ihm angeführten Schwierigkeit verlangte er,Bo Leasolle sich zuerst auf Kundschaft nach dem Apu Kajan begeben. Hierauf konnte ich jedoch durchaus nicht eingehen, da diese Reise vier Monate, wahrscheinlich noch viellänger dauern musste, der Zug den Reiz der Neuheit für die anderen Mitreisenden verloren und ich sie dann viel schwerer in Bewegung gebracht hätte. Überdies war es am besten, die Kĕnja vor eine Tatsache zu stellen und nicht zu warten, bis sie vielleicht aus Angst vor dem Ungewöhnlichen meinen Besuch ablehnten.
Die Versammlung führte wie gewöhnlich, trotz 3½ stündiger Beratung, zu keinem Resultat; ich konnte auf den Vorschlag der Häuptlinge nicht eingehen und diese äusserten sich nicht darüber, ob sie dennoch mit mir gehen, oder die Reise überhaupt nicht unternehmen wollten. Trotzdem die Meinungen einander scharf gegenüber standen und unsere gegenseitigen Interessen mit der Angelegenheit fest verbunden waren, wurden wir doch nicht heftig. Alles ging ruhig seinen Gang, man merkte, dass die Bahau ihre Beschwerden, die für mich als Niederländer nur unangenehm, für sie aber sehr gewichtig waren, nicht zur Sprache brachten, und nur einmal, alsBo Tijungetwas hitziger ausfuhr, konnte ich ein “mata tasin” (“möge ein Speer mich töten”, Fluch der Bahau) nicht unterdrücken. Die ganze Gesellschaft wurde aber dadurch beunruhigt, da sie einen Ausbruch von Heftigkeit meinerseits fürchtete, undBo Tijungbeobachtete in seiner Beweisführung sogleich mehr Vorsicht.
Kwing Irangfand die Situation augenscheinlich sehr peinlich, denn er stand, ohne etwas zu sagen, als erster auf. Als ihm noch einige folgten, schlugBo Tijungvor, die Beratung am folgenden Tage fortzusetzen. Ich erfuhr jedoch, dass die Häuptlinge später inBo Leasaminwieder zusammengekommen waren. Des anderen Morgens früh kamKwing Irangauch, um mir zu berichten, man habe in einer nächtlichen Beratung beschlossen, falls das Wasser falle, die Reise mit mir beim folgenden Neumond dennoch zu unternehmen.Tĕmĕnggung Itjotund er selbst, die nach dem Mĕrasè zurückkehrten, wollten die Ma-Suling benachrichtigen undBo Tijungsollte sich nach Batu Sala und Lulu Njiwung begeben, um die Long-Glat mit ihren HäuptlingenParèn DalongundDing Ngowdazu zu bewegen, ebenfalls ein oder zwei Böte mit Männern zur Reise auszurüsten.
Wegen des hohen Wasserstandes war drei Tage lang an eine Rückkehr nach dem Blu-u nicht zu denken, auch brauchte ich schliesslich mit meinem kleinen, gut bemannten Boot drei statt zwei Tage für die Reise.Kwing Iranglangte mit seiner Familie in einem mit Reis schwer geladenen Fahrzeug sogar erst am 23. November an. Biszum Ende des Monats behielt der Fluss seinen hohen Wasserstand.HiāngundKĕhad,KwingsFrau und Pflegetochter, kehrten von ihrem Ausflug zum Mĕrasè sehr befriedigt heim, sie waren in ihrem Leben noch nie bei den Ma-Suling gewesen, trotzdem diese nur eine Tagereise weit von Long Blu-u wohnten. Beide Frauen hatten zuerst tagelang nicht gewagt, sich mit ihren Verwandten in ihrem gebrochenen Besang zu unterhalten. Die Kajanfrauen sind an einen Verkehr mit benachbarten, verwandten Stämmen nicht gewöhnt, die Frauen der Long-Glat sind etwas reisegewandter, da ihre ursprünglich vereinigten Niederlassungen noch jetzt durch viele Verwandtschafts- und Freundschaftsbande verknüpft sind.
