Je länger wir uns inWhashangauaufhielten, desto mehr ward ich in meiner Ueberzeugung bestärkt. Ich sah überall Güte, Menschenfreundlichkeit und Herzlichkeit; jedermann bestrebte sich, dem andern gefällig zu sein; nie hört’ ich, oder sah Feindschaft, Streit oder Zänkerei. Allgemeine Eintracht und Freude herrschte unter dem Volke. Des Abends versammelten sie sich gewöhnlich, bei schönem Wetter, unter einem alten großen Baume. Die Aeltern saßen in einem Zirkel auf einer Bank, und die Jüngern tanzten, Jünglinge und Mädchen beim Tone einer Art von Schallmeien um sie her. Auf allen Gesichtern blühte Gesundheit, und Saft und Nervenkraft strotzte in ihren Muskeln und den vollen fleischichten Lenden. Hier sahich kein von Kummer und Noth entstelltes Gesicht; keine von Ausschweifungen abgebleichte Wange. Man wußte hier von Krankheiten nur sehr wenig; die meisten starben aus Entkräftung des Alters: hingegen wußte man auch nichts von Aerzten und Arzneien; einige Kräuter ausgenommen, die das Land hervorbringt, und die gegen die gewöhnlichen Krankheiten fast immer ein sicheres Mittel sind.
Eines Tages mit aufgehender Sonne, kam unser liebreiche Wirth zu uns, und trug uns an: ob wir nicht heute wollten ihrem Gottesdienste beiwohnen, weil eben einer der Tage sei, wo sie sich gewöhnlich alle dazu versammelten. Wir willigten sehr gerne ein, und gingen mit ihm. Er führte uns auf eine Anhöhe, von der man die schönste Aussicht, besonders gegen Aufgang hin, hatte.
Als hier die ersten Stralen die kommende Gottheit verkündeten, erschallte ein feierlicher Hochgesang voll der rührendsten Empfindung und Einfalt. Indeß stieg die Sonne, im glänzenden Purpur, langsam und majestätisch herauf — ihre Stralen vergoldeten den Erdkreis, und die ganze Natur schien milde und lächelnd sich der kommenden Sonne zu freuen. Immer begleitete sie Gesang voll Empfindung und Ausdruck. Nun stand Sie da! — und alle schwiegen — fielen aufs Angesicht nieder, und beteten in stiller Andacht. Dann stunden sie auf — warfen sich noch einmal nieder vor der Gottheit; küßten die Erde, die sie beschien — und gingen schweigend . . . . . .
Nie war mir ein Gottesdienst rührender, nie ehrwürdiger vorgekommen, als dieser. Ha! in dem großen, offenen Tempel der Natur — lauter lebende Bilder der wohlthätigen Schöpfungum uns her — und das große würdige Bild der Gottheit im Angesichte — ha! wie so anders empfindet, und betet man hier, als zwischen den Mauern, die wir Tempel nennen, vor einem grotesken Bilde der Gottheit und dem noch groteskeren eines vermumten Pfaffen! Ich kann nicht beschreiben, was ich hier empfand. Mein Herz schwoll von heiligen Empfindungen — mir war, als säh’ ich Gott — im Ausbruche des Gefühls stimmten wir alle in das Lied ein — warfen uns, von Empfindung hingerissen, mit den Uebrigen an die Erde — und beteten mit Inbrunst.
Mein Herz war noch lange nachher so voll, daß ich auf unserem ganzen Rückwege kein Wörtchen sprach; nur empfand, und dachte. Ich hatte nun wieder eine Ursache mehr gefunden, die mir die Momolyten beneidenswerth machte. O drei und viermal glückliches Land! rief ich endlich voll Begeisterung aus:das keine Pfaffen, keine Aerzte, keine Soldaten und — keine Könige hat!!!!
