Kapitel XVI.

Allgemeines über die körperliche und geistige Entwicklung der Dajak auf Borneo—Gründe für ihre geringe Bevölkerungsdichte: klimatische und hygienische Einflüsse, Krankheiten—Abhängigkeit des Gesundheitszustands von der Höhe des Landes—Einfluss mangelhafter Entwicklung und Kenntnis auf die ökonomischen Verhältnisse und auf die religiösen Vorstellungen—Geistige Fähigkeiten der Dajak—Charaktereigenschaften—Körperliche und geistige Überlegenheit der Kĕnja-Dajak über die Bahau-Dajak.

Allgemeines über die körperliche und geistige Entwicklung der Dajak auf Borneo—Gründe für ihre geringe Bevölkerungsdichte: klimatische und hygienische Einflüsse, Krankheiten—Abhängigkeit des Gesundheitszustands von der Höhe des Landes—Einfluss mangelhafter Entwicklung und Kenntnis auf die ökonomischen Verhältnisse und auf die religiösen Vorstellungen—Geistige Fähigkeiten der Dajak—Charaktereigenschaften—Körperliche und geistige Überlegenheit der Kĕnja-Dajak über die Bahau-Dajak.

Weit mehr Schwierigkeiten als die Beschreibung der Sitten und Gewohnheiten eines Volksstamms oder selbst der Grundbegriffe seines Glaubens bietet einem Forscher, der daran gewöhnt ist, in einer hoch entwickelten Gesellschaft zu leben und zu arbeiten, die objektive Beurteilung des Charakters, der inneren Persönlichkeit von Menschen, die einen niedrigeren Bildungsstandpunkt einnehmen. Es genügt hier nicht, diese Menschen in ihrem täglichen Leben zu beobachten, sondern er muss zugleich imstande sein, die Motive zu beurteilen, die der soviel tieferstehende Naturgenosse für seine Handlungen aus seinem Glauben, seinen Lebensverhältnissen und seinem Charakter schöpft. Daher muss ein Forscher mit dem Glauben und den Lebensverhältnissen des primitiven Menschen völlig vertraut sein, bevor er aus dessen Tun und Lassen Schlüsse auf seine Persönlichkeit ziehen kann. Auch muss er es als eine natürliche Notwendigkeit einsehen gelernt haben, dass, weil den Stämmen von Mittel-Borneo z.B. von sich selbst und ihrer Umgebung ganz andere Begriffe eigen sind, als wir Europäer sie uns durch die fortschreitende Wissenschaft im Laufe vieler Jahrhunderte haben bilden können, sie auch völlig anders handeln müssen, als wir es in bestimmten Fällen tun würden. Dann wird es ihm auch ganz natürlich erscheinen, wenn die Dajak in ihrem festen Glauben, durch böse Geister oder feindlich gesinnte Menschen krank geworden zu sein, in Beschwörungen oder selbst in Racheakten gegen unschuldige Personen ihre Zuflucht suchen, was ein oberflächlicher Beobachter als Dummheit oder Rachsucht auffassen könnte.

Auch bei einer guten Einsicht in die beherrschenden Motive bestimmter Handlungen wird es einem Europäer schwer, objektiv zu bleiben, sobald er selbst das Opfer dieser Motive wird, und eine grosse Selbstverleugnung wird besonders dann von ihm gefordert, wenn er in seinen wichtigsten wissenschaftlichen Untersuchungen fortwährend gehindert wird oder wenn diese ihm sogar unmöglich gemacht werden.

Die Art des Reisens, die ersten Begegnungen mit den scheuen Eingeborenen stellen an die Objektivität des Forschungsreisenden hohe Anforderungen und er wird denn auch viel mehr Zeit, als die meisten zur Verfügung haben, brauchen, um eine richtige Einsicht in die Verhältnisse und in die Persönlichkeit der Eingeborenen zu gewinnen; dies um so mehr, je weniger er sich in ihrer eigenen Sprache mit ihnen unterhalten kann.

Im folgenden soll nun gezeigt werden, wie auf Grund eingehenderer Kenntnisse und längerer Beobachtung sich das Bild der geistigen Konstitution der Dajak wesentlich anders gestaltet, als bei oberflächlicher und kürzerer Beobachtung. Man hat die Bahau und die anderen noch ursprünglichen dajakischen Stämme unter dem Eindruck ihrer kriegerischen Tracht, ihrer in der Tat hinterlistigen Art der Kriegsführung, ihrer Sitte Sklaven zu opfern und beim Tode von Häuptlingen Köpfe zu jagen, rachsüchtig, blutdürstig, hie und da sogar tapfer genannt. Hätten die Betreffenden gewusst, dass ernstliche Zwistigkeiten in einem Bahaustamme überhaupt nicht vorkommen, dass alle Vergehen von Verbrechern und Feinden, selbst Morde am liebsten mit Bussen erledigt werden und dass nur ihre innige religiöse Überzeugung und Liebe zu den Verstorbenen sie zum Töten von Menschen treibt, dann hätten sie die Dajak unentwickelt und feige, aber niemals rachsüchtig, blutgierig oder tapfer genannt.

In Ländern, die von verschiedenen Rassen bewohnt werden, wie Borneo, ist derjenige Teil der Bevölkerung, den man sich zur Untersuchung aussucht, von massgebendem Einfluss auf das Bild, das man von der Bevölkerung erhält. Lässt man sich unter dajakischen Stämmen nieder, die bereits lange unter der Herrschaft oder unter dem Einfluss der Malaien gestanden haben, so erhält man eine unrichtige Vorstellung von den ursprünglichen Eigenschaften ihrer Rasse, da solche Stämme in hohem Masse entartet sind. Nur die Dajak an den Ober- oder Mittelläufen der Flüsse, die nicht oder wenig von Malaienbeeinflusst worden sind, können als die wahren Vertreter dieses Volkes angesehen werden.

Für eine gerechte Beurteilung der Individualität der Stämme von Mittel-Borneo, eine Beurteilung, die nicht nur von wissenschaftlichem Wert ist, sondern von der auch die Möglichkeit eines erfolgreichen Eingreifens seitens zivilisierter Völker in das Los der Eingeborenen abhängt, genügt es nicht, deren Sitten, Gewohnheiten und Glauben an und für sich zu kennen, sondern man muss sich ausserdem ein möglichst unparteiisches Bild von ihren Lebensbedingungen und dem Einfluss, den diese auf physischem und psychischem Gebiet ausgeübt haben, zu schaffen suchen. Auf diese Weise erhält man am besten eine Vorstellung davon, welche Verhältnisse für ihr Bestehen am günstigsten wären und inwieweit die gegenwärtigen einer Verbesserung fähig sind. Für einen derartigen Gedankengang liegt das Material wohl in dem bereits früher Behandelten bereit, bevor wir jedoch in dieser Hinsicht ein Urteil fällen, wird es zweckmässig sein, die zerstreuten Notizen nochmals zu einem Gesamtbild zu vereinigen.

Eine der auffallendsten Erscheinungen ist die sehr geringe Dichte der Bevölkerung auf Borneo im allgemeinen und der von Mittel-Borneo im besonderen. Die Zahl von 2–3 Köpfen auf den qkm, die man für die ganze Insel annimmt, ist für den mittleren Teil wahrscheinlich noch zu hoch; im Vergleich zu Java, das 150 auf den qkm zählt, also sehr niedrig. Hieraus folgt bereits, dass die Bevölkerungszahl im Laufe der Zeit sicher nicht sehr gewachsen ist, viel eher abgenommen hat oder um ein sehr niedriges Mittel schwankt; jedenfalls müssen die Lebensbedingungen einer Menschenrasse sehr ungünstig sein, um zu einem derartigen Ergebnis zu führen. Doppelt bemerkenswert wird diese Erscheinung, wenn wir berücksichtigen, dass eine derartige geringe Bevölkerungsziffer im Vergleich zu der eingenommenen Bodenfläche bei allen auf niedriger Entwicklungsstufe stehenden Völkern des Festlandes oder sehr grosser Inseln vorkommt. Demnach erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass zwischen der Entwicklungsstufe und der Zahlstärke eines Volkes ein Zusammenhang besteht.

Inbezug auf Borneo hat die Frage nach der Ursache dieser geringen Bevölkerungsdichte bereits seit lange das Interesse erregt und man hat als Gründe hierfür ohne Zögern die schlechten Sitten dieser Stämme, die einander ausrotteten und ein ausschweifendes Leben führten, angegeben. Von solchen Gründen kann bei den hier beschriebenen Stämmender Bahau und Kĕnja keine Rede sein. Auch mag bemerkt werden, dass auch in Gebieten, die bereits seit vielen Jahrzehnten unter englischer oder niederländischer Verwaltung stehen und wo mithin eine gegenseitige Ausrottung unmöglich ist, die dajakischen Stämme durchaus nicht stark zunehmen.

Die Lebensbedingungen der ursprünglichen Dajak erscheinen, oberflächlich betrachtet, günstig genug. Bei einer früheren Gelegenheit ist bereits die allgemeine Gestalt der Insel Borneo mit ihrer überwältigend dichten Pflanzenbedeckung, die auf einen Überfluss an Wärme, Licht und Regen sowie auf eine grosse Fruchtbarkeit deutet, beschrieben worden (Teil I pag. 50).

In dieser Treibhausatmosphäre leben die Stämme der Dajak schon seit Jahrhunderten. Ihr Kampf ums Dasein beschränkt sich auf die Sorge für Nahrung und die relativ sehr geringen Schutzmittel gegen das Klima. Für die Beschaffung der Nahrung bietet die Üppigkeit der Vegetation und die Fruchtbarkeit des Bodens eben gefällter Walder sehr günstige Gelegenheit und der Wald liefert für eine primitive Herstellung von Wohnung und Kleidung reichliches Material. So scheint alles zusammenzuwirken, um dem Menschen die Vorbedingungen zu einem üppigen Gedeihen zu schaffen—und doch vermisst man die erste Folge von solchen Umständen, eine dichte und wohlhabende Bevölkerung.

Sowohl am Kapuas als am Mahakam lebt nur eine geringe Anzahl Menschen, deren zerstreute Wohnplätze sich auf die Flussufer beschränken und deren Dasein im allgemeinen nichts weniger als üppig ist. Infolge ihrer geringen Kenntnisse verstehen sie die günstigen Faktoren in ihrer Umgebung nicht auszunutzen und gegen die ungünstigen sich nicht zu wehren. Welche Folgen hieraus für die Existenz des Volkes hervorgehen, kann aus dem Nachstehenden ersehen werden.

