»In der Heimat, in der Heimat,Da gibt's ein Wiedersehn!«
»In der Heimat, in der Heimat,Da gibt's ein Wiedersehn!«
Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört habe: als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten, zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in ein mit wirren und hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender Morgensonne.
Ein Gedanke sagte mir noch: Du irrst dich, es hat nur der Sturmwind ihr Lied zerrissen, und drum tönt es so, wie wirr durcheinanderklingende Schreie! — Aber nein! Ganz deutlich, jeder Täuschung entrückt, wahr und wirklich, klang es nun abermals durch die Finsternis aus der Ferne zu mir her! Sie jauchzten und jodelten wie junge Menschen in froher Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes und heiliges Wissen: daß Soldaten, die mit solchem Liede und mit solchem Jauchzen in eine stürmische Nacht hinausmarschieren, der Gefahr und dem drohenden Tod entgegen — daß solche Soldaten siegenmüssen! Gleichviel, wann!
16. Februar 1915.
Vor wenigen Tagen war es. Niemand sprach davon, daß man einen Angriff der Franzosen erwarte. Aber es lag was in der Luft, nicht nur deshalb, weil die feindlichen Geschütze seit zwei Tagen lebhafter als sonst über die fernen Waldhügel herüberdonnerten. Auch am Verhalten der Feldgrauen fiel mir etwas auf. Ich glaube, militärisch nennt man es »erhöhte Bereitschaft«.
Mit Anbruch der Nacht war für mich der Besuch einer weit entlegenen Artilleriestellung verabredet, zu der es am Tage keine Zufahrt gibt. — Acht Uhr vorüber. Ich saß in einer engen, finsteren Sache, wie ein Sträfling in seinem Zellenwagen. Das kleine Kupee hatte keine Glasscheiben, sondern Brettfensterchen mit winzigen Ausschnitten, durch die ich manchmal ein wässeriges Sternchen flüchtig aufschimmern sah.
Nach zwei Stunden hält der Wagen. Ich bin im Hof einer großen Ferme. Alle Läden geschlossen, nirgends ein Licht. Nur droben am klar gewordenen Himmel brennen die vielen Sterne. Die Haustür wird geöffnet, und die freundlichen Stimmen dunkler Gestalten begrüßen mich. Dann sitzen wir in der etwas schummerigen Stube, und der Zigarrenrauch schwimmt in geschlängelten Fäden um das sparsame Flämmchen der Petroleumlampe. Die Offiziere sind heiter wie sonst; in dieser Heiterkeit ist eine Ruhe, die alle Spannung meiner Nerven beschwichtigt. Mir ist sehr wohl an diesem Tisch. Im Geplauder frag' ich einmal: »Da ist doch hier in der Gegend eine von den Franzosen kaputt geschossene Villa, deren Turm neulich noch ganz war? Da droben sitzt doch immer ein Beobachter. Steht der Turm noch? Oder ...« Um den Tisch geht ein Lachen herum. Und der junge Artilleriehauptmann schmunzelt: »Gott sei Dank, er steht noch! Da droben sitze dochichimmer! Wenn Sie morgen nachmittag zu mir hinaufkommen wollen? Ich denke, da werden Sie etwas sehen!«
Während wir weiterschwatzen, hör' ich etwas: manchmal klingt es wie eine Karfreitagsklapper; dann wieder, als kollerten viele Holzkugeln über eine steile Treppe herunter; oder als würden hundert Teppiche geklopft. Jede Sekunde klingt es anders und bleibt doch immer das gleiche. »Was ist das?« — »Noch ist es kein Angriff. Aber möglich, daß es einer wird.«
Wir treten in den schwarzen, vom Sternenhimmel überfunkelten Hof hinaus. Nun vernehm' ich es deutlich. So hatt' ich es nochniegehört, auch nicht im Schützengraben. Was da so unregelmäßig hämmert in der Nacht, ist wie das Zähneklappern eines frierenden Riesen. Hoch über uns fahren kurze Zischlaute durch die Luft: die »Hochgänger«, die von den zerrissenen Salven der Franzosen zwei Kilometer weit über den schwarzen Waldgrat herüberfliegen. Auf dem Dach geht eine Schieferplatte in Scherben, und die Splitter bröseln in den Hof herunter. Dieses ziellose Gepulver in der Finsternis hat etwas unsagbar Aberwitziges. »Schießen denn da die Unserenauch?« — »Nein. Die warten, bis es notwendig wird.« — »Aber auf was schießen denn die Franzosen, jetzt, in der Nacht?« — Ein Lachen. »Auf nichts. Vielleicht glauben sie, eine Patrouille zu sehen. Oder es ist wieder ein Bluff, mit dem sie uns herauslocken möchten. So machen sie es oft. Aber die Unseren sitzen fest und warten ruhig, bis die Franzosen kommen. Dann kracht es beiuns. Das hat einen ganz anderen Ton!« —
Diese Erklärung gab mir ein äußerst behagliches Zufriedenheitsgefühl. Mit ihm vereinigte sich das Bild der Schützengräben, die ich gesehen — und die deutsche Seßhaftigkeit in diesem Maulwurfskriege begann mir als etwas sehr Notwendiges und Vorteilhaftes einzuleuchten. Bei gleichen Kräften eine unzerbrechbare Mauer verteidigen, ist schon der Sieg — mit dem Kopf gegen unbeugsame Steine rennen zu müssen, ist schon die Niederlage, noch ehe der letzte Kampf beginnt. Die festen Stellungen, die hier seit Monaten geschaffen und mit jedem Tage stärker ausgebaut wurden, können nur durch eine große Übermacht überrannt werden. Eine solche Übermacht werden die Franzosen auch mit englischer Hilfe niemals wieder haben! Aberwirwerden sie haben! Bald! Dann wird die Stunde der Entscheidung im Westen gekommen sein! —
Am Morgen schien die Sonne aus blauem Himmel heraus. War dem frierenden Riesen warm geworden? Er hatte seinen klapprigen Zähneschauer eingestellt. Nur ab und zu noch klangen einzelne Schüsse von der feindlichen Stellung herüber.
