IX. Rabehs Tod.

IX. Rabehs Tod.

Somit war die Niedermachung der Bretonnet’schen Expedition gerächt, und Gentil hatte mit seinem kühnen Vorstoss Rabeh vor den Mauern von Kuno geschlagen, trotzdem dieser den Kampf persönlich leitete und anscheinend seine besten Basinger zur Verfügung hatte. Der Eindruck der überlegenen französischen Waffen muss ein bedeutender gewesen sein, zumal Rabeh, wie es scheint, derartig verwundet wurde, dass er in der Folge die kriegerischen Aktionen nicht mehr mit der gewohnten Energie zu leiten vermochte. Der Sultan Gauranga stellte sich sofort wieder mit seinen Leuten als Bundesgenosse der Franzosen im Fort Archambault ein, und die Eingeborenen der Umgegend, die seit der Bretonnet’schen Niederlage nur mit Schwierigkeit zu Hilfeleistungen und Überlassung von Lebensmitteln zu bewegen gewesen waren, wurden wieder gern bereite Helfer. Bald nach der Rückkehr nach Fort Archambault machte der französische Dampfer eine Rekognoscierungsfahrt nach dem Norden und stellte fest, dass Rabeh am 8. November Kuno geräumt,sich in Miltu gesammelt und über den Bahr Ergig den Rückmarsch nach dem Norden angetreten hatte.

Es hatte sich aber auch gezeigt, dass die Gentil’sche Truppenmacht zur Niederwerfung Rabehs numerisch nicht stark genug war. Die Kanonen Bretonnets waren Rabeh verblieben, und Gentil musste sich zunächst darauf beschränken, an dem Ausgangspunkte seines Vorstosses, im Fort Archambault, eine abwartende Haltung einzunehmen. Erst dem weiteren günstigen Umstande, dass rechtzeitig und fast im gleichen Augenblicke die sonstigen Expeditionen, welche Frankreich von Norden und Westen her nach dem Tschadsee entsandt hatte, am Schari eintrafen, ist es zu danken, dass die Offensive gegen Rabeh von Süden her wieder aufgenommen werden konnte.

Schon am 21. Juli 1897 hatte eine französische Expedition unter Cazemajou Dahomey verlassen, um über Zinder den Tschadsee zu erreichen. In Zinder wurde Cazemajou mit seinem Dolmetscher Olive auf Befehl des Sultans Achmadu (Amhadu), der seinem Bruder Jakudima gefolgt war, am 5. Mai 1898 meuchlings ermordet. Der Rest der Mission konnte sich nach dem Niger retten.

