XI. Das deutsche Tschadseegebiet.
Das Hinterland unserer Kamerun-Kolonie im Norden des Benue bildet ein Dreieck, dessen obere Spitze durch den südlichen Rand des Tschadsees abgestumpft wird. Etwa in der Mitte dieses Gebietes ziehen sich die Mandaraberge hin, in deren Norden eine grosse Ebene südlich des Tschadsees liegt. Diese Ebene gehört zu den fruchtbarsten Gebieten Inner-Afrikas. Von zahlreichen Wasserläufen durchzogen trägt sie alle Arten tropischer Gewächse in üppigster Form. Sie ist verhältnismässig sehr dicht bewohnt und beherbergt zahlloses Wild. Die Mandara-Berge sind zum Teil mit hohem Buschwerk und grossen Bäumen bestanden. Aller Wahrscheinlichkeit nach müssen sich hier reiche Mineralschätze befinden, die Eingeborenen sprechen sogar von Gold. Die Landschaft im Süden der Berge, die ihre Abwässer bereits zum Benue herabschickt, ist gleichfalls sehr fruchtbar.
Von eingeborenen Fürsten kommen in dem deutschen Tschadseegebiete die folgenden in erster Linie in Betracht: Der angestammte Herr von Bornu unddie Schechs der Araberstämme im Süden des Tschadsees sowie des Städtebezirks am westlichen Schari-Ufer, der Fürst von Mandara, die Tributärfürsten des Emir von Adamaua und der Herr von Yola selbst.
Ob die alte Bornu-Dynastie, die zur Zeit durch Djerbai repräsentiert wird, sich in der Zukunft wieder in derselben führenden Rolle wird behaupten können, wie in der Zeit vor Rabehs Einbruch, ist zweifelhaft. Nach den letzten Umwälzungen ist es nicht abzusehen, welche der früheren Vasallenfürsten der Bornu-Sultane dem Schech Djerbai die Treue bewahren werden. Die Kanuri selbst, seine Stammesgenossen, haben sich als nur noch wenig kriegstüchtig erwiesen. Nach französischer Schätzung verfügte Djerbai bei seiner Einsetzung in Dikoa über 1000 Gewehre, von denen er jedoch in seinen Kämpfen gegen Fadel Allah eine ganze Anzahl verloren hat. Die Bornu-Prinzen haben sich seit ihrer Rehabilitierung durch die Franzosen nicht gerade als sehr zuverlässig gezeigt. Es sind ebenso prahlerische und eitle, wie verweichlichte und ränkesüchtige Leute. Bis jetzt gehörten sie zu der muhammedanischen Bruderschaft der Kaderi, vielleicht ist Schech Djerbai neuerdings Senussi geworden. Djerbai hat noch zahlreiche Brüder. An seinem Hoflager in Dikoa leben jetzt zwei derselben. Ein anderer, der jüngste Sohn Haschems, Namens Rafai, ist mit Omar Sanda in Krebedji interniert. Ausserdem sollen noch zwei weitere Bornu-Prinzen in Dikoa sich befinden, nämlich ein Onkel des regierenden Schech — es wäre dies also ein jüngerer Bruder des Sultan Haschem — und ein Sohn des mutigen Abu Kiari, der seinen Bruder Haschem erschlagen und zuletzt Rabeh Widerstand geleistet hatte. Der Stammbaum der Dynastie der Kanemi stellt sich daher der umstehenden Tabelle entsprechend dar.[71]
Stammbaum der Bornu-Dynastie
Für unsere Kamerun-Kolonie ist es von grosser Bedeutung, dass das auf deutschem Tschadsee-Gebiete gelegene Dikoa, die ehemalige Hauptstadt Rabehs, in der auch Fadel Allah immer wieder seinen Centralsitz zu etablieren sich bemühte, thatsächlich das Erbe der alten Bornu-Hauptstadt Kuka angetreten hat. Es ist bereits darauf hingewiesen worden, wie Dikoa in kurzer Zeit sich zu einer riesigen Stadt entwickelt hat und jetzt der Centralpunkt eines grossen Teiles von Innerafrika geworden ist. Es ist auch heute noch die Residenz der wieder auf den Thron gelangten Bornu-Sultane, deren Machtbereich zwar gegenwärtig arg zusammengeschrumpft sein mag. In Dikoa haben jetzt auch einige tripolitanische Kaufleute ihre Niederlassungen, teils aus der Stadt Tripolis, teils Mudjabera aus Djalo im Süden von Benghazi. Diese sind Senussi; in ihren Händen liegt jetzt der ganze Handel im Norden der Mandara-Berge.