Die Offiziere waren aus der Ferme verschwunden; ein junger Doktor sollte mich führen. Vor dem Hause ging es lebhaft zu. Feldgraue kamen über die Lehmwege hergewatet, jeder mit sechs kleinen Kesseln, um von der Feldküche das Frühstück für die Kameraden im Schützengraben zu holen. Die Schüsse, die sich noch hören ließen, wurden übertönt vom friedlichen Geräusch einer Dreschmaschine, die den französischen Weizen für den deutschen Appetit ausklopfte. Zwölf Bauernweiber lupften die Garben, bedienten die Maschinen und banden das ausgedroschene Stroh. Bei ihnen stand zur Aufsicht ein braunbärtiger deutscher Unteroffizier, der sein Pfeiflein rauchte und gemütlich dreinguckte, solange die Weiber tüchtig schafften; wurden sie faul, dann nahm er die Pfeife aus den Zähnen und sagte energisch: »Trawalliöh!« Worauf die Weiber wieder sehr fleißig wurden. — Besser so, als daß ein französischer Korporal unseren deutschen Bauernfrauen befehlen dürfte: »Harbeiiitet!«
Manchmal donnerte irgendwo ein Kanonenschuß, während wir in den glänzenden Vormittag hinauswanderten. Wir mußten gedeckte Schleichwege suchen, durch Pfützen waten, durch dornige Wäldchen kriechen. Auf einem großen Teiche sahen wir ein deutsches Idyll: eine mit Weizengarben beladene Zille kam auf dem Wasser herangeglitten; vier Feldgraue saßen auf der Strohladung des Schiffleins, und zu dieser netten Fahrt blies einer die Mundharmonika; warme Sonne umglänzte das hübsche Bild, das doppelt zu sehen war: in der Luft und im spiegelnden Wasser. Dazu der französische Kontrast: ein grauenvoll verwüstetes Gehöft! Welch ein entzückendes Landhaus mit Obstwiese und Blumengarten, mit Fischzucht und Weihern, mit Rosenhecken und Lauben muß das gewesen sein, ehe der Krieg begann! Und jetzt ein wüstes Durcheinander von verkohlten Balken, von Brandschutt und zerstückelten Mauern!
Ein Rauschen in den Lüften — ein Flieger! Ich fand ihn mit dem Glas. Ein deutscher Doppeldecker! Wie etwas ganz Feines und Zierliches flog er zweitausend Meter hoch im Blau. Da begann auch schon die Kanonade von der französischen Stellung her, ein feindliches Maschinengewehr erhob seine langsame Unkenstimme: »Tack, tack, tack, tack ...«, und neben der Sonne pufften in langer Reihe die grauen Kugelwölklein der Schrapnellschüsse aus dem blauen Nichts heraus. In meiner Seele war ein heißer Schrei: »Fliege, fliege, du deutscher Bruder da droben, erfülle deine kühne Pflicht, laß dich nicht herunterholen vom Haß deiner Feinde!« Er flog und flog, immer blieben die Explosionswölklein weit hinter ihm zurück. Geradhin und ruhig segelte er wie ein wilder Schwan, der die Tiefe verachtet. Keiner von den hundert Schüssen, die nach ihm abgefeuert wurden, konnte ihn auch nur zum leisesten Ausbiegen von der Richtung seines Erkundungsfluges zwingen. Im Glanz der Sonne, den meine Augen nimmer ertrugen, verschwand er. Ich mußte zwei Worte flüstern: »Deutscher Flug!« Aus diesen Silben und ihren Bildern wuchsen mir stolze, hoffnungsfrohe Gedanken heraus. —
Ein zerrissener Wald, in den die Mittagssonne steil herunterglänzte. Hier sah ich etwas Neues: einen von den großen Mörsern, die vor wenigen Tagen hierhergebracht wurden. Steht ein Mensch neben solch einem metallenen Ungetüm, so sieht er aus wie ein Zwerg neben einem Nashorn. An der Kugel, die dieser deutsche Kampfgigant über zehn Kilometer schleudert, haben vier Feldgraue zu schleppen. Und solcher Kugeln stehen Hunderte aufgeschichtet, jede in ihrem binsenen Moseskörbchen! Ich frage: »Wird geschossen?« — »Vor dem Abend kaum. Der Feuerbefehl muß von der Turmstelle kommen.« Also von dort, wo ich in einer Stunde sein werde!
Bei dem weiten Umweg über die Felder zappelt mir die Ungeduld in den Beinen. Hinter einer Deckung erwarten uns die beiden Pferde. Wir reiten los. Da beginnt auf einem langgestreckten Höhenzuge der frierende Riese heftig mit den Zähnen zu klappern. Immer rascher klingt es ineinander, fast ist es schon ein ununterbrochenes Salvenrollen. Und in vielen Richtungen fangen die Geschütze zu dröhnen an, vorerst nur französische. Jeder Schuß ist ein doppelter Donner: Abschuß und Granatenschlag. Wir lassen die Pferde rennen, um so rasch wie möglich unser Ziel zu erreichen. — Da ist es!