Noch im selben Jahre ging eine zweite mit grossen Mitteln ausgerüstete Expedition unter Voulet und Chanoine den Niger abwärts, um das Programm der missglückten Expedition Cazemajous aufzunehmen. Sie führte den Namen „MissionAfrique centrale“. Zwei starke Kolonnen unter dem Oberstleutnant Klobb und dem Major Crave sollten diese Expedition begleiten, bis Voulet den Niger verlassen würde, um sie auf der durch Tuareg sehr gefährdeten Route zu beschützen und überhaupt die Tuareg am linken Niger-Ufer zur Raison zu bringen. Voulet hatte gegen 700 Gewehre bei sich; aber seine Truppen bestanden zum grossen Teile aus Gesindel der verschiedensten Nationalitäten, welches er sich durch Verheissungen von Beute angeworben hatte und die auf ihrem Marsche raubten und plünderten, wo sie konnten. Als die Nachrichten über diese Unzuträglichkeiten nach der Küste drangen, wurde Klobb zum Oberbefehlshaber der Expedition ernannt und dem Kapitän Voulet, der bereits den Niger verlassen hatte, mit weiteren Verstärkungen in Eilmärschen nachgeschickt. Als Klobb Voulet den entsprechenden Befehl bei Dankori im Gebiete der Tessaua überbrachte, fanden, am 17. Juli 1899, die bekannten Ereignisse statt, deren Einzelheiten noch unlängst die französische Kammer beschäftigt haben. Voulet verweigerte den Gehorsam, und Klobb wurde auf Voulets Befehl von seinen Tirailleurs erschossen, als er nicht umkehren wollte.[49]Leutnant Meynier, der von Voulet nicht zu bewegen war, mit ihm gemeinsame Sache zu machen, wurde verwundet. Chanoine billigte nachträglich die Handlungsweise Voulets. Später wurden Voulet und Chanoine von ihren eigenen Leuten, unter welchen besonders der erstere sehr verhasst war, niedergeschossen, da diese ihren Führern, welche die Gründung eines eigenen innerafrikanischen Reiches planten, nicht mehr folgen wollten. Nach dem Tode Klobbs, Voulets und Chanoines gelang es Pallier, Meynier und Joalland, die aufrührerischen Soldaten wieder zu beschwichtigen. Die vereinigten Truppen der beiden Expeditionen setzten ihren Weg weiter nach Zinder fort. Kurz vorher bestanden sie bei Tyrmeni einen siegreichen Kampf mit der Armee des Sultans Achmadu, und am folgenden Tage zogen sie in die Stadt ein, welche von einem grossen Teile der Bevölkerung verlassen war. Der Sultan Achmadu, der Mörder Cazemajous, befand sich unter den Flüchtlingen. Die Franzosen ernannten infolgedessen den Bruder Achmadus, dessen Namen mir von Kanuri als Gambo Guago (Abokadu) genannt wurde, zum Sultan, der nunmehr gleichfalls den arabischen Namen Achmed annahm. Inzwischen war es klar geworden, dass die wild zusammengewürfelten Tirailleurs Voulets die Unbotmässigkeiten, welche sie sich unter dem alten Kommando angewöhnt hatten, nicht mehr lassen konnten, und es wurde für unmöglich gehalten, mit dem gesamten Trupp den schwierigen, auf langen Strecken wasserlosen Marsch nach dem Tschadsee fortzusetzen. Infolgedessen wurde eineTrennung beschlossen. Pallier führte am 3. September 1899 etwa 300 Mann mit dem Dr. Henrique und zwei französischen Unteroffizieren nach Say zum Niger zurück. Über den Rest der in Zinder verbliebenen Truppen übernahm Joalland das Kommando. Am 15. September gelang es einer französischen Abteilung, den Mörder Cazemajous, den entthronten Sultan Achmadu, im Dorf Rumje, 80 km südwestlich von Zinder, zu töten. Das Gebiet von Zinder konnte damit als beruhigt betrachtet werden.

Joalland und der wieder hergestellte Meynier verliessen nun am 3. Oktober Zinder, um mit etwa 200 ausgesuchten Leuten, die auf Kamelen beritten gemacht wurden, und einer 80 mm Gebirgskanone nach dem Tschadsee weiter zu marschieren. In der Stadt wurde eine Besatzung von 100 Tirailleurs unter einem Unteroffizier zurückgelassen. Am 22. Oktober war der 525 km betragende Marsch von Zinder bis zum Tschadsee beendigt, der bei Wudi erreicht wurde. Am folgenden Tage war die Expedition in Ngigmi im Nordwesten des Sees. Darauf wurde durch das Land Kanem marschiert, und nachdem der Tschadsee im Norden und Osten umgangen war, gelangte die Expedition ohne besondere Fährnisse nach dem Schari-Delta. Die Bevölkerung von Kanem scheint den durchziehenden Truppen keine grossen Schwierigkeiten bereitet zu haben, und Joalland konnte mehrere Schutzverträge in Kanemabschliessen.[50]Der Schari wurde am 10. Dezember 1899 Gulfei gegenüber erreicht.[51]

Joalland hatte schon vorher erfahren, dass Weisse am Schari angekommen sein sollten, und er hoffte, bei Gulfei Gentil mit seinen Truppen zu finden. Seine Enttäuschung war gross, als er hörte, dass diese weit oberhalb am Schari lagerten. Er sandte deshalb eine Rekognoscierungspatrouille auf einem Boote flussaufwärts. Diese stiess jedoch auf eine aus 40 Schiffen bestehende Flotille mit Truppen Rabehs, die sich nach der Schlacht von Kuno nordwärts koncentrierten. Es gelang der Patrouille, Rabeh zu entgehen und zurückzukehren.