Die Kajanfamilien in Long Blu-u waren in diesen Monaten noch immer damit beschäftigt, Material zum Bau vonKwing IrangsHaus herbeizuschaffen; augenblicklich arbeiteten sie an den grossen, schweren Brettern, welche für die Diele in der Galerie bestimmt waren. Je zwei Familien hatten ein solches Brett fertig zu stellen. Der Hausbau lagKwing Irangso am Herzen, dass ihm sein Entschluss, mich jetzt schon auf der Reise zu begleiten, sehr viel Selbstüberwindung gekostet haben musste.
Während wir in grosser Einförmigkeit, so gut es eben ging, die folgenden Tage verbrachten, wurden wir eines Mittags durch einen grossen Menschenauflauf erschreckt, der sich nach dem unten am Fluss liegenden Teil der Niederlassung bewegte. Voll Neugier schlossen wir uns den Leuten an und bemerkten bald eine grosse, mitten aus einer langen Häuserreihe aufsteigende Rauchwolke. Beim Gedanken an das viele trockene Holz, aus dem das Dorf bestand, wurde uns Angst, doch sahen wir sogleich, dass das Feuer sich nicht weiter ausbreitete. Einige Männer, die unter lautem Geschrei auf das Dach geklettert waren, schlugen mit Schwertern von den angrenzenden Häusern die Schindeln los und warfen sie hinunter. Auch von Innen wurden die leichter entzündlichen Holzteile auseinander gerückt und das schwerere Holz mit Wasser begossen, so dass der Rauch nach kurzer Zeit nachliess und das Unheil abgewandt war. Eine Mutter mit ihrer Tochter hatten den Brand veranlasst, indem sie sich unvorsichtiger Weise von dem Topf, in dem sie Schweinespeck schmelzten, entfernt hatten. Wahrscheinlich waren die Flammen des Holzfeuers in den offenen Kochtopf geschlagen und hatten dann das über dem Herde aufgestapelte Brennholz ergriffen.
Die Dorfleute machten den Schuldigen, die übrigens durch denVerlust ihres Hauses genügend gestraft waren, keine Vorwürfe, sondern schrieben den Brand dem Umstande zu, dass man in einer ungünstigen Mondphase das Haus gebaut oder das Baumaterial gesammelt haben musste. Bevor daher ein neues Haus errichtet werden durfte, mussten die Priesterinnen zur Besänftigung der zürnenden Geister ein Opfer bringen und die stehengebliebenen Teile mit dem Blute des Opfertieres bestreichen.
Anfang Dezember kamBo Tijungmit einer Gesellschaft Long-Glat und meldete mir das Resultat seiner Unterhandlungen mit den verschiedenen Niederlassungen. Obgleich seine Berichte, die er in einer Versammlung vorbrachte, nicht ermutigend lauteten, machten sie dem langen Warten in Ungewissheit vorläufig doch ein Erde. Alle Niederlassungen hatten sich zwar zum Unternehmen des Zuges bereit gezeigt, aber die Bewohner von Lulu Njiwong hatten erklärt, sie litten bereits seit Monaten an Reismangel und könnten daher kurz vor der Ernte unmöglich ein Boot mit Mannschaft ausrüsten.Bo Tijungbehauptete, die gleichen Zustände, wenn auch in geringerem Grade, herrschten auch in Long Tĕpai, und bat daher um einen Aufschub der Reise bis zum Beginn der Ernte, nach der Feier deslāli parei.Zwar bedeutete dies eine Verzögerung von anderthalb Monaten, doch war ich froh, dass man den Reiseplan unter diesen wirklich schwierigen Verhältnissen nicht gänzlich aufgegeben hatte, und stimmte zu, unter der Bedingung, dass man daslāli pareigleich nach Neumond feiern sollte. Meine Zustimmung schien alle Anwesenden von einem Druck zu befreien.