Auf einem von winzigen Waldflecken umhuschelten Hügel stand einmal ein kleines Dorf. Jetzt ist es ein Schutthaufen, den alles Leben verlassen hat. Nicht weit davon liegt die Trümmerstätte der kastellartigen Villa mit dem hohen Turme, der noch immer steht. Wer diesen Turm erbauen ließ, muß Ritterträume gehabt habenà laDon Quixote! Vom Haus ist nimmer viel übrig, und auch der Turm ist ausgebrannt bis in die zerrissene Blechkuppel hinauf. Sein Inneres ist eng und dunkel; von den vier verbrannten Turmböden sind nur noch ein paar verkohlte Balkenstümpfe vorhanden. In diesem leeren Mauerdarme haben die deutschen Pioniere acht Leitern hin und her übereinander gebunden. Draußen der ruhelose Geschützdonner, im Turme das Schweigen. Aber ganz in der Kuppel droben trillert ununterbrochen die Klingel eines Telephons. Und ruhige Stimmen tönen herunter; immer wieder höre ich die beiden Worte: »Turmstelle hier!«
Während der Doktor die beiden Pferde irgendwo versorgt, beginn' ich zu klettern. Durch schießschartenähnliche Fensterchen fällt spärliches Licht herein; das hilft mir, die Leitergriffe zu finden. In der dunklen Höhe stoße ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Über mir eine lachende Stimme: »Herein!« Ein schmales Falltürchen wird geöffnet. Zwei feste Hände greifen herunter und ziehen mich vollends hinauf. Ein freundlicher, aber kurzer Gruß des jungen Hauptmanns — ich bekomme in dem kleinen Dachkäfig ein Winkelchen, wo ich stehen muß, ohne mich viel rühren zu können — dann geht die ernste militärische Arbeit weiter, mit raschen und knappen Schlagworten, die mir, da fast immer in Zahlen geredet wird, eine unverständliche Sprache sind. Außer dem Hauptmann ist noch ein Leutnant da, ein Unteroffizier zur Bedienung des Telephons und einer zur Meßarbeit auf der Karte, die über ein Brett gespannt ist. Zwischen dem Mauerbord und der Dachkuppel ist eine handbreite Lücke; da kann man hinausgucken, kann sogar den Feldstecher dazwischenstecken. Und während bei jedem schweren Granatenschlag das Gemäuer des Turmes leise schüttert, beginne ich zu schauen, durchwühlt von einer heißen Erregung, die mir fast den Atem erwürgt.
Was ich sehe, ist ein Bild von unsagbarer Schönheit, ein wundervolles, im Gold der Abendsonne leuchtendes Land. Als ich noch da drunten war, da sah ich Hügel und Wälder; jetzt seh' ich nur einen ebenen Felderschild mit dunklen Flecken, aus denen sich höhere Bäume zierlich oder seltsam geformt herausheben. Zerstörte Dörfer und zertrümmerte Gehöfte sehen aus wie kleine, gesprenkelte, sonderbare Blumen. Gleich den niederen Versatzstücken einer Theaterdekoration schieben sich die Konturen von Gehölzen und Ortschaften durch- und hintereinander, alles wie niedliches Spielzeug. Ich sehe geschlängelte Bäche und schnurgerade Straßenzüge, sehe weit in südlicher Ferne den blitzenden Lauf der Somme mit ihren Sümpfen und Kanälen, und sehe — vergleichbar einem endlosen, vielgewundenen, doppelten Kupferkettchen — die von Osten kommenden und gegen Norden ziehenden Linien der deutschen und feindlichen Schützengräben. Über allem der blaue Himmel mit seiner niedersteigenden Sonne; und in der Tiefe ein feines, wunderlich zu Streifen gestaltetes Nebelziehen, das sich unter dem ruhelosen Donner des Geschützkampfes mehr und mehr zu verstärken scheint.
Dieses herrliche Land da drunten? Ist das ein Herzogtum ohne Volk? Nirgends ist ein Mensch zu entdecken, nirgends ein Bauer auf den Feldern, nirgends ein Wagen, der sich bewegt, nirgends ein Tier der Erde! Alle Schönheit da drunten ist leer und öde. Nur manchmal, unter dem aufschreckenden Granatendröhnen, flattern braune, dichte Schwärme von Wandervögeln nahe bei meinem Ausguck vorüber, wie Wolken von dürren Blättchen, die der Sturmwind treibt.
Mir werden Lippen und Zunge trocken, und vor Erregung fiebert mir jeder Nerv im Leib. Immer spähe ich durch das Glas nach den Schützengräben, bei denen der Riese mit den Zähnen schauert. Ich gewahre nichts, nichts, nichts, keinen Rauch, keinen Feuerblitz, keine Bewegung,nichts! Und immer dieses Donnern und Brüllen in der Luft! Gierig suche ich mit dem Glas die bald umschleierte, bald wieder von Sonne leuchtende Leere ab. In weiter Ferne, auf etwa vierzehn Kilometer, gewahre ich vor einem Waldstreif vier kleine, weiße Punkte, als hätte man da ein paar Taschentücher zum Trocknen aufgehängt. Jetzt bewegen sie sich langsam und schweben aufwärts und werden größer, ein feindlicher Flieger. Das Telephon klingelt und die ruhige Stimme des jungen Hauptmanns, der beim Scherenfernrohr sitzt, gibt eine Meldung in Ziffern. Der Flieger, den ich mit dem Glas beobachte, macht plötzlich eine Schwenkung, und ich sehe einen zweiten erscheinen. Ist das ein Deutscher? Der den Franzosen verfolgt? Beide verschwinden im Dunst. Während ich suche, kommt mir eine kleine blaugraue Kugel mit langem Schwänzlein ins Glas: ein französischer Fesselballon. Unbeweglich hängt er in der Luft, etwa zwölf Kilometer von uns entfernt. Nun gleitet er zur Erde hinunter und verschwindet hinter einem Waldstreif. Beim Scherenfernrohr ein kurzes, heiteres Lachen: »Dem war unser Flieger nicht geheuer!«
Allmählich wird der Geschützdonner seltener und verstummt beinahe ganz. Die grauen Dünste in der Landschaft zerflattern und verschwinden. Die Sonne ist rot geworden, Felder und Wälder gluten oder liegen in schwarzblauem Schatten. Das Telephon trillert, der Hauptmann wird zum Hörrohr gerufen. »Jawohl, Herr General, der Ballon ist niedergegangen.« Ein langes, leises Geräusch im Apparat, ähnlich dem Krächzen eines Grammophons, bevor es zu spielen beginnt. Da sieht der Leutnant, der den Platz am Scherenfernrohr einnahm, daß der Fesselballon wieder hochgeht. Die Meldung wird ins Telephon gegeben. Wieder beginnt im goldschönen Abend dieses Brüllen und Dröhnen, das die Lüfte erschüttert, gleich dem Donner eines grauenvollen Gewitters. Wieder die ruhige Zahlensprache und die kurzen Worte. Meldung um Meldung kommt, Meldung um Meldung fliegt zu den Batteriestellungen und zum Divisionsstabe. Ich möchte lauschen, möchte diese Ziffern und Worte deuten, aber immer muß ich schauen und suchen.
