Reise nach Delemarken.

Alles was ich bisher von Norwegen gesehen, gefiel mir so außerordentlich, daß ich der Begierde unmöglich widerstehen konnte, eine Reise nach den wildromantischen GegendenDelemarkenszumachen. Man sagte mir freilich, daß es für eine Frauallein, und noch dazu bei so geringer Kenntniß der Sprache, ein etwas schwieriges Unternehmen sei, sich durch all das Bauernvolk durchzuarbeiten. – Nun fand sich aber in diesem Augenblicke Niemand, der dieselbe Reise gemacht hätte, – reisen wollte ich doch, und so vertraute ich meinem Glücke und ging allein.

Nach den Erkundigungen, die ich in Betreff dieser Reise eingezogen hatte, standen mir besonders dadurch viel Unannehmlichkeiten bevor, daß man nirgends eine Anstalt trifft, die für das schnelle und bequeme Fortkommen der Reisenden sorgt. Man ist gezwungen sich einen eigenen Wagen anzuschaffen, und von Station zu Station Pferde zu miethen. Man bekommt zwar wohl auch auf jeder Station ein Wägelchen, das aber nichts anders als ein höchst elender Bauernkarren ist. Ich miethete daher zu Christiania eine Carriol für die ganze Reise und ein Pferd bis nach dem 5 Meilen weit entfernten StädtchenDrammen.

Am 25. August Nachmittags drei Uhr verließ ich Christiania, preßte mich in meinen Wagen, und bemächtigte mich, dem Beispiele der norwegischen Frauen folgend, allsogleich des Leitseiles. Ich fuhr sotapfer zu, als hätt' ich dieß Geschäft schon seit meiner Kindheit betrieben, ich lenkte rechts und links, und ließ mein Bräunchen laufen und springen, daß es eine Freude war.

Die Fahrt nachDrammenist das Herrlichste was man sehen kann. Hierher soll jeder Maler kommen. – Alle möglichen Naturschönheiten die er sich nur denken kann, findet er hier in schönster Harmonie vereint. Man wird gleichsam erdrückt von dieser Fülle und Reichhaltigkeit, – und der Maler könnte auseinerAnsicht unzählige Bilder schaffen. – Auch die Vegetation ist hier viel kräftiger und üppiger, als ich sie so hoch im Norden zu finden hoffte. Jeder Hügel, ja beinahe jeder Fels und Stein ist von Tannen überschattet; das Grüne der Wiesen war von unnachahmlicher Frische, das Gras mit Kräutern und Blumen durchwirkt, und die Felder strotzten von üppiger Aehrenfülle.

Ich habe viele Länder, viele herrliche Gegenden gesehen, ich war in Italien, in der Schweiz, in Tyrol und Salzburg gewesen; aber nirgends fand ich so eigenthümliche Ansichten wie hier. – Da war das Meer, das sich überall hereindrängte und uns bisDrammenfolgte. Da bildete es bald einen lieblichen See, auf dem sich einzelne Boote schaukelten, bald wieder einen Strom, der sich durch Hügel und Felder die Bahn brach, bald war es wieder die herrliche, weit ausgedehnte Wasserfläche, von ziemlichen Dreimastern, gleich riesigen Schwänen, durchzogen und mit zahllosen Inseln übersäet. Letztere bestehen oft nur aus einigen Felstrümmern, manche jedoch bilden niedliche Eilande, auf welchen, halb verborgen von Feldern und Bäumen, einzelne Hütten stehen. – Durch üppige Thäler, durch herrliche Waldungen dahin fahrend, stets begleitet von den schönsten Ansichten und Bildern, erreichte ich nach fünf Stunden die StadtDrammen, die sich an den Ufern der See und des FlußesStorri Elfausbreitet, und deren Nähe ich schon, bevor ich sie noch sah, an den umliegenden Landhäusern erkannt hatte.

Ueber den Fluß führt eine lange, schön gebaute hölzerne Brücke, die mit herrlichen eisernen Geländern versehen ist. Das StädtchenDrammenhat hübsche Gassen und Häuser, und über 6000 Einwohner. Das Gasthaus, in welchem ich abstieg, war sehr nett und rein. Man wies mir zum Schlafgemache einen Salon an, der gewiß auch den vornehmsten Städter in jederHinsicht zufrieden gestellt hätte. – Lächeln mußte ich dagegen, als man mir mein frugales Abendmahl brachte, das aus einigen weichgekochten Eiern bestand. Ich bekam dazu weder Salz noch Brot, noch ein Löffelchen, sondern nichts als ein Messer und eine Gabel. – Ich möchte doch wissen, wie es diese Leute hier anstellen, weich gekochte Eier mittelst Messer und Gabel zu verspeisen.

Ich miethete hier ein frisches Pferd, mit welchem ich bisKongsberg, vier Meilen weit, fuhr. Die ersten anderthalb Meilen boten eine Fortsetzung der gestrigen romantischen Gegend; nur die See blieb zurück. Dafür hatte ich lange den schönen Fluß zum Gefährten, bis ich eine kleine Anhöhe erklimmen mußte, von der ich ein großes, und wie es schien, auch ziemlich bevölkertes Thal übersah; denn überall lagen theils Gruppen von Häusern, theils einzelne Höfe. – Sonderbar ist es, daß man in ganz Norwegen selten große Ortschaften findet; jeder Bauer baut sein Haus inmitten seiner Grundstücke.

Von dieser Anhöhe an wird und bleibt die Gegend etwas einförmig; am meisten verliert sie durch den Mangel des Meeres. Die Gebirge werden niedriger, das Thal verengt sich, und man ist allerseits von Wald- und Felspartieen umschlossen. Was die norwegischen Felsenregionen ganz eigen für sich haben, ist ihre Nässe. Von allen Seiten sickert das Wasser hervor, aber gerade nur so viel, um die Steinflächen wie mit einem Schleier zu überdecken. Scheint dann die Sonne auf solch eine benäßte Felsenplatte, deren es zwischen und ober den Waldpartieen sehr viele und mitunter auch große gibt, so erglänzen sie wie Glas- oder Spiegel-Wände.

Dieser Theil von Norwegen, nämlichDelemarken, scheint noch ziemlich bevölkert zu sein. – Selbst hier in diesen ausgedehnten, finstern Waldungen traf ich häufig einzeln stehende Bauernhütten, die in die einförmige Landschaft doch einiges Leben brachten. – Der Fleiß des norwegischen Bauers ist groß, denn jedes Fleckchen Erde, oft an den steilsten Abhängen, war mit Kartoffeln, Gerste oder Hafer bebaut; auch ihre Häuschen sehen recht freundlich aus und waren meist mit ziegelrother Farbe übertüncht.

Die Straßen fand ich sehr gut. Besonders war es jene von Christiania bis Drammen; auch an der von Drammen nach Kongsberg fand ich nur wenig auszustellen. – Man hat in Norwegen einen solchen Ueberfluß von Holz, daß die Straßen von beiden Seiten mit hölzernen Zäunen besetzt sind; ja jede Wiese, jedes Feld ist gegen das Eindringen des Viehes durch einen derlei Zaun geschützt, und die schlechten Wege im Walde werden sogar mit runden Baumstämmen überlegt.

Das Bauernvolk hat in diesen Gegenden keine eigene oder bemerkenswerthe Tracht; nur die Kopfbedeckung der Weiber läßt komisch. Sie tragen nämlich einen vollkommenen Damenhut, der, freilich nach einer Mode des vorigen Jahrhunderts, rückwärts mit einem kleinen Bunde geziert, und vorne mit einem großen Schirme versehen ist. Diese Hüte sind von allen Stoffen, meist aus den Resten alter Kleidungsstücke zusammen gemacht, und nur an Sonntagen sieht man schönere, manchmal sogar seidene.

In der Gegend von Kongsberg hört dieser Kopfputz auf; da tragen sie kleine Häubchen, nach Art der schwäbischen Bäuerinen; Röcke, die beinah bis an dieSchultern reichen, und ganz kurze Spenser, eine Tracht, die sehr häßlich läßt, da der ganze Wuchs durch den kurzen Leib verunstaltet wird.

Das Städtchen Kongsberg ist ziemlich ausgebreitet, und liegt über alle Beschreibung schön auf einer kleinen Anhöhe in der Mitte eines großen herrlichen Waldthales. Das ganze Städtchen ist zwar nur, wie alle Städte Norwegens, Christiania ausgenommen, von Holz erbaut, doch hat es viele schöne, nette Häuser und einige breite Gassen. Besonders hübsch nimmt sich die Kirche aus, die auf der Spitze der Anhöhe steht, und hoch über alle Gebäude empor ragt.

An der Stadt fließt der StromStorri Elf, der gerade unterhalb der Brücke über Felsentrümmer stürzt und einen, zwar kleinen, aber recht artigen Fall bildet. Am besten gefiel mir dabei die Farbe des an den Felsen aufspringenden Wassers. – Es war gegen Mittag als ich über die Brücke fuhr, die Sonne beleuchtete den Strom und die ganze Gegend, und die an den Felsen zerschellenden, und wieder aufsteigenden Wogen erschienen, vermöge der Beleuchtung, in schöner blaßgelber Farbe, so daß sie großen Massen des herrlichsten, durchsichtigsten Bernsteines glichen.

In der Nähe von Kongsberg befinden sich zwei bedeutende Merkwürdigkeiten, ein reichhaltiges Silber-Bergwerk, und ein herrlicher Wasserfall, derLabrafoß. – Da aber meine Zeit karg bemessen war, und ich nur einige Stunden in Kongsberg verweilen konnte, zog ich es vor, den Wasserfall zu besuchen, und mir von dem Silberbergwerke blos erzählen zu lassen, daß sich der tiefste Schacht 800 Fuß unter der Erde befinde, und daß es da höchst beschwerlich sei herum zu gehen, indem Kälte, Rauch und Pulverdampf eine gar unangenehme Wirkung auf den an Licht und Luft gewohnten Reisenden machen.