Gerne würde ich hier mein ganzes Leben zugebracht haben, wenn nicht der Gedanke an die Meinigen mich an meinen Planeten hingezogen hätte; wozu sich noch der fromme Wunsch gesellte: das, was ich hier gesehen und gehört hätte, zum Besten meines Vaterlandes zu benutzen. Vielleicht, dacht ich, wird einmal Warheit, durch Beispiele und Erfahrungen unterstützet, Eingang finden. Mein Entschluß ward dadurch beschleunigt, unmittelbar in mein Vaterland zurücke zu kehren, und dieVidendain derVenus, die mir mein Freund, der große Astrolog auf Erden in meine Schreibtafel notirt hatte, einem andern zu überlassen.
Ich theilte dies Vorhaben meinen Reisegefährten mit; und wir machten die nöthigen Anstalten zu unserer Rückkehr.Unser Wirth und alle Whashangauer verloren uns sehr ungerne, und drangen in uns, noch länger zu bleiben. Allein wir traten, ohne ferneren Verzug, wiewohl mit schweren und gepreßten Herzen, unsere Rückreise, unter allgemeinem Zusammenlaufe und Erstaunen des Volks, an, und verliesen vom lauten Zurufe der Segenswünsche begleitet, dies Land, wo noch itzt meine Sele oft im Dämmerscheine wandelt.
Ich will mich bei Beschreibung meiner Rückreise nicht aufhalten: sie liegt ausser meinem Plane. Genug: wir kamen nicht ohne Beschwernisse und Gefahren — wobei die ganze Geschicklichkeit unserer Steuermänner nöthig war — wieder zur Erde.
Das Erste, was ich nun hienieden thue, ist, diese merkwürdige Erzählung ganz neu den Mitbürgern meines Planeten vorzulegen, um sie zu überzeugen,daß nur Natur und Einfalt warhaft glücklich machen. O! mögten sie, durch Beispiele klug, diese große Warheit doch einmal erkennen, und befolgen! Wie reichlich würde ich mich für meine Reise belohnt halten!
[1]Ein Jahr im Mars macht 3½ Jahre der Unsrigen.
[2]Man erinnere sich, daß ein Mann spricht, der seine ganze Lebenszeit entweder auf dem Meere, oder in einem entfernten, wenig kultivirten Welttheile, ausser dem Umgange mit den verfeinerten Menschen, zugebracht hat; der zwar ein gutes Herz, einen hellen Kopf und viele Liebe zu den Wissenschaften hat, aber bei all demroher Naturmenschist, wie seine Herren Reisegefährten. Wäre der Mann in Frankreich gewesen, hätte ihre Ragouts, ihre Fricassees, ihre Saucen &c. gekostet, er würde diese Sprache gewiß nicht führen. Das ließen sich unsere französischen Köche nicht nachsagen. A. d. V.
[3]Wem dies übertrieben scheint, der darf nur die Geschichte der Königsmörder auf unserm eignen Planeten sich erzählen lassen, die man sogar auch auf dieser abscheulichen That in der Kirche einsegnete, und ihnen das h. Abendmal zur Stärkung ihrer Sele reichte. A. d. Verl.
[4]„C’est tout comme chés Nous.“
[5]Man kann über diesen Gegenstand nichts Treffenders, däucht mich, sagen, als was ich ohnlängst inGustav WolartS. 79. 80 und 81. las, einem Büchelchen, das sich unter den empfindsamen Schriften unseres Jahrhunderts vorzüglich dadurch erhebt, daß es Denkkraft mit Empfindung vereinigt. Auch dieAnnalen der Menschheithaben im 2ten Hefte,von den verborgensten Ursachen körperl. Gebrechen, hierüber vieles gesagt, was der Aufmerksamkeit empfohlen zu werden verdient. A. d. Verl.
[6]Man erinnere sich der oben angezeigten Jahrsrechnung.
Anmerkungen zur TranskriptionFußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt.Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einemanderen Schriftstilmarkiert.Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in eineranderen Schriftartmarkiert.Die kräftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):... eine gute That thue, haben mir Nachlaslassung ...... eine gute That thue, haben mir Nachlassung ...
Anmerkungen zur Transkription
Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt.Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einemanderen Schriftstilmarkiert.Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in eineranderen Schriftartmarkiert.
Die kräftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):