Der Geschützkampf, der sich bisher in größerer Entfernung abspielte, scheint sich näher heranzuziehen. Auf zwei Kilometer steht plötzlich ein gewaltiger, grauschwarzer Rauchbaum in einem Acker. Ein Krachen, daß mir die Ohren klingen. Schlag um Schlag. Eine ganze Reihe von solchen Rauchbäumen fährt aus der Erde heraus, dicht bei einem Wallstrich unserer Schützengräben. Der Granatenregen kommt von zwei französischen Batterien; ihr Feuer wird vom Fesselballon geleitet; sie schießen gut; in gerader Zeile setzen sie eine Granate dicht neben die andere. Immer muß ich an die Unseren in dem mit Flammen und Eisen überschütteten Graben denken, und während mir das Gesicht brennt, rinnen mir kalte Schauer durch das Herz.
Die Sonne ist schon drunten, immer grauer wird die Dämmerung, immer dichter dieses Dunstgewoge. In dem engen Dachkäfig des Turmes ist es schon so dunkel geworden, daß man die Karte beim Messen nimmer ablesen kann; man muß sie mit einem elektrischen Taschenlämpchen beleuchten. Die Worte, die ich höre, lassen mich vermuten, daß die eine der beiden feindlichen Batterien — eine Waldbatterie — jetzt gleich unter deutsches Feuer genommen wird. Nach der anderen sucht der Hauptmann mit dem Scherenfernrohr. »Da drüben, dreihundert Meter westlicher, muß sie stehen, aber die Stellung verschwimmt im Dunst.« Ich spähe durch mein Glas — und ein Zufall will es, daß ich in der Dämmerung die Stichflamme eines feuernden Geschützes erkenne. Im Scherenfernrohr sieht der Hauptmann noch den Feuerstrahl von zwei weiteren Geschützen. Durchs Telephon fliegt der Bereitschaftsbefehl zu den Mörsern. Aber bis im Dunkel des Turmkäfigs bei Laternenschein die Richtung auf der Karte gemessen und die Entfernung, achttausend Meter, berechnet werden konnte, ist draußen der Abend schon so tief gesunken, daß das Feuer der Mörser dem Feind ihre Stellung verraten würde. Das Telephon trillert. »Die Mörser bleiben in Richtung. Schluß.« Eine andere Meldung geht zum Stab. Und plötzlich dröhnen viele deutsche Schüsse rasch ineinander — weit aus den Lüften hör' ich etwas wie das ferne Sausen eines wackligen Eisenbahnzuges — und dort, wo die feindliche Waldbatterie gestanden, seh' ich etwas Furchtbares und Wildschönes aufbrennen. Sieben oder acht Granaten müssen es gewesen sein, die innerhalb zweier Sekunden auf die gleiche Stelle gefallen sind. Für meine Augen sah es aus, als wär's nur eine einzige Flamme, die wie ein riesiges Irrlicht zuckend und sinnlos umherhüpfte. Eine schwere Wolke wirbelt da drüben in die sinkende Nacht hinauf, die Stelle umhüllt sich mit Dunst — und dann erst, da alles für den Blick schon verschwunden ist, hört man den dröhnenden Explosionsdonner und sein Echo.
Eine ruhige Stimme sagt: »Die ist erledigt. Die andere kommt morgen dran!«
Nun tiefes Schweigen in der Dunkelheit. Kein Schuß mehr. Nichts.
Ich kann nicht sprechen. Ganz stumm bin ich. Und während ich mich in der Finsternis des Turmes über die Leitersprossen hinuntertaste, kommt mir eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit. Damals, 1864, sah ich in einem Guckkasten die Beschießung der Düppeler Schanzen. Das war anders!
Wir reiten durch die still gewordene Nacht. Zwischen den erwachenden Sternen glänzt die feine Goldspange des zunehmenden Mondes. Das ganze Rund seiner Scheibe ist als bläulicher Hauch zu erkennen. Sein Licht wird wachsen mit jedem Tag, wird schön und vollkommen werden. Ich fühle diesen Gedanken wie ein Gleichnis für den deutschen Sieg.
Auf der dunklen Straße begegnen uns die langen Züge der zu ihren Quartieren heimkehrenden Verstärkungstruppen; ihr Eingreifen ist nicht nötig geworden; der Vorstoß, den die Franzosen versuchen wollten, zerflatterte, bevor er noch richtig begonnen hatte.