Ich miethete also ein Pferd und fuhr zu dem Falle, der ungefähr eine kleine Meile von Kongsberg entfernt in einem engen Waldthale liegt. – Der Strom bildet eine kleine Strecke vor dem Falle ein stilles ruhiges Wasserbecken, und stürzt dann mit jähem Falle dem Abgrunde zu. Sowohl die bedeutende Tiefe des Falles, als auch die Fülle des Wassers bilden einen wahrhaft imposanten Anblick. Dieser wird noch gesteigert durch einen ungeheuren Felskoloß, der gleich einer Wand im untern Becken aufgepflanzt ist, und sich dem eilig dahin brausenden Elemente entgegenstemmt. An ihm prallt der größte Theil des Wassers zurück, erhebt sich dann in mächtigen Massen, und stürzt hinüber, auf seinem ferneren Laufe noch einige kleine Fälle bildend.

Ich stand auf einem hohen Fels, ward aber doch von dem Staubregen erreicht, und oft derart überschüttet, daß ich kaum die Augen öffnen konnte. Der Führer leitete mich dann hinab in die Tiefe, um auch von da den Fall, und zwar von verschiedenen Seiten betrachten zu können; – überall erschien er anders und herrlicher. Ich sah auch hier an den Wasserstrahlen, die sich an dem Felsen brachen, und von der Sonne erleuchtet waren, jene gelbe, durchsichtige Farbe, die mir bereits an dem Falle bei Kongsberg aufgefallen war. Meines Erachtens rührt sie, nebst der Beleuchtung, von den Felsen her, die in der ganzen Gegend häufig als braun-röthliches Gestein vorkommen, denn das Wasser selbst war klar und rein.

Um 4 Uhr Nachmittag verließ ich Kongsberg, und fuhr nach dem vier Meilen entfernten OertchenBolkesoe. Die Fahrt gehörte eben nicht zu den schönen oder angenehmen. Der Weg war meistentheils sehr schlecht, und führte fortwährend durch Schluchtenund Thäler, durch Waldungen und über steile Berge, und dazu überraschte uns eine finstere, mondlose Nacht. – Oft kam mir der Gedanke wie leicht es meinem Führer, der knapp hinter mir auf dem Wagen saß, wäre, mich durch einen sanften Schlag aus der Welt zu expediren, um sich dann meiner Habseligkeiten zu bemächtigen. Doch ich vertraute dem biedern Charakter der Norweger, fuhr ruhig meines Weges, und schenkte meine ganze Aufmerksamkeit der Lenkung meines Rößleins, das ich über Berg und Thal, über Löcher und Steine und neben Abgründen mit sicherer Hand leiten mußte. Ich hörte keinen andern Laut, als das Brausen eines Waldstromes, der oft knapp an unserer Seite über Felsen dahin stürmte, und oft wieder in weiter Ferne zu verrauschen schien.

Erst gegen 10 Uhr Nachts erreichten wir das OertchenBolkesoe. – Eine kleine Angst befiel mich, als wir an einem unansehnlichen Bauernhause anhielten; – die isländischen Nachtlager waren mir noch ganz frisch im Andenken, und ich dachte es hier nicht viel besser zu finden. – Wie angenehm war ich daher überrascht, als mich die Bäuerin über eine bequeme Treppe in ein großes, nettes Zimmer führte, dasnebst einigen guten Betten auch mit Bänken, einem Tische, Kasten, und sogar mit einem eisernen Ofen versehen war. – Eben so fand ich es auch auf den ferneren Stationen.

In Norwegen gibt es auf den weniger befahrenen Straßen eigentlich keine Gast- und Posthäuser. Beide Geschäfte werden von den wohlhabenderen Bauern versehen. Es ist jedoch jedem Reisenden zu rathen, Brot und andere Lebensartikel selbst mitzuführen, indem er von diesen »Bauern-Wirthen« selten etwas bekömmt. – Ihre Kühe haben sie während des Sommers stets auf den Höhen der Gebirge, oder auf den Alpen, – Hühner sind für sie ein zu großer Luxus-Artikel, und das Brot, das sie backen, ist kaum zu genießen. Es besteht aus großen runden Kuchen, die höchstens einen halben Zoll dick und sehr hart sind, oder aus eben so großen Kuchen, die kaum Messerrücken dick, und ganz ausgetrocknet sind. – Das Einzige, was ich manchmal fand, waren Fische und Kartoffeln, und hatte ich Zeit einige Stunden irgendwo zu bleiben, so brachte man mir auch gute Milch von der Alpe herab.

Noch schlechter steht es mit der Weiterbeförderung;doch werde ich dieß Kapitel erst später berühren, wenn ich noch größere Erfahrungen gemacht haben werde.

Erst heute bei Tage konnte ich die Lage des Oertchens Bolkesoe besehen; gestern war sie mir durch das Dunkel der Nacht verborgen. Es liegt in einem niedlichen Waldthale, auf einem kleinen Hügel, zu dessen Füssen sich ein artiger See gleichen Namens ausbreitet.

Von hier bisTindosoe, 3½ Meile ist der Weg nicht mehr fahrbar, man muß seine Zuflucht zum reiten nehmen; ich ließ also mein Carriol zurück und stieg zu Pferde. – Die Gegend wird nun immer unbewohnter und stiller, und die Thäler werden zu förmlichen Schluchten. Um so überraschender ist der Anblick zweier Seen, die in ziemlicher Ausdehnung zwischen den Bergen liegen. Der größere davon, der Foelsoe, hat eine ziemlich regelmäßige Form, mag eine halbe Meile im Durchmesser haben, und ist von schönen Gebirgen kreisförmig umgeben. Besondern Effect machendie düstern Schatten, die die nadelbewachsenen Spitzen der Berge auf seine spiegelglatte Fläche werfen. Ich ritt über eine Stunde an seinen Ufern, und hatte überhaupt während dieser ganzen Partie Zeit genug, Alles genau zu besehen und zu betrachten, denn das Reiten geht hier zu Lande höchst langsam von statten. Der Begleiter hat kein Pferd, und geht nebenher zu Fuß, und zwar meist auf etwas schläfrige Weise; das Pferd kennt durch mehrjährige Erfahrung die Eigenschaft seines Herrn, und ist nur zu bereitwillig, ihn dabei durch einen ebenfalls langsamen, schwerfälligen Gang zu unterstützen. – Ich ritt über 5 Stunden bis nach dem Oertchen Tindosoe. – Von hier muß man, um nach dem berühmten Wasserfalle desRykanfoß– meinem dießmaligen Ziele – zu gelangen, über einen großen See schiffen. – Obwohl der Regen bereits seit der letzten Meile mein unzertrennlicher Begleiter gewesen war, und der Himmel von allen Seiten höchst melancholisch auf mich herab blickte, miethete ich doch augenblicklich ein Boot mit zwei Ruderern, um meine Reise alsogleich fortzusetzen. Ich befürchtete nämlich einen Sturm, und würde dann keinen Schiffer gefunden haben, der es gewagt hätte,die 4 oder 5 Stunden lange Fahrt auf diesem gefährlichen See zu unternehmen. – Nach zwei Stunden war schon Alles in Ordnung, und unter heftigem Regen fuhr ich ab. – Ich mußte mich noch glücklich schätzen, doch wenigstens keine starken Nebel zu Begleitern zu haben, denn dadurch wären mir die großen Schönheiten der mich umgebenden Natur verborgen geblieben. – Der See ist bei 4 Meilen lang, jedoch nur an manchen Stellen eine halbe Meile breit. Er ist von allen Seiten von Bergen umgeben, die zum Theil sich terassenförmig erheben, und auch nicht den kleinsten Ausschnitt zu einer Fernsicht bilden. In Folge dieser Gebirge, die größtentheils mit finstern Tannenwaldungen bedeckt sind und vermöge der nicht sehr bedeutenden Breite des See's ihn ganz überschatten, sieht sein Wasser vollkommen dunkel, ja beinahe schwarz aus. – Dieser See ist sehr gefährlich zu befahren wegen der vielen Felswände, die senkrecht aus dem Wasser steigen. Ueberfiele den Fahrenden in ihrer Nähe ein Sturm, so würde sein Boot an ihnen zerschmettert, und er in der Tiefe des See's sein Grab finden. – Wir hatten zwar auch ziemlichen Wind, er war uns aber günstig, und trieb uns rasch unsermZiele zu. – An einer dieser Felswände bildet sich ein starkes Echo.

Dieser See hat eine Insel, an der man gleich nach der ersten Meile vorüber kömmt; sie ist höchstens eine viertel Meile lang, und scheidet ihn in zwei ganz gleiche Theile. – Nunmehr gestalten sich die Gebirge ganz eigenthümlich. Ein Berg scheint dem andern vortreten zu wollen, und schiebt seinen Fuß tiefer in den See hinein; es bilden sich dadurch viele liebliche kleine Buchten, deren Mehrzahl aber weder zum Landen noch zum Einfahren geeignet ist, da überall gefährliche Klippen und Felsen aus dem Wasser hervorragen.

Wunderbar nehmen sich die kleinen Fleckchen Wiesen oder Felder aus, die wie an den Wänden zu schweben scheinen, so wie die bescheidenen Häuschen der Bauern, die oft an den gefährlichsten Abhängen stehen, und über die sich Felsmassen und Trümmer zu Bergen thürmen. Die fürchterlichsten Blöcke hängen hie und da darüber, und drohen den baldigen Einsturz, der freilich Hütte und Felder mit in den See reißen würde. Man weiß da wahrlich nicht, ob man die Wahl solcher gefährlicher Wohnplätze mehr der Tollkühnheit oder der Dummheit der Bauern zuschreiben soll.