Am meisten macht sich diese Unkenntnis auf dem Gebiet der Gesundheitspflege fühlbar, indem diese Menschen nicht wissen, wann und wodurch sie krank werden und keine Mittel zur Heilung ihrer Krankheiten kennen. ImKapitel VIIIdes ersten Teils sind bereits die wichtigsten unter dieser Bevölkerung herrschenden Krankheiten angeführt worden. Von diesen sind inbezug auf das Bestehen des Volkes am einflussreichsten die in Borneo endemischen Krankheiten und zwar in erster Linie die Malaria, in zweiter die sehr verbreiteten venerischen Leiden. Wann sich die letzteren eingebürgert haben, ist vorläufig nicht festzustellen, aber von der Malaria kann man sicher annehmen, dasssie geherrscht hat, so lange das Land von diesen Dajakstämmen bewohnt wird. Um den schädlichen Einfluss zu ermessen, den die Malaria auf das Allgemeinbefinden der Bevölkerung ausübt, muss man bedenken, dass diese dem weit und breit herrschenden Übel gegenüber völlig machtlos ist. Die meisten Individuen sind daher während einer grösseren Lebensperiode mehr oder weniger leidend, ein Umstand, der auch auf die noch ungeborene Nachkommenschaft schwächend einwirken muss (Teil I pag. 425).

Von hervorragender Bedeutung, besonders in Bezug auf die Vermehrung der Rasse, sind die venerischen Krankheiten, die, wie ein zweiter Fluch, auf den Bewohnern von Mittel-Borneo lasten. Sowohl unter den Stämmen des Kapuas als unter denen des Mahakam hat die Verbreitung von Syphilis einen entsetzlichen Umfang erlangt; am stärksten tritt sie bei den Kajan vom Blu-u auf, wo ein 11 monatlicher Aufenthalt als praktizierender Arzt mich davon überzeugte, dass keine einzige Familie von dieser Krankheit verschont geblieben war. Wie lange sie unter ihnen schon geherrscht haben muss, lässt sich daraus ersehen, dass sie unter ihnen nur in einer Form vorkommt, die von Mutter auf Kind übertragen wird (Teil I pag. 431).

Die Häufigkeit des Vorkommens von Genitalkrankheiten bei den Frauen der Mendalam-Kajan setzte mich in Erstaunen. Da ich inmitten der grossen Bevölkerung von Tandjong Karang lange Zeit allein wohnte, überwanden die Frauen ihre anfängliche Scham und suchten gegen allerhand Leiden meinen ärztlichen Beistand. In den malaiischen Wohnplätzen am oberen Kapuas hatte ich ebenfalls hinreichend Gelegenheit; mich von dem Umfange zu überzeugen, den auch hier diese Leiden erreicht haben.

Auch den venerischen Leiden gegenüber wissen die Eingeborenen nichts anderes anzuwenden als Beschwörungen. Von der Syphilis wissen sie nicht einmal, auf welchem Wege sie in der Regel entsteht.

Für die von der Küste bequem erreichbaren Gebiete, also am Unter- und Mittellauf der grossen Flüsse, tritt noch ein anderer wichtiger Faktor hinzu, der auf die Dichte der Bevölkerung einen überwiegenden Einfluss ausübt, nämlich die Infektionskrankheiten wie Cholera und Pocken, die, soweit ich habe verfolgen können, stets längs der grossen Flüsse von auswärts in die Insel eingeschleppt werden. In zivilisierten Ländern bildet die Bekämpfung dieser Krankheiten eine der grössten Segnungen, die man dem Fortschritt in der medizinischenWissenschaft zu danken hat, denn welche Rolle diese Epidemien in einer unbeschützten Bevölkerung spielen können, lehrten mich einige Beispiele unter den Stämmen Mittel-Borneos, wo diese Krankheiten gewöhnlich um so seltener vorkommen, je schwerer zugänglich die Gegenden von der Küste aus sind.

Einige Jahre vor meiner Ankunft am Mendalam war in der damals noch vereinigten grossen Niederlassung der Kajan von Tandjong Karang und Tandjong Kuda die Cholera ausgebrochen. Nicht weniger als ein Viertel der Bevölkerung muss ihr damals zum Opfer gefallen sein; die Bedingungen hierfür waren durch das Zusammenleben des ganzen Stammes in einem grossen Hause gegeben. Inbezug auf eine Pockenepidemie, die durch Uma-Lĕkĕn von der Küste nach Apu Kajan eingeschleppt worden war, teilte man mir mit, ein Drittel der Bevölkerung des infizierten Dorfes sei damals gestorben.

Es kann zahlenmässig nicht festgestellt werden, in welchem Grade diese Faktoren die Vermehrung der Bevölkerunng hemmen; aber in Anbetracht, dass alle übrigen schädigenden Einflüsse der Malaria und den Genitalleiden gegenüber verschwindend klein erscheinen, glaube ich nicht zu weit zu gehen, wenn ich die geringe Zahl und den Rückgang der Bahau hauptsächlich diesen zuschreibe.

Zu dieser Überzeugung war ich bereits auf meiner Reise 1896–97 gekommen und habe sie in meinem Werke “In Centraal Borneo (1897)” ausgesprochen. Einen Beweis für die Richtigkeit dieser Überzeugung erhielt ich aber erst am Ende meiner letzten Reise, während meines Aufenthaltes unter den Kĕnjastämmen von Apu Kajan.

Seit Jahren daran gewöhnt, Malariafälle in meiner Praxis weitaus die Mehrheit bilden zu sehen, fiel es mir sehr auf, in Apu Kajan ganz andere Verhältnisse zu treffen. Eine grosse Zahl hydropischer alter Leute beanspruchte hier meine Hilfe, was in tiefer gelegenen Gegenden beinahe nie vorgekommen war, während Malariafälle sehr zurücktraten und sich während meines Besuchs auf einige akute Fälle beschränkten. Es erwies sich, dass die Veränderung im Krankheitsbilde der Bevölkerung hauptsächlich durch das vielfache Vorkommen von Bronchitis mit Emphysem und Herzfehlern hervorgerafen wurde, Erscheinungen, die durch das rauhe Klima verursacht und durch das Rauchen von sehr schlecht zubereitetem Tabak gefördert werden. Mit dem Rauchen wird bereits in frühster Jugend begonnen, da man es als Heilmittel gegen Husten betrachtet. Obgleich in Apu Kajan mitdem Eintritt von rauhem, kaltem Wetter mit heftigen Regengüssen mehr akute Malariaanfälle vorkamen, war doch von einer chronischen Infektion der ganzen Bevölkerung, die sich in einer vergrösserten, harten Milz bei der grossen Mehrzahl der Kinder äusserte, (Teil I pag. 427) überhaupt nicht die Rede. Dies stimmt mit der bekannten Tatsache überein, dass in einem kälteren Klima die Malariainfektion im allgemeinen an Heftigkeit abnimmt.

Da Bronchitiden und deren Folgen erst in späterem Alter einen schwächenden Einfluss auf den Körper ausüben und hierin mit einer starken Malariainfektion nicht zu vergleichen sind, so glaube ich in dem Unterschied im Auftreten der Malaria, als eine Folge der Höhendifferenz zwischen dem Lande der Bahau und dem der Kĕnja, einen Hauptgrund gefunden zu haben für die gegenwärtige Verschiedenheit dieser beiden Stammgruppen inbezug auf ihre Dichte, ihre physische und, wie wir später sehen werden, auch ihre psychische Konstitution.

Mit dieser kräftigeren Körperkonstitution der Kĕnja steht ihr grösseres Widerstandsvermögen anderen Krankheiten gegenüber in Verbindung; so glaube ich z.B. diesem zuschreiben zu müssen, dass Syphilis bei den Kĕnja zwar in derselben eigentümlichen Form wie bei den Bahau, aber mit geringerer Heftigkeit auftritt. Während diese Krankheit unter einigen Bahaustämmen so allgemein vorkam, dass ich die Tatsache, dass sich unter ihnen nur tertiäre Formen zeigten, durch die Annahme einer ausschliesslich hereditären Ausbreitung erklären zu müssen meinte, standen die Fälle unter den Kĕnja viel zu vereinzelt da, um an Erblichkeit überhaupt denken zu können. Die von mir beobachteten Fälle schienen auf den Zustand der Kĕnja lokal und allgemein einen viel minder schädlichen Einfluss auszuüben als unter den Bahau. Es waren meistens tuberöse Syphiliden der Haut, die das Knochengerüst nicht angriffen und viele Jahre bestanden, ohne den Körper des Betreffenden ernstlich zu schwächen.

Einen schlagenden Beweis dafür, in welchem Masse Apu Kajan, das ebenso gross ist wie das Gebiet des oberen Mahakam, seiner Bevölkerung günstigere Lebensbedingungen bietet als die tiefer gelegenen Flusstäler, liefert die Tatsache, dass seit Jahrhunderten zahlreiche Stämme aus dieser 600 m hoch gelegenen Gebirgsgegend nach allen Himmelsgegenden in die benachbarten niedrigeren Flusstäler weggezogen sind und die Bevölkerung dort doch noch dichter ist als irgendwo anders in dajakischen Gebieten. Anstatt 300–800, wie am Ober-Mahakam, zählendie Dörfer in Apu Kajan 1500–2500 Einwohner, trotzdem sie dort sicher nicht weiter voneinander entfernt liegen. Für mich war dies ein Beweis dafür, dass die herrschenden Krankheiten in der Tat einen überwiegenden Einfluss auf die Dichte der borneoschen Bevölkerung haben müssen.

Krankheitsverhältnisse, wie sie unter den Bahau auftreten, wirken nicht nur dezimierend auf die Anzahl der Individuen, sondern setzen auch die Lebensenergie und Arbeitskraft der Menschen so weit herab, dass diese auf ihrer niedrigen Bildungsstufe während eines grossen Teils ihres Lebens sich selbst und anderen nicht von dem Nutzen sein können, wie ihnen dies unter günstigeren Gesundheitsverhältnissen möglich wäre.

Der gleiche Mangel an Entwicklung und Kenntnissen, der den Bahau-Dajak daran verhindert, sich gegen die gesundheitsschädigenden Einflüsse seiner Umgebung zu wehren, macht seine ungünstige Wirkung auch auf anderen wichtigen Gebieten seines Lebens geltend. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkt aus vor allem die Art und Weise, wie er sich Nahrung verschafft.

