„Puisqu’ils ont fait boire à la terre,A l’heure du soleil naissant,Rosée auguste et salutaire,Les saintes gouttes de ton sang –Sous les feuilles de cette palme,Que t’offre le Droit outragé,Tu peux dormir d’un sommeil calme:O Martyr, tu seras vengé!“
„Puisqu’ils ont fait boire à la terre,A l’heure du soleil naissant,Rosée auguste et salutaire,Les saintes gouttes de ton sang –Sous les feuilles de cette palme,Que t’offre le Droit outragé,Tu peux dormir d’un sommeil calme:O Martyr, tu seras vengé!“
„Puisqu’ils ont fait boire à la terre,A l’heure du soleil naissant,Rosée auguste et salutaire,Les saintes gouttes de ton sang –Sous les feuilles de cette palme,Que t’offre le Droit outragé,Tu peux dormir d’un sommeil calme:O Martyr, tu seras vengé!“
„Puisqu’ils ont fait boire à la terre,A l’heure du soleil naissant,Rosée auguste et salutaire,Les saintes gouttes de ton sang –Sous les feuilles de cette palme,Que t’offre le Droit outragé,Tu peux dormir d’un sommeil calme:O Martyr, tu seras vengé!“
„Puisqu’ils ont fait boire à la terre,
A l’heure du soleil naissant,
Rosée auguste et salutaire,
Les saintes gouttes de ton sang –
Sous les feuilles de cette palme,
Que t’offre le Droit outragé,
Tu peux dormir d’un sommeil calme:
O Martyr, tu seras vengé!“
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Bedeutungsvoll und charakteristisch war die Attitude der Zeitungen. Während die Regierungsorgane nach wie vor in ihrem wilden Begehren nach dem Kopf des Attentäters und in der Genugtuung, daß sein Kopf gefallen, verharrten, änderten andere einflußreiche Blätter, wie z. B. der „Figaro“ plötzlich ihren Ton und wiesen auf die offenkundige soziale Ungerechtigkeit hin, die es verursacht hatte, daß ein Mensch von solch starker Begabung, intensivem Seelenleben durch die unverschuldeten Schicksale der Armen zum Schafott getrieben werden mußte.
Die bürgerliche Gesellschaft, deren Untergang Vaillant auf seinem Wege zur Guillotine herbeigewünscht hatte, vereinigte sich jetzt zueiner jener bekannten scheinheiligen Massenaktionen, mit denen sie seit jeher ihr Gewissen entlastet, mehr noch aber die Drohungen der Unterdrückten von sich abzulenken versucht. Um die Person, das gegenwärtige und zukünftige Schicksal des armen, hinterbliebenen Töchterchens Sidonie betätigte sich der Wohltätigkeitssinn des französischen Bürgertums, der mit Menschenliebe und Gerechtigkeit übertünchte gesellschaftliche Trieb des Feudal-Adels. Kampf und Rivalitäten entbrannten darum: wer Vormund von Sidonie Vaillant werden sollte. Das Testament ihres Vaters sprach sie seinem Freunde, dem außerordentlichen Vorkämpfer der anarchistischen Theorien Sebastian Faure zu. In einem ergreifenden Briefe, den der Verurteilte aus dem Gefängnis von La Roquette an sein Kind schrieb, und in dem er Sidonie mitteilte, daß von nun an Faure ihr wirklicher Vater sein werde, heißt es: „ein letzter und einziger Rat: sei stets gewärtig, meine Kleine, daß das einzige Ziel des Lebens ist, seinem Nächsten nicht wehe zu tun; sonst aber sollte jeder frei sein, um unbehindert das zu tun, was ihm beliebt. Lasse tun, lasse sagen. Gebe Deinem Leben ein Ziel: das Glück der Menschheit. Arbeite an Dir, damit jene, die Dein Wort hören und Deinen Taten zu folgen vermögen, sich Dir gesellen. Dannwird Dein Leben gut vollendet sein, und Dich wird, wenn Du Dein Leben lässest, dieselbe Genugtuung erfüllen, die Deinen Vater in der Stunde seines Sterbens beherrscht, – denn ich sterbe für all jene, die man die Verdammten in der Hölle dieser Gesellschaft nennen muß!“
Und in einem Tagebuchblatt, das er am Vorabend seines Attentates geschrieben und in einem letzten Willen seinem Genossen und Freund Paul Reclus zugedacht hatte, heißt es u. a.: „Ich sehe dem Tod gefaßt ins Gesicht, denn er ist der Hafen der Enttäuschten. Ich werde zumindest mit der Genugtuung sterben, daß ich für mein Teil alles getan habe, um das Kommen einer neuen Zeit zu beschleunigen. Jetzt verlange ich nur noch eins, das ist: daß bei der Auflösung meines Leibes alle meine Atome sich in der Menschheit verbreiten und ihr dieses Ferment des Anarchismus einimpfen mögen, damit die Gesellschaft der Zukunft endlich Wirklichkeit werde.“
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Fünf Tage nach der Exekution August Vaillants wies der unsichtbare Finger der Volksrache auf eine andere Stätte, an der sich die Moral der herrschenden Bürgerklasse manifestierte. Nach dem Bombenwurf gegen die Beamten der Klassenjustiz, nach demBombenwurf in die Kammer der gesetzgebenden Körperschaften flog an einem Abend im Februar 1894 eine Bombe in das große luxuriöse Caféhaus des Pariser Hôtels „Terminus“ vor dem Bahnhof „St. Lazare“.
In der Panik, die die Explosion unter den zahlreichen Gästen dieses Caféhauses verursachte, – einer kam ums Leben, etliche 20 erlitten schwerere und leichtere Verletzungen – versuchte ein junger Mensch, offenbar der Täter, durch die Menge zu entfliehen, wurde aber aufgehalten und gab einige Revolverschüsse auf seine Verfolger und jene, die sich ihm entgegenwarfen, ab. Dem Untersuchungsrichter erklärte er, sein Name sei Le Breton, bald aber gestand er seinen richtigen Namen ein:Emil Henry. War Vaillant in seiner ganzen Erscheinung, seinem Lebenslauf und den geistigen Konsequenzen, die dieser Lebenslauf hatte, auf eine höhere, nicht nur gesellschaftlich, sondern ethisch höhere Stufe zu stellen, als beispielsweise Ravachol, so repräsentierte der junge Henry unzweifelhaft eine in beiden Beziehungen gehobene Position über Vaillant, dessen Tod die Bombe im Hotel „Terminus“ rächen sollte.