Von den Bergen stürzen sich viele Flüsse in den See, die wunderschöne, wasserreiche Fälle bilden. Freilich mag dieß auch nur jetzt der Fall gewesen sein, weil es unaufhörlich regnete, so daß von allen Seiten Wasser herabrieselte, und die Berge und Felsen wie mit zarten Silberfäden durchwirkt erschienen. Es war ein schöner Anblick; ich würde ihm aber gerne entsagt, und dafür lieber die Sonne gesehen haben. Sich einem so heftigen Gebirgsregen von Früh bis Abends Preis zu geben, ist denn doch keine Kleinigkeit. – Ich war durch und durch naß, und hatte keine Aussicht auf besseres Wetter, da der Himmel auf allen Seiten finster, und mit Wolken bedeckt war. Bald wäre sogar meine Beharrlichkeit erschüttert worden, und ich war schon deßhalb im Begriffe umzukehren, und dem Ziele meiner Reise, dem Anblicke des höchsten norwegischen Wasserfalles zu entsagen; – – da fiel mir ein, daß dieses schlechte Wetter meinem Zwecke gerade günstig wäre, daß mit jedem Tropfen die Schönheit des Wasserfalles gesteigert würde, – und ich ließ vorwärts rudern.

Nach vierthalb Stunden erreichten wirHaukaneß am See, an welchem Orte man gewöhnlichüber Nacht zu bleiben pflegt, da man hier einen recht netten »Hof« findet, und die Entfernung des Falles doch noch bedeutend ist.

Mein erster Blick war des Morgens nach dem Wetter, – ach! es war so wie gestern, und die erfahrnen Bauersleute prophezeiten mir, daß es auch so bleiben würde. Umkehren, oder hier einige Tage auf besseres Wetter warten wollte ich nicht, und so blieb mir nichts anders übrig, als mein Boot wieder zu besteigen, meinen ganz durchnäßten Mantel umzuhängen, und muthig weiter zu schiffen.

Schon das Schlußbild des See's, das sich uns bald zeigte, entschädigte mich zum Theil für meine bewiesene Ausdauer. – Ein hoher Berg stellt sich der Breite nach dem See entgegen, der sich beiderseits an seinen Abhängen verläuft, und zwei überaus reizende Buchten bildet. Wir lenkten in die linkseitige, und landeten bei dem OertchenMael, das an der Mündung des Flusses Rykaneß liegt. Die Entfernung von Haukaneß bis hieher beträgt eine halbe Meile.

Ich mußte nun ein Pferd besteigen, um zu dem noch 2½ Meilen entfernten Wasserfalle zu gelangen. Der Weg führt durch ein schmales Thal, das immer enger und enger wird, und bald blos dem Strome Raum gibt, so daß man die Höhen ersteigen, und sich an den Abhängen der Berge fortwinden muß. Man sieht dann unten im Thale nur den Schaum der Wellen, die sich an den Klippen und Felsen brechen; – gleich einem Silberfaden erglänzt ihr Band in der finstern Tiefe. Oft führt der Weg so hoch an den Bergen, daß man weder den Strom selbst sieht, noch sein Rauschen vernimmt. – Die letzte halbe Meile muß man zu Fuß machen. Da gelangt man an Stellen, die wirklich gefährlich zu passiren sind; zahlreiche Wasserfälle, die man auf Stegen von zusammen gelegten Baumstämmen umgehen muß, stürzen von den Bergen und kaum fußbreite Wege führen an schwindelnden Alpenwänden vorüber. – Doch kann man sich furchtlos auf den Arm des Führers stützen, der noch Jeden glücklich an das ersehnte Ziel geleitete.

Diese Partie von Haukaneß bis an den Wasserfall müßte an einem freundlichen, sonnenhellen Tage das schönste sein, was man sich wünschen könnte; dennselbst trotz dem beständigen Regen trotz meinen von Nässe triefenden Kleidern, ward ich begeistert von der mich umgebenden wildromantischen Natur, und hätte um keinen Preis meinem vorgesteckten Ziele entsagt. Leider nahm das Unwetter immer mehr zu, und dichte Nebel wälzten sich von allen Seiten dem Thale zu. Das Wasser rieselte überall von den Bergen herab, und verwandelte unsern Gehsteig oft in einen förmlichen Bach, dessen Wasser uns hoch über die Knöchel ging. – Endlich gelangten wir an die Stelle, von welcher der Fall am besten übersehen werden konnte. Noch war er nebelfrei, und es war mir vergönnt, die außerordentliche Schönheit seines Sturzes und seines Wasserreichthumes zu bewundern. Ich sah den ungeheuern Felsberg, der das Thal schließt, die ungeheure Wassersäule, die über ihn rollt, und in der Mitte des Falles an den vorragenden Felsen anprallend, und das ganze Thal mit Schaumwolken erfüllend, kaum die Tiefe erkennen läßt, in die sie hinabstürzt. – Ach! ich sah eines der seltensten, eines der herrlichsten Naturwunder, aber ich sah es nur – auf einen Augenblick; ich hatte nicht einmal Zeit, mich von der Ueberraschung des ersten Anblicks zu erholen. Es war mirnicht vergönnt die einzelnen Großartigkeiten des Falles oder seiner Umgebung anzustaunen, – ich mußte miteinemBilde, miteinemBlicke zufrieden sein. Undurchdringliche Nebel senkten sich von allen Seiten in die wilde Schlucht herein, und hüllten Alles in völlige Nacht. Ich setzte mich auf einen Felsblock, und starrte zwei Stunden lang auf den Ort hin, wo der Fall kaum in den schwächsten Umrissen durch den Nebel zu erkennen war; oft aber gingen sogar diese verloren, und dann erkannte ich seine Nähe nur an dem fürchterlichen Tosen des Sturzes, und an dem Erzittern der Felsen unter meinen Füssen.

Nachdem ich so lange geschaut und gehofft, und meinen Blick vergebens, nur um einen einzigen Sonnenstrahl flehend, zum Himmel erhoben hatte, mußte ich mich endlich doch zur Rückkehr entschließen. Beinah mit Thränen im Auge verließ ich meinen Standpunkt, und hatte im Vorwärtsschreiten den Kopf mehr rück- als vorwärts gewendet. Hätte sich der Nebel nur etwas zerstreut, gleich würde ich wieder umgekehrt sein.

Leider entfernte ich mich immer mehr und mehr davon, bis zu dem OertchenMael, wo ich betrübt mein Boot wieder bestieg, und ohne Unterbrechungnach dem Oertchen Tindosoe fuhr. – Erst gegen 10 Uhr Abends kam ich da an. – Die schreckliche Nässe, die Kälte, der gänzliche Mangel an Nahrungsmitteln, und vor allem Andern meine durch die getäuschte Hoffnung etwas getrübte Gemüthsstimmung hatten mich so angegriffen, daß ich mich mit leichten Fieberanfällen zu Bette legte, und schon glaubte, meine Reise des andern Tages nicht fortsetzen zu können. – Doch meine kräftige Natur besiegte Alles, und um 5 Uhr Morgens war ich schon wieder bereit meine Reise zu Pferd nach Bolkesoe anzutreten.

Ich mußte so eilen, um die Abfahrt des Dampfschiffes von Christiania nicht zu versäumen. – Man hatte mir die Reise nach Delemarken viel kürzer angegeben, als ich sie in der Wirklichkeit fand; auch nimmt das ewige Warten auf Pferde, Boote, Führer u. s. w. sehr viele Zeit in Anspruch.

Ich hatte mir in Tindosoe schon Abends vorher das Pferd zur Weiterreise auf heute Morgens 5 Uhr bestellt; trotz dem mußte ich bis 7 Uhr warten.

Obwohl ich nur eine kleine Reise in das Innere des Landes machte, hatte ich doch volle Gelegenheit, all die Prellereien und Unannehmlichkeiten kennen zu lernen, welchen der Fremde in Norwegen ausgesetzt ist. – Ich glaube, daß es in ganz Europa kein Land geben mag, das hinsichtlich der Reiseverbindungen noch so in der Kindheit liegt wie dieses. Man bekömmt zwar überall Pferde, Wagen, Boote u. s. w., das Gesetz hat auch die Gebühren dafür festgestellt; leider ist aber Alles in den Händen der Bauern oder der Wirthe, und diese wissen den Fremdling durch ihr Zaudern, und durch ihre absichtliche Langsamkeit so zu quälen, daß er, um nur etwas schneller fort zu kommen, gezwungen ist, das Doppelte und Dreifache zu bezahlen. Die Stationen sind sehr klein, höchstens 1 oder 1¼ Meile lang; man muß daher alle Augenblicke Pferde wechseln. Kömmt man nun auf die Station, so ist entweder wirklich kein Pferd vorhanden, oder es wird nur so vorgegeben. – Dem Fremden wird dann gesagt, daß man das Pferd erst vom Berge holen müsse, daß er aber in 1½ bis 2 Stunden befördert werde. – Man fährt also eine Stunde um dann zweie warten zu können. Es ist auch höchst nöthig einganzes Register zu führen; denn jede Kleinigkeit, der Wagen, der Sattel, das Pferdegeschirr, das Holen des Pferdes, das Boot u. s. w., Alles muß bezahlt werden. Weiß man nun nicht die dafür bestimmten Taxen, so wird man auch hierin tüchtig betrogen. Auf jeder Station liegt zwar ein Buch, in welchem sie angegeben sind; es ist aber nur in der Landessprache, und also für den Fremden so gut als gar nicht vorhanden. Man kann in dieses Buch, das alle Monate dem nächsten Gerichte vorgelegt werden muß, auch seine Klagen gegen Bauer oder Wirth einzeichnen; jedoch scheinen Beide nur wenig Furcht davor zu haben, denn der Führer z. B. der mich nach dem Rykanfosser Falle begleitete, suchte mich zweimal auf die unverschämteste Weise zu prellen, indem er für den Gebrauch des Sattels das Achtfache, und für das Holen des Pferdes das Sechsfache begehrte. Als ich ihm mit dem Strafbuche drohte, kehrte er sich wenig daran, und bestand derart auf seiner Forderung, daß ich ihn wirklich bezahlen mußte. Bei meiner Rückkehr nach Mael hielt jedoch auch ich Wort, forderte das Buch, und zeichnete in Gegenwart aller Bauern, obwohl ich mich ganz allein unter ihnen befand, meine Klage ein –Es war nicht der Geldbetrag, was mich dazu bewogen, sondern nur die niederträchtige Prellerei. Ich bin der Meinung, daß jeder Mensch sich stets beschweren soll, wenn ihm Unrecht geschieht; wird auch ihm selbst nichts vergütet, so macht er es vielleicht doch für seinen Nachfolger leichter.