Es ist dem Dajak unbekannt, dass dasselbe Feld, auf richtige Weise bearbeitet, Jahre hintereinander Produkte liefern kann; daher die mühselige Ausrodung immer neuer Waldstrecken und die Bearbeitung des Ackers für nur 1 oder 2 Jahre. Da der Boden nicht sorgsam vorbereitet wird, ist das Wachstum der Reispflanzen gering und dieselben sind für ungünstige Lebensbedingungen, wie zu wenig oder zu viel Regen, viel empfindlicher als unter einer besseren Kultur. Ausserdem wird von dem gesäten Reis, den man nicht mit Erde bedeckt, ein Teil von den Tieren aufgefressen und, falls es nicht gleich nach der Saat regnet, leidet die Keimkraft der Körner durch zu starke Sonnenbestrahlung. Von den wachsenden Halmen fordern die Waldtiere ihren Teil, falls man diese nur vorübergehend bebauten Felder nicht in mühsamer Arbeit mit starken Hecken umgibt. Ist der Reis reif, so rauben Vögel und Affen, gegen die sich der Dajak nur schlecht zu schützen weiss, wiederum einen Teil der Ernte. Auch wird diese noch dadurch sehr verschlechtert, dass das Brennen der neuen Felder in der Trockenperiode vorgenommen werden muss, wodurch die Erntezeit in die Regenperiode fällt. Zur Erlangung einer genügenden Menge Reis muss also nicht nur stets wieder ein neues Stück Feld gerodet werden, sondern infolge des ausserordentlich geringen Ertrags mussdie bebaute Oberfläche auch viel grösser sein als dies bei einem rationellen Betrieb nötig wäre. Ähnliche Zustände herrschen auch bei den anderen Kulturen. Auch ihr besonders auf den Landbau so lähmend wirkendespe̥māli-System hängt mit ihrer mangelhaften kulturellen Entwicklung zusammen.

Eine andere schädliche Folge dieser Raubwirtschaft ist, dass diese Stämme, infolge der Erschöpfung ihrer Felder in der Umgegend, nach ergiebigeren Feldern umzuziehen gezwungen sind, so dass die ganze Niederlassung nach einigen Jahren von neuem aufgebaut werden muss. Ein solcher Umzug bedeutet für eine Familie von wenig Gliedern eine Arbeit, die jahrelang alle ausserhalb des Ackerbaus zur Verfügung stehende Zeit in Anspruch nimmt, also wiederum einen bedeutenden Arbeitsverlust.

Auch die Ausübung von Jagd und Fischfang ist bei diesen niedrigentwickelten Völkern mit viel grösseren Schwierigkeiten und mit mehr Arbeitsverschwendung verbunden, als bei höher entwickelten. Für die Jagd besitzen sie weder gute Schiesswaffen noch starke, gut dressierte Hunde, während ihre Schlingen und Fallen meist sehr primitiv beschaffen sind oder viel Arbeit bei der Aufstellung erfordern.

Der Mangel an praktischen Fischmethoden hat die meisten Stämme zu einem ausgebreiteten Gebrauch des Tubagiftes gebracht, wodurch der Fischstand in vielen Flüssen vernichtet wird und für den übrigen Teil des Jahres die verfügbare Menge Fischnahrung in vielen Gegenden sehr herabgesetzt ist.

Nach der Nahrung kommt in zweiter Linie die Bedeckung zum Schutz gegen das Klima in Betracht, Kleidung und Wohnung. Zur Beschaffung derselben gebraucht der Dajak hauptsächlich die Zeit, die ihm die Sorge für die Nahrung übrig lässt. Auch hierbei zeigt es sich also, unter welchen ungünstigen Bedingungen er sein relativ geringes Kapital an Arbeitskraft ausnützen muss. Die Art und Weise, in welcher das erforderliche Material für den Hausbau in den Wäldern gesucht, dort roh bearbeitet und an Ort und Stelle geschafft wird, erfordert wegen des Fehlens guter Hilfsmittel und Wege viel mehr Anstrengung als da, wo letztere vorhanden sind. Um ein Beispiel anzuführen, die Grundbalken des Hauses müssen nach der Bearbeitung oft über weite Strecken durch die Berg und Tal bedeckenden Urwälder geschleppt werden.

Falls die Kleidung nicht von auswärts eingeführt wird, liefert dieUmgebung die Rohstoffe, aus denen sie zu Hause hergestellt wird. Der zur Verfügung stehende Webstuhl ist sehr primitiv; der Stoff, den man webt, besteht entweder aus selbst gebauter Baumwolle, die man mit der Hand reinigt und zu Fäden spinnt, oder aus den langen Fasern der auseinander geraffelten Lianenstämme, die aneinander geknüpft oder zu Fäden ineinander gedreht werden. Hieraus webt man grobe Stoffe, deren Herstellung viel mehr Arbeit und Zeit kostet als die viel brauchbareren Gewebe, die in Europa verfertigt werden.

Ferner erleidet eine Bevölkerung auf so niedriger Kulturstufe noch einen besonderen Nachteil durch ihre mangelhafte Arbeitsteilung. Es zeigt sich nirgends besser als in unserem modernen Gesellschaftsleben, wie geeignet dieses Mittel ist, der so geringen körperlichen und geistigen Fähigkeit des Individuums in der Beherrschung und Verwendung der Materie nachzuhelfen. Wo aber jede Familie darauf angewiesen ist, sich selbst durch Ackerbau, Jagd und Fischfang zu versorgen, wo sie ihre Kleidung selbst herstellen, ihre Wohnung selbst bauen und bisweilen alle hierfür erforderlichen Gerätschaften selbst verfertigen muss, da stehen ihre Glieder notwendigerweise infolge mangelnder Übung an Fertigkeit weit hinter denen zurück, die aus einer dieser Tätigkeiten ihren Lebensberuf machen.

Fasst man diese oben geschilderten Lebensverhältnisse ins Auge, so nimmt es nicht Wunder, dass die Bahau nicht zu den kräftigen Menschenrassen gehören; weder sie noch die meisten anderen dajakischen Stämme, denen ich begegnete, machten den Eindruck von Menschen mit grosser Lebensenergie.

Damit hängt es auch zusammen, dass ein solches Volk sich in höherem Masse als einen Spielball ausser ihm stehender Mächte fühlt, als dies bei einem entwickelteren Gemeinwesen der Fall wäre. Daher wird auch die Gedankenwelt der Dajak in viel höherem Grade von einem Gefühl der Abhängigkeit gegenüber der Umgebung beherrscht und einige ihrer gesellschaftlichen Einrichtungen sind ein unmittelbarer Ausfluss hiervon.

Bezeichnend dafür sind ihre Vorstellungen von sich selbst und der Stellung, die sie ihrer Umgebung gegenüber einnehmen. Jene kommen z.B. in ihrer Schöpfungsgeschichte zum Ausdruck, nach der sie selbst gleichzeitig mit ihren Haustieren aus Baumrinde gebildet wurden; auch schreiben sie diesen Tieren und einigen anderen wie sich selbst zwei Seelen zu, und die ganze Umgebung ist von ähnlichen Seelen belebt,welche auch menschliche Eigenschaften besitzen (Teil. I pag. 103).

Ferner äussert sich dieses Ohnmachtsgefühl in ihrer Überzeugung, dass mit grösserer Macht als sie selbst begabte Geister sie von allen Seiten umlagern, um sie auf Befehl ihres Hauptgottes bei einem Vergehen mit Unglück, Krankheit oder Tod zu strafen. Ihre Angst vor diesen bösen Geistern hat den lebhaften Wunsch in ihnen erweckt, diesen keinen Anlass zu einem Eingreifen in ihr Los zu bieten; hieraus ging ihr Streben hervor, Gesetze zu finden, nach denen sie in allen Lebenslagen zu handeln hätten, und so entstanden die zahllosen Bestimmungen, die alspe̥māliihr Tun und Lassen in so hohem Masse beschränken. Die Bahau klammern sich mit um so grösserer Ängstlichkeit an diesen Glauben, als sie einen Schutz gegen die höheren Mächte nicht in sich selbst, sondern in denpe̥mālizu finden meinen. Da diese ein Ausfluss ihrer Einbildung sind und so wenig auf der richtigen Kenntnis ihrer wahren Interessen beruhen, wird ihre Freiheit, nach den Forderungen des Augenblicks zu handeln, auf sehr unpraktische Weise gebunden. Auch leitet dieser Glaube ihr Streben nach einer besseren Existenz in falsche Bahnen und verhindert eine freie Untersuchung der natürlichen Verhältnisse. In Krankheitsfällen z.B. verhindert er den Bahau, Krankheiten wie wir durch Naturprodukte oder auf der Naturkenntnis beruhende Massregeln erfolgreich bekämpfen zu lernen.

Ihrem Mangel an Selbstvertrauen, ihrer Hoffnung auf Hilfe von aussen, ihrer Unkenntnis des Begriffs Kausalität, infolge deren bei ihnen alles aus willkürlichen Taten der Geister hervorgeht, die nicht anders, sondern nur mächtiger als sie selbst sind, ist es zuzuschreiben, dass der Glaube an Vorzeichen sich unter ihnen so entwickelt hat und mit den eigentlichenpe̥māliihrer Handlungsfreiheit ein doppeltes Hindernis in den Weg stellt. Geht aus diesem allem bereits hervor, unter welchen höchst ungünstigen Bedingungen der Bahau durch die Eigentümlichkeiten seiner Umgebung und durch seinen Mangel an Kenntnis lebt, und welch einen Hemmschuh letzterer für seine Handlungen und seine Entwicklung bildet, so ist es wissenschaftlich interessant und von kolonialem Standpunkt wichtig, nachzuforschen, wie der geistige Mensch sich in ihm unter diesen Verhältnissen ausgebildet hat.

Es hiesse die Tatsachen auf den Kopf steilen, wollte man die physische Schwäche der Bahau, die sie zu Sklaven der umgebenden Naturmacht, als Folge einer geringen geistigen Begabung auffassen. Aus dem folgenden werden wir vielmehr ersehen, dass bei den Bahau gute geistige Fähigkeiten vorhanden sind, dass die Verhältnisse jedoch nur einige wenige gut entwickelt haben, während die übrigen latent geblieben oder, viel wahrscheinlicher, degeneriert sind.