Emil Henrys Erscheinung bildet sozusagen den Übergang, die notwendige Verbindung zwischen dem aktiven Propagandisten deranarchistischen Idee und jenen Anarchisten, die das theoretische Ideal zu seiner höchsten Vollendung führen, denen aber die physische Kraft zu Propagandataten mangelt, weil sich ihre ganze Energie in der Gedankenaktion konzentriert hat, jede materielle Energie aber durch die Arbeit des Gedankens aufgebraucht und absorbiert wurde.
War die Verteidigungsrede Vaillants, dem lückenhaften Bildungswege des Verfassers entsprechend, noch nicht frei von sentimentalen oder manifestartigen Ingredienzien, so stellt Henrys Plaidoyer ein klassisches Beispiel der durch einen geistig hochstehenden Menschen vollkommen verarbeiteten wissenschaftlichen Theorie dar, die sich notwendigerweise in physische Energie und Tat um setzen mußte.
In der Geschichte der anarchistischen Bewegung ist dieses Dokument dann auch eine der grundlegenden Äußerungen des in bestimmter Weise durchgeführten revolutionären Willens geblieben. Zu den theoretischen Schriften der großen Denker des Anarchismus bildet das Manifest des jungen Henry – er war zur Zeit seiner Tat etwas, über 21 Jahre alt – ein, fast möchte ich sagen,notwendigesKomplement, denn es beweist die aktive Kraft, die jenen Schriften der Theoretiker innewohnt; und damit führtdieses Manifest den Beweis, in welcher Weise Theorie, in den geeigneten physischen Bereich verpflanzt, die notwendige Wirkung erzeugen muß.
Es gibt wohl in der Literatur, die sich um die Berichte der Taten des individuellen revolutionären Willens gebildet hat, keine reinere und wirkungsvollere Beweisführung für die Kraft des Gedankens, der sich in junge enthusiastische Seelen versenkt, als die durch dieses Manifest des Einundzwanzigjährigen geoffenbart ist. Ein Berichterstatter jener Epoche charakterisiert die intellektuelle Einstellung des jungen, begabten und gebildeten Bürgersohnes sehr originell, indem er sagt, daß Henrys Haß gegen seine eigene Klasse weniger der Haß des Hungerleiders gegen den Satten genannt werden kann, sondern eher mit der Verachtung verglichen werden darf, die ein junger Maler der realistischen Schule gegenüber dem süßlichen, verlogenen Kitsch der Schule Bouguereaus empfindet.
Auf alle Fälle haben wir in der merkwürdigen und noch mehr denkwürdigen Erscheinung des jungen Henry einen Vorläufer jener Generation, die wir heute in unserer Zeit der sozialen Umwandlung, des Kataklysmus, in dessen Mitte unsere bürgerliche Welt geraten ist, und in der sie versinkt, entstehen und aufwachsen sehen. Ein klarer, scharfer, ohneZynismus, mit absoluter Sicherheit seiner Instinkte bewaffneter Geist, der die Konsequenzen seiner Überzeugung wie ein mathematisches Exempel in realen Faktoren zu ziehen versteht. Skepsis beirrt ihn noch nicht, dazu ist er zu jung. Trotzdem hat seine Lebenserfahrung kraft seiner ungemeinen Intelligenz und überlegenen Beobachtungsgabe schon die Zahl seiner Lebensjahre Lügen gestraft. Noch einige Jahre Leben, und er wird sich entweder zum glänzenden geistigen Anwalt seines eingeborenen revolutionären Dranges entwickelt haben, oder ein leergebrannter, kühler und kalter Verächter der Menschheit geworden sein.
Die Bücher der Führer der anarchistischen Idee und die Taten der Anarchisten in jenem Paris von 1891-93 entzündeten den Funken in dem jungen Mann, dessen rein geistig gerichteter Drang nicht durch seinen in der Irritation der Nerven unternommenen Fluchtversuch nach der Tat verneint wird.
Bei der Vernehmung Henrys ereignete sich das Überraschende: er gestand, zugleich der Urheber eines bisher ungeklärten Attentates zu sein, das im November 1892 gegen die Pariser Büros der Bergwerkgesellschaft Carmaux versucht worden war. Die Bombe wurde damals rechtzeitig entdeckt und von den Polizisten nach dem nächsten Polizeikommissariatin der Rue des Bons Enfants gebracht, wo sie explodierte, wobei vier Polizisten getötet wurden und eine große Zahl Anwesender schwer verletzt worden war. Henry gestand ruhig ein, daß er nach diesem verunglückten Anschlag gegen die Bergwerkgesellschaft sich für einige Zeit nach London begeben habe, wo er unter Anarchisten gelebt und sich zu seiner Tat offen bekannt, ja sich dieser Tat auch gerühmt hätte. Offenbar war es auch Henry, auf den sich eine Äußerung in den Memoiren Rocheforts bezieht, der zu jener Zeit in London im Exil lebte, weil er sich aktiver Beihilfe in den boulangistischen Machenschaften schuldig gemacht hatte. Rochefort berichtet, daß Charles Malato, der anarchistische Schriftsteller, ihm eines Tages gesagt habe: „Hier in London geht ein junger Bursche herum, der jene Explosion in der Rue des Bons Enfants verursacht haben will. Er ist wahrscheinlich ein Prahlhans und will die Leute hineinlegen.“ Es verhielt sich aber in der Tat so, der junge Prahlhans erwies sich als Henry, der Attentäter vom Café „Terminus“.
Henry entstammte einer Familie der höheren Bourgeoisie, die jedoch bereits zur Zeit der Pariser Kommune einige revolutionäre Mitglieder hervorgebracht hatte. Auch war Emils älterer BruderFortunéselber Anarchist.Emils außerordentliche Intelligenz wurde in dem Lyzeum in Paris, in dem er sich hauptsächlich in der Mathematik hervortat, dadurch anerkannt, daß er mit 16 Jahren ein Stipendium zum Eintritt in die berühmte polytechnische Hochschule zugewiesen erhielt. Da diese Schule aber eine militärisch organisierte und ihre Schüler für den Offizierstand vorbereitende Institution ist, und Emil sich als ausgesprochener Feind des Militarismus schon in frühester Jugend bekannte und betätigte, machte er von dem sozialen Vorrecht, in jene Hochschule einzutreten, keinen Gebrauch. Nach einigen Wanderjahren, die ihn in Geschäftsunternehmungen seiner Verwandten in der Provinz und in Venedig herumgeführt hatten, trat er plötzlich zu einem Uhrmacher in die Lehre, um, wie er in seiner Aussage bekundete, sich die notwendigen Kenntnisse in der Mechanik anzueignen, und später Höllenmaschinen selber herstellen zu können. Um diese Zeit betätigte er sich schon als eifriger Mitarbeiter anarchistischer Zeitungen. Das junge Leben Henrys zeigte also bereits die entscheidende Kurve zur ernsten Verfolgung der anarchistischen Ziele, die ihm durch Blutmischung, Familientradition und durch das Gebot seiner früh entwickelten außergewöhnlichen Intelligenz vorgezeichnet zu sein schien.