Zum Lobe der Bauern muß ich sagen, daß, als ich ihnen die Betrügereien ihres Landsmannes erklärte, sie sehr ungehalten über ihn waren, und durchaus keinen Versuch machten, mich von der Klage abzuhalten.

Um nun noch zum Schlusse meiner Reise zu kommen, so bemerke ich nur, daß der Regen zwar aufgehört hatte, der Himmel jedoch noch immer mit Wolken bedeckt, und die Gegend in Nebel gehüllt war. Ich nahm deßhalb den frühern kürzern Weg nach Christiania zurück, obwohl ich dadurch um eine schöne Partie kam, wo ich, wie man mir sagte, eine der herrlichsten Gegenden, und besonders der schönsten Fernsichten Norwegens gesehen hätte. Man kann nämlich von Kongsberg über Kroxleben nach Christiania gehen. Bei Kroxleben ist diese herrliche Gegend.

Doch meine Zeit war zu kurz, um diesen Umweg machen zu können, und ich ging über Drammenzurück. Eine Meile hinter Kongsberg, in dem OertchenMuni, wo ich gegen 7 Uhr Abends ankam, wollte mich der liebenswürdige Wirth abermals zwei Stunden auf ein Pferd warten lassen. Da mir dasselbe wahrscheinlich auf jeder Station geschehen wäre, so war ich gezwungen ein Pferd gleich auf die ganze noch übrige Strecke von 6 Meilen, bis Christiania, um den dreifachen Betrag zu miethen, legte mich dann auf einige Stunden zur Ruhe, fuhr in der Nacht um 1 Uhr ab, und erreichte Christiania glücklich gegen 2 Uhr Nachmittag.

Ich fand auf dieser Reise alle jene Leute sehr gut und gefällig, die mit mir in keine Geldverbindung kamen, aber die Wirthe, Bootführer, Fuhrmänner, Führer u. s. w. waren eben so eigennützig und habsüchtig, wie in allen andern Ländern. – Ich glaube, daß man bei diesen Leuten Biederkeit und Treuherzigkeit nur dort fände, wo man das Glück hätteder erste Reisendezu sein.

Diese kleine Reise kam mich ziemlich theuer, und dennoch getraute ich mich auch dieses bekannt theure Land ziemlich billig zu durchreisen. Ich würde mit dem Dampfschiffe die Küstenreise bis Hammerfast machen,dort mir ein gutes Pferd und ein Wägelchen kaufen, und dann die Reise mitten durch das Land recht angenehm und ohne Aerger fortsetzen. Einer Familie aber, die in einem gedeckten bequemen Wagen fahren wollte, käme diese Reise über alle Maßen hoch, und wäre wohl an manchen Stellen, der schlechten Wege halber, gar nicht ausführbar.

Das norwegische Landvolk ist kräftig und stark, ihre Gesichtszüge gehören aber gerade auch nicht zu den hübschen und anmuthigen; – auch schienen sie mir weder wohlhabend noch Reinlichkeit liebend zu sein. Sie waren meistentheils sehr ärmlich gekleidet, und gingen barfuß. Ihre Hütten, von Holz erbaut, und häufig mit Ziegeln gedeckt, sind zwar geräumiger als jene der Isländer, aber nichts desto weniger schmutzig und armselig. Eine Schwäche der Norweger scheint der Kaffee zu sein. Sie trinken ihn schwarz und ohne Zucker. – Die alten Weiber rauchen so gut wie die Männer des Abends und des Morgen ihr Pfeifchen.

Von den Segenswünschen meiner lieben Landsmännin und ihrem Gemahl, Herrn Procurator M.... begleitet, verließ ich um 7 Uhr Morgens Christiania, und fuhr auf demselben Dampfschiffe, das mich vor zehn Tagen hieher gebracht hatte, nach Gothenburg zurück. – Ich habe von dieser Fahrt nur noch die herrliche Ansicht eines Theiles des Christians-Sundes– auchFiordgenannt – nachzutragen, die mir bei der Herreise durch die Dunkelheit entzogen wurde. – Wir kamen da Nachmittags vorüber. – Die Lage des StädtchensLauerviggehört zu den ausgezeichnetsten. Es breitet sich auf einer erhöhten Naturterasse aus, und ist im Hintergrunde von schönen Gebirgen umgeben. Vorne liegt die FestungFriedrichsverauf einem Fels, der von vielen Klippen und Felsen umgeben ist, auf welchen einzelne Wachhäuschen stehen. Links sieht man das weite Meer.

BeiFriedrichsverhatten wir uns über eine Stunde verhalten. Es wird nämlich, wie auf der Hinreise von Kopenhagen nach Christiania bei Sandessund, so auf der Rückreise bei Friedrichsver angehalten, um die nachBergenabgehenden Reisenden dem bereits vor Anker liegenden Dampfschiffe zu übergeben.

Dieß Bild machte den Schlußstein desFiordes, folglich auch des Schönen, denn nun ging es hinaus in die offene See, und schon nach einigen Stunden war alles Land unserem Blicke entschwunden. Wir sahen nun nichts als Himmel und Wasser, bis wir am folgenden Morgen an dieScherrenkamen und nachGothenburgeinlenkten.

Wir hatten die ganze Nachthohe Seegehabt, und trafen deßhalb inGothenburgum drei Stunden später als gewöhnlich ein. Wunderbar machte sich bei diesem Stande der bewegten See die schäumende Brandung an den vielen Klippen und Inseln in der NäheGothenburgs.

Die wenigen Reisenden, die sich auf den Füßen erhalten konnten, die nicht der Seekrankheit erlagen, und auf dem Decke geblieben waren, sprachen viel von dem gegenwärtigen gefährlichen Sturm. – Ich hatte mich oft schon verwundert, jeden Menschen, und wenn er auch nur eine ganz kleine Fahrt von 40-60 Seemeilen über irgend einen Kanal gemacht hatte, von den schrecklichen Stürmen erzählen zuhören, die er auf seiner Reise erlebte. – Nun konnte ich mir die Sache erklären, da die Reisenden neben mir den etwas scharfen Wind, der nichts als ein – wie die Seeleute es nennen – Hochgehen des Meeres bewirkte, bereits für einen Sturm erklärten, und wahrscheinlich zu Hause viel von den überstandenen Gefahren erzählten. Die Stürme sind, Gott sei Dank, nicht gar so häufig.Ich selbst habe schon viele tausend Seemeilen, und gar manche stürmische Ueberfahrt – besonders jene von Kopenhagen nach Island – gemacht, und dennoch erlebte ich eigentlich nureinenSturm, aber einen desto bedeutenderen und wirklich gefährlichen, im Monat April 1842, als ich über das schwarze Meer nach Constantinopel fuhr.

Wir langten im Hafen vonGothenburg, wie bereits gesagt, um drei Stunden später – statt um sechs Uhr, erst um neun Uhr des Morgens an. – Ich ließ mich gleich in die Stadt rudern, um mit dem nächsten Stockholmer Dampfschiffe die berühmte Schleußenfahrt über die Wasserfälle beiTrollhättazu machen. – Durch die Verbindung des FlußesGöthamit einigen Binnenseen durchschneidet dieses große Werk das ganze Land und verbindet die Nordsee mit der Ostsee.

Ich fand dießmal die StadtGothenburgganz außerordentlich belebt. Der König von Schweden befand sich hier auf der Durchreise nach Christiania, wohin er ging, um den Storthing zu schließen. Es war eben Sonntag, und der König mit seinem Sohne gerade in der Kirche. Die Straßen wogten von Menschen,die sich alle dem Platze zudrängten, um die Majestät bei ihrem Austritte aus dem Dome zu sehen. Natürlich hatte auch ich nichts Eiligeres zu thun, als mich unter die Menge zu mischen, und glücklich sah ich Vater und Sohn aus der Kirche treten, den Wagen besteigen und knapp an mir vorüberfahren. Beide waren schöne, freundliche Erscheinungen. Das Volk stürmte dem Wagen nach, und haschte begierig nach den herzlichen Grüßen des geistvollen Vaters, wie des hoffnungsvollen Jünglings; es begleitete sie bis an die Wohnung, stellte sich vor derselben auf, und sah mit Sehnsucht dem Augenblicke entgegen, in welchem sie sich am Fenster zeigen würden.

Ich hätte fürwahr an keinem günstigeren Tage hier eintreffen können, denn heute sah ich Alles geschmückt und geputzt; Militär, Geistlichkeit, Beamte, Bürger und Volk waren dem Könige zu Ehren im vollsten Staate.

Unter dem herbei geströmten Landvolke bemerkte ich zwei Bäuerinen, die etwas eigens gekleidet waren. Sie trugen schwarze Röcke, die bis an die halbe Wade reichten, rothe Strümpfe, rothe Leibchen und weiße Hemden mit langen weiten Aermeln. Die Köpfe hattensie mit Tüchern verhüllt. – Einige Bürgerinen trugen kleine Häubchen nach Art der schwäbischen, und darüber einen kleinen, schwarzen, gestickten Schleier, der jedoch das Gesicht frei ließ.