Joalland war vollständig im Unklaren über das Schicksal Gentils. Es wurde der überlegenen Streitkräfte Rabehs wegen für unmöglich gehalten, mit der Expedition weiter nach dem Süden zu marschieren. Doch wurde, nachdem man in Erfahrung gebracht hatte, dass der Fluss wieder frei war, zwischen Joalland und Meynier vereinbart, dass diesesmal Meynier selbst einen Vorstoss zu Schiffe wagen sollte, um sich womöglich Gewissheit über das Loos der französischen Schari-Truppen zu verschaffen. Dann sollte die Expedition nach Regelung der Angelegenheiten in Kanem über Zinder den Heimweg antreten.

Die Fahrt Meyniers ging ohne Unfall von statten. Am 28. Dezember bei Gulfei abgefahren, konnte er, nachdem er in 14 Tagen 700 km zurückgelegt hatte, mit den vom Süden gekommenen Franzosen Fühlung gewinnen. Er traf mit dem äussersten vorgeschobenen Posten der Mission Gentils, der, wie bereits erwähnt, unter de Cointet in Sada am Schari sich befand, am 13. Januar 1900 zusammen. Die beiden französischen Offiziere fuhren dann den Strom bis nach Fort Archambault aufwärts, wo das Gros der französischen Streitmacht unter Robillot lagerte. Der vom Westen kommenden Mission war somit das von Cazemajou begonnene Werk gelungen: eine Verbindung mit der von Süden gekommenen Gentil’schen Mission war erreicht.

Bereits am 30. Januar erhielt Meynier eine Nachricht, durch die er von Kapitän Robillot, dem Führer der Gentil’schen Truppen, aufgefordert wurde, am Tschadsee zu verbleiben. Am 8. Februar traf Meynier wieder im Lager Gulfei gegenüber ein. Joalland hatte die Zwischenzeit zu einer weiteren Bereisung von Kanem benutzt.

Eine dritte, vom Norden entsandte Expedition, die „Mission saharienne“, unter dem gelehrten Geographen und Forschungsreisenden Foureau, war schon seit längerer Zeit durch die Sahara unterwegs. Zuihr gehörten 13 Europäer. Die der Expedition beigegebene starke Schutztruppe wurde von dem Major und Bataillonskommandeur Lamy befehligt. Die Mission hatte grosse Schwierigkeiten aller Art zu überwinden, namentlich schwere Kämpfe mit überlegenen Tuareghorden zu bestehen. Durch Irreleitung von Führern, die erschossen werden mussten, war sie aufgehalten worden; doch gelang es ihr, am 2. November 1899 Zinder über Asben zu erreichen. Wie bereits erwähnt, waren Joalland und Meynier von Zinder bereits am 3. Oktober aufgebrochen. Die Mission fand hier die zurückgelassene Garnison in den besten Beziehungen mit dem Sultan, der Foureau und Lamy ersuchte, ihm zu helfen, die Tessaua seiner Autorität wieder zu unterwerfen. Dies geschah, und bei dieser Gelegenheit wurden 200 Pferde und eine grosse Anzahl Esel neben weiteren Kamelen requiriert, mit welchen man am 25. Dezember den Marsch nach dem Tschadsee antrat.[52]

Bevor der Tschadsee erreicht wurde, traf die Expedition bei Begaro am Komodugu Yobe mit dem Bornuprinzen Omar Sanda zusammen, der zuletzt in Zinder einen Zufluchtsort gefunden hatte. Foureauliess Omar Sanda zum Sultan von Bornu ausrufen und besuchte zunächst Kuka, das er vollständig verödet und in Trümmern liegend fand. Von Kuka aus ging die Expedition, immer von Omar Sanda begleitet, wieder nach Norden und erreichte auf demselben Wege, den Joalland und Meynier genommen hatten, über Ngigme und durch Kanem marschierend den Schari. Gegenüber von Gulfei auf dem rechten Schariufer erfolgte am 24. Februar 1900 ihre Vereinigung mit den Truppen Joallands. Auch der Plan, vom Norden her mit bewaffneter Macht in Achtung gebietender Stärke nach dem Tschadsee zu gelangen, war Frankreich gelungen. Joalland, der der „Mission saharienne“ bis nach dem Orte Deberengi bei Mao entgegen gegangen war, hatte die Neuangekommenen davon unterrichtet, dass die Gentil’schen Truppen vom Süden her im Anzuge begriffen seien.