Der erste Eindruck, den die bei dem Prozeß Anwesenden von dem jungen, hübschen und besonnenen, dabei von einem schier maßlosen Idealismus erfüllten Menschen hatten, war: hier hat man den St. Just des Anarchismus vor sich.
Und in der Tat, wenn man die versprengten Erscheinungen dieser revolutionären Periode betrachtet, kann man sich der Anschauung nicht erwehren, daß nur der Mangel einer allgemeinen Erhebung sie zu den isolierten und sehr lose vereinten Taten geführt hatte, wo in einer revolutionär aktiveren Zeit jeder von diesen Individualisten seinen Platz in der allgemeinen Bewegung vorgeschrieben gefunden hätte. Jede Zeit gebiert die Menschen oder findet sie vor, die ihre Parole durchführen können; oft ist es aber die Zeit, die kleiner ist als die Menschen, die in ihr leben. Nur selten und in denkwürdigen Fällen der Freiheitsbewegung, der allgemeinen Entwicklung der Menschheitsidee deckt sich die Zeit mit dem Individuum, das ihr Exponent ist. Wenn dann die stupide Menge den an Energie seine Zeit überragenden Revolutionär kurzerhand als Verbrecher stempelt, ist eine von jenen oberflächlichen Meinungen geprägt, in deren Bann die minderwertige Allgemeinheit lange verweilt. Die Geschichte der Menschheit scheint durch solche Fehlurteile, Seichtigkeitdes Gefühls, nicht zu Ende-denken-Können, gefälscht zu sein.
Nahm die Erscheinung und das Benehmen Henrys vor seinem Richter auch gleich am Anfang für ihn ein, so verscherzte er sich die allgemeine Sympathie durch einen zynisch klingenden, doch aus der Energie der Idee erwachsenen Ausspruch: auf die Frage des Vorsitzenden, warum er gerade das Café Terminus sich ausersehen hatte, antwortete Henry ruhig: weil er möglichst viele Bürger zu töten beabsichtigte. In der Tat hatte er mit seiner Bombe, bevor er ins Café Terminus kam, bereits einige weniger besuchte Lokale aufgesucht.
Unter den Verletzten im Café befanden sich aber nicht nur „Bürger“, sondern Arbeiter oder wenigstens werktätige Menschen. „Sie sehen, Henry,“ bemerkte der Präsident, „es sind arbeitende Menschen, die Sie töten wollten. Sie haben sie nicht gekannt. Sie konnten sie gar nicht hassen und trotz alledem bleiben Sie vollkommen kalt und gleichgültig vor diesen armen Menschen, die Sie hier, verstümmelt und zu Schaden gekommen, auf der Zeugenbank sitzen sehen!“ Darauf Henry: „Allerdings; diese Leute sind mir vollkommen gleichgültig wie im übrigen auch Sie, Herr Präsident. Diese Leute sind Bourgeois, die Leiden und Unglück verursachen.Ihre Misère, was geht die mich an. Ich habe genug andere Misère in meinem Leben gesehen, und wenn es einen Schuldigen und Verantwortlichen dafür gibt, sind Sie es und Ihre Partei.“ Der Präsident: „Gut. Genug. Setzen Sie sich.“ Henry, während er sich setzt: „Das ist es, was ich tue.“
Der Prozeß Henrys förderte keine besonderen Überraschungen zu Tage. Er rollte sich in den üblichen Formen des Verhörs ab; das übliche Aufmarschieren der Zeugen erfolgte. Es wurde vom Angeklagten kein Versuch gemacht, sich zu entlasten, und die Zeugen, die von seinem Vorleben Kunde geben sollten, bezeichneten ihn übereinstimmend als ernsten, gewissenhaften, nur in seinen Anschauungen und seinen politischen Zielen überreifen und intransigenten Menschen.
Seine Attitüde, die er vom ersten Augenblick an einnahm, blieb bis zum Schlusse des Prozesses die gleiche. Er wußte, daß sein Leben verwirkt war; aber dies beeinflußte seine Haltung oder die Handhabung seines Organs keinen Augenblick lang.
Die Kälte, die er den Opfern seines Attentates gegenüber zur Schau trug, entsprach nur der konzentrierten geistigen Anstrengung, nicht aber der wirklichen inneren Veranlagung Henrys. Er legte sie absichtlich an den Tag, um den Antagonismus des revolutionärenKämpfers zur öffentlichen Meinung darzulegen. Seine oft an Zynismus streifenden Aussprüche waren im Grunde nur Akzente, mit denen er die Theorie, deren Konsequenzen er vertrat, verstärkte. Fast gegen seinen Willen bekundete er bei der Vernehmung seiner Verwandten (auf seinen ausdrücklichen Wunsch hatte man es seiner Mutter verboten, bei der Verhandlung zu erscheinen) eine gewisse Rücksicht und Zartgefühl. Von ihnen hatte er ja nichts wie Gutes erfahren. Was gingen ihn aber diese intimen Eigenschaften an, wo er das Leiden der großen Massen vor eben diesen, in ihren privaten Beziehungen gütigen und gerechten Menschen im Auge hatte!
Alles in diesem Prozeß schien sich auf das Plaidoyer zuzuspitzen, in dem Henry sein Lebensbekenntnis ablegte. Und dieses Lebensbekenntnis allerdings ist nicht nur eine Rechtfertigung der zufälligen Existenz eines ungewöhnlichen, in vielen Beziehungen einzigen Menschen, sondern es sichert seinem Verfasser auch eine rühmliche Stellung innerhalb der Geschichte der großen sozialen Bewegungen aller Zeiten.