Das auf englischem Gebiete liegende Kuka ist immer noch ein Trümmerhaufen; allerdings ist in neuester Zeit hier wieder eine kleine Niederlassung und gleichzeitig eine Zauija der Senussi entstanden.
Neben den Kanuri, die den Hauptbestandteil der Bevölkerung der Ebene im Süden des Tschadsees bis nach Mandara bilden, kommen hier in erster Linie nomadisierende Araberstämme in Betracht, Nachkommen der vor vielen Jahrhunderten hierher gelangten Einwanderungen aus dem Osten. Einer der bedeutendsten dieser Stämme sind die Schoa, als deren erste Schechs Musa und Dahman genannt werden. Diese Araber bilden ein kräftiges und kriegerisches, aber auch unruhiges Element, das gewiss eine scharfe Überwachung notwendig machen wird. Wie wir sahen, lagerten die Schoa 10- bis 12000 Mann stark kurz vor der Entscheidungsschlacht zwischen den Franzosen und Rabeh in ostentativer Weise unthätig unweit des französischen Lagers.
Sodann wohnen im Schari-Delta und am Tschadsee-Ufer Leute, die mehr zu den Baghirmi-Stämmen gehören. Von ihnen hatten vor Rabehs Einbruch die Kotoko unter dem Sultan Wagaia ibn Ogari und die Makari unter dem Sultan Barao ibn Joga die grösste Bedeutung. Sie sind sehr dunkelfarbig und hauptsächlich Fischer. Ein Bezirk von mehreren Städten auf dem linken deutschen Schari-Ufer, unter diesen Gulfei, Kusseri und Logon, unterstand einem in Karnak Logon residierenden eigenen Sultan, namens Musa, der ein Tributärfürst des Königs von Bornu und der mächtigste Mann zwischen Kuka und Massenja war. In der Tschadsee-Ebene besitzen ferner die geistig und körperlich hoch entwickelten Fulbe eine Anzahl von Dörfern; sie betreiben hauptsächlich Viehzucht. Mehr im Süden hausen die hierher zurückgedrängten, allem Anscheine nach die Urbevölkerung des Tschadseegebietes ausmachenden heidnischen Bevölkerungsteile, (Musgu[72]). Haussa dürften nördlich von Mandara wohl nur in geringer Anzahl als Kaufleute verstreut leben. Der grösste Teil der Bevölkerung nördlich von Mandara ist muhammedanisch. Die am meisten vertretenen Bruderschaften sind die Kaderi und Tidjani, in jüngster Zeit scheinen auch hier die Senussi an Einfluss zu gewinnen.
In dem gebirgigen Teile des Hinterlandes von Kamerun, nördlich des Benuë, dürfte der Sultan Omar von Mandara jetzt der mächtigste Herrscher sein. Früher gehörten die Herren von Mandara zu den Vasallen der Könige von Bornu, wenn dieses Vasallenverhältnis auch in letzter Zeit bei dem Niedergange der Macht der Kanemiden stark ins Wanken geraten war.[73]Jedenfalls gewährte der Vater des Sultans von Mandara dem Bornu-Prinzen Omar Sanda nach dem Tode des Abu Kiari ein Asyl, und er war stark genug, seinen Gastfreund dem anstürmenden Rabeh nicht auszuliefern. Wohl wurde er von diesem besiegt und getötet; doch konnte sein Sohn Omar sich in seinen schwer zugänglichen Bergen gegen die sieggewohnten Leute Rabehs halten. Für das Selbstbewusstsein des Königs von Mandara spricht eine charakteristische Anekdote, die ich in Kairo gehört habe. Danach hätte Rabeh bei dem Vormarsch der Franzosen dem Fürsten von Mandara zehn Kamele mit Geschenken und eine Anzahl ausgesucht schöner Weiber gesandt mit der Bitte, die früheren Feindseligkeiten zu vergessen und ihm Hilfstruppen zu schicken, worauf ihm geantwortetwurde, er möge erst hundert Kamele senden, bevor in Verhandlungen eingetreten werden könne. Nach französischen Quellen dürfte der Sultan von Mandara nicht mehr als etwa hundert Gewehre besitzen, ausserdem verfügt er über eine Anzahl von Panzerreitern, — die übrigens im ganzen Tschadseegebiet vorkommen — und einige tausend Lanzenträger und Bogenschützen, welch letztere besonders gefürchtet sein sollen. Seine kriegerische Macht würde europäisch gedrillten Truppen weit weniger Schwierigkeiten bereiten, als die in seinem Terrain gelegenen Berge, in welchen er immer Zuflucht suchen kann. Nach dem Tode Rabehs war der Sultan von Mandara in gewisse Beziehungen zu den Franzosen getreten. Er bat diese um Rücksendung der ihm von Rabeh geraubten Leute, die als Sklaven fortgeschleppt worden waren, ein Wunsch, welcher erfüllt wurde.