Der Zweck der „Mission saharienne“ war mit der Erreichung des Schari-Beckens erfüllt. Der Gelehrte Foureau trat Anfang April allein die Heimreise über den Schari und Gribingi durch das französische Kongogebiet an. Die starke Streitmacht der Mission verblieb jedoch am Tschadsee zur Verfügung Gentils und nahm an der Niederwerfung Rabehs thatkräftigen Anteil.

Ihr Führer, der Major Lamy, übernahm zunächst das Oberkommando auch über die Truppen Joallands. Bei dem Orte Mara, den letzterer kurz vorder Ankunft Lamys genommen hatte, wurde am 26. Februar 1900 der Übergang über den Schari bewerkstelligt, und von nun an spielten sich die Ereignisse auf deutschem Boden ab. Rabeh, der noch immer an seiner Wunde litt, lagerte mit dem Gros seiner Truppen in Dikoa. In den einzelnen Städten des linken Schari-Ufers befanden sich starke Besatzungen. Fadel Allah hatte sein Standquartier in Gulfei. Am 3. März fand ein Kampf mit der etwa 1000 Mann starken Besatzung von Kusseri statt. Die Stadt wurde genommen und die erste Fahne Rabehs erobert. Der Bannerführer Kapsul wurde getötet. Kusseri wurde darauf der Stützpunkt der französischen Truppen. Am 9. März bestanden die Franzosen wenige Kilometer vor den Mauern von Kusseri einen Kampf gegen Fadel Allah, der mit etwa 2000 Mann aus Gulfei herangezogen war. Der Sohn Rabehs erlitt eine empfindliche Niederlage und musste 200 Tote und viel Gepäck und Munition zurücklassen. Auf französischer Seite waren nur 5 Tote und 25 Verwundete, darunter 2 Offiziere.

An die Ergreifung der Offensive konnten die bisher vereinigten zwei Expeditionen jedoch nicht denken. Endlich, am 21. April, traf die Truppe Gentils bei Kusseri ein. Es war hohe Zeit. Rabeh selbst war kurz vorher von Dikoa nach dem Schari gekommen und hatte ein befestigtes Lager nur 6 km von der Stadt entfernt bezogen. Er war genau davon unterrichtet, dass Lamy und Joalland grossen Mangel an Munition und Lebensmitteln litten. Rabehs Reiter wurden so dreist, dass sie, nur 400 m vom französischen Lager entfernt, vier mit der Bewachung von Vieh betraute Tirailleurs töteten.

So war denn gerade im rechten Augenblicke die Vereinigung der vom Süden gekommenen Schari-Expedition mit den beiden anderen französischen Missionen erfolgt. Gentil konnte diesen frische Munition bringen. Sein Marsch war nur langsam von statten gegangen. Nur ein Teil seiner Leute und seines grossen Gepäcks hatte auf Schiffen befördert werden können, die sich jedoch von dem Rest der am Ufer marschierenden Leute nicht trennen durften. Die Verproviantierung von 600 Menschen, für die Gentil unterwegs zu sorgen hatte, war mit grossen Schwierigkeiten verbunden. Die Munition allein betrug 500 Schuss für die Kanone, 400 Schuss für das Gewehr Modell 1874 und 500 für das Gewehr Modell 1886.

Es war eine stattliche Truppe unter französischer Flagge im Schari-Delta zusammen: über 800 mit modernen Gewehren bewaffnete und gut gedrillte Soldaten, geführt von zahlreichen europäischen Offizieren. Ein Teil der nördlichen Missionen war auf Pferden beritten und bildete eine geübte Kavallerie. Im einzelnen verfügten die drei Expeditionen über folgende Streitkräfte: Lamy 300 Mann, hauptsächlich algerische Schützen, Joalland 200 Senegalesen, Gentil300 Senegalesen, Lamy 2 Kanonen, Joalland 1 Kanone, Gentil 4 Kanonen, unter dem Geschütz 5 Gebirgskanonen, Modell 1880, ausserdem hatte sich Gauranga mit mehreren tausend Baghirmileuten, davon viele zu Pferde, eingefunden.