Ehe ich einige Teile, bedeutungsvolle Bruchstücke aus seinem Plaidoyer hier reproduziere, will ich noch rasch einige Worte über den Tod Henrys niederschreiben.
Anfang Februar fand die Explosion im Café Terminus statt, Ende Mai starb Henry unter dem Messer der Guillotine. Es wird berichtet, daß er aufrechten Ganges zum Schafott schritt, aber daß seine Stimme ihn verriet, als er wie ins Leere ins Weltall hinaus, die Worte: „Kameraden, Mut, es lebe die Anarchie!“ zu rufen suchte.
Gleichviel. Es ist ja gleichgültig, wie dieser Mensch starb. Es ist fast gleichgültig zu nennen, wie er gelebt hatte. Sein Plaidoyer, sein Werk, das er hinterließ, ist das Wesentliche an seiner Erscheinung.
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Nach der Rede des Staatsanwaltes, – es war wieder jener Bulot – in der selbstverständlich die Todesstrafe gefordert wurde, bat der Angeklagte um das Wort, noch ehe sich sein Verteidiger erhoben hatte. Aus dem Dokument der Verteidigungsrede Henrys, die er am Anfang kühl und sachlich, ohne das Schriftstück in der Hand zu halten, vortrug (erst später, nach den einleitenden Sätzen, erbat er sich von seinem Verteidiger das Konzept) – aus diesem denkwürdigen, ja, wie man mit Fug sagen darf, historischen Dokument folgen hier etliche kurze Auszüge. –
Nachdem er eine rapide Übersicht über seinen Werdegang gegeben, präzisierte Henryseine Stellung innerhalb der sozialen Bewegung auf folgende Weise: „Einen Augenblick lang zog mich der Sozialismus an; doch es dauerte nicht lange, da lehnte ich diese Partei ab. Ich war viel zu sehr von der Liebe zur Freiheit erfaßt, hatte zu große Ehrfurcht vor der persönlichen Initiative; die Einkapselung in eine gleichgerichtete Truppe flößte mir zu großen Widerwillen ein, als daß ich eine Nummer in der organisierten Körperschaft des Vierten Standes hätte werden können. Übrigens bemerkte ich gar bald, daß der Sozialismus im Grunde an dem Stand der Dinge gar nichts ändert; er respektiert und hält das Autoritätsprinzip aufrecht, und dieses Prinzip ist, was auch die sogenannten Freidenker sagen mögen, nichts anderes als ein Überbleibsel jener atavistischen Furcht vor einer höheren Vorsehung. Ich bin Materialist und Atheist: Studium der Wissenschaften hat mich nach und nach das Spiel der Naturgewalten erkennen lassen; ich habe bald verstehen gelernt, daß die Hypothese, es gäbe einen Gott, durch die moderne Wissenschaft beiseite geschoben worden ist, als unnütz und überflüssig erkannt wurde. Infolgedessen mußten die religiöse Moral und die Autorität, die ebenfalls auf einer falschen Voraussetzung beruhen, verschwinden. Wo also war das milde Gesetz der Sittlichkeit zu suchen, dasin einer Harmonie mit den Naturgesetzen diese alte Welt erneuen und eine glückliche Menschheit gebären könnte? Als ich dies erkannt hatte, verband ich mich mit einigen Genossen, die Anarchisten waren, und die ich heute als die besten Freunde liebe, die mir jemals begegnet sind.“
„In den Kampf ging ich mit einem tiefen Haß, den der tägliche, empörende Anblick dieser Gesellschaft schürte; denn in dieser Gesellschaft ist alles niedrig, alles feige, alles häßlich, alles ist Hindernis zur Entfaltung der Leidenschaften des Menschen, des edlen Willens der Herzen, des freien Aufschwunges des Gedankens. Ich wollte so hart und auch so gerecht zuschlagen wie ich es nur vermochte.“
Henry gibt nun eine Darstellung seiner Freude, die ihn angesichts der ersten Ereignisse des Streiks von Carmaux ergriffen hatte; dieser Streik hatte zu Anfang den Anschein einer revolutionären Tat erweckt, bald aber bemächtigten sich einige Männer der Seelen der Arbeitnehmer, und der Streik schien abzuflauen. Was waren diese Männer? „Es waren dieselben, die alle revolutionären Bewegungen vernichteten, aus Angst, das Volk könnte, losgelassen, nicht mehr auf ihre Stimmen hören. Es waren dieselben, die die Tausende der Arbeiter überreden, monatelang ihr Elend geduldig zu ertragen und diedann auf dem Rücken der Arbeiter sich Volkstümlichkeit und ein Deputiertenmandat ergattern. Dies waren die Männer, die sich an die Spitze der Streikenden stellten. Mit einemmal sah man einen Schwarm von Schönschwätzern sich über das Land niedersenken. Die Grubenarbeiter legten alle Macht in die Hand dieses Packs. Man weiß, was nun geschah. Der Streik drohte ins Unendliche hinauszuwachsen. Die Arbeiter gewöhnten sich an den Hunger, ihren täglichen Gefährten. Die kleinen Reserven ihrer Gewerkschaften und anderer Angeschlossenen kamen ihnen zu Hilfe, waren bald aufgebraucht, und nach zwei Monaten krochen die Armen demütig und elender als je in ihre Gruben zurück. Es wäre einfach gewesen, die Gesellschaft, Besitzerin des Bergwerks, gleich zu Anfang dort anzugreifen, wo sie am leichtesten zu verwunden war: die Kohlenvorräte zu verbrennen, das Maschinenhaus zu zerstören, die Entwässerungsanlagen zu vernichten. In diesem Falle hätte die Gesellschaft rasch nachgegeben, doch die Großbonzen erkennen diese Methoden nicht an, denn es sindunsere Methoden, der Anarchisten.“
„Für mein Teil hatte ich meinen Anschlag auf das Gebäude der Gesellschaft in Paris rasch beschlossen. Der Vorwurf gegenRavachol: Die unschuldigen Opfer! kam mir in den Sinn. Das Haus aber, in dem sich die Büros der Carmaux-Gesellschaft befinden, ist ausschließlich von Bürgern bewohnt, daher konnte es keine unschuldigen Opfer geben. Da die gesamte Bourgeoisie der Ausbeutung der Unglücklichen teilnahmslos zusieht, muß sie in ihrer Gesamtheit ihre Schuld büßen. Im vollen Bewußtsein der Legitimität meines Unternehmens habe ich jene Höllenmaschine vor den Pforten des Büros niedergelegt.“
„Dasselbe ist der Fall bei meinem Terminus-Attentat. Die Bourgeoisie erkennt die Anarchisten als eine geeinte Körperschaft an. Ein einzelner Mann, Vaillant, warf eine Bombe. Neunzehntel der Genossen kannte Vaillant gar nicht. Das aber schadete nichts: die Anarchisten wurden in ihrerGesamtheitverfolgt. Jeder, der nur entfernt zum Anarchismus Beziehungen hatte, unterlag der Verfolgung. Nun, da sie die gesamte Partei für die Tat eines einzelnen verantwortlich machen, vergelte ichgleichesmitgleichem.“
„Ihr habt in Chicago gehängt, in Deutschland geköpft, in Xeres erwürgt, in Barcelona erschossen, in Montbrison und Paris guillotiniert – was Ihr aber niemals werdet töten können, das ist die Anarchie. Ihre Wurzeln reichen zu tief. Sie ist erstanden aus einerverwesenden Gesellschaft, die sich in ihre Bestandteile auflöst. Sie erhebt sich als eine gewaltsame Gegenbewegung gegen die Ordnung dieser Gesellschaft, sie repräsentiert alle Sehnsucht nach Gleichheit und Befreiung, nach Zertrümmerung der gegenwärtigen Autorität. Sie ist überall; sie ist nirgends zu fassen; sie wird Euch alle töten. Hier, meine Herren Geschworenen, habe ich gesagt, was ich zu sagen hatte. Sie werden nun die Rede meines Verteidigers anhören.“
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Es kann nicht die Aufgabe dieser Abhandlung sein,CaseriosAttentat auf Sadi-Carnot zu behandeln, obzwar es in organischem Zusammenhang mit den oben berichteten Taten steht.