Die Einwohner von Mandara, Musgu, gehören zur Urbevölkerung des südlichen Tschadseegebietes. Sie sind nur zum kleineren Teile muhammedanisch, zum grösseren Teile heidnisch. In ihren noch vielfach mit hochstämmigen Bäumen bestandenen Bergen haust die Bevölkerung in Hütten, die in diesen Bäumen selbst errichtet sind, oder in Höhlenwohnungen. Die Mandaraleute tragen im Winter Fellkleidung.
Das theokratische Fürstentum Balda, welches der Sokoto-Prinz Haiatu im Osten von Mandarasich und seinem Sohne Mundjeli schaffen konnte, scheint mit dem Zusammenbruch seines Begründers aufgehört zu haben.
Südlich der Mandara-Berge bis zum Benuë haben keine Stammverbände oder Dorf- und Stadtvereinigungen besondere Bedeutung. Das Land gehört zu Adamaua und ist dem Emir von Yola tributär. Auch hier besteht das Gros der Bevölkerung aus Musgu; in den grösseren Ortschaften hausen muhammedanische Stadtfürstengeschlechter: wie ihr Lehns-Oberherr, der Emir von Yola und Adamaua, meist Fulbe. Einer der grössten Orte ist Marrua im Südosten von Mandara, der nordöstlichste Punkt, den die Herren von Üchtritz und Passarge im Hinterlande von Kamerun erreicht haben.
Am Benuë[74]ist auf deutschem Gebiet Garua der wichtigste Ort, auch hier residiert ein von Yola abhängiger Fulbefürst oder Statthalter. Schon jetzt entwickelt Garua, das kommercielle Centrum für weite Gebiete im Norden und Süden des Benuë, eine für jene Gegenden nicht unbedeutende Handelsthätigkeit.Zwischen Garua und Yola besitzt der Emir von Adamaua eine Sommerresidenz, Ribago genannt, am Flusse, in der er einen Teil des Jahres zuzubringen pflegt.
Herr von Yola und Adamaua war bis vor Kurzem der Emir Zuber, ein Nachkomme des Adama, welcher im Anfange des 19. Jahrhunderts das Fürstentum Adamaua gründete und sich dann der Oberhoheit des Kaisers von Sokoto unterstellte. Seine Residenz befindet sich auf englischem Einflussgebiete in nächster Nähe des Benuë. Die Stadt Yola bildet mit ihrer Umgebung eine englische Ausbuchtung nach Osten in unseren Besitz, das Land des Fürsten von Adamaua liegt zum grossen Teile in unserer Kamerun-Kolonie. Zu seinen Vasallen gehören ausser dem Herrn von Mandara eine ganze Anzahl von Statthaltern, deren Land auf deutschem Gebiete liegt. Alle diese sind, wie erwähnt, ebenso wie der Emir von Yola muhammedanische Fulbe. Ihre Vorfahren waren zum Teil schon von Adama in einzelnen grösseren Städten von Adamaua eingesetzt worden. Es sind dies die Herren von Tibati(mit Unterstatthaltern in Yoko und Ngute), Ngaundere, Banyo, Gaschaka, Kontscha, Tschamba, Bubandjidda, Garua und Marrua.