Lamy übernahm als ältester anwesender Offizier das Kommando auch über die Gentil’schen Truppen, und schon am Tage nach der Ankunft der letzteren, am 22. April 1900, erfolgte der entscheidende Zusammenstoss mit Rabeh. In Kusseri wurde eine französische Besatzung zurückgelassen. Es nahmen 700 Soldaten, 30 Spahis und 4 Kanonen, sowie die Baghirmileute am Kampfe teil. Rabeh hatte 5000 Mann, von denen 2000 mit guten Gewehren versehen waren, 600 Reiter und die drei Bretonnet’schen Kanonen zu seiner Verfügung. Es waren dies seine besten Truppen. Sein Sohn Fadel Allah stand in Kornak-Logon mit 500 Gewehren, Niebe, der zweite Sohn Rabehs, in Dikoa mit 400 Gewehren.

Die Franzosen gingen am Schlachttage sofort zum Angriff vor. Der Feind hatte einen 70 cm hohen Erdwall zur Deckung der Schützen um sein durch Pallisaden befestigtes Lager gezogen und auf 300 m alles beseitigt, was der eigenen Schusslinie im Wege stehen konnte. Doch kam den französischen Truppen ausserhalb dieser Zone hohes und dichtes Buschwerk zu statten, welches sie gegen die feindlichen Kugeln schützte, und aus dem heraus sie ihrerseits das Feuer eröffneten. Nach 1½stündiger Beschiessung, nachdem 32000 Gewehrpatronen, 74 Schuss aus dem 80 mm-Geschütz und 20 Schuss aus dem 42 mm-Geschütz abgefeuert waren, wurde ein unwiderstehlicher Angriff ausgeführt, durch welchen die innere Festung des Lagers, der Tata, genommen wurde. Der Feind wurde aus diesem herausgedrängt und begann zu fliehen, verfiel aber auf der anderen Seite des Forts dem Feuer einer weiteren französischen Abteilung. Rabeh selbst war anscheinend seiner Wunde wegen zu schwach zur Flucht und seine Kerntruppen machten daher eine energische Offensivbewegung nach rückwärts, um sich des Tata wieder zu bemächtigen.[53]Bei diesem letzten Zusammenstoss büssten der französische Oberanführer Lamy und der Kapitän de Cointet das Leben ein; aber auch Rabeh fiel auf dem Kampfplatz. Ein Schütze der Mission Afrique centrale brachte den abgeschnittenen Kopf und die rechte Hand des Sklavenfürsten in das französische Lager. Damit war die Schlacht gewonnen, und der Feind floh westwärts nach Dikoa zu. Eine Strecke weit wurde er von der französischen Kavallerie und den Baghirmileuten, von denen 1500 an der Schlacht teilnahmen, verfolgt. Im Lager Rabehs wurden die Fahnen und Kanonen Bretonnets wiedergefunden und grosse Beute gemacht. Ausser Lamy und de Cointet wurden ein französischer Sergeant und 19 Schützengetötet. Der Leutnant Meynier wurde schwer am Bein verwundet. Drei andere französische Offiziere erhielten leichtere Verwundungen. Im übrigen hatten die Expeditionen nur 53 Verwundete, das Heer Rabehs hatte 500 Tote, darunter den Anführer der Reiterei, Guddam.

Den Oberbefehl übernahm nunmehr der zur Foureau’schen Expedition gehörige Kapitän Reibell, der mit 700 Flinten, 30 südalgerischen Reitern, drei Geschützen und zahlreichen zum Teil berittenen eingeborenen Hilfstruppen die Bekämpfung der Söhne Rabehs in Dikoa aufnahm. Ein Teil des geschlagenen Heeres hatte sich zunächst nach Karnak-Logon zu Fadel Allah begeben; als die Franzosen vor die Stadt rückten, war diese geräumt und der Feind bereits nach Dikoa abmarschiert. Weitere Abteilungen der Rabeh’schen Soldateska, die bis dahin in Gulfei und an anderen Plätzen am Schari und Logon gestanden hatten, zogen sich südwestwärts zurück. Schon vor der Entscheidungsschlacht hatten die nomadisierenden Araber im Westen des Schari, verschiedenen Zweigstämmen der Schoa angehörig, sich gegen Rabeh erklärt, und sie waren etwa 10- bis 12000 Mann stark mit ihren Viehheerden, die Foureau auf 15000 Köpfe schätzt, in die Nähe der Franzosen gekommen, wo sie ein eigenes Lager bezogen. Auch die übrige Bevölkerung von Bornu stand Rabeh in keiner Weise zur Seite.