Am 5. Februar war Vaillant hingerichtet worden, – am 24. Juni rächte Santo Caserio, ein italienischer Proletarier, diesen Tod. Der Präsident der Republik hatte in jenen Tagen in Lyon die Kolonialausstellung besucht. Nach dem Abendessen, auf der Fahrt zum Theater, inmitten pompöser Kavallerie, die den Prunkwagen eskortierte, traf Carnot der Dolch des Italieners. Caserios Motive und Persönlichkeit sind in dem Zusammenhang dieser Erörterungen von geringem Belang (so wie die Jahre später erfolgte ErmordungElisabeths von Österreich z. B.). Man darf über seine Tat leicht hinweggehen, wie auch andere Taten von Anarchisten, die sich um dieselbe Zeit in Paris ereigneten, von geringer Bedeutung für die Idee und den zentralen Trieb der anarchistischen Empörung sind.
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Manche dieser Taten wiesen wohl darauf hin, daß sie die Ketten der Versklavung des Geistes an bestimmten Orten zu sprengen und durchzubrechen suchten: wie z. B. die Tat desPauwels, eines Freundes von Henry, dessen Bombe ihn selber, als er die Madeleine-Kirche in Paris betrat, in Stücke riß.
Andere Attentate hatten einen ausgesprochen burlesken Beigeschmack wie das Attentat jenes DroschkenkutschersMoore, des „Dichterkutschers“, der seinen Kollegen in Apoll, Lockroy, den Schwiegersohn Victor Hugos, anschoß, weil dieser Moores Bettelbriefe schließlich nicht mehr beantwortete.
Auch das Attentat auf das Restaurant Foyot bot dem Pariser Witz reichliche Nahrung: wenige Tage, ehe er gelegentlich dieses Attentates ernstlich verletzt wurde, hatte der satyrische DichterLaurent Tailhadein einem dithyrambischen Artikel die Tat Vaillants mit den Worten gepriesen: „Was willder Verlust einiger gleichgültiger Opfer besagen – wenn nur die Geste schön ist!“
Eine andere Tat aber prägte sich der öffentlichen Meinung tiefer ein, das war die Tat des SchustersLeauthier, der in einem der bekannten Speisehäuser von Duval den serbischen Gesandten Georgewitsch anschoß, als einen schlemmenden Bourgeois, der noch dazu ein Ordensband im Knopfloch trug! (Leauthier starb in der Strafkolonie während jener schon erwähnten Revolte, gleichzeitig mit Simon, dem Zwieback, Ravachols Gehilfen.)
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Nachdem die Staatsgewalt sich der Propagandisten der Tat auf solche Weise entledigt hatte, ging sie mit größter Energie ans Werk, die geistigen Wurzeln der Lehre anzugreifen. Eine ganze Anzahl bedeutender Gelehrter, Schriftsteller, Soziologen trafen diese Maßregeln. Es hatten sich in Paris und in Frankreich zahlreiche Gruppen gebildet, die mit dem Studium und der Verbreitung der Lehre des Anarchismus sich beschäftigten. Solche Gruppen waren: Die Gruppe der Libertäre; Die Avantgarde; Die Kinder der Natur; Die Antipatriotische Jugend; Der Internationale Kreis; Die Schwarze Fahne; Die haarigen Burschen („Les Gonzes Poilus“)von Billancourt; Der Panther von Batignolles. Diese sämtlich in Paris.
Von den Gruppen in der Provinz, die immerhin ihre zentrale Organisation (ohne die selbst der Anarchismus nicht auskommt!) in Paris besaßen, nenne ich die hauptsächlichsten: Die Zuchthäusler von Lille; Die Vaterlandslosen von Charleville; Die Unbezähmbaren; Erde und Freiheit von Armentières; Der Pranger von Sedan; Die Parias der Picardie, die Organisationen der nordwestlichen Teile Frankreichs umfaßte; Die Bereitschaft von Blois; Die Gruppe der Sozialen Forschung in Cherbourg; Die Eber von Châlons; Die Nivellierer von Beaune; Der Yatagan von Terre-Noire; Die Freunde Ravachols von Saint-Chamond; Die Gruppe Erst-recht! von Vienne; Die Rächer; Die Hungrigen von Marseille; Die Empörung; Die Bauernrevolte; Die Entschlossenen; Die Eichenherzen von Cette und viele andere.
Eine dieser Gruppen war von dem Sozialreformer Rousset organisiert und hatte den Namen der „Suppen-Vorträge“. In einer Pariser Wärmehalle sprach Rousset, während arme Hungernde von der Straße dort ihren Teller Suppe löffelten, über soziale Probleme und wie der Not abzuhelfen wäre. Diese Ansprachen erregten selbstverständlich die Aufmerksamkeit und schließlich Abwehr der Behörden.Trotz dem Protest einer Anzahl hervorragender Pariser, darunter Jules Simon, Léon Say, Floquet, de Cassagnac, Alfons Daudet, Sarah Bernhardt und Zola, wurde Rousset vors Gericht gestellt und zu einer empfindlichen Gefängnisstrafe verurteilt.