Jetzt, wo ich die Gewissheit hatte, fürs erste nicht fortzukommen, musste ich meine Zeit so nützlich als möglich anzuwenden suchen. Vor allem musste ich meinem Personal Arbeit schaffen, damit es sich im Dorfe nicht langweilte. Ich selbst konnte nicht mitgehen, so sandte ich dennDorisundAbdulmit einigen Malaien aus Samarinda und einigen Kajan als Führern nach einer Stelle am Blu-u, wo wir 1896 eine Jagdstation eingerichtet hatten. Teils um für das Trocknen von allerlei Gegenständen Luft zu schaffen, teils um zu verhindern, dass die Bäume, wie es einmal beinahe geschehen war, auf unser Lager stürzten, hatten wir dort ein grosses Stück Wald gefällt. Ich hoffte, dass es unseren Jägern diesmal gelingen würde, dort einigebang-e̱-uzu fangen, von denen ich während meiner ersten Reise mehrere Exemplare erhalten hatte, die jetzt aber in unserer Vogelsammlungnoch fehlten, weil die Kajan von dem Hausbau zu sehr in Anspruch genommen waren, um Schlingen legen zu können. Auf den Eifer meines Jägers setzte ich nicht viel Hoffnung, vertraute dagegen mehr aufAbdulund einige Malaien,DĕlahitundSaïd, die ausser Talent auch noch Neigung und Verständnis für die Jagd besassen. Bis jetzt waren es hauptsächlichAbdulundDĕlahitgewesen, die uns ab und zu mit grossem Wild, nicht nur Hirschen, sondern auch Rindern, versehen hatten. Ihre Art zu jagen bestand mehr darin, dass sie das Wild beschlichen oder ihm an einer Salzquelle im Hinterhalt auflauerten, als dass sie es von weitem zu treffen suchten, wozu sich im dichten Walde auch selten Gelegenheit bot. Ein selbst von den Dajak sehr bewundertes Talent im Aufspüren des Wildes besassAbdul, ein Halbblut-Chinese aus Java, der um der schönen Augen seiner javanischen Frau willen Mohammedaner geworden war. Dieser Mann verstand auf dem mit Zweigen und Blättern bedeckten Waldboden die frische Spur eines Hirsches zu finden, das Tier weit und so vorsichtig zu verfolgen, dass er es oft an seinem Lagerplatze überraschte und auf 10–15 Schritt schiessen konnte.
Die Bahau schätztenAbdulsFähigkeiten als Jäger und Spürhund gleichzeitig sehr und baten ihn oft, sie auf die Jagd zu begleiten. Zu unserem grossen Bedauern begabAbdulsich, trotz des chinesischen Blutes, das in seinen Adern strömte, nur selten auf die Wildschweinjagd, weswegen wir uns am schönsten Wildbret von Borneos Wäldern nur ab und zu erfreuen durften. Mit derselben Geschicklichkeit, mit der er auf Reisen das Löten und andere nützliche Handwerke gelernt hatte, verstandAbdulauch bald nach Art der Bahau Schlingen zu legen, ich hoffte daher von dem Aufenthalt meiner Jagdgesellschaft mitten in dem noch wenig besuchten Wald am oberem Blu-u das Beste.Kwing Irangzeigte sich zwar immer etwaiger Gefahren wegen, welche die Jäger dort treffen konnten, besorgt, aber da sie gut bewaffnet waren, liess ich sie ruhig ziehen. Derbang-e̱-u(Lobiophasis Bulweri Sh.) war leider, wie es sich erwies, noch nicht von den Bergen ins Tal herabgekommen, um sich dort an den Früchten gütlich zu tun, so dass nur allerlei andere hühnerartige Vögel, wie der kwe̥ (Argusianus Grayi), derbajan(Lophura nobilis Scl.) und dertajum(Bollulus roulroul Scop.) gefangen wurden, von denen wir aber bereits mehrere Exemplare besassen.
Am letzten Tage des Jahres trafKwing Irangsältester Sohn,Bang Awan, in Long Blu-u ein. Er war während unserer Reise zur Küstebei den Hwang-Sirau unterhalb der Wasserfälle zurückgeblieben, um die Tochter des dortigen Häuptlings als zweite Frau zu freien.Bang Awanbrachte uns zum Schluss des Jahres neue Enttäuschungen durch den Bericht, der Kontrolleur sei noch nicht angekommen und man habe von ihm überhaupt nichts gehört. Nur wisse man, dass die Kuteische Regierung gegen die Buginesen aufgetreten war, die bei den Bahau in Udju Tĕpu Handel trieben, sich dem Würfelund Kartenspiel ergaben und den Bandjaresen, ihren Konkurrenten, gegenüber sich allerlei hatten zu Schulden kommen lassen. Der Sultan hatte ihnen befohlen, sich bis nach Mĕlak zurückzuziehen und das Land der Bahau nicht wieder zu betreten; da die Buginesen diesem Befehle aber nicht gefolgt waren, wagten sich die Handelsdampfer des Sultans, der auf den Handel mit dem Binnenlande ein Monopol hatte nicht mehr bis Udju Tĕpu hinauf, wodurch dort alles sehr teuer geworden war. Kurz vorBangsAbreise von Hwang Sirau hatte sich noch von der Küste her das Gerücht verbreitet, der Sultan sei gestorben und sein ältester Sohn solle sein Nachfolger werden, trotzdem die übrigen Kinder sich widersetzten. Um den Becher zum Überlaufen zu bringen und das Vertrauen der Bevölkerung in die niederländische Macht noch mehr zu erschüttern, traf auch die Nachricht von der Ermordung zweier Kontrolleure in Kendangan, im Bandjamasinschen Gebiete ein. Zu unserem Troste brachteBangeine Post mit, die von Samarinda hinaufgeschickt worden war und die er von Udju Tĕpu, wo er seine Einkäufe machte, mitgenommen hatte; später fand er eine zweite Postsendung, älteren Datums, in Uma Mĕhak.