Auch hier sah ich, so wie zu Kopenhagen, unter den Trommelschlägern und in den Musikbanden des Militärs 10-12jährige Knaben.

Der König blieb noch diesen und den folgenden Tag inGothenburg, und setzte erst Dienstags seine Reise fort. An den beiden Abenden seiner Anwesenheit waren allerorts die Fenster mit Guirlanden von frischen Blumen geschmückt, zwischen welchen Lichter brannten. – An manchen Häusern waren sogar Transparente sichtbar, die jedoch dem Erfindungsgeiste der guten Gothenburger gar keine große Ehre machten. Alle waren gleich, jedes zeigte ein ungeheures »O« (Oskar), über welchem die königliche Krone angebracht war.

Ich mußte vier ganze Tage in Gothenburg bleiben; auch in Schweden scheint bei den Eintheilungen der Fahrten wenig Rücksicht auf die schnellere Beförderung der Reisenden genommen zu werden. An demselben Tage als ich mit dem Dampfschiffe von Christianiakam, ging jenes nach Stockholm ab, aber leider schon um fünf Uhr Morgens. – Da nun im Monate September nur mehr zwei Dampfboote wöchentlich nach Stockholm abgehen, mußte ich bis Donnerstag warten. – Ich empfand bis dahin ziemlich Langeweile, denn die Stadt selbst so wie die herrliche Aussicht auf dem Hügel zwischen den Vorstädten hatte ich bereits während meiner frühern Anwesenheit gesehen, und die übrige Umgebung der Stadt bestand nur aus kahlen Felsen und Klippen, die nichts Sehenswerthes boten.

Der Zudrang der Reisenden war dießmal so groß gewesen, daß man schon zwei Tage vor der Abfahrt keinen andern Platz mehr als auf dem Decke bekommen konnte; mehrere Frauen und Herren, die die nächste Gelegenheit nicht abwarten wollten, mußten sich damit begnügen. Auch mich traf dieß Schicksal; denn ich dachte nicht an die Möglichkeit einer solchen Ueberfüllung, und nahm erst zwei Tage vor der Abreise einen Platz. – Während der Fahrt bekamen wirauf den verschiedenen Stationen auch noch Passagiere, und da kann man sich nun den Jammer der armen, jeder Beschwerde ungewohnten Städter denken. – Da suchte nur jedes ein Plätzchen für die Nacht. Einige Glückliche erhielten die winzig kleinen Gemächer des Maschinisten und des Steuermannes, und die andern kauerten sich in den Gängen und an den Stufen der zu den Kajüten führenden Treppen nieder. – Auch mir bot man ein Plätzchen in der kleinen auf eine Person berechneten Kajüte des Maschinisten; da waren aber bereits 3-4 Personen hineingepreßt, und ich zog es daher vor, lieber Tag und Nacht auf dem Decke zu bivouakiren. Einer der Herren war so gütig mir einen tüchtigen Mantel zu borgen, in welchen ich mich einhüllen konnte, und so schlief ich unter Gottes freiem Himmel viel besser, als meine Gefährten in ihrer Schwitzkammer.

Die Einrichtung auf den Schiffen die den Göthakanal befahren, ist auch nicht die beste. Der erste Platz ist zwar sehr bequem, und sein Kajütenraum ist in artige, lichte Kabinete für zwei und zwei Personen eingetheilt; aber desto schlechter steht es mit dem zweiten Platz; da wurden des Nachts nur Hängematten aufgezogen;über Tag diente er zum gemeinschaftlichen Speisesaale. – Noch schlechter ist für das Gepäck gesorgt. Die Schiffe, die den Kanal befahren, haben einen etwas beschränkten Kielraum, und da werden die Koffer, Kisten, Felleisen u. s. w. auf dem Decke aufgespeichert, gar nicht befestiget, und nur höchst nothdürftig gegen den Regen geschützt. Daß aber diese Nachlässigkeit bei einer Fahrt von 5-6 Tagen gar zu groß ist, bewies die Folge. – Der Regen und die aufschlagenden Wogen der Binnenseen setzten den Raum des zweiten Deckplatzes oft 2-3 Zoll hoch unter Wasser, und das Gepäck wurde von allen Seiten durchnäßt. Noch ärger war es während des Sturmes auf dem Wennersee; der warf das Schiff etwas derb herum, wodurch mancher Koffer sein Gleichgewicht verlor, und den Vorübergehenden auf den Kopf zu stürzen drohte. Dagegen sind die Preise sehr billig; eine Sache, die mir doppelt auffiel, da doch die vielen Schleußen bedeutende Kosten verursachen müssen.

Nun zur Reise selbst.

Um fünf Uhr Morgens wurde abgefahren, und bald befanden wir uns im Götha-Fluß, dessen Ufer Anfangs sehr flach und öde sind. Das Thal selbst istvon kahlen, felsigen Hügelketten begrenzt. – Nach ungefähr zwei Meilen[6]kamen wir zu dem StädtchenKongelf, das 1000 Einwohner haben soll. Es liegt an und hinter Felsen, und bleibt dadurch dem Auge theilweise verborgen. Dem Städtchen gegenüber, auf einem Fels, steht die Ruine der einstmaligen FestungBogus. Von hier fängt die Gegend an etwas mannigfaltiger zu werden. Waldpartieen wechseln mit den kahlen Felsen ab; an beiden Seiten öffnen sich kleine Thäler, und der Fluß selbst, hier durch eine Insel getheilt, breitet sich später oft bedeutend aus. – Die Bauerhäuser sahen größer und netter aus, als jene in Norwegen; sie sind meist ziegelroth angestrichen, und stehen oft auch in größern Gruppen beisammen.

BeiLilla Edetkömmt man an die ersten Schleußen, deren hier fünfe sind. Während das Schiff sie passirt, hat man Zeit den gleich daneben liegenden zwar niedern, aber wasserreichen und breiten Fall der Götha zu betrachten.

Diese erste Strecke der Schleußen und des Kanals zieht sich noch ziemlich weit hinter dem Falle fort, undist theils in die Felsen gesprengt, theils mit Quadersteinen ausgemauert. – BeiÄkestronfährt man wie in einem schönen Naturparke; das Thal wird durch reizende Hügel eingeengt und gibt nur dem Strome und einigen niedlichen Pfaden Raum, die sich durch Nadelgehölz, das sich bis an die Ufer zieht, winden.

Nachmittags kamen wir an die berühmten Schleußen beiTrollhätta. Sie bilden ein Riesenwerk, das man nur in den größten Staaten vermuthen würde, nicht aber in einem Lande, das weder an Macht noch an Größe zu den ersten gehört. Im Ganzen sind 11 Schleußen, die bei einer Länge von 3500 Fuß die Höhe von 112 Fuß erreichen. Sie sind breit, tief und in die Felsen gesprengt und mit schönen Quadersteinen ausgelegt; sie gleichen den einzelnen Stufen einer Riesentreppe, unter welchem Namen man dieses Werk auch füglich den sieben Weltwundern beizählen könnte. Eine Schleuße erhebt sich über der andern, mächtige Thore schließen sie, und wunderbar schwebt das große Fahrzeug der Höhe zu. Die Umgebung ist wildromantisch.

Kaum bei den Schleußen angelangt, wird man gleich von einer Menge Knaben umschwärmt, die sichden Fremden als Wegweiser zu den nahen Wasserfällen bei dem OertchenTrollhättaanbieten. An Zeit zu diesem Ausfluge gebricht es nicht; das Schiff braucht um die Höhe zu erreichen 3-4 Stunden, und in der halben Zeit ist die Excursion abgethan. Früher unterlasse man aber ja nicht, den Fels zu ersteigen, zu dem sich die Schleußen erheben. Ein Pavillon ziert seine Spitze, und von hier übersieht man die Schleußen in die Tiefe hinab.

NachTrollhättaführen artige, durch den Wald gehauene Wege. Dieses Oertchen hat eine überaus reizende Lage; es liegt in einem lieblichen Thale, das von Waldungen und Hügeln umgeben ist, an den Ufern des Stromes, dessen weiß schäumende Wogen grell von dem dunkeln Waldsaume abstechen. – Man sieht von hier aus nur den Saum des Kanals, der einen weiten Bogen vom Hauptstrome beschreibt, die letzten Schleußen aber liegen hinter kleinen Felspartieen ganz verborgen; wir konnten weder das Aufziehen der Thore noch das Steigen des Wassers in ihnen bemerken, und waren daher sehr überrascht, als wir plötzlich erst die Masten, dann das Schiff selbst aus den Tiefen steigen sahen. Es schien, als ob es von unsichtbarenHänden zwischen Felsenmassen empor gehoben würde.

Die Fälle des Stromes zeichnen sich weniger durch ihre Höhe, als durch ihre Mannigfaltigkeit und Wasserfülle aus. Der Hauptstrom wird an der äußersten Spitze seines Sturzes durch eine kleine Felsinsel in zwei beinahe gleich mächtige Fälle getheilt. Auf dieß Inselchen führt ein langer, schmaler Kettensteg, der gerade über dem Falle schwebt, und so zart und schwach gebaut ist, daß nur immer eine Person hinüber schreiten darf. Der Eigenthümer dieses gefährlichen Steges hält ihn stets versperrt, und öffnet ihn nur gegen ein Entgeld von 10 kr. CM.