Es hat sich z.B. durch häufiges Reisen und vielfache Berührung mit anderen Stämmen das Sprachtalent der Bahau besonders entwickelt. Die meisten gereisten Leute sprechen mehrere Sprachen, obgleich man sich im ganzen nordöstlichen Teil von Borneo sehr gut mit dem Busang verständigen kann. Hier einige Beispiele unter vielen:Akam Igauunterhielt sich mit Punan, Taman, Pnihing und Kajan am Blu-u in deren eigenen Sprachen, dazu bediente er sich des Busang und Malaiischen täglich und kannte wahrscheinlich auch noch 1–2 Sĕrawakische Sprachen. Eine Frau der Long-Glat,Uniang Pon, sprach gut Busang, Blu-u Kajanisch, Long-Glatisch und verständlich Malaiisch. Auch die übrigen Frauen lernen Malaiisch, sobald sie mit Malaien in Berührung kommen. Obgleich die verschiedenen Sprachen der Bahau auch dem Laute nach sehr verschieden sind, scheint deren Erlernung ihnen keine Schwierigkeiten zu bieten. Dafür spricht die Tatsache, dass die kleineren Stämme, auch nachdem sie sich politisch mit den grösseren, wie den Long-Glat, verbunden haben, ihre ursprüngliche Sprache beibehalten und sich zum Verkehr mit ihren neuen Stammesgenossen einer ihnen beiden fremden Umgangssprache bedienen.

Wie leicht sich die Kajan allerhand Kenntnisse aneignen können, beobachtete ich beim Unterrichten eines SohnesAkam Igaus, der zwar Malaiisch lesen und schreiben konnte, es aber auch mit holländischen (lateinischen) Buchstaben erlernen wollte. Obgleich dieser Unterricht einer Kritik schwerlich Stand gehalten hätte, las und schrieb mein Zögling doch schon im Verlauf eines Monats so gut, dass er sich allein weiter helfen konnte und auch imstande war, einen leserlichen Brief zusammenzustellen.

In noch einer anderen, vom Kampfe ums Dasein beinahe oder völlig unabhängigen Richtung haben sich, wie wir gesehen, die Dajak, besonders die Bahau, sehr gut entwickelt, nämlich in der Kunstfertigkeit und im Kunstsinn. Sowohl Männer als Frauen zeichnen sich hierin aus und ihre Leistungen sind für ihre Entwicklungsstufe bewunderungswürdig. Das Individuum geniesst in ihrem Gemeinwesen die vollste Freiheit zur Ausbildung seiner verschiedenen Anlagen; die allgemeineVerbreitung dieser Kunstfertigkeit setzt daher den Weissen, der gewohnt ist, sie als das Vorrecht einzelner zu betrachten, in Erstaunen. Manche in anderen Gegenden entwickelten Kunstfertigkeiten gelangten unter dem Einfluss ihrer besonderen Umgebung bei ihnen nicht zur Entfaltung.

So sah ich am Mandai Kinder mit Schleudern aus langen Grasblättern spielen, mit denen sie Erdstücke so weit als möglich über den Fluss warfen. In dem mit Wäldern bedeckten Borneo können diese Schleudern jedoch nicht für ernsthafte Zwecke verwendet werden.

Die Ausleger, die den kleinen Böten an der Seeküste grosse Stabilität verleihen, gebrauchen die Bahau nur beim Hinabfahren über die Wasserfälle in Form von Bäumen, die sie an die Kähne binden.

Die Ma-Suling bauen primitive aber starke Dämme, um Fischweiher zu stauen; bei den übrigen Bahau sind sie nicht gebräuchlich, weil diese an fischreichen Strömen wohnen.

Aus der Kajansage vom Mann und dem Sagobaum (Teil II p. 124) geht hervor, dass die Bahau sehr wohl wissen, dass sie die Henne der goldenen Eier wegen schlachten, wenn sie beim Sago- oder Kautschuksammeln den ganzen Baum fällen, statt ihn nur anzuzapfen. Sie wissen aber auch, dass nur andere den Gewinn davontragen, wenn sie den Baum, der oft weit ab im Urwald steht, nur anzapfen und sich mit dem Teil des dabei ausfliessenden Saftes zufrieden geben. Sparsamkeit ist jedoch ihrer Ansicht nach unter diesen Bedingungen gar nicht angezeigt.

Auch die Fähigkeit zu zählen ist bei den Dajak auf niedriger Entwicklungsstufe stehen geblieben. Weder die Bahau noch die Kĕnja können ohne Hilfe ihrer Finger und Zehen oder kleinerer Gegenstände wie Hölzchen zählen oder rechnen. Da sie ihre Hände und Füsse stets zur Verfügung haben, werden diese beim Zählen am meisten gebraucht und zwar, für Zahlen unter zehn, die Finger, für Zahlen zwischen zehn und zwanzig auch die Zehen. Für grössere Berechnungen wiederholen sie das Zählen mit den Fingern und Zehen oder sie gebrauchen von Anfang an Hölzchen, Steinchen u.s.w. Berechnungen mit grossen Zahlen sind sie nicht imstande auszuführen, was die Malaien und Buginesen sich in ihrem Handel mit ihnen sehr zu Nutze machen. In einem vom Kontrolleur festgestellten Falle bezahlte ein Buginese den Kĕnja, von denen er 1500 Packen Rotang gekauft hatte, nur 900.

Nicht nur körperlich sondern auch geistig sind die Bahau also durchihre Lebensbedingungen hintangehalten worden. Dass auch ihr Charakter hiervon das Gepräge trägt, davon überzeugten wir uns bereits bei der Betrachtung ihrer religiösen Überzeugungen und Gebräuche. In den Charaktereigenschaften der Bahau macht sich hauptsächlich ein durch die Verhältnisse hervorgerufener Mangel an Energie geltend, wovon wir uns im folgenden bei einer Vergleichung mit den Charaktereigenschalten der Kĕnja überzeugen werden.

Natürlich darf hierbei nicht übersehen werden, dass unter den vielen Individuen eines Stammes grosse Unterschiede vorkommen, die allerdings nicht so gross sind wie in einem höher entwickelten Gemeinwesen, das seinen Gliedern verschiedenere Verhältnisse zum Leben und zur Entwicklung bietet; doch treten auch bei den gleichförmigeren Existenzbedingungen der Bahaugesellschaft einzelne Persönlichkeiten stark vor der Umgebung hervor.

Der Bahau ist im allgemeinen nicht tapfer; nie bin ich jemand begegnet, der sich für irgend etwas aufgeopfert hätte, und sobald mit einer Sache grosse Gefahr einer Verwundung oder gar Lebensgefahr verbunden ist, zieht er sich zurück. Charakteristisch ist sein Ausdruck für einen Mut, der keine Gefahren kennt, nämlich “lakin ujow(dummer oder verrückter Mut).” Am besten lässt sich der Mut der Bahau an dem ermessen, was er selbst für besonders mutig und männlich hält. Vor allem das Unternehmen einer Kopfjagd gegen feindliche Stämme, wobei unter grossen Entbehrungen durch das versteckte Leben im Walde und mit Aufopferung von viel Zeit mit einer Übermacht einzelne Individuen, bisweilen Frauen und Kinder, überfallen werden und der Angreifer selbst ein Minimum an Gefahren riskiert.

Das Unternehmen einer Kopfjagd an und für sich könnte schon als eine mutige Tat angesehen werden, wenn man nicht wüsste, dass diese Stämme hierzu durch ihren Glauben und ihre Liebe zu verstorbenen Häuptlingen, denen sie einen Schädel ins Grab geben müssen, gezwungen würden. Schon die Berührung eines solchen Schädels ist ein Beweis von grossem Mut, den nur wenige zu erbringen wagen (178 u. 180). Das Unternehmen einer solchen Kopfjagd ist einigermassen mit der freiwilligen Verbrennung der Witwen der Hindufürsten auf Bali vergleichbar, aus der ersichtlich ist, wie weit der Glaubensfanatismus führen kann. Der Abscheu vor Blutvergiessen ist bei den Dajak im Grunde so gross, dass selbst ein auf die feigste Weise ausgeführter Mord noch als eine besonders mutvolle Tat betrachtet wird.

Für Häuptlingssöhne am oberen Mahakam ist es bei ihrem Eintritt ins Mannesalter wünschenswert aber nicht absolut notwendig, einen Menschen getötet zu haben; deshalb werden häufig alte Sklavinnen am oberen Murung gekauft und dann unversehens niedergemacht. (Lasa TĕkwanTl. 1 pag. 399 undIbau Lipag. 82). Sehr bezeichnend ist auch die Tatsache, dass bei Gefechten, die zwischen diesen Stämmen geliefert werden, der Tod oder die ernsthafte Verwundung nur eines Mannes den ganzen Stamm in die Flucht treiben kann. Dies wird allerdings auch als ein Zeichen von Zorn seitens der Geister aufgefasst, doch beweist es nicht minder den starken Eindruck, den ein derartiger Vorfall auf den ganzen Stamm ausübt.

Einigermassen im Widerspruch hiermit steht, dass relativ häufig Fremde von Bahau ermordet werden, wenn auch auf verräterische Weise. Bei näherer Betrachtung erweist es sich aber, dass die Eingeborenen dann durch ihr Schlachtopfer oder dessen Stammesverwandte aufs äusserste gereizt worden waren und die geübte Rache, von ihrem Standpunkt aus, durchaus nicht übertrieben ist (Fall in Long T/epai).

Diesem furchtsamen Charakter und Mangel an Selbstvertrauen ist es denn auch zuzuschreiben, dass man unter den Bahau so wenig Wahrheitsliebe antrifft. Zwar ist auch hierin die individuelle Verschiedenheit gross und ein Kind und ein Sklave flunkert z.B. viel leichter als ein Erwachsener und Höherstehender, aber weitaus die meisten Personen können der Versuchung nicht widerstehen, eine Lüge vorzubringen, falls sie sich hierdurch leicht aus einer Verlegenheit retten zu können glauben. Hierdurch wird natürlich der Umgang mit ihnen sehr erschwert und beim Einholen von Nachrichten muss man hierin stets auf der Hut sein und besonders die Person, an die man sich richtet, in Rechnung ziehen.

In Übereinstimmung mit ihrer Abneigung gegen Gewaltsakte steht auch die Tatsache, dass, obgleich das gegenseitige Verhältnis zwischen den Stämmen z.B. am Ober-Mahakam nichts weniger als harmonisch ist, dennoch ein Kampf zwischen ihnen zu Lebzeiten der gegenwärtigen Bewohner nicht mehr vorgekommen ist. Überdies sei hier daran erinnert, dass in einem Stamm selbst ein Zank oder gar ein ernsthafter Zwist unter normalen Verhältnissen nicht vorkommt. Anfälle von Heftigkeit oder Wut sind bei den Bahau nur als Äusserungen Geisteskranker bekannt; daher ihre Angst vor Europäern, die leichter heftig werden.