MitBangzugleich traf auch der MalaieUtasbei uns ein, der aus dem Gebiet des Murung, wo er Handelswaren eingekauft hatte, erst nach Udju Tĕpu gezogen war. Er brachte allerhand für unseren langdauernden Aufenthalt sehr nötige Dinge mit; den für Apu Kajan bestimmten Vorrat wollten wir nicht antasten.Utasverkaufte uns sowohl Tauschartikel als Esswaren, auch willigte er ein, mit Gold bezahlt zu werden, was in dieser Gegend ganz unbekannt war. Die Bahau am oberen Mahakam nahmen höchstens Reichstaler und Gulden an, während sie Kleingeld als minderwertig verachteten. Die Bevölkerung am unteren Mahakam dagegen sieht mehr Kupfer- als Silbergeld. Die erste Ausbezahlung in Gold kam mir insofern sehr zu statten, als mein Vorrat an Silbergeld durch die Reiseverzögerung sehr geschmolzen und ich bald auf mein Goldgeld angewiesen war.Sobald die Bahau als Lohn oder Kaufgeld meine Silberstücke empfangen hatten, bewahrten sie diese für eine eventuelle Reise nach den Marktplätzen an der Küste und waren nicht dazu zu bewegen, das Geld gegen etwas anderes auszutauschen.
Um den ersten Eindruck vonBangsschlimmen Berichten vorübergehen zu lassen, wartete ich mehrere Tage, bevor ich mitKwing Irangüber unsere Reisepläne zu sprechen anfing; ich wunderte mich auch nicht, dass die Kajan nach den schlechten Nachrichten keine Reisevorbereitungen trafen, die Böte nicht ausrüsteten und keinen Reis stampften. Als ich am 20. Januar endlich anKwing Irangdas Wort zu richten wagte, bekam ich bald noch mehr beunruhigende Berichte zu hören: z.B.Bui Djalongsei in zwei grossen Böten mit Kĕnja den Boh hinuntergefahren, um wegen der Busse (pate̱) für den Mord seines Enkels zu unterhandeln. Zwei Pnihing, die vor einigen Tagen nach oben gekommen waren, hatten diese für mich so wichtige, aber doch vor mir geheim gehaltene Nachricht gebracht. Einige andere Männer, dieBĕlarènach Long Tĕpai gesandt hatte, um Näheres hierüber zu hören, waren noch nicht zurückgekehrt.
Ich hatte bereits beschlossen, meinen DienerMidanund einige Malaien, noch bevor am folgenden Tage daslāli pareianbrach, nach Long Tĕpai zu schicken, um zuverlässige Nachrichten zu holen, als des Morgens die Pnihing vonBĕlarèim Vorbeifahren bei unserer Niederlassung anlegten. Zum Glück sprachen sie den Häuptling, noch bevor die Frauen, die auf dem Felde die Zeremonien für daslāli pareivorgenommen hatten, zurückkehrten, was dem Eintritt der Verbotszeit bedeutete. NichtBui Djalongselbst, sondernTaman Dau, der Häuptling der Uma-Bom, sollte mit 180 Mann in Long Dĕho angekommen sein. Dass er den Zweck seiner Reise nicht angab, erweckte grosses Misstrauen.Bui Djalongselbst sollte auf der Wasserscheide noch Böte bauen, um den Boh hinunterfahren zu können.
