Brücke über eine Schlucht.Brücke über eine Schlucht.
Brücke über eine Schlucht.
Brücke über eine Schlucht.
Die Fahrt abwärts erforderte indessen unsere ganze Aufmerksamkeit; das Flussgefälle war hier sehr schwach, nur ab und zu fuhren wir eine Stromschnelle hinunter, die bei höherem Wasserstande vielleicht kaum bemerkbar gewesen wäre, jetzt aber ein Schleppen der Böte notwendig machte. Die Umgebung war mit hohem, aber jungem Wald bedeckt, den alten hatten die Kĕnja gefällt; das anstehende Gestein an den Ufern zeigte horizontale Schichten von Schiefern und Sandstein, die miteinander abwechselten. Bis ½ 4 Uhr nachmittags fuhren wir hauptsächlich in westlicher Richtung, dann erreichten wir einen grossen, rechten Nebenfluss des Kajan, den Danum, an dessen Oberlauf der Stamm Uma-Bom wohnen sollte. An der Mündung des wie der Hauptfluss etwa 25 m breiten Danum begegneten uns die ersten menschlichen Wesen, ein alter Mann und ein Knabe, die am Ufer sassen und meinen Bootsleuten etwas zuriefen, worauf diese einen Augenblick zögerten, dann aber weiterruderten. Als ich mich zufällig danach erkundigte, was die beiden in dieser Wildnis eigentlich wollten, erzählten die Kĕnja, der Mann, einer der ältesten Uma-Bom namensBo Usat Jok, warte bereits seit 3 Tagen mit seinem Enkel an derselben Stelle auf meine Ankunft, um ein Heilmittel gegen seine Leiden von mir zu erhalten. Meine Ruderer hatten gedacht, ich wäre augenblicklich wohl nicht aufgelegt, um dem Manne zu helfen, und waren vorbeigefahren. Ich liess sie jedoch zurückrudern und sah mir den Mann an, der seit vielen Jahren bereits an einem Syphilid der Rückenhaut litt, gegen den eine Jodkalilösung von sehr guter Wirkung sein musste. Nach Aussagen der Kĕnja warBui DjalongsLagerplatz nicht mehr sehr weit von uns entfernt; so liess ich die beiden denn in eines der Böte aufnehmen, um dem Kranken erst nach unserer Landung Arzneien zu geben.
In der Tat dauerte die Talfahrt auf dem hier breiten und tiefen Flusse nur noch eine halbe Stunde, worauf die Kĕnja an einer freien Uferstelle anlegten und uns auszusteigen aufforderten, weil hier der Landweg längs den mit Böten nicht zu passierenden Wasserfällen von Batu Plakau begann. Alles Gepäck wurde unter die Kĕnja und Malaien verteilt und fort ging es durch den jungen Wald, in dem die Uma-Bom früher gewohnt hatten. Bald führte der Weg über lange Reihen behauener Stämme, die an gefährlichen Stellen wagrecht zu den Bergabhängen hintereinander auf Stützbalken angebracht waren, eine Weganlage, die ich bis dahin auf Borneo noch nicht gesehen hatte. An einer Steile, wo die Böte in 50 m Höhe auf diesem Wege um die Abhänge gezogen werden mussten, wurde der Bau noch grossartiger. Auf einigen Strecken war in den Abhängen ein sehr breiter Weg ausgegraben, den man zum besseren Gleiten der Böte mit dünnen Baumstämmen belegt hatte; wo Schluchten die Bergwände trennten, waren diese durch ebenfalls mit einer Lage von Stämmen bedeckte Gerüste überbrückt worden. Da dieses Bauwerk 2 km lang war, erregte es stets wiederDemmenisund meine Bewunderung, obgleich der Weg für uns beschuhte Europäer oft sehr unbequem war.
Einige Kĕnja waren vorausgegangen, um unsere AnkunftBui Djalongzu melden. Nach einiger Zeit kamen uns zwei alte Männer entgegen, von denen der eine etwas schneller schritt und uns nach der hier eben eingeführten europäischen Sitte die Hand drückte. Dies warBui Djalong, ein kräftig gebauter, etwa 50 jähriger Mann mit ruhigem, intelligentem Gesicht, der jedoch etwas gebeugt ging und hinkte. Nach der Begrüssung führte er mich der Kĕnjasitte gemäss in seine in der Nähe gelegene Hütte, wo er sich mit gekreuzten Beinen auf seinem Platzniederliess und mich zum Sitzen neben sich aufforderte; als Sessel brachte man mir einen Packen Kattun. Während unseres Gespräches sahen wir einander forschend an und auch die grosse, um uns herum kauernde Kĕnjagesellschaft richtete ihre Augen durchdringend auf den ersten Weissen, der ihr Land besuchte.Bui Djalong, der zum Glück ebenfalls gut Busang verstand, lud uns als Gäste in sein Haus ein, wo man uns bereits mit Ungeduld erwartete.
Die Frauen sollten besonders gespannt sein, weil sie bisher den Berichten ihrer Männer, dass an der Küste weisse Menschen lebten, nicht hätten glauben wollen. Der Häuptling sprach auch von seinem Sohn und seiner Tochter, die vor kurzem gestorben waren, worauf ich als Grund meines Kommens den Wunsch angab, die bestehenden Streitigkeiten mit dem Mahakamgebiet aus dem Wege zu räumen. Die weitere Unterhaltung drehte sich um unwichtige Dinge, nur fiel es mir auf, dass der Häuptling auf meine Erklärung, warum ich als Sühngeld für die Ermordung seines Enkels keinen Sklaven mitgebracht hatte, keine Antwort gab. Die übrigen alten Männer begnügten sich damit, uns anzustarren. Unterdessen bauten einige junge Kĕnja dicht gegenüber der Hütte als Unterkunft für uns ein schräges Dach. Einige meiner Malaien übernahmen dabei die Leitung, spannten wie gewöhnlich das Segeltuch aus und stapelten darunter das Gepäck auf. Bei Einbruch der Dunkelheit konnten wir uns bereits in unser Zelt zurückziehen, mit dem befreienden Gefühl, seitens der Kĕnja über Erwarten gut empfangen worden zu sein.
Unseren Malaien, die sich wegenKwingsund der Kajan Abwesenheit unter so vielen Kĕnja zu fürchten begannen, suchte ich ernsthaft die Grundlosigkeit ihrer Angst klar zu machen.Anjang Njahuhatte uns bereits das erste Mal 3 Packen Reis von den Kĕnja mitgebracht, bei seiner Rückkehr aufs neue; alle erforderliche Hilfe hatten diese uns so schnell als möglich geleistet, den langen Landweg in Stand gesetzt, so viele Menschen und Böte herbeigeschafft, was uns in so prompter und vollkommener Ausführung noch nirgends begegnet war. Ein Zweifel an der freundschaftlichen Gesinnung der Kĕnja uns gegenüber war somit gänzlich unberechtigt, zudem flösste die Persönlichkeit des Häuptlings grosses Vertrauen ein. Auf den Vorschlag der Malaien, nachts Wache halten zu lassen, ging ich daher nicht ein; wie leicht konnte einer nachts aus Angst sein Gewehr abschiessen und dadurch grossen Schreck, womöglich Unglücksfällehervorrufen. Ich befahl denn auch, überhaupt keine Wache zu halten, und schlief mitDemmeniund meinem JägerDorisin nächster Nähe des Häuptlings bald ruhig ein.
Des anderen Morgens begannen wir sogleich Umschau zu halten. Als Lagerplatz hatten die Kĕnja einen ebeneren Teil des Bergabhanges dicht beim Flusse gewählt; die Hütten standen unregelmässig durcheinander, je nach der Bodenbeschaffenheit, und waren nach der bei allen Bahau im Walde gebräuchlichen Art gebaut. Sie waren sehr zahlreich, weilBui Djalongüber 100 Mann mitgenommen hatte, um den Weg so schnell als möglich zu reparieren und uns mit den Böten zu Hilfe zu kommen. Die Kĕnja waren augenscheinlich an schnelles Arbeiten gewöhnt; sie hatten noch kaum ihr Mahl beendet, als der Häuptling ruhig aber entschieden befahl, dass ein Teil der Männer mit den Böten den Fluss wieder hinauffahren sollte, umKwing Irangund die Kajan abzuholen, ein anderer einiges beim Landungsplatz zurückgelassene Gepäck nachtragen und ein dritter, der ins Dorf heimkehrte, einige unserer vielen Koffer mitnehmen sollte. Die weiteren Befehle teilten darauf einige seiner jungen Blutsverwandten ihren Mannschaften aus und zwar in viel lauterem Tone, als bei den Bahau üblich ist, aber zu meinem Erstaunen gehorchte man ihnen sofort und bald waren, ausgenommen einige Männer, die dem Häuptling Gesellschaft leisteten, alle unterwegs. Die Kĕnja traten ganz allgemein einander gegenüber viel energischer auf, als ich es von ihren Stammesgenossen gewöhnt war; so liessBui Djalongdem alten Mann der Uma-Bom, den ich im Laufe des Vormittags behandelt und mit einem grossen Vorrat Arzneien versehen hatte, durch einen seiner Ältesten unzweideutig vorhalten, dass sein Stamm sich beeilen müsste, um ebenfalls etwas zu meinem Empfange beizutragen, was bis jetzt noch nicht geschehen sei. Mit dieser Botschaft wurden der Alte und sein jugendlicher Begleiter den Fluss bis zur Danummündung wieder hinaufgeschickt. Der still verbrachte Tag war zum gegenseitigen Kennenlernen wie geschaffen, und da unser Ruhebedürfnis sehr gross war, taten wir auch nicht viel anderes, als uns mit unseren neuen Gastherren unterhalten. Ein halbes Pfund Tabak, das ich dem Häuptling zur Verteilung übergab, erregte grosse Freude.