Roh und rachsüchtig sind sie ebenfalls nicht, sie verraten vielmehr ein zart entwickeltes Gefühl, was man von Kopfjägern wohl nicht erwartet hätte. Ihr Abscheu vor Gewalttätigkeit, der sich schon in dem Verhältnis der Stämme untereinander zeigt, tritt noch viel stärker hervor im Betragen der Familienmitglieder untereinander. Hier äussern sie ein grosses Mass von Selbstbeherrschung und Mitgefühl für ihre nächste Umgebung im Gegensatz zu den nicht durch Verwandtschaft mit ihnen verbundenen Menschen. Besonders massgebend für ihre Haltung ist der Verwandschaftsgrad, in dem der Bahau zu jemand steht, und der Umstand, ob dieser ein völlig Fremder ist oder nicht.

Am innigsten ist das Band zwischen Eltern und Kindern; Roheiten kommen zwischen diesen nie vor. Schon die jahrelange Versorgung des kleinen Kindes durch die Mutter mit Aufopferung beinahe aller ihrer Arbeit auf dem Felde oder im Walde zeugt von liebevoller Fürsorge. Obgleich die Kinder bei allzugrossen Unarten ab und zu wohl einen Schlag erhalten, so ist doch von Strenge, übrigens auch von ernster Erziehung nicht die Rede. Die Eltern sind bisweilen aus übertriebener Zärtlichkeit so schwach, dass sie schliesslich von den Kindern tyrannisiert werden. Das beste Beispiel eines solchen verzogenen Kindes war der elternlose Enkel der PriesterinUsun, der seine Grossmutter entsetzlich plagte und ihr die Sorgen, die er ihr bereitete, schlecht vergalt. Da er ständig krank war, genoss ich täglich das Vergnügen ihn zu behandeln, und wenige zeigten sich so ungeduldig wie die Alte, bis dem Bengel geholfen wurde.

Es scheint, dass eine derartige milde oder schwache Erziehung vollkommen ausreicht, um einen Kajan für die Erfülhing der Forderungen, die das Zusammensein an ihn stellt, vorzubereiten; denn unter den Erwachsenen findet man wenige, die in ihrer Umgebung ernstlich Anstoss erregen.

Über die Innigkeit der Gefühle, welche Eltern ihren Kindern entgegenbringen, überzeugte ich mich am leichtesten während meiner ärztlichen Praxis. Bei so ergreifenden Momenten wie Krankheit und Tod zeigten auch so zurückhaltende Charaktere wie die Kajan ihre wahre Natur. Ich kannte Eltern, welche ihre kranken Kinder mit unermüdlicher Hingabe Tag und Nacht verpflegten. Obgleich bei ihnen selbst gute Heilmittel unbekannt sind, griffen sie doch nach allem, was nach ihrer Meinung den Leidenden Linderung verschaffen konnte. Ich erinnere mich eines Falles in Tandjong Karang, wo meine ärztlicheHilfe nicht ausreichte und wenige Tage nach meiner Ankunft ein Kind nach monatelangen Leiden starb. Das verzweifelte Jammern der Frau blieb mir noch lange in den Ohren, und ich sah die Eltern, die sich aus Kummer über den Verlust ihres einzigen Söhnchens nur sehr selten zeigten, einen Monat lang nicht wieder. Als die Mutter eines Abends wieder zu mir kam, erzählte sie mir mit tränenden Augen von ihrem Kleinen. Ich hatte sie früher als lebhafte, fröhliche Frau gekannt, jetzt stand sie als ein Bild des Jammers vor mir, mit eingefallenen bleichen Wangen und tonloser Stimme. Sie berichtete, dass ihr Mann das Haus noch nicht verlassen wolle, weil der Anblick von Kindern im gleichen Lebensalter wie das seine ihn zu sehr angreife.

Diesem sehr entwickelten menschlichen Empfinden sind wohl auch zum Teil die strengen Vorschriften für die Trauer und die Sorge, dem Toten durch eine gute Ausrüstung den Weg nach Apu Kĕsio und seinen dortigen Aufenthalt so angenehm als möglich zu gestalten, zuzuschreiben.

Von einer Angst vor den Seelen ihrer Verstorbenen habe ich bei diesen Stämmen nie etwas gemerkt. Als die Leiche des altenBo Adjāng Lĕdjüwochenlang über der Erde in der Wohnung stand, wurde sie dreimal täglich liebevoll mit Speise versorgt, seine Frauen schliefen nachts ohne Furcht neben dem schön verzierten, gut geschlossenen Sarg, junge Männer wurden gebeten, dem alten Manne auf derkle̥divorzuspielen, und zogen Fremde vorüber, die sich im Rezitieren alter Überlieferungen auszeichneten, so wurden sie hierzu aufgefordert. Das tägliche Leben ging in dieser Zeit seinen gewöhnlichen Lauf.

Wenn die Frauen der Kajan am oberen Mahakam hinter dem Sarge eines Verstorbenen, der zu Grabe getragen wird, einhergehen und den Geist der früher verschiedenen Mutter zu Hilfe rufen:Ino̤̱ ālo̤̱ ko̤̱. (Mutter, hole mich!), so zeugt auch dieser Zug von Furchtlosigkeit gegenüber der Seele der Verstorbenen.

Die guten Geister von Apu Lagan werden als die Vorfahren aus längst vergangener Zeit aufgefasst und stets wieder um Hilfe angerufen (Teil I pag. 99). Von einem Ahnenkultus, der nur auf Angst beruht, ist bei diesen Stämmen nichts zu merken. Sie fürchten sich zwar vor Begräbnisplätzen und vor den Leichen derjenigen, deren plötzlicher Tod sie erschreckt hat, wie Selbstmörder, Verunglückte, Erschlagene, Wöchnerinnen und erklären dies als Strafe der Geister für die Schuld der Verstorbenen, aber hierauf beruht bei ihnen keinanderer Kultus als das diesen Leichen eigentümliche Begräbnis selbst.

Von ihrem Mitgefühl für das Leiden eines Familiengliedes lassen sich alle Angehörigen so weit fortreissen, dass bei einem einigermassen ernsten Krankheitsfall alle Arbeiten vernachlässigt, die Felder schlecht bebaut werden und für das Essen kaum gesorgt wird; daher bedeutet die Krankheit eines Gliedes ein Unglück für die ganze Familie. Öfters kommt es vor, dass diese sich durch den Kauf von allerlei schlechten dajakischen, malaiischen und chinesischen Heilmitteln zu Grunde richtet; es war daher sehr begreiflich, dass ich mir durch die Behandlung ihrer Kranken ihr Vertrauen in einem Mass erwarb, wie ich es durch kein anderes Mittel erreicht hätte.

Handelt es sich jedoch um Personen, die nicht zur Familie gehören oder sogar von einem anderen Stamme sind, dann tritt ein kleinlicher Charakter und gänzlich Fremden gegenüber grosses Misstrauen und selbst Feindschaft bei den Bahau zum Vorschein. Bei der Beurteilung dieser Eigenschaft darf nicht vergessen werden, dass die Gesellschaft, in der diese Stämme leben, zu einem solchen Misstrauen gegen Fremde viel Anlass gibt. Bei Fremden der eigenen Rasse müssen sie sich meistens vor Verrat in Acht nehmen, bei fremden Malaien sind sie am stärksten Schwindel, Diebstahl und Grabschänderei ausgesetzt, so dass ihre Zurückhaltung Fremden gegenüber bereits hieraus erklärlich ist. Ausserdem ist ihre Furcht vor Krankheiten, welche die Fremden als böse Geister begleiten, einem sympathischen Empfang bei ihnen auch nicht förderlich.

Um den Charakter der Bahau anderen gegenüber zu studieren, bot mir der Einkauf von Ethnographica gute Gelegenheit. Eigentümlich war z.B. die Beobachtung bei den Mendalam Kajan in Tandjong Karang, dass kleinlicher Neid und Eifersucht sich geltend machten, sobald es sich um Konkurrenten aus dem eigenen Dorf handelte, dass sich die Leute meines Wohnplatzes jedoch denen von Tandjong Kuda gegenüber solidarisch verhielten.

Wenn die Jüngeren nicht durch Verfolgung gleicher Interessen auseinander gehalten wurden, waren sie untereinander solidarisch, um einer Freundin zu helfen, mich etwas so teuer als möglich bezahlen zu lassen, und dann war die Bande mit berechtigten und unberechtigten Anpreisungen auch nicht sparsam. Besonders machte die Verlegenheit junger Mädchen solche Hilfe der Freunde und Freundinnen wünschenswert.

Sobald ein Vorübergehender merkte, dass jemand aus einer anderen Ursache als um zu schwatzen oder seine Neugier zu befriedigen in meiner Hütte stand, trat er ein, ohne dass die beinahe jeden Kauf begleitenden Auseinandersetzungen durch das Hinzutreten interessierter Zeugen irgendwie gestört worden wären. Wenn die Neuangekommenen auch in der Lage waren, selbst Gleiches oder Ähnliches zu liefern, so bewahrten sie doch tiefes Schweigen, und erst wenn die Besprechungen ohne Ergebnis endigten, versuchten sie, nach Fortgang des Verkäufers, dieselben Gegenstände anzubieten oder erklärten sich bereit, sie für mich herzustellen. Hierbei gewährte ihnen die Geheimhaltung des Auftrages, vor allem aber des Preises, eine grosse Genugtuung und spornte sie an, das Beste zu leisten. Den Preis jedoch lernte ich bald, erst nach Empfang des Kaufgegenstands zu bestimmen; denn die Kajan zeigten eine starke Neigung, sich ihrer Verpflichtungen auf möglichst bequeme Weise zu entledigen. Eigentlich lag in ihrer Geheimtuerei viel Naivität; denn ihre Umgebung, in der jeder von seinem Nächsten alles sehen und hören kann, ist dazu nichts weniger als geeignet. So lange jedoch der vereinbarte Preis noch nicht allgemein bekannt war, machte es den Kajan besonderen Spass, durch Angabe eines höheren Betrages beim Hausgenossen Neid zu erwecken, vor allem aber, als grosser Geschäftsmann oder als besonders in meiner Gunst stehend zu gelten.

Denen, die mit besonderen Talenten begabt waren, stellte ich auch besondere Aufgaben und dabei war es auffallend, wie selten ein schön gearbeitetes Stück bei den anderen Beifall oder Lob erntete. Viele schwiegen, doch manche fanden bald einen Tadel heraus und der Preis erschien ihnen stets zu hoch, Die gegenseitigen Beziehungen der Beteiligten spielten dabei eine grosse Rolle, und man musste über sie genau unterrichtet sein, um den Wert ihres Urteils über Personen oder Sachen richtig einzuschätzen.