Kaum waren die Männer, deren Berichte glaubwürdig klangen, abgefahren, alsKwing Irangszweite Frau, UmarAnja, in ihrem Boote vom Reisfelde heimkehrte, und wir durch das eintretendelāli pareifür einige Tage von der Aussenwelt abgeschieden wurden.
Bereits seit einiger Zeit hatte ich erzählen hören.Kwing Irangtrage sich jetzt, wo sein grosses Haus bewohnbar war, mit dem Plane,Lirui, seine jüngste und dritte Frau, die bis jetzt bei ihren Eltern in Long ’Kup gewohnt hatte, zu sich zu nehmen. Die Vorbereitungenhierzu waren augenscheinlich getroffen, die Geschenke für die Pnihing zusammengebracht und, das Wichtigste, die Zustimmung vonKwingsHaustyrannenBo Hiāngerhalten, denn nach Schluss deslāli pareizogen die Ältesten des Stammes nach Long ’Kup, umLiruiund deren SöhnchenParènabzuholen. Am folgenden Tage trafen die Erwarteten, von fünf Böten geleitet, ein.
Bevor sie das Ufer bestiegen, wurde den Dorfgeistern als Opfer ein Ferkel und ein Huhn dargeboten. Darauf nahmen einige MännerLiruimit ihrem Sohn auf den Rücken und trugen sie den 10 m hohen Uferwall hinauf, wobei sie zum Schutz gegen die Sonne überLiruieinen grossen Sonnenhut, überParèneinen geliehenen Regenschirm hielten. Das Pnihing-Geleite blieb zwei Tage still inKwing IrangsHause; Festlichkeiten fanden nicht statt, weil der Häuptling bereits mehrere Frauen hatte und gehabt hatte. Dann zog die Gesellschaft mit den Gongen und Tempajan, welche diepanjinder Kajan als Kaufsumme fürLiruizusammengebracht hatten, wieder heim.Liruiselbst blieb mit ihrem Sohn und der Sklavin, die sie mitgenommen hatte, bei den Kajan zurück.
Die politischen Verhältnisse, der Bau des neuen Hauses und die Ankunft seiner jungen Frau waren zwar triftige Gründe,Kwing Irangans Haus zu binden, doch zögerte ich nach Ablauf der Verbotszeit nicht länger, mit ihm persönlich über die Reisevorbereitungen zu sprechen, da ich nicht warten konnte, bis alle Umstände günstig waren, und da die nächsten Monate voraussichtlich keine besseren Aussichten bieten würden.
AlsKwingsich eines Abends zu mir auf die Plattform meiner Hütte setzte, von der ich eine schöne Aussicht über den Mahakam genoss, ging ich vorsichtig auf den bewussten Gegenstand ein; mein Freund schützte zwar allerhand vor, wie Mangel an Böten, dringende Arbeiten u.s.w., erwähnte aber die eigentlichen Hinderungsgründe nicht, immerhin ging aus allem hervor, dass er für die Reise keine Möglichkeit sah. In der Hoffnung, die Bewohner von Long Tĕpai würden, ihrem Versprechen gemäss, zur Reise geneigter sein, oder man würde dort Buschproduktensucher und Malaien zum Mitgehen bereit finden, jedenfalls aber, um den Kajan zu zeigen, dass ich nicht länger warten wollte, gab ichKwing Irangmeine Absicht zu erkennen,BierundDemmenivoraus flussabwärts zu senden. Nach Ablauf deslāli parei ajareisten die beiden wirklich ab, in Gesellschaft eines der ältestenKajan, der den Long-Glat eine nochmalige Beratung ans Herz legen sollte.
Bald darauf schrieben meine Reisegefährten, die Aussichten wären auch in Long Tĕpai nichts weniger als günstig, man würde aber zur Beratung zu mir hinauffahren. Wenn den jungen Leuten in Long Blu-u die Vorstellung, mit mir nach dem interessanten Apu Kajan zu ziehen, nicht immer noch verlockend vorgekommen wäre und sie nicht schon teilweise ihrelĕwo(Reispacken) vorbereitet hätten, wäre ich unter diesen deprimierenden Umständen sogleich unverrichteter Sache zur Küste zurückgekehrt. In diesem kritischen Augenblick teilten mir die am jenseitigen Ufer wohnenden malaiischen Buschproduktensucher mit, sie wollten mich begleiten, fallsKwing Irangseine Zustimmung gebe. Auch glaubte ich in der Herrichtung des grossen Häuptlingsbootes ein gutes Zeichen zu sehen, hörte aber bald, es habe nur den Zweck, eine grosse Anzahl Männer, die im Walde Dielenbretter fürKwingsHaus verfertigen sollten, den Blu-u aufwärts zu bringen.