Im Lauf des Tages kamen alle unsere Koffer an. Im Vertrauen, dass die Kajan am anderen Tage nachkommen würden, beschlossen wir, unseren Lagerplatz unterhalb der Reihe Wasserfälle von BatuPlakau zu verlegen undKwingdort zu erwarten. Nach einer ruhigen Nacht, die uns wieder zu Kräften kommen liess, wurde auch dieser Plan ohne Schwierigkeiten seitens der Träger ausgeführt. Der fernere Weg war ebenso beschaffen, wie der vorherige; um die in einem Winkel von 60° zum Fluss abfallenden Berghänge war wieder ein 1.25 m breiter Weg ausgegraben und mit Stämmen belegt worden und über die Schluchten Brücken geschlagen. Die gut behauenen Balken und die festen, für uns von neuem hergestellten Brücken erweckten wiederum meine Bewunderung, der ich auch gegenBui Djalong, der mit seinem kleinen SohnUluineben mir ging, Ausdruck gab. Nach einiger Zeit erreichten wir eine Geröllbank im Fluss, wo wir die Kajan erwarten sollten. Die Hütten waren bereits mit derselben Schnelligkeit wieder aufgeschlagen worden und alles wieder zur Ruhe gegangen, als fünf der beiKwingzurückgebliebenen Malaien mit der Meldung eintrafen, dass nur ein Teil der Kajan den Fluss hinunter gekommen war, weil die Böte wieder nicht gereicht hätten undKwingmit den übrigen daher aufs neue geholt werden müsse. Dies bedeutete einen unangenehmen Aufenthalt, da die Kĕnja ihren Reisvorrat nicht für so lange berechnet hatten. Der erste Teil der Kajan kampierte oberhalb Batu Plakau und erschien erst am 5. Sept. mit dem Bericht, es sei fraglich, ob die zugesandten Böte auch diesmal genügen würden, umKwingmit dem Rest der Kajan abzuholen. Dank den Bemühungen unserer Gastherren wurde aber doch bereits am folgenden Mittag die Ankunft sämtlicher Kajan gemeldet. Die Kĕnja machten sich sogleich daran, die Böte auf dem Landwege herunter zu schaffen, eine Arbeit, an die sie mehr gewöhnt waren als die Kajan.Bui DjalonggingKwing Irangein Stück weit entgegen, als ihm dessen Kommen gemeldet wurde. Bald erschienen die beiden grossen Häuptlinge vom oberen Kajan und oberen Mahakam in unserem Lager und liessen sich inBui DjalongsZelt nieder. Ich hatte alle Mühe, das Gespräch in Fluss zu halten. Wie ich erwartet hatte, drückte auchKwingseine Bewunderung über den grossen Wegebau aus, den auch er noch nirgends so gesehen hatte. Der Kĕnjahäuptling verhielt sich besonders schweigsam, augenscheinlich hatte ihn das kriegerische Aussehen meiner Kajan stutzig gemacht und verstimmt. Diese legten nämlich ihre schweren Rotangmützen, Kriegsjacken, Schilde, Schwerter und Speere überhaupt nicht ab, während die Kĕnja an Waffen nur einige kleine Schwerter zum Holzhacken mitgebracht hatten. Wie ich erfuhr, trugensie im Gegensatz zu den Bahau nur in Kriegszeiten Warfen.
Wir kamen überein, noch am gleichen Tage nach Tanah Putih (weisse Erde),Bui DjalongsNiederlassung, hinunterzufahren. Während der Zubereitung des Essens gelang es den Kĕnja, alle Böte bis in unser Lager zu ziehen, doch reichte ihre Hilfe für die grosse Anzahl Menschen und das viele Gepäck nicht aus. Als die Kĕnja aber den Kajan einen Pfad anwiesen, auf dem sie sich über Land allein nach Tanah Putih vorausbegeben konnten, fürchteten die Mahakamhelden jedoch einen Fallstrick und erfanden allerlei Ausflüchte, um zu bleiben, bis sie alle zusammen abgeholt werden konnten; auchKwingbehauptete, sich dem mit uns zugleich abreisenden Teil der Kajan nicht anschliessen zu können, da diese später ihre Landsleute nicht mehr von Tanah Putih aus würden abholen wollen, was sie für ihn dagegen gern tun würden. Nachdem alle vorhandenen Böte gut beladen und alles Personal, das mitfahren sollte, aufgebrochen war, bestiegen auchBui Djalong, dessen Sohn und ich ein Boot und fuhren als letzte ab. Wegen der Schnelligkeit der Fahrt flussabwärts wurden uns verschiedene Stellen gefährlich, namentlich die zahlreichen Stromschnellen, die durch grosse, auf Schuttbänken liegende Blöcke verursacht wurden, an die wir bei dem niedrig stehenden Wasser anzuprallen und umzuschlagen riskierten. In einer besonders langen Stromschnelle, in welcher der Fluss um 20 m fiel, verliessen alle Männer das Boot, um dieses schwimmend im Gleichgewicht zu halten, wobei sie selbst vom Strome halb mitgerissen wurden.
Auf der Strecke bis zum Anlegeplatz von Tanah Putih senkte sich der nordwestlich strömende Fluss um 50 m. Die Umgegend war gebirgig und an den meisten Abhängen des rechten Ufers zeugten aufsteigende Rauchwolken von dem Vorhandensein vieler Reisfelder, von denen einige hoch über dem Fluss angelegt waren. Das Land zur Linken war unbewohnt, weil die Kĕnja dort Überfälle seitens der Batang-Lupar aus Sĕrawak fürchteten.
Das blossliegende Gestein bestand hier ebenfalls aus abwechselnden Schiefern und Sandsteinschichten, nur kamen an verschiedenen Stellen Basaltblöcke in diesen vor. Einmal passierten wir auch eine prachtvolle Basaltmauer, die ganz aus senkrechten Pfeilern zu bestehen schien.
Tanah Putih lag nicht am Kajan selbst, sondern an dessen Nebenfluss Djĕmhāng. Wegen der langen Reihe schwer passierbarer Wasserfälle, die sich kurz vor dessen Mündung befinden, hatte man etwasweiter aufwärts eine Landungsstelle gebaut und diese durch einen gut unterhaltenen Fussweg mit dem Dorfe verbunden. Der augenscheinlich bereits seit lange benützte Weg war über eine grosse Strecke mit behauenen Baumstämmen (pālāng) belegt und führte über einige grösstenteils mit Gestrüpp bewachsene Hügel auf eine etwa 100 m hohe Wand des Djĕmhāngtals, von wo aus man einen prachtvollen Blick auf das Tal selbst mit dem darin gelegenen Dorf und das Land von Apu Kajan genoss. Für müde Reisende, die auf dem Heimwege ausruhen wollten, hatte man hier ein Aussichtshäuschen (kubu) gebaut, das aus einer erhöhten Diele mit einem Dach darüber bestand.
Kubu auf dem Wege nach Tanah Putih.Kubu auf dem Wege nach Tanah Putih.
Kubu auf dem Wege nach Tanah Putih.
Kubu auf dem Wege nach Tanah Putih.
AufBui DjalongsVorschlag machten wir hier Halt, um den Bewohnern seines Dorfes durch Abschiessen der Gewehre unsere Ankunft anzukünden. Während der Vorbereitungen hierzu bemerkte ich, dass der Charakter der vor mir liegenden Landschaft ein ganz anderer war als am Kapuas und Mahakam. Zwar erschien die Umgegend auch hier bis auf grossen Abstand hügelig und bergig, aber vom ursprünglichen Wald war nur noch hoch auf den Abhängen etwas zu sehen. An Stelle desselben erhob sich auch beinahe nirgends junger Wald (tālo̱n), sondern Gestrüpp und hohes Gras, mit vereinzelten Bäumen, eine Landschaft, der ich im ganzen übrigen Teil von Mittel-Borneo noch nicht begegnet war. Dies fand hauptsächlich darin seinen Grund, dass die Bevölkerung dieses Gebiets sehr dicht war und den Ackerbau intensiv betrieb.
So konnten wir denn in dem sehr flachen und völlig waldlosen Tal des Djĕmhāng unter uns Tanah Putih in seiner ganzen Ausdehnung übersehen. Sogleich fiel mir auf, dass hier nicht wie gewöhnlich nur 1–2 Reihen langer Dajakhäuser beieinander standen, sondern dass das Dorf aus etwa 10 regelmässigen Häuserreihen zusammengesetzt war. Hieraus liess sich bereits auf eine starke Bevölkerung schliessen, doch bestärkteBui Djalongnoch diese Vermutung, indem er uns auch auf die ausgedehnte Anlage der Reisfelder von benachbarten Niederlassungen in anderen Flusstälern aufmerksam machte. Wir erwarteten hier oben die Nachzügler, dann stieg unsere ganze Karawane, bestehend aus 60 Kĕnjaträgern, einigen Kajan und Pnihing, meinen Malaien und uns in einem imposanten Zug auf dem breiten Wege ins Tal hinab.
Kubu auf dem Wege nach Tanah Putih.Kubu auf dem Wege nach Tanah Putih.
Kubu auf dem Wege nach Tanah Putih.
Kubu auf dem Wege nach Tanah Putih.
Empfang in Tanah Putih—Verhältnisse im Dorf—Erste politische Versammlung—Freundschaftlicher Verkehr mit den Dorfbewohnern—Überblick über die geographischen und geschichtlichen Verhältnisse in Apu Kajan—Besuch aus benachbarten Dörfern—Stellung der verschiedenen Stände bei den Kĕnja—Tod und Begräbnis eines Häuptlings—Ankunft der verirrten Long-Glat-Gesellschaft—2. und 3. politische Versammlung—Anerkennung der niederländischen Herrschaft in Apu Kajan.
Empfang in Tanah Putih—Verhältnisse im Dorf—Erste politische Versammlung—Freundschaftlicher Verkehr mit den Dorfbewohnern—Überblick über die geographischen und geschichtlichen Verhältnisse in Apu Kajan—Besuch aus benachbarten Dörfern—Stellung der verschiedenen Stände bei den Kĕnja—Tod und Begräbnis eines Häuptlings—Ankunft der verirrten Long-Glat-Gesellschaft—2. und 3. politische Versammlung—Anerkennung der niederländischen Herrschaft in Apu Kajan.
Ein breiter, bequemer Weg, den die Kĕnja mit Stämmen und Brettern belegt hatten, führte uns um den Fuss des Bergabhangs ins Dorf. Hier waren unterdessen zwischen den Häuserreihen einige Gruppen von Frauen und Kindern zu unserem Empfang erschienen. Bei den ersten Reihen begrüsste uns ein alter, magerer Mann, der mir als des Häuptlings BruderBo Anjèvorgestellt wurde; er gehörte zu denen, dieAnjang Njahumit weissem Kattun für unseren Empfang hatte gewinnen müssen. Wir reichten diesem erkauften Freunde die Hand, stiegen am Ende des längsten und mittelsten Hauses der langen Reihe die Treppe hinauf und befanden uns inBui DjalongsHeim.
