I. Zuber Pascha, Rabehs Lehrmeister.
Rabeh[1]ist ein Sohn des egyptischen Sudan, und hier liegt auch der Beginn seiner Geschichte. Bis zum Jahre 1879 war sein Leben eng verknüpft mit dem des vielgenannten Sklavenfürsten Zuber Pascha, der während der Regierung des Chedive Ismaïl eine grosse Rolle im egyptischen Sudan gespielt hat. Eine kurze Betrachtung der Geschicke Zubers, der gleichfalls für afrikanische Verhältnisse ein bedeutender Mann genannt werden muss, ist für die Darstellung des Entwicklungsganges Rabehs unerlässlich.
Zuber ist kein Neger, sondern ein Araber aus dem Stamme der Djimeab, der sich rühmt, zu den Kuraischiten, also den Nachkommen der Stammesgenossen des Propheten Muhammed, zu gehören; er leitet seine Abstammung von Abbas her, einem Onkel des Propheten. Die Djimeab gehören zu den Djealin, mit welchem Namen im egyptischen Sudan im Gegensatze zu den hamitischen Bestandteilen der Bevölkerung und den Negern die Nachkommen ursprünglich arabischer Einwanderungen bezeichnet werden, die dann natürlich im Laufe der Zeiten durch Vermischung mit schwarzem Blut neben dunkler Hautfarbe starke Abweichungen von dem rein arabischen Typus entwickelten, aber sich doch in ihrem Aussehen von den anderen sudanesischen Völkerschaften scharf unterscheiden. Die Djealin finden wir seit über einem Jahrtausend am oberen, nubischen, Nil, in Sennar, in Darfur u. s. w., in einzelnen Familien oder auch in kleineren Stammesverbänden.[2]Der Sitz der Djimeab ist seit langerZeit ein Dorfdistrikt gleichen Namens am Nil oberhalb Dongola gewesen. Selbst während der Mahdisten-Herrschaft haben sich dort Verwandte Zubers, natürlich unter Anerkennung der neuen Machthaber, gehalten. Zuber zählte zu den Djellaba[3], die ihre kaufmännischen Unternehmungen und Handelszüge weit nach den südlicher gelegenen Negerdistrikten hin zu richten pflegten. Den Hauptartikel, der neben Elfenbein, Straussenfedern, Gummi verhandelt wurde, bildeten die Sklaven. Diese wurden entweder gekauft, oder, falls die Gelegenheit sich bot und genügende Machtmittel vorhanden waren, erjagt. Zu diesem Zwecke schlossen sich gewöhnlich verschiedene Djellaba unter der Führung eines besonders kühnen Mannes zusammen.
Schweinfurth fand im Jahre 1868 im Bahr el Ghazal neben einer Unzahl kleiner Händler fünf grosse Sklavenjäger, welche dort das Monopol des gewinnbringenden Handels mit Menschenfleisch sich anmassen konnten. Der Mittelpunkt des sudanesischen Handels war Chartum. Die erbeuteten Sklaven wurden nilabwärts oder nach Darfur und nach dem Hedjaz gesandt. Unter jenen fünf grossen Sklavenhändlern war schon zu Schweinfurths Zeit Zuber fast allmächtig im Bahr el Ghazal[4]. Bald darauf gewann er in solchem Maasse die Oberhand über die anderen Sklavenhändler, dass er als der unumschränkte Herr des Bahr el Ghazal angesehen werden musste. Die Ausübung der egyptischen Herrschaft über diesen Bezirk bestand Zuber gegenüber nur noch in einer Art Oberlehnshoheit. Aus einem Teile der eingefangenen und der bei ihm geborenen Sklaven und auch aus freiwilligen Gefolgsleuten hatte er sich eine achtunggebietende Truppe gebildet, die mit Feuerwaffen, zum Teil sogar mit guten Gewehren und kleinen Kanonen ausgerüstet war. Diesen Soldaten vermochten die Negerstämme keinen nennenswerten Widerstand entgegenzustellen. Kleinere Truppenabteilungen genügten, um grosse Gebiete zu terrorisieren, und, nachdem genügend lebendige Beute gemacht worden war, dauernd in Schach zu halten. In dem eroberten Gebiete wurden Zeriben errichtet: durch Erdwälle und hochaufgetürmtes Dornwerk befestigte Plätze, welche die Sitze der Truppenführer Zubers und gleichzeitig die Sammelstellen für die aus dem umliegenden Gebiete eingebrachte Beute wurden. Daneben waren die Zeriben die Centralpunkte für friedfertige Djellaba, die von hier aus Handel mit europäischen Waren trieben, welche sie gegen die Erzeugnisse der Eingeborenen, aber auch gegen Sklaven, eintauschten.