Unbehelligt kamen die Franzosen am 1. Mai inDikoa an.[54]Die Stadt war in der Nacht zuvor von Fadel Allah eilends verlassen worden, und hier hatte bereits eine allgemeine Plünderung seitens der entfesselten Einwohnerschaft begonnen. Ohne auf Widerstand zu stossen, zogen die Franzosen ein und besetzten den Palast und die Soldatenquartiere Rabehs. Bald darauf flog das grosse Pulvermagazin in die Luft, wodurch der Palast und die Nachbargebäude in Flammen aufgingen. Das Feuer wurde gelöscht, die Ruhe in der Stadt einigermassen hergestellt und schon in der folgenden Nacht die Verfolgung der Söhne Rabehs von Reibell aufgenommen. Das Gros der Franzosen blieb unter dem Befehl des Kapitäns Robillot in Dikoa zurück, wo nunmehr die Plünderung von neuem begann, die erst nach zwei Tagen von Robillot unterdrückt werden konnte. Aus den Trümmern des Palastes wurden 35 alte Festungskanonen und grosse Mengen an Pulver, Munition und Gewehren hervorgezogen.[55]

An der Verfolgung Fadel Allahs beteiligte sich ein Detachement von 160 Schützen zu Pferde mit einer Kanone nebst einer grösseren Anzahl eingeborener Berittener. Am 2. Mai wurden die Zurückweichenden bei Degemba am Flusse Jadzerem eingeholt. Fadel Allah hatte nur 700 oder 800 Gewehre bei sich, ein heftiger Kampf entspann sich, in dem die Franzosen Sieger blieben. Fadel Allah entkam und setzte seine Flucht weiter nach dem Berggebiet von Mandara fort. Unterwegs stiessen von allen Seiten andere Flüchtlinge zu ihm. In Issege, am Nordrande der Mandaraberge, bezog er ein Lager. Am 7. Mai wurde er hier von Reibell überrascht. Nach dem französischen Kriegsbericht wären Niebe und Hibid (Abed), der Schwiegersohn Rabehs, bei diesem Rencontre gefallen, eine Nachricht, die sich später als unrichtig erwiesen hat. Jedenfalls war die Überraschung den Franzosen derartig gelungen, dass Fadel Allah an einen Widerstand nicht mehr dachte, sondern dem Sieger sein Lager überliess und weiter floh. Im Lager fanden die Franzosen 1000 Sklaven und 5000 Weiber jeden Alters, unter diesen Hadja, die Frau Fadel Allahs, die Tochter des Herrn von Kuti und eine Gattin des Rabeh. Im ganzen hatten sie bei der Verfolgung zwölf Fahnen, mehrere Hundert Gewehre und zehn grosse Wallbüchsen erbeutet.

Reibell kehrte nunmehr um und kam am 13. Mai 1900 nach Dikoa zurück.[56]Am 15. und 16. Mai wurde der Rückmarsch nach dem Schari begonnen, und am 22. Mai befand sich die Truppe wieder auf demrechten Schari-Ufer. Gegenüber Kusseri wurde hier das Fort Lamy als Centralpunkt des Schari-Bezirks errichtet. Zwei weitere befestigte Posten wurden am Schari in Mandjafa (Fort de Cointet) und Busso (Fort Bretonnet) angelegt. Der grösste Teil der Offiziere und Mannschaften der „Mission saharienne“ wurde durch die französische Kongo-Kolonie nach der Heimat gesandt. Die Expedition Joallands blieb noch eine zeitlang zur Verfügung Gentils und trat alsdann durch Bornu über Dikoa, wieder durch deutsches und sodann durch englisches Gebiet marschierend, den Rückweg nach Zinder an, wo sie am 10. Juli anlangte und von wo aus sie erst nach Eintreffen einer weiteren bedeutenden französischen Truppenmacht, die zur Verstärkung der Besatzung von Zinder vom Westen geschickt worden war, über Say die Rückkehr fortsetzen konnte. Gentil hatte Joalland bis nach Dikoa begleitet. Am 25. August trat er von Fort Lamy aus über den Schari und Kongo die Rückreise nach Paris an. In Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die koloniale Sache Frankreichs wurde er zum „Gouverneur des Colonies“ ernannt.