Inzwischen haben sich die Verhältnisse in Yola gleichfalls überstürzt. Der Emir Zuber wurde von der Royal Niger Company stets als zweifelhafter Freund betrachtet. Er hatte von den Franzosen, die unter Mizon flussaufwärts gekommen waren, zwei Kanonen erhalten, was seinerzeit zu den englischerseits dem französischen Expeditionschef bewirkten Schwierigkeiten geführt hat. Die Company, die eine Zeit lang eine Station am Benuë bei Yola eingerichtet hatte, hielt es später für besser, diese weiter flussabwärts zu verlegen. Vor zwei Jahren trat die Gesellschaft ihre Hoheitsrechte an die britische Regierung ab. Diese teilte das Niger-Benuë-Gebiet in die Distrikte Süd- und Nordnigeria — zu letzterem gehört Yola — und richtete hier eine mehrere Tausend Mann starke Truppenmacht ein, um nunmehr ernsthaft die durch die internationalen Verträge der englischen Einflusssphäre zugesprochenen Landesteile in Besitz zu nehmen.
In den letzten Jahren scheint nach englischen Berichten der Emir Zuber dem britischen Handel wieder Schwierigkeiten bereitet zu haben, und dies wie seine Sklavenjagden und sein unbotmässiges Verhalten gegen Befehle der Regierung von Nord-Nigeria waren der Grund für das Ende August 1901 erfolgte Vorgehen der Engländer. Auf mehrerenDampfschiffen bewegte sich eine englische Truppe von 12 Offizieren, 7 europäischen Unteroffizieren, 2 Ärzten, 360 eingeborenen Soldaten, 2 Feldkanonen und 4 Maximgeschützen den Benuë stromaufwärts. Der Oberanführer, Oberst Morland, versuchte zunächst Zuber zur friedlichen Übergabe zu bewegen; er fand kein Gehör. Am 2. September wurde die Stadt im Sturm genommen. Unter den 41 Verwundeten befanden sich Oberst Morland selbst und Major Mac Klintock. An Toten hatten die Engländer nur wenige. Der Feind verlor 150 Tote und Verwundete. Den grössten Widerstand hatte eine Anzahl aus dem ehemaligen Rabeh’schen Heer versprengter Streiter geleistet, Bornu-Leute und Araber, die nach dem Tode des sudanesischen Eroberers ihren Weg nach Yola gefunden hatten und sich von dem Emir als Soldaten hatten anwerben lassen. Es gelang Zuber, mit einem Häuflein Getreuer in südöstlicher Richtung zu entkommen. Die Engländer sandten am folgenden Tage ein Verfolgungskorps auf einem Heckrad-Dampfer und landeten bei Ribago oberhalb Yola, um Zuber zu verhindern, seine Absicht auszuführen, hier den Fluss zu überschreiten und nach Norden zu fliehen. Doch konnte Zuber auf deutschem Gebiete bei seinen Stammesgenossen und Vasallen einen Zufluchtsort finden.[75]
Der Stellvertreter Sir Frederick Lugards, Mr.William Wallace, setzte darauf den Bruder Zubers, Achmed (Bobo Amadu), als Emir von Britisch Adamaua in Yola ein. Auf einem beherrschenden Punkte ausserhalb der Stadt wurde ein befestigter Posten errichtet und mit einer starken Besatzung belegt und Kapitän Ruxton als Resident bei dem neuen Emir zurückgelassen. Diesem ist die Ausübung der Sklavenjagden untersagt worden, doch will sich die Regierung einstweilen noch nicht in die Frage der Haussklaverei einmischen.