Auf diese Weise hatte Zuber seine Vorposten bis nach Dar Fertit, Dar Abu Dinga und Dar Runga vorgeschoben. Am oberen Nil dehnte sich seine Herrschaft bis nach den Seen-Gebieten hin aus. Im Jahre 1873 wurde er vom Chedive Ismaïl Pascha zum Gouverneur der Bahr el Ghazal-Provinz ernannt. Demnächst bot er der Regierung an, das im Westen Kordofans gelegene, einem alten angestammten Königshause folgende Reich Darfur zu erobern, und thatsächlich gelang ihm im November 1874 die Unterwerfung dieses grossen und fruchtbaren Gebiets. Dieser ausserordentliche Erfolg des Sklavenfürsten erschien indess dem Chedive bedrohlich. Ismaïl Ejub Pascha ging in seiner Eigenschaft als Generalgouverneur des Sudan nach Darfur und setzte Hussen Pascha el Gowesir als Statthalter in Fascher ein. Zuber wurde lediglich mit dem Paschatitel belehnt. Begreiflicherweise kam es zwischen Zuber Pascha und Ejub Pascha alsbald zu Streitigkeiten. Um sich bei dem Chedive persönlich zu rechtfertigen, begab sich Zuber Anfang 1876 mit einer grossen Anzahl wohlbewaffneter Sklaven, vielen Sklavinnen und anderen Geschenken nach Kairo, nachdem er in der nach ihm benannten Hauptstadt des Bahr el Ghazal,in Dem Zuber, einen Dongolaner Idris waled Defter als seinen Stellvertreter zurückgelassen hatte.
Zuber sollte seine Heimat jahrzehntelang nicht wiedersehen. Zunächst wurde er von dem Chedive Ismaïl freundlich aufgenommen. Er begleitete sogar das egyptische Kontingent, das der Chedive im russisch-türkischen Kriege seinem Souverain zu Hilfe geschickt hatte, in der Umgebung des Kommandanten, Prinzen Hassan Pascha[5], nach der Türkei, kehrte freilich nach kurzer Zeit, da er infolge der ungewohnten Kälte erkrankte, nach Kairo zurück. Dann aber wurde er vom Chedive in Unteregypten zurückgehalten. Seine schwarzen Sklaven wurden in egyptische Regimenter gesteckt. Allerlei Anschläge wegen Hochverrats und Anschuldigungen, dass er sich ein selbständiges Königreich im Sudan gründen wolle, wurden gegen ihn vorgebracht. Schliesslich erhielt er ein hohes Jahresgehalt ausgesetzt und ein Haus in Kairo im Viertel der Sitte Zenab zum Wohnsitz angewiesen. Wohl oder übel fügte er sich in das Unvermeidliche. Aber nach dem Tode seines Sohnes Soliman begann er sich zu rühren. Als die Mahdisten ihre ersten grossen Erfolge im egyptischen Sudan zu verzeichnen hatten, zieh man Zuber der Intrigue, und als er bei der letzten Entsendung Gordons nach Chartum, um seine Mitwirkung zur Unterdrückung des Mahdistenaufstandes angegangen,Sühne für das Blut seines Sohnes verlangte, schien seine Anwesenheit in Egypten gefährlich, und er wurde nach Malta und später nach Gibraltar verschickt.
Hier bot er seine endgiltige Unterwerfung an, worauf man ihn wieder nach Egypten zurückbrachte, in der Hoffnung, ihn im Kampfe gegen die unterdessen zu Herren des Sudan gewordenen Mahdisten verwenden zu können. Seitdem lebte Zuber in Kairo und in Heluan in glänzender Gefangenschaft, stets von einer grossen Schar von Leuten aus dem egyptischen Sudan und auch aus anderen innerafrikanischen Ländern aufgesucht. Mit fürstlicher Freigebigkeit pflegte er seine Gäste zu bewirten. Ich habe den alten Herrn, der sich mit seinem von der schwarzen Gesichtsfarbe scharf abstechenden weissen kurz gehaltenen Vollbarte stattlich ausnahm — eine hagere, aber immer noch sehnige Soldatengestalt — vielfach besucht.