Galt es Personen, die in meiner Gunst standen und hieraus ihren Vorteil zogen, so geschah es nicht selten, dass der eine oder andere nach harmloser Einleitung darauf hinaus zielte, meine Aufmerksamkeit auf deren nachteilige Seiten zu richten, und einige unter ihnen verstanden dabei sehr geschickt von ihrer Kenntnis europäischer Auffassung gewisser Dinge Gebrauch zu machen. So suchte einst ein bereits betagter Mann ein paar junge Mädchen, die ich gerade gut leiden mochte, dadurch in meinen Augen herabzusetzen, dass er mich aufihren intimen Verkehr mit diesem oder jenem jungen Manne aufmerksam machte.

Ein anderes Mal versuchte mich ein Kajan am Mahakam während der weitläufigen Vorbereitungen, die meinem Zuge vom Blu-u nach der Küste vorangingen, zu überreden, mit ihm und den Seinen statt mitKwing Irangund den Männern des ganzen Stammes die Fahrt zu unternehmen. Als bei einer Beratschlagung die Geschichte ans Licht kam, entstand eine allgemeine Entrüstung. Im übrigen zeigten sich die Kajan beim Leisten von Kulidiensten stets solidarisch, was bei den malaiischen Kuli nie der Fall ist.

Sogar vornehme Häuptlinge wieAkam IgauundKwing Irangwaren über einen derartigen kleinlichen Wetteifer anderen Häuptlingen gegenüber durchaus nicht erhaben, ja nicht einmal gegenüber ihren Stammgenossen. Bei anderer Gelegenheit habe ich bereits darauf hingewiesen, wie sehr ich mit dieser Eigenschaft bei den Reisezurüstungen rechnen musste (Teil I pag. 41).

Am Mendalam gewann ich das HerzAkam Igaus, indem ich bemerkte, dass sein Haus im Vergleich zu allen bisher besuchten stark und hübsch gebaut sei. Höchst wahrscheinlich in Folge dieser Bemerkung, begannTigang, der Häuptling von Tandjong Kuda, einen Monat später seine ganze Wohnung mit farbigen Bildern zu schmücken, was in der Tat sehr hübsch aussah. Unglücklicherweise jedoch baute er in dieser Wohnung, in der eine gute Lüftung unbedingt notwendig war, nette aber geschlossene Kammern, wie er sie in Pontianak gesehen hatte. Um nicht allzu sehr hinter ihm zurück zu bleiben, liess nunAkam Igauwieder durch seine Hauskünstler eine prachtvolle Tür für seine Wohnung schnitzen (Teil ITaf. 3). An Anlässen, einander zu überbieten, fehlt es somit den Kajan nicht.

Für einen intimeren Verkehr mit den Dorfbewohnern schien mir ein längerer Aufenthalt am gleichen Orte sehr wünschenswert, daher liess ich mich unter den Mendalam Kajan nur in Tandjong Karang nieder. Die Dajak sehen jedoch das Schlafen unter ihrem Dache als ein Zeichen von Wohlgeneigtheit an, daher wurdeTigangneidisch und bemühte sich, mich durch allerhand schöne Versprechungen zu bewegen, für länger als die eine Nacht, die ich bei ihm verbrachte, zu ihm nach Tandjong Kuda zu ziehen. Da ich seinen Lockungen widerstand, suchte er mich später an der Ausführung des Zuges nach dem Mahakam, von dem ich ihn und die Seinen wegen seiner Feindseligkeitenmit Tandjong Karang hatte ausschliessen müssen, zu verhindern, indem er meine Leute aufwiegelte und sie zu hohen Forderungen veranlasste. Äusserlich liess sein Benehmen jedoch nichts zu wünschen übrig. Er suchte beim Verkauf verschiedener Proben der grossen Kunstfertigkeit seines tauben BrudersAdjāngso viel als möglich von mir zu profitieren; dabei beging er die dumme Flunkerei, die Gegenstände als seine eigene Arbeit auszugeben.

Einen auch bei den Weissen nur zu gut bekannten Charakterzug fand ich auch bei den Bahau wieder. Wenn sie nämlich auf alle erdenkliche Weise die schlechten Eigenschaften ihrer Nebenmenschen mir gegenüber hervorgehoben hatten, endeten sie mit der Erklärung: “aber ich bin nicht so”; dabei diente ihnen diese Erklärung oft als Einleitung für irgend eine Unterhandlung, bei der ich mich vor einem Betrug ihrerseits hüten musste. Bei einer der seltenen Gelegenheiten, wo ich mitAkam Igauallein war, musste ich sogar von ihm diese mit grossem Ernst gegebene Erklärung hören.

Solche kleinliche Reizbarkeit tat aber dem Frieden keinen Eintrag, da sie durch eine andere Eigenschaft im Schach gehalten wurde. Diese beruht eigentlich auf ihrem schwach entwickelten Selbstgefühl und besteht in ihrer grossen Empfindlichkeit gegenüber der Meinung anderer, hauptsächlich ihrer Angehörigen und Dorfgenossen, über ihre Person. Diese Eigenschaft verhindert die Bahau in viel höherem Masse etwas zu tun, was ihre Stammesgenossen nicht billigen würden, als ihreadat, welche dem Häuptling das Recht gibt, Vergehungen mit Bussen zu strafen. Sie fürchten sich sehr davorhaè, beschämt, zu sein vor ihrer Umgebung, und auch sobald sie mit einem angesehenen Fremden, z.B. einem Europäer, verkehren, ist dieses Gefühl eines der unangenehmsten, das sie empfinden können. So erzählte man mir später am Mahakam, bei meiner Ankunft habe für sie eine der grössten Schwierigkeiten darin bestanden, nicht zu wissen, wie sie mit mir umzugehen hätten. Es fiel ihnen denn auch ein Stein vom Herzen, als ich ihnen durch meine ungezwungene Art des Umgangs zeigte, dass ich mit ihrem Benehmen zufrieden sei, und sie trotz ihres Mangels an europäischen Manieren nichthaèvor mir zu sein brauchten. Noch in späteren Jahren verwunderte ich mich darüber, wie viel Gewicht sie auf meine Erklärung legten, dass mir an meinem Zuge nach Apu Kajan so sehr viel gelegen sei, um mich vor meinen Landsleuten später nichthaèfühlen zu müssen, falls ich unverrichteter Sache zurückkehrte.Diese Erklärung übte bei vielen Unterhandlungen eine stärkere Wirkung als eine Auseinandersetzung der für sie damit verbundenen Vorteile.

Bezeichnend hierfür war auch der Kummer eines armen Tropfs, der an einer Hautkrankheit leidend sich mit einer schwarzen sirupartigen Flüssigkeit behandelte und nach ihrer Gewohnheit mit einem Lendentuch von etwas zu kleinen Dimensionen herumlief. In diesem Kostüm hatte er sich einem weissen Beamten aus Putus Sibau, der ihr Dort besuchte, präsentiert und dafür einen Verweis erhalten. Bei meiner Ankunft am folgenden Tage hatte er das noch nicht vergessen und gab mir seine Befriedigung darüber zu erkennen, dass ich mich durch seine Erscheinung in meiner Würde nicht gekränkt fühlte.

In ihren Vorstellungen von Schicklichkeit spielt dies stark entwikkelte Gefühl der Scham eine grosse Rolle, und es war merkwürdig zu sehen, wie die Auffassung sich auch unter diesem Volk bei verschiedenen Individuen und unter wechselnden Umständen änderte. Glücklicherweise erfuhren diese Begriffe der ärztlichen Praxis gegenüber eine gewisse Milderung, sonst wäre ich bei der Behandlung dieser beinahe nackten Gestalten auf den gleichen Widerstand gestossen wie bei den stark bekleideten zivilisierter Länder.

Bitten um Heilmittel gegen venerische Krankheiten wurden mir, besonders von den Frauen, nur dann vorgetragen, wenn sich niemand in der Nähe befand, und auch dann so geheimnisvoll, wie in einem europäischen Sprechzimmer. Die Malaien von Mittel-Borneo behandeln ähnliche Angelegenheiten dagegen öffentlich und fast ohne Scham.

Obgleich die Frauen ihre in unseren Augen sehr primitive Kleidung beim Baden völlig ablegen, stösst die Besichtigung der für gewöhnlich bedeckten Teile doch auf heftigen Widerspruch. Wenn sie in meiner Hütte am Boden hockten, zogen sie anfangs die Röcke ängstlich über die schön tätowierten Beine, später, als sie sich heimischer fühlten, durfte hie und da wohl auch ein Knie zum Vorschein kommen, zuletzt kam es ihnen, wie in ihrer Wohnung, nicht mehr darauf an, wie die Rockfalten fielen. Anders verhielt es sich, wenn ich ihre Tätowierung näher besichtigen wollte; ich musste die Frau gut kennen, um sie zur Entblössung eines Beines zu bewegen, bemerkte aber, dass ihr dann ein bewunderndes Wort über das schöne Muster oder die gute Ausführung sehr angenehm war.

Eine eigenartige Szene erlebte ich bei der Behandlung eines jungenMädchens, das an einer Schenkelverletzung litt. Sie musste mich in meiner offenen Hütte besuchen, die unter anderem auch als Sprechzimmer diente. Meist kam sie, wenn sie mich allein wusste, aber einmal erschien sie in Begleitung einer kleinen Freundin, als die Hütte mit schwatzenden jungen Leuten gefüllt war. Nachdem sie eine Weile im Hintergrunde gewartet, gab sie mir einen Wink, und ich sah an ihren sprechenden Gebärden, dass sie sich vor den vielen Zuschauern verlegen fühlte. Ich musste die fröhliche Schar erst entfernen, bevor sie sich behandeln liess. Vor dem Arzte aber zeigte sie kein falsches Schamgefühl.

Wie verschieden dieses Gefühlhaèzu werden unter den verschiedenen Klassen der Gesellschaft entwickelt ist, kann man am besten in den Fällen beobachten, wo ihr Egoismus stark gereizt wird. Dieses zeigt sich z.B. bei der Bettelei, deren sich ein jeder im Stamme, vom Häuptling bis zur niederen Sklavin, schuldig macht: die Männer sind im allgemeinen sowohl in ihrer Art zu bitten als in ihren Ansprüchen bescheidener als die Frauen. Unter diesen wussten nur die aus der Häuptlingsfamilie sich zu mässigen; das Betteln der Sklavinnen und Kinder dagegen war fast unerträglich.