Ende des Jahres 1901 kehrte Sir Frederick Lugard nach Nigeria zurück. Er fand Fadel Allahs Macht vernichtet. Auf seinen Befehl ging eine 300 Mann starke Expedition unter dem Oberst Morland nach dem Nordosten von Nigeria ab, um genaue Ermittelungen über das Land und die Bevölkerungsverhältnisse, sowie über die Folgen der Herrschaft Rabehs und der Vernichtung derselben durch die Franzosen anzustellen. Unterwegs mussten mehrere aufständische Heidenstämme am nördlichen Ufer des Benue gezüchtigt werden, die sich Räubereien und Morde hatten zu Schulden kommen lassen. In Bautschi wurde der Sultan Omar durch einen Verwandten ersetzt. Die Expedition begab sich demnächst nach Ebi und Lokoja. Von Lokoja aus sollte zu Ende dieses Jahres ein Vorstoss zur Erschliessung des Bussalandes unternommen werden. Der Bestand der britischen Truppen in Nigeria soll jetzt eine weitere Verstärkung erfahren. Demnächst wird auch eine Expedition nach Kano und Sokoto geplant, deren Herrscher in direkte Abhängigkeit zu der Regierung von Nigeria gebracht werden sollen. Der Centralsitz der Verwaltung der englischen Kolonie ist von Djebba nach Wuschischi in die Nähe des Katonaflusses im Nordosten von Bida verlegt worden. Der Ort ist durch eine Eisenbahn mit dem Katonaflusse verbunden.
Deutscherseits ist jetzt gleichfalls mit der Eröffnung des nach den Verträgen mit Frankreich und England uns zustehenden Tschadseegebietes begonnen worden. Durch den Vertrag vom 15. November 1893 mit England ist unsere Grenze im Westen und durch den Vertrag vom 15. März 1894 mit Frankreich im Osten festgelegt worden.
Am 12. Oktober 1901 war Oberleutnant Dominik, der bereits erfolgreich in Tibati und in anderen Orten Adamauas thätig war, und dem der Oberleutnant von Bülow beigegeben ist, mit einer Expedition von der Küste von Kamerun aus nach dem Benuë marschiert. Er hatte die Aufgabe, auf friedlichem Wege die Einrichtung eines ständigen Beobachtungspostens in Garua und den Beginn der Entfaltung deutscher Handelsthätigkeit im Hinterland unserer Kolonie in die Wege zu leiten, sowie die spätere Festsetzung der deutschen Herrschaft am Tschadsee vorzubereiten.
Kurz vor ihm war Hauptmann Cramer von Clausbruch, der im Oktober 1901 mit zwei Kompagnien der Schutztruppe zunächst nach Tibati gegangen war, über Ngaundere nach Garua gelangt. Am 5. Dezember dort eingetroffen, wurde er am 19. von dem von den Engländern entthronten Emir Zuber von Yola angegriffen. Letzterer wurde jedoch nach heftigem Kampfe zurückgeschlagen. Auch Oberstleutnant Pavel, der Kommandeur der deutschen Schutztruppe in Kamerun, erreichte Anfang des Jahres mit zwei Kompagnien über das Gebiet der Bali, Banjo und Kuntscha Garua, wo er Verstärkungen für den von Dominik errichteten Posten zurückliess. Von Garua aus unternahm Oberstleutnant Pavel einen Rekognoscierungsmarsch durch das deutsche Tschadseegebiet. Er verliess Garua am 26. März, durchquerte unter Gefechten die Ngollo- und Selebebaberge, erreichte Dikoa am 21. April und den Tschadsee am 3. Mai. Der Rückmarsch wurde den Logon entlang über Karnak-Logon nach Maona genommen. Die Wiederankunft in Garua erfolgte am 7. Juni. Dem Sultan Zuber von Yola wurden in den Ausläufern der Mandaraberge, westlich von Marrua, zwei Niederlagen beigebracht, ohne dass es jedoch gelungen wäre, ihn gefangen zu nehmen. In Dikoa wurde eine französische Garnison — Kapitän Dangeville mit einem weissen Unteroffizier und 50 Spahis — vorgefunden. Diese wohnte der feierlichen Hissung der deutschen Flagge bei und zog hierauf auf französisches Gebiet ab. Weitere französische Garnisonen in Kusseri und Gulfei zogen beim Nahen der Expedition gleichfalls ab. Dikoa und Garua erhielten deutsche Garnisonen, und zwar Dikoa 50 Mann unter Oberleutnant Bülow und Garua 50 Mann unter Oberleutnant Dominik.[76]Oberstleutnant Pavel trat am 8. Juni d. J. von Garua aus den Rückmarsch nach der Küste an und ist Mitte August in Duala eingetroffen. Neben Yoko ist jetzt auch in Banyo ein deutscher Militärposten errichtet worden, wodurch die Station von Garua wieder einen näheren Stützpunkt erhalten hat. Das Hinterland von Kamerun ist damit thatsächlich in Besitz genommen.