Die Abgesandten aus Long Tĕpai trafen erst am 11. Februar ein; sie äusserten sich mittags sehr zurückhaltend, erklärten aber abends in einer allgemeinen Versammlung mit den Kajan rund heraus, dass sie nicht mit mir zu den Kĕnja reisen wollten, weil aus Apu Kajan sehr ungünstige Berichte gekommen wären. Sie machten zwar wieder den alten Vorschlag,Bo TijungundBo Uluizur Vorbereitung unseres Zuges zu den Kĕnja vorausreisen zu lassen, doch ging ich hierauf aus den bereits erwähnten Gründen nicht ein. Sie sprachen so überzeugend, dass ich selbst an eine aus Apu Kajan drohende Gefahr geglaubt hätte, wennKwing Irangmich nicht schüchtern gefragt hätte, was ich von der Ankunft des Kontrolleurs dächte, woraus ich ersah, dass man wie gewöhnlich die wahren Beweggründe nicht nannte, Bedrohungen aus Kutei aber die Haupthindernisse bildeten. Fest überzeugt von der Einsetzung eines niederländischen Beamten am Mahakam, liess ich meine Hoffnung daher nicht fahren. Dass man nicht aufrichtig gewesen war, merkte ich am folgenden Morgen, wo auch die Long-Glat sich weigerten, zur Vorbereitung der Reise nach Apu Kajan voraus zu ziehen.Bo Tijungwar ein zu grosser Diplomat, als dass ich von ihm etwas erfahren hätte, so liess ich ihn denn wieder nach Hause gehen.
Am anderen Morgen, als ich gerade über die unklare Rolle, welcheKwing Irangund die Kajan in dieser Angelegenheit gespielt hatten, nachdachte, kam der Häuptling selbst, vergrämt und wie gealtert,zu mir. Mit Tränen in den Augen berichtete er, auch er wäre über die bestimmte Weigerung der Long-Glat sehr erstaunt gewesen und hätte, wie übrigens auch ich, die ganze Nacht vor Aufregung nicht geschlafen. WieKwingerzählte, hatte der Sultan von Kutei jeden Stamm, der mir nach Apu Kajan half, zu bekriegen gedroht, was natürlich alle Häuptlinge—da die Ankunft eines Kontrolleurs noch ganz ungewiss war—eingeschüchtert hatte. Mehr war vonKwingnicht zu erfahren, daher begab ich mich am folgenden Tage, als die meisten Long-Glat mitBo Tijungzum Früchtepflücken den Blu-u hinaufgefahren waren, um Näheres zu hören, zu dem gutmütigenBo Ului Jok, unter dem Vorwande, von ihm Auskunft über den Boh und dessen Nebenflüsse haben zu wollen.
Mit grosser Bereitwilligkeit ging dieser darauf ein, bedauerte lebhaft den Verlauf der Reiseangelegenheit und erklärte unter Tränen, nicht alles sagen zu dürfen. Als ihm eine Verwünschung gegenBang Jokentschlüpfte, wurde mir die Lage sofort klar.Bang Joksuchte aus Eigennutz und angestachelt durch den Sultan auf alle Weise meine Reise zu den Kĕnja zu verhindern und hatte dadurch seine Verwandten in Long Tĕpai völlig eingeschüchtert.