Das ganze Gebiet vom Niger bis zur Schari-Mündung, den Tschadsee im Norden umspannend, erhielt nunmehr eine Organisation. Zinder wurde das Centrum eines eigenen Territoire militaire. Das Gebiet im Süden des Tschadsees innerhalb der französischen Kongo-Kolonie wurde in zwei Bezirke eingeteilt, die südliche Région civile du Haut Chari, einschliesslich Kuti mit dem Flusse Wa oder Nahr Sarra als Nordgrenze, und im Norden davon das Territoire militaire du Bas Chari.[57]Zur Vertretung Gentils, dem das gesamte Schari-Gebiet unterstellt war, wurde der Oberstleutnant Destenave ernannt, und diesem gleichzeitig das Kommando über das Territoire militaire du Bas Chari übertragen. Bis zur Ankunft Destenaves in Fort Lamy führte hier Robillot den Oberbefehl über die französischen Streitkräfte im Schari-Bezirk. Diese bestanden aus drei Kompagnien Infanterie und einer von einem der „Mission saharienne“ zugehörigen Spahis-Offizier, Leutnant de Thézillat, aus Arabern der Umgegend und Rabeh’schen Flüchtlingen einexercierten Schwadron Kavallerie.

Übrigens beliessen die Franzosen in den neu eroberten Gebieten möglichst die angestammten Fürsten als die eigentlichen Regierenden des Landes, die natürlich unter strengste Aufsicht genommen wurden. In Baghirmi konnte Gauranga wieder zu seinem Rechte gelangen. Statt der bisherigen schweren Steuer, die an Rabeh und auch noch an Wadai zu zahlen war, wurde ihm ein mässiger Tribut an Vieh und Getreide im ungefähren Werte von 42000 Francs jährlich auferlegt. Das rechte Schari-Ufer und dassüdliche Ufer des Tschadsees wurden in direkte französische Verwaltung genommen.

Im Gebiete von Kanem im Osten des Tschadsees war von Joalland ein Schutzvertrag mit dem Araber Chalifa Djerab geschlossen worden, der zum Gesamtschech des grössten Teils von Kanem gemacht wurde, allerdings mit dem Vorbehalt, dass ihm erst später zu der thatsächlichen Herrschaft in diesem Gebiete verholfen werden solle. Ferner war die Unterwerfung der Leute von Dekena und Assala im Süden von Kanem angenommen worden, die bisher sowohl Rabeh als Wadai tributpflichtig waren, und endlich waren Beziehungen mit zwei Schechs der Waled Soliman-Araber, Reuss und F’dinn, im Nordosten des Tschadsees in der Landschaft Schitati angeknüpft worden. — Eine Machtentfaltung durch eine dauernde Niederlassung zwischen Zinder und der Schari-Mündung, also im Norden und Osten des Tschadsees, war noch nicht erfolgt.