Das Haus war zwar weniger hoch über der Erde, sonst aber wie alle übrigen ganz im Stil der Bahau gebaut, nur bestanden Dach und Wände nicht aus Holz, sondern aus Matten von schweren, aneinander gereihten Baumblättern. Auch war der Fussboden der Galerie, die wir betraten, vor den Wohnungen der gewöhnlichen Kajan nicht aus Brettern gebaut, sondern aus dünnen Stämmen; erst dicht bei derăwădes Häuptlings und in dieser selbst bedeckten schwere Bretter den Boden.
Draussen hatten uns einige Menschengruppen aus der Ferne neugierig, aber nicht ängstlich angestarrt, und sobald wir inBui Djalongslangem Haus an einer Wohnung vorüber waren, kamen die Bewohner aus ihr zum Vorschein und begleiteten uns zurăwă. Hier wurden einige kupferne Gonge als Sitze für uns gegen die Aussenwand niedergelegt, dicht unter einer Reihe von vielleicht 30 geräucherten Menschenschädeln, die in Büscheln von jungen Palmblättern zwischen denHauptpfählen der Galerie hingen und durch den Rauch des Herdfeuers, das ständig unter ihnen brannte, geschwärzt worden waren. Rund um dieses Feuer, hinter dem wir sassen, befand sich der Platz für den Häuptling und die vornehmsten Ältesten, wenigstens liess sichBui Djalongmit einigen ehrwürdigen Greisen dort nieder.Taman Ulowund die Kajan hatten uns schon am Boh auf die Neugier der Kĕnjafrauen und -Kinder vorbereitet und auchBui Djalonghatte uns bereits dringend gebeten, nicht böse zu werden, wenn man uns lästig falle, denn der ersten Neugier müsse durchaus genügt werden. Da sie hinzugefügt hatten, dass die Kĕnja viel freier als die Bahau seien und sogar handgreiflich werden, bereitetenDemmeniund ich uns auf unseren Gongen, auf denen wir zur Schau dasassen, auf einige schwierige Augenblicke vor. Anfangs wurde es jedoch nicht so schlimm. Die den Schädeln gegenüber versammelte Menge wuchs zwar sehr an und das Gedränge war weit stärker, als ich es bei den Bahau je erlebt hatte, aber anfangs drückte sich das Erstaunen nur in den Gesichtern aus und äusserte sich nur in zahlreichen èh-èh-Rufen, die nicht aufhörten und bei jeder Bewegung, die wir machten, an Zahl und Stärke zunahmen. Augenscheinlich befriedigten wir noch nicht ganz die Neugier der Menge, obgleich wir bereits auf Verlangen einen Ärmel und ein Hosenbein hinaufgestreift hatten zum Beweis, dass unsere Haut auch unter der Kleidung weiss war. Eine freundliche, lebhafte Frau, des Häuptlings Gattin, konnte ihre Wissbegierde schliesslich nicht mehr bezwingen, packte meinen Arm, streifte den Ärmel auf und strich sacht über meine Haut, wobei sie in viele bewundernde èh-Rufe ausbrach. Von ihren, in der Kĕnjasprache gestellten Fragen verstanden wir kein Wort, aber wieBui Djalongschmunzelnd verdolmetschte, bat sie uns, alle Kleider abzulegen. Auch die Menge rief laut “sow(ausziehen)mong(alles),” und begann sich um meine Person zu drängen; aber ich setzte meinerseits dieser Schaustellung einigen Widerstand entgegen, so dass ich die Zuschauer unbefriedigt liess. Unterdessen hatte der Häuptling den Umstehenden, hauptsächlich den alten Männern, über seine Erlebnisse mit uns ausführlich berichtet, wenigstens schloss ich das aus den immer wieder auf uns gerichteten Blicken der Zuhörer.
Zum Glück empfand man vor unserer Erscheinung noch zu viel Scheu, um zudringlich zu werden, und nur wenige Frauen wagten dem Beispiel vonBui DjalongsGattin zu folgen und sich von der Echtheit unserer weissen Haut selbst zu überzeugen.
So sassen wir denn etwa eine halbe Stunde da und liessen uns betrachten; glücklicherweise fanden wir unsererseits an den Menschen um uns herum ebenfalls viel Sehenswertes. Am meisten fiel uns das kräftige und gesunde Aussehen der Leute auf und das seltene Vorkommen der beiden Hautkrankheitenki lān(Tinea imbricata) undbāk(Syphilis), welche den Anblick einer Menge von Bahau-Dajak für Europäer anfangs so abstossend macht. Dagegen waren Kröpfe hier viel allgemeiner verbreitet als am Mahakam und waren die Ohrlappen, besonders bei den Frauen, viel stärker ausgereckt, als ich es bei den Bahau je gesehen hatte. Die Ohrringe waren denn auch besonders zahlreich und schwer. Die Kleidung stimmte mit der der Bahau überein, nur bestand sie sehr einförmig aus weissem oder hellbraunem Kattun oder Baumbast, weil wegen der Trauer des Häuptlings um seine Tochter alle Bewohner der Niederlassung zum Ablegen ihrer schönen Kleider gezwungen waren.
Nach Verlauf der halben Stunde, alsBui Djalongglaubte, unsere erste Begrüssung habe lang genug gedauert, forderte er uns auf, nach unserer Wohnung zu gehen, und führte uns über eine Treppe und einen Holzsteg, die mit hübschen Geländern und Bambuszweigen sorgfältig verziert waren, an das Ufer des Djĕmhāng. Dort erhob sich eine ebenfalls verzierte Plattform und daneben ein langes, scheunenartiges Gebäude, das aus neuen Brettern und Schindeln verfertigt und 1 m über dem Boden gebaut war. Ich kam zuerst nicht auf den Gedanken, dass die Verzierungen am Wege unserem Empfange galten, weil ich eine solche Ehrung bei den Dajak noch nicht erfahren hatte, ich hielt den Schmuck vielmehr für den Überrest von irgend einem Fest. Meine Malaien erzählten jedoch, dass nicht nur die ganze Festverzierung zu unserer Ehre angebracht worden war, sondern dass man auch das Haus für unseren Empfang neu errichtet hatte. Die Höhe dieses Gebäudes schien zwar für lange Europäer nicht berechnet zu sein, aber die Grundfläche war sehr gross, so dass ich die eine Hälfte des Raumes meinem inländischen Personal, d.h. den Malaien, zum Wohnen anweisen, die andere fürDemmeniund mich einrichten konnte. Wir hatten bereits eine Stelle zum Aufhängen unserer Moskitonetze ausgesucht und eine Tür erhalten, um sie als Tischbrett zu gebrauchen, als man uns aus einem unverständlichen Grunde wieder zur Häuptlingswohnung rufen kam. Bei unserer Ankunft fanden wir dort eine noch stärker angewachsene Menge undBui Djalongerklärte, die Leute regten sichdarüber auf, dass sie unsere Körper eigentlich noch nicht gesehen hätten, und so bat er uns denn im Namen aller, einen Augenblick unsere Jacken und Hemden abzulegen, damit sie wenigstens unseren Oberkörper sehen könnten. In Anbetracht der grossen Herzlichkeit, mit der man uns hier empfangen hatte, und des Gedankens, dass diese Menschen sich das Unangenehme einer derartigen Schaustellung für uns nicht vorstellen konnten und überdies von ihrer anfänglichen Forderung vonsow mongbereits zu bescheideneren Wünschen übergegangen waren, gab ich ihnen nach, und da auchDemmenieinverstanden war, sassen wir bald darauf wieder auf unseren Gongen da, diesmal aber mit entblösstem Oberkörper.
Anfangs nahmen die vielen èh èh kein Ende und es entstand ein lebhaftes Gedränge, um so dicht als möglich an uns heranzukommen. Zu Handgreiflichkeiten kam es jedoch nicht; nur stellte sichBui DjalongsFrau eine Zeitlang neben uns zum Schutz gegen die andringenden Frauen und Kinder auf, die jetzt, wie vorhin, die Hauptmenge bildeten.
Allzu lange liessen wir die Vorstellung nicht dauern, sondern begaben uns bald wieder nach unserer Wohnung, um diese völlig einzurichten. Das ging jedoch nicht schnell von statten, denn die mutigsten Dorfbewohner waren uns gefolgt und starrten uns, unsere Handlungen und Sachen unermüdlich voll Interesse und Bewunderung an. Ab und zu wagte der eine oder andere, wenn wir auf ihre immer noch wiederholte Aufforderung “sow mong” nicht eingingen, einen Ärmel oder ein Hosenbein aufzustreifen. Übrigens erregten nicht wir allein Interesse, sondern auch unsere Malaien;Midanin seiner Küche undDoris, der Jäger, der seine Waffen reinigte, lockten viele an. Da alle sehr fröhlich und lebhaft waren, gab es ein munteres Bild, das uns sehr angezogen hätte, wenn wir uns nach dem monatelangen Aufenthalt im Walde nicht so sehr nach Ruhe gesehnt hätten. Seit ich den Blu-u verlassen, waren gerade 6 Monate vergangen. AlsDorisnun auch noch seine Harmonika hervorholte und deren Töne die an derartige Musik nicht gewöhnten Eingeborenen zu erregen begannen, glich es bei uns mehr einem Jahrmarkt als einer stillen Behausung ermüdeter Reisender. Zum Übermass beeilten sich auch noch die Männer und Frauen, die tagsüber auf dem Felde gearbeitet hatten und abends heimkehrten, das Schauspiel zu geniessen, so dass es sehr spät wurde, bevor es uns unsere Bewunderer zu vertreibengelang. Wir lagen bereits hinter unseren Moskitonetzen, als manDemmeninoch um seinen Arm bat, um dessen Haut betrachten und befühlen zu können.
Bereits vor Tagesanbruch hockten Frauen und Kinder in unserer Wohnung und warteten auf unser Erwachen; sie waren unten durch das Segeltuch geschlüpft, mit dem wir den Hauseingang verschlossen hatten, daher schützten wir uns später durch eine Tür vor diesen Eindringlingen. Ein Aufstellen von Wachen nachts hielt ich der freundschaftlichen Gesinnung der Bevölkerung wegen für überflüssig; diese wurde uns auch nur durch ihre allzulebhafte Bewunderung lästig. Den ganzen Tag über strömte eine neugierige Menge zu uns, so dass Zeit und Raum zum Essen, Ankleiden und Schlafen beinahe nicht zu finden waren.