Der Schwerpunkt der Unterhandlungen wegen der Reise lag somit nicht länger bei den Kajan, sondern bei den Long-Glat in Long Dĕho, auch war es wünschenswert, persönlich der Kĕnjagesellschaft unterTaman Daudort zu begegnen, bevor sie den Heimweg einschlug, und zu verhindern, dass sie sich, um Köpfe zu jagen, den Mahakam hinunter begab. Auf Rat und mit Hilfe vonKwing, der keine Möglichkeit sah, eine genügende Anzahl Kajan in kurzer Zeit für einen längeren Zug nach Long Dĕho auszurüsten, nahm ich 10 Malaien aus Long Buleng in Dienst, was mich von der schwerfälligen Hilfe der Blu-u Bewohner unabhängig machte. Hierbei verfolgte ich noch den Nebenzweck, die Malaien, falls die Reise zu den Kĕnja nicht zu Stande kam, für eine topographische Aufnahme der Nebenflüsse des Mahakam unterhalb der Wasserfälle zu benützen. Die Malaien waren hiermit auch einverstanden, nur fürchteten sie, dass ich sie am Ende geradenwegs nach Apu Kajan mitnehmen würde.
Bevor ich Long Blu-u verliess, musste ich nochMidanmit einigen Malaien nach dem Mĕrasè und Long Tĕpai schicken, um Reis einzukaufen.Kwingschlug mir auch vor, mein Personal den Kajan bei der Reisernte helfen zu lassen. Als Lohn sollte jeder einen Packen von 20 kg mitbekommen.
Im letzten Augenblick erschreckteNjok Leaaus Long Tĕpai, der auf einer Reise zu den Pnihing bei uns Halt machte,Kwingnoch so sehr mit allerhand Unglücksbotschaften, dass dieser erklärte, mich bestimmt nicht zu den Kĕnja begleiten zu können. Da die Lohnfrage in dieser Angelegenheit durchaus keine Rolle gespielt hatte, liessKwingsich trotz meines Angebots von 500 fl als Lohn für die Reise von seinem Vorhaben, mich nur auf dem Mahakam begleiten zu wollen, nicht abbringen. Doch wollte er nochmals nach Long Dĕho zur Beratung kommen und vorher sorgfältig aus dem Vogelflug Vorzeichen einholen lassen.Taman Dauund seine Kĕnja wollteKwinggern persönlich sprechen und von deren Betragen würde er seinen endgültigen Entschluss abhängig machen. Da der Wasserstand zum Passieren der Wasserfälle niedrig genug war, drängte ich zur Abfahrt, aber nachts vor dem festgesetzten Tag starb ein Kind im Dorfe und die Malaien verlangten dieses schlechten Vorzeichens wegen einen Reiseaufschub von einem Tage.
Am 9. März fuhren wir um 8 Uhr morgens endlich von Long Blu-u ab. Der Abschied von der Niederlassung, in der ich so lange Zeit verbracht hatte, fiel mir nicht schwer, denn die Wartezeit von Monaten hatte meine Geduld erschöpft, so dass meine Sehnsucht fortzukommen, jede andere Empfindung überwog.
In Long Tĕpai traf ich meine ReisegenossenBierundDemmeniund alles Gepäck in guter Verfassung an, leider empfing mich aber sogleich die Schreckensnachricht, die Kĕnja unterTaman Dauhätten unterhalb der Wasserfälle 3 Ot-Danum, die am oberen Medang Buschprodukte suchten, die Köpfe abgeschlagen. Dieses Begebnis machte einen so grossen Eindruck, dass vorläufig an eine topographische Aufnahme der Nebenflüsse nicht zu denken war, weil die Malaien sich viel zu sehr fürchteten.
Unter diesen Umständen schien es mir am geratensten, den niedrigen Wasserstand für eine Fahrt nach Long Dĕho zu benutzen, um die Kĕnja persönlich sprechen zu können. Ich wartete daher nicht aufKwing Irang, sondern liess mich vonBiernachBang JoksLöwengrube begleiten; ausserdem kamen einige vornehme Long-Glat mit uns, unter ihnenBo TijungundBo Ului, welch letzterer die Kĕnja persönlich kannte.Demmenisollte zurückbleiben, um mitKwingalles Gepäck nach Long Dĕho zu transportieren.Bo Leavon Long Tĕpai half mir mit vielen seiner Männer über die Wasserfälle. Am Fuss desKiham Kĕnhè glücklich angelangt, empfand ich für die Bereitwilligkeit, mit der mir diese sogleich Hilfe geleistet hatten, so grosse Dankbarkeit, dass ich jedem Manne statt des gewöhnlichen Taglohnes von 1 fl einen Reichstaler gab, eine Freigebigkeit, die ich später bedauerte.
Am 14. März hielten wir wiederum in dem alten baufälligen Fremdenhaus von Long Dĕho unseren Einzug.