Unabhängig von diesen staatlichen Unternehmungen ist von dem unter dem Vorsitz des Konsuls Vohsen stehenden deutschen Tschadsee-Komitee eine weitere Expedition über den Niger und Benue stromaufwärts auf einem eigenen gecharterten Dampfer unterwegs. Die Expedition wird geleitet von Herrn Bauer, dem die Herren von Waldow und Bergingenieur Edlinger beigegeben sind. Sie soll zunächst in Garua ein Jahr verbleiben und das Land der Umgebung in möglichst weiter Ausdehnung auf seine natürlichen Hilfskräfte und wirtschaftlichen und Handels-Verhältnisse eingehend untersuchen. Es ist erfreulich, festzustellen, dass die Expedition von den englischen Behörden und Kaufleuten in Nigeria das freundlichste Entgegenkommen erfahren hat.
Durch die Siege der französischen Waffen am Schari und im Süden des Tschadsees, der Engländer bei Yola und Bautschi und durch unsere eigenen Erfolge in Adamaua ist das Prestige der Weissen gerade jetzt am Benue und im deutschen Tschadseegebiet sehr hoch gestiegen.
[71]Mir wurde auch ein Sohn Abu Kiaris, namens Omar Sanda, als der gegenwärtige Senior und ehestberechtigte Prätendent der alten Bornu-Dynastie bezeichnet. Es mag dieses der vorerwähnte Sohn Abu Kiaris sein, der jetzt in Dikoa lebt; anderenfalls müsste eine Verwechselung mit dem ältesten Sohne Haschems vorliegen. Vielleicht ist der jetzige Sultan Djerbai mit einem Bornu-Prinzen Djebril zu identificieren, der zur Zeit der Rabeh’schen Schreckensherrschaft in Sia (Kuno), im Südwesten des Tschadsees, am Schari, gestützt auf eine Schar treu ergebener Leute, eine gewisse Selbständigkeit erworben hatte und seinen Einfluss vor allem der Ausübung erfolgreicher Wunderkuren, wie Mitglieder der Bruderschaft der Kaderi sie auszuführen pflegen, verdankte. Er hatte sich den Franzosen gegenüber freundlich gezeigt, und auch Prins, als dieser durch Gaza kam, wo er sich damals aufhielt, in geschickter Weise die Verstauchung einer Hand geheilt.[72]Mit dem Namen Musgu hörte ich sowohl den in Mandara und im Osten bis zum Schari lebenden eingeborenen Stamm bezeichnen, wie er ausserdem für Heiden überhaupt im Süden des Tschadsees im Gegensatze zu Muhammedanern angewandt wurde.[73]In den letzten Jahrzehnten war der Sultan von Mandara nicht nur Bornu, sondern auch dem Emir von Yola und dadurch indirekt dem Kaiser von Sokoto tributpflichtig geworden. Doch hinderte dieses den Emir von Yola nicht, von Zeit zu Zeit Raubzüge gegen die heidnischen Distrikte von Mandara zu unternehmen, um Sklaven zu erbeuten, die er wiederum zum Teil als Tribut seinem Oberherrn nach Sokoto sandte.[74]Der Benuë ist eine breite Wasserstrasse. Grössere Schiffe, die etwa 250 Tonnen halten, können ihn drei Monate des Jahres bis nach Garua aufwärts befahren. Für kleinere Schiffe dürfte der Fluss während des ganzen Jahres bis Bifara an der französischen Grenze passierbar sein. Die Frage, ob zwischen dem Benuë und dem Logon, also zwischen dem atlantischen Ocean und dem Schari und dem Tschadsee eine nicht unterbrochene Verbindung zu Wasser besteht, wäre nach den Mitteilungen des französischen Forschers Bonnel de Mezières zu bejahen. Seiner Ansicht nach könnten zu gewissen Zeiten des Jahres Schiffe vom Benuë über den Majo Kebbi bis zum Schari gelangen. Die Dampfer, welche im Herbst vom atlantischen Ocean über den Niger ihre Bergfahrt beginnen, würden die europäischen Waren nach Garua bringen können und hätten volle Zeit, die dort aufgestapelten Erzeugnisse des Landes wieder nach dem Ocean zurückzuführen. Von Garua aus würden kleinere Bote bis nach Bifara und zum Logon verkehren können, von wo aus die Waren — immer auf der Wasserstrasse — bis zum Tschadsee gelangen würden und umgekehrt. In jüngster Zeit hat Leutnant de Thézillat die Gelegenheit des Antritts eines Heimatsurlaubs benutzt, um vom Fort Lamy aus den Logon aufwärts auch auf deutschem Gebiete zu erforschen.[75]Es hiess eine Zeit lang, dass er sich mit der Absicht tragen solle, die Pilgerfahrt nach Mekka zu machen.[76]In jüngster Zeit soll Sultan Djerbai Dikoa verlassen haben und auf englisches Gebiet übergesiedelt sein.