Ein eigenes schauerliches Gefühl beengt die Brust während des Hinüberschreitens. Man sieht den Strom wüthend daher tosen, man sieht ihn sich an den hoch emporragenden Felsen brechen und schäumend in die Tiefe stürzen, man sieht unter seinen Füßen die brandenden Wogen; – dabei erzittert das Brückchen bei jedem Tritte, – ängstlich eilt man das Inselchen zu erreichen. Hier erst, auf festem Grund und Boden, wagt man es, sich mit Muße umzusehen. Ein fester Fels neigt sich etwas über die Fälle hinaus, und auf ihmkann man mit Sicherheit seinen Standpunkt wählen. Man steht da nicht nur zwischen zwei schönen Fällen sondern übersieht auch noch 4-5 andere, welche der Strom ober- und unterhalb bildet. – Kaum glaubt man sich von diesen zauberischen Bildern trennen zu können.

HinterTrollhättabreitet sich der Strom beinahe zu einem See aus, indem er von mehreren Inseln in viele Arme getheilt wird. Seine Ufer verlieren jedoch bedeutend an Schönheit, indem sie flach und unansehnlich werden.

Den herrlichen Wenner-See, 10-12 Meilen lang und mehrere Meilen breit, erreichten wir leider erst gegen Abend, als es schon zu sehr dunkelte, um von der Umgebung noch etwas unterscheiden zu können. – Wir hielten hier bei dem unbedeutenden StädtchenWennersborgeinige Stunden an.

Diesen Tag über waren uns gewiß sechs oder sieben Dampfschiffe begegnet, die Alle schwedischen oder norwegischen Kaufleuten gehörten. Es gewährte einen eigenen interessanten Anblick, diese Schiffe in den hohen Schleußen auf und ab steigen zu sehen.

Als wir noch gestern spät in der Nacht Wennersborg verließen, und uns auf dem See herumtrieben, erhob sich ein widriger Wind, oder vielmehr ein kleiner Sturm, der zwar für ein gutes Fahrzeug nichts zu bedeuten gehabt hätte, dem aber das unsrige doch nicht gewachsen war. Vergebens mühte sich der arme Kapitain die ganze Nacht hindurch ab, das Fahrzeug über den See zu bringen, – er mußte seinem Versuche entsagen, wieder zurückkehren, und irgend an einer Stelle Anker werfen. – Wir verloren bei dieser Gelegenheit unser Hilfsboot; eine mächtige Welle schlug über das Schiff und riß es mit sich fort; wahrscheinlich war es so gut befestiget gewesen, als unsere Kisten und Koffer.

Obwohl es erst neun Uhr Morgens war, erklärte der Kapitain dennoch, während des Tages nicht weiter fahren zu können; nur wenn es gut ginge, wäre er im Stande die Reise gegen Mitternacht fortzusetzen. – Glücklicherweise wagte sich ein Fischerboot heran, und einige von uns ließen sich ans Land setzen. Auch ich that dieß und benützte diesen Zufall, einige Bauernhüttenzu besuchen, die unfern des Sees am Saume eines Waldes lagen. Ich fand sie zwar auch ärmlich, aber doch aus zwei Gemächern bestehend, die einige Betten und andere Geräthschaften enthielten; auch die Leute waren etwas besser gekleidet als jene in Norwegen. Selbst die Kost der Leute war nicht so übel; sie kochten aus grobem schwarzen Mehle ein dickes Muß, das dann mit süßer Milch verspeiset wurde.

Erst des Morgens ein Uhr lichteten wir die Anker – Nach ungefähr fünf Stunden kamen wir an die kleine InselEken, die aus lauter Felsen besteht, und von einer Menge noch kleinerer Inseln und Klippen umgeben ist. Es ist hier einer der bedeutenderen Landungsplätze des See's. – Ein ziemlich großes hölzernes Magazin steht nahe am Ufer, und in dieses werden die verschiedenen Artikeln von der Umgebung geschafft und an Bord gebracht, und so umgekehrt. Man sieht hier immer einige Schiffe vor Anker liegen.

Nun mußten wir uns durch ein Heer von Inselndurchwinden, bis wir wieder den großen See erreichten der außer seiner Größe nicht viel Sehenswerthes bietet. – Seine Ufer sind größtentheils kahl und einförmig, und nur hie und da mit Waldungen oder niederen Hügeln umgeben; selbst der Hintergrund zeichnet sich durch nichts aus. – Zu den schönsten Ansichten gehört noch das ziemlich bedeutende SchloßLeko, das auf einem Fels liegt und von dichten Waldungen umgeben ist. – Weiterhin erhebt sich der Berg, oder besser gesagt, HügelKinnekulle[7], auf welchen jeder Reisende aufmerksam gemacht wird. Er soll nämlich eine ausgedehnte Aussicht, sowohl auf den See, als auch tief hinein in das Land gewähren, da sich dem Auge nirgends ein hoher Punkt störend dazwischen stellt. – In dem Innern dieses Berges soll sich eine sehr merkwürdige Grotte befinden. – Leider kann man, seit man auf Dampfschiffen fährt, all diese Merkwürdigkeiten nicht mehr besehen. Man fliegt überall schnell vorüber, und wird bald die größte Reise mit einigen Worten beschreiben können.

ZuBromoebefindet sich eine bedeutendeGlasfabrik, die ausschließend Fensterscheiben verfertiget. Wir hielten kurze Zeit an, und nahmen eine tüchtige Ladung dieses Artikels ein.

Die Fabriksgebäude liegen, nebst einigen andern Häuschen, recht artig auf kleinen Höhen zwischen reizenden Waldpartieen.

BeiSjotorptritt man wieder durch mehrere Schleußen aus dem See in den Fluß. – Die Fahrt über den Wennersee rechnet man gewöhnlich auf zehn bis eilf Stunden.

Der Fluß schlängelt sich anfänglich häufig durch Waldungen, und man kann, während sich das Schiff mühsam in den Schleußen fortarbeitet, einen Theil des Weges recht angenehm im Schatten zu Fuße machen. Später öffnen sich weite Thäler, die jedoch durchaus keine schönen Bilder gewähren.

Zeitlich des Morgens durchschifften wir den niedlichenBikensoe, der sich, wie überhaupt alle schwedischen Seen, durch seinen Reichthum an Inselchen,Felsen und Klippen auszeichnet. Häufig sind diese Inselchen mit Bäumen überwachsen, was sich dann um so herrlicher macht.

Dieser See liegt 306 Fuß höher als die Nordsee; hier hat man den höchsten Punkt erreicht, und nun beginnen die Schleußen in die Tiefe zu führen. – Die Zahl aller Schleußen, durch welche man sowohl hinauf als hinab getragen wird, beträgt 72.

Ein kurzer Kanal führt in denBottensee, welcher anfänglich einen weniger durch Inseln unterbrochenen Wasserspiegel zeigt. Die Fahrt durch diesen kleinen See ist überaus lieblich; die Ufer bieten schöne Hügelreihen, wechselnd mit Wäldern, Wiesen und Feldern. – Ihm folgt der bedeutend größereWettersee, dessen Eingang durch die schöne FestungKarlsborgleicht vertheidigt werden kann. – Dieser See hat zwei ganz besondere Eigenheiten: die eine besteht in der außerordentlichen Reinheit und Klarheit des Wassers, die andere darin, daß sehr viele Stürme auf demselben herrschen. Man sagt, daß es da manchmal woge und brause, selbst, wenn es in der Umgegend heiter und windstill sei. Oft soll der Sturm den Schiffer mit solcher Eile und Heftigkeitüberfallen, daß ihm das Entrinnen unmöglich wird. Gar viel Sagen und Märchen erzählt man sich von den tückischen Unthaten dieses Sees.

Wir blieben, Gottlob, verschont, und durchschnitten seine Flächen unter Scherz und Freude. – An den Ufern dieses See's liegt das schöne FräuleinstiftWadstenäund der berühmte BergOmberg, an dessen Fuße eine Schlacht statt hatte.

Der nun folgende Kanal ist sehr kurz und leitet durch liebliche Waldungen in den kleinen SeeNorrbyson. Man legt diese Strecke gewöhnlich zu Fuß zurück, um das einfache Grabmal des GrafenPlatenzu besuchen, der die Plane zu den Schleußen und Kanälen, zu diesem ewig dauernden Riesenwerke geliefert hat. – Das Grabmal ist mit einem Eisengitter umfaßt; die Gruft deckt eine schöne Marmorplatte, auf welcher eine einfache Inschrift in schwedischer Sprache angebracht ist, die seinen Namen, Todestag u. s. w. anzeigt. Dem Monumente beinahe gegenüber, auf der andern Seite des Kanals, liegt das StädtchenMotala, mit großen Eisenwaaren-Fabriken, in deren schönen Gebäuden sich besonders die ungeheuren großen Arbeitssäle auszeichnen.

Von demNorrbyseein denRoxerseeführen 15 Schleußen, durch welche das Schiff 116 Fuß hinabgelassen wird. – Dieser Kanal schlängelt sich recht angenehm durch Waldungen, Wiesen und Felder, die von hübschen Landstraßen durchzogen, mit niedlichen Häuschen und größeren Gebäuden besetzt sind. – Einige Kirchthürme verrathen die Nähe des OertchensNorrby, das, halb versteckt hinter kleinen Waldpartieen, den Blicken des Vorübereilenden bald erscheint, bald wieder entschwindet. Wenn die Sonne auf das Wasser in diesem Kanale schimmert, hat es eine so schöne, durchsichtige, erbsengrüne Farbe, wie der reinste Chrisolith.

Einen überraschenden Anblick genießt man von der Höhe, welche sich beinahe unmittelbar vor dem SeeRoxenerhebt. Plötzlich erschließt sich da ein mächtig großes Thal, das von den herrlichsten Wald- und Felspartieen und anmuthigen Hügeln durchwirkt ist, und – zu den Füßen der See, der sich sehr ausdehnt und dessen Arme weit in die Waldungen hinein greifen. – Die Abendsonne warf ihre letzten Strahlen auf ein Städtchen, das am See liegt, und glänzend leuchteten die neuüberfirnißten Ziegeldachungen zu uns herauf.