Die Feldgrauen, die in der Finsternis an uns vorübermarschieren, singen nicht; sie reden mit ruhigen, halblauten Stimmen; und die Funken ihrer Zigarren und Pfeifen wehen leuchtend in die Dunkelheit hinaus, gleich schwärmenden Glühwürmchen einer Frühlingsnacht.
21. Februar 1915.
Wenn wir daheim den militärischen Tagesbericht studieren und dabei die häufig wiederkehrende Stelle finden: »Im Westen hat sich nichts Wesentliches ereignet« — dann pflegen wir uns in Mißmut und Unbehagen mit der Erörterung von Dingen und Taten zu beschäftigen, die nach unserer Meinung notwendig geschehen müßten, aber unbegreiflicherweise unterlassen werden. Keine von unseren Vorstellungen vom Kriege ist so ungerecht wie diese! Gerade in den Zeiten, in denen wir Daheimgebliebenen nichts von Siegen zu hören glauben, wird hier im Felde so viel tüchtige, musterhafte und erfolgreiche Arbeit geleistet, daß ich Glücklicher, der ich diese rastlose deutsche Tat jetzt mit eigenen Augen sehen darf, jeden Tag mit dem frohen Gefühl beschließe: »Heute hab' ich wieder einen großen deutschen Sieg gesehen!«
Wie die »Ruhepausen« in den Schützengräben aussehen, wie hier in bewundernswerter Ausdauer jede Minute bei Tag und Nacht benutzt wird, wie man schaufelt und schanzt und unsere Stellungen in unzerbrechbare Erdfestungen verwandelt, wie man mit äußerster Kraftanstrengung alles erzwingt, was die Gefahr für unsere Feldgrauen vermindern und ihre namenlose Mühsal etwas erträglicher machen kann — davon habe ich schon erzählt. Nun laßt mich heute davon sprechen, wieviel stille deutsche Siegehinterder Front erfochten werden. Und je weniger Nervengeprickel in den Schilderungen dieser von keinem militärischen Tagesbericht verkündeten Siegesarbeit sein kann, um so aufmerksamer müßt ihr daheim geradedieseBilder betrachten. Sind die Siege an der Front die weithin läutenden Türme unserer Kraft, so ist die Arbeit hinter der Front das Fundament, auf dem sie errichtet werden und das sie trägt.
Vor allem will ich da erzählen, was unsere deutschen Mütter und Frauen mit tröstendem Aufatmen hören werden: in welcher Weise hier im Feld für Ernährung, Unterkunft und Gesundheit ihrer Söhne und Männer gesorgt wird. Wie es mit solchen Dingen bei den Heeren unserer Gegner gehalten wird, das weiß ich nicht. Aus eigener Anschauung muß ich aber glauben:so, wie bei uns, kann es nirgends sein! Was ich hier gesehen habe, das kann nurdeutscheSchulung, nur deutsche Umsicht und Fürsorge fertig bringen!
Ich will einen typischen, das Ganze im kleinen illustrierenden Einzelfall herausgreifen, den ich selbst mit angesehen habe. Ein Rekrutennachschub von dreitausendfünfhundert Mann war angemeldet, und es hieß: invierTagen kommen sie, und bis dahin muß alles Nötige für die Unterkunft der Leute fertig sein. Am Mittag des vierten Tageswares fertig! Die Bahnzüge kamen, einer flink hinter dem anderen, und entluden dieses junge Gewimmel der Feldfrischen. Hier, tief in Feindesland, sechs oder sieben Kilometer hinter der Front, an der gekämpft wird, funktioniert dieser gewaltige Bahnbetrieb mit der gleichen Ordnung und Pünktlichkeit, wie wir sie bei uns daheim in friedlichen Zeiten kennen. Eine lange Reise macht hungrig. Also das erste: die Leute müssen satt werden. In einer von allem Französischen gesäuberten Güterhalle sind in langen Reihen die hölzernen Tische und Bänke aufgeschlagen. Wer es sieht, denkt an einen Münchner Bräukeller. Die »Gulaschkanonen« dampfen, und in einem qualmenden Nebenraum sind Backsteinherde mit eisernen Kesseln gebaut — in diesen Kesseln, die aus einer Spinnerei stammen, wurde früher die französische Seide gedünstet; jetzt siedet da drin für unsere Deutschen das belgische Ochsenfleisch. Der Krieg nimmt, was er brauchen kann und was ihm nützlich ist. Und nun sitzen die paar tausend Feldgrauen auf den langen Holzbänken, lachend und schwatzend, und jeder bekommt sein festes Mahl, jeder seinen Krug Bier, gutes Bier, das hier von deutschen Brauern für die Unseren gesotten wird.
Vom Bahnhof marschieren die Gesättigten zu ihren Quartierstellen, und wenn sie von der nahen Front her den ersten Kanonendonner hören, blitzen ihre Augen vor Ungeduld. Wo sie hinkommen, in Häusern, Meierhöfen, Fabriken oder Schulen, finden sie alles zu ihrer Unterkunft bereit; auf jeder Türe steht angeschrieben, wieviel Mann hier wohnen sollen. Fünfzehnhundert werden untergebracht in einer großen Tuchfabrik. Vier riesige Webersäle mit guter Luft und hellen Oberlichtfenstern. Aus drei von diesen Sälen wurden die mechanischen Webstühle herausgeschleppt und im vierten dicht aneinander gerückt; ein bißchen schnell hat es gehen müssen; wenn der »abgereiste« Fabrikant dereinstens heimkehrt, wird er geraumer Zeit bedürfen, um diesen eisernen Hexenknäuel wieder auseinander zu dröseln. Die drei freigemachten Säle sind verwandelt in Schlafräume; was in der Umgegend an Bettstellen noch aufzutreiben war, wurde hier zusammengetragen; daneben lange Reihen von Lagerstätten auf dem mit Brettern belegten Boden: für jeden Mann ein doppelter Strohsack, eine wollene Decke, ein Kissen, ein Handtuch; jeder hat sein Brettregal für den kleinen Kram, und die ganzen Räume sind durchzogen von Lattengestellen für Waffen, Mäntel und Tornister. Jeder Feldwebel bekommt separat seinen Bretterverschlag, der verwandelt ist in ein wohnliches Stüberl. Auch die Kochherde mit Geschirr, die Waschküchen und Desinfektionsräume, alles steht schon zum Gebrauche bereit. Und das alles wurde herbeigeschafft und fertiggestellt invierTagen. Wie schwatzlustig man sein mag, beim Anblick einer solchen Arbeitsleistung wird man still.