In Paris wie in der Provinz erschienen Wochenblätter, Zeitschriften in großer Zahl, die der Regierung ein Dorn im Auge waren und deren Verfolgung beschlossen wurde. Die Namen der hauptsächlichsten Zeitschriften dieser Art sind:
„Le Père Peinard“, „Le Riflard“, „Der Leimtopf“, „Die Revolte“, letztere hatte Jean Grave zum Herausgeber. Sebastien Faure gab den „Almanach Anarchiste“ heraus, der originelle Bohémien Zo d’Axa die lebhafte und revolutionäre Revue „L’En-Dehors“, die zu ihren Mitarbeitern neben Malato Schriftsteller wie Octave Mirbeau und den Initiator der Dreyfus-Revision, Bernard Lazare, einen edlen und bescheidenen Menschenfreund, zählte. Beide, Mirbeau wie Lazare, aus der oberen Bourgeoisie stammende Intellektuelle, bekannten sich frei und laut zum Anarchismus und legten in den gefährlichsten Zeiten Zeugnis ab für die seelische Integrität manches von der öffentlichen Meinung gebrandmarkten „Mörders und Attentäters“. –
„Der Freie Gedanke“, „Die Attacke“, „Die Libertäre Revue“ erschienen mit Unterbrechungen weiter; eine antimilitaristische Zeitschrift, „Le Conscrit“ hielt sich trotz härtester Verfolgung. In Marseille erschien „Die Harmonie“, in London, nach einer anderen Version in Brüssel der „L’International“, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die lediglich doktrinären Anarchisten anzugreifen und dabei auch vor Grave, sogar vor Kropotkin nicht Halt machte. Dieser „L’International“ scheint der richtige Moniteur der Propagandisten durch die Tat gewesen zu sein. Er brachte eine Beilage „L’Indicateur Anarchiste“, in dem praktische Anweisung zur Verfertigung von Explosivkörpern gegeben wurde. In früherer Zeit, lange vor dem Erscheinen des „L’International“ hatte die „Lutte“ von Lyon ähnliches unter dem Titel „Anti-bürgerliche Produkte“ zu geben versucht.
Andere Zeitschriften, die die Verbreitung der Ideen des Anarchismus über den ganzen Erdball bezweckten, waren um diese Zeit: in Belgien „La Société Nouvelle“, „Le Libertaire“ und „Le XX. Siècle“. In London erschien „Freedom“, eine ausgezeichnete Publikation, die noch jetzt in dem, jedem London besuchenden Sozialisten wohlbekannten „Bomb-Shop“ des alten Henderson, CharingCross-Road, erhältlich ist (gegenwärtig hat sie ausgesprochen kommunistischen Einschlag); „The Commonweal“, der durch die Mitarbeit William Morris’ geadelt war; außerdem „The Torch“. Ebenfalls in London, der Stadt, die um die Zeit der allgemeinen europäischen Anarchistenverfolgungen ein sicherer Hafen für die Rebellen aller Nationen war, erschien in hebräischen Lettern das jiddische Anarchistenblatt „Der Fraind fun die Arbeter“, und die deutsche Zeitung „Der Lumpenproletarier“. Andere deutsche Publikationen jener Zeit umfassen die in Amerika erscheinenden: „Freiheit“ von Johann Most, „Die Brandfackel“ von New York, den „Armen Teufel“ Robert Reitzels in Detroit, „Den Vorboten“ von Chicago, die jiddische „Freie Arbeiterstimme“, den „Anarchist“ und andere. Gustav Landauers „Sozialist“, das bedeutendste deutsche Organ, ist noch in Aller Erinnerung. In Italien waren der „Sempre Avanti“ von Livorno, in Spanien „La Conquista del Pan“ von Barcelona, in Südamerika „El Oprimido“ und „Tribuna Operaia“ die verbreitetsten Blätter der Bewegung.
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Es war offenkundig, daß die Taten jener Propagandisten die Lehre des Anarchismus in weitere Gebiete ausgestreut hatten, als friedlicheVerbreitung der Theorie dies jemals vermocht hätte. Denn die Zahl, der Umfang der anarchistischen Zeitschriften-Literatur schwoll um die Zeit der Jahrhundertwende in der ganzen Welt beträchtlich an. Ich erinnere mich, welch’ tiefgehende Wirkung in den Tagen meines Pariser Aufenthaltes, der in dieselbe Zeit fiel, zwei Bücher erregten, die von zweien der bedeutendsten lebenden Anarchisten verfaßt waren – und die Eltzbacher in seinem Werk nicht anführt, ja gar nicht zu kennen scheint. Diese Bücher warenSebastien Faures„La Douleur universelle“, undJean Graves„La Société mourante et l’Anarchie“, zu dem Octave Mirbeau ein begeistertes Vorwort geschrieben hat.
Es war bezeichnend für die im Grunde trotz aller Reaktion demokratische Grundtendenz des öffentlichen Lebens von Frankreich und seiner Hauptstadt, daß schon 1895, also kaum ein Jahr nach der Ermordung Sadi-Carnots (und dem Prozeß gegen die Dreißig, von dem ich im nachfolgenden sprechen will), die öffentlichen Vorträge von Sebastien Faure monatelang ohne Störung durch die Behörden abgehalten werden konnten. Sie gehören zu den wunderbarsten Erinnerungen, die mich an jene Zeit gemahnen. Vor einem großen und beständigen Publikum, das sich im wesentlichen aus Studenten und Arbeiternzusammensetzte, verkündete Faure das System seines Aufbaus. Mit unerbittlicher Logik zergliederte er die gegenwärtige Gesellschaft, nahm sozusagen das ganze Gebäude der gesellschaftlichen Zusammenhänge auseinander, warf die schädlichen, überflüssigen Teile des Gebäudes auf den Schutthaufen der Vergangenheit und errichtete aus dem Übrigbleibenden ein einfacheres, bewohnbares, lichtes Heim der zukünftigen Menschheit.