Während sich das Schiff durch die vielen Schleußen da hinabsenkte, besuchten wir die nahe Kirche des OertchensVretakloster, die in äußerst schön gearbeiteten, metallenen Särgen die Gerippe mehrerer Könige enthält.

Wir fuhren dann noch über den See, der gewiß eine Meile breit ist, und blieben die Nacht über am Eingange des Kanals, der uns am nächsten Morgen in einen Busen der Ostsee leiten sollte.

Dieser Kanal ist einer der längsten; seine Umgebungen sind ziemlich hübsch, und das Thal, welches er durchschneidet, gehört zu den größeren. Das StädtchenSöderköpinglehnt an hohen malerischen Felsgruppen, die sich weit verzweigen.

Auch in Schweden sah ich jedes Thal, jedes Fleckchen Erde sorgfältig angebaut und cultivirt. Das Volk war im Ganzen ziemlich wohl gekleidet, und besaß zwar kleine, aber äußerst niedliche Häuschen, deren Fenster an den obern Theilen sogar häufig mitneuen, weißen Vorhängen drapirt waren. Ich besuchte mehrere solche Häuschen, denn, während das Schiff durch die Schleußen ging, hatte man zu Spaziergängen und kleinen Ausflügen Zeit genug. – Ich glaube, daß man die ganze Reise von Gothenburg bis Stockholm zu Fuß in derselben Zeit zurücklegen könnte, wie mit dem Dampfschiffe. Täglich verliert man viele Stunden mit diesen Schleußen, und muß sogar ihretwegen die Fahrt bei der Nacht einstellen. Man rechnet die Entfernung auf 40-45 deutsche Meilen, und bringt gewöhnlich 5 Tage auf der Reise zu.

Erst des Nachmittags kamen wir in die Scheren der Ostsee, welche ganz den Character jener der Nordsee an sich tragen. Man befindet sich in einem Meere von Inseln und Inselchen, von Felsen und Klippen; man begreift hier so wenig wie dort, wie es dem guten Steuermanne möglich ist, alle diese hervorragenden Klippen zu vermeiden, und das Schiff so sicher mitten durchzuführen. Ueberall theilt sich das Meer in Ströme und Buchten, in kleine und große Seen, die sich zwischen den Inseln und Waldungen bilden, und von schönen Hügeln ungesäumt sind. – Nichts gleicht aber dem überraschenden Anblicke des SchlossesStorry Husby,das in einer Bucht auf einem hohen Berge liegt. Vor dem Fels breitet sich ein schöner Wiesenteppich bis an die Ufer des Meeres aus, während er im Hintergrunde von herrlichem Tannengehölze umgeben ist. Und unweit von diesem niedlichen Bilde taucht aus einem bewaldeten Inselchen ein Thurm auf, als Rest der großen RuineStegeborg. Es ist nicht leicht möglich etwas Romantischeres zu sehen, als die Zusammenstellung dieser Gegend, und überhaupt die ganze Fahrt in diesem Fiord, der in ewig wechselnden Gestaltungen dem Blicke erscheint.

Doch nach und nach werden die Hügel niedriger, die Inseln seltner; das Meer drängt Alles zurück, es scheint eifersüchtig zu sein, die Aufmerksamkeit des Reisenden mit so vielen andern Gegenständen theilen zu müssen, es will sie allein besitzen, und nimmt das Schiff in seine weiten Räume auf. Und nun ist man bald in der offenen See, und sieht nur Himmel und Wasser, und bald ist man wieder von Felsen und Klippen derart eingeengt, daß man ohne Lootsen den Ausweg gar nicht finden könnte.

Heute verließen wir das Meer und schifften durch einen sehr kurzen Kanal abermals in einen See, und zwar in den durch die Zahl seiner Inseln berühmtenMälar-See. – An seinem Eingange liegt das StädtchenSotuljereizend in einem engen Thale am Fuße eines ziemlich steilen Hügels. – Dieser See gleicht anfangs eigentlich mehr einem breiten Strome, er erweitert sich jedoch bei jedem Ruderschlage, und erscheint bald in ausgedehnter Größe. – Die Fahrt auf dem Mälarsee dauert 4 Stunden, und ist eine der reizendsten die man sich nur denken kann. – Dieser See soll bei 1000 Inseln und Inselchen enthalten, man kann sich nun leicht vorstellen, wie in ewig wechselnden Gestaltungen und Formen dieser schöne Wasserspiegel erscheint und wie er, gleich seinem Vorgänger, dem herrlichen Fiord der Ostsee, bald kleinere und größere Seen, bald Ströme und Buchten u. s. w. bildet.

Auch die Ufer sind sehr abwechselnd und schön. Bald ziehen sich Hügel und Berge bis knapp an den See, und steil abfallende Felsen bilden gefährlicheWände, bald erscheinen wieder dunkle, finstere Tannen-Waldungen, oder es öffnen sich freundliche Thäler mit Wiesen und Feldern, mit Dörfchen und Höfen. – Manche der Reisenden behaupten zwar, daß dieser See doch eigentlich nur ein ewiges Einerlei biete; ich konnte jedoch ihre Meinung nicht theilen, ich fand ihn so reizend, daß ich wohl unzählige Male darauf fahren könnte, ohne dieses lieblichen Einerlei's überdrüßig zu werden. – Er hat zwar nicht die majestätischen Umgebungen der Schweizerseen, aber gerade seine Unzahl von Inselchen bilden eine Eigenthümlichkeit, die man gewiß auf keinem andern See findet.

Auf der Spitze eines steilen Abhanges, wie deren mehrere den See umgeben, ist eine hohe Stange errichtet, auf welcher der Hut des unglücklichen Eriks befestiget ist. Die Geschichte erzählt von diesem Könige, daß er in einer Schlacht vor dem Feinde geflohen, und hier von einem Soldaten ereilt worden sei, der ihm darüber Vorwürfe gemacht haben soll. Aus Scham und Verzweiflung gab er seinem Pferde die Sporen, und stürzte sich mit ihm in die fürchterliche Tiefe. Bei diesem Sturze soll ihm der Hut vom Kopfe geflogen, und an dieser Stelle zurück geblieben sein.

Unweit dieses Punktes erblickt man nun endlich auch einen Theil der Vorstädte Stockholms, die sich um einen breiten Arm des See's lagern. – Mit steigender Begierde aber sieht man nach der Stadt, von der sich immer mehr und mehr entfaltet. – Man sieht schon viele der artigen Landhäuser, die in kleinen Thälern, oder auf Abhängen und Hügeln als Vorläufer der Stadt liegen, und die Vorstädte, die sich amphitheatralisch an den steilen Felsufern fortziehen. Die Stadt selbst macht den Schluß, sie nimmt das ganze obere Ende des See's ein, und reiht sich zu beiden Seiten an die Vorstädte. Schon von weitem sieht und bewundert man die Ritterholmer Kirche, mit ihren gußeisernen, durchbrochenen Thürmen, und das wahrhaft grandiose königliche Schloß, das ganz im italienischen Style erbaut ist.

Kaum hatten wir im Hafen Stockholms Anker geworfen, so erschienen schon mehrere herkulische Weiber, und boten uns, gleich Trägern, ihre Dienste an. Es waren Darlekarlerinen[8]; sie kommen häufig nach Stockholm, um daselbst als Last- und Wasserträgerinen,als Kahnführerinen, u. s. w. ihren Lebensunterhalt zu gewinnen. Man nimmt sie gerne in Dienst, weil sie zwei treffliche Eigenschaften besitzen; sie sollen nämlich höchst redlich und arbeitsam sein, und dabei Kraft und Ausdauer gleich Männern besitzen.

Ihre Tracht besteht in schwarzen Röcken, die bis an die halbe Wade reichen, rothen Leibchen, weißen Hemden mit langen Aermeln, kurzen schmalen Schürzen von zwei Farben, rothen Strümpfen und Schuhen mit zollhohen hölzernen Sohlen. Um den Kopf schlagen sie entweder ein Tuch, oder sie setzen ein ganz kleines, anliegendes, schwarzes Häubchen auf, das nur auf dem Hinterkopfe sitzt.

Man findet in Stockholm häufig sowohl ganze eingerichtete Wohnungen, als auch einzelne Zimmer, die, so wie im Gasthause, tagweise vermiethet werden. Sie kommen bedeutend billiger, und haben daher sehr vielen Zuspruch. Auch ich miethete mir gleich ein solches Zimmerchen, das recht nett und freundlich war, und für welches ich, den Morgenkaffee mit eingeschlossen, täglich nur 1 Reichsthaler, d. i. nach unserm Gelde 32 kr. bezahlte.

Da meine Reise eigentlich nur Island gegolten hatte, und ich diesen kleinen Theil Skandinaviens nur im Durchfluge besah, wird man es mir verzeihen, wenn ich mich darüber kurz fasse. Auch sind diese Länder bereits von andern Reisenden so trefflich geschildert, daß dagegen meine Beschreibung von zu geringem Belange wäre.

Ich blieb sechs Tage in Stockholm, und benützte diese Zeit so gut als möglich. – Die Stadt liegt an den Gestaden der Ostsee und des Mälarsee's. Beide Wasserflächen sind durch einen kurzen Kanal verbunden, an welchem die schönsten Gebäude stehen.

Ich besuchte vor Allem die herrliche Ritterholm-Kirche, die eigentlich mehr die Dienste einer Gruft und eines Waffensaales, als einer Kirche vertritt. – Die untern Räume bilden die Königsgruft; – die Monumente der verstorbenen Könige stehen in den Seitenkapellen. Im Schiffe der Kirche sind an beiden Seiten gewappnete Ritter zu Pferde aufgestellt, deren Rüstungen von einigen Königen von Schweden herrühren.– Die Wände und Ecken der höhern Räume der Kirche und Seitenkapellen sind reich mit Fahnen und Standarten geschmückt, deren Anzahl sich auf 5000 belaufen soll. Ueberdieß hängen noch an den Wänden der Seitenkapellen die Schlüssel der eroberten Festungen und Städte, und auf dem Boden liegen Trommeln und Pauken aufgeschichtet. Alle diese Gegenstände wurden den verschiedenen Nationen abgerungen, mit welchen Schweden Krieg führte.