Die jungen Leute holten morgens die letzten Kisten vom Landungsplatz ab und gegen Mittag traf auchKwing Irangmit den Seinen ein.
Nach meiner Gewohnheit liess ich auch hier die Besucher nicht ohne ein kleines Geschenk weggehen und begann daher, sobald wir uns etwas eingerichtet hatten, eine Austeilung von Fingerringen. Unter der Menge entstand aber eine Bewegung, wie ich sie noch in keinem dajakischen Dorfe erlebt hatte. Erst brach ein lautes Jauchzen los, dann wollte jeder als erster etwas erhaschen; einer verdrängte den andern und grosse und kleine Hände an langen und kurzen Armen streckten sich nach mir aus, so dass ich mich nur mit Anstrengung auf meinen Beinen hielt. Der stossenden und drängenden Masse musste ich denn auch erst begreiflich machen, dass eine Austeilung auf diese Weise unmöglich sei.Bui Djalonghatte einen seiner Ältesten beauftragt, meinen Verkehr mit den Dorfbewohnern zu vermitteln, und so übersetzte der Mann mein Busang, das Frauen und Kinder nicht verstanden, in die Sprache der Uma-Tow. Obgleich es augenscheinlich allen schwer wurde, sich zu beherrschen, trat doch etwas Ruhe ein und mit einiger Abwehr der allzu Habsüchtigen machte ich jung und alt glücklich.
Um diesen günstigen Eindruck unseres Besuches noch zu erhöhen, überliess ich esBui Djalongzu bestimmen, welchen Lohn ich den Kĕnja, die mir zu Hilfe gekommen waren, geben sollte. Für die grossen Reismengen, die er uns entgegengeschickt hatte und auch jetzt wieder gab, wollte der Häuptling keine Bezahlung annehmen, doch war er damit einverstanden, dass ich seine Leute mit weissem Kattunbelohnte. Die Unterhäuptlinge der verschiedenen langen Häuser gaben mir die Zahl der Männer an, die etwas zu fordern hatten, im Ganzen waren es 160. Nach Rücksprache mitKwing Iranggab ich jedem Kĕnja 6 m weissen Kattuns von einer Qualität, die sehr geschätzt wurde. Zur Vermeidung jeder Parteilichkeit bei der Austeilung und nachträglicher Klagen, mass und riss ich alle diese 6 m langen Stücke selbst ab. Eine unbedeutende Verhärtung am kleinen Finger der rechten Hand erinnert mich heute noch an diese ungewohnte Arbeit. Die Austeilung der Stücke konnte den betreffenden Häuptlingen überlassen werden, was sehr angenehm war; bei den Bahau entstanden stets Schwierigkeiten dadurch, dass jeder Träger dem Vorgesetzten gegenüber an seiner Belohnung Kritik zu üben wagte.
Das Gerücht von unserer Ankunft und den schönen Dingen, die bei uns zu erhalten waren, hatte sich bald weit verbreitet; am anderen Tage strömte ununterbrochen ein Zug neugieriger Besucher von den Feldern in unsere Wohnung. AuchDemmeniwurde so stark belagert, dass ich ihn nur bei den Mahlzeiten sah, obgleich er sich dicht neben mir auf hielt. Sehr viel wert war es, dass die Leute Lebensmittel als Tauschartikel herbeibrachten; unsere Dorfbewohner litten nämlich selbst an Reismangel und waren mit ihren Feldarbeiten im Rückstand, auch wollte ich mit meinem Personal nicht länger aufBui DjalongsKosten leben. Er hatte ohnedies bereitsKwingmit den Seinen als Gäste aufgenommen und sie in sehr freigebiger Weise mit allem Nötigen versehen.
Unter den Besuchern befanden sich eine Menge Kropfkranke, die bereits von meinen Arzneien gegen ihr Leiden gehört hatten. Sie brachten zu meiner Verwunderung alle gut gereinigte Flaschen mit, was mir bei den Bahau nie begegnet war; bei diesen hatte ich stets nur mit Mühe eine halbwegs reine Flasche erhalten können.
Die Kĕnja wurden mir bald sehr sympathisch. Nach wenigen Tagen verkehrte ich mit ihnen bereits ebenso unbefangen wie mit den Bahau am Mahakam nach gleich vielen Monaten. Dasselbe war auch mit meinen Malaien der Fall, auch sie wurden fortwährend von den Kĕnja besucht; diese wählten sogar einen ihnen sympathischen Malaien aus und wollten mit ihmse̥bilah, Freund werden, eine Art von Schutz- und Trutzbündnis eingehen. Als Freundschaftszeichen machen sie einander ein Geschenk; die Malaien baten sich zu diesem Zweck ein Stück Zeug oder ähnliches auf Abschlag ihres Lohnes von mir aus.Da mein Vorrat an Tauschartikeln ursprünglich für einen einjährigen Aufenthalt berechnet war und wir jetzt nur zwei Monate bleiben sollten, durfte ich meiner Reisegesellschaft gegenüber freigebig sein.
Ich hatte anfangs darauf gerechnet, auchKwingund sein Gefolge unterhalten zu müssen, aber davon wollten unsere Gastherren nichts hören, ich konnte ihnen sogar schwer begreiflich machen, dass ich wenigstens meine Malaien, die in meinen Diensten standen und Lohn empfingen, selbst ernähren müsste. Nach Landessitte wurden die Kajan unter die verschiedenen Familien im Dorfe verteilt, hauptsächlich bei den Häuptlingen;Bui Djalonghätte 60 Mann unmöglich selbst so lange beherbergen könnten.Kwing Irang, sein SohnBang Awanund einige Sklaven wurden jedoch vonBui Djalongin seiner eigenen grossenaminals Gäste aufgenommen. Einigermassen zur Vergütung der Gastfreundschaft ihrer Gastherren boten die Kajan den Kĕnja ihre Hilfe bei der Feldarbeit an, die in der Tat sehr willkommen war, da der Tod und die Trauer umBui DjalongsTochter die Arbeit über einen Monat in Rückstand gebracht hatte. Überdies war, wie gesagt, der Reisvorrat der Kĕnja gerade jetzt sehr gering, weil das Jahr zuvor sehr viele Männer mit dem Häuptling nach Sĕrawak gereist waren und der Reisbau deswegen weniger eifrig betrieben worden war.Bui Djalongbat mich auch öfters um die Hilfe meiner Malaien, die dann morgens früh mit den Dorfbewohnern aufs Feld zogen und den ganzen Tag dort verblieben.
Das rauhere Klima dieses in 600 m Höhe gelegenen Gebirgslandes machte seinen Einfluss in bemerkenswerter Weise auch auf die Artikel geltend, die von mir verlangt wurden. Vor allem forderten die Leute feste, dicke Stoffe; hübsche und feine, wie Seide und Sammet, wurden weit weniger gewürdigt. Mein weisser Kattun von guter Qualität fand z.B. so starken Anklang, dass ich trotz des grossen Vorrats bald sparsamer mit ihm umgehen musste. Für ein Stück dicken Kattuns, den ich zum Einpacken von Gesteinen mitgenommen hatte und der seiner Steifheit wegen nie die Kauflust der Bahau erweckt hatte, bot man mir hier sogleich grosse Mengen Reis u.a., so dass ich ihn vorläufig für einen Notfall aufzubewahren beschloss. Ich merkte sehr bald, dass ich hier trotz des kurzen Aufenthaltes auf ethnologischem Gebiet mit Erfolg würde arbeiten können, denn die Kĕnja waren lange nicht so misstrauisch wie die Bahau und im Auskunftgeben nicht zurückhaltend, auch konnte ich mühelos Gegenstände von allerlei Art, selbstihre Kleider von ihrem Leibe kaufen, wenn ich nur gut bezahlte. Glücklicherweise bildeten auch hier Glasperlen einen beliebten und bequemen Tauschartikel; es kam mir jetzt zu statten, dass ich in Samarinda dem Rat vonBo Ului Jokgefolgt war und für die Kĕnja hauptsächlich grosse Perlen gekauft hatte, denn diese hatten in der Tat viel mehr Wert als die kleinen.
Um die Niederlassung in aller Ruhe in Augenschein nehmen zu können, fehlte mir die Zeit, doch war es mir jedesmal eine Erlösung, wenn man mich nach aller Arbeit unter der lebhaften Menge in meiner Hütte in die Häuser abholte, wo ernstere Krankheitsfälle vorlagen. Dort fand ich zu mancherlei Beobachtungen Gelegenheit und bisweilen hielt ich mich dort länger als nötig war auf oder ich schloss mich auf der Galerie einer Gruppe an, von der ich mir dann gemütlich allerhand erzählen oder zeigen liess.
Alle 10 Häuserreihen im Dorfe waren im gewöhnlichen Bahaustil gebaut und zwar in dem der Kajan; doch standen sie auf nur 1–2 m hohen Pfählen und waren aus anderem Material hergestellt. Dies fand seinen Grund darin, dass die dichte Bevölkerung den hohen Wald in der Umgegend ausgerodet hatte und die zum Bau eines so grossen Dorfes erforderliche Menge Bauholz nur aus grosser Entfernung noch zu beschaffen war. Die Masse des Volkes hatte daher zu Bambus für den Bau der Fussböden und zu grossen, in Form von Matten aneinander gereihten Baumblättern für Wände und Dächer ihre Zuflucht genommen. Nur die Häuptlingshäuser werden ganz aus Holz gebaut, ferner die Teile des Hauses der gewöhnlichen Kĕnja, die bei einem folgenden Bau wieder verwendet werden können, z.B. der Fussboden der Galerie und die Innenwände. Ersterer bestand oft aus besonders dicken und grossen Brettern. Es ist möglich, dass die Häuser deshalb auf so niedrigen Pfählen stehen, weil grössere so schwer zu erlangen sind; doch wird diese Bauart wohl auch dadurch bedingt sein, dass die Kĕnja ihren Feinden auf freiem Felde entgegentreten und sich nicht von ihren Häusern aus verteidigen. Von den Häuserreihen gehörten 8 den Uma-Tow, 2 den Uma-Timé, die sich vor nicht langer Zeit unterBui DjalongsSchutz gestellt hatten. Auffallend waren die etwa 1 m hohen Holzstege, die alle Häuser im Dorfe verbanden; die Kĕnja berühren mit den blossen Füssen nicht gern den Erdboden, besonders wenn dieser vom Regen durchnässt ist. Die Stege bestehen aus breiten Brettern, die auf Gerüsten ruhen; Geländestellenvon ungleicher Höhe werden wohl auch durch Baumtreppen mit einander verbunden. Geländer sind nicht gebräuchlich, doch sind sie den Kĕnja bekannt, sie brachten sogar selbst welche für uns Europäer an, weil uns das Gehen mit Schuhen auf den vom Regen schlüpfrigen Brettern oft unbequem war.