Ehe die Neugekommenen ruhen dürfen, müssen sie sich säubern. Und da hab' ich ein Bild gesehen, das mir mein Lebenlang in froher Erinnerung bleiben wird. Die Tuchfabrik, in der die Fünfzehnhundert einquartiert wurden, hat eine mächtige Wäschereihalle. Die Maschinen, die Rohrleitungen, die Transmissionen, die Treibriemen, alles ist noch da. Aber jede Wasserpumpe ist in eine Badebrause umgezaubert, und in den tiefen, halbstubengroßen Holzkufen, in denen früher die neugewobenen Tücher gesotten und ausgewaschen wurden, sitzen jetzt unsere deutschen Jungen im dampfenden Wasser, ein Dutzend in jeder Kufe, die Arme und Köpfe von Seifenschaum bedeckt, rippelnd und scheuernd und plätschernd, munter und schreivergnügt wie pritschelnde Dorfbuben.
Aus diesem Bild redet eine so gesunde Lebensfreude heraus, daß ich sie nicht zu schildern vermag. Und beim Anblick dieser lustigen Köpfe und dieser blinkweißen Jünglingsschultern mußte ich mich der schwarzgrau gewordenen Gesichter und Fäuste jener dreiundfünfzig toten Franzosen erinnern, die seit acht Wochen vor dem feindlichen Schützengraben von Maricourt liegen, verlassen von ihren Brüdern, verlassen von ihrer pietätlosen Heimat! Wie zwischen einzelnen Menschen, so gibt es auch zwischen Völkern sieghafte Unterschiede. Aber wir, natürlich wir, sind die »Barbaren«, und Frankreich »marschiert an der Spitze der Zivilisation«!
Wie ich Unterkunft, Verpflegung und Hygiene unserer Truppen hier an einem Einzelfall im kleinen geschildert habe, so wird es innerhalb der Möglichkeitsgrenzen im großen durch das ganze deutsche Heer gehalten, immer nach dem Grundsatz: Die Gesundheit des Soldaten ist sein Schild und seine stärkste Waffe.
Injedemmit deutschen Truppen belegten Städtchen, sogar in jedem Dorfquartier wurde eine Badegelegenheit eingerichtet. Wo nur zwanzig Feldgraue beisammen sind, gibt es wenigstens ein mit Blech ausgeschlagenes Fußbad und eine Warmwasserdusche. In Peronne wurde eine militärische Badeanstalt installiert, in der immer hundert Mann gleichzeitig baden können. Ein Erquicken ist es, das anzusehen: wie die Leute, die nach der Ablösung aus dem Schützengraben dreckig da hineinwandern, frisch und sauber wieder herauskommen, jeder mit dem zusammengewickelten Handtuch unter dem Arm. In dieser Badeanstalt gibt es sogar einelektrisches Lichtbadzur Bekämpfung der Schützengraben-Rheumatismen — eine große Warenkiste, deren Deckel mit einem Halsausschnitt versehen ist, und deren Inneres mit Wachsleinwand tapeziert und mit Glühlampen behängt wurde.
Dieser obligatorische und streng überwachte Badebetrieb ist ein gesegnetes Mittel gegen Krankheiten und Verlausung, ein wunderwirkender Erneuerungsbrunnen für die körperliche Spannkraft unserer Soldaten. Aber der Krieg schlägt Wunden, und die Mühsal des Dienstes ist eine so harte, daß sie trotz aller hygienischen Fürsorge schließlich doch manchem Feldgrauen die feste Gesundheit erschüttert. Wie diese Verwundeten und Erkrankten in unseren Feldlazaretten betreut werden, das glauben wir in der Heimat zu wissen. Es hat mich aber doch ein frohes, dankbares Staunen befallen, als ich dieser Tage das Lazarett von Caudry besuchte. Vor vier Monaten war das noch eine französische Spitzenfabrik. Jetzt steht da ein deutsches Lazarett von so mustergültiger Ordnung und Einrichtung, daß man Riesenkräfte haben möchte, um es vom französischen Boden wegzuheben und in eine deutsche Stadt hineinzustellen. Da sieht mannichtsmehr, was den Anschein des in Eile und notdürftig Adaptierten hat, alles ist so, als wär' es von Anfang für sanitäre Zwecke gebaut und eingerichtet.