[49]Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1899, S. 383 und 422.[50]Vergl. unten S. 116. Von einem Mudjabera-Kaufmann wurde mir berichtet, die Waled Soliman und andere Stamme von Kanem hätten sich zu der Zeit, als er gerade in Mao und im Gebiete der Dekena sich befand, noch nicht schlüssig gemacht, wie sie sich den Weissen gegenüber verhalten sollten. Währenddem seien die Fremden weiter nach dem Süden marschiert und unbehelligt geblieben.[51]Vergl. Bulletin de la Societé de Géographie, 1901, S. 396 ff.[52]Der Deputierte Dorian, welcher vom Mittelmeer aus der Expedition sich angeschlossen hatte, blieb in Zinder zurück und marschierte am 4. März 1900 mit einigen Leuten der Garnison von Zinder nach Say am Niger, das am 23. April erreicht wurde, und sodann auf dem Westwege heimwärts[53]Vergl. Bulletin de la Société de Géographie, 1901, S. 364; Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1900, S. 266, 354.[54]Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1900, S. 341.[55]Vergl. den officiellen Bericht des Major Reibell in den Renseignements coloniaux et documents publ. par le Comité de l’Afrique française, 1901, S. 20. — Die Franzosen fanden in Dikoa mehrere tripolitanische Kaufleute mit ihren Familien, im ganzen etwa 100 Köpfe stark, angesiedelt vor.[56]Vergl. den Rapport Reibells, a. a. O. S. 15 ff.[57]Vergl. A. Terrier im Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1901, S. 102. Über das französische Gebiet Haut Oubanghi vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1901, S. 295.

[49]Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1899, S. 383 und 422.

[49]Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1899, S. 383 und 422.

[50]Vergl. unten S. 116. Von einem Mudjabera-Kaufmann wurde mir berichtet, die Waled Soliman und andere Stamme von Kanem hätten sich zu der Zeit, als er gerade in Mao und im Gebiete der Dekena sich befand, noch nicht schlüssig gemacht, wie sie sich den Weissen gegenüber verhalten sollten. Währenddem seien die Fremden weiter nach dem Süden marschiert und unbehelligt geblieben.

[50]Vergl. unten S. 116. Von einem Mudjabera-Kaufmann wurde mir berichtet, die Waled Soliman und andere Stamme von Kanem hätten sich zu der Zeit, als er gerade in Mao und im Gebiete der Dekena sich befand, noch nicht schlüssig gemacht, wie sie sich den Weissen gegenüber verhalten sollten. Währenddem seien die Fremden weiter nach dem Süden marschiert und unbehelligt geblieben.

[51]Vergl. Bulletin de la Societé de Géographie, 1901, S. 396 ff.

[51]Vergl. Bulletin de la Societé de Géographie, 1901, S. 396 ff.

[52]Der Deputierte Dorian, welcher vom Mittelmeer aus der Expedition sich angeschlossen hatte, blieb in Zinder zurück und marschierte am 4. März 1900 mit einigen Leuten der Garnison von Zinder nach Say am Niger, das am 23. April erreicht wurde, und sodann auf dem Westwege heimwärts

[52]Der Deputierte Dorian, welcher vom Mittelmeer aus der Expedition sich angeschlossen hatte, blieb in Zinder zurück und marschierte am 4. März 1900 mit einigen Leuten der Garnison von Zinder nach Say am Niger, das am 23. April erreicht wurde, und sodann auf dem Westwege heimwärts

[53]Vergl. Bulletin de la Société de Géographie, 1901, S. 364; Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1900, S. 266, 354.

[53]Vergl. Bulletin de la Société de Géographie, 1901, S. 364; Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1900, S. 266, 354.

[54]Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1900, S. 341.

[54]Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1900, S. 341.

[55]Vergl. den officiellen Bericht des Major Reibell in den Renseignements coloniaux et documents publ. par le Comité de l’Afrique française, 1901, S. 20. — Die Franzosen fanden in Dikoa mehrere tripolitanische Kaufleute mit ihren Familien, im ganzen etwa 100 Köpfe stark, angesiedelt vor.

[55]Vergl. den officiellen Bericht des Major Reibell in den Renseignements coloniaux et documents publ. par le Comité de l’Afrique française, 1901, S. 20. — Die Franzosen fanden in Dikoa mehrere tripolitanische Kaufleute mit ihren Familien, im ganzen etwa 100 Köpfe stark, angesiedelt vor.

[56]Vergl. den Rapport Reibells, a. a. O. S. 15 ff.

[56]Vergl. den Rapport Reibells, a. a. O. S. 15 ff.

[57]Vergl. A. Terrier im Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1901, S. 102. Über das französische Gebiet Haut Oubanghi vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1901, S. 295.

[57]Vergl. A. Terrier im Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1901, S. 102. Über das französische Gebiet Haut Oubanghi vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1901, S. 295.


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