Merkwürdigerweise waren dieaminder Familien, die bei den Bahau meist sehr ordentlich und reinlich gehalten werden, bei den Kĕnja viel schmutziger als die Galerie, obgleich sie in ihrer Kleidung und ihrem Hausrat bedeutend sauberer waren als ihre Verwandten am Mahakam. Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass die Kĕnja noch mehr als die Bahau gemeinsam auf der Galerie leben und in deraminoft nur essen und schlafen. Die Kĕnja ziehen die Galerie deswegen deraminvor, weil sie auf ersterer grosse Feuer anmachen können, die sie morgens und abends vor der bei ihnen herrschenden Kälte schützen; bisweilen schlafen sie sogar in derăwă. Auffallend ist auch die grosse Menge Brennholz, die man in jederaminoberhalb des Feuerherdes aufgestapelt findet, und der Eifer, mit dem die Frauen täglich neuen Vorrat herbeitragen.
An allen Wegen und Seiteneingängen der Häuser standen 3–4 m hohe und noch höhere Figuren (hudo̱), welche den Zweck hatten, die krankheitserregenden Geister vom Hause fern zu halten. Meistens waren es menschliche Gestalten mit Antlitzen von Ungeheuern; statt der Haare trugen sie Palmblätter oder lebende und tote Pflanzen und die Genitalien waren übertrieben gross und mit einemutangversehen. AufTafel 85ist eine derartige Figur zu sehen; sie ist mit dem Beil aus einem grossen Holzstück gehauen, nur die hervortretenden Teile, wie Nase, Ohren und Arme sind gesondert eingesetzt. Die Schreckgestalt ist mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Auch Ziegen und Hunde findet man als Schutzfiguren aufgestellt; die verschiedenen Häuser besassen auch verschiedene Figuren. Zur Abschrekkung der bösen Geister werden auch Pfähle mit queren Einkerbungen benutzt. Unter einem derartigen Schreckpfahl steht die Frau aufTafel 85. Die Einschnitte im Stamm geben die Zahl der Köpfe an, die von den Bewohnern dieses Hauses erlegt wurden, und warnen die Geister vor einem Eintritt in das gefährliche Haus. Zwei Querschnitte nebeneinander bedeuten die Augen und ein Querschnitt in der Mitte darunter den Mund, so dass je drei Einkerbungen einen erbeuteten Schädel vorstellen.
Prunkgrab von Bui Djalongs Tochter Kuling.Prunkgrab vonBui DjalongsTochterKuling.
Prunkgrab von Bui Djalongs Tochter Kuling.
Prunkgrab vonBui DjalongsTochterKuling.
Auch bei den Rasthütten werden Schreckfiguren aufgestellt (Taf. 83oben), ebenso auf den Begräbnisplätzen der Häuptlinge und der gewöhnlichen Kĕnja.
Zum Schutz der Gräber werden grosse, stilisierte Hundefiguren auf hohen Beinen benützt; man findet sie sowohl unter dem Grabmal aufgestellt als auch auf dem Dache. Die zwei schönsten Prunkgräber vonBui DjalongsSohn und Tochter sind aufTafel 84zu sehen. Diebilabestanden hier aus Kammern, in welchen die Särge auf 4–6 m hohen, schweren Pfählen ruhten. Groteske Figuren verzierten die Dächer und Wände der Monumente; auch die Pfähle waren hübsch bemalt und das ganze Gebäude von oben mit allerhand Kleidungsstücken und Waffen behängt. Auf dem Dache des Grabmals des Häuptlingssohns sieht man zwischen zwei stilisierten Hundefiguren einen Mann sitzen, der Flöte spielt; als Sessel dient ihm eine liegende Männerfigur. Aussen an derbilahingen hier Schilde, Kriegsjacken und -mützen und Sitzmatten, während in der Kammer selbst Schwerter lagen. Die Farben dieser Prunkgräber waren noch ziemlich neu und hoben sich daher lebhaft gegen den Hintergrund von dunkelgrünen Bergen ab. Derartige Monumente werden nicht auf dem allgemeinen Begräbnisplatz errichtet, sondern stets gesondert in kleinen Gruppen etwas ausserhalb des Dorfes. Man darf sich ihnen nur mit des Häuptlings Erlaubnis nähern.
Obgleich man bei einem Gang durch das Dorf nur selten den Erdboden zu berühren brauchte, war dieser doch sorgfältig von Pflanzen gereinigt, so dass sich zwischen den Häusern ganze Flächen nackter, fester Erde ausbreiteten, die von den Kindern als Spielplätze benützt wurden. Am Kapuas führten nur schmale Pfade durch das überall wuchernde Gestrüpp und am Mahakam wurde nur vor dem Häuptlingshause ein Stück Erde rein gehalten. Für uns Europäer bildete das Gehen auf festem Boden eine lang entbehrte Annehmlichkeit nach dem Aufenthalt im dicht bewachsenen Wald. Fruchtbäume sah man nur bei den Häusern der Häuptlinge und bei einigen ihrerpanjin. Das rauhe Klima trug wohl die Schuld daran, dass die Bäume nicht üppig wuchsen.
Am 9. Oktober wurden wir früh morgens durch dasbukageweckt, d.h. durch plötzliche Schläge auf die Gonge, welche die Dorfbewohner zusammenriefen. Obgleich ich dies unheilverkündende Geläut nicht verstand, blieb ich anfangs ruhig hinter meinem Moskitonetz, da auchdie Menschen, die in meiner Hütte bereits auf mich warteten, still auf ihren Plätzen sitzen blieben. Der Häuptling hatte beschlossen, an diesem Tage die Trauer für seine Tochter aufzuheben, damit das ganze Dorf nicht noch länger mit ihm zu trauern brauchte und man bei dem bevorstehenden Saatfest Schwerttänze vornehmen durfte.
Als ich nach dem Essen eine Hängebrücke aus Rotang besichtigen ging, dieDemmeniam Djĕmhāng entdeckt hatte, bemerkte ich einen Priester und einige Männer, die am Ufer eine Beschwörung der Geister des Oberlaufs vornahmen. Tags zuvor hatte mirKwingbereits mitgeteilt, dass man in derăwădes Häuptlings eine Zusammenkunft halten wollte, auf der ich den Versammelten erklären sollte, warum wir nach Apu Kajan gekommen wären. Sowohl die Kajan als die Malaien, die sich in dem fremden Lande noch durchaus nicht heimisch fühlten, legten dieser Zusammenkunft ein grosses Gewicht bei, und so erwartete ich die Einladung mit einiger Spannung. Doch rief man mich auch jetzt erst um ½ 4 Uhr. In derăwăfand ich viele Häuptlinge und alte Männer um ein Feuer unter der Schädelreihe vereinigt, hinter welcher wiederum die grossen Gonge als Sessel für uns bereit standen.Bui Djalongforderte mich jedoch auf, mich erst in seineaminzu begeben, um mich dort vorher mit allerhand guten Dingen zu stärken. Ich betrat jetzt zum ersten Mal diesen Raum. Seine Grundfläche betrug etwa 10 × 12 Meter und seine Einrichtung glich derjenigen anderer Hänptlingswohnungen. Zu beiden Seiten der Eingangstür, die mitten in das Gemach führte, befanden sich Herde mit Regalen darüber; der linke wurde von der Häuptlingsfamilie benützt, der rechte vonKwingund den Seinen, wenigstens sah ich hier die mir sowohl bekannten Tragkörbe stehen, neben denen einige Kajan sassen. Unsere gute Freundin, die Frau des Häuptlings, war damit beschäftigt, eine Schale mit gegohrenem süssem Reis und Früchte für uns herzurichten.Demmeniund ich bedauerten lebhaft, dass wir uns mit der freundlichen Frau so mangelhaft verständigen konnten, da sie kein Busang sprach. Sie forderte uns zum Sitzen auf und ermutigte uns wiederholt zum Zugreifen, wobei ihr SöhnchenUluiund ihre Tochter zuschauten. In dem Teil deramin, in dem wir uns befanden, standen an der Wand eine lange Reihe von Gongen und dazwischen einige hohe, schöne Satsuma-Vasen, die ich hier im Herzen von Borneo nicht zu finden erwartet hatte. Wie ich später erfuhr, hatte der Häuptling sie von seiner letzten Reise zum Baram-Flussmitgebracht. Dass er viel Geld für sie übrig gehabt hatte, sprach für seinen guten Geschmack, denn es waren in ihrer Art schöne Exemplare. Der süsse Reis (burăk) war von sehr guter Qualität und auch die Früchte waren sorgfältig ausgesucht; unser europäischer Appetit erweckte denn auch die Zufriedenheit unserer Gastgeberin.
Bis zu unserer Rückkehr in dieăwăhatte sich der Kreis der Versammelten noch sehr vergrössert; meistens waren es alte Kĕnja. Rechts von uns, die wir wieder auf den Gongen Platz genommen hatten, sassKwing Irangmit seinem Gefolge. Über uns die lange Reihe von Menschenschädeln und vor uns die vielen fremden mit Spannung auf uns starrenden Kĕnja-Gesichter, verbrachten wir die erste Zeit mit gleichgültigen Plaudereien, während welcher alle Anwesenden uns mit Musse betrachten und sich an uns gewöhnen konnten.
Als geeignete Einleitung zu einem Gespräch über die Gegenden, aus denen wir hergereist waren, kam mein HundBrunoangelaufen, der durch seine Grösse und seine den Dajak unbekannte Eigenschaft, Fremde anzubellen, auch hier grosse Bewunderung erregte. Darauf wurde namens des Häuptlings der Versammlung in zwei Gläsern Reiswein (tuwak) gereicht, wobei man uns zuerst bediente. Inzwischen war es unter dem hohen, überhängenden Dach bereits dunkel geworden, und da wir auf das vom Herdfeuer verbreitete Licht angewiesen waren, benutzte ich die Gelegenheit, den Leuten eines unserer Kulturwunder vorzuführen und liess eine Petroleumlampe kommen.