Faures Rednergabe führte seine Argumente beweiskräftiger aus, als es seinem Buch, das ich eben erwähnt habe, gelingt. Doch spricht auch in diesem Werk der merkwürdig klare und logische Verstand, jener spezifische französische sens commun den Leser mächtig an.
Eine literarisch höchst zu bewertende Leistung stellt das Buch Graves dar. Es ist eine Kampfschrift gegen den reformistischen Sozialismus, gegen die Grundirrtümer der kapitalistischen und militaristischen Gesellschaft. In erstaunlicher Weise hat der Autodidakt Grave sich die wissenschaftlichen Grundlagen seiner Gewissensüberzeugung zu verschaffen verstanden. Aus der Erkenntnis, die er sich auf solche Art erwirbt, gelingt es ihm, überzeugend und mit hohem Schwung der Begeisterung, die Durchführbarkeit der anarchistischen Prinzipien trotz den feindlichenGrundinstinkten der ewig gleichbleibenden Menschenseele zu beweisen. Auch in seinem anderen Werke „Die Gesellschaft am Tage nach der Revolution“ gelang es Grave, den Aufbau einer utopischen Gemeinschaft in überzeugenden Konturen festzulegen.
Die Taten Ravachols, Vaillants, Henrys und der anderen – die Bücher Faures und Graves: sie geben der Bewegung, dem revolutionären Beginnen des französischen Proletariats um die Jahrhundertwende ihre Grenzen nach dem materiellen und dem moralischen Bereich.
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Den Prozeß gegen die Dreißig, dessen ich oben Erwähnung getan habe, strengte die Regierung Frankreichs hauptsächlich in der Absicht an, daß durch seinen Verlauf die Notwendigkeit einer durchaus revidierten Gesetzgebung gegen die Feinde der Gesellschaft gerechtfertigt werde. Es sollte zudem schon durch die Namenliste der Angeklagten die Sicherheit in der beängstigten Bevölkerung erweckt werden, daß es nunmehr der Regierung gelungen sei, die ganze gefährliche Gruppe der wesentlichsten Anarchisten, sozusagen die Zentrale des Anarchismus in Frankreich auszuheben. Die Absicht war: alle möglichen Leute, die im Geruch desAnarchismus standen, die sich als Theoretiker der Lehre, die sich als Propagatoren und als Ausführer anarchistischer Taten betätigten, in einen geschlossenen Raum zusammenzutreiben, sie dort beisammen zu behalten und möglichst endgültig zu „erledigen“. Daß in dieser Gruppe, die man kurz als eine Vereinigung von Verbrechern bezeichnete, hervorragende und allgemein anerkannte Gelehrte wie Paul Reclus, Publizisten wie Jean Grave, Sébastien Faure, Alexander Cohen, Charles Chatel, Félix Fénéon, Pouget, Matha, Ledot neben Dieben und undurchsichtigem Gesindel figurierten, bewies nicht nur die Willkür der Regierung, sondern barg auch die Erklärung für das Scheitern ihrer Absicht in sich. Denn, um es vorweg zu nehmen, der Prozeß der Dreißig endete mit einem ausgesprochenen und für die Regierung peinlichen Fiasko der Rechtsbehörden. Wieder beantragte der sattsam bekannte Staatsanwalt Bulot gegen die Dreißig die höchste zulässige Strafe, indem er die Angeklagten miteinander, mit pathetischer Gebärde:
„Vous êtes tous des misérables!“
„Vous êtes tous des misérables!“
„Vous êtes tous des misérables!“
„Vous êtes tous des misérables!“
„Vous êtes tous des misérables!“
apostrophierte, aber die Jury gab seinem Begehren nur in einem einzigen Falle nach, indem sie den MitangeklagtenOrtiz, das Oberhaupt der „Bande Ortiz“ zu langjähriger Zwangsarbeit, zwei Mitglieder der „Bande“aber zu geringen Freiheitsstrafen verurteilte. Die übrigen wurden, wie recht und billig, freigesprochen.
Artikel 265 des französischen Strafgesetzbuches besagt (in seiner Abänderung durch das Gesetz vom 18. Dezember 1893, jenes „Gesetz Vaillant“): „Jede Vereinigung, jedwede Gemeinschaft, die hergestellt ist, um Verbrechen gegen Einzelindividuen vorzubereiten oder durchzuführen, stellt ein Verbrechen gegen die öffentliche Ordnung dar.“ Durch diese Fassung des Artikels wird ausgesprochen, daß die Theoretiker des Anarchismus, genau so wie die Propagandisten durch die Tat, der Gemeinschaftbildung, der Schaffung einer Vereinigung schuldig erkannt sind. Die „Intellektuellen“ wie die „Impulsiven“, beide sind in gleichem Maße für die Tat selbst verantwortlich, denn ohne die Kraft des Gedankens, des Wortes, der Feder der ersteren würden die letzteren nicht zur Tat gelangen. Die Initiative wie die Ausführung werden auf gleiche Linie gestellt. Die Verbindung zwischen den Studiengruppen der anarchistischen Lehre und dem tatsächlichen Verbrecher ist evident; beide zugleich muß das Gesetz treffen, soll der Anarchismus an der Wurzel gepackt und ausgerottet werden.
Dieser Prozeß der Dreißig dauerte im ganzen acht Tage. Er spielte sich in der erstenHälfte des August 1894, gleichzeitig mit dem Prozeß gegen den Mörder Sadi-Carnots, Caserio, ab. Das Merkwürdigste und Bedeutungsvollste, der Umstand, der den Ausgang des Prozesses gleich am Anfang ahnen ließ, war: daß sich keine Belastungszeugen für die Dreißig auftreiben ließen. So hatte das rege und immer schwankende Gewissen des französischen Volkes, der wohl aufs höchste irritierten, aber immer noch in den Grenzen des klaren Verstandes und der lauteren Gesinnung bleibenden öffentlichen Meinung Frankreichs von vornherein die Überzeugung behalten, daß der ganze Prozeß ein Fehlgriff war und ein schlechteres Licht auf die Rechtspflege des Landes werfen mußte als auf die Mehrzahl der Angeklagten.
Es wurden darum auch von dem großen Publikum Frankreichs die würdevollen und selbstsicheren Verteidigungsreden von Grave und Faure mit derselben Sympathie aufgenommen, wie die witzig ironischen Wendungen, in denen der Kunstschriftsteller Fénéon seinerseits die Anklagen und die Behandlung des Verdachtes gegen ihn zurückwies. Die „Gemeinschaft der Verbrecher“ stand, wie man aus dem Fehlen von Belastungszeugen ersehen konnte, auf schwachen Füßen. Niemand war zu finden, der irgendwie stichhaltig, ja auch nur willkürlich bestätigenoder bejahen konnte, daß eine solche Vereinigung in der Tat bestehe.