[71]Mir wurde auch ein Sohn Abu Kiaris, namens Omar Sanda, als der gegenwärtige Senior und ehestberechtigte Prätendent der alten Bornu-Dynastie bezeichnet. Es mag dieses der vorerwähnte Sohn Abu Kiaris sein, der jetzt in Dikoa lebt; anderenfalls müsste eine Verwechselung mit dem ältesten Sohne Haschems vorliegen. Vielleicht ist der jetzige Sultan Djerbai mit einem Bornu-Prinzen Djebril zu identificieren, der zur Zeit der Rabeh’schen Schreckensherrschaft in Sia (Kuno), im Südwesten des Tschadsees, am Schari, gestützt auf eine Schar treu ergebener Leute, eine gewisse Selbständigkeit erworben hatte und seinen Einfluss vor allem der Ausübung erfolgreicher Wunderkuren, wie Mitglieder der Bruderschaft der Kaderi sie auszuführen pflegen, verdankte. Er hatte sich den Franzosen gegenüber freundlich gezeigt, und auch Prins, als dieser durch Gaza kam, wo er sich damals aufhielt, in geschickter Weise die Verstauchung einer Hand geheilt.
[71]Mir wurde auch ein Sohn Abu Kiaris, namens Omar Sanda, als der gegenwärtige Senior und ehestberechtigte Prätendent der alten Bornu-Dynastie bezeichnet. Es mag dieses der vorerwähnte Sohn Abu Kiaris sein, der jetzt in Dikoa lebt; anderenfalls müsste eine Verwechselung mit dem ältesten Sohne Haschems vorliegen. Vielleicht ist der jetzige Sultan Djerbai mit einem Bornu-Prinzen Djebril zu identificieren, der zur Zeit der Rabeh’schen Schreckensherrschaft in Sia (Kuno), im Südwesten des Tschadsees, am Schari, gestützt auf eine Schar treu ergebener Leute, eine gewisse Selbständigkeit erworben hatte und seinen Einfluss vor allem der Ausübung erfolgreicher Wunderkuren, wie Mitglieder der Bruderschaft der Kaderi sie auszuführen pflegen, verdankte. Er hatte sich den Franzosen gegenüber freundlich gezeigt, und auch Prins, als dieser durch Gaza kam, wo er sich damals aufhielt, in geschickter Weise die Verstauchung einer Hand geheilt.
[72]Mit dem Namen Musgu hörte ich sowohl den in Mandara und im Osten bis zum Schari lebenden eingeborenen Stamm bezeichnen, wie er ausserdem für Heiden überhaupt im Süden des Tschadsees im Gegensatze zu Muhammedanern angewandt wurde.
[72]Mit dem Namen Musgu hörte ich sowohl den in Mandara und im Osten bis zum Schari lebenden eingeborenen Stamm bezeichnen, wie er ausserdem für Heiden überhaupt im Süden des Tschadsees im Gegensatze zu Muhammedanern angewandt wurde.
[73]In den letzten Jahrzehnten war der Sultan von Mandara nicht nur Bornu, sondern auch dem Emir von Yola und dadurch indirekt dem Kaiser von Sokoto tributpflichtig geworden. Doch hinderte dieses den Emir von Yola nicht, von Zeit zu Zeit Raubzüge gegen die heidnischen Distrikte von Mandara zu unternehmen, um Sklaven zu erbeuten, die er wiederum zum Teil als Tribut seinem Oberherrn nach Sokoto sandte.