Die vom üblichen französischen Schmutz versumpften Höfe wurden mit gepflasterten Wegen durchzogen, alle Gebäude und Räume spiegeln von Sauberkeit, alle Mauern sind weiß getüncht und sehen aus, als wären sie mit frischgewaschener Leinwand überzogen. Von der nächsten Bahnstation wurde ein Geleise bis vor die Tür des Lazaretts gelegt, damit die Verwundeten und Kranken ohne Gerüttel und Plage hergebracht werden können. Die innere Einrichtung ist gegliedert wie in jedem großen städtischen Spital. Neben der Amtsstube und den Zimmern der Ärzte und Schwestern ist die Apotheke, ein zahnärztliches Atelier, der Operationssaal und die Röntgen-Kammer. Alle Wirtschaftsräume, die appetitlichen Vorratshallen, die große Küche, die Spülkammer, die Wäscherei, der Trocknungsraum und die Bügelstube, das alles ist praktisch und bequem aneinander gereiht zu einem zusammenhängenden Ganzen. Im Oberstock sind die Nähstuben für Anfertigung der Lazarettkleidung und Bettwäsche, sowie die Handwerksräume, die Schneiderwerkstatt und Schusterei, wo die Uniformen und Stiefel der eingebrachten Verwundeten gesäubert und ausgebessert werden. In einem großen Dachraum liegen diese neu hergerichteten Soldatenhüllen mit Helmen und Waffen in langen Reihen, Nummer an Nummer, und warten auf das genesene Leben, das wieder in sie hineinschlüpfen und wieder dem Vaterlande dienen soll. Das stille Bild dieser Kriegsgarderobe hat etwas tief Ergreifendes. Und unter solch einem feldgrauen Kleiderbündelchen seh ich nureinenbraunen Soldatenstiefel stehen. Wo mag der andere geblieben sein? Und der Fuß, der dazu gehörte?
Das Lazarett hat zwölfhundert Betten. Alle waren schon in Gebrauch. Jetzt, Gott sei Dank, sind nur fünfhundertsiebzig belegt. Tritt man in einen dieser breiten und langen Bettsäle, so hat man nicht den Eindruck eines Krankenraumes. Man glaubt: das ist eine weiße, luftige Erholungshalle, durch deren große Deckenfenster eine Fülle ruhigen Lichtes hereinströmt. Die meisten der Genesenden sind schon außer Bett; sie plaudern oder schreiben Briefe, lesen oder spielen und tragen die hellen, sauberen Lazarettkittel, die aus requirierten belgischen Stoffen von französischen Näherinnen gefertigt wurden. Alle Betten sind weiß — gute eiserne Bettstellen mit Drahtfederung und dreiteiligen Matratzen — und zu Häupten eines jeden Bettes hängt ein Täfelchen mit dem Namen des Bettgastes und dem Datum seiner Ankunft. Nur in wenigen Gesichtern ist noch die Blässe des überstandenen Leidens, fast in allen schon die gute Farbe der wiederkehrenden Gesundheit. Ich spreche mit vielen, auch mit solchen, die noch liegen müssen. Nie hör' ich eine Klage, nie einen Laut des Mißmutes, höre nur gutmütige, herzhafte, auch heitere Antworten, und in allen, wie verschieden sie auch klingen, ist immer der gleiche Sinn: »Jetzt darf ich bald wieder antreten!«
Bei einem von denen, die noch liegen, zeigt die weiße Bettdecke eine Form, als wäre unter ihr etwas nicht mehr vorhanden, was zu einem ganzen Menschen gehört. Ob esderist, für den der einsam gewordene Stiefel aufbewahrt wird? Ich bring' es nicht fertig, diesen Kranken nach seiner Verwundung zu fragen, drücke stumm seine Hand und nicke ihm zu; auch er lächelt und nickt, aber seine Augen werden ein bißchen feucht. Und gleich beginnt eine Schwester heiter und herzlich mit ihm zu plaudern. Von solchen Schwestern in ihren dunklen Kleidern sind etwa zwanzig in dem großen weißen Saal — ernste und dennoch freundliche Frauen- und Mädchengesichter mit guten Augen — man möchte einer jeden in deutscher Dankbarkeit die hilfreichen Hände küssen.
In mir ist eine Stimmung, die sich wunderlich mischt aus tiefer Erschütterung und glücklichem Aufatmen. Was könnte einen Deutschen froher machen, als mit eigenen Augen sehen zu dürfen:sowerden unsere leidenden Soldaten gepflegt und wieder dem Leben entgegengeführt.
Es fällt mir schwer, dieses weiße Heiligtum der deutschen Lebenserneuerung zu verlassen. Auf der Schwelle muß ich zögern, muß das Gesicht drehen. Und da fällt mir etwas auf, was ich vorher nicht bemerkt hatte, etwas mir Unverständliches; über die Decke des langen Saales, in welchem früher die Spitzenwebstühle standen, zieht sich eine Transmissionswelle mit vielen Riemenscheiben hin; und diese Welleläuft, ganz leer, ohne Riemen, lautlos. Mein liebenswürdiger Führer, General v. Nieber, der mit den Ärzten seiner Etappe dieses mustergültige Kriegslazarett geschaffen hat, erklärt mir die sonderbare und anscheinend zwecklose Sache: »Wenn die Welle längere Zeit unbeweglich liegt, rosten die Lager und verderben. Drum lassen wir alle Transmissionen abwechselnd jeden Tag eine Stunde lang laufen. Wenn der Besitzer dieser Fabrik wieder heimkommt, soll er sein Eigentum so weit in Ordnung finden, als es der Krieg und die Fürsorge für die Unseren erlaubte.«
Ein deutsches Wort! Ob es von dem Fabrikbesitzer — »il est parti!« — bei der Heimkehr den verdienten Dank erfahren wird? Ich besorge: der wird nur entdecken, was der Krieg ihm verdarb, und wird für das, was deutsche Gewissenhaftigkeit ihm unverdorben bewahrte, kein sehendes Auge haben.