Nachdem die Macht des Nachfolgers des egyptischen Mahdi, des Chalifa Abdullahi et Taischi, vollständig gebrochen und der Chalifa selbst gefallen war, erlaubte der Sirdar und Generalgouverneur des Sudan, Sir Reginald Wingate, welcher in seiner langjährigen Eigenschaft als Chef des egyptischen Intelligence Department Zuber genau kennen gelernt hatte, diesem Anfang des Jahres 1900 die langersehnte Rückkehr nach dem Lande seiner Väter, zunächst zu nur einstweiligem Aufenthalte. Fast25 Jahre waren vergangen, seitdem Zuber Pascha den Sudan verlassen hatte. Die Schreckensherrschaft der Mahdisten hatte hier wie ein Schwamm die Vergangenheit weggewischt, und eine grosse politische Bedeutung dürfte Zuber für den Sudan kaum je wieder erlangen.
[1]Der Name Rabeh hat die vielfältigsten Verstümmelungen erfahren. Er ist eine arabische Participial-Bildung und bedeutet „der Gewinnende“. Der Ton ruht daher auf der ersten Silbe. Von der Bevölkerung der Tschadseegegend, welche in der Umbildung der arabischen Namen grosses leistet — so wird Ali in Aliu, Muhammed in Hammu, Abu Bekr in Abu Kiari entstellt — wird der Name Rabi oder Rabbi, auch Arabi, ausgesprochen. — In den vorliegenden Blättern sind die arabischen, Neger-, Haussa- u. s. w. Namen ihrem Laute entsprechend wiedergegeben, eine genaue Transkription der arabischen Schriftzeichen ist also nicht durchgeführt worden. Ausserdem ist bei einzelnen Namen Rücksicht auf die in den heutigen Karten und Werken gebräuchliche Schreibart genommen, um bei einer Vergleichung mit diesen keine Irrtümer aufkommen zu lassen.[2]Aus den Djealin ist auch der Mahdi hervorgegangen, und auf sie stützte er sich in erster Linie. Sie traten in den Hintergrund, als seit dem Jahre 1885 sein den Baggara entsprossener Nachfolger Abdullahi et Taischi seine Stammesgenossen, die Nachkommen anderer altarabischer Einwanderungen, die hauptsächlich im Südwesten von Darfur wurzelten, mehr hervorzog.Die Djealin leiten ihren Namen und ihre Abstammung von einem Araber Namens Djeal ab, der während der arabischen Invasion des Sudan gegen Ende des 2. Jahrhunderts der Hedjra, also etwa gegen 800 n. Chr., nach den Nilländern gekommen sein soll. Der Hauptsitz der Djealin ist die Gegend von Schendi und Metemmeh, wie überhaupt die Landschaft zwischen Berber und Omdurman. Die Djimeab sind ein Zweigstamm der Djealin, ebenso wie die Nimrab, Sadab, Mukabrab u. s. w. Übrigens geben alle Djealin sich als Nachkommen des Abbas, des Onkels des Propheten Muhammed, aus. Abbas soll über 90 freigelassene Sklaven gehabt haben, die er als seine Söhne betrachtete.[3]Der Name kommt von der Verbalform djalab („importieren“) her, und es werden im Sudan alle diejenigen, welche sich mit Tauschhandel beschäftigen, Djellaba genannt, ohne dass diese Bezeichnung irgend etwas mit dem Volksstamm, dem sie angehören, zu thun hat.[4]Vergl. Schweinfurth, Im Herzen von Afrika, Leipzig 1874, Bd. II, S. 379, wo der fürstliche Hofhalt, mit dem Zuber sich umgeben hatte, sehr anschaulich geschildert wird.[5]Prinz Hassan, ein Sohn Ismaïl Paschas, war eine Zeit lang preussischer Offizier im 1. Garde-Dragoner-Regiment.
[1]Der Name Rabeh hat die vielfältigsten Verstümmelungen erfahren. Er ist eine arabische Participial-Bildung und bedeutet „der Gewinnende“. Der Ton ruht daher auf der ersten Silbe. Von der Bevölkerung der Tschadseegegend, welche in der Umbildung der arabischen Namen grosses leistet — so wird Ali in Aliu, Muhammed in Hammu, Abu Bekr in Abu Kiari entstellt — wird der Name Rabi oder Rabbi, auch Arabi, ausgesprochen. — In den vorliegenden Blättern sind die arabischen, Neger-, Haussa- u. s. w. Namen ihrem Laute entsprechend wiedergegeben, eine genaue Transkription der arabischen Schriftzeichen ist also nicht durchgeführt worden. Ausserdem ist bei einzelnen Namen Rücksicht auf die in den heutigen Karten und Werken gebräuchliche Schreibart genommen, um bei einer Vergleichung mit diesen keine Irrtümer aufkommen zu lassen.