Die eigentlichen Verhandlungen hatten noch nicht angefangen, doch schien man zu erwarten, dass ich den Anfang machte, obgleich man mich nicht dazu drängte. Ich begann daherBui Djalongund den Seinen in der Busangsprache zu berichten, warum ich aus dem Mahakamgebiet zu ihnen gekommen sei und was ich durch meinen Besuch bei ihnen erreichen wolle. Ich sprach von den Ereignissen, die sich in letzter Zeit, hauptsächlich durch Zutun der Uma-Bom am Mahakam und Tawang zugetragen hatten, und machte ihnen begreiflich, dass durch dieselben die Kluft zwischen den Bahau und Kĕnja zum Nachteil beider stets grösser geworden sei und auf diese Weise der Handelsweg zum Mahakam ihnen bald gänzlich geschlossen werden würde, besonders jetzt, wo sich ein Kontrolleur in Long Iram befinde, der dergleichen Kopfjagden durchaus nicht dulden werde. Das gespannte Verhältnis, fuhr ich fort, bildete auch für die Mahakamstämme eine Quelle ständiger Unruhe, welcher nur durch ernsthafte Behandlungder Angelegenheit ein Ende zu machen wäre. Eine derartige Behandlung der inneren Zustände wäre aber wegen des grossen gegenseitigen Misstrauens unter den Stämmen selbst nur unter Leitung der Niederländer möglich, wie dies jenseits der Wasserscheide durch Vermittlung des Radja von Sĕrawak geschah.Kwing Irangmeinte, dass meine Erklärung nicht allen deutlich wäre, und wiederholte sie daher auf seine Weise. Während er sprach, kam mir der Gedanke, es sei besser, nichts zu verschweigen und sogleich alles zur Sprache zu bringen, besonders da die Kĕnja von allen Umständen gut unterrichtet zu sein schienen. Daher behandelte ich den Mord am Tawang nochmals ausführlich und sprach zum Schluss die Meinung aus, dass ein Schadenersatz in Gestalt eines Sklaven unter niederländischer Vermittlung nur dann geboten werden könne, wenn man ausdrücklich erklärte, dass der Sklave als solcher in die FamilieBui Djalongsaufgenommen und nicht getötet werden würde.
Nach der Stille, die meinen Worten folgte, sagteBui Djalongnur, dass die Kĕnja sich unmöglich widersetzen könnten, wo zwei grosse Häuptlinge (hipui), wie der Sultan von Kutei und die Niederländer darauf aus wären, ihr Bestehen zu verbessern (ne̥me̱ urib), dass er früher aus Furcht vor den Batang-Lupar aus Sĕrawak zum Tawang habe auswandern wollen, dass dies aber nach dem Vorgefallenen nicht mehr möglich sei, dass sie andrerseits auch nur sehr schwer an denTe̥lang Usān(Baram) ziehen könnten und daher einer guten Regelung der Verhältnisse gern Gehör schenken würden.Kwing Iranggab er im Geheimen den Wink, über den Vorschlag des Radja von Sĕrawak, auf englisches Gebiet auszuwandern, nicht zu sprechen. Um später nichthaè, verlegen, zu werden, wie er sich ausdrückte, wenn sich die anderen nicht an das Abkommen hielten, schlug er vor, zuvor auch noch mit den übrigen Stämmen, vor allem den Uma-Bom, zu überlegen und unsere Beratung (te̱nge̥ran) daher später fortzusetzen und vor unserer Abreise zum Abschluss zu bringen.
Darauf kamen noch viele andere, weniger wichtige Angelegenheiten zur Sprache, u.a. der Zug der Kĕnja nach Sĕrawak, von dem ich bereits viel erfahren hatte, gern aber von ihnen selbst noch Näheres hören wollte. Mit grosser Offenheit gabenBui Djalongund seine Landsleute ihre Meinung über ihr Verhältnis mit Sĕrawak zu kennen, ganz anders als dies bei den Bahau üblich war, wo beinahe niemals jemand eine Ansicht öffentlich zu äussern wagte, aus Furcht vor Widerspruchoder Widerstand seitens anderer. Wir erfuhren jetzt, dass, wie die meisten Fehden, auch die der Kĕnja mit den Batang-Lupar vor sehr langer Zeit ihren Ursprung genommen hatte. Vor einigen Jahren hatte nun der Radja von Sĕrawak diesen Zwistigkeiten ein Ende machen wollen und den Kĕnja als Strafe für ihre Kopfjagden eine sehr ansehnliche Entschädigung in Guttapercha auferlegt. Nach der zum Sammeln erforderlichen Frist hatten sich die Kĕnja mit der Guttapercha aufgemacht, um sie nach Fort Long Bĕlaga am Balui, dem Oberlauf des Batang-Rèdjang, zu bringen. Auf der Reise begegneten sie jedoch wieder grossen Batang-Lupar-Banden, die an den Quellflüssen Buschprodukte suchten, und bei dieser Gelegenheit entbrannte ein neuer Kampf, bei dem auf beiden Seiten Opfer fielen und alle Guttapercha verloren ging. Seit der Zeit waren die Kĕnja noch nicht dazu gekommen, ihre Busse aufs neue zu bezahlen, aber nachdem der Radja im Jahre 1895 die Kĕnjastämme Apo-Paja am oberen Danum durch seine Batang-Lupar hatte unterwerfen lassen, hatte er immer wieder Gesandtschaften geschickt, um eine Zusammenkunft mit den Kĕnjahäuptlingen zu veranlassen. Diese empfanden jedoch wenig Lust, sich aufs neue in grosser Anzahl auf englisches Gebiet zu wagen, besonders da man erzählte, sie wären es gewesen, die die 5 Batang-Lupar am Boh getötet hätten. Mit einer sĕrawakischen Gesandtschaft, welche die mit ihnen verwandten Häuptlinge der Uma-Dang, die sich gerade eben dem Radja unterworfen hatten, begleiteten, sandten die Kĕnja dem englischen Fürsten als Freundschaftszeichen zwar schöne Schwerter und Schilde, aber sie selbst erschienen zwei Jahre lang nicht vor ihm. Darauf sandte ihnen der Radja vom Batang-Rèdjang durch Boten einen Brief und der Resident am Baram,Dr. Hose, gleichfalls, was sie alle so erschreckte, dass sie trotz der schönen Tigerhaut und den Gongen, welche als Geschenke für sie mitgegeben waren, das Jahr zuvor beschlossen hatten, dem Rufe eiligst Folge zu leisten. Eine ungefähr 700 Mann starke Gesellschaft war unter den Häuptlingen der Uma-Tow, die weiter unten am Fluss in Long Nawang wohnten, den Batang-Rèdjang abwärts gefahren, um der Einladung dort nachzukommen, währendBui Djalongselbst indessen mit 500 Mann nach dem Baram gezogen und diesen dann hinabgefahren war. Die Häuptlinge beider Gesellschaften wurden mit Dampfböten nach der Residenz Kuching abgeholt, woBui Djalongsich jedoch weigerte, auf englisches Gebiet auszuwandern, was er mirjedoch selbst nicht erzählte. Auch er berichtete, die Batang-Lupar hätten sie auf der Heimreise überfallen, wobei einige zur Begleitung mitgegebene englische Polizeibeamten verwundet und getötet worden wären.
Die zwei aus Sĕrawak gesandten Briefe, welche so grossen Eindruck gemacht hatten, wurden zum Vorschein gebracht und mir vorgelegt. Es waren nur ein paar Geleitsbriefe, um nach Sĕrawak zu kommen; sie enthielten weder irgend einen Befehl noch eine Drohung, aber die Kĕnja, welche die Briefe nicht hatten lesen können, hatten sich beim ungewohnten Anblick von Papierstücken das Schrecklichste vorgestellt. Zur Verstärkung dieses Eindrucks hatten die malaiischen Boten überdies noch das Ihre beigetragen.Bui Djalongwar zwar etwas verlegen, als er den wahren Inhalt der Briefe vernahm, doch half er sich mit der Bemerkung, sie wären zu dumm, um solche Dinge zu begreifen. Es war spät geworden, als wir von der Versammlung heimkehrten.
Nach dem guten Verlauf der Zusammenkunft war es uns am folgenden Tage eine wahre Erleichterung, als die meisten Dorfbewohner aufBui DjalongsFeld zogen, um dieses zur Saat vorzubereiten. So erfreuten wir uns zum ersten Mal eines ruhigen Tages. Auch der folgende verlief still, da die Dorfbewohner an diesem auf die gleiche Weise das Feld vonBo Anjè, des Häuptlings Bruder, bearbeiteten undBui Djalongselbst mich um die Mithilfe meiner Malaien für diesen Tag gebeten hatte. Diese fanden die Bitte zwar anspruchsvoll und für ihre Würde als Mohammedaner (nur wenige unter ihnen waren von Geburt Malaien) einem Dajak gegenüber etwas erniedrigend, aber sie fürchteten eine Störung der guten Beziehungen so sehr, dass sie aus der Not eine Tugend machten und bereits morgens früh mit dem Häuptling aufbrachen, nachdem ich hierzu meine Zustimmung gegeben hatte.
Des anderen Tages erfuhr ich, wie sehr auch in der Kĕnjagesellschaft Eitelkeit und Eifersucht die Lebensfreude beeinträchtigten. Morgens nach dem Frühstück hatte ich zum Besuch meiner Patienten meine Wanderung durch die verschiedenen Häuser begonnen, als mich die Bewohner in deraminvonBo Anjè, wo sich ein Fieberkranker befand, zurückhielten, um mir einen ausführlichen Bericht überBo AnjèsWürde, seine älteren Brüderrechte gegenüberBui Djalongund seine Verwandtschaft mit den Häuptlingen von Uma-Djalān zu erstatten. Mit allem diesem gaben sie mir zu verstehen, dass nicht nurBui Djalong,sondern auchBo Anjèfür den Tod vonUsat, ihrem Enkel, am Tawang ein Sklave als Entschädigung zukam. Halb um das Gesagte zu bekräftigen, halb um mir für ein Gewehr, das ich bei meiner Abreise bei ihnen zurückzulassen versprochen hatte und für schönes langesbo̱k kading(Ziegenhaar) undape̱ ke̥ndi(dicker Kattun) ein Gegengeschenk zu geben, verehrten mirBo AnjèsAngehörige einen sehr schön gezeichneten und mit Menschenhaar verzierten Schild. Unter der Hand erfuhr ich noch manches über das gegenseitige Verhältnis der Häuptlinge in Tanah Putih; überBui Djalongwurde geklagt, er tue ganz, als ob er der erste wäre, währendBo Anjèdoch eigentlich älter sei. Dass der schwacheBo Anjèvor dem kraftvollenBui Djalonghatte zurücktreten müssen, erschien mir sehr begreiflich. Der energischere Charakter der Kĕnja schützte sie augenscheinlich nicht vor kleinlicher Eifersucht, die auch bei den Bahau eine so grosse Rolle spielte.