[73]In den letzten Jahrzehnten war der Sultan von Mandara nicht nur Bornu, sondern auch dem Emir von Yola und dadurch indirekt dem Kaiser von Sokoto tributpflichtig geworden. Doch hinderte dieses den Emir von Yola nicht, von Zeit zu Zeit Raubzüge gegen die heidnischen Distrikte von Mandara zu unternehmen, um Sklaven zu erbeuten, die er wiederum zum Teil als Tribut seinem Oberherrn nach Sokoto sandte.
[74]Der Benuë ist eine breite Wasserstrasse. Grössere Schiffe, die etwa 250 Tonnen halten, können ihn drei Monate des Jahres bis nach Garua aufwärts befahren. Für kleinere Schiffe dürfte der Fluss während des ganzen Jahres bis Bifara an der französischen Grenze passierbar sein. Die Frage, ob zwischen dem Benuë und dem Logon, also zwischen dem atlantischen Ocean und dem Schari und dem Tschadsee eine nicht unterbrochene Verbindung zu Wasser besteht, wäre nach den Mitteilungen des französischen Forschers Bonnel de Mezières zu bejahen. Seiner Ansicht nach könnten zu gewissen Zeiten des Jahres Schiffe vom Benuë über den Majo Kebbi bis zum Schari gelangen. Die Dampfer, welche im Herbst vom atlantischen Ocean über den Niger ihre Bergfahrt beginnen, würden die europäischen Waren nach Garua bringen können und hätten volle Zeit, die dort aufgestapelten Erzeugnisse des Landes wieder nach dem Ocean zurückzuführen. Von Garua aus würden kleinere Bote bis nach Bifara und zum Logon verkehren können, von wo aus die Waren — immer auf der Wasserstrasse — bis zum Tschadsee gelangen würden und umgekehrt. In jüngster Zeit hat Leutnant de Thézillat die Gelegenheit des Antritts eines Heimatsurlaubs benutzt, um vom Fort Lamy aus den Logon aufwärts auch auf deutschem Gebiete zu erforschen.
[74]Der Benuë ist eine breite Wasserstrasse. Grössere Schiffe, die etwa 250 Tonnen halten, können ihn drei Monate des Jahres bis nach Garua aufwärts befahren. Für kleinere Schiffe dürfte der Fluss während des ganzen Jahres bis Bifara an der französischen Grenze passierbar sein. Die Frage, ob zwischen dem Benuë und dem Logon, also zwischen dem atlantischen Ocean und dem Schari und dem Tschadsee eine nicht unterbrochene Verbindung zu Wasser besteht, wäre nach den Mitteilungen des französischen Forschers Bonnel de Mezières zu bejahen. Seiner Ansicht nach könnten zu gewissen Zeiten des Jahres Schiffe vom Benuë über den Majo Kebbi bis zum Schari gelangen. Die Dampfer, welche im Herbst vom atlantischen Ocean über den Niger ihre Bergfahrt beginnen, würden die europäischen Waren nach Garua bringen können und hätten volle Zeit, die dort aufgestapelten Erzeugnisse des Landes wieder nach dem Ocean zurückzuführen. Von Garua aus würden kleinere Bote bis nach Bifara und zum Logon verkehren können, von wo aus die Waren — immer auf der Wasserstrasse — bis zum Tschadsee gelangen würden und umgekehrt. In jüngster Zeit hat Leutnant de Thézillat die Gelegenheit des Antritts eines Heimatsurlaubs benutzt, um vom Fort Lamy aus den Logon aufwärts auch auf deutschem Gebiete zu erforschen.
[75]Es hiess eine Zeit lang, dass er sich mit der Absicht tragen solle, die Pilgerfahrt nach Mekka zu machen.
[75]Es hiess eine Zeit lang, dass er sich mit der Absicht tragen solle, die Pilgerfahrt nach Mekka zu machen.
[76]In jüngster Zeit soll Sultan Djerbai Dikoa verlassen haben und auf englisches Gebiet übergesiedelt sein.
[76]In jüngster Zeit soll Sultan Djerbai Dikoa verlassen haben und auf englisches Gebiet übergesiedelt sein.