Nebst all diesen Merkwürdigkeiten sieht man auch noch in den Seitenkapellen mehrere Rüstungen oder Anzüge von schwedischen Regenten hinter Glaskästen bewahrt. – Am meisten interessirte mich jener Anzug darunter, den Karl XII. an seinem Todestage trug, und der Hut durch welchen die Kugel durchging; – seine Reiterstiefel stehen daneben auf dem Boden. – Nicht minder interessant ist, schon auch des grellen Gegensatzes wegen, der modische Anzug, und der mit Gold und Federn geschmückte Hut des letztverstorbenen Königs, des Gründers der neuen Dynastie.

An derselben Seite des Kanals steht auch die Nikolaus-Kirche, welche unter den protestantischen Kirchen eine der schönern ist, die ich bisher gesehenhabe; man sieht gleich, daß sie noch aus den katholischen Zeiten stammt, und daß man ihr die frühere Ausschmückung größtentheils gelassen hat. Sie besitzt mehrere große und kleine Oelgemälde, viele Monumente älterer und neuerer Zeit, und einen großen Reichthum an Vergoldungen. – Die Orgel ist groß und schön. Am Eingange der Kirche stehen schöne Reliefs in Stein gehauen, und in der Höhe sieht man auf einer Brücke stehend, eine aus Holz geschnitzte, mehr als lebensgroße Statue des heil. Erzengels Michael, wie er zu Pferde sitzend den Drachen erlegt.

Unweit dieser Kirche liegt der königliche Palast, zu dessen Beschreibung eine geschicktere Feder gehörte als die meine ist, und über welchen man lange Abhandlungen schreiben müßte, wollte man alle Schätze, Merkwürdigkeiten und Schönheiten sowohl seines Baues, als seiner innern Einrichtung erwähnen. Ich kann nur sagen, daß ich, außer den königlichen Palästen zu Neapel – Caserta mitgerechnet – nie etwas Aehnliches sah! – Doppelt fällt ein solcher Bau hier im hohen Norden auf, und in einem Reiche, das eben auch nie mit Ueberfluß überschüttet war.

Die Schifferholm-Kirche zeichnet sich mehr durchihre Lage und tempelartige Form, als durch sonst etwas aus; sie steht frei auf einem Fels, dem königlichen Schlosse beinahe gegenüber, an der jenseitigen Seite einer Bucht der Ostsee, welche hier hereinschneidet. – Eine lange Schiffbrücke führt hinüber.

Die Katharinen-Kirche ist groß und schön. Man zeigt hier außerhalb der Kirche an einer Ecke derselben den Stein, auf welchem einer der BrüderSturregeköpft wurde.[9]

Am Ritterplatz steht das »Ritterhaus«, eines der schönsten Schlösser – das alte königl. Schloß, und unweit davon noch andere theils königl., theils Privat-Schlösser; aber bei weitem nicht in der Anzahl und Pracht wie zu Kopenhagen. Auch die Straßen und Plätze dürfen sich mit jenen in Kopenhagen nicht messen.

Auf einem in einer der Vorstädte gelegenen Hügel,Groß-Mosbecken, hat man die schönste Ansicht von Stockholm; man übersieht das Meer und den Mälarsee, die Stadt und die Vorstädte, die sich bis an die Spitzen der Felshügel ziehen, die lieblichen Landhäuser, die auf allen Seiten an den Ufern der beiden Seen liegen. Kleine Felspartieen und Inselchen liegen so zwischen den Häusern und den Vorstädten, daß man sie auch noch zum Stadtgebiet rechnen muß, und gerade dieß Alles zusammen gibt der Stadt Stockholm ein so bizarres Ansehen, daß man wohl sagen kann, die Lage Stockholms läßt sich mit keiner Lage irgend einer andern Stadt vergleichen. Waldbedeckte Hügel, und nackte Felsengebirge schließen sich daran, deren Ketten man bis in die unendliche Ferne verfolgen kann. Wiesen und Felder nehmen wohl nur einen geringen Raum ein in dieser großen herrlichen Natur.

Wenn man von diesem Hügel herab steigt, unterlasse man ja nicht, nachSödermalmzu gehen, und die ungeheuren Eisenniederlagen zu besehen. Auf zwei großen freien Plätzen ist das Eisen in zahllosen Stangen aufgehäuft. – Der Kornmarkt ist unbedeutend. – Als größere und theilweise auchhübsche Gebäude sind zu bemerken: die Bank, die Münze, die Hauptwache, der Palast des Kronprinzen, das Theater u. a. m. Das Letztere ist schon darum interessant, weil König Gustav der III. daselbst bei einem Feste erschossen wurde. Der Platz wo er fiel, befindet sich auf dem Podium. Es war nämlich ein großer Maskenball gegeben worden, und das ganze Theater war in einen Saal umgestaltet. Der König bekam den Schuß von einer Maske, und verschied einige Stunden darauf.

Denselben Abend als ich das Theater besuchen konnte – täglich wird nicht gespielt – fand in dem Saale der Antiken eine große Feierlichkeit statt. Der geschätzte KünstlerVogelberg, ein geborner Schwede, hatte aus schönem Marmor die drei heidnischen Gottheiten:Thor,BalderundOdinin kolossaler Größe kunstvoll geschaffen, und von Rom hieher gebracht. Die Statuen waren erst kürzlich aufgestellt worden, und heute war, dem Künstler zu Ehren, der Saal erleuchtet, und eine große Gesellschaft geladen. Bei dem Enthüllen der Statuen sollten feierliche Hymnen gesungen werden. Ich hatte das Glück zu diesem Feste geladen zu sein, das gleich nach 7 Uhrseinen Anfang nehmen sollte. Vorher ging ich noch in's Theater, welches, wie man mir sagte, um 6½ Uhr beginnen würde. Ich dachte da eine halbe Stunde zu bleiben, und dann nach dem königl. Palaste zu gehen, wo mich meine Freunde erwarteten, um mit mir das Fest zu besuchen. Schon um 6 Uhr saß ich im Theater, und wartete eine halbe Stunde sehnsuchtsvoll auf das Beginnen der Ouverture; – es war schon 6½ Uhr und noch immer wurden keine Anstalten dazu gemacht. – Nun sah ich genauer nach dem Zettel, und entdeckte zu meinem Schrecken, daß die Oper erst um 7 Uhr beginne. Ich wollte aber nicht weichen, ohne das Podium gesehen zu haben, und vertrieb mir indessen die Zeit damit, das Theater von allen Seiten zu betrachten. Es ist ziemlich groß, und besteht aus 5 Stöcken, ist aber weder mit Pracht noch Luxus ausgestattet. Am meisten wunderte ich mich über die hohen Preise, und noch mehr über die Mannigfaltigkeit der Plätze. – Ich zählte deren 26; es scheint, daß jede Bank ihren eigenen Preis hat, sonst wüßte ich wirklich nicht, wie man eine solche Menge heraus brächte.

Endlich begann die Ouvertüre; ich hörte sie, sahden Vorhang aufrollen, betrachtete den verhängnißvollen Platz, und ging nach der ersten Arie fort. – Der Billeteur eilte mir nach, faßte mich am Arme, und wollte mir ein Retour-Billet geben. Als ich ihm sagte, daß ich keines brauche, indem ich nicht mehr zu kommen gedächte, meinte er, es habe ja erst angefangen, ich sollte doch bleiben, sonst hätte ich das viele Geld umsonst ausgegeben. – Leider besaß ich zu wenig Kenntniß der schwedischen Sprache, um ihm alle die Ursachen auseinander zu setzen, die mich zum Fortgehen veranlaßt hatten; gab ihm keine Antwort, und ging meiner Wege. Da hörte ich noch, wie er zu Jemanden sagte: »Das ist mir noch nicht vorgekommen. Bleibt die Frau eine halbe Stunde vor dem Vorhange sitzen, und geht fort, nachdem man ihn aufgezogen hat.« Als ich mich umsah, deutete er gerade mit dem Finger auf die Stirne, und schüttelte dazu bedenklich den Kopf. – Ich konnte mich des Lächelns nicht enthalten, und nahm diese Verurtheilung als zweiten Akt des »stummen Gastes« aus Mozarts Don Juan.

Ich holte meine Freunde im königl. Schlosse ab, und brachte dann den Abend recht angenehm in den effektreich beleuchteten Sälen der Antiken und derBildergallerie zu. Ich hatte daselbst auch das Vergnügen Herrn Vogelberg persönlich kennen zu lernen. Schon sein bescheidenes, anspruchloses Benehmen mußte Jedermann mit Achtung erfüllen, die um so höher steigt, wenn man weiß, welch ausgezeichnetes Talent man in ihm begrüßt.

Zu den näheren Umgebungen von Stockholm gehört vor Allem der königl. Thiergarten. In dieser Art wird man nicht leicht etwas Schöneres sehen können. Es ist dieß ein sehr großer, prachtvoller Naturpark, mit einer endlosen Folge von Waldungen, Wiesen, Hügeln und Felsen. Dazwischen liegen allerliebste Landhäuser mit duftenden Blumengärten, und geschmackvolle Kaffee- und Gasthäuser, die an schönen Sonntagen von Städtern überfüllt sind. – Treffliche Fahrstraßen ziehen sich durch und um den Park, und bequeme Gehsteige führen auf allen Seiten zu den herrlichsten Aussichten über See und Land.


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