Gegen Ende des Tages erhielten wir den Beweis, dass man die Dinge am Kajan ganz anders behandelte als am Mahakam.
Gleich nach der Mahlzeit wurden wir nämlich durch Laufen und Rufen auf dem Wege an unserem Hause erschreckt und beim Hinausblicken sahen wir etwa 10 fremde Kĕnja in voller Kriegsrüstung, die eben in einem Boot angekommen waren, mit heftigen Gebärden eine ernste Nachricht mitteilen, von der wir nichts weiter begriffen, als dass es sich um Kampf und Tote handelte. Die herbeiströmenden Bewohner von Tanah Putih gerieten beim Anhören des Berichtes in grosse Aufregung, so dass es für uns eine Beruhigung bedeutete, alsBui Djalongin seiner gefassten Weise selbst auf dem Schauplatz erschien und sich berichten liess. Obgleich auch er voll Interesse zuhörte, regte er sich doch nicht dabei auf; ich nahm daher das unbekannte Ereignis nicht zu tragisch und ging, um zu hören, um was es sich handelte. Die Boten waren von den Dörfern weiter unten am Kajan gekommen und meldeten, vom Stamme der Uma-Tĕpai seien 100 Mann im Kampfe gegen den feindlichen Stamm der Alim, die am Pĕdjungan wohnten, gefallen. Der Vorfall schienBui Djalongdoch weit mehr zu treffen, als ich aus der Ferne gesehen hatte, denn er war bleich geworden und seine Lippen waren blau, doch zeigte er sich nicht erregt und war noch unbewaffnet, während die andren Männer von Tanah Putih sogleich zu den Warfen gegriffen hatten, als stände der Feind vor der Tür. Ich war daran gewöhnt, dass bei derartigen Berichten stark übertrieben wurde, und wagte daherBui Djalongzu sagen, bei näherer Erkundigungwürde es gewiss nicht so schlimm stehen und mehr als 15 Uma-Tĕpai würden wohl nicht gefallen sein. Meine Worte schienen ihn zu beruhigen, denn er sagte lächelnd, das sei sehr gut möglich. Nachdem er zu der aufgeregten Menge gesprochen hatte, ging er ruhig nach Hause und alles zerstreute sich wieder. Der Bericht, den mir die Kĕnja gegeben hatten, war so gehalten gewesen, als wenn ich die Geographie ihres Landes, die Stämme, die in ihm wohnten, und ihr Verhältnis zueinander gut gekannt hätte. Erst am folgenden Tage konnte ich genauere Erkundigungen einziehen, aber es dauerte einige Zeit, bevor ich den Vorfall zu begreifen anfing; der Bericht des Häuptlings selbst war mir noch am wertvollsten. Er erzählte, dass der Handelsweg zur Küste auf dem Kajan für sie infolge ihrer Feindschaft mit den Uma-Alim verschlossen sei. Dieser Stamm wohnte hauptsächlich am Pĕdjungan, einem Nebenfluss, der unterhalb der grossen Reihe von Wasserfällen, Baröm genannt, dem Kajan zuströmt.
Neben den Uma-Alim wohnte ein kleinerer Stamm der Uma-Lisān, dem es bei ersteren nicht sonderlich gefiel (später hörte ich, die Lisān wären von den Alim halb abhängig) und der deshalb nach Apu Kajan, dem Gebiet oberhalb der Baröm, auswandern wollte. Ein Stamm der Uma-Tĕpai, die dicht oberhalb der Baröm lebten, war mit 300 Mann zum Pĕdjungan gezogen, um den Uma-Lisān beim Umzug in ihr Gebiet behilflich zu sein. Dies sollte mit Einverständnis der Uma-Alim geschehen sein, was jedoch unwahrscheinlich war, da die Alim den Uma-Tĕpai feindlich gesinnt waren und ihnen daher die Nachbarschaft eines verbündeten Stammes nicht gegönnt haben würden. Wie dem auch sei, die Uma-Lisān wollten bei der Ankunft der Uma-Tĕpai nicht mit ihnen ziehen, und als letztere auf dem Heimwege begriffen waren, wurden sie von den Uma-Alim, die sich in einer engen Gebirgsspalte versteckt hatten, überfallen und in dem darauf folgenden Kampfe sollten dann 100 Mann gefallen sein. Später stellte es sich heraus, dass die Zahl der Getöteten in der Tat nicht über 15 betrug. Der ganze Kampf nahm sich immerhin so viel ernster aus, als die Bahau es gewöhnt waren, so dassKwing Irangund den Seinen beim Anhören dieses blutigen Berichts sicher das Herz vor Angst geklopft haben wird.
WährendBui Djalongmir dies alles vortrug, hatte ich ihm meine gänzliche Unkenntnis von Land und Volk in Apu Kajan bekannt. Zu meiner Freude war er sogleich bereit, mir über diese Verhältnisse ausführlich Auskunft zu erteilen; er schlug vor, bereitsam gleichen Nachmittag den Hügel mit der Kubu zu besteigen, weil wir von dort einen vorzüglichen Überblick über das Land geniessen würden. Nach dem Essen begaben wir uns auf den Weg und bereits während des Gehens machte er mich auf vieles aufmerksam. Auf dem Gipfel des Hügels angekommen gab mirBui Djalongden folgenden geographischen Überblick über sein Land Apu Kajan, oder Po Kĕdjin, wie es von den Kĕnja selbst genannt wird. Nach seinen Ausführungen und dem, was ich bereits selbst gesehen und gehört hatte, lagen die Verhältnisse von Land und Leuten etwa folgendermassen: das Gebiet des oberen Kajan bildet wie das des oberen Mahakam ein nach allen Seiten abgeschlossenes Land; hohe Gebirge und unbewohnte Wälder umringen es und der Kajan, der einen natürlichen Verkehrsweg zu den tiefer gelegenen Gebieten bildet, wird durch eine unüberwindliche Reihe von Wasserfällen, Baröm genannt, für den Verkehr unzugänzlich. Das Land streckt sich nord-östlich vom Batu Tibang aus, dem Berg, von dem im Norden und Osten das Grenzgebirge von Apu Kajan ausgeht. Nach Norden ist letzteres anfangs sehr niedrig und erhebt sich erst weiter nördlich zu einiger Höhe. Das Grenzgebirge nach Osten kann man in Richtung und Formation als eine Fortsetzung des Ober-Kapuas-Kettengebirges auffassen, das sich bis zum Batu Tibang hinstreckt und hier durch das vulkanische Gebirge unterbrochen wird, dessen höchste Erhebungen dieser Gipfel, der Batu Tibang Ok, der Batu Bulan und vielleicht auch der Batu Pusing darstellen. Östlich von diesen, wo das Gebirge 1000–1500 m hoch ist, besteht es aus Schiefern, die im Quellgebiet des Oga und Tĕmha einige Rücken, mehr nach Osten hin aber ein beinahe 2000 m hohes Massiv bilden, den Batu Okang. Von diesem soll der Boh nach Südwesten strömen, der Tawang nach Südosten und der Kajan Ok, ein Nebenfluss des Kajan, nach Norden. Auf dem ganzen Wege vom Tĕmha über die Passhöhe zum Laja und auch im Quellgebiet des Kajan hatten die Schiefer eine mehr oder weniger starke Neigung nach Süden gezeigt, womit vielleicht im Zusammenhang steht, dass nach Süden lange Rücken allmählich sich in das Oga- und Bohgebiet niedersenken, während nach Norden sehr steile Wände nach den Flüssen des Kajangebietes zu abfallen.
Die ganze Gegend oberhalb der Baröm ist gebirgig und besteht, wie ich zu bemerken glaubte, aus Schiefern mit daraufliegendem Sandstein, einer Gesteinsbildung, die auch am Ober-Mahakam die grössteOberfläche einnimmt. Auch in Apu Kajan werden diese Lagen durch Basalt und Andesit unterbrochen, die bei der starken Abtragung, die dieses Gebiet erlitten hat, mehr Widerstand als das umgebende Gestein geleistet haben und jetzt hie und da als Hügel hervorragen.
An Flächen waren nur die weit ausgespülten Flusstäler zu sehen, die Kĕnja waren daher gezwungen, ihre Reisfelder bis hoch auf die Abhänge der Bergketten anzulegen und auf den Hügeln den Wald bis zu den Gipfeln zu fällen. Der Urwald beginnt daher erst in ansehnlicher Höhe, wo das kühle Bergklima keine erfolgreiche Reiskultur mehr gestattet. Der Reis hat hier ohnehin 1 Monat länger nötig, um zu reifen, als am Ober-Mahakam, also 6 Monate.
Der Kajan selbst, der auf dem Grenzgebirge zum Mahakam, auf dem Lasan Tĕlujön, östlich von dem Batu Pusing entspringt, strömt hauptsächlich in nördlicher Richtung und nimmt oberhalb der Baröm an seiner linken Seite den Tĕkuwau, Mĕtisei, Nawang, Pĕngian, Marong, Iwan und Pura auf; rechts dagegen den Laja, Danum, Djĕmhāng, Hungei, Anjè, Mĕton und dicht oberhalb der Baröm den Kajan Ok. In diesem Teil des Kajan bilden die Wasserfälle bei Batu Plakau das grösste Hindernis für die Schiffbarkeit, ferner befinden sich einige Fälle auch noch oberhalb von Long Djĕmhāng. Wenn der Kajan auch weiterhin bis zu den Baröm keine unpassierbaren Stellen mehr hat, so trägt er doch mit seinen vielen Felsblöcken und Schuttbänken im allgemeinen den Charakter eines für den Verkehr ungeeigneten Bergstroms (auf der von dem Kĕnja gezeichneten Karte sind die schwer passierbaren Stellen durch bootsähnliche Figuren c angegeben (Taf. 89).
Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass die Kĕnja im Fahren mit Böten viel ungeübter sind als die Bahau, dafür haben sie aber in ihrem ganzen Lande gute Wege angelegt, sowohl von den Dörfern zu den Reisfeldern als zu anderen Dörfern. (Letztere Wege sind auf der Karte mit einfachen Linien angegeben; die Kreise f, durch welche der Weg von Tanah Putih zu den Uma-Lĕkĕn führt, bedeuten Berge).
Die Apu Kajan bewohnenden Stämme, die sich alle verwandt fühlen, sind vor 2–3 Jahrhunderten vom Uān, dem linken Nebenfluss des Mittel-Kajan, hierher ausgewandert, nachdem sie sich vorher noch am oberen Bahau niedergelassen hatten. Aus der neuen Heimat hatten sie der Reihe nach die Stämme vertrieben, die jetzt unter dem Namen Bahau am Balui und Mahakam wohnen, Ein anderer Teil der Kĕnjaliess sich damals am Tĕlang Usān oder Baramfluss nieder, von wo er noch jetzt mit den Kajanbewohnern in enger Verbindung steht. Nicht alle Bahaustämme wurden damals aus Apu Kajan vertrieben; die Uma-Lĕkĕn, die zum oberen Balui geflohen waren, kehrten später zurück und wohnen jetzt am weitesten unten am Fluss, bei den Baröm. Dieser Stamm spricht auch ein von den übrigen Kĕnjadialekten abweichendes Busang. Sämtliche Stämme leben unter der Oberherrschaft des mächtigsten Stammes, der Uma-Tow, der zwei Niederlassungen bewohnt, Tanah Putih am Djĕmhāng (jetzt an den Kajan verlegt) und Long Nawang. Ihre Vorherrschaft haben die Uma-Tow ihren beiden letzten tatkräftigen Häuptlingen zu danken,Pa SorangundBui Djalong, seinem Neffen. Dieser wies mir mit Stolz einen Bergrücken, der von der Wasserscheide ins Kajangebiet verläuft und Batu Ajow heisst, nach dem Kampf, der auf ihm zwischen den beiden Bundesgenossenschaften der Kĕnja, nämlich den weiter oben wohnenden Uma-Tow, Uma-Kulit, Uma-Djalān, Uma-Bom und Uma-Tokong gegen die weiter unten angesiedelten Uma-Bakang, Uma-Tĕpu, Uma-Baka und Uma-Lĕkĕn stattgefunden hatte und aus dem die ersteren als Sieger hervorgegangen waren. Im allgemeinen besteht die Oberherrschaft der Uma-Tow darin, dass ihre Häuptlinge über Angelegenheiten von allgemeinem Interesse beschliessen, aber stets nach Rücksprache mit den Häuptlingen der übrigen Stämme. Direkte Steuern, auch in Arbeit, werden nicht regelmässig geleistet, wohl aber können die abhängigen Stämme zu Hilfe gerufen werden, z.B. bei Krieg oder grösseren Unternehmungen.
NachBui DjalongsAngaben setzten sich die Stämme aus der folgenden Anzahl von Familien zusammen:
Hierzu kommen noch einige kleinere Stämme, wie die Lĕpo-Lisān,die Lĕpo-Aga und die nicht sesshaften Punanstämme, so dass die Bevölkerung von Apu Kajan auf 20000 Seelen geschätzt werden kann.
Der Verkehr zwischen den Stämmen ist bei den Kĕnja viel lebhafter als zwischen den Bahau, auch besitzen erstere mehr Verwandtschaftsgefühl. Dazu trägt nicht wenig die im Lande herrschende Sicherheit bei. Es finden denn auch von anderen Gebieten aus nur selten Kopfjagden in Apu Kajan statt; am ehesten sind diese von den Batang-Lupar-Stämmen aus Sĕrawak zu fürchten, so dass die Kĕnja sich denn auch nicht gern westlich vom Flusse oder zu nahe an seinem Ursprung niederlassen.
Sowohl der schweren Zugänglichkeit ihres Landes als ihrer Stärke und Energie haben die Kĕnja es zu danken, dass sie bis jetzt von einem Eindringen Fremder verschont geblieben sind.
Den Zugang zu den anderen Gebieten haben sich die Kĕnja selbst durch ihre berüchtigten Kopfjagden so gut wie abgeschnitten. Während sie selbst in ihrem Lande beinahe unbewaffnet reisen, wagen sie nur in grosser Anzahl Handelszüge in fremde Gebiete zu unternehmen. Den Verkehr mit den Bewohnern am unteren Kajan haben sich die Kĕnja durch ihre Kopfjagden mit den Uma-Alim unmöglich gemacht, die am Pĕdjungan und Bahau wohnen, den beiden Flüssen, die man zur Umgehung der Baröm berühren muss. Ebenso unsicher ist der Weg längs des Balui nach Fort Bĕlaga; hier sind wieder die Hiwan den Kĕnja feindlich gesinnt. Der in das nord-östlich gelegene Baramgebiet führende Handelsweg, an dem verwandte Kĕnjastämme leben, wird zwar viel benutzt, aber auf dieser Reise muss ein 10 tägiger Landweg zurückgelegt werden, bevor wieder ein Transport der Waren mit Böten möglich ist. Daher können sie vom Baram kein schweres Gepäck wie Salz herbeiführen. Einen Vorteil bietet dieser Weg insofern, als er durch Gebiete führt, in welchen die Kĕnja Waldprodukte, vor allem Kampfer sammeln können; auf den anderen Wegen zur Ostküste kommt der Kampferbau dagegen nicht vor. Der Ertrag eines Baumes beträgt höchstens 1kati(= 0.61 Kilo). Der Kampfer kommt im Holz des Baumes in Stücken von der Grösse eines Sandkorns bis zu 3 cm3vor. Die Bäume werden gefällt, wenn bereits aus dem Geruch der Kampfergehalt festgestellt worden ist, dann werden sie völlig ausgehöhlt, als ob man Böte aus ihnen herstellen wollte. Hinter jedem Span wird der in den Ritzen des Holzes abgesetzte Kampfer gesammelt. Beim Umhacken werden den Geistern Matten, Zeug und Reis geopfert;hat man die Reise mit guten Vorzeichen angetreten, so ist der Gewinn an Kampfer gross, im anderen Falle aber klein.
Von den beiden anderen Handelswegen, die den Kĕnja noch übrig bleiben, ist der nach dem Mahakam der gebräuchlichste; nach dem Berau ist die Reise so schwierig, dass nur leichte Artikel von dort bezogen werden können. Die Kĕnja verbessern alle diese Wege, indem sie z.B. sumpfige Stellen mit behauenen Stämmen belegen, steile Abhänge mit Treppen versehen u.s.w.
Während wir noch auf dem Hügel standen und uns vonBui Djalongberichten liessen, hatte sich der Himmel plötzlich verfinstert und, ehe wir das Tal erreichten, brach ein furchtbares Ungewitter auf uns nieder. Einige starke Donnerschläge gingen den Regengüssen voran, dann folgte ein heftiger Hagelschlag, den ich zum ersten Mal in Indien erlebte. Die Kajan waren durch diese Naturerscheinung aufs tiefste erschreckt. In ihrem Lande kommt Hagel überhaupt nicht vor; nur wird nach einer ihrer Sagen, wenn es Steine regnet, alles in Stein verwandelt.
Wenn die gefürchtete Versteinerung auch nicht eintraf, so hatte dieser Hagelschlag auf die Nerven der Kajan und Malaien, die ohnehin durch das plötzliche Zusammenrufen (buka) der Dorfbewohner nach dem Fall der Uma-Tĕpai sehr erregt waren, so nachteilig gewirkt, dassLalaumir am anderen Tage mit bleichem Gesicht meldete, es würden unter der Bevölkerung über uns sehr ernste Gerüchte verbreitet, die uns äusserst gefährlich werden könnten. Man erzählte, wir beabsichtigten in der Tat, die Kĕnja zu bekriegen, und warteten nur auf die Hiwan (Batang-Lupar) und die Ankunft der Boten von Long Dĕho, die den Boh hinaufgefahren waren, um den Angriff zu beginnen.Kwing, sein Gefolge und meine Malaien fürchteten, dass die Kĕnja uns zuerst anfallen würden. Unser Verhältnis zur Bevölkerung war indessen fortwährend besser geworden und bis jetzt war noch nichts Unangenehmes zwischen uns vorgefallen. Selbst als mein Hund einen kleinen Knaben recht stark gebissen hatte, wurde dieser Vorfall seitens der Betroffenen sehr verständig beigelegt. Auch verkehrten Frauen und Kinder von morgens früh bis abends spät in meiner Hütte, für mich der beste Beweis ihres grossen Vertrauens zu unseren Absichten. Einige Mütter mussten ihre Kinder sogar mit Gewalt zum Essen nach Hause holen und klagten, die Kleinen wären überhaupt nicht mehr in deraminzu halten. Es half nichts, dass ich die beängstigten Gemüter auf allediese beruhigenden Zeichen hinweis, sie kamen stets wieder auf das Gehörte zurück. Da es nicht ratsam war, dergleichen Geschwätz allzulange kursieren zu lassen, und auch zur Beruhigung meiner Leute versprach ichKwing Irang, die Sache mitBui Djalongin seiner Gegenwart besprechen zu wollen.
An diesem Tage kam es jedoch nicht dazu, weil ein Häuptling der Uma-Bakong mit zwanzig Mann Gefolge den Fluss heraufgefahren kam, um mich zu besuchen.
Bui Djalongführte mir die Gesellschaft selbst zu und erklärte, dassEmāng, so hiess der Häuptling, und die Seinen mich besuchten, um meine Absichten mit den Kĕnja kennen zu lernen. Da der Mann gut Busang sprach, liessBui Djalongihn mit seinen Begleitern allein bei mir zurück, augenscheinlich vertraute er, dass ich mit der Gesellschaft allein fertig werden würde. Die Besucher hatten auf meine Nachsicht gerechnet, denn sie brachten mir nur etwas Reis zum Geschenk, worüber sie selbst ihr Bedauern aussprachen. Ich war jedoch gar nicht daran gewöhnt, Geschenke zu empfangen, und half den Leuten mit einer Unterhaltung übertanah dipa, das Land “Übersee”, über ihre Verlegenheit hinweg. Ich gab jedem ein Gegengeschenk, dem Häuptling eine Jacke aus Kattun, den anderen ein Kopftuch ausbatik. In bester Stimmung sagteEmāngbeim Abschied, man werde uns in seinem Dorfe auf den Händen tragen, falls wir dorthin kommen wollten.