Um alles, was ihnen schön und wohlschmeckend erscheint, betteln sie alle und, obgleich sie oft mit einer Kleinigkeit zufrieden sind, können sie dem Reisenden durch ihr beständiges Betteln vom frühen Morgen bis zum späten Abend den Aufenthalt völlig verleiden. Am praktischsten ist es, sich für diese Gelegenheit mit billigem Tand und leicht teilbaren Leckereien zu versehen. Ab und zu bietet es übrigens einen angenehmen Zeitvertreib, so viele Menschen glücklich zu machen; man erschliesst sich dabei viele Herzen und veranlasst manche interessanten Gespräche. Wenn mir die endlose Bettelei bisweilen ganz unerträglich wurde, stellte ich mir vor, was in einem zivilisierten Staate aus einem Menschen werden würde, der so gut wie schutzlos in einer offenen Hütte mit grossen Reichtümern leben wollte, und dann söhnte ich mich mit der Bettelsucht meiner Gastherren wieder aus. Denn wenn auch neben dieser Bettelei eine ungezügelte Neugier zu den charakteristischen Eigenschaften der Bahau gehört, so ist es für alle, die mit den Bahau zu tun haben, noch ein Glück, dass dieses Interesse für alles, was ihr Auge Neues erblickt, nicht wie bei anderen Stämmen in Diebereien ausartet, wodurch der Aufenthalt gefährlich wird. Im Gegensatz zu den Europäern sind die Bahau frei von dieserUntugend, das spricht schon aus der Tatsache, dass ich in Tandjong Karang beinahe 11 Monate in einer völlig offenen, beinahe wandlosen Hütte wohnte, in der Schätze nur so zum Greifen bereit lagen, und dass während der Zeit nur ein einziges Mal ein kleines Kind einen blinkenden Löffel fortnahm, der mir gleich darauf wieder zurückgebracht wurde.

Unter ihnen selbst nimmt einer Früchte und Sirihblätter vom andern; jetzt wird das fast wie ein kleiner Diebstahl aufgefasst, wenn man aber bedenkt, dass diese Sitte zu den ganz erlaubten Gewohnheiten der Kĕnja gehört und auch unter den Bahau vor hundert Jahren noch herrschte, so kann man es schwer als Diebstahl betrachten. Ein Aufbewahren wertvoller Gegenstände hinter Schloss und Riegel ist nicht notwendig. Viele bergen einen Teil ihres Besitzes gegen Brand in kleinen Scheunen, ähnlich den Reisscheunen vor ihren Häusern, und einem geschickten Diebe würde es nicht die geringste Mühe kosten, alle diese Lagerplätze zu plündern; aber diese Sitte selbst spricht für die Seltenheit eines solchen Missbrauches.

Obgleich sich die Bahau im allgemeinen kein Gewissen daraus machten, von mir und meinem Besitz nach Möglichkeit Nutzen zu ziehen, zeigten doch einige ihrer Männer öffentlich, dass ihnen das Treiben der Frauen und Kinder oft zu arg schien. Ein älterer Mann tröstete mich einst damit, dass ich mir auf diese Weise lauter Freunde gewinne und dass es viel schlimmer wäre, wenn die Leute auf Stehlen statt auf Betteln ausgingen. Sie sehen nämlich aus nächster Nähe, wie die Malaien stehlen und häufig sogar vor brutaler Grabschändung nicht zurückschrecken.

Als bei meinem zweiten Aufenthalt in Tandjong Karang mein Zug nach dem Mahakam beschlossen war, hielt esAkam Igaufür seine Pflicht, mich vor allzu reicher Beschenkung seiner Stammesgenossen zu warnen aus Furcht, dass für die später Kommenden nicht genug übrig bleiben möchte. Selbst als die eigenen Töchter den Versuch machten, jede noch ein schönes Stück Zeug zu kaufen, liess er seine warnende Stimme hören und ich machte ihm, wie später noch öfters, das Vergnügen, seinem Rate zu folgen.

In ihrer eigenen Gesellschaft wird ein solches Gerechtigkeits- und Ehrgefühl hoch geschätzt; bei den Häuptlingen schätzt man es höher als Tapferkeit oder Reichtum. Unter den Mahakam Kajan am Blu-u hatte einer der Mantri,Kwaïgenannt, den Ruf ein “lake̱ marong” (rechtschaffenerMann) zu sein. Zwar kam ich wegen der grossen Entfernung seines Wohnplatzes nur sehr wenig mit ihm in Berührung, aber ich hatte doch einige Male Gelegenheit zu bemerken, wie gut er sich den Ansprüchen der Seinen gegenüber in meine Verhältnisse zu versetzen und zwischen beiden Parteien einen Vergleich zustande zu bringen wusste. Er war es auch, mit dem ich wegen des Lohnes der Kajan für die Fahrt den Mahakam hinunter verhandelte. Er fand bei dieser Gelegenheit, dass es von mir zu viel verlangt heisse, ihnen ausser allem, was sie von mir erhalten hatten, auch noch das grosse Boot zu geben, um welchesKwing Irangmich gebeten hatte. Als man mir einmal über die Kĕnja zu viel auf binden wollte, erklärte er, dass man wenig anderes von ihnen wisse, als dass sie Menschen seien wie sie selbst.

Die Ehrfurcht vor dem Alter und die Stellung, welche die Frau im Bahau-Staate einnimmt, scheinen mir Äusserungen des sanften Charakters dieser Menschen zu sein. Obgleich die Jugend auch bei ihnen gern das grosse Wort führt, so schweigt sie doch in Gegenwart älterer Leute. Bei öffentlichen Versammlungen des Stammes ergreifen junge Männer daher nur ausnahmsweise das Wort, gewöhnlich sagen sie Ja und Amen zu allem, was die Alten verlangen.

Die Frau spielt in der Kajan-Gesellschaft eine wichtige Rolle. Während bei andern Völkern die Frau oft die Beute des Stärksten wird und in die Verhältnisse ihres Gemeinwesens nicht genug Einsicht besitzt, um sich nicht durch die eine oder andere glänzende Eigenschaft eines Mannes blenden zu lassen, steht die Frau im Staate der Kajan am Mendalam z.B. ebenso selbständig da wie der Mann, bestimmt mit derselben Einsicht wie dieser ihr Tun und Lassen und bietet ihren Neigungen dadurch einen festeren Halt. Die besonders bevorzugte Stellung der Frau unter den Mendalam-Kajan muss aber wohl dem Nebenumstande zugeschrieben werden, dass die Männer dieses Stammes besonders langdauernde Handelsreisen unternehmen, wodurch die Frauen zu Hause mehr Einfluss bekamen als die der Stämme am Mahakam.

Auch am Mendalam hat das stärkere Geschlecht die Neigung, das schwächere auf den zweiten Platz zu drängen. Bald nach meiner Ankunft sprachAkam Igauin einem Gespräche unter vier Augen sein Bedauern darüber aus, dass die Frauen seines Stammes sich so viel Geltung verschafft hätten. Der alte Herr war in seinem Leben vielgereist und sah die Zustände seines Stammes mit anderen Augen an als die meisten; die bevorrechtete Stellung, welche die Männer bei den Malaien einnehmen, gefiel ihm weit besser.

Bemerkenswerter Weise scheint diese Gleichstellung der Geschlechter mit einer beinahe vollständigen Abwesenheit geschlechtlicher Entartungen, wie man sie in den Stämmen vom Barito beobachtete, zusammenzufallen.

Auch wenn die heftigsten menschlichen Leidenschaften, wie die Liebe, im Spiele sind, kommt es in der Bahaugesellschaft nicht zu Händeln. Man erzählte mir, dass die Kajanfrauen, wenn sich ihre Neigungen kreuzen, bisweilen mit einander in heftigen Konflikt geraten; während meines Aufenthaltes bemerkte ich aber nichts davon.

Es wäre jedoch falsch, diesen Mangel heftiger Äusserungen einer gegenseitigen Gleichgültigkeit der Geschlechter zuzuschreiben. Ich hatte im Gegenteil öfters Gelegenheit zu beobachten, dass sowohl Männer als Frauen in ihren Neigungen eine grosse Standhaftigkeit zeigen und imstande sind, ihnen viele und langdauernde Opfer zu bringen.

So gab mir einst ein junger Häuptling seine Entrüstung darüber zu erkennen, dass sein Mädchen sich während seiner Abwesenheit zu viel mit einem andern abgegeben hatte; für ihn war dies Grund genug, mit ihr zu brechen.

AlsAkam Igaueinst das Bedürfnis fühlte, sein bedrücktes Gemüt von einem Teil seiner Sorgen zu entlasten, erzählte er mir die rührende Liebesgeschichte seiner zweiten TochterPaja. Diese, ein auffallend schönes, ungefähr 18 jähriges Mädchen, liebte seit 4 Jahren einen jungen Häuptling,Tĕkwan, dessen Haus sich in der Nähe der Ma-Suling am Oberlauf des Mendalam befand. Es war mir schon auf unserem Zuge nach dem Mahakam aufgefallen, wie sehr sich der junge Mann bemühte, dem altenIgaubei jeder Gelegenheit behilflich zu sein. Leider standen der Vereinigung der jungen Leute grosse Hindernisse im Wege.TĕkwansVater gehörte bedauerlicher Weise nicht zu den Gescheidten seines Stammes; und so wollte seine MutterPingnicht zugeben, dass er, die wichtigste Stütze des Haushalts, die elterliche Wohnung verlasse, um bei seiner jungen Frau Einzug zu halten. Nach ihrer Beredsamkeit zu urteilen, war sie übrigens sehr wohl imstande, ihre ganze Umgebung allein zu beherrschen; wenigstens wohnte ich einer Unterhandlung zwischen ihr undAkam Igauüber diesen Gegenstand bei, die 3 Stunden dauerte und für die meine Hütte, alsneutrales Gebiet, zum Zusammenkunftsort gewählt wurde. AberIgausah sich als Häuptling noch besonders verpflichtet, die alten Gebräuche hoch zu halten, und duldete daher nicht, dassPajagegen alle gute Sitte sogleich ihrem Manne in sein Haus folgte.Tĕkwanwiederum war zu arm, um die Busse für die Übertretung deradatzu bezahlen.

Die Familien beider Parteien hatten bereits die Geduld verloren, aberPajaund ihr Liebhaber liessen nicht von einander und widerstanden allen Verlockungen von anderer Seite.