[1]Der Name Rabeh hat die vielfältigsten Verstümmelungen erfahren. Er ist eine arabische Participial-Bildung und bedeutet „der Gewinnende“. Der Ton ruht daher auf der ersten Silbe. Von der Bevölkerung der Tschadseegegend, welche in der Umbildung der arabischen Namen grosses leistet — so wird Ali in Aliu, Muhammed in Hammu, Abu Bekr in Abu Kiari entstellt — wird der Name Rabi oder Rabbi, auch Arabi, ausgesprochen. — In den vorliegenden Blättern sind die arabischen, Neger-, Haussa- u. s. w. Namen ihrem Laute entsprechend wiedergegeben, eine genaue Transkription der arabischen Schriftzeichen ist also nicht durchgeführt worden. Ausserdem ist bei einzelnen Namen Rücksicht auf die in den heutigen Karten und Werken gebräuchliche Schreibart genommen, um bei einer Vergleichung mit diesen keine Irrtümer aufkommen zu lassen.
[2]Aus den Djealin ist auch der Mahdi hervorgegangen, und auf sie stützte er sich in erster Linie. Sie traten in den Hintergrund, als seit dem Jahre 1885 sein den Baggara entsprossener Nachfolger Abdullahi et Taischi seine Stammesgenossen, die Nachkommen anderer altarabischer Einwanderungen, die hauptsächlich im Südwesten von Darfur wurzelten, mehr hervorzog.Die Djealin leiten ihren Namen und ihre Abstammung von einem Araber Namens Djeal ab, der während der arabischen Invasion des Sudan gegen Ende des 2. Jahrhunderts der Hedjra, also etwa gegen 800 n. Chr., nach den Nilländern gekommen sein soll. Der Hauptsitz der Djealin ist die Gegend von Schendi und Metemmeh, wie überhaupt die Landschaft zwischen Berber und Omdurman. Die Djimeab sind ein Zweigstamm der Djealin, ebenso wie die Nimrab, Sadab, Mukabrab u. s. w. Übrigens geben alle Djealin sich als Nachkommen des Abbas, des Onkels des Propheten Muhammed, aus. Abbas soll über 90 freigelassene Sklaven gehabt haben, die er als seine Söhne betrachtete.
[2]Aus den Djealin ist auch der Mahdi hervorgegangen, und auf sie stützte er sich in erster Linie. Sie traten in den Hintergrund, als seit dem Jahre 1885 sein den Baggara entsprossener Nachfolger Abdullahi et Taischi seine Stammesgenossen, die Nachkommen anderer altarabischer Einwanderungen, die hauptsächlich im Südwesten von Darfur wurzelten, mehr hervorzog.
Die Djealin leiten ihren Namen und ihre Abstammung von einem Araber Namens Djeal ab, der während der arabischen Invasion des Sudan gegen Ende des 2. Jahrhunderts der Hedjra, also etwa gegen 800 n. Chr., nach den Nilländern gekommen sein soll. Der Hauptsitz der Djealin ist die Gegend von Schendi und Metemmeh, wie überhaupt die Landschaft zwischen Berber und Omdurman. Die Djimeab sind ein Zweigstamm der Djealin, ebenso wie die Nimrab, Sadab, Mukabrab u. s. w. Übrigens geben alle Djealin sich als Nachkommen des Abbas, des Onkels des Propheten Muhammed, aus. Abbas soll über 90 freigelassene Sklaven gehabt haben, die er als seine Söhne betrachtete.
[3]Der Name kommt von der Verbalform djalab („importieren“) her, und es werden im Sudan alle diejenigen, welche sich mit Tauschhandel beschäftigen, Djellaba genannt, ohne dass diese Bezeichnung irgend etwas mit dem Volksstamm, dem sie angehören, zu thun hat.
[3]Der Name kommt von der Verbalform djalab („importieren“) her, und es werden im Sudan alle diejenigen, welche sich mit Tauschhandel beschäftigen, Djellaba genannt, ohne dass diese Bezeichnung irgend etwas mit dem Volksstamm, dem sie angehören, zu thun hat.
[4]Vergl. Schweinfurth, Im Herzen von Afrika, Leipzig 1874, Bd. II, S. 379, wo der fürstliche Hofhalt, mit dem Zuber sich umgeben hatte, sehr anschaulich geschildert wird.
[4]Vergl. Schweinfurth, Im Herzen von Afrika, Leipzig 1874, Bd. II, S. 379, wo der fürstliche Hofhalt, mit dem Zuber sich umgeben hatte, sehr anschaulich geschildert wird.
[5]Prinz Hassan, ein Sohn Ismaïl Paschas, war eine Zeit lang preussischer Offizier im 1. Garde-Dragoner-Regiment.
[5]Prinz Hassan, ein Sohn Ismaïl Paschas, war eine Zeit lang preussischer Offizier im 1. Garde-Dragoner-Regiment.