Nicht weit von Caudry, in Le Cateau, befinden sich die ebenso musterhaft eingerichteten Genesungsheime für Mannschaften und Offiziere, umgeben von einem lückenlosen Apparat für gute Ernährung. Da ist alles herbeigeschafft, was dem Erstarken der Gesundheit dienen kann. Und weil frische Eier für Rekonvaleszenten sehr bekömmlich, aber im geflügelverschlingenden Kriege und dazu noch im Winter äußerst selten sind — es wurde einmal für dreißig Eier ein Automobil in Tausch gegeben und für ein halbes Pfund Butter ein ganzes Veloziped — drum haben die deutschen Ärzte in Le Cateau eine geheizte Hühnerzucht installiert. Ein großer Scheunenraum wurde in ein Warmhaus für tausend Hennen verwandelt, und ein beharrlich glühender, von einem Drahtgitter umzogener Ofen redet dem gackernden Völklein der gefiederten Französinnen mit lieblichen Wärmestrahlen zu, recht viele, viele Eier für unsere genesenden Feldgrauen zu legen. Zwanzig gallische Hähne befördern das nützliche Werk. Überraschenderweise vertragen sie sich sehr gut miteinander; sie haben der Friedensarbeit so viel zu verrichten, daß sie der angeborenen Kriegslust völlig vergessen.
Hinter diesem heiteren Bildchen steht eine ernste Wahrheit. Wieviel deutsche Hände mußten sich rühren in ruhelosem Fleiß, wieviel kluge Gedanken mußten in deutschen Gehirnen aufglänzen, wieviel Geduld mußte sich in hilfreiche Arbeit verwandeln und wieviel energischer Wille mußte umgesetzt werden in wirksame Tat, bis innerhalb weniger Monate ins Leben gerufen war, was ich auf Schritt und Tritt hier leuchten sehe als ruhmvollen Sieg der deutschen Regsamkeit und des deutschen Wesens.
Verlag vonAdolf Bonz & Comp.in Stuttgart
Eiserne Zither
KriegsliedervonLudwig Ganghofer
1914/15
Erster Teil — 16. TausendZweiter Teil — 10. Tausend
Klein-Oktav. In Leinwand gebunden M. 1.—.
Auszüge aus Urteilen der Presse:
Wer diese weichen und doch herzhaften, diese poetischen und doch ganz realistischen Verse liest, der wird, wenn er ein Deutscher ist, seine Seele in ihnen wiederfühlen. Dr. St.
(München-Augsburger Abendzeitung.)
Das Buch kann als ein vorzügliches Werk der Kriegsliteratur bezeichnet werden. Sein Studium bereitet Genuß und ist zugleich Erbauung.
(Darmstädter Tagblatt.)
Vaterlandsliebe und heiliger Zorn haben ihm diese aus tiefster Seele flutenden Verse eingegeben; ungekünstelt, aber voll heißen Lebens klingen diese Verse, die aus der deutschen Not geboren und vom Glauben an Deutschlands Recht und Sieg durchzittert sind.
(Schwäbischer Merkur, Stuttgart.)
Gehaltvolle, geharnischte Lieder des berühmten kerndeutschen Erzählers.
(Braunschweigische Landeszeitung.)
Es sind zündende, poetisch schöne Gedichte über Kriegs- und damit zusammenhängende Ereignisse, welche der allgemein bekannte und beliebte Dichter uns bietet. Wir sind überzeugt, daß die hübsch ausgestattete Sammlung Begeisterung hervorrufen und in allen deutschen Landen guten Absatz finden wird.
(Volckmar's Weihnachts-Katalog.)
Diese Kriegslieder gehören mit zum Besten, was die eiserne Zeit bisher hervorgebracht hat. Sie reißen unwillkürlich mit fort und müssen auch den Sorgenvollen guten Mutes machen.
(Die Wartburg, Leipzig.)
Verlag vonAdolf Bonz & Comp.in Stuttgart
1914 ist erschienen:
Der Ochsenkrieg
Roman aus dem 15. JahrhundertvonLudwig Ganghofer
1. bis 15. Tausend
2 Bände. Oktav. Geheftet M. 8.-, fein gebunden M. 10.-.
Ganghofer bietet das nicht alltägliche Schauspiel eines Dichters, der nach einer dreißigjährigen Produktion noch jugendfrisch, ohne Altersrunzeln der Ermüdung dasteht, und dessen jüngste Schöpfung im Glanz edler Meisterschaft alle Qualitäten seiner Dichternatur in unverminderter Kraft offenbart. In keinem seiner früheren Werke hat er seine kompositorische Kraft in so hohem Maße wie hier bewiesen. Er fesselt den Leser gleich mit dem dramatisch wuchtigen Auftakt des Romans und läßt ihn bis zur letzten Zeile nicht los. Das Mittelalter mit seiner wilden Brutalität, mit seiner derben Erotik, mit seinem Elend, seiner Pestilenz und mit seiner bei alldem doch urwüchsigen Kraft, steht, mit realistischen Mitteln hervorgezaubert, in leuchtenden Visionen vor uns. Markig sind die Hauptgestalten des Romans gezeichnet, mit überzeugendem Leben gefüllt. Eine Figur verdient ganz besonders hervorgehoben zu werden: der Söldner Malimmes, ein köstlicher Bursche, der in seiner Art das deutsche Wesen ebenso vollwichtig repräsentiert, wie Cyrano de Bergerac das Franzosentum. Hier hat ein Poet seine Löwenklauen gezeigt. Der »Ochsenkrieg« ist ein meisterhaftes Kulturgemälde; als Roman ist das Buch durch seine Naturschilderungen, durch seine Charakterzeichnung und durch die suggestive Kraft der Sprache dem Besten ebenbürtig, was die deutsche Kunst auf erzählendem Gebiet gezeitigt hat.
(Neues Wiener Tagblatt.)
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