Adatund Liebestreue gewannen aber zum Schluss doch den Sieg; dennTĕkwanzog inAkam IgausWohnung und bei meinem 2. Besuche fand ich das Paar vereint in Tandjong Karang; kurz vor meiner Abreise wurdeTĕkwanglücklicher, aber etwas unbeholfener Vater eines kräftigen Sohnes.

An starkem und tiefem Liebesempfinden fehlt es den Kajan also nicht. Wenn die Leidenschaft sie nicht zu ernsten Konflikten mit ihren Nächsten hinreisst, so ist der Grund dafür in ihrem Charakter zu suchen, der wenig zu heftigen Ausbrüchen geneigt ist.

Mit den Äusserungen der Dankbarkeit den vielen Wohltaten gegenüber, welche sie von mir genossen, hatte es unter diesen Stämmen eine besondere Bewandtnis.

Die Erklärungen, die die Bahau über Zweck und Ziel meiner Reisen und meines Lebens in ihrer Mitte gaben, waren für ihre Denkweise sehr charakteristisch. Den wissenschaftlichen Zweck meiner Reisen und das Sammeln ihres Hausgerätes und anderer Artikel konnte ich ihnen absolut nicht begreiflich machen. Trotz meiner Gegenversicherungen blieben sie bei dem Glauben, dass ich auf einem Handelszuge begriffen sei und dass mir die Sammlungen bei meiner Rückkehr grossen pekuniären Gewinn bringen würden. Mit der Zeit merkten sie jedoch, dass ich mich anders als die malaiischen Kaufleute betrug, und da fügten sie dem ersten Reisemotiv noch ein zweites, spezifisch Bahauisches hinzu, dass mir daran gelegen sei, bei meiner Heimkehr als grosser Reisender gefeiert zu werden. Dass jemand auf die Idee kommen konnte, sich Menschen und Natur aus Interesse an sich anzusehen, ging über ihren Horizont.

Logischer Weise heuchelten sie auch keine Dankbarkeit dem Fremden gegenüber, der nach ihrer Überzeugung aus den ihnen erwiesenen Wohltaten später genügend Vorteil ziehen würde. Sie boten mir auch auffallend wenig materielle Zeichen ihrer Anerkennung. Das ungewöhnlicheVertrauen, das mir besonders von Frauen und Kindern entgegengebracht wurde und das Malaien und Chinesen nie genossen, musste mich für alles andere entschädigen.

Die Kajan machten in ihrem Betragen meinem Bedienten und mir gegenüber einen grossen Unterschied.Midanstand mit ihnen zwar auch auf freundlichem Fusse, aber sie zogen von ihm lange nicht so viel Vorteil, als von mir, und doch sah ich anfangs mit Verdruss, dass sie freiwillig alles für ihn taten und ihm sogar Sirih und selbstgebauten Tabak schenkten, wofür sie von mir so viel als möglich zu erpressen suchten.

Das Wohlwollen einzelner Männer erkannte ich daraus, dass sie ihr Äusserstes taten, um etwas Schönes für mich herzustellen. Sie liessen sich aber später eine gute Summe dafür bezahlen, selbst dann, wenn ich ihren Familien meine ärztliche Hülfe, wie immer, umsonst zu teil werden liess.

Ganz gleich betrug sich die Bevölkerung am Mahakam. Nur brachte diese von Anfang an kleine Geschenke als Gegenleistung für meine medizinische Behandlung mit. Hier machte aberKwing Irangdadurch alles gut, dass er allein mir im Gegensatz zu meinen Reisegefährten beim Abschied Waffen zum Geschenk brachte, was am Mendalam nicht geschah. Es ist jedoch möglich, dassAkam Igaumir Dankbarkeit genug zu erzeigen glaubte, indem er mich für 100 Dollar zum Mahakam begleitete; es wäre dies der Auffassung der Bahau gemäss, die zwar nie als Kuli auf Reisen gehen, aber den Fremden und seine Sachen doch gegen eine Entschädigung weiter führen. In gewissem Grade fühlen sie sich dann auch für seine Sicherheit verantwortlich.

Im Gegensatz zu den Männern, von denen keiner sich überwinden konnte, mir seine Dankbarkeit durch ein materielles Opfer zu bezeigen, suchten einige junge Frauen, so wenig Gunstbezeigungen sie von mir auch erhalten hatten, mir alles zu verschaffen, wovon sie glaubten, dass es mir Freude bereiten könnte. Eine ältere Frau brachte mir öfters Naschwerk und freute sich, wenn es meinen Beifall hatte; später trotzte sie dem Unwillen ihrer fanatischen und unliebenswürdigen Schwester, indem sie mir religiöse Gegenstände verfertigte, die ich noch nicht besass. Die Bestimmung des Preises überliess sie dabei vollständig meinem Gutdünken. Die zweite war zu jung, um sich durch Herstellung von Leckereien und Arbeiten verdient zu machen, aber sie verkaufte mir einige alte Sachen, ohne auf den Preis zu sehen.

Ulo Embangwar in Tandjong Karang auch die einzige Frau, die mir am Abend vor der Abreise als Zeichen ihrer Zuneigung ein Huhn brachte. Ganz gegen ihre Gewohnheit, abends das Haus zu verlassen und unbegleitet zu mir zu kommen, erschien sie, als die Nacht bereits eingebrochen, mit ihrem Huhn in meinem Zelte und stand dabei so sehr unter dem Eindruck des bevorstehenden Abschieds, dass sie kaum ein Wort hervorbringen konnte. Ich versuchte, sie zu zerstreuen und zu trösten, und wurde dabei später durch ihre Tante, nachUsundie älteste und oberste Priesterin von Tandjong Karang, unterstützt. Auch sie hatte mir viele Beweise ihrer Erkenntlichkeit gegeben, aber schon ihr Äusseres verriet die ernste Matrone, die sich z.B. über ihre spezielle Wissenschaft nie geäussert hätte. Bemerkenswert war der Takt, mit dem sie ihre Nichte dazu brachte, sich unserem peinlichen Zusammensein zu entziehen. Sie sprach zuerst über das Zeichen der Zuneigung, das mirUlogegeben, dann über meine eventuelle Rückkehr und die Schwierigkeiten der Mahakamreise; dabei legte sie voll Mitgefühl die Hand aufUlosArm und geleitete sie so nach Hause.

Aus Furcht, in meiner Achtung zu sinken, hatte mirUlobis zuletzt ein Leiden verschwiegen, das ich bei anderen Frauen ihres Stammes mit Erfolg kuriert hatte.

Die übrigen Kajanfrauen gaben mir bei der Abreise ihre Wertschätzung auf sehr eigentümliche Weise zu erkennen. Sie fürchteten, dass die Seelen ihrer Kinder ihrem Wohltäter folgen könnten, und hielten mir daher beim Abschied diehăwăthin, um die Seelen der Kinder durch Gebetssprüche zu bewegen, von mir wieder auf die Tragbretter zurückzukehren. An jedehăwăthatten sie eine Schnur befestigt, um die Seele bei ihrer Rückkehr mittelst eines Knotens zu binden. In den Knoten steckten sie darauf ein Fingerchen der Kleinen, damit die Seele endlich in ihren richtigen Wohnplatz zurückgeleitet werde.

Hauptsächlich die einflussreichen alten Männer bezitzen ein stark entwickeltes Ehrgefühl, das sie bisweilen einen eigenen Vorteil übersehen lässt, nur um sich nicht haè zu fühlen. So bot mir einst einer der vornehmeren Männer einen durch sein Alter wertvollen Hammer zum Kaufe an. Gewöhnt übervorteilt zu werden und den wahren Wert des Stückes nicht kennend bot ich viel zu wenig. Der Mann hielt aber das Feilschen für unter seiner Würde und liess mir den Hammer für den gebotenen Preis. Erst viel später erfuhr ich, dass erder Mann mir den Hammer für ⅓ des wahren Preises überlassen hatte, und beeilte mich, ihm den Rest zukommen zu lassen.

Ein anderer nahm ohne Widerrede das Geld an, das ich ihm für einen eigenartigen Schwertgriff bot; auch er hatte, wie ich später hörte, viel zu wenig erhalten.

Viele Kajan hielten es auch für unter ihrer Würde, in einem Buche abgebildet zu werden, wovon sie wahrscheinlich durch die Malaien gehört hatten; für die Aufnahme von Photographieen war dies mit ein erschwerender Umstand.

Hieraus geht hervor, dass die Bahau sowohl am Kapuas als am Mahakam für meinen Aufenthalt unter ihnen dankbar waren, in der Äusserung einer Anerkennung jedoch so sparsam zu Werke gingen, dass ich sie leicht für undankbar hätte halten können. Bei meinem späteren Besuch bei den Kĕnja merkte ich, dass die Bahau auch im Äussern von Dankesbezeugungen weit hinter diesen zurückstanden.

Aus dieser Skizze ihrer Persönlichkeit geht hervor, dass die Bahau psychisch keine kräftigen, vielmehr furchtsame, reizbare Naturen sind. Einzelne gute Eigenschaften der Menschen kommen bei ihnen nur ihren Familiengliedern gegenüber zum Vorschein; anderen Stammesgenossen und besonders Fremden gegenüber beherrscht der kleinliche Egoismus ihrer schwachen furchtsamen Persönlichkeit alle ihre Handlungen. In dieser Hinsicht steht ihr geistiges Wesen völlig in Übereinstimmung mit dem leiblichen und wir können hieraus den Schluss ziehen, dass die höchst ungünstigen Lebensbedingungen, unter denen die Bahau leben, auf ihre psychischen Anlagen ebenso nachteilig gewirkt haben wie auf die physischen.

Einen Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme finden wir in dem Bilde, das wir von den Kĕnjastämmen erhielten, die unter so viel günstigeren klimatischen Einflüssen leben und daher nicht nur körperlich, sondern auch geistig viel kräftiger als die Bahaustämme gediehen sind.

Die Bahau müssen in früherer Zeit, als sie unter dem degenerierenden Einfluss des Talklimas noch nicht gelitten hatten, körperlich und geistig ebenso kräftig gewesen sein wie ihre Stammverwandten, die Kĕnja. Nach ihrer Geschichte waren sie am Anfang des 19. Jahrhunderts sowohl durch ihre Kopfjagden als durch ihre grossen Kriegszüge bis weit in das Stromgebiet des Kapuas, Barito und Mahakam bekannt geworden und kein Stamm konnteihnen widerstehen; gegenwärtig sind, wie wir gesehen haben, solche Unternehmungslust und Tapferkeit unbekannte Eigenschaften bei ihnen geworden.


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