Die Anklage behauptete, daß der Gelehrte Reclus die Finanzen dieser Vereinigung oder Partei geführt habe; daß Jean Grave der Schaffung der Studiengruppe oblag, daß die Zeitschrift Graves „La Révolte“ den verstreuten Mitgliedern der Vereinigung die Mittel bot, sich gegenseitig zu kennen und zu verständigen. Faure sollte die Bewegung in der Propaganda organisieren. Er war Herausgeber einer in Marseille erscheinenden Zeitschrift „L’Agitation“, hatte außerdem, wie nachgewiesen werden konnte, das Kapitalverbrechen begangen, Vaillant 5 Franken durch die Post überweisen zu lassen. Der Schriftsteller Chatel war Begründer der „Revue anarchiste“ und Mitarbeiter verschiedener anarchistischer Zeitschriften. Matha redigierte den „En-dehors“, er war es auch, der Emil Henry in London bei sich aufgenommen hatte, während Matha selber gelegentlich in Paris bei Fénéon, dem Kunstschriftsteller, der zur Zeit Beamter des französischen Kriegsministeriums war, zeitweilige Unterkunft gefunden hatte. Aus solchen losen Verknüpfungen sollte das Netz sich um die Dreißig knüpfen, und in diesem Netz zappelte zugleich die Bande um den Räuber Ortiz.
Dieser Ortiz, ein merkwürdiger Mischtypus, Sohn eines Mexikaners und einer Polin, stellte in seinem ganzen Wesen den idealistischen Räuber aus sozialen Beweggründen dar, wie die romantische Literatur aller Völker ihn aufweist. Daß dieser intelligente und gebildete Mensch sich bei seinen Taten, die einem unzweifelhaft gemischten, undurchsichtigen Instinkt entsprangen, anarchistischer Grundsätze rühmte und dabei unleugbar die Freundschaft Emil Henrys und anderer reiner Verkünder der Idee genoß, beweist: daß die verbrecherischen Instinkte der Ausbeutung und Knechtung des Einzelnen und der Massen, wie sie sich die heutige Gesellschaft zu schulden kommen läßt, durch gleiches Vorgehen des Einzelnen gerächt werden müssen. Nur dem oberflächlich in den Vorstellungen und Vorurteilen der bestehenden Gesellschaftsform träge Verharrenden wird es, wie bereits betont, einfallen, Verbrechen, die im Obigen als revolutionäre Taten gekennzeichnet worden sind, als Verbrechen zu betrachten.
Solange die Gesellschaft ihre Gesetze nicht den Geboten der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit anzupassen oder wenigstens anzunähern verstanden hat, wird das Verbrechen des Einzelnen, sofern es nicht eines der aus Leidenschaft begangenen genanntwerden darf, vielmehr die Rache des Einzelnen an der Gesellschaft und rechtmäßiger Kampf des Empörers gegen die große Ungerechtigkeit genannt werden müssen.
Das schmähliche Scheitern des Prozesses gegen die stupid und mit brutaler Willkür, wie bei einer Razzia zusammengetriebenen Dreißig, das gleichzeitig mit der Verurteilung Caserios abschließende Verfahren gegen jenen Anarchisten, dessen Hand das verantwortliche Oberhaupt der Regierung getroffen hatte, schloß eine Periode der revolutionären Bewegung ab, die die anarchistische Periode in der Freiheitsbewegung Frankreichs genannt ist.
Sie bildet, wie gesagt wurde, ein Segment in der fortschreitenden, unter wechselnden Namen stetig gleichbleibenden Entwicklung der Freiheitsidee der Menschheit; die Zeit ihres Geschehens ist der Vorabend des XX. Jahrhunderts, dessen Morgen bereits solch ungeheures Vorwärtstreiben der Idee sah; ihr Schauplatz ist Frankreich, die bürgerliche Republik der Demokratie, des „juste milieu“.
Nach dem 26. August 1894, an dem der arme unwissende, wirre Schädel des italienischen Proletariers unter dem Fallbeil der bürgerlichen Justizmaschine fiel, ebbt die Welle der anarchistischen Propaganda der Tat in Frankreich ab.
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Es scheint nunmehr, als sollte sich die anarchistische Theorie aus dem aktivistischen mehr ins wissenschaftliche Feld zurückziehen. Der Anarchismus wird von dem sich langsam nach links, ins radikale Gebiet ausbreitenden Sozialismus als kleinbürgerliche Ideologie verworfen. Der Sozialismus erhebt die Autorität der Organisation zum leitenden Prinzip und leugnet das Recht des Individuums, aus Gründen der praktischen Erfahrung, wie aus Anbetung der Klasse als solcher, eines Götzen auf tönernen Füßen, sich außerhalb der Organisation, eigenwillig, selbstherrlich und unter voller persönlicher Verantwortung sein Recht zu suchen. Er erklärt das auf solche Weise aus der Organisation entweichende Individuum für einen Feind des Sozialismus und das Individuum sieht sich von dem demokratischen Sozialisten, in Übereinstimmung mit dem reaktionärsten Bürgertum, in Acht und Bann getan und vogelfrei erklärt.
Der Kommunismus, wie wir ihn nach dem Krieg sich ausbreiten und seine Grenzen erweitern sehen, zögert noch, die eigenmächtigen Energien aus dem Bereich des eng benachbarten Syndikalismus, aus den militanten Rängen des insurgenten Anarchismus aufzunehmen. Anzeichen deuten darauf, daß er sie zur gegebenen Zeit wohl aufnehmen, einreihen und benutzen wird. Denn in dem insurgentenAnarchisten brennt am leuchtendsten die Flamme der ewigen Revolte des Menschengeschlechtes. Was verschlägts, daß an ihrem Brand das ephemere Verordnungsblatt der Parteidisziplin rasch verkohlt!
In der Schicksalsstunde der höchsten Gefahr des Freiheitsgedankens, in der Stunde, da das kämpfende und kampfbereite Proletariat am ärgsten bedroht ist, schlägt die große Flamme aus dem Einzelnen auf die Masse über und hüllt die Gesamtheit, Individuum, Partei, Klasse, Menschheit in ihr Licht, ihre Glut ein.